Corona-Spezial

Unser Kompass zu COVID-19 und Gedanken über die Krisenzeit

Hier finden Sie aktuelle Berichte, Informationen und Stellungnahmen zur Corona-Pandemie sowie Gedanken über die Krisenzeit. Wir aktualisieren diesen Bereich in unregelmäßigen Abständen – je nach Lage der Dinge. 

Im Folgenden geben wir Ihnen einen Überblick, was wir derzeit über diese Pandemie und COVID-19 wissen oder eben gerade nicht wissen, und welche Chancen und Perspektiven sich daraus ergeben. Diese Artikel sind mit dem GESUNDHEIT AKTIV-Newsletter in der Juliausgabe erschienen:

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Kritische Stimmen mehren sich ...

... sogar in den Mainstream-Medien

Waren in den ersten Wochen der Corona-Krise nahezu alle großen Medien in Deutschland von einer bemerkenswerten Einhelligkeit in der Berichterstattung über die Maßnahmen der Regierung geprägt, mehren sich jetzt doch die kritischen Stimmen auch dort. So widmete z. B. der SPIEGEL die Titelgeschichte seiner Ausgabe vom 20. Juni der teilweise chaotischen Situation an den Schulen, die Lehrer*innen, Eltern und Schüler*innen gleichermaßen überfordert.

Aber nicht nur der Lockdown an den Schulen steht inzwischen in der Kritik, sondern der Lockdown generell. So sagte z. B. der Virologe Prof. Dr. Hendrik Streeck in einem Interview mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (kostenpflichtig), um „die Wirksamkeit der einzelnen Maßnahmen getrennt beurteilen zu können“, sei man „zu schnell in einen Lockdown gegangen“. Man habe nicht mehr beurteilen können, ob die bereits veranlassten Einschränkungen ausgereicht hätten, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Die vielgerühmte App komme, so Streeck, „ein bisschen spät“, und man wisse nicht, „ob sie überhaupt etwas dazu beitragen“ könne, in Deutschland „eine Pandemie zu kontrollieren“. Auch die Maskenpflicht sieht Streeck kritisch, vor allem wegen der Anwendungsfehler: „Am Anfang der Pandemie wurde ja dezidiert gewarnt vor Masken. Die Gründe dafür gelten immer noch, auch wenn sie merkwürdigerweise keine Rolle mehr zu spielen scheinen. Die Leute knüllen die Masken in die Hosentasche, fassen sie ständig an und schnallen sie sich zwei Wochen lang immer wieder vor den Mund, wahrscheinlich ungewaschen. Das ist ein wunderbarer Nährboden für Bakterien und Pilze.“

Und in einem am 29. Juni erschienenen Interview mit dem Berliner Tagesspiegel zog Streeck, selbst ein Spezialist für die Forschung zu HIV, interessante Vergleiche zum Erreger der Immunschwäche AIDS: Es gebe „viele Parallelen zwischen der gerade beginnenden Corona-Pandemie und der seit 40 Jahren laufenden HIV-Pandemie“. Durch die COVID-19-Pandemie seien „Lieferketten für lebensnotwendige Medikamente vor allem in arme Länder abgebrochen. Was gerade passiert ist erschreckend. Die WHO geht von 500.000 zusätzlichen AIDS-Toten dieses Jahr aus, als direkte Folge von COVID-19.“ Viele AIDS-Forscher seien inzwischen in die Forschung zu SARS-CoV-2 übergegangen.

Skeptisch äußerte sich Streeck auch zu der Frage nach einem Impfstoff gegen COVID-19: „Wir haben bis heute auch keinen Impfstoff gegen irgendeinen der großen infektiologischen Killer. Damit meine ich neben HIV Dengue, Malaria, Tuberkulose und Hepatitis C. Für HIV wurden über 400 Impfstoffkonzepte entwickelt, sehr wenige gingen in die klinische Testung, und keiner hat bislang funkioniert. Auch gegen die anderen sechs Corona-Viren wurde bislang erfolglos nach Impfstoffen geforscht. Generell scheint es schwieriger zu sein, einen Impfstoff gegen ein RNA-Virus, zu denen ja SARS-CoV-2 gehört, zu finden. Hier gibt es bisher nur den Grippe-Impfstoff, und auch der muss jedes Jahr erneuert werden. Je nach Jahr und Influenzastamm liegt die Effektivität manchmal nur bei 40 Prozent.“

