Corona-Spezial

Unser Kompass zu COVID-19 und Gedanken über die Krisenzeit

Hier finden Sie aktuelle Berichte, Informationen und Stellungnahmen zur Corona-Pandemie sowie Gedanken über die Krisenzeit. Wir aktualisieren diesen Bereich in unregelmäßigen Abständen – je nach Lage der Dinge.

Im Folgenden geben wir Ihnen einen Überblick, was wir derzeit über diese Pandemie und COVID-19 bzw. SARS-CoV-2 wissen oder noch nicht wissen, und welche Chancen und Perspektiven sich daraus ergeben. Diese Meldungen sind mit dem GESUNDHEIT AKTIV-Newsletter in der Dezember-Ausgabe (am 09.12.20) erschienen:

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Volle Kraft voraus ins Ungewisse

Impfen gegen Covid-19

 

Corona-Spezial Dezember 2020 – Sie sind das beherrschende Thema der vergangenen Wochen: die Impfstoffe gegen Covid-19, ihr möglicher Nutzen, ihre Risiken, die Abgabe in großen Impfzentren. Sie werden dargestellt als einziger Ausweg aus der Angst, als ausschließlicher Hoffnungsträger für eine Rückkehr zu „normalen“ Verhältnissen des Zusammenseins, des kulturellen Lebens, des Reisens und vielem anderen mehr.

Was da alles in der Pipeline ist, hat der Biologe und Impfstoffspezialist Clemens Arvay in einem Artikel für die Schweizerische Ärztezeitung schon am 1. Juli 2020 sehr übersichtlich und mit kritischem Blick zusammengestellt. Vor allem drei Kandidaten stehen heute im Mittelpunkt des Interesses:

  1. der virale Vektor-Impfstoff von Astra Zeneca, auch als „Oxford-Impfstoff“ bekannt
  2. der m-RNA-Impfstoff der deutschen Firma BioNTech und des Pharma-Multis Pfizer, der am 2. Dezember in Großbritannien als erster Covid-19-Impfstoff eine Notfallzulassung erhalten hat
  3. der in den USA entwickelte mRNA-Impfstoff „Moderna“, vertrieben von den Firmen Lonza und Visp.

Wann die Europäische Arzneimittelbehörde EMA die Zulassung für einen oder mehrere dieser Impfstoffe in Europa und damit auch in Deutschland erteilt, ist noch unklar – ein beschleunigtes Verfahren läuft aber auch hier.

Christian Drosten, Deutschlands bekanntester Virologe, attestierte allen Impfstoffen bereits eine hohe Wirksamkeit (Coronavirus-Update vom 24.11.2020): „Diese Impfstoffe sind alle überraschend gut effizient. Alles ist irgendwie besser, als man gedacht hätte. Das sind sehr gute Nachrichten.“ Er äußerte dies allerdings nicht auf einer sonst von ihm an anderer Stelle zu Recht immer wieder vehement eingeforderten wissenschaftlichen Datenbasis, sondern aufgrund einer Pressemitteilung des Herstellers.

Generell lässt sich sagen, dass die Karriere der Covid-19-Impfstoffe bislang beispiellos ist:

  • Noch nie sind Impfstoffe unter einem solchen Zeitdruck entstanden.
  • Noch nie wurde so viel Geld in ihre Entwicklung investiert.
  • Noch nie ist ein m-RNA-Impfstoff aus der präklinischen Phase (Laborversuche an Zellkulturen) herausgekommen. Über die Wirksamkeit und das Nebenwirkungsspektrum ist kaum etwas bekannt.
  • Noch nie wurden Impfstoffe so früh und so wenig geprüft auf den Markt gebracht.
  • Noch nie haben so viele Firmen gleichzeitig an einem Impfstoff gegen eine bestimmte Krankheit – hier Covid-19 – geforscht.
  • Noch nie erwarben die Regierungen führender Wirtschaftsmächte der Welt zu einem so frühen Zeitpunkt millionenfache Impfstoff-Chargen im Voraus – nicht wissend, ob der Impfstoff überhaupt hält, was er zu versprechen scheint.

ABER: Auch wenn die Impfung sicher nicht das einzig Heilbringende sein wird in dieser Pandemie, so ist sie doch ein berechtigter und wichtiger Ansatz, den es weiter zu verfolgen gilt.

Die Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut (STIKO) hat eine sechsstufige Reihenfolge empfohlen, in der die Bevölkerung geimpft werden soll. An der Spitze stehen Menschen über 80 Jahre sowie die Bewohner*innen von Senioren- und Altenpflegeheimen, Rettungssanitäter*innen sowie Pflegekräfte im ambulanten und stationären Bereich sowie Beschäftigte in der Notaufnahme, wie die ARD Tagesschau am 8. Dezember berichtete.

Das finanzielle Risiko sowohl für Fehl- und Rückschläge bei der Wirksamkeit wie auch für Nebenwirkungen werden allerdings nicht etwa die Herstellerfirmen tragen, sondern der Staat. Normalerweise braucht es zehn bis zwanzig Jahre, bis es ein Impfstoff aus dem Labor bis zur Marktreife schafft. Er durchläuft viele verschiedene Phasen, bis er von den Behörden schließlich zugelassen wird. Bei SARS-CoV-2 nun wurde diese Zeit radikal auf ca. 12 bis 18 Monate abgekürzt. Der gesamte Prüfprozess, der aus hintereinander liegenden Phasen besteht, wurde abgekürzt, und die einzelnen Phasen überlagern sich, woraus sich der Begriff „Teleskopierung“ ableitet.

Um die Zulassung zu beschleunigen, setzt die Europäische Arzneimittelagentur EMA das „Rolling-Review“-Verfahren ein (siehe dazu die Meldung des Paul-Ehrlich-Instituts), bei dem die eingereichten Unterlagen fortlaufend analysiert und bewertet werden. Das heißt: Die Gutachter*innen bewerten die Studien, sobald deren Ergebnisse verfügbar sind. Mithin handelt es sich also durchgehend um vorläufige Daten und Zwischenauswertungen. Die ersten menschlichen Proband*innen erhalten den Impfstoff-Kandidaten bereits zu einer Zeit, wo viele Ergebnisse aus Zellkulturen und Tierversuchen noch gar nicht fertig ausgewertet sind. Klinische Testphasen, die sonst strikt voneinander getrennt und nacheinander ablaufen, erfolgen jetzt ebenfalls parallel. Es gibt keine Pausen während der Datenauswertung, alles geht nahtlos ineinander über: der Bau der Produktionsstätten; das Beschaffen von Materialien wie Trägerstoffe, Ampullen, Verpackungen usw.; die Vorproduktion von Impfstoffchargen, noch bevor die Zulassung erfolgt ist; die Logistik für die Auslieferung; das Einrichten von Impfzentren für die massenhafte Abgabe an die Bevölkerung.

Vor diesem Hintergrund erscheint die Mahnung des bekannten Genetikers William Haseltine von der Harvard Medical School umso eindringlicher und gebotener. Er schrieb schon am 22. Juni in einem Beitrag für die Zeitschrift „Scientific American“: „Telescoping testing timelines and approvals may expose all of us to unnecessary dangers related to the vaccine.“ Auf Deutsch: „Das Teleskopieren von Testabfolgen und Zulassungen kann uns alle einem unnötigen Impf-Risiko aussetzen.“ Auch 140 nationale Akademien der Wissenschaften weltweit haben die millionenfachen Vorbestellungen kritisiert und vor den verkürzten Zulassungen gewarnt – vergebens.

Das Risiko scheint allerdings so gering nicht zu sein. Der österreichische Biologe und Gesundheitsökologe Clemens Arvay, der sich schon seit Monaten intensiv mit den verschiedenen Impfstoffkandidaten gegen Covid-19 beschäftigt (und dazu ein sehr informatives und sorgfältig recherchiertes Buch mit dem Titel „Wir können es besser“ verfasst hat), hat das Wichtigste in einem halbstündigen Beitrag auf YouTube zusammengefasst. Für den Oxford-Impfstoff ist aus den Phase I- und -II-Studien bis jetzt folgendes kurzfristiges Nebenwirkungsspektrum bekannt (The Lancet): Kopfschmerzen (68%), Muskelschmerzen (60%), Schüttelfrost (56%), erhöhte Temperatur bis 38 °C (51%), Fieber über 38 °C (18%), allgemeines Krankheitsgefühl (61%), vorübergehende Neutropenie (verminderte Anzahl bestimmter weißer Blutkörperchen, die eine erhöhte Infektanfälligkeit markiert: 46%). In zwei Fällen kam es zu einer sogenannten transversen Myelitis, einer Rückenmarksentzündung infolge einer überschießenden Immunreaktion, worüber sich eine Reihe von Wissenschaftler*innen in einem Artikel in Nature besonders besorgt gezeigt haben. Nähere Informationen über diese überschießenden Immunreaktionen wurden seitens der Firmen bislang nicht zur Verfügung gestellt. Virale Vektorimpfstoffe wie der Oxford-Impfstoff sind generell wenig erprobt. Noch nie wurden sie breit angewandt.

Beim m-RNA-Impfstoff von BioNTech/Pfizer sieht es nicht viel besser aus, wie Arvay berichtet (siehe dazu auch den Artikel in Nature): Kopfschmerzen (100%), Fieber über 38 °C (75%), Fatigue (85%), Schüttelfrost (65%), generalisierte Muskelschmerzen (60%), Gliederschmerzen (25%). Auch hier – ausgewertet wurden die Daten von 50 Proband*innen – besteht die Gefahr überschießender Immunreaktionen, über die man bisher kaum etwas weiß. Der britische "National Health Service" warnt aufgrund der jetzt gemachten Erfahrungen, wie die englische Tageszeitung "The Guardian" berichtet, vor allem Allergiker vor der Anwendung des Impfstoffs, weil bei ihnen offenbar massive allergische Reaktionen aufgetreten sind. In einer „Information for UK Healthcare Professionals“ heißt es, es sei unklar, ob der Impfstoff die Fruchtbarkeit beeinflusst oder nicht („It is unknown whether COVID-19 mRNA Vaccine BNT162b2 has an impact on fertility“). Dass ein solcher Impfstoff aus den präklinischen Versuchen gleich in die klinischen Phase III-Studien an Menschen katapultiert wurde, dürfte ein weltweit einmaliger Vorgang sein. 

