Corona-Spezial

Unser Kompass zu COVID-19 und Gedanken über die Krisenzeit

Hier finden Sie aktuelle Berichte, Informationen und Stellungnahmen zur Corona-Pandemie sowie Gedanken über die Krisenzeit. Wir aktualisieren diesen Bereich in unregelmäßigen Abständen – je nach Lage der Dinge.

Im Folgenden geben wir Ihnen einen Überblick, was wir derzeit über diese Pandemie und COVID-19 bzw. SARS-CoV-2 wissen oder noch nicht wissen, und welche Chancen und Perspektiven sich daraus ergeben. Diese Meldungen sind mit dem GESUNDHEIT AKTIV-Newsletter in der Oktoberausgabe erschienen:

zum Corona-Nachrichten-Archiv

Große Resonanz

Reaktionen auf den September-Corona-Kompass

 

Corona-Spezial Oktober 2020 – Auf den vorigen Corona-Kompass und ebenso auf den Sondernewsletter von GESUNDHEIT AKTIV anlässlich der Stellungnahme des Netzwerks evidenzbasierte Medizin (EbM) haben uns viele Leser*innenbriefe erreicht – zustimmende ebenso wie kritische. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken, spiegelt dieses Echo doch, dass es richtig war, diese Fragen in den Diskurs mit einzubringen, der weder in der Gesellschaft noch in den Medien wirklich geführt wird. Gerade darüber müssen wir aber miteinander ins Gespräch kommen – wertschätzend, freilassend, tolerant. Deshalb zeigen wir hier auszugsweise einige Stellungnahmen und ebenso einen Teil unserer Erwiderungen.


Ich stehe nicht zu diesem EbM Bericht. Das wissen wir schon die ganze Zeit, das ältere und Vorbelastete am meisten sterben. Das ist keine neue Nachricht. Ich bin alt (77), vorbelastet, berufstätig, sehr aktiv, sehr geliebt von meinen Enkelkindern, und ich möchte erhalten bleiben bis ich, wie alle meine Vorfahren, über 90 bin. Mein Mann genauso, und er ist 84. Er spielte bis vor kurzem Fußball in einer Mannschaft. Bisher hat man uns mit den Corona-Regelungen geachtet.

Wenn man Vorsichtsmaßnahmen abschafft, können alle in andere Länder fahren und die Krankheit mitbringen. Nur Deutschland hat es so gut. (…) Ich hoffe, dass Lockerungen bald möglich sind, aber jetzt nicht.

M.R.


Sie mögen Recht haben, was die Gefahr für den Rechtsstaat angeht, allerdings muss man wohl bedenken, dass die Exekutive dafür Sorge tragen muss, dass die Bürger nicht in Gefahr gebracht werden. 

Die Organisatoren der Demo in Berlin waren wohl mehr als naiv zu denken, dass viele mitmachen würden, die ganz andere Interessen verfolgen als die Organisatoren. Ich vermisse sehr Ideen bzgl. der intensiven Tierhaltung und die Gefahr, die daraus resultiert. Eine Demo gegen die Praktiken in der Tierhaltung erscheint mir viel sinnvoller als etwaige Demos gegen Masken. 

J.A.


Euer Newsletter und Eure Arbeit sind so außerordentlich gut, dass ich in den letzten Jahren ein echter "Fan" geworden bin, alles aufmerksam lese und eure Aktionen verfolge. (…) Aber den einen Satz nehme ich jetzt schwer übel, da ich hierzu (anscheinend) bessere Kenntnis habe als Ihr: „Die meisten von ihnen (den Demonstranten) haben allerdings nicht bedacht, dass sie ungebetene Gäste von rechts an ihrer Seite hatten. Sie haben wohl auch die Organisatoren der Demonstration nicht kritisch genug hinterfragt und in Kauf genommen, mit Neonazis identifiziert zu werden. Das Ganze ist nun so eskaliert, dass sich mittlerweile zwei Lager scheinbar unversöhnlich gegenüberstehen.“ Überall dieselben Lügen, Unkenntnisse, Verzerrungen, Verleumdungen, ja Propaganda – ich kann es nicht mehr hören und lesen. (…)

Ich war am 29. August den ganzen Tag dabei, ich habe all die wunderbaren Menschen gesehen, Hunderttausende (ja, waren es, wenn nicht über 1 Million, ich kenne die ganz genauen Zahlen noch nicht) in Meditation und Gebet, über uns zeitweise eine Halo der Sonne, das große Gandhi-Bild mitten unter uns, alle Bühnenredner von hoher Qualität und in sorgsamster Weise ausgewählt aus Bereichen wie Medizin, Politik, Kirche, Sport, Philosophie usw. Ich habe die unglaubliche Gewalt und die Rechtsbrüche der Polizei erlebt, habe die angemeldete und erlaubte (!) Demo (vor der Kundgebung) an der Friedrichstraße miterlebt, die auf geradezu faschistische Weise hintertrieben wurde (erst Menschenmassen zusammendrücken durch Einkesseln, Sperren aller Querstraßen, Verhindern des Losgehens – und dann wegen Abstandsmangel auflösen nach vielen Stunden), dort auch die unglaubliche, fast stoische Geduld und Friedfertigkeit der Menschen bewundert, habe viele Gespräche mit fremden Menschen dort geführt. (…) Da ist NICHTS, aber auch gar nichts „rechts“! Und die Menschen, die zur Demo und zur Kundgebung an diesem Tag gegangen sind, ebenso wie am 1. August schon, wussten GANZ GENAU, mit wem sie gehen, warum sie gehen und wer die Organisatoren sind, bis hin zu persönlicher Bekanntschaft und Freundschaft. Es ist eine herabwürdigende Aussage in euerm Text, ihnen diese Kenntnis „einfach mal so aus der Luft heraus“ abzusprechen. Woher wollt ihr das überhaupt wissen, was diese Menschen wissen oder nicht wissen?(…)

Mir blutet das Herz (ja, ich bin hier theatralisch), wenn ich sehe und täglich erlebe, was geschieht. Wie die Besten einknicken, die Kirchen schweigen, die Anthroposophen sich winden oder sogar selbst zu Verleumdern werden und überwiegend KEINE Ahnung haben. Sie werden gerade von anderem Denken und Handeln überholt, zumindest, was Menschlichkeit, Wahrhaftigkeit und Friedfertigkeit betrifft … Dessen bin ich mir sicher!

Ich bin Zeugin für eine andere Wahrheit, was den 29.8. betrifft und für vieles mehr, was ich erlebte und erlebe an Gewalt, Ignoranz und Diktatur. DAFÜR bin ich 89 in Leipzig nicht auf die Straße gegangen. Es wurde eben zu viel versäumt seitdem, das holt uns nun alle ein … Dabei gibt es z.B. einen Verfassungsentwurf des Runden Tisches, der bis heute niemanden interessiert und der immer noch hundertmal moderner und besser ist als das Grundgesetz.

A.H.

Antwort von Stefan Schmidt-Troschke:

Vielen Dank für die Kritik. Solche Reaktionen brauchen wir! Auch hier im Team gab es sehr unterschiedliche Sichtweisen auf das Geschehen: Im Ansatz so heterogen, wie wir das kennen aus den Medien bzw. den alternativen Medien. Die Antworten auf unseren Kompass waren genauso heterogen. Auch die andere Seite hat sich empört, ein Mitglied ist ausgetreten, viele ältere Mitglieder haben uns gesagt, dass sie uns nicht mehr verstehen, weil auch wir uns zu wenig abgegrenzt hätten …

Wer sagt, dass keiner von uns auf der Demo war? Ich mindestens war dort und habe einen Kollegen getroffen, der demonstriert hat. Selber konnte ich mich nicht wirklich identifizieren mit vielen der Aktiven: Weder mit Robert Kennedy, dessen extreme Auffassungen zum Impfen ich nicht teile, noch mit Stephan Bergmann, dessen völkische Aktivitäten ich verfolgt hatte und den man sich nicht zu blöd war, auch noch zum Pressesprecher zu machen. Ich war nicht schlecht erstaunt, mit meinem Fahrrad plötzlich inmitten einer ca. 100 Menschen starken Gruppe mit Reichsflaggen unterwegs zu sein, die sich auf er Straße des 17. Juni in Richtung Brandenburger Tor bewegten. Sehr friedlich, ja, aber doch ausgesprochen verstörend. Daneben trommelnde Menschen, teilweise singend, teilweise irgendwie wie in Trance wirkend, andererseits aber auch sehr vernünftig erscheinende Menschen. Warum brauchen wir JETZT auf einmal eine neue Verfassung? Warum wird alles plötzlich in Frage gestellt auf die Gefahr hin, dass sich ganz andere Kräfte einmischen? (…)

Mich befremden vereinseitigende und nicht gut substanziierte Aussagen zur Polizei oder einer angeblich eingefädelten Aktion vor dem Reichstag genauso. Warum werden auch noch diese AfDler vor dem Reichstag in Schutz genommen? Da rate ich zur Vorsicht, und ich fand es in gewisser Weise verwerflich, dass „Querdenken“ sich nicht viel, viel deutlicher abgegrenzt hat im Vorfeld. Naivität kann hier sehr schaden.

