Gesundheit: Kein Tauschhandel!

Präsident der Bundesärztekammer positioniert sich gegen TTIP

Anlässlich der von Greenpeace offengelegten TTIP-Verhandlungsdokumente gab die Bundesärztekammer am 3. Mai 2016 eine Presseerklärung mit einem Statement ihres Präsidenten Prof. Dr. Frank-Ulrich Montgomery heraus. GESUNDHEIT AKTIV schließt sich diesem Statement in vollem Umfang an: 

"Wir fordern die europäischen Verhandlungsführer dazu auf, mit sofortiger Wirkung alle Gesundheitsdienstleistungen, -standards und -leitlinien aus den TTIP-Verhandlungen zu streichen. Offensichtlich sehen die USA alle bewährten Standards des Gesundheitswesens in Deutschland und Europa als Handelshemmnisse an. Gesundheit ist keine Handelsware. Diesen Grundsatz darf die Politik auch nicht für einen Tauschhandel opfern. Eine McDonaldisierung der Medizin als Trade Off für mehr Autoexporte ist inakzeptabel. Das Patientenwohl steht an erster Stelle. Dafür müssen die europäischen Verhandlungsführer einstehen." 

Quelle: Pressemitteilung der Bundesärztekammer

KÄUFLICHE MEDIZIN?

Neues Gesetz gegen Korruption

Nur rund 38 Minuten haben sich die Bundestagsabgeordneten für die Debatte zum Anti-Korruptionsgesetz („Gesetz zur Bekämpfung von Korruption im Gesundheitswesen“) Mitte April 2016 genommen, über das in den Ausschüssen und Expertenrunden seit Sommer 2015 gestritten wurde. Am Ende der kurzen Debatte wurde das Gesetz mit den Stimmen der Koalitionsfraktionen – und unter der Kritik der Opposition – angenommen. Kurz zuvor hatten sich Politiker von CDU, CSU und SPD auf letzte offene Details geeinigt. Mit dem Gesetz werden zwei spiegelbildlich formulierte Paragrafen im Strafgesetzbuch zu „Bestechlichkeit“ und „Bestechung“ im Gesundheitswesen neu eingeführt. Es drohen Geld- oder Freiheitsstrafen bis zu drei Jahren. Belangt werden können nun auch freiberuflich tätige Ärzte – nicht nur angestellte Klinikärzte wie bislang. Ausgenommen bleiben die Apotheker.

Unser Kommentar: Endlich gibt es eine Regelung, nach der die Vorteilsnahme durch Ärzte unter bestimmten Bedingungen strafbewehrt wird. Die Staatsanwaltschaft selber kann unabhängig von irgendwelchen Antragstellern Ermittlungen aufnehmen. Schade ist allerdings, dass es dabei eigentlich kaum um die Interessen der Patienten geht: Korruption im Sinne dieses neuen Gesetzes liegt dann vor, wenn die Vorteilsnahme beteiligter Ärzte zu einer Verzerrung des Wettbewerbs führt.

Nehmen Ärzte hingegen Vorteile eines Anbieters entgegen, der ein konkurrenzloses Produkt vermarktet hat, so bleiben Ärzte und Hersteller straffrei. Ärzte können lediglich berufsrechtlich belangt werden, das heißt, entsprechend der Berufsordnungen der jeweiligen Ärztekammern. Hier hat sich offenbar die Industrie im Verbund mit Standesvertretern der Ärzte durchgesetzt. Wesentliche Teile der Koalition, u. a. vor allem Herr Lauterbach (SPD), der dies alles noch als unannehmbar kritisiert hatte, sind am Ende eingeknickt. Firmen, die beispielsweise Ärzten teure Honorare für sogenannte Anwendungsbeobachtungen zahlen, können nach wie vor von dieser Praxis Gebrauch machen. Patienten erhalten dann von ihren Ärzten weiterhin Medikamente auch deswegen, weil ihre Ärzte gerade an diesen Medikamenten mitverdienen. Anwendungsbeobachtungen haben wissenschaftlich gesehen allerdings kaum einen Eigenwert. Sie dienen mehr dem Marketing neuer Produkte.

