ZUKUNFT PRÄVENTION

Neue Strategien bei chronischen Krankheiten

Prävention und Gesundheitsförderung müssen noch stärker im Alltag der Bürger ankommen. Denn Vorsorge kann entscheidend dazu beitragen, dass bei Millionen Menschen chronische Volksleiden wie Herz-Kreislauf-Probleme und Diabetes Typ 2 einen schwächeren Verlauf nehmen. Bestenfalls treten sie erst gar nicht ein. Dieses Fazit haben rund 300 Fachleute aus Politik und Gesundheitswesen auf dem Kongress „Zukunft Prävention – Neue Strategien zur Prävention chronischer Erkrankungen“ Ende November 2016 in Berlin gezogen. Einig war man sich auch, dass Prävention und Gesundheitsförderung nur dann erfolgreich sein können, wenn sie bereits in den Lebenswelten der Menschen, also in Schule, Kita und Betrieb, ansetzen. Durchgeführt wurde die Tagung als gemeinsame Veranstaltung vom Dachverband Anthroposophische Medizin in Deutschland (DAMiD), dem Kneipp-Bund e.V. und der BARMER GEK.

„Wir müssen die Umsetzung in der Praxis weiter stärken. Dazu gehört vor allem Aufklärungsarbeit, Fachwissen und Infor­ma­tionsweitergabe – unser Kongress soll ein weiterer Schritt in diese Richtung sein“, so Marion Caspers-Merk, Präsidentin des Kneipp-Bundes und ehemalige Staatssekretärin im Gesundheitsministerium im Vorfeld der Tagung. Für den Dachverband Anthroposophische Medizin in Deutschland (DAMiD) liegt in der stärkeren Berücksichtigung der Prävention die große Chance, die Patientinnen und Patienten stärker einzubinden: „Die Prävention vieler chronischer Krankheiten ist nur möglich innerhalb der Lebens-, Bildungs- und Arbeitswelten. Einfache Lösungen greifen zu kurz und verschlingen Ressourcen, die an anderen Stellen dringend gebraucht werden. Wenn wir wirklich vorankommen wollen in der Prävention, müssen wir Menschen aktiver herausfordern, die Gesundheit durch die Art und Weise zu fördern, wie wir unseren Alltag gestalten: für unsere Kinder, mit den Beschäftigten in den Betrieben. Da muss Sinn entstehen für das Gemeinsame und Sinn für das, worum es in der konkreten Tätigkeit jeweils geht. Dann können die Betroffenen zu Beteiligten werden“, so Stefan Schmidt-Troschke, Vorstand des DAMiD und Geschäftsführer von GESUNDHEIT AKTIV e.V..

Wie das konkret gelingen kann, schilderte zum Beispiel Dr. Dörte Hilgard, Fachärztin für Kinder- und Jugendheilkunde, die am anthroposophischen Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke ein Konzept für chronisch kranke Kinder und Jugendliche  aufgebaut hat. Dort lernen die Kinder, mit ihrer Krankheit zu leben und sie im Alltag selbstverständlich zu integrieren. Das Konzept setzt konkret an den Entwicklungsbedürfnissen von Kindern und Jugendlichen in Familie, Kita und Schule an und schult sie regelmäßig unter realen Alltagsbedingungen. Erste Auswertungen zeigen eine positive und nachhaltige Wirksamkeit. Das Angebot soll ausgebaut werden.

Neben konkreten Ansätzen und Modellen wurde auch über die politischen Rahmenbedingungen diskutiert. In einem Streitgespräch zwischen einer Vertreterin der Lebensmittelindustrie – in diesem Fall Zucker – und einem Sprecher von Foodwatch wurde über die Frage debattiert, wie viel Staat es braucht, um sinnvolle Präventionsarbeit leisten zu können. Während die Vertreterin der Zucker-Industrie an die individuelle Verantwortung der Konsumenten appellierte, betonte der Foodwatch-Vertreter, dass Deutschland dringend zentrale Regeln (Zuckersteuer, Lebensmittel-Ampel) erarbeiten müsse, um das Problem der zunehmenden Adipositas in den Griff zu bekommen.

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„Alles auf Zucker? Neue Strategien für die Prävention“, Pressemitteilung vom 23. November 2016, Dachverband Anthroposophische Medizin in Deutschland

DEMENZ ERFORSCHEN?