Ich habe nicht in Leipzig gestanden. Aber ich bedaure außerordentlich, dass Deutschland die historische Chance zur gemeinsamen Erarbeitung einer Verfassung 1989 verpasst hat. Das rächt sich, nicht erst jetzt. Aber ich bin nicht der Meinung, dass wir jetzt eine Verfassungsdiskussion brauchen. Denn unsere Verfassung ist ausdrücklich NICHT das Problem.


Ich bin wirklich extrem bestürzt darüber, wie lässig und wenig abgrenzend Ihr mit dem Fakt umgeht, dass man in Berlin bei Demonstrationen gegen Corona-Maßnahmen gemeinsam mit Nazis auf die Straße gegangen ist! 

Ihr beklagt einen fehlenden „abgewogenen und offenen Diskurs darüber, was erforderlich ist“ und informiert selbst nicht darüber, dass sich Rechtsextreme von Qannon über den 3.Weg bis zu Identitären unter die Demonstranten mischen und die Demonstration für ihre eigene Agenda nutzen. Ja, bis hin zu Rednern, die den Qannon Slogan von der Bühne rufen?

Ihr erweist damit der Bewegung alternativer Heilmethoden, Homöopathie und nicht zuletzt der Waldorfschulbewegung einen unglaublichen Bärendienst!

Euren Text beginnt ihr zudem mit dem Satz: „Die Zivilgesellschaft ist erwacht“. Ganz ehrlich, das ist eine äußerst belastete Terminologie! Bitte gerne mal googeln wer zuletzt „Deutschland erwache“ gefordert hat. 

Zu den Infektionszahlen und dem Umgang der Medien darüber, bitte auch gerne mal über den Tellerrand schauen, u. a. nach Frankreich und dort gerne dann auch zum Thema Hospitalisation. Diese Zahlen sehen vollkommen anders aus als in Deutschland.

Und noch etwas, das ich überhaupt nicht verstehe: Weltweit sterben besonders viele Menschen aus Gesundheit- und Pflegeberufen an Covid, z. B. in New York. Ich weiß aus meinem persönlichen Umfeld allein von zwei Ärzten, die im Dienst gegen Covid in New Yorker Krankenhäusern gestorben sind. Das dürfte Ihnen doch auch bewusst sein, oder schauen Sie nur nach Deutschland?

Y.W.

Antwort von Stefan Schmidt-Troschke:

Es ist bezeichnend, dass wir derzeit sehr viele E-Mails erhalten, deren Inhalt in die Richtung des von Ihnen Gemeinten geht, andererseits aber auch von Menschen, die ihre Mitgliedschaft bei uns kündigen, weil wir zu wenig offene Kritik an den Corona-Maßnahmen geübt hätten…. Der Zwischenraum, von uns ganz bewusst gesucht, ist schwer auszuhalten.

Es ist völlig ohne Frage, dass wir uns von jeglicher Form des Rassismus und der rechtsextremen Vereinnahmung abgrenzen und insbesondere auch kritisieren, dass die Veranstalter der Demonstration dies nicht ausreichend getan haben. Offensichtlich gibt es auch bei den „Querdenkern“ eine Unterwanderungsbewegung, die so manche Demo-Teilnehmer eher verdrängt haben, um es wohlwollend zu sagen.

Ich kann an dieser Stelle keine inhaltliche Diskussion mit Ihnen über die Corona-Maßnahmen führen. Dazu haben wir berichtet und auch jüngst noch das Papier des EbM-Netzwerkes herumgesendet. Die auch in dieser Stellungnahme beklagte mangelnde Offenheit in der Risiko-Kommunikation allerdings macht mir große Sorgen. Ich frage mich, wenn Sie uns indirekt unterstellen, die Covid-19-Pandemie zu verharmlosen, wo und wie wir in dieser Gesellschaft überhaupt noch einen offenen Diskurs über die wohl einschneidendsten Maßnahmen einer Regierung gegenüber ihrer Bevölkerung seit dem Zweiten Weltkrieg führen können. Wenn wir uns als NGO nun auch noch in Selbstzensur üben sollen, so wie es die Leitmedien seit geraumer Zeit tun, was ist dann überhaupt noch unsere Aufgabe?

Ja, auch die Anthroposophische Medizin hat zwei namhafte Kollegen verloren, die an Covid-19 erkrankt waren. Wir haben nicht behauptet, dass all dies harmlos ist. Als Arzt habe ich aber auch vor Covid-19 Patienten verloren, die an einer Lungenentzündung verstorben sind. Leider widerfährt auch das immer wieder Kolleginnen und Kollegen, die einfach ihre Arbeit machen. Erfahren wir diese Zahlen in einer realistischen medialen Aufarbeitung? Werden die Covid-Zahlen in ein realistisches Verhältnis zur Morbidität und Mortalität in den jeweiligen Bevölkerungen gesetzt? Werden die sozioökonomischen Bedingungen in New York, die katastrophale soziale Situation vieler Menschen und des dortigen Gesundheitswesens, das ich aus eigener Anschauung gut kenne, in irgendein realistisches Verhältnis gesetzt?

zurück zur Übersicht

Der Wind dreht sich ein wenig

Kritische Stimmen kommen mehr zu Wort

 

Corona-Spezial Oktober 2020 – Nach all den Meldungen über alarmierend ansteigende Infektionszahlen und düsteren Prognosen wie „Die Pandemie wird jetzt erst richtig losgehen, auch bei uns“ (so der Virologe Christian Drosten am 23. September in einem Doppel-Interview mit Prof. Dr. Detlev Ganten im Vorfeld des „World Health Summit in Berlin“, der vom 25. bis 27. Oktober in Berlin stattfinden wird) mochte man seinen Augen und Ohren kaum trauen, was da im ARD-Extra am 5. Oktober gleich nach der Tagesschau, mithin also zur besten Sendezeit, ab Minute 11:40 über den Bildschirm flimmerte: Da sagt der Bonner Virologe Prof. Dr. Hendrik Streeck unverblümt, dass eben diese Zahlen „nur bedingt etwas aussagen“, nur ein geringer Anteil der Betroffenen benötige eine medizinische Versorgung. Und weiter, unter Bezugnahme auf die von der Bundeskanzlerin für Dezember prognostizierten möglichen Infektionszahlen: „20.000 Neuinfektionen pro Tag – das klingt erstmal nach Apokalypse. Das sind enorme Zahlen, aber im Grunde sollte uns das keine Angst machen, weil ein milder Verlauf oder ein Verlauf ohne Symptome nicht so stark zum Infektionsgeschehen beiträgt. (…) Wir müssen eine Normalität finden, eine achtsame Normalität, dass jemand, der einen schweren Verlauf hat, die bestmögliche Versorgung erhält. Dieses Virus wird nicht mehr aus dem Menschen ausgetrieben werden können, wir können es nicht mehr eradizieren, und wir müssen eben anfangen, mit dem Virus zu leben.“

