Nachrichten

zu Gesundheitspolitik/Gesundheitssystem und ganzheitlicher Medizin

Hier finden Sie unsere aktuellen Nachrichten, die wir einmal im Monat als Newsletter verschicken. Wir greifen aktuelle Neuigkeiten aus verschiedenen Medien auf – zu Gesundheitsthemen, aber auch zu Forschungsergebnissen, zur Gesundheitspolitik und ganzheitlicher Medizin.

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Die Wahl, die keiner kennt

Sozialwahl: Erstmal prüfen, dann wählen

Viele Bundesbürger erhalten in diesen Tagen Post von der Deutschen Rentenversicherung. Der Umschlag enthält einen Wahlzettel für die Sozialwahl. Das ist mit 51 Millionen Stimmberechtigten zwar die drittgrößte Wahl in Deutschland (nach der Wahl zum Bundestag bzw. die Länderparlamente) – aber keiner weiß, was man da eigentlich wählt und wofür. 

Mit der Sozialwahl wird bestimmt, wer bei der Deutschen Rentenversicherung Bund bzw. Saarland und bei den Ersatzkassen der gesetzlichen Krankenversicherung in den jeweiligen Parlamenten sitzt und dort über wichtige Fragen entscheidet. Diese Parlamente der Versicherten beschließen über den Haushalt, die Gestaltung neuer Leistungen, berufen den Vorstand und ggf. auch über Fusionen mit anderen Einrichtungen. Für die meisten Versicherten ist allerdings völlig undurchsichtig, wofür die einzelnen KandidatInnen stehen und was sie in den Versichertenparlamenten inhaltlich vertreten.

GESUNDHEIT AKTIV versucht deshalb, mehr Licht ins Dunkel zu bringen: Wir haben an alle ListenvertreterInnen, die sich bei den Ersatzkassen zur Wahl stellen, eine E-Mail geschickt, mit der wir vor allem die Positionen zur Komplementärmedizin abfragen: 

  • Werden Sie/Ihre Liste sich dafür einsetzen, dass die Präferenzen von Versicherten in der Ausgestaltung der Leistungen der GKV berücksichtigt werden? Wenn ja, auf welche Weise werden Sie das tun? 
  • Werden Sie/Ihre Liste sich grundsätzlich dafür einsetzen, dass auch Leistungen der "besonderen Therapierichtungen" durch die gesetzliche Krankenversicherung finanziert werden? Wenn ja, was werden Sie/Ihre Liste dafür tun? 
  • Werden Sie/Ihre Liste sich dafür einsetzen, dass die "besonderen Therapierichtungen" im Rahmen von Satzungsleistungen refinanziert werden können? 
  • Werden Sie/Ihre Liste sich dafür einsetzen, dass die Krankenkassen Direktverträge abschließen, in denen auch die "besonderen Therapierichtungen" berücksichtigt werden? 

Wir fordern dazu auf, mit der Stimmabgabe noch so lange zu warten, bis wir Antworten auf diese Wahlprüfsteine erhalten haben. Wir haben die Listenvertreter gebeten, uns bis zum 3. Mai zu antworten. Sobald uns konkrete Äußerungen vorlegen, werden wir diese hier auf der Homepage veröffentlichen. 

 

Die Krux mit der Evidenz

Homöopathie zu Unrecht für unwirksam erklärt?

Die Australische Gesellschaft für Homöopathie (Australian Homeopathic Association, AHA) hat in Zusammenarbeit mit dem Londoner Homeopathy Research Institute (HRI) ein massives Fehlverhalten einer australischen Regierungskommission (Australian National Health and Medical Research Council, NHMRC) aufgedeckt. Der NHMRC hatte 2015 einen Bericht über die Wirksamkeit der Homöopathie vorgelegt, der gegenwärtig auch in Deutschland immer wieder als Referenz für die angebliche Unwirksamkeit von Homöopathie angeführt wird.