Inzwischen melden sich auch Psycholog*innen und Psychotherapeut*innen zu Wort und weisen darauf hin, dass Quarantäne, Isolation und Kontaktsperren die seelische Gesundheit massiv beeinträchtigen können. Und auch, dass sozial Benachteiligte ein höheres Corona-Infektionsrisiko haben als andere, wird immer deutlicher, wie ein Bericht des rbb zeigt.

Spürbar wird aber auch eine zunehmende Spaltung der Gesellschaft: in diejenigen, die für die staatlich veranlassten Maßnahmen einstehen, und andere, die eben diese zunehmend anzweifeln, deren Kritik und deren Fragen aber bisher nur selten von den offiziellen Medien aufgegriffen, geschweige denn beantwortet werden. Dabei scheinen sich die Seiten immer stärker zu polarisieren. Freundschaften zerbrechen, in Foren spitzen sich die Meinungen zu, und eine Flut von Studien muss dafür herhalten, die eine oder eben die andere Ansicht zu untermauern. Was für ein Riss durch unser Land mittlerweile geht, zeigt eine Dokumentation der ARD über den berühmten Satz von Angela Merkel in der Flüchtlingskrise „Wir schaffen das!“ und seine Folgen, die bis weit in die Corona-Krise hineinreichen.

Interessant dagegen die Implikationen, die die Medizin-Ethikerin und Soziologin Prof. Dr. Tanja Krones zum Thema „Leben und Sterben mit COVID-19: Wie schaffen wir das?“ im Gespräch mit der Neuen Zürcher Zeitung entwickelt. Darin kritisiert sie u. a., dass die Angehörigen und die Bevölkerung bei den Entscheidungen zur Corona-Krise generell zu wenig einbezogen wurden und werden.

Da erscheint es fast schon wohltuend, wenn sich gerade diejenigen, die von der Krise am meisten betroffen sein dürften, die Generation der 20- bis 35-Jährigen, so ihre Gedanken machen. Einer von ihnen, ein Student der Psychologie aus Ulm, hat all das, was er an Fakten und Ungereimtheiten gefunden hat, in einem einstündigen Video zusammengetragen. Eine scharfkantige und klare Perspektive wird hier eröffnet. Vieles ist nicht neu und manches kann man anders sehen, aber dennoch ist dieser Beitrag bemerkenswert, weil er von einem Kreis junger Leute zusammengetragen wurde, die sich ihre eigenen Gedanken gemacht und ihre eigene Meinung gebildet haben.

Gleichzeitig macht sich jedoch auch eine Erschöpfung breit, ein Überdruss, ständig an dieses Virus und seine möglichen Gefahren erinnert zu werden. Dies umso mehr, als die Ansteckungsraten vielerorts inzwischen so niedrig sind, dass man sich fragt, wo sich die Mehrheit der Bevölkerung überhaupt noch anstecken können soll (von der fleischverarbeitenden Industrie mit ihren Massenschlachthäusern mal abgesehen, aber die gehören ohnehin schleunigst abgeschafft). Das bestätigt auch der Mikrobiologe Johannes Knobloch, Leiter der Krankenhaushygiene am Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf: „Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person, auf die ich treffe, ansteckend ist, liegt statistisch im Bereich des Lottos mit vier Richtigen und Zusatzzahl“, sagte der Wissenschaftler dem „Hamburger Abendblatt“. Schon seit Mitte Mai werden in der Hansestadt mit ihren fast zwei Millionen Einwohnern nur noch Neuinfektionen im niedrigen einstelligen Bereich pro Tag festgestellt.

