ÜBER DIE PATIENTEN HINWEG

Homöopathie in der Kritik

 

Kürzlich hat sich der Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), Josef Hecken, im Rahmen eines Artikels in der FAZ deutlich gegen die bisherige Erstattungspraxis der Komplementärmedizin in der Gesetzlichen Krankenversicherung in Stellung gebracht: „Es sollte den Kassen untersagt werden, Dinge zu bezahlen, für die es keine Evidenz gibt“, so Hecken. Ausgelöst durch unklare Todesfälle mehrerer Krebspatienten im niederrheinischen Brüggen, die durch einen Heilpraktiker mit „3-Bromopyruvat“ behandelt worden waren, positioniert sich Hecken erneut gegen die Homöopathie und ihre Erstattung über die Satzungsleistung der meisten gesetzlichen Krankenkassen. Ferner fordert er gar ein Verbot, schwer kranke Patienten homöopathisch zu behandeln, wenn der Nutzen nicht klar nachweisbar ist.

In der Zwischenzeit hat die Staatsanwaltschaft klargestellt, dass die Behandlung mit dem Präparat selber rechtskonform gewesen sei. Unklar allerdings sei, ob es bei der Zubereitung zu einer Verunreinigung oder zu einer falschen Dosierung gekommen ist.

Heckens Kritik zielt in verschiedene Richtungen: Zunächst fordert er eine Änderung des Berufsrechtes für Heilpraktiker und mahnt eine Reform der Ausbildung dieses Berufsstandes an. Weiterhin aber kritisiert er den mangelnden studienbasierten Nutzen-Nachweis der Homöopathie und anderer komplementärmedizinischer Methoden. Für die Homöopathie lägen allenfalls Fallberichte vor. Außerdem hätten größere Untersuchungen in Australien keinen Nutzennachweis erbringen können.

Der Zentralverein homöopathischer Ärzte wirft Hecken eine undifferenzierte und sachlich falsche Darstellung vor: „Hecken geht davon aus, dass die Patienten in Brüggen aufgrund einer homöopathischen Behandlung gestorben sind. Das ist falsch. In seiner Position sollte er sehr schnell herausfinden können, wie die Faktenlage tatsächlich ist. Er wirft in seiner Homöopathie-Kritik Ärzte und Heilpraktiker durcheinander, vermischt die Abrechnungssituation und vermengt einzelne Methoden miteinander. Auch kennt er nicht den aktuellen Forschungsstand. Als unparteiischer Vorsitzender des G-BA ist er laut Dienstvereinbarung zur Wahrung von Unparteilichkeit und Unbefangenheit verpflichtet. Diese wurde hiermit offensichtlich verletzt.“

Hecken reagierte auf die Kritik: In einem Bericht der Ärzte Zeitung forderte er eine „Metaanalyse“, um das vorhandene Studienmaterial „systematisch zu erfassen, klassifizieren und zu bewerten“. Damit könne das IQWiG oder ein anderes unabhängiges Institut, zum Beispiel die Cochrane Collaboration, beauftragt werden. Therapiefreiheit dürfe kein Deckmantel für unbelegte Heilsversprechen sein. Mindestens müssten die Patienten „zwingend darauf hingewiesen werden, dass es für solche Therapien keine validen Nutzennachweise“ gebe.

GESUNDHEIT AKTIV kommentiert: Es ist bemerkenswert, dass ein zur Neutralität verpflichteter „Unparteiischer“ an der Spitze des G-BA mit solchen Forderungen an die Öffentlichkeit tritt. Kann die von Hecken geforderte „Metaanalyse“ überhaupt noch ein anderes Ergebnis bringen als die Bestätigung von Heckens Aussagen? Wie kann ein derart voreingenommener Vorsitzender eigentlich noch ein „neutrales“ Institut beauftragen können? Das deutliche Vorpreschen des Vorsitzenden kann nur strategische Gründe haben: Offenbar ist Hecken entschlossen, der Komplementärmedizin bzw. den sogenannten „besonderen Therapierichtungen“ in Deutschland die rote Karte zu zeigen. Sein Stellvertreter, Norbert Schmacke, hatte 2015 mit seinem Buch „Der Glaube an die Globuli“ bereits eine Steilvorlage dafür geliefert. Offen forderte er die Abschaffung des Sonderstatus der „besonderen Therapierichtungen“, so wie sie im Arzneimittelgesetz und im Sozialgesetzbuch (SGB V) definiert sind. Bezeichnend ist weiterhin, dass