Jetzt, Anfang April 2017, ist das HRI mit diesem Skandal an die Öffentlichkeit gegangen. Rachel Roberts, die Direktorin des HRI in London, begründet diesen Schritt: „Der NHMRC-Bericht ist einfach nur schlechte Wissenschaft. Entscheider in Politik und Wissenschaft verlassen sich auf diese Art von Berichten und sind darauf angewiesen, dass sie deren Qualität vertrauen können. Es geht nicht um irgendeine persönliche Meinung dazu, ob Homöopathie wirkt oder nicht. Es geht darum, dass über wissenschaftliche Ergebnisse objektiv berichtet wird, was immer sie aussagen. Das NHMRC hat hier versagt.“

Im Folgenden stellen wir die (gekürzte) Stellungnahme des HRI in einer eigenen Übersetzung aus dem Englischen zur Verfügung:

„Zu den Fakten: In einer aufwendigen und detaillierten Untersuchung des AHA über das Verhalten des NHMRC sowie einer vertieften wissenschaftlichen Analyse des NHMRC-Berichtes durch das HRI zeigen sich ernsthafte Verfahrensfehler und wissenschaftliches Fehlverhalten in der Aufstellung des Berichtes. Im Einzelnen:

  • Der NHMRC hat seine Übersichtsarbeit zweimal angefertigt. Ein erster Bericht wurde verworfen, obwohl er durch einen angesehenen Wissenschaftler erstellt wurde, der selbst einer der Autoren der NHMRC-Leitlinien ist. Diese Leitlinien legen fest, wie Übersichten im Einzelnen anzufertigen sind.
  • Die Existenz des ersten Berichtes wurde der Öffentlichkeit nie mitgeteilt, sondern erst durch eine Anfrage des AHA entsprechend dem australischen Informationsfreiheitsgesetz aufgedeckt.
  • Der NHMRC gibt an, die Ergebnisse beruhten auf der eingehenden Analyse von über 1800 Studien. In Wirklichkeit basierten die Ergebnisse nur auf 176 Studien.
  • Der NHMRC bediente sich einer Methode, die bisher noch nie für Übersichtsarbeiten angewandt wurde. Sie besagt, dass eine Studie mindestens 150 Teilnehmer aufweisen und ungewöhnlich hohen Qualitätsanforderungen standhalten muss, um in die Analyse eingeschlossen werden zu können. Und dies, obwohl das NHMRC selbst üblicherweise Studien mit weniger als 150 Teilnehmern auflegt.
  • Diese unüblichen und künstlich geschaffenen Regeln bewirkten, dass die Ergebnisse von 171 Studien komplett unberücksichtigt blieben, weil diese Studien angeblich nicht verlässlich sind. Am Ende blieben 5 Studien übrig, die als methodisch korrekt und verlässlich klassifiziert wurden. Das dürfte erklären, warum man zu dem Ergebnis kam, dass angeblich keine verlässlich positiven Ergebnisse festzustellen gewesen seien.
  • Professor Peter Brooks, Vorsitzender des Komitees, das die NHMRC-Übersichtsarbeit 2015 vorlegte, hatte es anfangs versäumt mitzuteilen, dass er Mitglied des Anti-Homöopathie-Lobby-Vereins „Freunde der Wissenschaft in der Medizin“ ist (Friends of Science in Medicine).
  • In Verletzung der NHMRC-eigenen Regeln befand sich kein einziger Experte für Homöopathie unter den Untersuchern.

Das HRI ist nicht allein mit seinen Zweifeln an der Korrektheit des NHMRC-Berichtes. Bereits vor dessen Veröffentlichung hatten zwei unabhängige Experten Zweifel an den Schlussfolgerungen des Berichtes geäußert. Das Australische Cochrane Centre kommentierte, es sei nicht korrekt, als Beweis für die Wirkungslosigkeit der Homöopathie „keine zuverlässige Evidenz“ zu definieren.

Ein weiterer Experte hielt die Schlussfolgerungen des NHMRC-Berichtes für zweifelhaft. Das NHMRC hingegen ließ sich durch diese Einschätzungen nicht daran hindern, an den Ergebnissen des Berichtes festzuhalten. (...)