Trotzdem wird mit Nachdruck daran gearbeitet, den Pegel der Angst innerhalb der Bevölkerung aufrechtzuerhalten. Karl Lauterbach, „Gesundheitsexperte“ der SPD und Stammgast in den Talkshows des deutschen Fernsehens, postete jüngst auf Twitter, dass COVID-19 „bei vielen Patienten dem Gehirn schade und das Risiko einer Demenzerkrankung deutlich erhöhen“ könne. Wesentlich nüchterner dagegen die Information der Uni Gießen, dass ein bundesweites Register („CNS-COVID-19“) die Erkenntnisse zusammentragen soll, was bei einer Infektion mit SARS-CoV-2 im zentralen und peripheren Nervensystem passiert. Belastbare Belege für eine Invasion des Virus in das Nervensystem, fehlen bisher, so die Wissenschaftler.

Auch das gerade mit dem Grimme Online Award geadelte „Corona Update“ des NDR mit Christian Drosten bezieht eine gegenteilige Position (Titel der 50. Ausgabe vom 23. Juni: „Das Virus kommt wieder“). Drosten verordnet da „Regeln für den Sommer“ und erklärt die Schuldiskussion als „noch nicht zu Ende“. Der Ausnahmezustand soll offenbar zur Regel werden.

Roland Rottenfußer hat dazu im Online-Magazin Rubikon einen erfrischend unerschrockenen, nachdenklichen Beitrag verfasst. In eben diesem Magazin findet sich auch ein aufschlussreicher Artikel zur Rolle der Medien in dieser Krise: „Die Propaganda-Pandemie“. Eine Debatte zur Medien-Berichterstattung über die Corona-Krise hat auch der Evangelische Pressedienst angestoßen. Die Liste soll in den kommenden Wochen kontinuierlich erweitert werden.

Ein Blick in die Welt ist dann aber doch ermutigend: Die Shanti Leprahilfe Dortmund z. B. berichtet über ihre Station in Kathmandu in Nepal. Dort haben die Lockdown-Maßnahmen teilweise katastrophale Folgen gerade für die Ärmsten und den Armen. Und so wurden die bei Shanti betreuten Menschen mit Behinderungen und an Lepra Erkrankten von Hilfe Empfangenden zu Helfenden, wie es der Rundbrief der Shanti-Gründerin Marianne Großpietsch anschaulich beschreibt.

Mutmachend auch das Blog Salutogenese-Corona, das einen Perspektivwechsel in der Corona-Krise einfordert. Darin geht es vor allem um die Eigenaktivität der Bürger*innen: wahrnehmen, mitgestalten, Freiheit aushalten, kooperieren und Visionen entwickeln. Das passt perfekt zum Corona-Manifest von GESUNDHEIT AKTIV.

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Mehr Mut!

Das Manifest von GESUNDHEIT AKTV

Es wird höchste Zeit, die immer noch grassierende Angst vor der Pandemie und ihren Folgen zu überwinden. Weil sie uns unfrei macht. Weil sie unseren Blick einengt und auf einen Impfstoff oder Medikamente als alleinige Mittel orientiert, um zu einem normalen Leben zurückkehren zu können. Weil sie die Unsicherheit der Menschen verstärkt und zu Scheinlösungen verleitet, die unter Umständen schlimmere Zustände bewirken können als die Krise selbst.

GESUNDHEIT AKTIV hat deshalb ein Manifest aufgesetzt, das die Eigenverantwortung stärken und den Menschen in den Mittelpunkt stellen will. Es fordert, die verkrusteten Strukturen des Gesundheitswesens aufzubrechen, die Bürger*innen an dessen Neugestaltung zu beteiligen, das ganze Spektrum der Medizin zu nutzen und sich auf die eigenen Ressourcen zu besinnen. Rund 1.500 Menschen haben sich bisher angeschlossen.

Helfen Sie mit, diese Forderungen bekanntzumachen und durchzusetzen! Unterzeichnen Sie das Manifest!