Bundestag beschliesst umstrittenes Gesetz

Normalerweise ist die Arzneimittelgesetzgebung kein Thema, das ethisch kontrovers diskutiert wird. Ganz anders jedoch in diesem Jahr: In den vergangenen Monaten wurde von Gesundheitspolitikern und Ethik-Experten sehr engagiert über den „Entwurf eines Vierten Gesetzes zur Änderung arzneimittelrechtlicher und anderer Vorschriften“ debattiert. Vor allem ging es dabei um die umstrittene Frage der „gruppennützigen Forschung“ an nicht-einwilligungsfähigen Patienten, die laut Entwurf zukünftig in engen Grenzen erlaubt sein soll: Die Arzneimittelforschung soll an Menschen, die aufgrund ihrer Erkrankung nicht mehr einwilligen können, möglich sein, auch wenn die Betroffenen davon keinen eigenen Nutzen (mehr) haben. Mit diesem Vorhaben soll deutsches Recht an die Vorgaben einer EU-Verordnung angepasst werden.

Die Pläne riefen starken Widerstand hervor. In der Folge wurden drei (fraktionsübergreifende) Änderungsanträge vorgelegt, um die geplante Regelung zu kippen und Menschen, die zum Beispiel an Demenz leiden, besonders zu schützen. Mitte November fanden dann die mit Spannung erwarteten Abstimmungen im Bundestag statt. Das Ergebnis: Dem ursprünglichen Vorschlag wurde in einer modifizierten Form zugestimmt: Unter der Voraussetzung, dass die Probanden zu einem Zeitpunkt, als sie noch im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte waren, nach ärztlicher Aufklärung eine entsprechende Verfügung verfasst haben, soll die so genannte „gruppennützige“ Forschung an nicht-einwilligungsfähigen Erwachsenen zukünftig erlaubt sein.

„Der Bundestag hat sich diese Entscheidung nicht leicht gemacht. Es ist ein gutes Zeichen für unsere Gesellschaft, dass wir diese ethisch brisante Frage offen diskutieren“, kommentiert Stefan Schmidt-Troschke von GESUNDHEIT AKTIV. „Der Mensch darf natürlich nie Mittel zum Zweck sein, das hat schon Kant formuliert. Trotzdem muss man auch ganz nüchtern feststellen, dass in der Praxis bereits an nicht-einwilligungsfähigen Menschen medizinisch oder pharmazeutisch geforscht wird – zum Beispiel an Kindern und an Menschen mit geistiger Behinderung. Auch wenn man sich nach der Diskussion über die Forschung an Demenzkranken auf die rechtlichen Voraussetzungen geeinigt hat, so bleibt das Gesetz ethisch höchst problematisch.  

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„Forschung an Nichteinwilligungsfähigen: Grundsatzdebatte über Studien“, Deutsches Ärzteblatt (online am 20. Oktober 2016)

VIELFALT UND BÜRGERRECHTE

ELIANT: Zivilgesellschaft in Europa fördern

„Systeme, die Vielfalt nicht fördern, verarmen, werden zunehmend schwächer, verlieren ihr schöpferisches und innovatives Potential. Letztendlich sind sie den Herausforderungen des Lebens und der Weiterentwicklung nicht mehr gewachsen. Dies zeigt sich gegenwärtig insbesondere auf den Gebieten der Landwirtschaft, Medizin, Ökologie, im Finanzwesen und in der Politik“, so heißt es in einer zentralen Verlautbarung der Allianz ELIANT. Sie steht seit 10 Jahren ein für die Vielfalt und das Recht aller Europäer, ihre Wahl frei zu treffen. Im vergangenen November begann ELIANT unter dem Motto „Freedom of Choice under Threat: What can European Citizens do?“ ihr Jubiläum, welches denn auch im Zentrum von Brüssel und unter Beteiligung der Europäischen Öffentlichkeit stattfand. Michaela Glöckler, Initiatorin von ELIANT und derzeitige Präsidentin der Organisation, unterstrich in ihrem Eingangsstatement, dass es die seit Jahrhunderten erkämpften Menschenrechte selber sind, die uns Europäern Ansporn sein sollten, der Vielfalt Raum zu geben und Wahlfreiheiten zu ermöglichen. Sie forderte die Europäer auf, Verantwortung für Menschenrechte zu übernehmen und damit ihrer eigenen Würde Ausdruck zu geben. Genau diese Wahlfreiheit scheint immer mehr bedroht: Die Vitaminisierung von Babynahrung hatte einst den bewährten DEMETER-Produkten auf diesem Gebiet ein Ende gemacht. Wenn die Vielfalt von Saatgut durch indirekte Maßnahmen schulterzuckend eingeschränkt, wenn in der Medizin die besonderen Therapierichtungen immer mehr unter den Druck von staatlichen Regulierungen kommen, wenn Kinder immer früher durch unsere Bildungsmaschinerien gebracht werden – zum Wohle von Ergebnissen, die dann doch eigentlich keiner wirklich will.