Nicht minder deutlich äußert sich Prof. Dr. Torsten Bauer, Chefarzt der Lungenklinik am Helios Klinikum Emil von Behring in Berlin in eben dieser Sondersendung: „Wir sollten versuchen, von dieser Zahl wegzukommen.“ Seit zwei Wochen stehe seine Covid-19-Station nahezu leer, wie auch in vielen anderen Krankenhäusern in Deutschland. „Ich als Mediziner hätte ganz gern dagegen gespiegelt die Zahl der Krankenhausaufnahmen, weil die absolute Infektionszahl für Mediziner ja nur sagt, wie viele haben sich infiziert, aber nicht, wie viele waren krank. Und wir müssen wissen, worauf müssen wir uns im Krankenhaus einstellen.“

ARD-Extra benennt die Fakten:

  • In den ca. 30.000 Intensivbetten in Deutschland liegen derzeit nur 447 Infizierte.
  • 9.534 Menschen sind seit März bis Anfang Oktober an oder mit Corona gestorben. Klingt dramatisch. ABER: In Deutschland sterben normalerweise jede Woche 16.000 bis 20.000 Menschen. 2020 starben bis Mitte März weniger Menschen als im Durchschnitt der Vorjahre, im April durch Corona für wenige Wochen deutlich mehr, ab Ende April jedoch waren es nicht mehr als üblich. Mitte August gab es noch einen kleinen Anstieg – der war der Hitze geschuldet, nicht Corona.
  • Auch der Anstieg im April hielt sich in engen Grenzen: Von den 20.479 Toten waren 1.736 an oder mit Corona verstorben. Seither starben nur noch sehr wenige Menschen an oder mit Corona.
  • Im August waren von 19.450 Toten nur 27 mit Corona infiziert. Ob diese Menschen an oder mit Corona starben, ist unklar.

Der ebenfalls interviewte Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, findet dafür klare Worte: „In Deutschland gibt es keine Übersterblichkeit. Das heißt verkürzt: Es sterben nicht mehr Menschen als in jedem normalen Jahr ohne Corona.“

Und Prof. Dr. Ursel Heudorf, Fachärztin für öffentliches Gesundheitswesen in Frankfurt am Main, sagte ARD Extra: „Wir haben zwar viele Fälle, aber wenig Krankenhauseinweisungen und wenig Todesfälle. Wir müssen die Bevölkerung differenziert informieren, nicht nur über die Zahl der positiv Getesteten oder Infizierten, sondern tatsächlich über die Zahl der schweren Fälle. Es wird leider zu wenig in der Allgemeinbevölkerung darüber berichtet. (...) Von den 9.500 Todesfällen insgesamt an oder mit Corona Verstorben sind 9.000 vor Juli verstorben, und in den vergangenen drei Monaten, obwohl wir einen Anstieg von 100.000 positiv Getesteten haben, nur 500. Da hat eine große Entkoppelung stattgefunden und die muss mehr kommuniziert werden.“ 

Auch diverse andere Medien räumten in den vergangenen Wochen kritischen Stimmen mehr Raum ein. In einem Interview mit der WELT vom 30. September (Bezahlschranke) sagte der Schriftsteller Daniel Kehlmann: „Wir wären weiter, wenn wir das Hygienetheater lassen würden.“ Im Einzelnen seien viele Maßnahmen lächerlich gewesen und zu weit gegangen. Es erschrecke ihn, dass „über die Auswüchse, die wir erlebt haben, gar nicht gesprochen wird. Dass etwa einfach hingenommen wurde, dass die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern nicht in ihre Zweithäuser durften. Das ist ein Skandal und ein Vorgang, der in keiner Weise rechtlich gedeckt ist.“ Kehlmann spricht darin auch die Situation in den USA an: „In Amerika habe ich erlebt, dass mir und meiner Familie auf der Fifth Avenue nachgeschrien wurde, wir sollten Masken tragen. Es war im Freien, neun Uhr abends, die Straße war leer. Allein dadurch, dass die Republikaner gegen das Maskentragen sind, ist die Maske in jeder Situation für die demokratische Seite ein Mittel geworden, sich als rationaler Mensch darzustellen. Diese extreme Polarisierung haben wir zum Glück nicht.“

Der Leiter des Gesundheitsamtes in Frankfurt am Main, René Gottschalk, forderte in zwei Artikeln, die auf der Seite der Landesärztekammer Hessen veröffentlicht wurden, zusammen mit seiner Kollegin Prof. Dr. Ursel Heudorf: „Die Bevölkerung muss sachgerecht informiert werden.“ Eine Übersterblichkeit sei, so Gottschalk, „weder in der Gesamtbevölkerung noch in der Gruppe der Hochrisikopatienten (Bewohner von Altenpflegeheimen) zu verzeichnen. Die Sterbestatistik (tägliche Sterbefälle) zeigt im ersten Halbjahr 2020 keine Auffälligkeiten – im Gegensatz zu der erkennbar höheren Sterbezahl während der Influenza-Zeiten 2017 und 2018 sowie während der Hitzeperiode im Juli 2018.“

Die teilweise sehr einschneidenden Maßnahmen seien von politisch Verantwortlichen angeordnet worden, „ohne dass Erfahrungen früherer Pandemien ausreichen berücksichtigt wurden. Ein Problem hierbei war (und ist), dass überwiegend virologische Fachexpertise zur Beratung genutzt wurde, um die. Maßnahmen zu beschließen; Fachärzte für Öffentliches Gesundheitswesen, die für solche Situationen eine lange, aufwendige Weiterbildung absolvieren müssen, waren nur selten involviert. Auch jetzt muss man feststellen, dass man von den (richtigen) Strategien ‚Containment‘ (Eindämmungsstrategie), ‚Protection‘ (Schutzstrategie für vulnerable Gruppen) und ‚Mitigation‘ (Folgenminderungsstrategie), die im nationalen Pandemieplan des Robert Koch-Institutes (RKI) beschrieben sind, komplett abweicht und derzeit ausschließlich „Containment“ betreibt, was angesichts der Fallzahlen dringend überdacht werden sollte.“ Die Schule sei kein „Hochrisikoarbeitsplatz". Diagnostik werde vor Prävention gesetzt. Der Blick auf Impfstoffe als Problemlöser sei „in der näheren Zukunft nicht zielführend“. Auch sei die derzeit geführte Diskussion der Übertragungsmöglichkeit durch Aerosole „von der Realität weit entfernt: Wäre dies ein wichtiger Übertragungsweg, hätten wir eine gänzlich andere epidemiologische Ausbreitung“, so die beiden Experten. „Angesichts des Verlaufs und der Ausprägung der Pandemie sowie der bisher vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse und praktischen Erfahrungen bedarf es dringend einer breiten öffentlichen Diskussion zu den Zielen und Mitteln der Pandemie-Bekämpfung. Diese Diskussion muss, über rein virologische Fragen hinaus, ethische Aspekte sowie rechtliche Fragen zum legitimen Zweck, der Geeignetheit, Erforderlichkeit und Angemessenheit der Maßnahmen umfassen.“

Über die inzwischen massenhaft vorgenommenen PCR-Tests wurde schon viel gestritten – jetzt hat das Recherche-Team der ARD die Thematik vor allem im Hinblick auf die Gesundheitsämter gründlich aufgearbeitet und führt das derzeitige Chaos in einem Faktencheck auf tagesschau.de anschaulich vor Augen. 