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Thesenpapier 3.0 zur Corona-Krise

Schrappe, Glaeske, Püschel & Co. ziehen erste Bilanz

 

Sie haben schon mit zwei ersten Thesenpapieren Aufsehen erregt, jetzt legen sie mit ihrem Thesenpapier 3.0 noch eine Schippe drauf: Prof. Dr. med. Matthias Schrappe, ehemaliger stellvertretender Vorsitzender des Sachverständigenrates Gesundheit; Hedwig François-Kettner, Pflegemanagerin und Beraterin und ehemalige Vorsitzende des Aktionsbündnisses Patientensicherheit, Berlin; Dr. med. Matthias Gruhl, Arzt für Öffentliches Gesundheitswesen, Bremen; Prof. Dr. jur. Dieter Hart, Institut für Informations-, Gesundheits- und Medizinrecht, Uni Bremen; Franz Knieps, Jurist und Vorstand eines Krankenkassenverbandes, Berlin; Prof. Dr. phil. Holger Pfaff, Uni Köln, Zentrum für Versorgungsforschung, ehemaliger Vorsitzender des Expertenbeirats des Innovationsfonds; Prof. Dr. med. Klaus Püschel, Uni-Klinikum Hamburg-Eppendorf, Leiter des Instituts für Rechtsmedizin; Prof. Dr. rer. nat. Gerd Glaeske, Uni Bremen, ehem. Mitglied im Sachverständigenrat Gesundheit. Am 28. Juni veröffentlichen sie eine „erste Bilanz der Pandemie durch SARS-CoV-2/Covid-19“.

Drei Aspekte stehen dabei im Mittelpunkt:

  1. 1. Strategie: Stabile Kontrolle des Infektionsgeschehens
  2. 2. Prävention: Risikosituationen erkennen
  3. 3. Bürgerrechte: Rückkehr zur Normalität

Mit am spannendsten in diesem Thesenpapier sind die Vorschläge zur Prävention. Dazu heißt es: „Wirksame Präventionsmaßnahmen müssen auf der Ebene der Gesamtgesellschaft und auf der Ebene der Organisationen den gesellschaftlichen und sozialen Kontext in den Mittelpunkt stellen. Um hierfür einen ‚Kompass‘ zu entwickeln, wird in Anlehnung an die Balanced Score Card eine vierdimensionale Matrix vorgeschlagen, die die Dimensionen Epidemiologie, Ökologie, Wissen/Ausbildung sowie Grundrechte vorsieht. (...) Die soziale Situation von Kindern und Frauen unter den Bedingungen der Krise und des Lockdowns macht deutlich, wie entscheidend es ist, nicht nur medizinische bzw. epidemiologische Kriterien zu beobachten (z. B. Zahl von Neuinfektionen), sondern auch andere Aspekte wie die soziale Situation zur Steuerung mit heranzuziehen.“

Zur Situation in Alten- und Pflegeheimen heißt es: „Alle Formen von generellen Kontakt- oder Besuchssperren erscheinen insofern problematisch, weil dort, wo spezifische Präventionsmaßnahmen möglich und geboten sind, ausnahmslose generelle Verbote nicht mehr angemessen sein werden. Unter den veränderten Bedingungen von Erkenntnis, Erfahrung und spezifischen Präventionsstrategien werden generelle Isolationen/Sperren in stationären Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen als gravierende Grundrechtseinschränkungen grundsätzlich unverhältnismäßig. (...) Besonders bei Langzeitpflege, Behinderungen oder im Prozess des Sterbens müssen alle erdenkbaren Anstrengungen unternommen werden, um Situationen und Maßnahmen zu verhindern, die die Würde des Menschen einschränken.“

Bemerkenswert auch die Äußerungen zum sozialen und gesellschaftspolitischen Bezug: „Die entstehende Situation bietet einerseits eine große Dynamik (z. B. werden Fragen gestellt, die vorher tabu waren), andererseits kommt es zu einer massiven Diskursverengung. So herrschen in der öffentlichen Diskussion bestimmte Denk- und Interpretationsmuster in einem Maße vor, dass anderslautenden Meinungen kein Raum gegeben wird (und im Netz sog. Verschwörungstheoretische Formeln großen Zuwachs erfahren). Die Kompetenz einer freiheitlichen Gesellschaft, gerade aus der Pluralität der Kenntnisse und Meinungen ihre besondere Problemlösungskompetenz abzuleiten, wird außer Kraft gesetzt. (...) Die Lösung von paternalistischen Konzepten im Regierungshandeln ist eine der wichtigsten Voraussetzungen, ja geradezu das Vorbild für das Gelingen dieses Normalisierungsprozesses.“