Auch für den Moderna-Impfstoff wurden bei den Phase I- und -II-Studien überschießende Immunreaktionen beobachtet, wie das New England Journal of Medicine und Science berichten.

Ein weiterer mRNA-Impfstoff des Tübinger Start-up-Unternehmens Curevac steht jetzt am Beginn der klinischen Phase-II-Studien; publiziert wurde zu den bisherigen Studienergebnissen noch nichts.

Soweit die ersten Beobachtungen. Wie es mit den Langzeitfolgen aussieht, weiß bislang niemand. Genauso wenig – und das scheint fast noch wichtiger – ist jedoch über die Wirksamkeit bekannt: Schützt der Impfstoff vor einer Ansteckung mit dem Virus? Wenn der Körper aufgrund der Impfung Antikörper produziert: Wie wirksam sind diese? Schützen sie vor der Krankheit generell oder nur vor einem schweren Verlauf? Ist ein Geimpfter aufgrund der Impfung zwar für sich selbst geschützt, kann aber trotzdem andere anstecken? Oder schützt ein Geimpfter andere vor einer Ansteckung (Stichwort „Herdenimmunität“)? Antworten auf diese Fragen gibt es derzeit nicht. Sie ergeben sich – wie bei allen Impfstoffen – nur über langfristige, sich über Jahre erstreckende Studien und Vergleiche von Geimpften mit Nichtgeimpften. Laborparameter sind dafür unbrauchbar, sie haben keinerlei Aussagekraft.  

Im SPIEGEL warnt der Wissenschaftsjournalist Jörg Blech am 4. Dezember (Bezahlschranke), dass niemand wisse, wo die eingespritzten mRNA-Moleküle letztendlich landen. In Studien seien sie teilweise in Leber und Lunge aufgetaucht, was darauf schließen lässt, dass sie sich „systemisch“ ausbreiten, also im ganzen Körper. Für den BioNTech/Pfizer-Impfstoff wird angenommen, dass die Information vor allem zu Lymphknoten, Milz und Knochenmark gelangt und dort von den dendritischen Zellen aufgenommen wird, die für das immunologische Gedächtnis wichtig sind. Was ansonsten mit der RNA im Menschen passiert, weiß man nicht. Die Daten dazu wurden bisher noch nicht veröffentlicht.

Und so ist die Öffentlichkeit in Sachen Corona-Impfstoff äußerst lückenhaft informiert. Das beklagt auch Claudia Kade, im Newsletter „5nach12“ der WELT am 2. Dezember. Sie schreibt: „Zwar werden Tag für Tag neue Impfzentren in Messehallen und Fußballstadien vorgeführt. Die Logistik zum Transport und zur Lagerung der Impfdosen wird geregelt, damit das zunächst knappe Gut schnell und sicher verteilt werden kann. Die Hardware sozusagen, die steht. Aber was den Informationsstand der Bevölkerung angeht, stehen da nur Fragen. Und das wenige Tage vor der erwarteten Zulassung der ersten Impfstoffe auf EU-Ebene. Wer entscheidet auf welcher Grundlage wann und wie darüber, wer zu den Risikogruppen gehört, die zuerst geimpft werden können? Wie erfahren die Betroffenen überhaupt davon, wie sie eingestuft werden? Wo hakt man nach, wenn man trotz klarer Indikation nicht drankommt? So vieles, was nötig wäre, um aus den großen Hoffnungen auch Vertrauen zu machen, fehlt (noch). Die Software sozusagen. Und gerade die kann zum entscheidenden Faktor werden, der den Ausschlag gibt, ob diese historische Aktion ein Erfolg wird oder ein Misserfolg. Bundesgesundheitsminister Spahn (CDU) spricht von einer ‚Jahrhundert-Situation‘. Da hat er sicher recht. Aber die Bevölkerung wird bisher ratlos vor dieser immerhin planbaren Jahrhundert-Situation stehengelassen.“

Auch der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft, Wolf-Dieter Ludwig, zeigt sich in einem Interview mit der WELT (Bezahlschranke) skeptisch: „Ich gehöre zwar schon zur Risikogruppe, was mein Alter betrifft. Aber ich warte ab, bis die Ergebnisse der klinischen Studien publiziert sind.“ Konkret möchte Ludwig wissen, „welche Altersgruppen man getestet hat, wie die Nebenwirkungen in den einzelnen Populationen waren, wie lange die Immunität anhält“. Bei allem, was man derzeit wisse, halte er einen Satz wie den der Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) für unüberlegt, wenn sie sage, der Impfstoff sei sicher, niemand müsse sich Sorgen machen. Die Langzeitnebenwirkungen könne heute niemand beurteilen. Die einzigen Informationen, die man habe, beruhen auf Pressemitteilungen der Firmen. Ludwig bemängelt explizit „die fehlende Transparenz hinsichtlich der klinisch relevanten Studiendaten“, ohne die kein Arzt einen Patienten beraten könne: „Das erlebe ich zum ersten Mal in den vielen, vielen Jahren, in denen ich klinische Studien zu Arzneimitteln bewerte.“ Die Zahlen zum Nachweis der Wirksamkeit beziehen sich, so Ludwig, auf 170 Infizierte, 162 in der Vergleichsgruppe, 8 in der Impfstoffgruppe: „Wenn Sie mit solchen Daten ein neues Medikament auf den Markt bringen wollen, haben Sie ein Problem.“

Auch Peter Doshi, Mit-Herausgeber des renommierten Fachblatts „British Medical Journal“, fordert in einem Meinungsbeitrag in eben dieser Zeitschrift: „Let’s be cautious and first see full data“„Seien wir vorsichtig und sehen wir uns erstmal die vollständigen Daten an“. Man wisse nichts über die Wirksamkeit des Impfstoffs nach drei, sechs oder zwölf Monaten. Und man könne sich nur schwer des Eindrucks erwehren, dass die Hersteller ihre Studien einfach schnell abschließen wollen, um rasch die Zulassung zu erhalten. Jedoch nur eine vollständige Transparenz und eine strenge Prüfung der Daten ermögliche eine fundierte Entscheidungsfindung.

Der STERN (Ausgabe 50, Seite 36) zitiert in seiner Titelgeschichte über die Corona-Impfstoffe am Schluss die Psychologin Cornelia Betsch von der Universität Erfurt: „Das Vertrauen in die Sicherheit [eines Impfstoffes], sagt Betsch, beeinflusse die Impfentscheidung am stärksten. Wer es erhöhen möchte, der müsse vor allem eines: richtig kommunizieren. Es gibt dafür vielfach erprobte Regeln: nicht zu hohe Erwartungen wecken. Zuhören, welche Fragen in sozialen Medien gestellt werden. Auf Falschinformationen schnell reagieren. Und man muss deutlich machen, dass die Zulassungsbehörden, auch wenn Impfstoffe schon auf dem Markt sind, weiter Meldungen über Nebenwirkungen sammeln, auswerten und im Zweifel reagieren. ‚Man muss den Leuten aber auch ehrlich sagen, dass es bei Impfstoffen keine hundertprozentige Sicherheit geben kann‘, so Cornelia Betsch, ‚wie bei keinem medizinischen Produkt.‘“

Was sich zurzeit anbahnt und vom Bundesgesundheitsministerium flächendeckend mit Impfzentren etabliert wird, sind also nichts anderes als großangelegte Tests am Menschen – mit ungewissem Ausgang. Der Verein „Ärzte für individuelle Impfentscheidung e. V.“ hat dazu ein Positionspapier verfasst. Darin heißt es: „Eine Anwendung der Impfstoffe vor Abschluss der unvermeidbar langwierigen Untersuchungen kommt unseres Erachtens nur nach jeweils sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung für den gezielten Schutz von Risikogruppen oder Risikopatientinnen und -patienten in Frage. Dies kann nur im Rahmen klinischer Studien unter engmaschiger klinischer und wissenschaftlicher Begleitung erfolgen.“ Jede*r Bundesbürger*in, die/der verständlicherweise bereit ist, sich impfen zu lassen, müsse, so der Verein, über all die Risiken, die sich damit verbinden, umfassend informiert und aufgeklärt werden. Ob das allerdings in den drei Minuten Beratungszeit gelingt, die z. B. in Niedersachsen in den Impfzentren derzeit vorgesehen sind?

Wie fragwürdig die Impfstrategie der Bundesregierung wird, zeigt sich auch in Interviews von Vorstandsmitgliedern des Vereins für Deutschlandfunk Kultur, das Redaktionsnetzwerk Deutschland und die Münchner Runde des Bayerischen Fernsehens.

Interview mit Angelika Müller (IFI)

„Wir wissen nicht, ob der Impfstoff wirklich schützt“

 

Corona-Spezial Dezember 2020 – Zur aktuellen Situation und den wichtigsten Gesichtspunkten bei der Impfung gegen Covid-19 sprachen wir mit der Vorsitzenden des Vereins „Initiative freie Impfentscheidung (IFI)“, Angelika Müller. Die 1960 in München geborene Informatikerin und Mutter von vier Kindern begann nach einer schweren Impfnebenwirkung bei ihrem Sohn, sich intensiv mit dem Impfen und den damit verbundenen Risiken zu beschäftigen. 1997 gründete sie die Interessensgemeinschaft EFI (Eltern für Impfaufklärung) und war 2019 an der Gründung des Vereins „Initiative freie Impfentscheidung e. V.“ beteiligt, dessen Vorstand sie ist. Der Verein unterstützt vier Eltern, die gegen das „Masernschutzgesetz“ und die damit verbundene Impfpflicht beim Bundesverfassungsgericht eine Verfassungsbeschwerde angestrengt haben. Angelika Müller plädiert für eine sachliche Impfaufklärung als Basis für eine mündige und eigenverantwortliche Impfentscheidung.

Warum befasst sich Ihr Verein mit der Impfung gegen Covid-19?

Angelika Müller: Wir wollen der Bevölkerung und damit den von der Impfung unmittelbar Betroffenen Wissen zur Verfügung stellen, das sie andernorts nicht bekommen. Ich habe es noch nie so erlebt wie jetzt bei Corona, dass ein Diskurs nicht nur unerwünscht ist, sondern aktiv unterbunden wird. Man darf an der offiziellen Regierungslinie kein kritisches Wort äußern, ohne sofort in die Ecke von Reichsbürgern, Verschwörungstheoretikern und Nazis gestellt zu werden – das ist unerträglich. Wir fordern einen lebendigen Diskurs – innerhalb der Gesellschaft ebenso wie in der Wissenschaft. Wir wollen keine Schlammschlacht führen, sondern eine Diskussion um die verschiedenen Fragen und Perspektiven, auf einer wissenschaftlich soliden Basis.