In einem Interview mit der Zeitschrift info3 (Oktober-Ausgabe) sagte Prof. Dr. Harald Matthes, Ärztlicher Direktor des Gemeinschaftskrankenhauses Havelhöhe in Berlin, das schon früh eine Corona-Ambulanz einrichtete und selbst viele betroffene Patient*innen auf der Intensivstation betreute: „Gegenwärtig liegt das Letalitätsrisiko bei nur noch 0,2 bis 0,3 Prozent, und wir wissen inzwischen, dass das ganze Geschehen nicht so sehr durch das Virus bestimmt ist, sondern durch den jeweiligen Wirt, den das Virus befällt. Da ist es aus meiner Sicht völlig unverständlich, warum Virologen, die ja das Virus untersuchen, immer noch die wesentlichen politischen Maßgaben bestimmen, während ja die klinische Einschätzung das Entscheidende ist: Wie viele Menschen werden tatsächlich krank?“ Es bestehe derzeit keinen Anlass zu großer Besorgnis, da es trotz der Zunahme an positiven Testergebnissen nur sehr wenige schwer Erkrankte oder Todesfälle gebe. Matthes kritisiert vor allem, dass die Maßnahmen für alle Bevölkerungsteile gleichermaßen gelten sollen: „Wenn ich zum Beispiel weiß, dass Kinder unter neun Jahren so gut wie nie einen schweren Verlauf haben und dass es auch keinen Beleg dafür gibt, dass sie ihre Lehrer anstecken – dann muss ich für diese Altersgruppe nicht die gleichen Maßnahmen ergreifen, als wenn ich im Altenheim einen Covid-19-Ausbruch verhindern will.“ Corona sei im Hinblick auf die Kapazität der Intensivbetten keine Bedrohung mehr, weshalb sich die Corona-Maßnahmen in der jetzigen Pauschalität „nicht mehr rechtfertigen“ ließen. Die Politik sei derzeit „wenig lernend und risikostratifizierend unterwegs“. Was die wirtschaftlichen Folgen angehe, richte man derzeit „weit mehr Schaden an als infektionsvorbeugend nötig ist“.

Eine Lanze für mehr Freizügigkeit in den Schulen brach auch der Hamburger Virologe Prof. Dr. Jonas Schmidt-Chanasit in einem Interview mit den Tagesthemen am 30. September (ab Minute 13:15). Alles deute darauf hin, „dass Schulen und Kitas eben nicht die Hauptinfektionsherde sind. Die meisten Infektionen wurden von außen in die Schulen und Kitas getragen. Und was auch bestätigt wurde, ist, dass die Infektion oftmals asymptomatisch verlaufen, das heißt, wir haben keine schweren Verläufe, und das sind sehr gute Nachrichten.“ Auf die Nachfrage von Tagesthemen-Moderatorin Pinar Atalay, wann man die Schulen doch wieder dicht machen müsse, weil auch Lüften nicht mehr helfe, sagte Schmidt-Chanasit: „An dem Punkt sind wir noch lange nicht. Es gibt keine Hinweise darauf, dass wir so ein Szenario jetzt umsetzen müssten.“

Prof. Dr. Gerd Antes, Experte für Biometrie und Statistik und engagierter Verfechter für eine evidenzbasierte Medizin (er leitete lange das deutsche Cochrane-Zentrum in Freiburg), fordert in einem Interview mit focus-online: „Wir müssen uns mehr trauen“ und findet sehr kritische Worte für Politik und Wissenschaft. Der Satz, Corona sei die Lupe, die alle Defizite, die es schon gab, noch deutlicher erscheinen lasse, gelte auch für die Wissenschaft. Weltweit gäbe es „eine unglaubliche Anzahl an Studien zu Corona“, vielfach von erschreckend schlechter Qualität, „zum großen Teil geboren aus dem Egoismus des Wissenschaftsbetriebs“. Es handele sich um „eine wilde Mischung aus ‚Etwas gegen die Bedrohung tun wollen‘ einerseits, andererseits aber auch den schädlichen Bedingungen des Wissenschaftsbetriebs zu gehorchen – schnell an Fördergelder zu kommen oder einen Medienplatz zu ergattern. Die Egoismen spielen verrückt.“ Es gebe „nach wie vor keine zielgerichtete Forschung“. Die Virologen „liefern der Politik das Alibi, sich nicht ernsthaft allen wissenschaftlichen Herausforderungen zu stellen. Die Deutungshoheit durch Virologen statt der Forderung nach einer interdisziplinären Task Force dient der Sache nicht. (…) Die Menschen, die aktuell auf die Straße gehen und sich übergangen fühlen, müssen ernstgenommen werden.“ Antes geht auch mit der Regierung hart ins Gericht: „Diese Drohungen mit Frankreich oder Spanien, die Merkel und Minister aussprechen, sind völlig ungeeignet.“ Es gebe Erklärungsversuche, warum Deutschland es besser gemacht habe als diese Länder und Italien, z. B. dass man früher reagiert habe. Er glaube aber nicht, dass das der einzige Grund sei, sondern dass noch mehr dahinterstecke, was man immer noch nicht verstehe. Auch habe man durchaus einiges falsch gemacht: „Die Krankenhäuser selbst sind Teil der Täterschaft. Hygienisch sind sie schlechter aufgestellt, sie haben Probleme mit Antibiotikaresistenzen, weil sie sehr viel mit Antibiotika behandeln. In Italien und wohl auch in Spanen wurde schon vor Corona das Gesundheitssystem kaputtgespart.“

In einem Interview mit der WELT (Bezahlschranke) beklagt auch der Infektiologe Prof. Dr. Gerd Fätkenheuer, Leiter der Infektiologie am Uni-Klinikum Köln, dass der geringste Teil der Vorschriften wissenschaftlich belegbar ist, wie das sonst zu Recht gefordert werde.

Virologe Prof. Dr. Hendrik Streeck hat Ende September einer ganzen Reihe von Medien Interviews gegeben, so z. B. t-online.de, dem Handelsblatt, der WELT (Bezahlschranke, Video) und web.de, in denen er nicht müde wurde, einen Strategiewechsel zu empfehlen und vor Alarmismus und Panikmache zu warnen. Auch er plädiert dafür, der Anzahl der positiven Tests nicht zu viel Bedeutung beizumessen und hält es überdies nicht für sinnvoll, Maske zu tragen, wenn Abstand gehalten werden könne: „Wir müssen von einer Verbotskultur in eine Gebotskultur kommen.“

Heftige Kritik kommt auch vom Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg, Walter Plassmann, der in einem Gastbeitrag für das Hamburger Abendblatt (Bezahlschranke) am 14. September mehr Gelassenheit einfordert (ein Bericht darüber findet sich bei focus online). Die Diskussion werde von Medizinern bestimmt, die „nicht mit dem ganzheitlichen Menschen arbeiten (…) Das wahre Leben kommt im beruflichen Alltag der Drostens, Lauterbachs und Brauns (Helge Braun ist Chef des Bundeskanzleramts, d. Red.) nicht vor.“ Äußerungen wie die von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder von einer derzeitigen „Corona-Schockwelle“ seien wenig hilfreich: „Wer die Gesellschaft mit immer neuen Hiobsbotschaften auf immer höhere Bäume treibt, der macht die Gesellschaft krank.“ Gelassenheit sei angebracht, „auch wenn das eine Schockwelle für Söder sein sollte“.

In einem Interview mit focus online bekräftigte Plassmann erneut seine Position: „Wir müssen uns von dieser vollkommenen Fixierung auf Infektionszahlen lösen. (…) Wenn die Infektionszahlen hochgehen, aber es sind nicht mehr Menschen krank oder sterben, dann ist das nicht schlimm.“ Von den AHA-Regeln (Abstand, Hygiene, Alltagsmaske) sei die Maskenpflicht die unwichtigste: „Ungeschützt anderthalb Meter Abstand halten bietet mehr Schutz als eine Maske. (…) Wir sollten mehr Vernunft walten lassen. Haltet Abstand und wenn das nicht geht, setzt eine Maske auf. In Schweden ist es so geregelt worden, und dort hat es funktioniert.“ 

Eine sehr aufschlussreiche Darstellung eines in Stockholm tätigen Arztes über die Situation in Schweden und die Frage der Herdenimmunität findet sich bei heise.de (23. September).

