EINE STIFTUNG FÜR PATIENTEN

Gesundheitspolitik: Fachgespräch im Bundestag

Momentaufnahme

Obwohl sich in der Medizin theoretisch alles um die Patienten dreht, sieht die Praxis oft anders aus: Das, was sich Patienten wirklich wünschen – zum Beispiel individuell und ganzheitlich wahrgenommen oder integrativ behandelt zu werden – wird in der medizinischen Versorgung zu selten umgesetzt. Umso wichtiger, dass es Patientenvertreter gibt, die sich für diese berechtigten Interessen und Bedürfnisse stark machen. Nicht wegzudenken sind heute die Patientenverbände, die mit viel Engagement die Sicht der Patientinnen und Patienten in den Gremien der Selbstverwaltung vertreten. Trotzdem bleibt weiterhin viel zu tun: Immer noch haben Patientinnen und Patienten im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), dem höchsten Gremium der Selbstverwaltung, kein eigenes Stimmrecht und können lediglich teilnehmen. Inzwischen haben die Patientenvertreter im G-BA wenigstens eine eigene Internetpräsenz, um über ihre Arbeit zu informieren.

Dazu kommt, dass die Finanzierung der Aktivitäten von Selbsthilfeorganisationen prekär ist und eine wirksame Vertretung in der Selbstverwaltung für die Patientenorganisationen aufgrund ihrer geringen personellen und finanziellen Ausstattung kaum zu bewältigen ist. Zuletzt hat auch die Vergabe der Unabhängigen Patientenberatung an ein für Krankenkassen und Pharmaunternehmen tätiges Callcenter gezeigt, wie schlecht es um die Würdigung der Patientenbelange steht. Patientinnen und Patienten können in der Gesundheitspolitik unterm Strich und faktisch nur wenig mitbestimmen.

Vor diesem Hintergrund hat die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen Ende Juni ein Fachgespräch im Bundestag veranstaltet. Gemeinsam mit Experten und Patientenvertretern wurde ausgelotet, ob eine neue unabhängige Patientenstiftung geeignet wäre, um die Wahrnehmung der Belange von Patientinnen und Patienten zu stärken. Auch GESUNDHEIT AKTIV war eingeladen und hat sich in den Experten-Dialog eingebracht.

Die Stellungnahme von GESUNDHEIT AKTIV dazu war klar: „Statt immer wieder neue große Strukturen zu schaffen“, so Stefan Schmidt-Troschke von GESUNDHEIT AKTIV, „möchten wir dazu anregen, die Bürger und die Patienten auf der kommunalen Ebene mit zu beteiligen und dafür neue Räume zu öffnen." Denn vor Ort, so Schmidt-Troschke, wüssten die Menschen am ehesten, wo der Schuh drücke und so manches Gesundheitsproblem werde eher in der Schule oder am Arbeitsplatz gelöst, als in der Arztpraxis.

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Internetpräsenz der Patientenbeteiligung im Gemeinsamen Bundesausschuss

INTERNET VS. SPRECHSTUNDE?

Patientenkompetenz selten erwünscht 

Mehr als die Hälfte der niedergelassenen Ärzte findet informierte Patienten mindestens problematisch. 45 Prozent der Ärzte stimmen außerdem der Aussage zu, die Selbstinformation im Internet erzeuge bei Patienten vielfach unangemessene Erwartungen und Ansprüche, die die Arbeit der Ärzte belaste.

Dies geht aus einer Online-Umfrage der Bertelsmann Stiftung und der BARMER GEK hervor. Fast ein Drittel (30 Prozent) der Ärzte ist der Ansicht, dass die Selbstinformation die Patienten meist verwirre und das Vertrauen zum Arzt beeinträchtige. Knapp ein Viertel der Ärzte rät Patienten sogar aktiv von der eigenständigen Online-Suche nach Informationen ab.

Der Trend ist allerdings ein anderer: "Es ist eine unumkehrbare Entwicklung, dass immer mehr Patienten ihre Krankheitssymptome und die dazugehörigen Therapiemöglichkeiten im Internet recherchieren", sagt Dr. Brigitte Mohn, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung. Daher sollten Ärzte die Selbstinformation ihrer Patienten als Chance betrachten und fördern. „Auch was das Thema Gesundheit angeht, sind die Menschen heutzutage viel anspruchsvoller und selbstbewusster. Ein gut informierter Patient, der auf Augenhöhe mit dem Arzt über Krankheit und Behandlungsoptionen diskutiert, sollte das Ziel aller an der Versorgung Beteiligten sein", so Dr. med. Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der BARMER GEK.

