Organvergabe

Wie Organe zur Transplantation vermittelt werden

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1997 wurde ein Gesetz verabschiedet, das die Transplantationsmedizin in drei finanziell und organisatorisch unabhängige Bereiche aufteilt:

  • Für die Organisation der Organspende ist die Deutsche Stiftung für Organtransplantation (DSO) in Zusammenarbeit mit den Entnahmekrankenhäusern zuständig.
  • Die Vermittlung eines Organs wird über Eurotransplant innerhalb von sieben europäischen Ländern gesteuert (Deutschland, Niederlande, Belgien, Luxemburg, Österreich, Slovenien und Kroatien). Eurotransplant erstellt und führt die Warteliste für alle Empfänger in den Mitgliedsländern, die von den Transplantationszentren gemeldet werden.
  • Die eigentliche Übertragung des Organs auf den Empfänger findet in den bundesweit rund 50 Transplantationszentren statt.
  1. Diese Aufteilung soll dazu führen, dass Entnahme, Vergabe und Implantation unabhängig voneinander ablaufen. Als übergeordnete Einheit dient eine Taskforce der Bundesärztekammer: Die aus 16 Mitgliedern bestehende Ständige Kommission Organtransplantation verfasst Richtlinien zur Organspende, -vermittlung und -verteilung sowie der Organtransplantation. Außerdem berät sie Regierungen und fördert die Qualitätssicherung.

Wer kommt auf die Warteliste?

Aktuell (2013) stehen bei Eurotransplant rund 11.000 Menschen auf den Wartelisten für eine Organtransplantation. 2013 wurden 1.975 Spendern Organe entnommen. 

Nicht alle Patienten, die ein neues Organ benötigen, können auf eine Warteliste aufgenommen werden. Ist das Risiko der Transplantation und ihrer Nachbehandlung zu hoch und sind die Erfolgsaussichten schlecht, so wird der Eingriff nicht in Betracht gezogen. Nach dem Transplantationsgesetz (§ 16) sind die Ärzte verpflichtet, Gründe für oder gegen die Aufnahme auf die Warteliste zu dokumentieren und dem Patienten mitzuteilen. Dabei sind sie verpflichtet, den Richtlinien der Bundesärztekammer zur Aufnahme in die Warteliste strikt zu folgen.

Wie ein Organ tatsächlich vermittelt wird, ist ein höchst ausgeklügeltes kompliziertes Verfahren. Für jedes einzelne zu transplantierende Organ (Lunge, Leber, Herz, Niere, Bauchspeicheldrüse und Dünndarm) hat die Ständige Kommission Organtransplantation eigene Kriterien erarbeitet, nach denen Empfänger ausgewählt werden sollen. Entscheidend ist zum einen die Dringlichkeit, also die Frage, wie lange ein Patient ohne Spenderorgan noch zu leben hat. Außerdem muss das Organ zum Empfänger passen, das heißt, die Gewebemerkmale zwischen Spender und Empfänger müssen übereinstimmen, auch Blutgruppe, Größe und Gewicht müssen zueinander passen. Berücksichtigt wird auch, wie lange der Patient bereits auf ein Organ wartet.

In der Kritik – das beschleunigte Verfahren

In den vergangenen Jahren ist immer häufiger das sogenannte beschleunigte Verfahren zum Zuge gekommen: Dabei geht es darum, einen Organverlust zu vermeiden. Dieser droht, wenn Ärzte den Kreislauf eines Spenders nach seinem Hirntod nicht aufrechterhalten können oder ein Organ aus organisatorischen oder logistischen Gründen nicht rechtzeitig zum Spender gebracht werden kann. Ein weiterer Hinderungsgrund für eine Übertragung ist, wenn der ermittelte Empfänger unter einer akuten Infektion leidet und nicht operiert werden kann. Lehnen drei Zentren das Organ ab, so kann die Klinik die entnommenen Organe an Ort und Stelle an selbst ausgewählte Patienten vermitteln.

Das Verfahren steht in der Kritik, weil es Spielraum für Manipulationen lässt, denn das beschleunigte Vermittlungsverfahren kommt auch dann zum Einsatz, wenn ein Organ als "eingeschränkt vermittelbar" eingeschätzt wird. Das ist etwa der Fall, wenn der Spender alt war – was immer häufiger der Fall ist – und bestimmte Grundkrankheiten hatte. Da die Zahl der im beschleunigten Verfahren vermittelten Organe in den letzten Jahren stark zugenommen hat, entsteht der Verdacht, dass Organe häufiger als notwendig mit dem Stempel "eingeschränkt vermittelbar" versehen worden sein könnten. 2010 wurden beispielsweise bereits 40 Prozent aller Lebern über das beschleunigte Verfahren vergeben.

Organspende-Skandal – Was steckt hinter den Manipulationen?          

2012 wurde bekannt, dass an den Unikliniken in Regensburg und Göttingen Leber-Patienten für die Akten kränker gemacht wurden, als sie wirklich waren. Dadurch rückten sie in der Warteliste für ein neues Organ nach vorn. Seit August 2013 steht der verantwortliche Chirurg in Göttingen dafür vor Gericht und muss sich wegen Totschlags in elf Fällen verantworten. Der Vorwurf ist ein juristischer Kunstgriff, da die Manipulation der Wartelisten zum Tatzeitpunkt nicht strafbar war. Durch die Manipulation verstarben, so die Überzeugung der Staatsanwaltschaft, andere Patienten, die eigentlich schneller ein Organ bekommen hätten.

Mittlerweile wurden Fälschungen in fünf Transplantationszentren aufgedeckt, zuletzt 2014 am Herzzentrum der Charité in Berlin. Über die Motive für die Tricksereien wird spekuliert. Klar ist: Nicht immer dürfte das Interesse des Schwerstkranken im Vordergrund gestanden haben, sondern auch wirtschaftliche Gründe. Denn einige Kliniken hatten ein Bonussystem für Transplanteure eingeführt: Je mehr Organe diese verpflanzten, desto höher das Gehalt. Und desto größer der Gewinn für die Klinik. Denn die Krankenkassen honorieren eine Transplantation mit sechsstelligen Summen. Und nicht zuletzt hängt das Renommee der Kliniken und Ärzte an der Zahl der transplantierten Organe.

Als Folge des Skandals wurde 2013 das Transplantationsgesetz mehrfach geändert. Neben einer erweiterten staatlichen Aufsicht über das Transplantationswesen hat der Gesetzgeber einen neuen Straftatbestand für künftige Manipulationen eingeführt. Bundesärztekammer und die Deutsche Krankenhausgesellschaft haben außerdem eine Reihe von Maßnahmen beschlossen, die Kontrolle und Transparenz bei der Organvergabe verbessern sollen. So sind in den Zentren Transplantationskonferenzen eingeführt worden sowie das Sechs-Augen-Prinzip zur Prüfung aller Daten bei der Anmeldung auf der Warteliste.