Schon seit einiger Zeit fällt die differenzierte Berichterstattung bei der „Neuen Zürcher Zeitung“ auf. Einen bemerkenswerten Kommentar hat der Berlin-Korrespondent dieser Schweizer Tageszeitung, Alexander Kissler, am 25. September unter der Überschrift „Aus Bürgern dürfen keine Hilfssheriffs werden“ abgegeben: „Von Angst getrieben sind die immer neuen Szenarien eines pandemisch zugespitzten Winters, von einem Angstfuror getragen sind die wahrlich einschneidenden Neudefinitionen des öffentlichen Raumes. Privat soll künftig nur derjenige Zustand sein, in dem die Maskenpflicht entfällt. So lautet die Summe aus den rapide zunehmenden Regeln und Empfehlungen für die ‚neue Normalität‘. Auf diese Weise entsteht schleichend nicht nur eine Angst-, sondern auch eine Kontrollgesellschaft. Je mehr Angst im Leben herrscht, desto mehr braucht es Kontrolle über dieses Leben. (…) Der „Geist des Denunziantentums“ ist aus der Flasche.“

Besonders bemerkenswert ist aber die „Great Barrington Declaration“, die anlässlich einer internationalen Konferenz von führenden Epidemiolog*innen, Wissenschaftler*innen im Bereich des öffentlichen Gesundheitswesens und Journalist*innen entstand, die auf Einladung des American Institute for Economic Research vom 1. bis 4. Oktober 2020 in Great Barrington (USA) zusammengekommen sind. Sie wurde (Stand 9.10.2020, 12:00 Uhr) von 5.443 Wissenschaftler*innen aus dem Gesundheitsbereich, 10.978 Ärzt*innen und 150.882 Personen aus dem öffentlichen Leben unterzeichnet. Darin wird festgestellt, dass die „derzeitige Abriegelungspolitik verheerende Auswirkungen auf die kurz- und langfristige öffentliche Gesundheit“ hat, was in den kommenden Jahren zu einer höheren Übersterblichkeit führen und vor allem die arbeitende Bevölkerung und junge Menschen treffen werde. Schüler*innen von der Schule fernzuhalten, sei „eine schwerwiegende Ungerechtigkeit“. Und weiter: „Diese Maßnahmen so lange aufrechtzuerhalten, bis ein Impfstoff zur Verfügung steht, wird irreparablen Schaden verursachen, wobei die Unterprivilegierten unverhältnismäßig stark geschädigt werden.“

Die Wissenschaftler*innen sprechen sich für einen „fokussierten Schutz“ aus, bei dem diejenigen mit minimalem Sterberisiko ein normales Leben führen können, während die am höchsten gefährdeten Menschen besser geschützt werden. Dazu gehört z. B. der Einsatz von Pflegepersonal mit bereits erworbener Immunität in Alten- und Pflegeheimen, häufige PCR-Tests bei Besucher*innen dieser Einrichtungen, bessere Belieferung von Alten und Kranken im häuslichen Umfeld und ähnliches mehr. Ansonsten könne das Leben weitergehen wie in Vor-Corona-Zeiten mit unbegrenzten kulturellen Aktivitäten, Sport, Musik, offenen Kindergärten, Schulen und Universitäten. Die Erklärung schließt mit dem Satz: „Menschen, die stärker gefährdet sind, können, wenn sie es wünschen, daran teilnehmen, während die Gesellschaft als Ganzes den Schutz genießt, der den Schwachen durch diejenigen gewährt wird, die Herdenimmunität aufgebaut haben.“

Und ein weiteres Mal ist es die Neue Zürcher Zeitung, die den Finger in die Wunde legt. Unter der Überschrift „In der Pandemie zeigt sich die moderne Angst vor der Freiheit“ fragt der Freiburger Philosoph Rudolf Brandner in einem Gastkommentar am 8. Oktober: „Wo bleibt der nachdenkliche, abwägende und gebildete Mensch, der nach seinem Gewissen Entscheidungen fällt?“ Zum modernen Freiheitsbegriff gehöre die Selbst- bzw. Eigenverantwortung: „Es ist Sache des Einzelnen, wie er sich ernährt, ob er raucht oder trinkt und womit er seine Freizeit verbringt.“ Mit Corona habe sich das grundlegend verändert: „Das staatliche Handeln greift via Infektionsschutz auf das eigenverantwortliche Handeln seiner Bürger über und maßt sich damit eine Schutzfunktion an, die einzig und allein in der Freiheit und Selbstverantwortung des Einzelnen liegt.“ Es seien weniger die harten wissenschaftlichen Daten gewesen als „ihre digitale Modellierung“, die „eine suggestive Wirkkraft auf die politisch Handelnden“ ausgeübt habe.

Es fehle an der „personal übernommenen Verantwortlichkeit des Handelns“ unter verstärktem technologischem Druck: „Wie schon in der Digitalisierung der Finanzwirtschaft mehrt sich auch in anderen Bereichen der Zug zur Entäußerung personalen Menschseins an digital kodierte Algorithmen. Diese lösen automatisierte Entscheidungs- und Handlungsketten aus, ohne dass unsere Entscheidungen – Nachdenken, Besinnung, Abwägen – als Störfaktoren dazwischentreten könnten. (...) Angesichts von Todesangst und Massenpanik lässt sich endlich wieder ungeniert frei von der Leber weg befehlen, was das Ohnmachtsgefühl demokratischer Entscheidungsprozesse und ihrer elenden Kompromisse kompensiert.“ Dies sei nur möglich, weil es auf eine „Unterwerfungslust der Massen“ treffe, „endlich wieder gesagt zu bekommen, wo’s lang geht. (...) Was sich die Menschen angesichts der Dramatisierung öffentlichen Lebens an absurden Regellungen, widersprüchlichen Verordnungen und puren Schikanen gefallen lassen, ist schon erstaunlich. Es ist die moderne Angst vor der Freiheit, die alle Selbstverantwortung von sich abwirft und auf anonyme Kollektive und Instanzen überträgt, in denen der nachdenkliche, besinnliche, abwägende und gebildete Mensch, der im Angesicht seines Wissens und Gewissens Entscheidungen fällt, fehlt. Wenn nur ein einziger politischer Entscheidungsträger den Mut zur evidenzbasierten Vernunft und selbstverantwortlichen Besinnung hätte und entsprechend alle Corona-Maßnahmen mit sofortiger Wirkung aufhöbe: dann wäre der ganze Spuk im Nu vorbei. Aber genau dafür möchte keiner die Verantwortung übernehmen; und für die Kollateralschäden der Maßnahmen gilt ja: Verantwortungsdiffusion. Wie bei Agatha Christie.“

zurück zur Übersicht

Die Politik zieht die Daumenschrauben an

Wird der Ausnahme- zum Dauerzustand?

 

Corona-Spezial Oktober 2020 – Gleichzeitig wird aber weiterhin Panik geschürt: Regierungssprecher Steffen Seibert warnte am 7. Oktober vor „sprunghaft ansteigenden Zahlen, insbesondere in Großstädten, auch in der Hauptstadt“, wodurch es „zu einer weiteren diffusen Ausbreitung des Virus kommen“ könne. Bundeskanzlerin Merkel sah schon Ende September  in ihrer Ansprache „Grund zur Beunruhigung“ (WELT, 29.9.2020) und kündigte eine Reihe von verschärfenden Maßnahmen an. Was Gabor Steingart, früher Chefredakteur beim „Handelsblatt“, jetzt Herausgeber von „ThePioneer“ in seinem „Morning-Briefing“ am 29. September zu einem bitterbösen Fazit veranlasste: „Bürgerproteste und die Mahnungen vieler Ökonomen vor beschleunigten Wohlstandsverlusten finden im Bundeskanzleramt derzeit kein Gehör. Beide Ohren der Angela Merkel gehören den Virologen. Links flüstert Professor Drosten, rechts souffliert das RKI.“

„Die Angst der Deutschen vor Corona-Infektion nimmt deutlich zu“ meldet die WELT am 1. Oktober folgerichtig und bezieht sich dabei auch auf Merkels Ansprache. Die Angst innerhalb der Bevölkerung, sich mit Corona zu infizieren, ist einer Umfrage von Infratest Dimap zufolge innerhalb eines Monats stark angestiegen: 36 Prozent machen sich darüber sehr große bis große Sorgen (Anstieg um 10 Prozent), bei 64 Prozent ist die Angst weniger groß oder klein (Abnahme um 9 Prozent). 53 Prozent befürchten Langzeitschäden, 45 Prozent stehen diesem Problem eher gelassen gegenüber. Eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung begrüßt die Maßnahmen der Regierung im Hinblick auf die Ausweitung der Maskenpflicht (63 Prozent gegenüber 34 Prozent, die das falsch finden) und einer Obergrenze für private Feiern (85 versus 13 Prozent). 78 Prozent der Befragten wünschen sich dabei ein bundesweit einheitliches Vorgehen. Alle Naslang werden neue Risikogebiete ausgerufen, was an der relativ willkürlich gesetzten Grenze von 50 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner liegt. Wird diese Zahl überschritten, gilt eine Region, eine Stadt oder ein Quartier als „Hotspot“.

