Daten richtig einordnen 

Eine spannende Analyse der Lage in den USA 

 

Wenn es darum geht, wie gefährlich die Corona-Pandemie immer noch ist und weiterhin sein wird, werden vor allem die Daten aus den USA herangezogen, wo die Zahlen sehr hoch sind. Inzwischen gibt es jedoch eine neue Studie, die eine bessere Einschätzung der Lage ermöglicht und die der klinische Psychologe, Philosoph und Wissenschaftshistoriker Prof. Dr. Dr. Harald Walach in seinem Blog ausführlich analysiert hat. 

Die Übersterblichkeit, so Walach, ist vor allem auf Menschen mit hohem Lebensalter und schlechter Gesundheitsversorgung zurückzuführen. Interessant ist vor allem die Beobachtung, dass die Übersterblichkeit umso höher ist, je häufiger gegen Influenza geimpft wurde. Wo junge und sportliche Leute an einer mit COVID-19 verbundenen Lungenentzündung gestorben sind, handelte es sich nach seiner Analyse vorwiegend um Einzelfälle. Sein Fazit: „Es ist und bleibt ein Erreger, der vor allem für Alte und Multimorbide (Menschen mit mehreren schon vorbestehenden Krankheiten, d. Red.) gefährlich ist und offensichtlich durch relativ wenige Maßnahmen daran gehindert werden kann, sein tödliches Geschäft zu verwirklichen. (...) Die einzige Maßnahme, die wirklich Todesfälle reduziert hat, war das Reiseverbot und damit auch die häusliche Quarantäne für Reisende. Das Schließen von Läden, von Bars und Restaurants und Kitas spielte kaum eine Rolle.

Warum gerade New York so stark betroffen war, hatte womöglich ähnliche Ursachen wie in der Lombardei, sagt Walach„Leichter kranke Patienten wurden in Altersheime ausgelagert und steckten dort die Alten an. (...) Möglicherweise wäre unsere moderate COVID-19-Todesfallrate in Deutschland noch niedriger gewesen, hätte man von Anfang an, nicht erst Wochen später, die Alten und Gefährdeten besser geschützt.“ Aber gerade Atemschutzmasken, wie sie der schon seit vielen Jahren vorhandene Pandemieplan vorsehe, seien dafür nicht vorrätig gewesen. 

Es gelte, das Augenmerk vor allem auf weitere Faktoren zu richten, die bisher wenig beachtet wurden. Dazu zählen Impfungen generell wie auch die Influenza-Impfung im Speziellen, die bei Älteren mit einer höheren Mortalität an COVID-19 verbunden ist und bei Kindern mit einem vierfachen Risiko für andere Atemwegserkrankungen. Ebenso bedeutsam scheint der Vitamin-D-Status zu sein, die Blutgruppenverteilung und vieles andere mehr. Das derzeit beobachtete erneute Ansteigen der Fälle sei höchstwahrscheinlich dem vermehrten Testen geschuldet.

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Erstaunliche Beobachtung  

Weniger Frühgeburten aufgrund des Lockdown

 

Die Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen haben sich möglicherweise ausgesprochen positiv auf die Rate der Frühgeburten ausgewirkt. Das zeigen Beobachtungen aus Irland und Dänemark. So zeigt das landesweite dänische Geburtenregister zwischen 12. März (Beginn des Lockdowns in Dänemark) und 14. April (gelockerte Kontaktbeschränkungen) deutlich weniger Frühgeburten, vor allem bei den extrem kleinen Frühchen, die vor der 28. Schwangerschaftswoche geboren wurden. Sie machten nur 0,19 von 1.000 Geburten aus, während es vor dem Lockdown 2 bis 3 von 1.000 waren. 

Als mögliche Faktoren für diesen positiven Trend vermuten die Wissenschaftler*innen weniger direkte zwischenmenschliche Kontakte, mehr Ruhe und Hygiene, andere Arbeitsverhältnisse sowie weniger Luftverschmutzung. 

Diesen Trend bestätigen auch Beobachtungen in Irland. Dort verzeichnete die Geburtsstation einer großen Klinik in diesem Frühjahr nur 2 von 1.000 Babys mit weniger als 1.500 Gramm Gewicht, während es sonst 8 von 1.000 sind.Und wo sonst drei von 1.000 Babys mit extrem niedrigem Geburtsgewicht zur Welt kommen, war es in diesem Frühjahr kein einziges. Ähnliche Erkenntnisse gibt es auch aus den USA, Kanada und einzelnen deutschen Kliniken. Ein so deutlicher Rückgang der Frühgeborenenratehatte sich bisher durch keine noch so intensive Maßnahme erreichen lassen.

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Was jetzt?