Auch die Corona-Tracing-App sehen die Autor*innen kritisch: Sie „wirft beunruhigende Fragen auf: Anonymität, Standortbestimmung, Freiwilligkeit, Verhaltensmodifikation, Wirksamkeit und Effizienz – zu allen diesen Aspekten (und weiteren) sind erhebliche Zweifel angebracht.“

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ZEIT-Dossier aus dem Krankenhaus Havelhöhe

Der Verlauf von COVID-19 am Beispiel einer Patientin

 

Schon im März hatte sich die Redaktion des ZEIT-Dossiers darum bemüht, ein Krankenhaus zu finden, um zu dokumentieren, wie man dort mit COVID-19-Erkrankungen umgeht. Mehrere Kliniken waren nicht bereit, sich dabei beobachten zu lassen. Das anthroposophische Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe in Berlin dagegen hatte keine Berührungsängste. „Wir haben nichts zu verbergen, die Reporter sind willkommen“, hieß es von dort. Und so verbrachten eine Redakteurin und ein Redakteur des ZEIT-Dossiers mehrere Wochen in Havelhöhe. Jetzt ist ihre berührende Reportage über den Verlauf von COVID-19 bei einer Patientin und all das, was die Mitarbeiter*innen im Krankenhaus dabei lernten, unter der Überschrift „Während sie schläft“ erschienen.

Hinweis: Der Artikel liegt hinter der Bezahlschranke, aber vier Wochen lang kann man einen kostenlosen Probe-Zugang erhalten.

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Die Universitäten wieder öffnen!

Offener Brief von inzwischen über 5.000 Dozent*innen

 

Mit 2.000 Unterschriften hat es begonnen, inzwischen sind es weit über 5.000: In einem Offenen Brief fordern Dozent*innen und Professor*innen deutscher Hochschulen eine Rückkehr zur Präsenzlehre. Auch wenn sich das Sommersemester 2020 ohne virtuelle Formate nicht hätte realisieren lassen, so sei die Universität doch ein „Ort der Begegnung“, entstehe „Wissen, Erkenntnis, Kritik und Innovation nur dank eines gemeinsam belebten sozialen Raumes“, für den virtuelle Formate „keinen vollgültigen Ersatz bieten“ könnten.

In einem Interview der ZEIT mit dem Initiator des Offenen Briefes, Prof. Dr. Roland Borgards, der an der Universität Frankfurt/Main Neuere Deutsche Literatur lehrt, sagte dieser: „Der Brief ist eine Vorsichtsmaßnahme. Wir sorgen uns, dass das Digitale künftig bevorzugt wird. (...) Die finanziell gut ausgestatteten Studierenden mit Bildungshintergrund kommen mit dem Digitalsemester bestens zurecht. Studierende aus sozial schwachen Verhältnissen oder mit Migrationshintergrund sind aber oft eingeschränkt und benachteiligt. Ich empfinde einfach große Sehnsucht, wieder mit allen im gleichen Raum sein zu können.“ 

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Immer noch viele Fragen offen

Die Rolle der Kinder ist weiterhin umstritten

 