Wie beurteilen Sie die jetzt vorliegenden Informationen über die Impfung gegen Covid-19?

Angelika Müller: Was uns völlig fehlt, ist der Aspekt der Epidemiologie mit der „Herde“ der Bevölkerung im Zentrum des Interesses. Der Fokus liegt zurzeit ausnahmslos auf Einzelschicksalen mit schweren Verläufen und Todesfällen, von denen jeder einzelne ganz sicher bedauerlich ist. Aber es fehlt der Blick auf die Gesundheit der Bevölkerung und die damit verbundene Dynamik. Die Bereitschaft, die anderen zu schützen, ist ja sehr groß in der Bevölkerung. Niemand sagt: Die Alten, Kranken und Pflegebedürftigen sind uns egal. Bisher hieß es: Maske tragen, auf Hygiene achten, lüften und Kontakte vermeiden. Jetzt soll es die Impfung richten. Aber genau die Risikogruppen – Menschen mit mehreren schweren Erkrankungen und sehr alte Menschen – sind bei den Impfstoffstudien bisher ausgeschlossen worden. Wir wissen nicht, ob sie überhaupt auf einen der Impfstoffe ansprechen und ob bei ihnen die Risiken den Nutzen nicht überwiegen. Die Impfstoffindustrie hat es geschafft, den Begriff ‚Impfschutz‘ von der Wissenschaft zu entfernen. Es ist nicht so, dass ein Geimpfter geschützt und damit die Welt wieder in Ordnung ist. Die Natur und die Realität sind wesentlich komplexer.

Wie lässt sich der Impfschutz denn überprüfen?

Angelika Müller: Ein Impfschutz kann verschiedene Effekte haben. Die Studien dazu untersuchen bestimmte, vorher definierte „Endpunkte“, also Ziele und Eigenschaften. In den laufenden Zulassungsstudien der Impfstoffe gegen SARS-CoV-2 geht es um das Verhindern von Erkrankungen oder schweren Krankheitsverläufen: Wie viele Geimpfte bekommen die Krankheit, wie viele nicht? Teilweise schaut man noch, wie schwer die Krankheit verläuft. Und wenn es für den BioNTec/Pfizer-Impfstoff heißt, er habe 95 Prozent Wirksamkeit, bedeutet das, 95 Prozent der Geimpften bekommen die Krankheit nicht – so sagt es die Firma, nachprüfbar war das nicht, weil bisher dazu keine wissenschaftlichen Daten publiziert wurden. Dem Impfstoff wird jedoch aus Marketing- und politischen Gründen eine weitere Eigenschaft angedichtet, die in keiner Weise belegt ist: Angeblich verhindert er nicht nur die Krankheit, sondern auch die Infektion als solche – beim Geimpften und bei anderen. Das heißt: Derjenige, der geimpft ist, nimmt das Virus nicht auf und steckt auch andere nicht damit an. Das nennt man „sterile Immunität“, steril im Sinne von „frei von Erregern“. Ob das so ist, wird in den Zulassungsstudien nicht geprüft. Es wird einfach so angenommen. Und selbst wenn der Impfstoff das tut, wissen wir nicht, für wie lange. Wissenschaftlich gesehen ist das ein Unding.

Wie könnte man das denn prüfen?

Angelika Müller: Man kann so etwas nur über eine intensive klassische Nachbeobachtung ermitteln, die „Postmarketing-Surveillance“. Ob und was da für den Corona-Impfstoff geplant ist, wissen wir nicht. Ich weiß auch nicht, wie das gewährleistet sein soll angesichts der Massendurchschleusung in den Impfzentren. Wenn jetzt die Alten- und Pflegeheime zuerst ‚durchgeimpft‘ werden, müsste dies engstens wissenschaftlich begleitet werden. Mir ist nicht bekannt, dass das geplant und vor allem auch gewährleistet ist. Vor allem der Frage nachzugehen, ob jemand an oder mit Corona, an etwas ganz anderem oder womöglich an der Impfung gestorben ist. Es wird schwer sein, das wirklich zu unterscheiden, wenn man nicht sehr sorgfältig wissenschaftliche Daten erhebt und alle Verstorbenen obduziert – das ist ein Riesenaufwand.

Es heißt ja, wer sich nicht impfen lasse, verhalte sich unsolidarisch ...

Angelika Müller: Mit diesem Argument wird ein immenser sozialer und moralischer Druck aufgebaut. Bisher waren es die kritischen Stimmen, die ins Abseits gedrängt wurden. Jetzt gilt das auch für Impfverweigerer. Der Datenschutz spielt keine Rolle mehr, es wird schon gefordert, ihn bei Corona komplett außen vor zu lassen. Und es wird bereits diskutiert, dass Geimpfte irgendwie kenntlich gemacht werden. Früher war es tabu, jemanden nach seinem Impfstatus zu fragen, das unterlag der ärztlichen Schweigepflicht und war kein Kriterium für irgendwas. Jetzt wird es nicht mehr lange dauern, bis die Impfung zur Eintrittskarte wird für ein ‚normales‘ Leben, in dem man wieder reisen, sich mit anderen treffen, ins Konzert oder auf Veranstaltungen gehen kann. Diese Dimension hatten wir noch nie. Da wird ein Teil der Bevölkerung gegen einen anderen Teil ausgespielt. Und das ohne jede wissenschaftliche Substanz.

Sehen Sie gar nichts Positives an den Impfstoffen?  

Angelika Müller: Doch, natürlich steckt in ihnen eine große Chance. Aber wir wissen einfach zu wenig darüber. Die Impfung wird möglicherweise ein Teil der Lösung sein, aber nicht DIE Lösung. Es wird schon seit Jahrzehnten an diesen RNA- und DNA-Impfstoffen geforscht. Noch nie hat es einer zur Marktreife gebracht, keiner hat es über die präklinischen Versuche hinaus geschafft, weil sie nicht gehalten haben, was man sich davon versprochen hat. Der einzige Vektor-Impfstoff, den es gibt, ist der gegen Ebola. Aber da haben wir es mit einer sehr gefährlichen Krankheit zu tun, die eine hohe Mortalität nach sich zieht, da kann man so ein Risiko vertreten, zumal es sich nicht um eine Massenimpfung handelt. Wenn man schon alles so verkürzt und beschleunigt, müsste man wenigstens eine solide Datenbasis haben – und die vermisse ich.

Immunitätsausweise

Impfpflicht durch die Hintertür?

 

Corona-Spezial Dezember 2020 – Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat sich zwar erneut gegen eine Impfpflicht ausgesprochen, wie die Deutsche Welle berichtet: „Ich denke nicht, dass Vorschriften besonders bei dieser Impfung der richtige Weg sind", sagte die WHO-Impfexpertin Kate O'Brien in Genf. Eine Impfung gegen das Virus vorzuschreiben oder nachdrücklich zu empfehlen, könne in bestimmten Berufsfeldern wie der Intensivmedizin sinnvoll sein. Es gebe aber Beispiele, in denen eine Impfpflicht den gegenteiligen Effekt gehabt und nicht zu einer höheren Immunisierungsrate in der Bevölkerung geführt habe. Und der WHO-Nothilfekoordinator Mike Ryan fügte hinzu: „Ich denke, wir sind viel besser beraten, den Menschen die Daten und die Vorteile zu präsentieren und sie selbst entscheiden zu lassen."

Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn verkündete in seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag am 18. November 2020: „Ich gebe Ihnen mein Wort: Es wird in dieser Pandemie keine Impfpflicht geben!“ Spahn reagiert damit auf die weit verbreitete Skepsis in der Bevölkerung: nur etwa jede*r Zweite ist bereit, sich impfen zu lassen, wie eine Umfrage der Barmer Ersatzkasse vom 30. November zeigt (die Angaben schwanken je nach Bundesland). Auch der ARD-Deutschlandtrend sah im November eher eine Abnahme der Impfbereitschaft.

Und weil das so ist, fordert z. B. Peter Heinz, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Rheinland-Pfalz, in einem Interview mit der Koblenzer Rhein-Zeitung, das im Deutschen Ärzteblatt zitiert wird, deutliche Anreize für alle Impfwilligen: „Wir brauchen ein neues Impf-Marketing: Wer gegen Corona geimpft ist, muss dadurch Vorteile haben.“ Ein Geimpfter müsse „die Möglichkeit haben, ohne Beschränkungen ins Theater zu gehen. Oder er muss ohne Test ins Ausland reisen und ohne Quarantäne wieder einreisen können.“ Ansonsten würden sich viele Menschen nicht impfen lassen – weshalb Heinz darin nichts Angreifbares erkennen kann: „Die Entscheidung, nur einen Geimpften in ein Theater zu lassen, ist vernünftig: Das ist keine Freiheit, die man anderen aus Willkür nicht gewährt, sondern aus rein sachlichen Gründen.“

Die „zahlreichen Versuche, den Impfgedanken voranzubringen“, seien „ehrenwert, aber letztlich Flickwerk“, meint auch Florian Martius, Chefredakteur von Pharma Fakten, einer Initiative von Arzneimittelherstellern in Deutschland, angesiedelt bei Boehringer Ingelheim. Die Weltgesundheitsorganisation WHO zähle die Impfskepsis zu „den zehn Bedrohungen für die globale Gesundheit“, gleich neben Antibiotika-Resistenzen und der Luftverschmutzung. Das Impfen, die Krankheitsvermeidung, die Prävention – „sie müssen herunter vom Altar der Sonntagsreden und klares politisches Handeln werden“, fordert Martius. Ihm fehle „das klare, laut vernehmbare Bekenntnis zum Impfen“. Alle Hürden, die einer besseren Akzeptanz von Impfungen im Wege stehen seien „zu identifizieren und auszuradieren“.