Zur Lage nach der Demonstration vom 29. August

 

Die Zivilgesellschaft ist erwacht, aber zugleich gespalten: Zehntausende gehen auf die Straße und machen ihrem Unmut u.a. darüber Luft, dass sie innerhalb der minütlich umgehenden Corona-Informationen und -Warnungen etwas vermissen: einen abgewogenen und offenen Diskurs darüber, was erforderlich ist, um GEMEINSAM leben zu lernen mit SARS-Covid-19. Die meisten von ihnen haben allerdings nicht bedacht, dass sie ungebetene Gäste von rechts an ihrer Seite hatten. Sie haben wohl auch die Organisatoren der Demonstration nicht kritisch genug hinterfragt und in Kauf genommen, mit Neonazis identifiziert zu werden. Das Ganze ist nun so eskaliert, dass sich mittlerweile zwei Lager scheinbar unversöhnlich gegenüberstehen.

GESUNDHEIT AKTIV steht für einen demokratischen Diskurs über Gesundheit. Das werden wir auch weiter tun, ohne uns vereinnahmen zu lassen von Corona-Panik auf der einen oder Verschwörungs-Ideologien auf der anderen Seite. GESUNDHEIT AKTIV hat sich deshalb immer bemüht, gerade auch mit den Meldungen in diesem „Corona-Kompass“, möglichst rational auf die Fakten zu schauen und die Verhältnismäßigkeit zu wahren. Nicht zuletzt deshalb haben wir das Corona-Manifest verfasst, das mittlerweile über 2.000 Menschen unterzeichnet haben. In diese Richtung weist auch ein Kommentar der Schriftstellerin Jagoda Marinic in der SZ vom 4. September: „Es mangelt in Deutschland an sachlicher Kritik an der Corona-Politik. Dabei gäbe es viel zu beanstanden. Dafür muss man nicht Verschwörungstheoretiker werden."

Wir müssen eine Brücke bauen, die wegführt von der Angst und hinleitet zu Vernunft und Zuversicht. Leben heißt, sich immer wieder neu auszurichten, zu lernen, bereit zu sein für Veränderungen. Wie heißt es so schön in dem Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse: „Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen ...“ Gerade in Zeiten wie diesen brauchen wir aber auch Initiativen, die das Gemeinsame betonen – virtuell und real. Denn wenn eines erkennbar ist in der Krise, dann dies: Es geht ein immer tieferer Riss durch unsere Gesellschaft, wir driften immer mehr auseinander, wir reagieren mehr und mehr allergisch aufeinander und halten Widersprüche kaum noch aus. Das gilt es aufzuhalten. Indem wir andere Meinungen anerkennen. Indem wir Toleranz entwickeln – im Sozialen, Politischen und Geistigen. Indem wir miteinander sprechen, einander zuhören, uns in unserer Unterschiedlichkeit respektieren und gemeinsam nach vorne schauen.

Und wir müssen darüber nachdenken, warum wir so empfänglich sind für allerlei Botschaften und Narrative, die auf Morast gebaut sind und uns Sand in die Augen streuen, mit dem Ziel, die Angst immer weiter am Kochen zu halten. Wir müssen herausfinden, was dazu führt, dass wir immer mehr bereit sind, einer trügerischen Sicherheit sogar unsere demokratischen Rechte zu opfern und womöglich Hungerkatastrophen in bisher nicht geahntem Ausmaß in Kauf zu nehmen. Denn die Sicht, die wir hierzulande auf die Pandemie haben, ist eine recht eingeschränkte. In Asien, Afrika und Südamerika werden große Teile der Bevölkerung hungern und womöglich auch Hungers sterben, weil all die vielen Tagelöhner-Jobs weggefallen sind, weil es kein funktionierendes Sozialsystem gibt und einfach nur überlebt, wer stark genug ist oder genug Geld hat. Das ist das eigentliche Drama dieser Pandemie. Wir werden im nächsten Magazin von GESUNDHEIT AKTIV (erscheint Anfang November) noch darauf zurückkommen und aus erster Hand über die Situation z. B. in Nepal berichten.

Corona-Folgen bei Kindern 

Stress und psychosomatische Beschwerden 

 

Die Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen in Deutschland hat sich während der Corona-Pandemie deutlich verschlechtert. Es gibt vermehrt psychische und psychosomatische Auffälligkeiten, vor allem bei Kindern aus sozial schwächeren Familien. Dazu gehören vor allem Gereiztheit, Einschlafprobleme, Kopfschmerzen, Niedergeschlagenheit, Bauchschmerzen, Nervosität, Rückenschmerzen und Benommenheit. Das zeigt die COPSY-Studie des Universitätsklinikums Hamburg Eppendorf (UKE), in der 1.040 Kinder und Jugendliche zwischen 11 und 17 Jahren sowie 1.586 Eltern im Zeitraum zwischen 26. Mai und 10. Juni 2020 befragt wurden.„Die meisten Kinder fühlen sich belastet, machen sich vermehrt Sorgen, achten weniger auf ihre Gesundheit und beklagen häufiger Streit in der Familie“, so die Studienleiterin Prof. Dr. Ulrike Ravens-Sieberer.