Was schon längst hätte auf den Weg gebracht werden sollen, ist jetzt wenigstens in Hamburg geschehen: eine Studie, die mit herausfinden soll, welche Rolle Kinder bei der Ausbreitung von SARS-CoV-2 spielen. Seit 11. Mai werden dort insgesamt 6.000 Kinder und Jugendliche von 0 bis 18 Jahre auf eine Infektion mit dem Virus und ebenso auf Antikörper getestet. Am 19. Juni stellten die Studienleiter*innen nun erste Zwischenergebnisse vor. Bei keinem der 3.107 bis dahin geprüften Proband*innen konnte ein Virus im Nasen-Rachen-Abstrich per PCR-Test festgestellt werden; 36 von 2.436 auf Antikörper untersuchte Kinder und Jugendliche wiesen solche Antikörper auf (das entspricht 1,5 Prozent), bei älteren Kindern waren sie etwas häufiger vorhanden als bei den Kleinen. Der Altersdurchschnitt lag bei 7 Jahren. Die Kinder mit einem positiven Antikörpertest werden nun sechs Monate lang begleitet und die Tests auf die anderen, im Haushalt lebenden Personen ausgedehnt. Die Studie läuft noch bis Ende Juni und ist (leider) die erste dieser Art in ganz Deutschland.

Mut zeigte auch der Hamburger Schulsenator Ties Rabe (SPD) in einem Interview mit dem „Hamburger Abendblatt“ (kostenpflichtig): „Es gibt Indizien, die darauf hindeuten, dass wir Corona in Bezug auf Kinder und Jugendliche überschätzt haben“, so der Senator. Er will nach den Ferien zum regulären Unterricht zurückkehren: „Das soll ein kompletter Neustart werden, also volle Unterrichtsstundenzahl in der Schule und das normale Ganztagsangebot. (...) Ich wünsche mir, dass alle in der Politik erkennen, dass die Schulen kein Infektionsherd sind.“

Dass junge Menschen nach einer milden Virusinfektion durch Antikörper auch längerfristig geschützt sein könnten, zeigt eine Auswertung der Untersuchungen an der Besatzung eines US-Flugzeugträgers (dessen Kapitän spektakulär vom Dienst suspendiert wurde, weil er auf die Gefahren aufmerksam machte, die von diesem Ausbruch auf dem Schiff ausgehen könnten).

In einem Interview mit den „FinanzNachrichten“ brach der Bonner Virologe Prof. Dr. Hendrik Streeck erneut eine Lanze für die uneingeschränkte Öffnung der Kitas und Schulen. Die Kitas in den Niederlanden seien schon seit vielen Wochen wieder geöffnet, und es habe seither keine größeren Ausbrüche mehr gegeben. Die Hoffnung auf einen Impfstoff könne sich als trügerisch erweisen, man solle sich besser darauf einstellen, mit dem Virus zu leben.

Wie Gesichtsmasken das Gehirn und das Handeln – nicht nur bei Kindern – langfristig beeinflussen kann, beschreibt der Hirnforscher Prof. Dr. Gerald Hüther am 6. Juni in einem Interview mit Markus Langemann im „Club der klaren Worte“ (Kurzfassung hier). Die wichtigste Aussage: Wenn die Mimik des Gegenübers durch eine Maske verdeckt wird, muss das Gehirn das Bedürfnis nach Begegnung unterdrücken. Die Folge: Gleichgültigkeit. Hüther teilt darin auch mit, derzeit an einem Buch über die Angst zu arbeiten – aus gegebenem Anlass.

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Viel Lärm um (noch) nichts

Die verzwickte Suche nach dem Impfstoff

 

Die Kanzlerin spendiert der internationalen Impfstoff-Allianz Gavi satte 600 Millionen Euro und die Bundesregierung hat sich mit 300 Millionen Euro in das Start-up-Unternehmen CureVac eingekauft – mit Steuergeld. Das mag man werten, wie man will – es geschah vermutlich aus der Sorge heraus, sich mit dieser Beteiligung das Recht zu erkaufen, bevorzugt mit einem möglichen Impfstoff beliefert zu werden und den Avancen des amerikanischen Präsidenten eine Abfuhr zu erteilen. Eine europäische Allianz, an der sich auch Deutschland beteiligt, steht unabhängig davon in Kontakt mit mehreren Pharmaunternehmen, wie das Handelsblatt berichtet.