Für CSU-Generalsekretär Markus Blume gehört das Impfen schon jetzt zur patriotischen Pflicht einer/eines jeden, wie er in einem Interview mit der WELT (Bezahlschranke) betont: „Wir sollten vor allem über die praktischen Wirkungen und weniger über die theoretischen Nebenwirkungen reden! Die Impfung ist der einzige Weg, um zur Normalität zurückzukehren. Das Impfen sollte für jeden gefühlt zur patriotischen Selbstverständlichkeit werden. Für sich selbst und für andere.“ Ins gleiche Horn bläst auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder in der BILD: „Eigentlich ist es ein Gebot, sich impfen zu lassen.“

Noch drastischer formuliert es Nikolaus Blome, früher bei BILD, heute Ressortleiter Politik und Gesellschaft bei RTL, in einer Kolumne für den SPIEGEL. Unter der Überschrift „Impfpflicht! Was denn sonst?“ stehen da die denkwürdigen Sätze: „Die Politik fürchtet die Impfpflicht. Der Bundesgesundheitsminister verspricht den Leuten in die Hand, dass es keine geben werde. Eine SPD-Ministerpräsidentin warnt vor ‚Sonderrechten‘ für Geimpfte, und die Bundesjustizministerin barmt gar ob der ‚gesellschaftlichen Nachteile‘, die Ungeimpften drohen könnten. Ich hingegen möchte an dieser Stelle ausdrücklich um gesellschaftliche Nachteile für all jene ersuchen, die freiwillig auf eine Impfung verzichten. Möge die gesamte Republik mit dem Finger auf sie zeigen.“

Die Fluggesellschaft Quantas hat die Weichen bereits gestellt: Auf Interkontinentalflügen sollen Reisende nur noch dann ein Ticket bekommen, wenn sie nachweisen können, gegen Covid-19 geimpft zu sein, berichtet die WELT am 4. Dezember (Bezahlschranke). Auch der übergeordnete Dachverband, die International Airport Transport Association (IATA), erwägt die Einführung eines „Impf-Reisepasses“. Insofern ist es völlig egal, welche Versprechen Jens Spahn abgibt – wenn andere das anders entscheiden, kann er ja nichts dafür ... Manche Länder (z. B. in Lateinamerika, Asien, Afrika) verlangen ja auch den Nachweis einer Gelbfieber-Impfung. Allerdings ist diese Krankheit sehr viel gefährlicher als Covid-19 und der Impfstoff seit Jahrzehnten erprobt. Für die Lufthansa steht ein Impfausweis derzeit nicht zur Debatte. Sie setzt eher auf Antigen-Schnelltests, die schon jetzt zunehmend im Luftverkehr eingesetzt werden.

Viel Kritik, wenig Effekte

Der Lockdown Light hält nicht, was man sich versprach

 

Corona-Spezial Dezember 2020 – Der Mediziner und Gesundheitsökonom Matthias Schrappe hat zusammen mit acht weiteren Wissenschaftlern einen Monat nach dem fünften Thesenpapier vom 25. Oktober, in dem eine „spezifische Prävention als Grundlage einer stabilen Kontrolle der SARS-CoV-2-Epidemie“ gefordert wurde, am 22. November sein sechstes Thesenpapier vorgelegt. Zum wiederholten Male fordern die Fachleute darin einen Strategiewechsel für die Bekämpfung der Corona-Krise und entwickeln Konzepte, wie man Pflegeheime und Krankenhäuser wirkungsvoll schützen könne. Denn 85 Prozent der Menschen, die an oder mit dem Virus sterben, sind älter als 69 Jahre. In Pflegeheimen leben 850.000 Senior*innen. Sie sollen, so Schrappe und sein Team, in den Mittelpunkt der Maßnahmen rücken, allerdings anders, als es die Regierung bisher tue. Es sei nichts zu erkennen, erklärte Schrappe in einem Interview mit der WELT (Bezahlschranke), was „nach einer brauchbaren Strategie“ aussehe: „Die Bundesregierung ist beratungsresistent.“ Wenn von Schutz die Rede sei, könne man sich darauf verlassen, dass damit Wegsperren gemeint sei. Es gehe aber darum, zielgruppenspezifische Präventionsstrategien zu entwickeln, wie man es seit Jahrzehnten erfolgreich in der HIV-Prävention mache: „Wegschließen gehört sicher nicht dazu.“

Im Gegensatz zu den Anordnungen der Bundesregierung und der Ministerpräsidenten setze er mehr auf die Eigenverantwortung: „Ich achte die Rolle und die Autonomie des Patienten. Im Gesundheitswesen haben wir zuletzt große Fortschritte gemacht, wie man als Patient Risiken erkennt und eigenverantwortlich darüber entscheidet. Ich hoffe, es wird kein Zurück geben zum blind gehorsamen, gefügigen Patienten, dem weder Fragen noch eine Meinung oder gar Selbstbestimmung zustehen.“ Ob man den ‚Lockdown light‘ mache oder nicht, spiele keine Rolle. Er könne keine Welle brechen, es handele sich vielmehr um einen lang dauernden Anstieg, wie er auch in anderen Ländern zu beobachten sei. Länder wie Frankreich und Spanien, in denen die Verbote noch viel drastischer gewesen seien als in Deutschland, stünden heute schlechter da als wir: „Die Pandemie ist kein Geschehen mehr, das man mit Beschränkungen ausbremsen könnte.“ Die Infektionen wachsen in die Breite, man könne dem immer nur hinterherrennen. Es gebe keine Chance, dem Virus zuvorzukommen, man ruiniere damit auf Dauer nur die Gesundheitsämter.

Kritik übte Schrappe auch an der Teststrategie des RKI. Es würde helfen, wenn die Labore nicht nur „positiv“ oder „negativ“ angeben würden, sondern auch die Infektiosität, die sich an der Dauer des PCR-Tests bemisst (je mehr Zyklen nötig sind, desto geringer ist die Infektiosität). Schrappe: „Aber die Gesundheitsämter sagen: Das steht nicht in den RKI-Anweisungen, das nehmen wir nicht zur Kenntnis.“

Mit dem neuen Infektionsschutzgesetz wachse nur „die Kontrollmacht des Staates“ und die ärztliche Schweigepflicht sei in Gefahr: „Wir gefährden einen wichtigen, historisch bewährten Grundwert unserer Gesellschaft.“ Auch die Verfügbarkeit eines Impfstoffs biete keine Perspektive und sei „erst der erste Millimeter eines langen, langen Weges“, der sich über viele Jahre erstrecke. Corona-Infektionen werden „als Differenzialdiagnose völlig normal werden“ und ihren Schrecken verlieren: „Nehmen Sie die klassische Lungenentzündung. Wer damit ins Krankenhaus kommt, hat eine Sterblichkeit von zehn Prozent. Zurzeit hat man mit SARS-CoV-2 im Krankenhaus auch eine Sterblichkeit von zehn Prozent, das gleiche gilt für Pneumokokken. Es wird für uns normal werden, es wird dazugehören.“

Dass die von Schrappe und seinem Team entwickelten Ideen durchaus erfolgreich sein können, zeigt das Beispiel Tübingen, wo Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) einiges davon bereits erfolgreich umgesetzt hat, wie er in einem Gastbeitrag für die WELT schildert (Bezahlschranke): „Würde es uns gelingen, die älteren Menschen effektiv vor dem Virus zu schützen, könnten wir Corona auf das Gefahrenniveau einer normalen Grippe herabstufen“, schreibt Palmer. „Wir könnten mehr Menschenleben retten als durch den derzeit praktizierten Teil-Lockdown.“ Seine Strategie beruht vor allem auf unbürokratischem Handeln: Alle Bürger*innen über 65 Jahren kostenlos mit FFP2-Masken ausrüsten; kostenlose Tests für alle in der Altenpflege Beschäftigen; mindestens einmal in der Woche Schnelltests für Bewohner und Besucher von Altenheimen; Taxi-Service für Senior*innen; spezielle Einkaufszeiten für die Risikogruppen, wenn erfahrungsgemäß nicht so viele Leute im Supermarkt sind. Seit Mai wurde kein einziger Ausbruch mehr in einem Alten- oder Pflegeheim im Stadtgebiet verzeichnet. Und: „Im November blieb die Zahl der Covid-19-Patienten auf der Intensivstation immer unterhalb der Marke von einem Drittel des Höchststandes in der ersten Welle. Die Reproduktionszahl R ist schon in den letzten zwei Oktoberwochen auf 1 gefallen und seither nahezu konstant.“ Der Teil-Lockdown dagegen habe keinerlei Effekt gezeigt. Die Strategie der Kanzlerin und ihrer Berater, habe, so Palmer, „für die Gesamtbevölkerung keinen sichtbaren Nutzen erbracht. (...) Söders drastischer Vergleich der Corona-Todeszahlen mit einem täglichen Flugzeugabsturz drängt die Frage auf, warum auch Bayern seine Heime nicht gegen solche Abstürze zu schützen vermag. Die viel beschworene Achtung vor dem Leben und der Respekt vor den Älteren findet sich in den Tübinger Daten eher als in denen des Bundes.“

Holger Pfaff, Medizinsoziologe an der Universität Köln und Mitautor des Schrappe-Thesenpapiers, geht mit der Kommunikationsstrategie der Bundesregierung scharf ins Gericht, wie die WELT berichtet (Bezahlschranke): „Sie beschwört eine Bedrohung à la Bergamo, aber die derzeitigen Zahlen aus deutschen Krankenhäusern können von den Menschen auch anders interpretiert werden. (...) Je länger die Krise dauert, desto weniger verfangen solche Bedrohungsszenarien. So verschwindet Vertrauen. Irgendwann hört keiner mehr hin.“

Eine „irreführende Darstellung in Regierungserklärungen“ beklagt auch Christof Kuhbandner, der an der Universität Regensburg Pädagogische Psychologie lehrt, in einem wiederum äußerst sorgfältig aufbereiteten Artikel für telepolis am 30. November. So spiegele die vom RKI täglich berichtete Anzahl an neuen Todesfällen „im „Zusammenhang mit Covid-19“ nicht, wie von Angela Merkel auf der Pressekonferenz zum „Lockdown light“ behauptet, die in den zurückliegenden 24 Stunden aufgetretenen Todesfälle wider. Vielmehr handele es sich um Meldungen, die teilweise Tage oder Wochen zurückliegen. Auch sei nur ein Teil von ihnen an einer Covid-19-Infektion gestorben. Zudem verursachen auch die von der Bundesregierung verordneten Maßnahmen Todesfälle, was inzwischen offenbar nicht mehr als relevant erachtet werde. Kuhbandners Analyse zeigt teilweise haarsträubende statistische Mängel und Fehler auf. So zähle das RKI einen Toten sogar dann als „Covid-19-Todesfall“, wenn das positive Testergebnis schon lange zurückliegt, die Person inzwischen als genesen galt und an etwas ganz anderem gestorben ist. „Denkt man hier auf lange Sicht“, so Kuhbandner, „hätte man praktisch eine Sterberate von 100 Prozent, da alle jemals positiv Getesteten schließlich irgendwann sterben werden, was inhaltlich völlig absurd ist.“ Kuhbandner fordert, dass die Bevölkerung „objektiv, evidenzbasiert und sachlich korrekt über die verschiedenen Sachverhalte aufgeklärt“ wird; auch dürfe nicht „mit emotionalisierenden Bildern und Berichten oder alltagsintuitiven Überzeugungen gearbeitet“ werden, die Ängste schüren, „rationale Abwägungen erschweren und irrationale Entscheidungsprozesse wahrscheinlich machen“.