Vertreter der verschiedenen Gebiete, aus der Landwirtschaft, der Bewegung für direkte Demokratie in Europa, der Pädagogik, der Medizin, der Patientenbewegung, und der Heilpädagogik traten mit Teilnehmern in den Dialog. Etwa 150 Vertreter aus der EU-Kommission, NGO´s und Lobbyisten kamen zusammen und konnten am Abend dann noch der ernüchternden Vision von Gerald Häfner folgen: „Europa, in all seiner Fragilität, in seiner Vielfalt, das ist ein Potenzial“, so Häfner, „es ist noch gar nicht richtig geboren“. Michaela Glöckler machte am Ende Mut, in der Öffentlichkeit für das Eigentliche einzutreten, wofür Europa in der Welt steht: Solidarität füreinander entwickeln, das bedeutet auch, den Anderen in seiner Würde zu achten.

GESUNDHEIT AKTIV e. V. ist Gründungorganisation und einer der Trägerinnen von ELIANT. Aus der Sicht von Bürgern und Patienten muss es vor allem auch auf der europäischen Ebene darum gehen, die Rechte der Wahlfreiheit im Gesundheitswesen zu schützen und die Vielfalt zu ermöglichen, durch die die Menschen erst zu jeweils individuellen Gesundheit finden können. In einem Workshop konnten wir darlegen, dass die Integrative Medizin in besonderer Weise dazu geeignet ist, die Bedürfnisse der Patienten aufzunehmen und die eigentliche Versorgung von diesen ausgehend zu gestalten.

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Konferenz „Freedom of Choice“: Rückblick und Zusammenfassung der einzelnen Beiträge 

WIDER DIE VERORDNUNGSFLUT!

Endlich weniger Antibiotika im Einsatz?

Wird ein Vertrag zwischen dem BKK-Landesverband Nordwest und der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein zum Meilenstein im Kampf gegen multiresistente Keime? Die bundesweit einmalige Modellvereinbarung soll  ab 1. Januar 2017 gelten und sieht vor, dass niedergelassene Ärzte künftig nur noch Antibiotika verordnen sollen, die den Patienten nachweislich helfen. Ohne vorherigen Wirksamkeitstest soll kein Mittel mehr verschrieben werden.

Was ganz selbstverständlich klingt, ist es leider nicht. Denn es ist bekannt, dass der größte Anteil der Antibiotika „blind“ verschrieben wird. Im Juli 2016 hatte die BKK Abrechnungsdaten von sieben Millionen Versicherten aus 13 Bundesländern ausgewertet und festgestellt: Rund 95 Prozent der ärztlich verordneten Antibiotika werden offenbar blind verschrieben. Nur bei 3,6 Prozent der Patienten mit Infektionen war sichergestellt, dass ihnen das verordnete Antibiotikum auch nützt. Ein möglicher Wirksamkeitstest, das so genannte Antibiogramm, wird bisher kaum eingesetzt: Unter mehr als 350.000 Harnwegs- und Wundinfektionen, die antibiotisch behandelt wurden, waren ganze 0,004 Prozent durch ein Antibiogramm abgesichert.

Regional soll nun bewiesen werden, dass es auch anders geht. Bei Patienten mit Wund- und Harnwegsinfektionen muss nun zuerst ein Antibiogramm gemacht werden – das im Übrigen auch Auskunft darüber gibt, ob überhaupt ein Antibiotikum und ggf. welches Antibiotikum angemessen ist. Die neue Regelung, von der zunächst rund 180.000 BKK-Versicherte in den Großräumen Essen und Duisburg profitieren, betrifft rund 850 Ärztinnen und Ärzte  – Allgemeinmediziner, Hals-, Nasen-, Ohrenärzte, Kinder- und Jugendärzte. Peter Potthoff, Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, ist optimistisch: „Wenn dieser Vertrag entsprechende Ergebnisse zeigt, besitzt er für ganz Deutschland Modellcharakter.“

Stefan Schmidt-Troschke von GESUNDHEIT AKTIV begrüßt die Pläne: „Das Projekt ist ein sinnvoller Versuch, die Verordnungszahlen bei den niedergelassenen Ärzten endlich zu senken. Inzwischen liegen zahlreiche Erhebungen vor, die zeigen, dass Antibiotika bei uns immer noch viel zu oft und auch zu unspezifisch eingesetzt werden. Dabei macht die Komplementärmedizin seit Jahren vor, dass es meist auch ohne Antibiotika geht – nur kommt das in der ambulanten Praxis bei den Kollegen noch viel zu wenig an. Man darf gespannt sein, ob die neue Modellvereinbarung ein Schritt auf diesem Weg ist.“