  • ein Vorfall des experimentellen Einsatzes von einer Art Chemotherapeutikum durch Heilpraktiker zum Anlass dafür genommen wird, die Sicherheit von etablierten Verfahren der Homöopathie und der Anthroposophischen Medizin grundsätzlich in Frage zu stellen
  • die differenzierte Studienlage zur Komplementärmedizin kaum zur Kenntnis genommen wird
  • auch unabhängig von der Studienlage und der ja eigentlich erst geforderten Metaanalyse deutliche Schlussfolgerungen gezogen werden (Norbert Schmacke hatte in seinem Buch gefordert, der Homöopathie solle das Handwerk gelegt werden, weil sie ohnehin nicht plausibel sei).

All das spricht für eine klare politische Zielsetzung: die Abschaffung der besonderen Therapierichtungen. Hecken und Schmacke scheinen kein wirkliches Interesse an den Ergebnissen von Studien oder den von ihnen geforderten und veranlassten Metaanalysen zu haben. Wenn diese nicht die prognostizierten Ergebnisse bringen, dann – so war es auch in der Vergangenheit immer - liegen methodische Mängel vor: Weil nicht sein kann, was nicht sein darf…! 

GESUNDHEIT AKTIV wird diese Debatte sorgfältig beobachten. Wenn es darauf ankommt, dann brauchen wir viele hunderttausend Stimmen aus der Bevölkerung, mit denen wir deutlich machen: „Eine Medizin, die uns hilft, lassen wir uns nicht nehmen!" Denn es sind die BürgerInnen und PatientInnen, um deren Interessen es in erster Linie im Gesundheitswesen gehen sollte.

Wie ist Ihre Meinung? Wir freuen uns auf Ihre E-Mail zu diesem Thema. Auszüge aus Ihren Zuschriften fassen wir hier zusammen.  

Weitere Informationen
Stellungnahme von zwei Heilpraktiker-Verbänden in der Deutschen Apotheker-Zeitung (DAZ) online, 26. August 2016
"Josef Hecken will Alternativmedizin beschneiden", DAZ online, 29. August 2016
Zustimmung und Widerspruch für Josef Hecken, DAZ online, 30. August 2016
Interview mit G-BA-Chef Josef Hecken, DAZ online, 9. September 2016

TRISOMIE-BLUTTESTS

Pränataldiagnostik als Kassenleistung?

Welch ein Widerspruch: Auf der einen Seite wird immer wieder beteuert, dass wir eine inklusive Gesellschaft sein wollen; auf der anderen Seite werden Menschen mit Behinderungen im Alltag oft ausgegrenzt und diskriminiert. Von Inklusion kann keine Rede sein. Auch eine neue gesundheitspolitische Entscheidung klingt wenig inklusiv: Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), der in Deutschland entscheidet, ob ein medizinisches Verfahren Kassenleistung wird, hat Mitte August 2016 beschlossen zu überprüfen, ob der umstrittene Bluttest „PraenaTest“ in den Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenversicherung aufgenommen werden soll.