In der Kritik steht auch ein weiteres Mal der PCR-Test bzw. die im Januar publizierte Arbeit von Christian Drosten dazu. Insgesamt 22 renommierte internationale Wissenschaftler*innen, darunter Prof. Dr. Ulrike Kämmerer, Spezialistin für Humanbiologie, Virologie, Immunologie und Zellbiologie am Universitätsklinikum Würzburg, und Dr. Michael Yeadon, ehemaliger Leiter der medizinischen Forschung beim Pharma-Multi Pfizer, hatten die Arbeit noch einmal einem unabhängigen Peer-Review-Prozess unterzogen. Ihr Urteil ist vernichtend: Die Studie enthalte neun gravierende wissenschaftliche Fehler sowie drei kleinere Ungenauigkeiten. Bei einer Anhörung im Corona-Untersuchungsausschuss (22. Sitzung, ab 03:55:00), bei der sie die Drosten-Studie haarklein auseinandernimmt, sagte Ulrike Kämmerer, wenn ein Doktorand so eine Studie vorlegen würde, „müsste er alles nochmal neu machen“ ...

Schon die Tatsache, dass die am 21. Januar 2020 eingereichte Arbeit bereits zwei Tage später veröffentlicht wurde, lässt staunen. In so kurzer Zeit kann keine Begutachtung stattgefunden haben, die diesen Namen verdient. Auch gab es erhebliche Interessenskonflikte bei den Autoren der Studie, die erst im Nachhinein und auf massiven Druck angegeben wurden. Zwei Autoren z. B. sind Geschäftsführer bzw. Berater der Firma TIB Mobiol, die laut eigenen Aussagen als erste PCR-Test-Kits auf den Markt gebracht hat – auf der Basis des von Drosten publizierten Protokolls.

Gemeinsam mit ihren 21 Kolleg*innen hat Kämmerer am 27. November 2020 bei dem Journal „Eurosurveillance“, in dem die Studie veröffentlicht worden war, den Antrag eingereicht, die Studie zurückzuziehen. Allerdings ist Christian Drosten selbst Mitherausgeber des Magazins ...

Dass das RKI zu Tests, Inzidenz und Todesfällen in Zukunft wesentlich bessere Zahlen liefern wird, steht nicht zu erwarten: Gerade hat der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestags dem RKI von den beantragten 68 Stellen für die technische Aufrüstung gerade mal vier bewilligt und damit die Personalpläne kräftig durchkreuzt, wie die WELT am Sonntag berichtet. Das Gesundheitsministerium wollte dazu ebenso wenig Stellung nehmen wie der Finanzminister.

In den Medien gab es erstaunlich viele kritische Kommentare zum „Lockdown light“ der Bundesregierung. Der SPIEGEL meint, Corona „kocht die deutsche Gesellschaft auf ihre Essenz herunter“ und prangert die Zahlenspielereien an, wie viele Hausstände sich mit wie vielen Menschen treffen dürfen plus Kinder bis 14 Jahre (wer dann im Dezember gerade 15 wird, hat eben Pech gehabt). Ebenso den Widersinn, dass volle Klassenzimmer „mit magischem Lüften von Viren befreit werden können, Restaurants aber selbst mit weit auseinandergestellten Tischen und aufwendig eingebauten Lüftungsanlagen unvertretbare Risiken darstellen“.  

Spiegel-Kolumnist Alexander Neubacher wird noch deutlicher: Unter der Überschrift „Kein Platz für Opa“ meint er, es schade der Corona-Politik, „wenn sich eine Landesregierung Vorschriften ausdenkt, die selbst der Gutwilligste nur für bekloppt halten kann“ und spielt damit auf den Berliner Senat an. An Weihnachten soll da bei fünf Personen Schluss sein, Kinder bis 14 Jahre ausgenommen: „Ein Paar mit zwei Teenagern hat an seiner Weihnachtstafel also Platz für genau noch eine weitere Person. Für die Oma. Oder den Opa. Oder die andere Oma. Man ahnt: Es werden Tränen fließen. (...) Kein Mensch versteht, warum Oma und Opa an Heiligabend getrennt feiern sollen, während nach jetzigem Stand fünf Menschen aus fünf verschiedenen Haushalten Party machen dürfen.“ Zudem stehe in Frage, wie eigentlich überprüft werden soll, ob man sich an die Regel hält – ob das Ordnungsamt an Heiligabend durch die Fenster luge und durchzähle, wie viele Menschen sich um den Tannenbaum versammelt haben? „Eine Regierung, die eine Fünf-Personen-Gaga-Vorschrift erlässt, die sie nicht einmal kontrollieren kann, macht sich lächerlich.“

„Manche Widersprüche sind schwer zu ertragen“, meint auch die Berliner Zeitung und kommentiert scharfzüngig: „Während es für den Einzelhandel klare Verschärfungen gibt, Restaurants, Hotels, Kultur- und Freizeiteinrichtungen weiterhin geschlossen bleiben, heißt es für die Schulen: Alles wie immer. In großen Geschäften darf sich nur ein Kunde pro 20 Quadratmeter aufhalten – in Schulen geht das locker mit 24 bis 30 Kindern pro 60 Quadratmetern. Ab Klasse 7 müssen alle Maske tragen, dann ist die Welt in Ordnung.“

Der STERN (Bezahlschranke) meint gar, die Beschlüsse, die Merkel und die Ministerpräsidenten ausgehandelt haben, erinnern „an die ersten Versuche eines weniger begabten Fahrschülers, der mit den drei Pedalen zu seinen Füßen nicht zurechtkommt. Anfahren, stottern, bremsen, abwürgen. Und alles wieder von vorne.“ Etliche der Beschlüsse seien „angesiedelt im großen Nirgendwo zwischen inkonsistent, absurd und weltfremd.“ Zum Beispiel die Appelle, „in den Tagen vor Weihnachten möglichst in einer Art Schutzquarantäne zu verharren und das Haus praktisch nicht mehr zu verlassen.“

Der Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), Jürgen Windeler, fand in einem Interview mit der ZEIT (Bezahlschranke) am 2. Dezember deutliche Worte auf die Frage, warum sich das IQWiG als „wichtigste unabhängige deutsche Einrichtung für die Bewertung von medizinischen und anderen gesundheitlichen Maßnahmen“ zur Corona-Epidemie bisher nicht geäußert habe: Das IQWiG könne nur tätig werden, wenn es dafür einen Auftrag bekomme, vom Gemeinsamen Bundesausschuss oder vom Bundesgesundheitsministerium. Beides sei bisher nicht der Fall gewesen. Und stellte eine Gegenfrage: „Interessiert sich überhaupt jemand dafür, ob die Maßnahmen wissenschaftlich belegt sind?“ Es gebe viele Vermutungen dazu, „aber sehr wenig Beweiskraft“. Bis heute lägen keine Daten vor zur Infektionssterblichkeit, zur Antikörperbildung und Immunität. Man wisse auch nicht, wie viele Infektionen unauffällig verlaufen. Als ihm die Interviewerin daraufhin vorhielt, solche Argumente brächten ihn „in die Nähe von Covid-19-Verharmlosern“, platzte Windeler der Kragen: „Das ist doch Quatsch! (...) Nicht jede Frage und jeder Zweifel sind Verharmlosung oder Verschwörungswahn. (...) Dieses ‚Verharmlosen‘-Etikett erlaubt es jedem, das Zuhören einzustellen. Dabei würde sich die Auseinandersetzung mit den Argumenten lohnen.“ Diskussionen und ein wissenschaftlicher Streit seien jedoch „unerwünscht“. Die Frustration und das Kopfschütteln seien „mit Händen zu greifen“. Die „beeindruckenden Bemühungen“ um Hygienekonzepte von Museen, Konzerthäusern und Theatern seien „damit beantwortet worden, dass man Kultur zu Freizeitgestaltung und Unterhaltung degradiert“ habe: „Von heute auf morgen war alles nichts mehr wert.“ Wenn Risiko-Kommunikation erfolgreich sein solle, müsse sie „die Menschen als entscheidungsfähige Personen behandeln“. In Deutschland habe man sich jedoch „meist mit Warnungen und Drohungen begnügt“.

Als Folgen der Pandemie seien „Befehl und Gehorsam wieder da“ konstatiert Alexander Kissler, Berlin-Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung: „In der Corona-Krise entdecken Politiker den Herrenreiter in sich und greifen zum autoritären Wort. Langfristig darf der politische Prozess nicht auf die Ausgabe von Verhaltensmaßregeln verkürzt werden.“ Kissler nimmt dabei vor allem auf den Baden-Württembergischen Ministerpräsident Winfried Kretschmann von den Grünen Bezug, der auf die Frage, wie lange wohl das Partyverbot noch andauere, geantwortet habe, bis die Bevölkerung ‚durchgeimpft‘ sei. „So lange müssten die Bürger ihre Kontakte reduzieren“, schreibt Kissler, „müssten sich daran gewöhnen, schärfer kontrolliert und härter bestraft zu werden, und müssten mit noch stärkeren Maßnahmen rechnen. ‚Jeder‘, gab der grüne Politiker bekannt, ‚jeder hat die Verpflichtung, sich an die Regeln zu halten. Wir können nicht dulden, dass diese Sache nicht ernstgenommen wird.‘ Das große Müssen regiert. Es wird wieder angeordnet. Kretschmann ist dabei kein Einzelfall.“ Malu Dreyer (Rheinland-Pfalz) fordere „Disziplin in alle Richtungen“. Markus Söder (Bayern) erkläre: „Wir wollen lenken, begleiten und in die richtige Richtung führen.“ In einer Demokratie, so Kissler, gebe es „viele Wege zur Freiheit, aber niemals die eine richtige Richtung. Und demokratisch gewählte Regierungen haben nicht die Legitimation, eine solche Richtung anzuordnen.“ Auf einer „Strecke von unabsehbarer Länge soll die Devise von Befehl und Gehorsam gelten. Die Exekutive gefällt sich zunehmend darin, vom Souverän, dem Volk, nach Art eines unbotmäßigen Lümmels zu reden. In vergangenen Zeiten hieß es schlicht, wer nicht hören wolle, der müsse eben fühlen.“ Habe sich der politische Prozess erst einmal auf die Ausgabe von Verhaltensmaßregeln verengt, könne es schwierig werden, zur bürgerlichen Freiheit zurückzukehren.