Immerhin freuen sich rund 40 Prozent der Ärzte über das Interesse der Patienten. Knapp zehn Prozent ärgern sich allerdings, dass der Patient sich mit seiner Frage nicht zuerst an sie gewandt hat. Die Frage, ob es auch an ihnen selbst liegen könne, dass Patienten sich auf eigene Faust informieren und nicht direkt auf sie zukommen, stellen sich lediglich elf Prozent der Ärzte. Nur etwa zehn Prozent von ihnen fragen sich, ob der Patient sich zuvor mehr Beratung gewünscht hätte.

GESUNDHEIT AKTIV kommentiert: „Die Ergebnisse dieser Umfrage sind ein Trauerspiel. Anstatt dass Ärzte die Informationen, die der Patient selbst recherchiert hat, als Chance sehen, in ein produktives Gespräch einzusteigen, empfinden sie die selbständige Recherche als Belastung. Das muss sich ändern! Dazu muss endlich das persönliche Gespräch zwischen Patient und Arzt aufgewertet werden, so dass ein echter Dialog entstehen kann. Im Durchschnitt dauert es gerade mal 18 Sekunden, bis ein Patient das erste Mal vom Arzt unterbrochen wird!“

Quelle: Gesundheitsmonitor 2/2016: „Informierte Patienten und unzureichend vorbereitete Ärzte?“

GESUNDHEIT ERMÖGLICHEN

Perspektivwechsel in der Medizin gefordert

DSC 9560Gesundheit bedeutet mehr als die Abwesenheit von Krankheit. Gesundheit bedeutet vielmehr, dass Menschen aktiv für ihr eigenes Wohlbefinden eintreten können. Damit das gelingen kann, braucht es eine Medizin, die nicht „nur“ auf Symptomkontrolle setzt, sondern sich vielmehr der Frage widmet, was es braucht, um Gesundheit langfristig zu ermöglichen. Dabei müssen die sozialen, kulturellen und umweltbedingten Rahmenbedingungen, in denen die Menschen leben, unbedingt mit einbezogen werden. Es geht also um die Verbreitung eines anderen Blicks auf Medizin und Gesundheit!

In den USA wird dieser Trend in der Medizin inzwischen breit diskutiert – vor allem im Rahmen der Integrativen Medizin, die dort meist „Integrative Health & Medicine“ genannt wird. Das ist nicht nur eine formale Frage der Bezeichnung, sondern deutet einen echten Perspektivwechsel an. In der globalen Gesundheitsdebatte wird heute intensiv darüber geredet, in welchem Kontext Gesundheit überhaupt entstehen kann. Denn inzwischen ist klar, dass die dramatische Zunahme von chronischen Krankheiten wie zum Beispiel Diabetes, Bluthochdruck und Allergien in vielen Ländern vor allem mit dem Lebensstil zu tun hat – und damit natürlich mit den Rahmenbedingungen, in denen die Menschen leben. Deshalb können die gesundheitlichen Probleme nicht isoliert betrachtet werden, sondern müssen im Zusammenspiel von Ernährung, Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft gesehen werden. Das setzt ein Umdenken voraus: „Wir müssen anders denken!“, formulierte es Jamie Harvie, Geschäftsführer des Institute for a Sustainable Future (ISF) in Duluth (USA) beim Kongress für Integrative Medizin im Juni 2016 in Stuttgart.

Am Beispiel der Antibiotika-Resistenzen machte Harvie deutlich, dass wir stärker verknüpft denken und handeln müssen: „Antibiotika-Resistenzen sind ja nicht nur durch den inflationären Einsatz in der Humanmedizin entstanden, sondern auch durch den Einsatz in der industriellen Tierhaltung, die wiederum viel mit unserem Konzept von Landwirtschaft zu tun hat“. Gesundheit sei von den Bereichen Landwirtschaft, Ernährung oder Formen des Zusammenlebens nicht zu trennen. Inzwischen werde in der Medizin immer deutlicher, dass auch soziale und gesellschaftliche Entwicklungen für die Gesundheit eine immens große Rolle spielen: „Mittlerweile haben wir gute und valide Daten, die aufzeigen, dass Menschen zum Beispiel durch Ängste, Einsamkeit, soziale Isolation oder Belastungen im Job krank werden“.