Der „PraenaTest“ wurde 2012 als nicht-invasiver Bluttest zur pränatalen Diagnostik zugelassen und musste bislang privat bezahlt werden. Damit können beim ungeborenen Kind Trisomien der Chromosomen 21, 18 und 13 bereits im dritten Schwangerschaftsmonat erkannt werden. De facto wird der Test also eingesetzt, um frühzeitig Anomalien wie das Down-Syndrom zu entdecken. Der Test kann damit die invasive Fruchtwasseruntersuchung (Amniozentese) oder eine Chorionzottenbiopsie ersetzen, die beide ein erhöhtes Risiko von Fehlgeburten bergen.

Schon die Zulassung des Tests wurde 2012 heftig kritisiert. Kirchen, Verbände und Ethiker wiesen schon damals darauf hin, dass es für die evtl. erkannten Anomalien keine Heilung gibt. Ein positiver Befund heißt deshalb in der Regel, dass die Schwangerschaft abgebrochen wird. Sollte der Test Kassenleistung werden, steht zu befürchten, dass sich diese Tendenz noch steigert, da der Druck auf werdende Eltern steigt, ihr ungeborenes Kind frühzeitig „testen“ zu lassen und sich bei positivem Ergebnis für einen Schwangerschaftsabbruch zu entscheiden.

Die aktuelle Entscheidung des G-BA, das formelle Bewertungsverfahren einzuleiten, hat deshalb erneut – auch bei Parlamentariern – viel Kritik hervorgerufen. In offenen Briefen hatten sich zum Beispiel die Abgeordneten Hubert Hüppe (CDU), Corinna Rüffer (Grüne), Dagmar Schmidt (SPD) und Katrin Vogler (Linke) sowie das Gen-ethische Netzwerk (GeN) gegen die Entscheidung des G-BA ausgesprochen. Auch das Timing mitten in der Sommerpause wurde als Versuch kritisiert, die brisante Entscheidung möglichst „unauffällig“ zu beschließen. Inhaltlich argumentierten die Politiker, dass das formelle Methodenbewertungsverfahren des G-BA unzureichend sei, da es ethische Fragestellungen nicht berücksichtige. Der G-BA hat nun seinerseits in einem Antwortschreiben den Bundestag aufgefordert, Rahmenbedingungen zu setzen.

Für GESUNDHEIT AKTIV kommentiert der Geschäftsführende Vorstand Dr. Stefan Schmidt-Troschke: Offenbar auf Druck der Industrie, der beteiligten Verbände, einschließlich der Ärzteschaft, hat der G-BA versucht, im Stillen weiter umzusetzen, was bereits lange geschieht: Andere Verfahren, wie zum Beispiel die Fruchtwasseruntersuchung (Amniozentese) oder auch die Präimplantationsdiagnostik (PID), sind inzwischen in der Kostenerstatttung durch die Krankenkassen etabliert. Auch sie zielen darauf ab, Geburten von Menschen mit schweren Krankheiten oder bestimmten Behinderungen zu verhindern. Menschen, die als Krankenversicherte mit ihren Beiträgen „solidarisch“ für diese Tests aufkommen, werden nicht gefragt, ob sie das wollen. Auf der einen Seite wird werdenden Eltern also nahe gelegt, sich für die Diagnostik (und damit meist in der Folge auch für den Abbruch der Schwangerschaft) zu entscheiden, auf der anderen Seite werden neue Gesetze gemacht, um die Integration von Menschen mit Behinderungen zu fördern. Welch eine Bigotterie!

Hintergrundinformationen:
Bereits 2012 hat das Institut Mensch, Ethik und Wissenschaft eine lesenswerte Stellungnahme zur nicht-invasiven Pränataldiagnostik herausgegeben, die immer noch hoch aktuell ist.
Eine berührende Auseinandersetzung zu dem Thema brachte die ZEIT mit einem Online-Dossier: „Wer darf leben?“

