Pränataldiagnostik

Untersuchungen in der Schwangerschaft: Vorteile und Risiken

Wenn eine Frau heute schwanger wird, steht sie in den folgenden neun Monaten meist unter strenger Beobachtung. Frauenärzte gehen bei Untersuchungen und Tests zur Gesundheit von Mutter und Kind heute weit über das hinaus, was die reguläre Schwangerschaftsvorsorge beinhaltet. Die Mutterschafts-Richtlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses über die ärztliche Betreuung während der Schwangerschaft und nach der Entbindung sehen zum Beispiel nur drei Ultraschalluntersuchungen vor: einmal in der 8.-11., dann in der 18.-21. und noch einmal in der 28.-31. Schwangerschaftswoche. Die Realität heute sieht anders aus: Fast bei jedem Besuch beim Frauenarzt hält dieser den Ultraschallkopf auf den langsam wachsenden Bauch der Frau – schließlich soll „nichts übersehen“ und „nichts versäumt“ werden. Auch lässt sich ein Zusatz-Ultraschall (möglichst noch in 3D, bei Eltern auch als „Baby-Fernsehen“ beliebt) gesondert abrechnen. Ein Betrag, den viele Paare gerne zahlen.

Fast schon routinemäßig werden den Frauen heute solche Untersuchungen (auch diverse Bluttests) als Selbstzahlerleistungen angeboten. So ergab eine Untersuchung der Bertelsmann Stiftung aus 2015, dass 80 Prozent der werdenden Mütter in der frauenärztlichen Praxis individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) in Anspruch nahmen, die selbst bezahlt werden müssen. Derartige Zusatzuntersuchungen sind inzwischen zu einem guten Geschäft für die Ärzte geworden. 

Die Studie zeigt, dass bei der Hälfte der Frauen mit unauffällig verlaufender Schwangerschaft mehr als fünf Ultraschall-Untersuchungen gemacht wurden, und dass bei nahezu jeder Schwangeren ein CTG aufgezeichnet wurde, mit dem Herztöne und Wehentätigkeit erfasst werden – was so in den Mutterschaftsrichtlinien nicht vorgesehen ist. Nur bei Risikoschwangeren gehören mehr Ultraschall-Aufnahmen und generell ein breiteres Spektrum an Vorsorgeuntersuchungen zur Routine, aber heute zählen 70 Prozent Frauen ohnehin zu dieser Gruppe – irgendein Risiko findet sich immer (z. B. Alter über 35 Jahre, vorausgegangene Fehlgeburt, vorausgegangener Kaiserschnitt).

Nahezu selbstverständlich ist es inzwischen geworden, dank der hoch auflösenden Ultraschallgeräte, über die heute fast jede Frauenarztpraxis verfügt, gegen Ende des ersten Schwangerschaftsdrittels bzw. zu Beginn des vierten Monats nach der Nackenfalte beim Baby zu schauen. Erscheint sie nämlich als auffällig dick, liegt der Verdacht nahe, dass das Kind möglicherweise ein Down-Syndrom haben könnte. Und so beginnt unter Umständen eine Spirale von immer weiteren Untersuchungen, die für mehr Angst und Unruhe sorgen als dafür, dass die Frau „guter Hoffnung“ oder „freudiger Erwartung“ ist, wie eine Schwangerschaft früher gern umschrieben wurde. Mehr noch: Viele Frauen werden gar nicht mehr erst gefragt, ob sie überhaupt wollen, dass der Arzt die Nackenfalte ausmisst – es wird einfach gemacht.

Auch ist die normalerweise übliche Ultraschall-Untersuchung im fünften Monat zu einem „großen Ultraschall“ ausgedehnt worden, bei dem eine Feindiagnostik der kindlichen Organe stattfindet. Werden hierbei Auffälligkeiten entdeckt, geht es sofort weiter zum Spezialisten.

Die meisten Tests und Untersuchungen sollen in erster Linie der Beruhigung dienen: Alles in Ordnung mit dem Baby. Was aber, wenn sich herausstellt, dass eben irgendetwas nicht „in Ordnung“ ist? Jede Untersuchung macht doch nur dann Sinn, wenn die Frau bzw. das Paar bereit ist, auch die Konsequenzen davon zu tragen. Wenn zum Beispiel von vornherein klar ist, dass eine Abtreibung nicht in Frage kommt, sind Nackenfalten-Messung, Fruchtwasser-Untersuchung und so manches andere völlig überflüssig – weil sie eben gar keine Konsequenzen hätten.

Grundlegende Fragen, auf die wir Antworten finden müssen

Bei jeder Form von Pränataldiagnostik, die bei weitem nicht nur die genetischen Tests umfasst, sondern eben auch die ganz normale Schwangerschafts-„Vorsorge“, geht es auch im grundlegende Fragen, auf die unsere Gesellschaften Antworten finden muss:

  • Gibt es überhaupt unwertes Leben? Wie, wo und warum zieht man Grenzen? 
  • Wollen wir nur noch „normal gesunde“ Kinder zur Welt kommen lassen?
  • Was heißt überhaupt als „normal“?

Mehr noch: Dürfen wir Kindern mit Down-Syndrom einfach das Recht auf Leben nehmen, wie es inzwischen 90 Prozent der Schwangeren tun, wenn sie erfahren, dass sie ein solches Baby erwarten? Und wie es auch Astrid im Film „24 Wochen“ tut, als sie im 6. Monat erfährt, dass ihr Kind schwer krank ist und mit Behinderungen zur Welt kommen wird. Bei einer solchen Spätabtreibung wird das Kind im Mutterleib mit einer Kaliumspritze ins Herz getötet und kommt dann als Totgeburt zur Welt. 