GESUNDHEIT AKTIV sieht diese erweiterte Perspektive sehr positiv: „Es ist gut, dass wir endlich anfangen, das Konzept der Salutogenese – also die Frage ‚Was macht mich im Verbund mit anderen und mit der Welt gesund?‘ – international und regional breiter ins Gespräch bringen“, sagt Dr. Stefan Schmidt-Troschke, Geschäftsführender Vorstand des Vereins. „Dabei geht es natürlich auch darum, die Patienten in ihren jeweiligen Bezügen so zu stärken, dass sie Gesundheit (und natürlich auch den Umgang mit Krankheiten) aktiv mit gestalten können. Diese Aufgabe ist eines der wichtigsten Anliegen von GESUNDHEIT AKTIV.“

Weitere Kongress-Präsentationen online auf der Kongress-Website

GESUNDHEIT AKTIV IN DEN USA

Internationales Bündnis für Anthroposophische Medizin

Auch wenn die Anthroposophische Medizin in Deutschland und der Schweiz ihr traditionelles Zentrum hat – weltweit ist sie in über 80 Ländern vertreten. Wie können diese internationalen Bezüge gestärkt und weiterentwickelt werden? Wie und was können die einzelnen Länder voneinander lernen?

Diese Frage stand im Mittelpunkt eines Entwicklungsworkshops Ende Juni 2016 in der Nähe von Boston, in dem diskutiert wurde, wie die Anthroposophische Medizin in den USA weiter gestärkt werden kann. Gibt es Unterstützer? Wie können sie eingebunden werden? Auch GESUNDHEIT AKTIV war – gemeinsam mit rund 20 Ärzten, Öffentlichkeitsarbeitern und Fundraisern – eingeladen und hat sich an dem Austausch beteiligt.

Im Laufe des Workshops hatten sich die Teilnehmer mit der Frage befasst, wie eine weltweite Unterstützung für die Verbreitung der Integrativen Medizin und insbesondere der Anthroposophischen Medizin entwickelt und organisiert werden kann. Dazu sollen nun vor allem die Ausbildung für Ärzte gestärkt und mehr Studierende gewonnen werden.

Auch Fragen der Stärkung einer Patienten-zentrierten Gesundheitsförderung wurden besprochen: In den USA versuchen staatliche Behörden immer wieder, Ideen zur Prävention mit rigiden Maßnahmen und vorbei an den Bedürfnissen der Menschen durchzusetzen. Hier kann der systemische Ansatz der Anthroposophie mit den Lebensfeldern Medizin, Pädagogik, Heilpädagogik und Landwirtschaft wichtige Impulse geben. Daraus könnte sich eine Art „New Public Health“ entwickeln, um die Bürger in ihrer Lebenskompetenz und Gesundheitskompetenz zu stärken. Es wäre eine große Aufgabe, die Erkenntnisse aus diesen Lebensbereichen der Anthroposophie anders und neu aufzugreifen und – vor allem – so darzustellen, dass Menschen einen Bezug dazu herstellen können. GESUNDHEIT AKTIV wurde als Praxisbeispiel sehr positiv aufgenommen. Die weitere Ausarbeitung von Ideen und Konzepten für eine „New Public Health“ könnte auch gemeinsam mit den amerikanischen Freunden geschehen. Geplant ist dort weiterhin die Gründung einer durch Patienten und Bürger unterstützten Organisation, bei deren Gründung GESUNDHEIT AKTIV Pate stehen wird.

Zum Hintergrund: In den USA gibt es rund 50 – über das Land verteilte – aktiv praktizierende anthroposophische Ärzte. Bisher sind sie in die nationalen Bemühungen um eine Stärkung der gesamten Integrativen Medizin wenig eingebunden. Auf dem Internationalen Kongress für Integrative Medizin im Juni dieses Jahres, den der Dachverband Anthroposophische Medizin in Deutschland (DAMiD) mit ausgerichtet hatte, hatte sich gezeigt, dass die Anthroposophische Medizin in den USA und weltweit nur wenig bekannt ist. Umso beeindruckter waren die Kongress-Teilnehmer, als sie die anthroposophisch orientierte Filderklinik besichtigen konnten und feststellten, wie konsequent dort das Konzept einer wirklich Integrativen Medizin entwickelt und gelebt wird.