Der Wille des Patienten

Patientenverfügungen konkret formulieren

Patientenverfügungen müssen möglichst konkret verfasst sein, so eine aktuelle Entscheidung des Bundesgerichtshofes (BGH) im August 2016. Gängige Formulierungen wie „keine lebenserhaltenden Maßnahmen“ seien nicht ausreichend. Bindend seien die Wünsche nur dann, wenn einzelne ärztliche Maßnahmen genannt oder Krankheiten und Behandlungssituationen klar genug beschrieben würden. Im konkreten Urteil des BGH ging es darum, ob eine künstliche Ernährung als „lebensverlängernde Maßnahme“ zu gelten habe. Mit dem Urteil geht ein Streit unter drei Töchtern über den angemessenen Umgang mit der pflegebedürftigen Mutter weiter. In der vorhandenen Patientenverfügung waren die Angaben nicht genau genug. Der BGH hatte verlangt, dass sich eine Patientenverfügung konkret mit bestimmten Krankheitsbildern oder mit bestimmten medizinischen Maßnahmen befasst.

Die Entscheidung des Bundesgerichthofs zu Patientenverfügungen verwirrt sicher viele, die dachten, mit ihrer Patientenverfügung alles richtig gemacht zu haben. Fest steht: Wer sicher sein will, dass im Ernstfall möglichst viel nach den eigenen Vorstellungen läuft, sollte seine Patientenverfügung überprüfen – und ärztlichen und juristischen Rat einholen. Viele Bürgerinnen und Bürger haben bislang einfach eine der zahllosen (und nicht immer qualitativ hochwertigen) Vorlagen genutzt und ausgefüllt. Als „sichere und aktuelle“ Vorlagen empfiehlt die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen die des Bundesministeriums für Justiz und Verbraucherschutz.

Fachleute warnen allerdings davor, dass niemand in einer Patientenverfügung alle denkbaren gesundheitlichen Zustände und Behandlungsmethoden abhandeln könne, und empfehlen, sich rechtlich und ärztlich beraten zu lassen. Das Urteil des BGH weist darauf hin, dass sich eine Patientenverfügung beispielhaft und konkret mit bestimmten Krankheitsbildern auseinandersetzen sollte, wie etwa mit Wachkoma oder einem unumkehrbaren Krebsleiden. Sie sollte zudem auch zu künstlicher Ernährung, Beatmung und Wiederbelebung Stellung beziehen. Dabei muss klar sein, ob sich der erklärte Wille auch auf Nebenerkrankungen oder nur auf die Behandlung des Grundleidens bezieht.

Quelle: Urteil BGH: Pressemitteilung des Bundesgerichtshofs vom 9. August 2016 (136/2016): „Anforderungen an Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung im Zusammenhang mit dem Abbruch lebenserhaltender Maßnahmen“

Weitere Informationen zum Thema:
In unserer Broschüre „Wie sinnvoll ist eine Patientenverfügung?“ (9 Euro) zeigt der Arzt Paolo Bavastro auf, mit welchen Fallstricken bei Patientenverfügungen zu rechnen ist und welche Alternativen es gibt.
Vorschläge für konkrete Textbausteine für eine „Patientenverfügung“ finden Sie beim Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz.

Krebs: Neues Kompetenznetz

Informationen zur integrativen Krebstherapie

Die Diagnose "Krebs" ist für jeden erst einmal ein Schock. Die meisten Menschen reagieren wie gelähmt. Aber immer häufiger gelingt es ihnen, schon bald nach Beginn der Therapie (oder sogar davor) zu überlegen, wie sie sich selbst aktiv für ihre Genesung einsetzen können. In dieser Situation aht vor allem die Komplementärmedizin viel zu bieten, von A wie Akupunktur über M wie Misteltherapie bis zu Y wie Yoga. Sinnvoll ist es, diese Angebote in den konventionellen Therapieverlauf zu integrieren, heute nennt man das „Integrative Onkologie“. Doch wie bekommen Betroffene einen guten Überblick über die verschiedenen Verfahren? Vor dieser Frage stehen im Übrigen auch viele Onkologen, die sich in der Komplementärmedizin nicht auskennen und von ihren Patienten trotzdem um Rat gefragt werden.