Fragt sich nur, wie aussagekräftig dieser Grenzwert für die Lage tatsächlich ist. Er wurde im Mai zwischen Kanzleramt und den Bundesländern als „rote Linie“ ausgehandelt – um die Entwicklung angesichts der gerade beschlossenen Lockerungen nicht aus dem Auge zu verlieren. Ist dieser Wert aber auch heute wirklich geeignet, um das Geschehen ins richtige Fahrwasser zu steuern? Die oben im ersten Abschnitt geschilderten Meinungen der verschiedenen Expert*innen fließen da jedenfalls nicht mit ein. „Der starre Blick auf die Neuinfektionen“, so schreibt n-tv am 7. Oktober, „scheinen keine besonders gute Orientierung auf dem Weg durch die Corona-Krise zu sein.“ Es werde weder die Altersstruktur berücksichtigt noch die Infrastruktur einer Region noch werde der aktuelle Stand der Wissenschaft einbezogen.

Nichtsdestotrotz ist die Mehrheit der Bundesländer inzwischen dazu übergegangen, Menschen, die aus solchen „Risikogebieten“ kommen, die Übernachtung in Hotels und Ferienwohnungen zu verweigern, es sei denn, sie können einen negativen Corona-Test vorweisen, der nicht älter als 48 Stunden sein darf (ausgenommen Familienbesuche und Pendelverkehr). Niedersachsen hat angekündigt, eine entsprechende Verordnung auf den Weg zu bringen. Nur Nordrhein-Westfalen, Bremen, Berlin, Mecklenburg-Vorpommer und Thüringen machen (noch) nicht mit.

Nur Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow bezeichnete diese Maßnahme im ZDF am 7. Oktober als „Unsinn“, die Lage in den Bundesländern sei zu unterschiedlich. In ganz Thüringen gebe nicht einmal 4.500 Infizierte, nur sehr wenige von ihnen seien schwer erkrankt: „Ich beteilige mich nicht an politischen Entscheidungen, die einer rechtsstaatlichen Prüfung nicht mehr standhalten.“

Kanzleramtsminister Helge Braun sieht Deutschland „an der Schwelle einer zweiten Welle“ (WELT Live-Ticker, 8.10.2020, 09:29 Uhr), und die Leiterin der Abteilung Infektiologie des Uniklinikums Gießen, Susanne Herold, warnt vor „neuen Engpässen in deutschen Krankenhäusern“ (ebenda, 10:21 Uhr). Wieder ist die Rede davon, dass planbare Operationen verschoben werden müssen, wieder sollen „Räume für neue Patienten geschaffen“ werden. Die Basis für all diese Aussagen sind aber nicht etwa volle Intensivstationen, sondern einzig und allein die positiven Tests, die weiter angestiegen sind.

Und RKI-Chef Lothar Wieler sagt es noch drastischer: „Es ist möglich, dass wir 10.000 neue Fälle pro Tag sehen“, verkündete er am 8. Oktober in der Bundespressekonferenz (WELT, 8.10.2020) und übertraf damit noch die von Bundeskanzlerin Merkel für die Weihnachtszeit prognostizierten 19.200 Neuinfektionen pro Tag, was Olaf Gersemann, Ressortleiter Wirtschaft, Finanzen, Immobilien der WELT, zur Schlagzeile veranlasste: „Die Corona-Realität ist jetzt schon schlimmer als Merkels 19.200-Szenario“ (Bezahlschranke).

Kein Wunder, dass die Berliner Gesundheitssenatorin am 7. Oktober verschärfte Corona-Regeln für die Hauptstadt einführte. Ab sofort bis mindestens 31. Oktober gilt jetzt eine Sperrstunde zwischen 23 und 6 Uhr für Gastronomie und Kioske, und im Freien dürfen sich maximal fünf Menschen treffen. Wer sich nicht daran hält, wird mit empfindlichen Strafen bis zu 10.000 Euro belegt.

Baden-Württemberg zündete Stufe 2 eines dreistufigen Alarmsystems, die eintritt, wenn die landesweite 7-Tage-Inzidenz von nur 10 Fällen pro 100.000 überschritten wird oder sich die landesweiten Fallzahlen innerhalb von zwei Wochen verdoppeln, wie die Badische Zeitung am 6. Oktober berichtet. Am 5. Oktober lag die Sieben-Tage-Inzidenz bei 16,4.

In Hamburg wurden ebenfalls am 7. Oktober schärfere Kontrollen und weitere Maßnahmen angekündigt, wenn die 7-Tage-Inzidenz an drei aufeinanderfolgenden Tagen den Wert von 35 überschreite, wie es in einer Pressemitteilung der Hamburger Sozialbehörde vom 8. Oktober heißt. Konkret sollen dann folgende Maßnahmen greifen:

  • Maskenpflicht für alle Personen in Gastronomie und Einzelhandel, auch für das Personal (das bisher nicht dazu gezwungen war).
  • Maskenpflicht bei allen Veranstaltungen in geschlossenen Räumen und in Gebäuden mit Publikumsverkehr.
  • Maskenpflicht an besonderen öffentlichen Plätzen, wo es regelhaft zu größeren Ansammlungen und Enge kommt.
  • Verbot von Gesichtsvisieren als ausreichende Mund-Nasen-Bedeckung; diese sind nur noch ausnahmsweise zulässig, wenn besondere Gründe vorliegen (z. B. bei Menschen mit Behinderungen).
  • Werden die Auflagen in der Gastronomie zu Maskenpflicht und Abstand nicht eingehalten, wird der Senat ein generelles Verbot von Stehplätzen in der Gastronomie einführen.

Wie so oft schießt aber Bayern den Vogel ab, wenn es darum geht, die Anordnungen durchzusetzen. Im morgendlichen Newsletter "Tagesanbruch" von t-online.de beschreibt der stellvertretende Chefredakteur Florian Wichert am 9. Oktober, wie vorbildlich der Freistaat die steigenden Fallzahlen bekämpft: „Mit strenger Maskenpflicht, zum Teil auch auf öffentlichen Plätzen, mit Bußgeldern, patrouillierenden Polizisten, Kontrollen und Alkoholverbot. Selbst ein Polizeihubschrauber kam über der Isarvorstadt zum Einsatz. Sogenannte USK-Einheiten, also Spezialkräfte der bayerischen Polizei mit Sonderaufgaben (Unterstützungskommando) in Vollmontur und Mannschaftsstärke räumten die Party-Hotspots am Baldeplatz an der Isar und am Gärtnerplatz. Auch wenn es Ärger mit Umweltschützern gibt und der Kampf gegen das Virus auch in München seine Tücken hat – zumindest genießt er Priorität." 

Schon am 23. September hatte SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach eine bundesweite Maskenpflicht auf öffentlichen Plätzen gefordert, wie aerzteblatt.de berichtet. Lautes Sprechen erhöhe das Risiko für eine Ansteckung auch im Freien, so Lauterbach, der für den Winter mit einer zweiten Infektionswelle rechnet. Italien hat am 7. Oktober eine landesweite Maskenpflicht im Freien beschlossen, nur wenn man weit und breit alleine sei sowie beim Sport und in privaten Räumen kann die Maske abgelegt werden. Ausgenommen sind Kinder unter sechs Jahren und Menschen, die an einer Krankheit leiden, die sich mit dem Tragen einer Maske nicht vereinbaren lässt.

Und auch der Deutsche Bundestag bildet keine Ausnahme mehr: Aus der Empfehlung, im Gebäude Maske zu tragen, ist auf Anordnung von Parlamentspräsident Schäuble bis mindestens 17. Januar 2021 eine Pflicht geworden, wie die Tagesschau am 5. Oktober berichtet. Nur am Platz oder für einen Redebeitrag darf die Maske abgelegt werden. Viele Firmen und Institutionen haben jetzt auch im Büro eine Maskenpflicht angeordnet. 