Die AHA drängt auf eine vollständige Rücknahme des NHMRC-Berichtes. Gemeinsam mit Complementary Medicines Australia und der Austalian Traditional Medicine Society reichte sie im August 2016 eine Beschwerde beim zuständigen Commenwealth-Ombudsmann ein.

Solange die Beschwerde bearbeitet wird, kann die vollständige Version von 60 Seiten noch nicht veröffentlicht werden, aber die Daten des HRI weisen schon in der Zusammenfassung wissenschaftliche Fehler des NHMRC auf, die eine Rücknahme des Berichtes erforderlich machen:

  • Es wurde eine inadäquate wissenschaftliche Methode angewandt, und keine standardisierten und wissenschaftlich akzeptierten Verfahren. Das wirkt sich auf die Ergebnisse der Übersichtsarbeit aus.
  • Somit fehlen ausreichend korrekte Daten, mit denen eine Übersichtsarbeit üblicherweise erstellt wird.
  • Es gab keine öffentliche Vorab-Konsultation.
  • Das Forschungsprotokoll wurde nach Beginn der Untersuchung in maßgeblichen Teilen verändert.
  • Es bestehen Anhaltspunkte für Voreingenommenheit und falsche Berichterstattung sowie Inkonsistenzen und Irrtümer.
  • Es gibt Hinweise für eine vorsätzliche Beeinflussung der Ergebnisse.

Dr. Alex Tournier, Vorstand des HRI, erklärt: „Der NHMRC-Bericht ist so massiv fehlerhaft, dass wir uns entschlossen haben, mit der AHA zusammen eine intensive Untersuchung einzuleiten, um aufzudecken, was genau geschehen ist.“

Die Beschwerdeführer warten nun auf einen Bescheid des Ombudsmannes. Der fehlerhafte NHMRC-Bericht hat die Wahrnehmung der Homöopathie weltweit maßgeblich beeinflusst. Daher wird das HRI alle Nachrichten über die Auswirkungen der Beschwerde engmaschig weiterleiten.

Rachel Roberts, Direktorin des HRI in London, konstatiert: „Die Öffentlichkeit hat jetzt das Recht, alles über die hohe Qualität von Studien zu erfahren, die zeigen, dass Homöopathie bei einigen Indikationen wie Heuschnupfen, Nebenhöhlenentzündung und Durchfall bei Kindern wirkt – Informationen, die beim Missbrauch wissenschaftlicher Ergebnisse durch den NHMRC verloren gingen. Wenn die Datenlage und die Evidenz von konventioneller Medizin auf eine ähnliche Weise untersucht und beurteilt worden wäre, dann hätte es wohl einen lauten Aufschrei gegeben – und das mit Recht! Der NHMRC hatte die Aufgabe, die wissenschaftliche Datenlage für die Homöopathie korrekt zusammenzufassen und der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Dieser Aufgabe ist der NHMRC nicht nachgekommen.“

Quelle: 
Homeopathy Research Institute (HRI) 

WENIGER IST MEHR!

„Klug entscheiden“ gegen Überversorgung in der Medizin

„Choosing Wisely“ – „klug entscheiden“ – ist eine 2011 in den USA gestartete Ärzte-Initiative, die sich zum Ziel gesetzt hat, unnötige medizinische Leistungen zu reduzieren und einen Kulturwandel mit der Kernbotschaft anzustoßen: In der medizinischen Versorgung ist weniger manchmal mehr!

Inzwischen ist die Initiative auch in Europa angekommen, denn auch hierzulande wird zu viel operiert, zu viel Technik aufgeboten und werden zu viele Arzneimittel, wie beispielsweise Antibiotika, verschrieben. Viele Ärzte sind mittlerweile für das Problem sensibilisiert, so dass Choosing Wisely erste Erfolge verzeichnen kann: Seit einigen Monaten erarbeiten verschiedene deutsche ärztliche Fachgesellschaften „Top-5-Listen“ von jeweils fünf Maßnahmen, die für die Patienten kaum Vorteile bringen oder ihnen eventuell sogar schaden könnten.