Schade auch, dass es – anders als selbst in den USA – künftig keine Möglichkeit gibt zu erfahren, wer wann von wem profitiert. Die Forderung der Grünen nach einem Transparenzregister wurde nicht aufgenommen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt!

Quelle: Deutsches Ärzteblatt, 15. April 2016

STÖRENDE ETHIK-KOMMISSIONEN?

Ihr Einfluss soll beschnitten werden

Das Bundeskabinett hat Mitte April 2016 den Entwurf des Vierten Gesetzes zur Änderung arzneimittelrechtlicher und anderer Vorschriften beschlossen. Damit sollen verschiedene Anpassungen im Arzneimittelgesetz (AMG) vorgenommen werden. Was zunächst ganz harmlos klingt, ist für Patientinnen und Patienten nicht ohne. Denn eine dieser Regelungen betrifft die Arbeit der Ethik-Kommissionen der Länder, die maßgeblich an der Genehmigung klinischer Prüfungen beteiligt sind. Die Arbeit dieser unabhängigen Kommissionen ist für den Patientenschutz immens wichtig, da die Kommissionen dafür Sorge tragen, dass Arzneimittelstudien an Menschen nicht nur im Sinne der Pharmaindustrie aufgebaut sind, sondern auch im Sinne der teilnehmenden Patienten, die sich als Testpersonen zur Verfügung stellen.

Doch die neuen Regelungen sollen die Unabhängigkeit und Durchsetzungskraft dieser Ethik-Kommissionen empfindlich beschneiden. Die Journalistin Christina Berndt von der Süddeutschen Zeitung kommentiert online: „Der Schutz der Menschen, die sich für solche Studien zur Verfügung stellen, wird damit aufgeweicht.“ Dem Entwurf zufolge soll sich das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) künftig über die Voten der Kommissionen hinwegsetzen können – und eine Kommission im Zweifel sogar abberufen können. „Übersetzt heißt das: Sollten die Studien nicht im Sinne der Industrie beschieden werden, macht das eben das BfArM. Das Gesetz hat offenbar wie die neue EU-Verordnung zu klinischen Studien an Menschen, in deren Folge das Gesetz nötig wurde, vor allem ein Ziel: Pharmastudien industrie- und forschungsfreundlich zu gestalten; das heißt nicht unbedingt menschenfreundlich“, so die Süddeutsche weiter.

Quelle: Süddeutsche Zeitung, 25. März 2016

WO BLEIBT DAS PATIENTENWOHL?

Ethikrat fordert stärkere Berücksichtigung der Patienten

Viele Patientinnen und Patienten haben den Eindruck, dass die Medizin stark technikdominiert ist und ihre persönlichen Präferenzen in der medizinischen Versorgung keine Rolle spielen. Außerdem fällt es vielen schwer, sich zwischen der ambulanten und stationären Versorgung zurechtzufinden. Gerade hat wieder eine neue Umfrage (der Beratungsfirma "Prophet") gezeigt: 73 Prozent der Befragten meinen, dass Krankenhäuser sie als Patienten mit ihrer funktionalen Ausrichtung eher einschüchtern. Die Ärzte Zeitung kommentierte: „Als Mensch habe man das Gefühl, auf der Strecke zu bleiben“.

Diese Entwicklung sieht auch der Deutsche Ethikrat mit Sorge. In einer kürzlich veröffentlichten Stellungnahme legte er Empfehlungen für eine am Patientenwohl orientierte Ausgestaltung der Krankenhausversorgung vor. Im Mittelpunkt als maßgebliches ethisches Leitprinzip steht das Patientenwohl, das durch drei Kriterien bestimmt wird:

1. die selbstbestimmungsermöglichende Sorge für den Patienten
2. die gute Behandlungsqualität  
3. Zugangs- und Verteilungsgerechtigkeit.