Vor dieser Frage stand auch Kathrin Fezer Schadt, die ihre Erfahrungen in einem berührenden Buch literarisch aufgearbeitet hat: "Lilium rubellum" (der Titel steht für eine vom Aussterben bedrohte japanische Lilienart, die symbolisch für "ein reines Herz" und "wahre Schönheit" steht). Es ist die Geschichte einer überraschenden Schwangerschaft, in deren Verlauf eine kindliche Behinderung festgestellt wird, die dem Baby kaum Überlebenschancen einräumt. Kathrin Schadt beschreibt die Gewissenskonflikte und traumatischen Erlebnisse, die sich mit einem solchen Befund verbinden. Soll sie die Schwangerschaft abbrechen? Das Kind trotz aller Widrigkeiten austragen? Im Buch spielt sie die verschiedenen Szenarien durch: Einmal entscheidet sich die Frau für das Kind, im anderen Fall fügt sie sich dem Rat der Ärzte, das Kind abzutreiben. Fast beängstigend ist es zu lesen, wie Mütter heute aus einer Systemlogik heraus in eine Entscheidung hineingetrieben werden, an der sie meist lebenslang zu tragen haben. Denn in einer Gesellschaft, in der Krankheit und Tod möglichst ausgeblendet werden und Totgeburten ein Tabuthema sind, bleiben Eltern mit ihrem Schmerz weitgehend allein. 

Wir müssen uns fragen: Wie kommen wir in solchen Situationen zu Entscheidungen, die unserer inneren Überzeugung wirklich entsprechen? Welchem Wertesystem folgt unsere Gesellschaft, wenn es um die Pränataldiagnostik geht? Sollen Menschen mit Behinderung, egal, welcher Art, bei uns keinen Platz mehr haben? Werden wir dank der vorgeburtlichen Tests kurzerhand zu „Privateugenikern“, wie es Matthias Thieme, Vater einer Tochter mit Down-Syndrom, in der taz formulierte?

Dies erscheint umso bedeutsamer, als 95,5 Prozent aller Behinderungen im Laufe des Lebens entstehen – durch Unfälle, Krankheiten oder anderes, nur 4,5 Prozent sind angeboren. Auch kommen 96 Prozent der Kinder kerngesund zur Welt, und beileibe nicht jede Behinderung oder Krankheit kann über die Pränataldiagnostik ausgeschlossen werden (Quelle: Beratung bei Pränataldiagnostik). 

Kein Trisomien-Test in der Regelversorgung!

Insgesamt 20 Gruppen und Organisationen haben sich anlässlich der Tagung des Gemeinsamen Bundesausschuss am 16. Februar 2017 in einer gemeinsamen Stellungnahme gegen die Aufnahme des pränatalen Bluttests auf Trisomien ausgesprochen. Hier die beim Gen-ethischen Netzwerk veröffentlichte Begründung: 


"Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat im August 2016 das Methodenbewertungsverfahren zur Einführung von nicht-invasiven pränatalen Tests (NIPT) auf die Trisomien 13, 18 und 21 in die reguläre Schwangerenversorgung eingeleitet. Die unterzeichnenden Organisationen wenden sich daher gegen die weitere Normalisierung selektiver Pränataldiagnostik und fordern eine andere Art der gesellschaftlichen Auseinandersetzung um Schwangerenvorsorge und Behindertenfeindlichkeit.


Die zur Diskussion stehenden NIPT auf die Trisomien 13, 18 und 21 bewirken keine Verbesserung der medizinischen Versorgung der Schwangeren oder des werdenden Kindes. Aus den Ergebnissen der Tests ergeben sich keine Therapiemöglichkeiten, sie stellen lediglich die – eigentlich bereits getroffene – Entscheidung für das werdende Kind in Frage. Die pränatale Suche nach genetischen Merkmalen ist eben keine Schwangerenvorsorgeuntersuchung, sondern eine selektive Fahndung nach unerwünschten Abweichungen. Aus diesem Grund gehört die selektive PND insgesamt auf den Prüfstand.


Die unterzeichnenden Organisationen wenden sich daher gegen die weitere Normalisierung selektiver Pränataldiagnostik und fordern eine andere Art der gesellschaftlichen Auseinandersetzung um Schwangerenvorsorge und Behindertenfeindlichkeit."

Am 8. Dezember 2016 veranstaltete GESUNDHEIT AKTIV eine Lesung mit der Autorin von "Lilium rubellum", Kathrin Fezer-Schadt, die auf Video aufgezeichnet wurde. 

Dieser Film zeigt eine Zusammenfassung der Podiumdiskussion, die sich im Anschluss an die Lesung von Kathrin Fezer-Schadt über das Thema "Pränataldiagnostik" entwickelt hat. 

DAFÜR SETZEN WIR UNS EIN

GESUNDHEIT AKTIV setzt sich für einen offenen Dialog zu diesem Thema ein, damit Eltern Möglichkeiten, Risiken und Konsequenzen der Pränatal-Diagnostik sorgfältig abwägen können und so in die Lage zu versetzt werden, sich einerseits überflüssiger Maßnahmen zu erwehren, sie andererseits aber auch zu nutzen, wenn dies gewünscht wird und ratsam erscheint.