Im Februar 2017 hat die Bertelsmann Stiftung in der Publikation „Spotlight Gesundheit“ (2/2017) untersucht, was die Initiative Choosing Wisely im internationalen Kontext ausmacht und was sich daraus für das deutsche Gesundheitswesen ableiten lässt: "Wie in jedem anderen Land ist es auch in Deutschland wichtig, Choosing Wisely als Bottom-up-Initiative und als Kampagne zu gestalten und die Botschaft kurz zu halten." Dabei wird vor allem auch die Rolle der Patienten betont: Es gehe um den Dialog zwischen ÄrztInnen und PatientInnen. Sie sollen besser miteinander ins Gespräch kommen, damit sie Entscheidungen wirklich gemeinsam treffen können.

Stefan Schmidt-Troschke von GESUNDHEIT AKTIV weist darauf hin, dass die Initiative großes Potenzial hat: „Natürlich sollte keine medizinische Maßnahme unternommen werden, die dem Patienten wenig bringt oder sogar schadet. Eigentlich geht es aber um noch mehr: nämlich um eine Medizin, die jeden Menschen als Individuum mit eigenen Erfahrungen, Bedürfnissen und Präferenzen anerkennt. Die Initiative Choosing Wisely kann den Ärzten sinnvolle Tools an die Hand gegeben, um die vorhandenen medizinischen Maßnahmen individueller am Patienten auszurichten.“

Quelle:
Choosing Wisely – Internationale Ärzteinitiativen gegen Überversorgung zeigen erste Erfolge“, Spotlight Gesundheit, Bertelsmann Stiftung
Weitere Informationen auch in einem Artikel im Deutschen Ärzteblatt.

KINDHEIT MIT SMARTPHONE & CO.?

Gesund Aufwachsen im digitalen Zeitalter

Kinder sind wissbegierig und entdecken spielend die Welt – auch digital. Allerdings fesseln Spielkonsolen & Co. die Aufmerksamkeit der Kleinen oft viel zu lang: In ihren Kinderzimmern widmen sich Kinder im Schnitt täglich 90 Minuten (!) den digitalen Medien. Mögliche Folgen, wenn Kinder zu viel Zeit an den Bildschirmen und zu wenig in der realen Welt draußen und mit Freunden verbringen: geringe Sozialkompetenz, Computerspielsucht sowie Übergewicht und Schulprobleme. Gerade hat der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) beim Jugendmedizin-Kongress darauf aufmerksam gemacht, dass jedes Jahr bei 20.000 Kindern Mediensucht neu diagnostiziert wird. Das sind jährlich sechsmal mehr Neu-Abhängige als beispielsweise beim Konsum illegaler Drogen. Insgesamt gelten bundesweit heute rund 600.000 junge Menschen als medienabhängig.

Damit es nicht soweit kommt, wird von Experten empfohlen: Je später, desto besser. „Viele Eltern fürchten, ihr Kind könnte etwas verpassen oder den Anschluss verlieren, wenn es nicht frühzeitig mit digitalen Medien in Kontakt kommt. Diese Angst ist unbegründet", erläutert der Psychologe Prof. Thomas Mößle, der gemeinsam mit Prof. Paula Bleckmann, Professorin für Medienpädagogik, und zusammen mit dem BKK Dachverband das Projekt Echt dabei – gesund groß werden im digitalen Zeitalter entwickelt hat.

Das Projekt soll informieren und unterstützen, ohne Kindern die Freude am Digitalen zu nehmen. Es richtet sich an Eltern, ErzieherInnen und kleine User. Erziehende und Lehrkräfte können kostenlose Fortbildungen wahrnehmen, Eltern erhalten Tipps für eine verantwortungsbewusste Mediennutzung im Alltag für jede Altersgruppe, für Kinder gibt es an vielen Standorten eine interaktive Theateraufführung, entwickelt in Kooperation mit dem Heilbronner Kindertheater "Radelrutsch".

Echt dabei wurde vom Verein Media Protect e. V. - Familien stärken im digitalen Zeitalter entwickelt und wird von der Pädagogischen Hochschule Freiburg wissenschaftlich begleitet und evaluiert. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert die Evaluation. GESUNDHEIT AKTIV ist mit diesem Projekt vernetzt und unterstützt das Programmanliegen, damit sich unsere Kinder heute gesund entwickeln können.