INTERVIEW: MEDIZINISCHE PARALLELWELTEN

Brücken bauen mit Integrativer Medizin

Immer häufiger wird anstelle von Komplementär- oder gar Alternativmedizin heute von Integrativer Medizin gesprochen. Aber was heißt das überhaupt? Woher kommt der Begriff? Und was für ein Konzept ist damit gemeint?

Zunächst einmal ist Integrative Medizin ein Arbeitstitel für eine gesellschaftliche Realität, die sich vor allem in den USA in den vergangenen zehn Jahren recht stürmisch entwickelt hat und dort inzwischen stark ausgeprägt ist. Konkret ist damit gemeint, dass unterschiedliche Methoden wie Yoga, Akupunktur, Meditation, Ernährungsberatung, Mind-Body-Medizin, Achtsamkeit, etc. in die medizinische Versorgung integriert werden. Ganz wichtig: Es geht nicht um eine Alternative zur konventionellen Medizin, sondern um ein Miteinander, eine Integration des einen in das andere. „Wenn sich integrative Therapien in der Praxis bewähren und wissenschaftlich belegen lassen, werden sie problemlos akzeptiert“, sagt Dr. Breitkreuz.

Dieser pragmatische Ansatz der Integrativen Medizin setzt sich auch in Deutschland zunehmend durch. Inzwischen haben mehr als die Hälfte der Ärztinnen und Ärzte im niedergelassenen Bereich zum Beispiel Akupunktur, Homöopathie oder Anthroposophische Medizin in den Praxisalltag integriert. Auch die Patienten fordern immer selbstbewusster eine moderne Medizin ein, die integrativ ansetzt und konventionelle und komplementäre Verfahren sinnvoll miteinander verknüpft. „Wir müssen wegkommen vom Denken und Handeln in Parallelwelten!“, sagt Dr. Breitkreuz. „Nicht nur die konventionelle und komplementäre Medizin müssen stärker in einen konstruktiven Austausch kommen, sondern auch die komplementären Therapierichtungen untereinander.“

Mehr über dieses Thema erfahren Sie in der Sommerausgabe von GESUNDHEIT AKTIV – DAS MAGAZIN (zur Leseprobe)! Im großen Interview spricht Dr. Thomas Breitkreuz über die Chancen und Herausforderungen für die Integrative Medizin – und welche wichtige Rolle die Anthroposophische Medizin dabei spielen kann.

Das ganze Interview können Sie auch per E-Mail hier abfordern

FORSCHUNG: ANTIBIOTIKA IM SÄUGLINGSALTER

Negative Folgen für die Darmflora

Kinder, die in ihren ersten Lebensjahren wiederholt mit Antibiotika behandelt wurden, haben eine geringere Vielfalt von Mikroorganismen im Darm. Zu diesem Ergebnis kommen zwei Studien, die im Frühjahr 2016 in Science Translational Medicine veröffentlicht wurden. Das Mikrobiom entwickelt sich während der ersten drei Lebensjahre und ändert in dieser Zeit stetig seine Zusammensetzung. Bereits in früheren Studien konnte gezeigt werden, dass Antibiotika, Kaiserschnittgeburten und künstliche Säuglingsnahrung zu einem höheren Risiko führen, später an Diabetes, Adipositas oder Allergien zu erkranken. Die Ursache hierfür vermuten Forscher unter anderem im Mikrobiom.

In der ersten Studie haben Forscher aus New York das Mikrobiom von 43 Kindern innerhalb der ersten beiden Lebensjahre anhand von Stuhlproben von Mutter und Kind untersucht. Diverse Faktoren reduzierten dabei die Diversität der Bakterienvielfalt im Darm und verzögerten deren Entwicklung: wiederholte Gabe von Antibiotika, Kaiserschnitt und künstliche Säuglingsnahrung.

In der zweiten Studie analysierten Forscher vom Broad Institute of Massachusetts Institute of Technology (MIT) und der Harvard University monatlich Stuhlproben von 39 Kindern innerhalb der ersten drei Lebensjahre. Etwa die Hälfte der Kinder hatten 9 bis 15 Antibiotika-Therapien erhalten, meist aufgrund von Ohrentzündungen. Auch sie konnten zeigen, dass eine wiederholte Antibiotika-Gabe die Diversität des Mikrobioms reduzierte und Antibiotika-Resistenz-Gene kurz nach der Therapie vorübergehend nachweisbar waren.

Quelle: Deutsches Ärzteblatt: „Wie Antibiotika die frühkindliche Entwicklung des Mikrobioms beeinflussen“ (16. Juni 2016)