Mehr Orientierung und Information verspricht hier die neue Online-Plattform KOKONinfo, die verständliche und verlässliche Informationen für Krebserkrankte und Angehörige bereitstellt. Die Inhalte basieren auf Fachtexten, die den aktuellen Forschungsstand zu einzelnen komplementärmedizinischen Verfahren und Substanzen zusammenfassen und für Patienten „übersetzt“ wurden.

KOKONinfo wurde im Rahmen eines Projekts des von der Deutschen Krebshilfe geförderten Kompetenznetzes Komplementärmedizin in der Onkologie (KOKON) von 2013 bis 2015 entwickelt. Das Portal ist momentan als Pilotversion zugänglich und wird noch ausgebaut. Es erhebt daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Beim genauen Lesen gibt es allerdings auch etwas zu kritisieren. Zwar ist es eine gute Nachricht, dass die Verfahren der Integrativen Krebstherapie, die in der Praxis längst erfolgreich angewandt (und inzwischen auch zunehmend erforscht) werden, endlich stärker „offiziell“ berücksichtigt werden. Dennoch ist fraglich, ob KOKONinfo wirklich unvoreingenommen informiert. Zur Mistel-Therapie zumindest fehlt der letzte Stand der Forschung, oder es wird auf bestimmte Seiten verlinkt, die dieser Therapie eher vorurteilsbehaftet und skeptisch gegenüberstehen. So bleiben viele Fragen von Patienten weiterhin doch ungeklärt.

 

Solidarisch krankenversichert?

Krankenkassen treffen Solidargemeinschaften

Die Victor-Thylmann-Gesellschaft in Hamburg hatte in Zusammenarbeit mit GESUNDHEIT AKTIV zu einem Gesprächsabend eingeladen: "Individuell und solidarisch – wie wollen wir uns in Zukunft krankenversichern?" Je ein Vertreter der gesetzlichen Krankenversicherung (Helge Neuwerk von der BKK VBU) und einer Solidargemeinschaft (Urban Vogel von der Samarita) unterhielten sich darüber, ob die gegenwärtige Praxis der gesetzlichen Krankenversicherung noch zeitgemäß ist. Angestoßen hatte diesen Abend Günter Schmidt, Bauunternehmer in Lüneburg und Mitglied der Samarita; Dr. Stefan Schmidt-Troschke von GESUNDHEIT AKTIV moderierte. 

Zu Beginn stellte Schmidt-Troschke fest, dass die gesetzlichen Kassen ein zunehmendes Problem mit der All-inclusive-Mentalität ihrer Versicherten haben. In einer Zeit, in der Menschen sich immer stärker und differenzierter mit Gesundheitsfragen auseinandersetzen, sei fraglich, ob die bevormundende Struktur der gesetzlichen Krankenkasse heute überhaupt noch sinnvoll ist.

Urban Vogel berichtete, dass die Samarita zunächst die Wahlfreiheit der Patienten im Blick gehabt habe und diese als Voraussetzung für eine zeitgemäße Absicherung im Krankheitsfall sehe. Es habe sich eine Gemeinschaft gebildet, die dem anonymen Apparat des Gesundheitswesens heilende Beziehungen entgegensetzte. Die Solidargemeinschaften, von denen es in Deutschland mehrere gibt, seien unterschiedlich ausgeprägt und hätten verschiedene Schwerpunkte. Die Mitglieder tauschen sich über inhaltliche Themen aus, auch Fragen nach der Prävention von Krankheiten spielten eine Rolle. Offenbar habe diese Art der Gemeinschaft selbst das Potenzial, gesundheitsförderlich zu wirken.