Mit Blick auf diese drei Kriterien ergeben sich unterschiedliche Konfliktfelder. Diese betreffen vor allem die schwindenden Möglichkeiten einer angemessenen Kommunikation in der Beziehung zwischen Arzt und Patient, Pflegenden sowie Patient und Therapeut und Patient. Hinzu kommt die zunehmende Schwierigkeit für die im Krankenhaus Tätigen, ihre berufsethischen Pflichten umzusetzen. Auch haben es Menschen mit besonderen Bedürfnissen besonders schwer. Für sie kann – so der Ethikrat – nicht ein gleicher Zugang zu Krankenhausleistungen und damit eine gerechte Verteilung der Ressourcen gewährleistet werden.

GESUNDHEIT AKTIV begrüßt es grundsätzlich, dass sich der Ethikrat zu diesem Thema einbringt: „Es ist gut, dass nun auch Deutschlands oberstes Ethik-Gremium fordert, das Patientenwohl stärker zu berücksichtigen", kommentiert Dr. Stefan Schmidt-Troschke, Geschäftsführender Vorstand des Vereins. „Das bleibt allerdings so lange ein reines Lippenbekenntnis, solange es keine Möglichkeit gibt, die von Patienten ganz real erlebte Qualität im Krankenhaus in transparente Qualitäts-Indikatoren einfließen zu lassen. An diesen Rahmenbedingungen müssen wir ansetzen – wie es zum Beispiel der Dachverband Anthroposophische Medizin in Deutschland (DAMiD) und der Verband Anthroposophischer Kliniken im Sommer 2015 getan haben, indem sie diese Perspektive in die gesundheitspolitische Debatte eingebracht haben.

Quellen: Ärzte Zeitung, 25. April 2016; Pressemitteilung DAMiD vom 15. Oktober 2015

 

PATIENTEN SETZEN SICH DURCH

Komplementärmedizin wird Regelleistung in der Schweiz

Homöopathie, Anthroposophische Medizin, Traditionelle Chinesische Medizin und Phytotherapie sollen Regelleistungen der schweizerischen Krankenversicherung werden. Das wurde Ende März 2016 vom Eidgenössischen Departement des Innern (EDI) beschlossen. Es will die Komplementärmedizin den anderen medizinischen Fachrichtungen gleichstellen und schickt die entsprechenden Verordnungsanpassungen nun in die Anhörung.

2009 hatte sich die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung in der Volksabstimmung „Zukunft mit Komplementärmedizin“ dafür ausgesprochen, diese Therapierichtung stärker zu berücksichtigen. Bereits seit 2012 bezahlt die obligatorische Krankenversicherung ärztliche Leistungen der Anthroposophischen Medizin, der Traditionellen Chinesischen Medizin, der Homöopathie und der Phytotherapie – jedoch nur auf Grundlage einer befristeten Regelung. Nun ist geplant, die genannten Verfahren ab Mai 2017 allen anderen medizinischen Verfahren in der schweizerischen Krankenversicherung gleichzustellen.

GESUNDHEIT AKTIV freut sich über diese Entwicklung: „Das Schweizer Beispiel zeigt, dass Patientinnen und Patienten viel bewegen können – auch wenn die Schweizer Situation mit ihren Volksabstimmungen nicht eins-zu-eins auf Deutschland übertragen werden kann", sagt Dr. Stefan Schmidt-Troschke, Geschäftsführender Vorstand des Vereins. „Es macht Mut, dass sich die Bürgerinnen und Bürger in der Schweiz mit ihrem Anliegen Gehör verschafft und sich schließlich mit ihrem Votum durchgesetzt haben."

Quelle: Pressemitteilung Schweizer Bundesamt für Gesundheit vom 29. März 2016

KLARE VORTEILE FÜR TRANSPARENZ

Bessere Ergebnisse bei Einbindung von Patienten

Wenn Patienten vollen Zugriff auf ihre medizinischen Befunde und die Notizen des Arztes zu ihrer Erkrankung erhalten, verbessert dies die Arzt-Patienten-Beziehung erheblich. Das hat eine Gruppe von Forschern der Universität Witten/Herdecke (UW/H) und der Harvard University (Boston, USA) herausgefunden, als sie die Ergebnisse eines Projektes für mehr Transparenz in der Patienten-Arzt-Beziehung (OpenNotes-Projekt) ausgewertet haben. Zudem stärkt die erhöhte Transparenz in der Behandlung die Mitarbeit und das Selbstmanagement der Patienten, auch verbessert sie das Verständnis der medizinischen Probleme und unterstützt die Selbstfürsorge.