Media Protect möchte Familien stärken und über Risiken, die mit problematischer Bildschirmmediennutzung verbunden sind, aufklären. Dafür wurden Medienratgeber für Eltern entwickelt, die auch auf Englisch, Türkisch und Russisch erhältlich sind. 

Hinweis
Wie wachsen Kinder gesund auf? Mit viel Liebe, viel Bewegung, viel guter Ernährung - und möglichst wenig digitalen Medien! Wer das auch so sieht, kann sich an der Online-Petition "Nein zur Digital-Kita!" beteiligen. 

 

LÖSUNG GESUCHT!

Die Situation in der Pflege spitzt sich zu

Die Situation in der Pflege ist dramatisch. Laut aktuellem Pflege-Report der AOK erhält ein Gutteil der rund 800.000 Pflegeheimbewohner in Deutschland zu viele Psychopharmaka. Besonders betroffen sind die rund 500.000 Demenzkranken. Das zeigt eine vom Bundesgesundheitsministerium geförderte Untersuchung, deren Ergebnisse im Pflege-Report 2017 enthalten sind. Demnach erhielten gut 30 Prozent der Bewohner ein Antidepressivum. 40 Prozent der Bewohner mit Demenz bekommen dauerhaft mindestens ein Neuroleptikum, ebenso knapp 20 Prozent der Heimbewohner ohne Demenz. Diese Mittel werden verabreicht, um die Kranken und Pflegebedürftigen ruhig zu stellen, weil Personal fehlt, so der schockierende Hintergrund.

Mit Blick auf unerwünschte Nebenwirkungen wie Stürze, Schlaganfälle oder Thrombosen warnt die Leiterin der Untersuchung, Prof. Petra Thürmann: „Neuroleptika werden als Medikamente zur Behandlung von krankhaften Wahnvorstellungen, sogenannten Psychosen, entwickelt. Nur ganz wenige Wirkstoffe sind zur Behandlung von Wahnvorstellungen bei Demenz zugelassen, und dann auch nur für eine kurze Therapiedauer von sechs Wochen. Der breite und dauerhafte Neuroleptika-Einsatz bei Pflegeheimbewohnern mit Demenz verstößt gegen die Leitlinien.“ Dass es auch anders geht, beweisen Zahlen aus Skandinavien: In Schweden erhalten nur zwölf Prozent, in Finnland 30 Prozent der demenzkranken HeimbewohnerInnen ein Neuroleptikum. „Es scheint also Spielraum und Alternativen zu geben“, so Petra Thürmann, die auch Mitglied des Sachverständigenrates des Bundesgesundheitsministeriums ist. 

Wie kann man den schon lange bestehenden Herausforderungen in der Pflege begegnen? Uta Kirchner, engagierte Start-Up Unternehmerin in Berlin, will es wissen: Sie holte für das Pflege-Camp „Auf Augenhöhe“ im März 2017 in Berlin fast 100 Menschen aus der ambulanten Pflege zusammen, um mit Beratern, Politikern und Vertretern von NGOs gemeinsam zu diskutierten, wie wir die Pflege besser machen können. Auch GESUNDHEIT AKTIV war dabei.

Am Beispiel des niederländischen Buurtzorg-Modell, 2006 gegründet vom Pfleger und heutigen Geschäftsführer Jos de Blok, wurde beim Camp diskutiert, wie Pflege auf Augenhöhe funktionieren kann. Der unglaubliche Erfolg des holländischen Modells fungiert nun als Vorbild für neue Modelle in Deutschland. Buurtzorg ist mittlerweile der größte Anbieter von mobiler Pflege in den Niederlanden und wurde 2015 bereits zum fünften Mal zum besten Arbeitgeber des Landes gewählt. Auch hierzulande sind viele Pflegende überzeugt: Ohne flache Hierarchien, ohne feste Bezüge in der Gemeinde, ohne Selbstbestimmung der Pflegenden, werden wir den Herausforderungen und einer menschlichen Pflege nicht gerecht werden.