Masken, Masken also allerorten. Angesichts dessen, dass die Schutzwirkung der Masken wissenschaftlich weiterhin in Frage steht, erscheinen diese Maßnahmen in ihrer Effizienz zumindest fragwürdig. Den wichtigsten und gänzlich nüchtern-sachlichen Beitrag zu diesem Thema lieferte die Passauer Fachärztin für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie und Leiterin der Klinikhygiene am Klinikum Passau, Prof. Dr. Ines Kappstein, die auch Fachärztin für Hygiene und Umweltmedizin ist, in der Zeitschrift Krankenhaushygiene up to date unter der Überschrift „Mund-Nasen-Schutz in der Öffentlichkeit: Keine Hinweise für eine Wirksamkeit“. Ihr Fazit:

„Bei Auswertung der vom RKI für dessen ‚Neubewertung‘ von Masken im öffentlichen Raum angeführten Publikationen zeigt sich, dass es keine wissenschaftliche Grundlage gibt, mit der der Gebrauch von Masken (gleich welcher Art) in der Öffentlichkeit bei nahezu der gesamten Bevölkerung von Deutschland (abzüglich der Kinder bis 6 Jahre ca. 80 Millionen Menschen) gerechtfertigt werden kann, und aktuelle Untersuchungen zeigen das Gleiche. Im Gegenteil kann eine Maskenpflicht für viele Millionen Menschen im öffentlichen Raum sogar zu einem Infektionsrisiko werden, weil die erforderliche Händehygiene nicht eingehalten werden kann. (...) Bei der Übertragung respiratorischer (über die Atemwege eindringende, d. Red.) Viren spielt ein enger (unter 1 m) Face-to-Face-Kontakt die entscheidende Rolle, der zudem mindestens über eine gewisse Zeit (über 15 Minuten) bestehen muss, damit sich ein Übertragungsrisiko überhaupt verwirklichen kann. Abstand halten bei Gesprächen schützt vor direkten Erregerkontakten und macht das Tragen von Masken überflüssig.“

Bisher wurde diese sehr ausführliche und genaue Analyse dieser Expertin noch in keinem großen Medium gewürdigt, ebenso wenig ihre sehr ausführliche (ca. einstündige) auf YouTube eingestellte Erläuterung der vom RKI als Beleg benannten und von ihr unter die Lupe genommenen Studien.

Dass aus dem Ausnahmezustand womöglich ein Dauerzustand werden könnte, legen Äußerungen von Christian Drosten in einem Interview mit ZEIT online am 6. Oktober nahe. Auf die Frage, ob sich die Strategie zu sehr auf einen Impfstoff stütze, der ja noch einige Zeit auf sich warten lassen wird und dessen Wirksamkeit von Expert*innen höchst unterschiedlich eingeschätzt wird, antwortet Drosten: „Sie stützt sich darauf, aber mehr auch nicht. Sie hängt nicht davon ab. Auch wenn wir sehen würden, dass aus einem völlig unerfindlichen Grund die Entwicklung eines Impfstoffs nicht gelingt, würde man auf Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen setzen. Das Virus würde andernfalls wieder harte Gegenmaßnahmen erzwingen, einfach weil es nicht tragbar ist, in einer Gesellschaft mit unserem Altersprofil diese Krankheit durchlaufen zu lassen. Die vergangenen und derzeitigen Maßnahmen stehen daher nicht infrage.“

Andreas Rosenfelder, Ressortleiter Feuilleton bei der Tageszeitung DIE WELT hat das zu einem drastischen Kommentar veranlasst (Newsletter aus dem Newsroom der WELT vom 7. Oktober). Drosten gebe hier „keine wissenschaftlichen Erkenntnisse durch“, sondern formuliere „eine coronapolitische Ethik“„Elementarste Rechte dürfen nicht nur, sie müssen sogar auf Dauer ausgesetzt werden, wenn es eine virologische Bedrohung gibt – sei es durch Corona, sei es, wie man schlussfolgern darf, durch jedes andere Virus mit ähnlicher Mortalität und Infektiosität. Das ist eine ehrliche Aussage. Ein weitgehend freies, möglichst ungestörtes Leben mit dem Virus, wie Schweden es anstrebt, ist ‚nicht tragbar‘ – ein dauerhaftes Leben in einer kontaktbeschränkten, verängstigten, unfreien Gesellschaft hingegen schon, mit allen fatalen Folgen für Kinder und Familien, Selbständige und Künstler, Jugendliche und Einsame. Die Grundrechte einer offenen Gesellschaft – sie gelten demnach nur bedingt, im konkreten Fall: in Abhängigkeit vom Erfolg einer Impfung gegen das Corona-Virus. Über diese düstere Botschaft sollte man sogar dann nachdenken, wenn man Drostens Optimismus im Hinblick auf die Impfung teilt und nicht den Pessimismus seines Kollegen Hendrik Streeck. Wie lang soll das alles so weitergehen? Drosten hat diese Frage für sich beantwortet: Im Zweifel für immer. Es ist höchste Zeit, dass auch die deutsche Politik sich traut, den Bürgern ihre Antwort auf diese existenzielle Frage mitzuteilen.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

zurück zur Übersicht

Die wahren Leidtragenden

Es drohen gewaltige Hungersnöte

 

Corona-Spezial Oktober 2020 – Die eigentliche Bedrohung spielt sich jedoch ganz woanders ab, wenn man sich die Situation in anderen Ländern der Welt betrachtet, vor allem in Ländern mit großer Armut. Wegen der Corona-Krise werden nach Einschätzung der Weltbank noch in diesem Jahr bis zu 115 Millionen Menschen in extreme Armut stürzen, berichtet aerzteblatt.de am 8. Oktober anlässlich der Veröffentlichung des neuen Weltarmutsberichtes der Weltbank, der am 7. Oktober in Washington veröffentlicht wurde. Seit 1990 war die Zahl der Armen von 1,9 Milliarden Menschen um fast zwei Drittel gesunken, trotz eines Anstiegs der Weltbevölkerung um 2,2 Milliarden Menschen. Die Armutsrate ist damit von 36 auf 9 Prozent gefallen.

Durch die Auswirkungen der Corona-Maßnahmen wird sich der Trend jetzt jedoch drastisch ins Gegenteil verkehren. „Wir erleben eine globale Rezession von historischem Ausmaß“, sagte der Präsident der Weltbank, David Malpass. „Die menschlichen Kosten von Covid-19 sind immens. Die Pandemie und die globale Rezession könnten dafür sorgen, dass 1,4 Prozent der Weltbevölkerung in extreme Armut fallen.“ Das heißt, sie müssen von weniger als 1,90 US-Dollar täglich leben. Konkret bedeutet das, dass Ende 2020 zwischen 60 und 87 Millionen mehr Menschen zu dieser Gruppe gehören werden als noch 2019, wie die WELT berichtet.

Um das Schlimmste abzuwenden, hat Entwicklungsminister Müller (CSU) ein 3 Milliarden-Euro-Corona-Sofortprogramm aufgelegt. Es soll die Ernährung der Ärmsten der Armen sichern, die Menschen in Flucht- und Krisenregionen unterstützen, die Gesundheitssysteme stärken sowie Jobs und Unternehmen sichern, insbesondere in Indien, Bangladesh, Jordanien, Tunesien und Malawi. Fast die Hälfte der extrem armen Menschen lebt jedoch in Afrika: Nigeria, Kongo, Tansania, Äthiopien und Madagaskar.

Dass aber auch gerade die Ärmsten der Armen in Europa besonders von Corona betroffen sind, zeigt eine Studie der Ärzte ohne Grenzen aus Frankreich. Sie hat die Situation von 818 Menschen erfasst, die zwischen dem 23. Juni und 2. Juli an 14 Orten in der französischen Ile-de-France (der ist die Gegend rund um Paris) in überfüllten Notunterkünften und Arbeiterwohnheimen lebten und von „Médecins sans Frontières“ medizinisch betreut wurden. „Die Ergebnisse bestätigen, dass sich das Virus besonders aktiv ausbreitet, wenn sich mehrere Personen ein Zimmer, eine Dusche und eine Küche teilen müssen“, sagt Thomas Roederer, der die Studie leitete.