Fakt ist, dass das Rennen um einen Impfstoff gegen SARS-CoV-2 weiterhin offen und vor allem vom Ausgang her ungewiss ist. Das zeigt ein Interview der Tagesschau mit dem Virologen Prof. Dr. Oliver Keppler, Vorstand des Max von Pettenkofer-Instituts an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sein Resumée: „Die Hoffnung, auf einen ‚Super-Impfstoff‘“, der ebenso wirksam wie nebenwirkungsfrei ist, sei „völlig überzogen“. Es könnte auch sein, „dass wir ihn nie haben werden.“

Das bestätigt auch ein Bericht von „Spektrum der Wissenschaft“. Darin heißt es, frühestens Anfang 2021 sei mit einem Impfstoff zu rechnen, aber das sei „noch atemberaubend schnell im Vergleich zu klassischen Impfstoffen“. Normalerweise hätte „eine solche Entwicklung 15 bis 20 Jahre“ gedauert. Darin wird u. a. der australische Immunologe Ian Frazer zitiert: „Wir müssen erkennen, dass es nicht immer möglich ist, einen Impfstoff zu bekommen, nur weil wir einen wollen.“ Die Weltgesundheitsorganisation WHO verzeichnet zurzeit 133 Projekte zu dieser Impfstoffsuche, weitere 14 sind noch in der Pipeline. Die Abkürzungen bei der Zulassung seien „umstritten und aus der Not heraus entstanden“.

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Neue Bücher

Corona-Titel in den Buchverlagen

 

Es war absehbar, dass die Neuerscheinungen in den Sommer- und Herbstprogramme der Verlage dominiert werden von Büchern zur Corona-Krise. Hier sind die aktuell wichtigsten:

Dramatisch nicht nur im Untertitel
„Geschichte eines angekündigten Sterbens“ haben Cordt Schnibben, langjähriger SPIEGEL-Redakteur, und David Schraven, Mitgründer des Journalist*innen-Netzwerks Correctiv, ihr Buch untertitelt. In ihrem Vorwort schildern sie, wie einer ihrer Kollegen, der eigentlich mit an diesem Buch hätte schreiben sollen, selbst an COVID-19 erkrankte und noch nicht vollständig genesen ist. Schon das liest sich ungeheuer dramatisch, der Rest nicht minder. Die Autor*innen – das Buch ist das Gemeinschaftswerk von insgesamt 18 international tätigen Journalist*innen – zeichnen die Entwicklung der Corona-Krise von Januar bis Mai 2020 nach und teilen die Zeit in eine chinesische (Januar/Februar), italienische (Februar/März), amerikanische (März/April) und eine brasilianische Phase (April/Mai). Durch die Fülle der Informationen, die sich aus Spotlights aus aller Welt zusammensetzen, und vor allem durch die sprunghafte Darstellung liest sich das mit einer gewissen Atemlosigkeit, die ja auch typisch ist für COVID-19. Allerdings finden sich in diesem Buch kaum kritische Stimmen, viel eher schürt es noch die Angst vor dem „Killer-Virus“. Als Dokumentation ist dieses Buch interessant, Antworten auf die drängenden Fragen gibt es leider nicht.

Cordt Schnibben, David Schraven (Hrsg): Corona. Geschichte eines angekündigten Sterbens, dtv, 368 Seiten, 18,90 Euro

 

Gegen den Strom
Das Kontrastprogramm dazu ist das Buch von Prof. Dr. rer. nat. Karina Reiss und Univ.-Prof. Dr. med. Sucharit Bhakdi. „Was mich am meisten frappiert“, so Bhakdi in einem Interview, „dass die Bevölkerung in diesem Land, wo Bildung eigentlich höhergestellt ist als in Thailand (wo Bhakdi herkommt, Anm. d. Red.) und wo Leute mehr verstehen, dass sie alles glauben, was ihnen gesagt wird. Es ist ein Volk, das glaubt einfach alles, ohne zu fragen, zu hinterfragen.“ Das habe ihn entsetzt und erschrocken. Als Facharzt für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie verstehe er etwas von Epidemien, auch wenn er gerne als „unverantwortlich“ diffamiert werde und als Pensionär angeblich nicht Schritt halten könne mit den Fortschritten der Medizin. Für ihn sei „dieses Land völlig anders geworden“, deshalb habe er dieses Buch schreiben müssen: „Es war ein Bedürfnis, ich konnte nicht mehr schlafen.“
Sucharit Bhakdi ist von Anfang an gegen den Strom geschwommen. Mit diesem Buch tut er das ein weiteres Mal.