Mit der bürgerlichen Freiheit wird es allerdings erstmal nichts: Sachsen geht ab 14. Dezember in einen „harten Lockdown“: Kindergärten, Schulen und alle Geschäfte mit nicht lebensnotwendigem Angebot werden geschlossen. Markus Söder hat schon am 6. Dezember für Bayern den Katastrophenfall erklärt, was ihm noch weitere Befugnisse einräumt, Ausgangssperre in Hotspots inklusive. Dazu hat die WELT ein hochinteressantes Interview mit dem Regensburger Verfassungsrechtler Thorsten Kingreen geführt: „Das eigentliche Problem“ sei, so Kingreen, dass wir „gerade eine offensichtliche Diskrepanz zwischen medialer Inszenierung und dürftiger Substanz in der Sache“ erleben. Den anderen Bundesländern solle „die grimmige Entschlossenheit des Freistaats vor Augen geführt“ werden. Andererseits „werden Regeln beschlossen, die in der Sache nichts ändern“. Der Schutz der Risikogruppen sei „im Sommer schlicht verschlafen“ worden, man habe lieber „fragwürdige, medial aufgeblasene Massentestungen inszeniert“. Man müsse „den Leuten ehrlich sagen: Wir haben eine schwierige Lage, mit der wir auch noch ein paar Monate leben müssen. Da hilft kein starker Staat, sondern nur die Verantwortung jedes Einzelnen und die Medizin.“

Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina fordert in ihrer 7. Ad-hoc-Stellungahme: „Die Feiertage und den Jahreswechsel für einen harten Lockdown nutzen.“ Konkret: Ab 14. Dezember solle die Schulpflicht aufgehoben und alle Arbeitnehmer*innen „nachdrücklich“ zur Arbeit im Homeoffice aufgefordert sowie „alle Gruppenaktivitäten im Bereich von Sport und Kultur eingestellt“ werden. Ab Weihnachten solle das öffentliche Leben bis mindestens 10. Januar 2021 in ganz Deutschland weitgehend ruhen, das heißt, alle Geschäfte – mit Ausnahme derjenigen des täglichen Bedarfs – sollen geschlossen werden. Urlaubsreisen und größere Zusammenkünfte sollen komplett unterbleiben. Unterzeichnet wurde die Stellungnahme unter anderem von Christian Drosten und RKI-Chef Lothar Wieler. Im NDR-Podcast am 8. Dezember bezeichnete Drosten das Leopoldina-Papier als „deutliche und letzte Warnung der Wissenschaft“. Wenn sich die Politik gegen die darin enthaltenen Forderungen entscheide, „dann hat sich die Politik auch nicht mehr für die Wissenschaft entschieden.“ Am 9. Dezember machte sich Bundeskanzlerin Merkel die Forderungen zu eigen und sprach sich für die Schließung von Schulen und Geschäften aus, wie die WELT berichtet. 

Eine ähnliche Forderung hatte Karl Lauterbach bereits am 6. Dezember auf Twitter ausgesprochen, nämlich eine „deutliche Verschärfung“ des Lockdowns in ganz Deutschland: „Am besten wäre Vorziehen und Verlängern der Weihnachtsferien und Schließen der Geschäfte nach Weihnachten bis mindestens erste Januarwoche. Für Silvester soll es keine Lockerung geben. Wir brauchen endlich eine Inzidenz von 50/Woche. Mit anderen Mitteln geht es nicht.“ In einem Interview mit Phoenix plädiert Lauterbach sogar dafür, dass die ganze Familie unterm Tannenbaum Masken trägt. Und dann holt er noch das ganz große Damoklesschwert heraus und bezieht sich dabei auf einen Artikel aus dem Journal of Endocrinology Investigation, der Fachzeitschrift der italienischen Gesellschaft für Endokrinologie, vom 13. Juli 2020: „Eine weitere Komplikation von Covid dürften Potenzprobleme sein, weil die Infektion die Endothelfunktion dauerhaft beschädigen kann. Aus rein physiologischer Sicht wäre das Gegenteil die Überraschung. Das ist auch für junge Menschen nicht unerheblich“ (Tweet vom 6. Dezember).

Frohe Weihnachten

Heiter und besinnlich ins neue Jahr

 

Corona-Spezial Dezember 2020 – Aber wir wollen dieses sehr besondere Jahr, das jetzt fast hinter uns liegt, und damit auch diese Serie von Corona-Specials, die wir Ihnen seit April geboten haben, nicht beschließen, ohne einen heiteren und besinnlichen Ausklang.

Da haben doch die Landeskrankenhäuser des österreichischen Bundeslandes Kärnten über ihren Dachverband eine ungewöhnliche Initiative gestartet und ein Webinar „zur ergänzenden körperlichen und seelischen Gesundheitsvorsorge in Corona-Zeiten“ angeboten. Im Mittelpunkt stehen „Freundlichkeit im Alltag, Mitgefühl, gute Taten und ganz allgemein das Gutsein“. Denn zahlreiche Studien würden belegen, „dass es einen Zusammenhang zwischen Altruismus und seelischer sowie körperlicher Gesundheit“ gebe, so lautete die Botschaft. Das passt doch wunderbar in die Adventszeit.

Wenn Sie wissen wollen, worin sich die Corona-Bekämpfungsstrategien in Deutschland, Schweden und Frankreich unterscheiden und was das bisher konkret bedeutet hat, dann schauen Sie sich die Dokumentation auf arte an (noch bis zum 7. Februar 2021 in der Mediathek). Der Film ist zwar inzwischen nicht mehr ganz aktuell, regt aber zum Nachdenken an, bringt Fakten ohne Untertöne, beschönigt und verheimlicht nichts, lässt Betroffene zu Wort kommen, kurzum: sie zeigt, was guter Journalismus zu leisten vermag.

Und wenn es Sie an einem kalten Abend nach heißer Schokolade gelüstet, dann sollten Sie dem unbedingt nachgeben. Denn echter Kakao verbessert die Hirndurchblutung und die kognitiven Leistungen, vermeldet das Deutsche Ärzteblatt. Aber ein bisschen Mühe müssen Sie sich dabei schon geben – nicht einfach nur die Zuckerbombe Fertigkakao in H-Milch einrühren, nein, nein – es sollte schon echter Kakao sein (nur in hochwertiger, dunkler Schokolade enthalten oder in konzentriertem Bio-Kakao-Pulver!). Roh-Kakao mit seinem hohen Anteil an Flavenolen verbessert nämlich die Funktion des Endothels der Blutgefäße (das dürfte dann auch Karl Lauterbach freuen).  

Aber es darf in diesen schwierigen Zeiten und ganz besonders in den zwölf „Rauhnächten“ zwischen Heiligabend und den Heiligen Drei Königen am 6. Januar auch ein bisschen nachdenklich zugehen. Zum Beispiel mit einem Gastkommentar von Susanne Gaschke in der Neuen Zürcher Zeitung: „Den Tod kann uns niemand ersparen.“ Gerade die Corona-Pandemie konfrontiert uns mit unserer eigenen Endlichkeit, und nicht zuletzt erscheinen so viele Reaktionen auch deshalb so panisch und unlogisch, weil sie mit der Angst vor dem Sterben und dem Tod verbunden sind. Susanne Gaschke schreibt: „Wenn man es zynisch sehen will, dann belegt auch die Corona-Pandemie die Unfähigkeit der modernen Gesellschaft, den Gedanken an das eigene Ende auszuhalten. Dort, wo wir um jeden Preis verhindern wollen, dass auch nur irgendjemand an Corona stirbt.“ Den meisten von uns sei das Leben und Sterben von Hochbetagten in unserer Gesellschaft bisher herzlich egal gewesen, sofern es nicht um die eigenen Eltern oder Großeltern geht: „Zugespitzt: Wir tun im Moment alles, damit alte Menschen nicht an Corona sterben, aber wie einsam, wie verzweifelt und wie ungeborgen manche von ihnen sterben müssen, interessiert uns nicht.“ Wenn es nicht „beim dröhnenden Pathos bleiben“ solle, müsse dringend darüber geredet werden, „wie menschenwürdige Formen des Lebensendes aussehen könnten“. Dazu gehöre, dass wir uns „zu einer ehrlichen Betrachtung der Pflegeheime durchringen“. Es sei kein Zufall, „dass dort kaum jemand hinwill, der nicht unbedingt muss“. Die Würde des Menschen sei altersabhängig, zitiert Gaschke den Hamburger Psychiater und Gerontologen Josef Aldenhoff, und fügt hinzu: „Angesichts der Freihändigkeit, mit der in Deutschland Steuermilliarden zur wirtschaftlichen Abfederung unterschiedlich wirksamer Anti-Corona-Maßnahmen ausgegeben werden, möchte man die kollektiven Rettungsphantasien gern auf die Frage lenken, ob diese Geld-spielt-keine-Rolle-Gesellschaft sich nicht bitte auch einmal des Sterbens annehmen möchte. Der 78-jährige Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) hat dazu das Nötige gesagt, als er in die Corona-Debatte eingriff: ‚Wenn ich höre, alles andere habe vor dem Schutz von Leben zurückzutreten, dann muss ich sagen: Das ist in dieser Absolutheit nicht richtig. Wenn es überhaupt einen absoluten Wert in unserem Grundgesetz gibt, dann ist das die Würde des Menschen.‘ (...) Könnten und müssten wir uns es uns nicht leisten, dass jeder Mensch jedenfalls in Würde sterben darf? Und das heißt eben auch und vor allem: nicht allein?“ Ein lesenswerter Beitrag zu einer notwendigen Debatte.