Helge Neuwerk von der BKK VBU zeigte sich angetan von den Berichten Vogels. Er sah keine prinzipiellen Hindernisse dafür, Elemente persönlich verantworteter Solidarität auch in die gesetzliche Krankenversicherung zu übertragen. Angesichts der mit 500.000 vergleichsweise hohen Mitgliederzahlen in seiner Krankenkasse allerdings frage er sich, wie das zu organisieren sei.

Schmidt-Troschke schlug vor, Regionalkonferenzen für Versicherte zu organisieren, auf denen sie sich über Gesundheitsthemen untereinander verständigen können. Die Besucher der öffentlichen Gesprächsrunde beteiligten sich rege und sprachen sich dafür aus, dieses Thema fortzusetzen. Ein vielversprechender Dialog, der erst begonnen hat.

Hinweis:
Am 4. Oktober findet unter dem Titel „Gesundheit vom Bürger aus gestalten – Perspektiven für ein Gesundheitswesen des 21. Jahrhunderts“ eine weitere Veranstaltung der Victor-Thylmann Gesellschaft statt. 

Wie unabhängig ist die Medizin?

Medizinische Leitlinien in der Kritik 

Die Antikorruptionsorganisation Transparency International Deutschland e. V. fordert gesetzliche Regelungen zur Erstellung und Qualitätssicherung von medizinischen Leitlinien für Ärzte und andere Heilberufe. In einer Untersuchung hat der Verein die Rahmenbedingungen zur Erstellung von medizinischen Leitlinien analysiert und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass die Unabhängigkeit und Neutralität von medizinischen Leitlinien nicht gesichert ist. „Leitlinienautoren sind häufig durch Interessenkonflikte belastet“, sagt Dr. Wolfgang Wodarg, Vorstandsmitglied von Transparency Deutschland. „Ein fehlender gesetzlicher Rahmen und mangelnde Ressourcen gefährden die Unabhängigkeit der erstellten Leitlinien und damit auch das Vertrauen in das Handeln der Ärzte und anderer heilberuflich Tätiger.“

Medizinische Leitlinien sollen eine Orientierung geben, wie Patienten idealtypisch zu behandeln sind. Sie werden von medizinischen Fachgesellschaften veröffentlicht. Anders als Richtlinien, die der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) für die anzuwendenden Leistungen der Versicherten erstellt, unterliegen sie keiner Qualitätskontrolle und werden durch kein deutsches Amt geprüft.

Transparency Deutschland zeigt im Rahmen der aktuellen Publikation, dass diese Leitlinien weiterhin trotz freiwilliger Selbstkontrolle durch unterschiedliche Interessengruppen beeinflusst werden können. Das ist problematisch, da diese Handlungsempfehlungen eine wichtige Orientierungsfunktion haben und teilweise sogar für gerichtliche Entscheidungen herangezogen werden. Transparency Deutschland fordert daher gesetzliche Bestimmungen, die die Transparenz und Methodik der Erstellung von Leitlinien regeln. Derartige Vorschriften sollen sich an bestehenden Beispielen orientieren und in Zusammenarbeit mit Einrichtungen der ärztlichen Qualitätssicherung erarbeitet werden. Ein aus Bundesmitteln finanziertes unabhängiges Gremium von hauptberuflichen Experten soll medizinische Leitlinien akkreditieren.

GESUNDHEIT AKTIV e. V. schließt sich dieser Forderung an: „Leitlinien sind aus dem medizinischen Alltag nicht wegzudenken", sagt Dr. Stefan Schmidt-Troschke, Geschäftsführender Vorstand des Vereins. "Sie geben Rahmen und Orientierung. Umso wichtiger ist es, dass die Erstellung dieser Leitlinien neutral und unabhängig verläuft. Dem stehen die bekannten Interessenskonflikte der Autoren jedoch häufig entgegen. Hier muss etwas geschehen. Sonst wird etwas ganz Kostbares verspielt: das Vertrauen der Patienten.“

Quelle: „Normsetzung im Gesundheitswesen – Erarbeitung und Qualität von medizinischen Leitlinien“.