„Nach Studienlage versteht etwa die Hälfte der Patienten, die zum Arzt gehen, nicht genau, was gerade besprochen wurde“, erläutert der Studienleiter Prof. Dr. Tobias Esch. „Durch das OpenNotes-Projekt hat sich das Verständnis für das Besprochene radikal verbessert. Dadurch, dass die Patienten alles noch einmal nachlesen und auch die Notizen der Ärzte online einsehen können, haben sie die Möglichkeit, sich noch intensiver mit dem Thema zu beschäftigen, etwas noch einmal nachzulesen oder mit Angehörigen und Bekannten darüber zu sprechen.“

Überlegungen, wie Patienten aktiv einbezogen werden können, beschäftigen den Forscher schon seit längerer Zeit: „In der Zukunft wird es für Ärzte immer wichtiger werden, nicht nur die Krankheit des Patienten zu betrachten, sondern gemeinsam mit dem Patienten an seiner Genesung zu arbeiten. Dazu muss er involviert sein, verstehen, was passiert und sich als aktiven Teil der Behandlung ansehen. Patienten, die sich eingebunden fühlen, erzielen in der Regel auch bessere Therapieerfolge. Dafür brauchen wir eine patientenbasierte und integrative Medizin.“

„Letztlich ist dieser transparente Ansatz ein Gewinn für beide Seiten”, sagt Prof. Esch. „Die Patienten haben mehr Vertrauen, nehmen ihre Medikamente wie verschrieben, erinnern sich besser an das Besprochene und arbeiten aktiv an ihrer Gesundung mit. Und zu guter Letzt hilft das auch dem Gesundheitssystem. Wenn besser kommuniziert und die Dosierung der Medikamente eingehalten wird, medizinische Fehler vermieden werden und der Arzt seine Zeit effizienter nutzen kann, reduziert das am Ende auch die Kosten der Behandlung.“

Quelle: Studie „Engaging patients through open notes: an evaluation using mixed methods

ACHTSAMKEIT GEGEN DEPRESSION

Meditation in medizinische Leitlinie aufgenommen

Regelmäßige Achtsamkeitsübungen können eine zentrale Rolle bei der Behandlung von Depressionen spielen: Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) hat für Patienten, die eine akute Depression durchlitten haben, die achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie MBCT (Mindfulness-Based-Cognitive-Therapy) als eine geeignete Rückfallprophylaxe empfohlen. „Das bedeutet, dass das MBCT-Programm auch von den Wissenschaftlern und Ärzten der Fachgesellschaften als eine mögliche Alternative zur medikamentösen Rückfallprävention bei der Behandlung der Depression gesehen wird“, sagt die stellvertretende Vorsitzende des Achtsamkeitsverbandes MBSR-MBCT, Petra Meibert.

Die Medizinischen Leitlinien sollen Ärzten bei der Behandlung eine strukturelle Entscheidungshilfe bieten: Sie geben anhand klinischer Studien Empfehlungen, welche diagnostischen und therapeutischen Mittel und Verfahren sinnvoll sind. In der überarbeiteten Fassung der sogenannten S3 Leitlinie heißt es: „MBCT kombiniert die Techniken der kognitiven Verhaltenstherapie mit achtsamkeitsbasierter Meditation, bei der Wert auf den gegenwärtigen Augenblick gelegt wird, während Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen 'neugierig' wahrgenommen und nicht bewertet werden. Diese nicht wertende Haltung schafft die Möglichkeit, mit Emotionen wie Traurigkeit, Ängsten und Sorgen hilfreicher umzugehen, was zentral für die Prävention von Depression ist.“

„Durch die Forschungsergebnisse und die Überarbeitung der Leitlinie ist noch einmal deutlich geworden, dass MBCT bei Depressionen und insbesondere zur Rückfallprophylaxe helfen kann“, betont Meibert. „Wir wünschen uns, dass die behandelnden Ärzte ihre Patienten häufiger als bisher auf MBCT-Kurse aufmerksam machen.“

Weitere Informationen beim MBSR-MBCT Verband