Karina Reiß, Sucharit Bhakdi: Corona. Fehlalarm?, Goldegg Verlag, 118 Seiten, 15 Euro

 

Die Krise und ihre Folgen
Ist das, was wir mit der Corona-Krise erleben, künftig der neue Normalzustand? Eine Frage, die einen Wissenschaftler wie Manfred Spitzer auf den Plan rufen muss. Schon vor Jahren hat er mit seinen flammenden Plädoyers gegen die Gefahren der Digitalisierung auf sich aufmerksam gemacht. Dass er jetzt nicht davor zurückschreckt, den Finger in die Wunden zu legen, die die Corona-Krise geschlagen hat, kann deshalb nicht verwundern. Sein großes Verdienst ist es, dass er auch auf die Möglichkeiten und Chancen aufmerksam macht, die diese Entwicklung zwangsläufig mit sich bringt. Und hier entwirft er zwei Szenarien, die sich polar gegenüberstehen: Auf der einen Seite den Überwachungskapitalismus und die Herrschaft der Digitalkonzerne, und auf der anderen Seite Solidarität und Vernunft, Nachhaltigkeit und Demokratie. Sein Fazit: „Virusausbrüche sind unvermeidlich. Pandemien hingegen lassen sich vermeiden. Aber es darf dabei nicht geschehen, dass wir wegen der Pandemie unsere Werte über Bord werfen.“ Man muss nicht alles gut und stimmig finden, was Spitzer hier ausbreitet, aber lesenswert ist es allemal.

Manfred Spitzer: Pandemie. Was die Krise mit uns macht und was wir aus ihr machen. MVG Verlag, 240 Seiten, 9,99 Euro

 

In die Zukunft geschaut
Der Essay des Zukunftsforschers Matthias Horx „Die Welt nach Corona“ stieß schon vor Wochen auf ein zigtausendfaches Interesse. Kein Wunder also, dass daraus flugs ein Buch wurde. Horx schaut darin aus der Zukunft zurück und erfindet für dieses Kontrastprogramm einer Prognose die Wortschöpfung „Re-Gnose“. Worüber also werden wir uns rückblickend wundern? Über vieles. Und damit hat er vermutlich nicht ganz unrecht. Wir werden uns wundern, wie gut wir ohne all die Hetzerei und das Durch-die-Welt-Düsen auskommen. Wie viele neue Begegnungen, wie viel Humor und Mitmenschlichkeit entstehen konnten. Wie viel Mut freigesetzt werden kann, wenn die Angst erst einmal überwunden ist. Das Virus als Evolutionsbeschleuniger also. Sein Fazit: „Eine der stärksten Visionen, die das Corona-Virus uns hinterlässt, sind die musizierenden Italiener auf den Balkonen. Die zweite Vision senden uns die Satellitenbilder, die plötzlich die Industriegebiete Chinas und Italiens frei von Smog zeigen. 2020 wird der CO2-Ausstoß der Menschheit zum ersten Mal fallen. Diese Tatsache wird etwas mit uns machen. Wenn das Virus so etwas kann – können wir das womöglich auch? Vielleicht war das Virus nur ein Sendbote aus der Zukunft. Seine drastische Botschaft lautet: Die menschliche Zivilisation ist zu dicht, zu schnell, zu überhitzt geworden. Sie rast zu sehr in eine bestimmte Richtung, in der es keine Zukunft gibt. Aber sie kann sich neu erfinden. System reset. Cool down. Musik auf den Balkonen! So geht Zukunft.“ Ein Mutmach-Buch, auch wenn es ein bisschen sehr mit der heißen Nadel gestrickt ist.

Matthias Horx: Die Zukunft nach Corona. Wie eine Krise die Gesellschaft, unser Denken und unser Handeln verändert. Econ Verlag, 144 Seiten, 15 Euro

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