Wir werden diese Situation im nächsten Magazin von GESUNDHEIT AKTIV (erscheint Anfang November) noch genauer beleuchten. Am besten bestellen Sie das Magazin jetzt schon vor per E-Mail an magazin(at)gesundheit-aktiv.de 

zurück zur Übersicht

Lesenswert

Lektüre für Herz, Geist und Sinne

 

Corona-Spezial Oktober 2020 – Die Nächte werden länger, die Tage kälter – Zeit für erbauliche Literatur, nicht nur, aber auch rund um die Corona-Krise:

Unsere Welt nach der Pandemie
Eines ist klar: Nach dieser Krise wird die Welt eine andere sein. Und wir sind Zeugen und Mitgestalter*innen dieser umwälzenden Veränderungen. In diesem Buch haben sich insgesamt 32 renommierte Wissenschaftler*innen der Frage angenommen, wie das Leben nach Corona aussehen könnte – in Familie, Arbeit, Schule, Wirtschaft, Politik, Kultur und Wissenschaft. Spannend!

Zu diesem Buch gibt es auch ein Blog.

Bernd Kortmann/Günther G. Schulze (Hrsg.): Jenseits von Corona. Unsere Welt nach der Pandemie – Perspektiven aus der Wissenschaft. Transcript Verlag, 320 Seiten, 22,50 Euro

 

Irrtum oder Chance?
Noch ein Buch, das sich der Frage annimmt, welche Auswirkungen Corona auf unser künftiges Leben haben wird und wie sich das vor dem Hintergrund bereits überstandener Pandemien in der Menschheitsgeschichte darstellt. Es ist ein Buch, das nicht nur zum Nachdenken anregt, sondern auch auffordert, den Wandel mitzugestalten und die Chancen zu nutzen, die sich gerade jetzt bieten. Corona als Türöffner – mal ein anderer Blick auf die Krise.

Christian Knittl: Corona – großer Irrtum, große Chance. Von den Pandemien der Vergangenheit über Corona zu einem gesunden Wandel der Gesellschaft. Verlag tredition, 240 Seiten, 16,90 Euro

 

Perspektiven und Initiativen
Justus Wittich, Vorstand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und deren Schatzmeister, sowie Ueli Hurter, Landwirt und Co-Leiter der Sektion für Landwirtschaft am Goetheanum, haben sich als Herausgeber die Aufgabe gesetzt, Beiträge zur Einschätzung der Corona-Krise aus dem Spektrum der Anthroposophie zusammenzutragen. Und so ist dieses Buch eine ebenso abwechslungsreiche wie tiefschürfende Betrachtung aus der Sicht der Anthroposophie auf eine der wichtigsten Krisen unserer Zeit. Es entstand während der Schließung des Goetheanums in einer intensiven gemeinsamen Klausurarbeit. Es gehe nicht darum, so schreiben Hurter und Wittich im Vorwort, „Lösungen für die Corona-Krise“ zu entwickeln. Wohl aber zeige sich in den Beiträgen „der Versuch eines inneren wie äußeren Erkenntnisweges, bei dem die verschiedenen fachlichen Blicke auf das Covid-19-Problem die Gefährdungen, aber auch Richtungen einer notwendigen Bewusstseins- und Lebensstil-Änderung aufzeigen, um zukünftigen Pandemien und ihrer medizinischen wie sozialen und politischen Folgen entgegenzuwirken.“

Justus Wittich, Ueli Hurter (Hrsg.): Perspektiven und Initiativen zur Coronazeit. Verlag am Goetheanum, 240 Seiten, 10 Euro

 

Balsam für die Seele
Viele Menschen belastet die Corona-Krise psychisch in hohem Maße. Für alle, die ihrer Seele etwas Gutes tun wollen, sei dieses Buch empfohlen. Geschrieben hat es Manfred Lütz, Psychiater und Theologe in Köln und ebenso bekannt für seine hohe fachliche Kompetenz wie für sein loses rheinisches Mundwerk, seine Empathie, seinen Verstand und sein großes Herz. Lütz hat im Januar 2020 den bekannten Psychiater und Psychoanalytiker Otto Kernberg über sein Leben ausgefragt. Kernberg, geb. 1928, musste sein Heimatland Österreich 1939 aufgrund seiner jüdischen Herkunft verlassen und emigrierte zuerst nach Chile, seit 1961 lebt er in New York. Was sich in diesem Buch entfaltet, ist nicht nur das faszinierende Kaleidoskop eines Menschenlebens, sondern vor allem auch ein wunderbares Zwiegespräch zwischen zwei klugen Menschen. Dass es nie abgehoben wird, liegt an den beiden Männern selbst. Lütz schreibt dazu in seinem Vorwort: „Da das deutsche Publikum von einem anständigen Buch immer ein gewisses Maß an Unverständlichkeit erwartet, könnte hier ein Problem auftreten. Denn ich habe Otto Kernberg immer wieder gebeten, für einen gebildeten Metzger verständlich zu reden, und das hat er dann tatsächlich getan. Wer so etwas niveaulos findet und sich nach Fremdwörtern und Zitaten sehnt, dem seien die zahlreichen Fachbücher empfohlen, die Otto Kernberg publiziert (veröffentlicht) hat. Allerdings entgeht ihm dann vielleicht doch das Wesentliche, denn das Wesentliche ist letztlich einfach, und es ist meine feste Überzeugung, dass all das, was ein Metzger nicht versteht, nicht wichtig ist im Leben. Natürlich braucht man eine Fachsprache, um Fachdiskussionen zu führen, aber was an einer solchen Diskussion am Ende relevant ist, das muss man auch in normalem Deutsch sagen können. Tatsächlich ist es oft intellektuell viel herausfordernder, das Wesentliche einfach und verständlich zu sagen, als mit wohlbekannten Fremdwörtern um sich zu werfen. Und wenn Otto Kernberg tiefe Weisheiten einfach und allgemeinverständlich von sich gab, dann leuchteten seine Augen besonders hell auf, dann war er ganz bei sich und ganz bei den Menschen, denen er etwas sagen will. Dann war er bei Ihnen, liebe Leserinnen und Leser.“ Mehr braucht es kaum als Seelennahrung.

Manfred Lütz: Was hilft Psychotherapie, Herr Kernberg? Erfahrungen eines berühmten Psychotherapeuten. Herder Verlag, 192 Seiten, 20 Euro

 

Wärme nicht nur für den Bauch
Die Kochbücher des Briten Nigel Slater sind keineswegs nur eine Ansammlung von Rezepten, sondern vielmehr eine sprachgewaltige Fundgrube für Lebensweisheiten und Sinnlichkeit, Augenöffner für die ganz simple Kunst der guten Ernährung. Und deshalb sind sie gerade in Corona-Zeiten eigentlich eine Pflichtlektüre. Zumal es jetzt zwei Bücher von Nigel Slater gibt, die einen übers ganze Jahr begleiten: in Frühling und Sommer, in Herbst und Winter. Noch dazu mit lauter vegetarischen Rezepten, denn die sind für das Immunsystem ohnehin gesünder als fleischreiche Kost. Greenfeast, das heißt so viel wie „grünes Gelage“. Und so geht es auch zu – üppig, lukullisch, sinnlich. Slaters Anforderungen an die Qualität der Zutaten sind ebenso hoch wie seine Rezepte einfach und für jedermann und jedefrau leicht zuzubereiten. Ganz abgesehen davon, dass der Verlag ihnen eine wunderschöne Aufmachung spendiert hat. Also ran an die Buletten, pardon: Bratlinge!

Nigel Slater: Greenfeast Frühling/Sommer (auch in der kälteren Jahreszeit anwendbar) und Greenfeast Herbst/Winter (auch in der wärmeren Jahrezeit machbar), Dumont Verlag, 336 und 320 Seiten, jeweils 28 Euro

zurück zur Übersicht