Stefan Schmidt-Troschke hat das Camp mit GESUNDHEIT AKTIV miterlebt und war begeistert: „Ein toller Anstoß, da waren viel Energie und Unternehmertum im Raum. So kann echter Wandel entstehen! Denn Pflege braucht nicht nur einfach mehr Geld. Gute Pflege beruht auf einem Menschen- und Kulturverständnis, das vor allem auch die Pflegenden selber in ihren Bedürfnissen ernst nimmt. Eine horizontale Führungskultur kann in diesem Zusammenhang ganz Wesentliches leisten. Wir hoffen auf mehr!“

Quelle: Pflege-Report 2017 (AOK)

GESUNDES VERTRAUEN

Wer vertraut, fühlt sich besser

Endlich werden in der Medizin  zunehmend „weiche“ Faktoren in die Forschung einbezogen, beispielsweise die Beziehung zwischen Arzt und Patient. Dazu gehört auch das Vertrauen zwischen Patient und Arzt, dessen Auswirkungen kürzlich in einer Meta-Analyse untersucht wurden (veröffentlicht in der Zeitschrift PLOS ONE). Forschende der Fakultät für Psychologie der Universität Basel und der Harvard Medical School gingen in der Studie der Frage nach, ob Vertrauen neben seiner ethischen Bedeutung auch klinische Effekte auslöst. Dafür wurden 47 Studien aus Europa, Asien, Nordamerika und Australien untersucht.

Die Forscher kamen zu folgendem Ergebnis: Vertrauen in Ärzte, Therapeuten und Pflegende verbessert bei PatientInnen subjektiv wahrgenommene Beschwerden, Zufriedenheit und Lebensqualität. Bei objektiven klinischen Parametern sowie bei der Beurteilung des Gesundheitszustands durch Ärztinnen und Ärzte konnten hingegen keine Effekte nachgewiesen werden. „Die Resultate unserer Meta-Analyse sind ein deutlicher Hinweis auf die Bedeutung des Vertrauens von Patientinnen und Patienten in ihre Behandler", konstatiert der Autor der Studie. „Sie unterstreichen die Notwendigkeit, den Aufbau und die Sicherung von Vertrauen zu einem integralen Bestandteil der klinischen Ausbildung und Praxis zu machen.“

Schon früher versucht die Forschung zu erklären, wie Vertrauen Gesundheitsergebnisse beeinflussen könnte – so zum Beispiel durch mehr Offenheit der PatientInnen, durch einen möglichen Placebo-Effekt oder weil Empfehlungen des Arztes befolgt wurden ("Compliance"). Zur eindeutigen Klärung dieser Mechanismen sind allerdings weitere Studien notwendig, so die Wissenschaftler.

Stefan Schmidt-Troschke von GESUNDHEIT AKTIV kommentiert: „Wir wissen heute, dass der soziale Kontext einer medizinischen Maßnahme nicht unterschätzt werden darf. Deshalb fordern wir, dass diese Faktoren in Zukunft stärker einbezogen werden. Wir müssen daran arbeiten, unsere Vorstellung von Gesundheit oder Krankheit zu erweitern und gleichzeitig zu individualisieren. Es gibt einen Unterschied zwischen objektivem Befund und subjektivem Befinden. Nicht jeder, der erhöhte Blutwerte hat, empfindet sich als krank oder muss sofort medikamentös 'eingestellt' werden."

Quelle: PLOS ONE, 7. Februar 2017

Offener Brief an die Redaktion CORRECTIV vom 19. März 2017

Anlässlich der Artikelserie "Warum wir über Impfungen berichten" des Recherchezentrums CORRECTIV hat Dr. Stefan Schmidt-Troschke, Geschäftsführender Vorstand von GESUNDHEIT AKTIV, einen offenen Brief geschrieben, mit dem Ziel, sich für mehr Transparenz zum Thema Impfen und eine differenzierte Betrachtung der Umstände und Fakten einzusetzen.

Liebe RedakteurInnen von CORRECTIV,
vorab: Ich bin kein Impfgegner! Ich bin kritisch denkender Kinderarzt und seit Jahren engagiert für einen differenzierten Impfentscheid durch die Betroffenen.