Quelle:
„Patienten bekommen Antibiotika nur noch nach Test verordnet“, Der Westen (online am 23. November 2016)

ZU VIEL TECHNIK STATT GESPRÄCHE

Unnötige Untersuchungen bei Rückenschmerzen

In Deutschland geht jeder fünfte gesetzlich Versicherte mindestens einmal im Jahr wegen Rückenschmerzen zum Arzt, viele sogar mehrere Male. Pro Jahr kommen damit über 38 Millionen Arztbesuche wegen Rückenschmerzen zusammen. Darauf folgen bildgebende Untersuchungen, wie Röntgen-, Computertomografie- (CT) und Magnetresonanztomographie-Aufnahmen (MRT). Dass diese Untersuchungen oft unnötig sind, zeigt eine neue Studie der Bertelsmann Stiftung, die Ende November 2016 vorgestellt wurde.

Viele Patienten mit Rückenschmerzen haben einen hohen Leidensdruck. Trotzdem gelten 85 Prozent der akuten Rückenschmerzen als medizinisch unkompliziert und nicht spezifisch. Dementsprechend wenig können die Ärzte oft ausrichten. Auch die Aussagefähigkeit von bildgebenden Untersuchungen wird in der Praxis oft überschätzt: Rund 70 Prozent der Patienten glauben, dass der Arzt dadurch die genaue Ursache des Schmerzes findet. Ein Trugschluss: Nur bei etwa 15 Prozent der Betroffenen können Ärzte tatsächlich feststellen, woher das Leiden kommt. Dennoch machten die Ärzte allein im Jahr 2015 bei Bürgern mit Rückenleiden über sechs Millionen Röntgen-, CT- und MRT-Aufnahmen. Dabei empfehlen ärztliche Leitlinien bei Rückenschmerzen ohne Hinweise auf gefährliche Verläufe, wie Wirbelbrüche oder Entzündungen, keine bildgebende Untersuchung durchzuführen. Viele Arztbesuche und Untersuchungen wären also eigentlich vermeidbar.

Die Studienautoren machten klar, dass die Ergebnisse auf grundlegende Probleme verweisen. Die gründliche körperliche Untersuchung und das persönliche Gespräch zwischen Arzt und Patient müssten wieder mehr Gewicht erhalten, forderte die Bertelsmann Stiftung: „Dafür bedarf es Korrekturen im ärztlichen Vergütungssystem. So müssen beispielsweise Gespräche im Verhältnis zu technikbasierten Untersuchungen besser bezahlt werden.“ Internationale Beispiele zeigen überdies, dass es Möglichkeiten gibt, unnötige und gesundheitsschädliche Untersuchungen zu reduzieren: In Teilen Kanadas erhalten Ärzte seit 2012 keine Vergütung mehr, wenn sich herausstellt, dass Bildaufnahmen veranlasst wurden, obwohl kein gefährlicher Verlauf der Rückenschmerzen erkennbar war. In den Niederlanden wiederum setzt man auf striktere Zugangsbeschränkungen zu Röntgen-, CT- und MRT-Geräten.

„Dass technische Untersuchungen in der Medizin mehr gelten – und besser bezahlt werden – als das Gespräch zwischen Patient und Arzt, kritisieren wir schon lange“, ergänzt Stefan Schmidt-Troschke von GESUNDHEIT AKTIV. „Die vorliegende Studie zeigt anhand von empirisch gut fundierten Daten, wie problematisch diese Entwicklung in der Praxis geworden ist – und wie viele Millionen es uns jährlich kostet, unnötige Untersuchungen zu bezahlen. Dieses Geld wird an anderer Stelle, zum Beispiel bei Prävention und Gesundheitsförderung, dringend gebraucht!“

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Weitere Infos zur Studie „Volksleiden Rückenschmerzen: Viele Arztbesuche und Untersuchungen sind überflüssig“ finden Sie online.
Wie werden Patienten mit Rückenschmerzen in Ihrer Heimatregion versorgt? Hier geht’s zur interaktiven Kartentool der Bertelsmann Stiftung
Der Arzt Eckart von Hirschhausen gibt Patienten in einem kurzen Video Tipps, was man beim Arztbesuch beachten sollte.