Die Neue Zürcher Zeitung hat noch einen weiteren nachdenklichen Essay veröffentlicht. Unter der Überschrift „Die Freiheit trägt auch ihr Gegenteil in sich: Wo sie nicht verteidigt wird, geht sie verloren“ schreibt der Philosoph Otfried Höffe: „Masken tragen, Abstand halten, nur notwendige Kontakte pflegen: Die Pandemie hat uns daran gewöhnt, dass unsere Freiheit eingeschränkt wird. Darüber geht vergessen, dass die Freiheit auch von anderer Seite in Gefahr ist.“ Und er meint damit die Freiheit zur informationellen Selbstbestimmung und die personale Freiheit. Sein Fazit: „Die Idee der Freiheit verlangt nach einer Rechtsordnung, die jedem Missbrauch der Freiheit, der die Freiheit anderer verletzt, einklagbare Grenzen entgegenstellt. Die Freiheit muss immer mit der Gefahr des Bösen rechnen. Und sie muss bereit sein, die Freiheit gegen drohendes Übel zu verteidigen. Denn die Freiheit ist das höchste Gut des Menschen, sie macht seine Würde aus.“

Und auch wenn Jens Spahn immer noch meint, bei der Corona-Pandemie handele sich um eine Naturkatastrophe, so zeigt sich doch immer mehr, dass vielmehr der Mensch selbst der entscheidende Grund ist, warum sich dieses Virus so ausbreiten konnte. Das zeigt eine Studie des internationalen Teams des österreichischen Konrad Lorenz Instituts Klosterneuburg, einer unabhängigen Forschungseinrichtung mit den Schwerpunkten Lebenswissenschaften und Nachhaltigkeitsforschung. „Wir können die Pandemie als Folge des vom Menschen verursachten Diversitätsverlustes der Geosphäre und Biosphäre betrachten, der sich rückwirkend auch auf die Vielfalt der Anthroposphäre auswirken kann“, sagt Dr. Roberto Cazzolla Gatti, Erstautor des in „ScienceDirect“ veröffentlichten Artikels. Wenn wie lernen wollen, mit der Pandemie umzugehen, müssten wir sie als komplexes gobales Phänomen mit weitreichenden zeitlichen und räumlichen Wechselwirkungen verstehen, so die Forschungsgruppe. Sie interpretiert die aktuelle Pandemie als Resultat verringerter menschlicher, biologischer und geochemischer Vielfalt: „Diversität stellt wohl den wichtigsten Lösungsansatz dar, um mit Pandemien und ihren Folgen umzugehen.“

Lesenswert

Lektüre für Herz, Geist und Sinne

 

Corona-Spezial Dezember 2020 – Schon immer waren die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr bzw. den Heiligen Drei Königen eine besondere Zeit. Es sind die „Rauhnächte“ – Tage und Nächte „zwischen den Jahren“. Zeit zur Besinnung, zur Rückschau auf das Vergangene, zur Vorschau auf das Kommende. Mehr denn je wird es in diesem Jahr eine Zeit des Rückzugs sein, mit weniger Familientrubel als sonst, mit weniger Besuchen, weniger Geselligkeit. Das mag einerseits ein Verlust sein und ein Grund zum Traurigsein, es kann andererseits aber genutzt werden, um etwas für sich selbst und diejenigen zu tun, die uns am nächsten stehen. Wir haben Ihnen hier ein bisschen Lektüre für verschiedene Gelegenheiten zusammengestellt.

Gedanken, Einsichten, Ideen
Das dritte Buch innerhalb eines dreiviertel Jahres rund um die Corona-Pandemie und ihre Folgen legt das Autor*innenteam um Michaela Glöckler und Andreas Neider vor. Dieses Mal geht es um „ermutigende Gedanken, wissenschaftliche Einsichten und soziale Ideen zur Überwindung der Corona-Krise“. Thomas Hardtmuth, Arzt aus Heidenheim und ein ausgewiesener Viren- und Mikroben-Spezialist, schreibt über das Thema „Gesunder Menschenverstand oder Angst im Umgang mit Covid-19“. Bernd Ruf, Notfallpädagoge und Leiter des Parzival-Zentrums in Karlsruhe, beschäftigt sich mit der Frage, welche Möglichkeiten die Notfallpädagogik bereit hält, um die mit der Corona-Krise verbundenen Traumata zu bewältigen – nicht nur bei Kindern und Jugendlichen. Christoph Hueck, Biologe mit Schwerpunkt Genetik und Waldorflehrer, entwickelt eine „Zukunftsvision Soziale Dreigliederung“; Michaela Glöckler, Ärztin und langjährige Leiterin der Medizinischen Sektion am Goetheanum, beschreibt das Herz als „Zentralorgan des Immunsystems, Ort des Gewissens und des gesunden Menschenverstandes“. Andreas Neider, Verleger und Leiter der Kulturagentur "Von Mensch zu Mensch", betrachtet die Immunität vor dem Hintergrund von Salutogenese, Resilienz und Liebe. Und Hartmut Ramm, Biologe und Gärtner mit Schwerpunkt auf der Mistelkultivierung, spannt den Horizont ganz weit auf und beschreibt die kosmischen Motive im Umkreis der Corona-Pandemie und der „Großen Konjunktion“ am Himmel, auch als „Stern von Bethlehem“ bekannt. Hartmut Ramm schreibt: „Die Geburt Christi im Herzen jedes einzelnen Menschen wirft denn auch als Frage auf: Welchen Weg will ich gehen in der Zukunft? Will ich mich verlieren in der digitalen Welt oder will ich mich wieder in Beziehung bringen mit der realen Natur, mit den wirklichen Sternen am Himmel? Auch mit Blick auf diesen Charakter einer Entscheidung ist die Große Konjunktion Ausdruck für den möglichen Übergang und den Eintritt in ein neues Zeitalter. (...) Vorbereitet durch eine Fülle kosmischer Phänomene in den letzten vier Jahrsiebten, lädt uns die Große Konjunktion in der Weihnachtszeit des Jahres 2020 auch dazu ein, den Blick wieder hinaufzurichten an den gestirnten Himmel. Uns der Ruhe des Kosmos anzuvertrauen, die dort versammelten Lichtwesen wahrzunehmen und uns mit ihnen vertraut zu machen. (...) Trauen wir uns wieder zu, wie die Kinder zu staunen über das prächtige Lichtermeer, die wandelnde Lichtgestalt des Mondes, die beständigen Rhythmen der Planeten. Mit der Zeit wird ihr Anblick uns vertrauter werden, bald können wir die Namen mit erlebtem Inhalt füllen und vermögen vielleicht auch die Sprache der Sterne zu lesen. Um eines Tages den Mut zu finden für eine Frage, mit der wir unsere eigene, sehr persönliche Beziehung zur Christus-Wesenheit begründen. Gerade in dieser Zeit des Übergangs und der Ungewissheit angesichts unumgänglicher Wandlungen werden wir dann eine neue Art von Geborgenheit und zugleich Unterstützung auf unseren Wegen im Erdenleben erfahren können.“ Es gibt kaum eine schönere Formulierung für das, wofür die Weihnachts- und Neujahrszeit steht und wie wir sie uns zueigen machen können.

Michaela Glöckler (Hrsg.), Thomas Hardtmuth, Christoph Hueck, Andreas Neider (Hrsg.), Hartmut Ramm, Bernd Ruf: Corona und das Rätsel der Immunität. Ermutigende Gedanken, wissenschaftliche Einsichten und soziale Ideen zur Überwindung der Corona-Krise. 384 Seiten, 22,95 Euro (ab 14. Dezember im Buchhandel zu bestellen)


Mit der Pandemie leben
Schon seit dem Frühjahr hat der MDR mit dem Virologen Alexander Kekulé den Podcast „Corona-Kompass“ produziert, jetzt ist daraus ein Buch geworden. Kekulé rollt die Geschichte noch einmal von Anfang an auf und beschreibt die Entwicklung bis heute auf ebenso amüsante wie gut verständliche Art und Weise und weist auf wichtige Zukunftsaspekte hin. 

Alexander Kekulé: Der Corona-Kompass. Wie wir mit der Pandemie leben und was wir daraus lernen können. Ullstein Verlag, 352 Seiten, 22 Euro


Nachdenken über unser (Wirtschafts)Leben
Nur allzu oft schauen Menschen nicht nur im Wirtschaftsleben mit einem Tunnelblick auf das Geschehen von heute und vor allem von morgen. Nachhaltigkeit und Gemeinwohl stehen dabei meist nicht im Mittelpunkt. Dieses Buch von Waldemar Zeiler, Gründer und Mitinhaber des fairstainable Unternehmens Einhorn Products, will das ändern. „Wie konnte es so weit kommen“, schreibt die Ökonomin und Transformationsforscherin Maja Göpel in ihrem Vorwort, „dass der Marktwert von Unternehmen, ohne deren Produkte wir alle problemlos überleben könnten, den der Unternehmen weit überragen, die unsere Versorgungssicherheit gewährleisten? Überhaupt: Wieso gelten die Unternehmen als besonders wertvoll, die keine Steuern zahlen und dafür Aktien zurückkaufen, die Dividende über die Vergütung für ihre Mitarbeiter stellen und während der Corona-Pandemie sogar Rettungspakete, finanziert vom Steuerzahler, an die Aktionäre weiterreichen?“ Dieses Buch zeigt dafür einige schlagende Beispiele, aber auch Lösungswege und Stellschrauben für Veränderungen. Es ist ein Plädoyer für neue Werte und eine neue Wirtschaft. Gerade die Umwälzungen, die die Corona-Krise mit sich bringt, stellen die Weichen dafür, dass sich vieles zum Besseren wenden kann. Ein wichtiges Buch für eine bessere Zukunft.