Mit Verwunderung nahm ich zur Kenntnis, dass sich Ihr Netzwerk, dem ich bisher durchaus Vertrauen entgegengebracht habe, dem Impfthema nun unter dem Titel "Warum wir über Impfungen berichten" auf überaus undifferenzierte Weise nähert. Warum recherchieren Sie nicht umfassend zu diesem Thema, sondern schreiben lediglich ab, was die PR-Abteilungen der Industrie an Material liefern? 

Einige Beispiele:

  • Sie suggerieren, bei Impfungen handele es sich um ein homogenes Thema, vergleichbar mit dem Motto: Kernenergie ist gut oder schlecht. Das ist falsch: Eine Impfung gegen HPV ist etwas völlig anderes als eine gegen Polio oder Masern. Die Konsequenzen, die sich aus der jeweiligen Entscheidung für oder gegen eine bestimmte Impfung ergeben, sind daher auch unterschiedlich. Wenn man sich zum Beispiel bei seinem Kind – entgegen der STIKO-Empfehlungen – gegen eine Rotavirusimpfung im ersten Lebensjahr entscheidet, ist man noch lange kein Impfgegner, wie von Ihnen indirekt unterstellt wird.
  • Sie sprechen von Impfstoffsicherheit und haben es nicht einmal nötig zu berichten, dass die Datenlage zu diesem Thema gerade in Deutschland sehr mangelhaft ist. Derzeit gibt es lediglich ein für Betroffene schwer zugängliches passives Meldesystem. Ärzte, die selber impfen, haben ein ausgesprochen geringes Interesse an der sauberen Erfassung von Komplikationen der Maßnahmen, die sie selber veranlasst haben. Eine aktive, das heißt Post-Marketing-Surveillance, wie wir sie von Seiten der Ärzte für individuelle Impfentscheidung e.V. seit langem fordern, findet zumindest in Deutschland nicht statt.
  • Sie lassen Ihre Arbeit zu diesem Thema indirekt von einer Foundation finanzieren, die engstens mit Impfstoffherstellern verbunden ist. Die Behauptung, dass auf bestimmte Inhalte kein Einfluss genommen wurde, wirkt mehr als bemüht.
  • Sie suggerieren, die HPV-Impfung biete einen hundertprozentigen Schutz gegen Gebärmutterhalskrebs. Richtig ist, dass es inzwischen lediglich Belege dafür gibt, dass Vorstufen dieser Erkrankung durch die Impfung beeinflusst werden können.
  • Die Informationen über unterschiedliche Preise in verschiedenen Ländern sind überdies nicht neu und lassen sich überall offen im Netz finden.

Warum befassen Sie sich kaum mit der Frage, warum das Vertrauen gegenüber Impfungen in den Industrienationen, vor allem in Frankreich, so zusammengebrochen ist? Warum stellen Sie nirgendwo die Frage, wer eigentlich für annähernd hundert Prozent der "Evidenz" bezahlt, die heute zu Impfstoffen vorliegt? Warum machen Sie stattdessen für die Impfmüdigkeit der Bevölkerung eine weltvergessene "Zurück-zur Natur-Bewegung" verantwortlich? Worauf gründen Sie diese Behauptung? 

Was Sie hier mit Ihrer Artikelserie anstellen, ist nicht nur einfach schlechter Journalismus, sondern wirkt tendenziös in jeder Hinsicht. Schade. Eine Quelle weniger, der man noch vertrauen kann!

Mit freundlichen Grüßen
Dr. Stefan Schmidt-Troschke, Geschäftsführender Vorstand GESUNDHEIT AKTIV e. V. 

Übrigens:
Konkrete Informationen zu einer differenzierten Impfentscheidung finden Sie unter www.individuelle-impfentscheidung.de und hier auf unserer Homepage unter "Kompetent entscheiden"

BEACHTEN SIE AUCH DEN OFFENEN BRIEF VON DR. STEFFEN RABE ZUM ARTIKEL VON CORRECTIV.