Waldemar Zeiler mit Katharina Höftmann Ciobotaru: Unfuck the Economy. Eine neue Wirtschaft und ein besseres Leben für uns alle. Goldmann Verlag, 224 Seiten, 15 Euro


Plädoyer für die Stille
Er ist ein weltbekannter Dirigent, der mit unzähligen großen Orchestern gearbeitet hat, mithin also ein Mensch, der mit Klängen umzugehen versteht – jetzt hat er anlässlich seines 60. Geburtstages zusammen mit Axel Brüggemann ein Buch über den Wert der Stille geschrieben: Franz Welser-Möst. Er beschreibt seine eigene Lebensgeschichte und zeigt in vier großen Etappen die Qualitäten der Stille: die meditative Stille, die Natur der Stille, den Geist der Stille und die Ewigkeit der Stille. Seine Biographie zeigt, wie es immer wieder darum geht, sich selbst treu zu bleiben, sich selbst immer wieder neu zu finden, sich inspirieren zu lassen, Musik als Impuls für Bildung und soziale Fragen zu verstehen, als Hilfe, unsere chaotische Welt zu ordnen. Er hoffe, so schreibt Welser-Möst in seinem Vorwort, dass am Ende der globalen Corona-Krise „auch ein Aufatmen stattfindet. Und dass nach diesem Aufatmen ein Bewusstsein für die Stille bestehen bleibt und der Verzicht als Möglichkeit begriffen wird, das Wesentliche zu hinterfragen und vielleicht sogar neu zu ordnen – individuell und als Gesellschaft.“ Ein Buch, das wunderbar in die Weihnachtszeit passt – aber ebensogut in das ganze Jahr. 

Franz Welser-Möst: Als ich die Stille fand. Ein Plädoyer gegen den Lärm der Welt. Notiert von Axel Brüggemann. Brandstätter Verlag, 192 Seiten, 22 Euro


Eine schier unglaubliche Geschichte
Das Leben schreibt manchmal Geschichten, die so schräge sind, dass man sie nicht erfinden könnte. Dieses ist eine solche Geschichte. Syd Atlas, Theaterwissenschaftlerin und Coach für Rhetorik und Kommunikation, hat sie erlebt. Sie lernt in Berlin den Filmemacher Theo kennen, bekommt mit ihm ein Kind, die beiden heiraten, es ist die große Liebe. Doch dann erkrankt Theo an ALS, amyotrophe Lateralsklerose, eine Krankheit, die ein langsames Siechtum mit sich bringt und mehr oder weniger rasch tödlich endet. Syd kämpft um ihr kleines Glück und tut alles, um das Familienleben einigermaßen aufrechtzuerhalten. Bis ihr eine Entdeckung komplett den Boden unter den Füßen wegzieht ... Mehr sei hier nicht verraten. Nur so viel: Das ist ein Buch, das Sie garantiert nicht mehr aus der Hand legen wollen, wenn Sie einmal damit angefangen haben.

Syd Atlas: Das Jahr ohne Worte. Eine wahre Liebesgeschichte. Wunderlich Verlag, 256 Seiten, 20 Euro


Spannendes für stille Tage und Nächte
Es gibt Themen, die gerade wir in Deutschland nie vergessen dürfen. Zwei dieser Themen hat die Autorin Ellen Sandberg aufgegriffen und höchst spannende Romane daraus gemacht. Der eine dreht sich um eine Erbschaft, die der Bauzeichnerin Mona in den Schoß gefallen ist. Ihre Großtante vermacht ihr völlig unerwartet ein prachtvolles Jugendstil-Mehrfamilien-Wohnhaus in bester Münchner Lage. Die junge Frau, so scheint es, hat ausgesorgt. Bis sie einem Geheimnis auf die Schliche kommt, das ihre Großtante ein Leben lang mit sich herumgetragen, aber nie darüber gesprochen hat. Das Haus gehörte nämlich eigentlich den Eltern von Klaras bester Freundin Mirjam, einer jüdischen Familie. Die Eltern wollten 1938 fliehen, wurden aber vorher deportiert und im KZ umgebracht. Mirjam entkam dem Zugriff der Gestapo und wurde im Rahmen der Kinderhilfstransporte nach England gebracht. Anfangs schreiben sich die beiden Mädchen noch Briefe, aber dann verliert sich Mirjams Spur. Was aus ihr geworden ist, entfaltet sich erst ganz zum Schluss, als Mona beschließt, das Haus den Nachkommen der rechtmäßigen Eigentümer zu überlassen. Ein schwieriges Thema, ungemein packend aufbereitet.

Nicht minder heiß ist das Eisen, das Ellen Sandberg mit ihrem neuen Roman anfasst: die Heimerziehung in den 1950er und 60er Jahren, ein ganz dunkles Kapitel in der noch jungen Bundesrepublik. Sandberg schildert die Auswirkungen dieser sadistischen, brutalen Züchtigungsanstalten am Beispiel der inzwischen über 70-jährigen Karin, die als Erwachsene nicht in der Lage war, Gefühle zu zeigen, ihren Kindern Wärme zu geben. DIe Auswirkungen zeigt Ellen Sandberg über die Charakterisierung von Karins drei grundverschiedenen Töchtern und den mit diesen Unterschieden verbundenen innerfamiliären Konflikten auf. Karins Mann Jens hat auf dem Totenbett der gemeinsamen Tochter Imke rätselhafte Worte mit auf den Weg gegeben: er bittet sie, Peter zu finden. Eine Person mit diesem Namen ist innerhalb der Familie aber gänzlich unbekannt. Imke findet schließlich heraus, dass Peter der Bruder ihrer Mutter ist, ein Onkel, den sie nie kennengelernt hat. Und sie entdeckt, dass die Mutter mehrere Jahre in einem Kinderheim verbringen musste und dort an Leib und Seele gebrochen wurde. Nach und nach fügt sich ein Puzzlesteinchen an das andere, bis zum Schluss das Bild komplett ist – und die Familie endlich versteht, warum Karin nicht anders konnte, als sich und ihr Inneres zu verschließen. Ellen Sandberg hat hier zwei wunderbare Bücher geschaffen, die zwar einerseits süffige Literatur sind, andererseits aber auf wunderbar einfühlsame Weise heikle Themen bearbeiten und in Erinnerung bringen.

Ellen Sandberg: Das Erbe. 512 Seiten, 15 Euro. Die Schweigende. 544 Seiten, 16 Euro. Beide erschienen im Penguin Verlag.


Liebeserklärung an ein Sternenkind
Beatrice von Moreau und George Inci erwarten ein lang ersehntes Kind. Im fünften Monat müssen sie erfahren, dass es eine Fehlbildung hat, die so schwerwiegend ist, dass es außerhalb des Mutterleibs nicht überlebensfähig sein wird. Für die beiden, nein: für alle drei beginnt eine bewegende Reise, die bis heute anhält, auch wenn der kleine Timon nicht lebend zur Welt gekommen ist. Er begleitet seine Eltern weiterhin. Beatrice von Moreau hat diese Geschichte jetzt aufgeschrieben und im Eigenverlag herausgebracht. Eine Weihnachtsgeschichte der ganz besonderen Art.

Beatrice von Moreau: Willkommen und Lebewohl. Eine Liebeserklärung an mein Sternenkind. Edition Seelennahrung, Hörchen, 308 Seiten, 26,80 Euro


Nährendes für Bauch und Sinne
In den Zeiten des Lockdowns haben viele Menschen wieder begonnen, mehr zu kochen und zu backen. Viele hatten das vorgefertigte Industrie-Zeugs satt und sind unter die Brotbäcker*innen gegangen, weshalb der Sauerteig gerade vielerorts ein Revival erfährt. Höchste Zeit also für Bücher über das Brotbacken, den guten Geschmack und wärmende Rezepte für kalte Tage.
Letztere kommen in einem sehr speziellen Buch "wild and cosy" daher – nicht nur als simple Anleitungen, sondern als Reise dreier Frauen durch Schottland, seine rauhen Landschaften und wilden Wetter, gepaart mit zärtlichen Geschichten über die Wärme und Gemütlichkeit der Gasthöfe und Restaurants. Eine kuschelige Lektüre und wunderbare Animation nicht nur für kalte Wintertage. 
Julia Cawley, Saskia van Deelen, Vera Schäper: Wild & Cosy. Wärmende Rezepte für kalte Tage. Verlagsgruppe Patmos, 176 Seiten, 28 Euro

Was braucht man zum Brotbacken? Mehl, Wasser, Salz, Hefe. Das ist auch der Titel eines wunderbar schlichten und deshalb so anschaulichen Buches über alles, was man wissen muss, wenn man ein gutes Brot auf den Tisch bringen will. Und wer es gerne noch etwas spezieller haben möchte, lässt sich Spezialitäten wie Bagels und Burgern verführen, zu Bierstangen und Grissini, Papadams und Pitabrot. Zu schwierig, meinen Sie? Ach was – kinderleicht mit diesen Anleitungen! Und wenn Sie bei den ganz großen Meistern in die Schule gehen wollen, dann schauen Sie doch mal, was Österreichs beste Bäcker so in den Ofen schieben ... Wetten, Sie können das auch? 
Ken Forkish: Mehl, Wasser, Salz, Hefe. Alles über gutes Brot. EMF Verlag, 272 Seiten, 30 Euro
Oliver Brachat, Tobias Rauschenberger: Bestes Brot genießen. Spezialitäten aus Sauer- und Hefeteig. Bassermann Verlag, 176 Seiten, 9,99 Euro
Barbara van Melle: Der Duft von frischem Brot. Brandstätter Verlag, 208 Seiten, 29,90 Euro (Limitierte Golden Edition: 45 Euro)

Für alle, die sich vorwiegend vegan ernähren, hat Katharina Seiser eine Reihe von pflanzlichen Genüssen zusammengestellt, die garantiert ohne industriell hergestellte Ersatzprodukte auskommen. Allein schon das Anschauen dieses Buches ist ein Genuss, die kreativen Rezepte sind es umso mehr und zeigen, dass vegane Küche keineswegs mit Verzicht verbunden ist. Gesund ist sie allemal.   
Katharina Seiser: Immer wieder vegan. Das Beste der traditionellen pflanzlichen Küche aus aller Welt. Brandstätter Verlag, 192 Seiten, 28 Euro

Und last but not least etwas für die Sinne: „Flavour“ – Geschmack – heißt das neueste Werk von Yotam Ottolenghi, dem Kult-Koch aus London. Darin geht es um all das, was ein Lebensmittel erst richtig zum lukullischen Genuss werden lässt: das Rösten und Bräunen, Ziehenlassen und Reifen. Es geht um Süße, Fett, Säure und Schärfe. Kochen – mal ganz anders. Genau das Richtige, wenn man wegen Corona am heimischen Herd bleiben muss.
Yotam Ottolenghi, Ixta Belfrage: Flavour. Mehr Gemüse, mehr Geschmack. Dorling Kindersley Verlag, 320 Seiten, 29,95 Euro