Fast drei Viertel der Kinder und Jugendlichen fühlten sich seelisch belastet, ein Drittel zeigte psychische Auffälligkeiten wie Hyperaktivität, emotionale Probleme und Verhaltensstörungen. Das sind fast doppelt so viele wie vor der Krise27 Prozent der Kinder und 37 Prozent der Eltern berichten, dass sie sich häufiger streiten als vor der Krise; zwei Drittel der Schüler*innen empfinden Schule und Lernen anstrengender. Sie tun sich schwer damit, den schulischen Alltag zu bewältigen und empfinden ihn teilweise als extrem belastend. „Den Kindern und Jugendlichen fehlen die gewohnte Tagesstruktur und natürlich ihre Freunde – beides ist für die psychische Gesundheit sehr wichtig“, sagt Prof. Ravens-Sieberer. Betroffen seien vor allem sozial schwache oder benachteiligte Familien und solche mit Migrationshintergrund. Bei ihnen fördern fehlende finanzielle Ressourcen und ein beengter Wohnraum mit wenig Rückzugsmöglichkeiten psychische Auffälligkeiten. 

Man habe mit einer Verschlechterung des psychischen Wohlbefindens gerechnet, so die Wissenschaftlerin, aber dass es so deutlich ausfalle, habe sie dann doch überrascht: „Wir brauchen dringend Konzepte, wie wir Familien in belasteten Phasen besser unterstützen können.“

Anlässlich des derzeit beginnenden Schulstarts in mehreren Bundesländern besteht vermehrt die Sorge, das könnte dazu beitragen, dass die Infektionszahlen erneut ansteigen. Der Präsident der Bundesärztekammer, Dr. Klaus Reinhardt, betont demgegenüber: Kinder sind kein besonderes Infektionsrisiko" und warnt vor den Folgen erneuter Schul- und Kita-Schließungen: „Kinder sind keine Keimschleudern. Das zeigen alle aktuellen Studienergebnisse, wie zuletzt eine Auswertung der Universität Leipzig. Die Ergebnisse legen nahe, dass Kinder und Jugendliche in der aktuellen COVID-19-Pandemie keine herausragende Rolle in der Ausbreitungsdynamik spielen und kein besonderes Infektionsrisiko darstellen." Er fürchte vielmehr mögliche Folgeschäden durch Kita- und Schulschließungen: „Heranwachsende haben nicht nur ein Recht auf Bildung, sie brauchen für ihr seelisches und körperliches Wohbefinden strukturierte Tagesabläufe, Kontakt zu Gleichaltrigen und pädagogisch geschulte Ansprechpartner für ihre Sorgen und Nöte", sagte Reinhardt, der selbst auch als Hausarzt tätig ist. 

Auch Kinderärztinnen und -ärzte üben vermehrt deutliche Kritik am staatlichen Vorgehen während der Corona-Krise im vergangenen Schuljahr, wie eine Umfrage der pronova BKK zeigt. Die Politik habe das Kindeswohl bei der Festlegung der Einschränkungen und auch bei den Beschlüssen zur Lockerung zu wenig beachtet, meinen 78 Prozent der befragten Ärzte. 71 Prozent teilen die Einschätzung, dass derart starke Einschränkungen für Kinder nicht noch einmal verhängt werden können. Mit dem Infektionsrisiko durch Kinder müsse eine Gesellschaft leben.

Kinderärzte warnen zudem vor der inzwischen vermehrt verordneten Maskenpflicht für Kinder ab der 5. Klasse oder auch vor einem Unterricht, bei dem die Lehrer*innen Masken tragen. Ärzt*innen und andere Personen haben in einem Offenen Brief an die Ministerin für Schule und Bildung in Nordrhein-Westfalen gegen diese Maßnahme protestiert. Kinder bis zur Pubertät seien in ihrer Entwicklung hochgradig abhängig von der emotionalen Beziehung zu Erwachsenen. Es fehle der Nachweis eines positiven Effekts einer Maskenpflicht und damit jede Verhältnismäßigkeit, wissenschaftliche Begründung Rechtsgrundlage für dieses Vorgehen. „Die psychoimmunologischen Folgen und die anhaltende Verwendung von angsterzeugenden Bedrohungsszenarien durch Medien und Politik in dieser Krise" sei „für Kinder, Eltern und die Bevölkerung insgesamt katastrophal", heißt es in dem Offenen Brief. 

Eine ganze Generation von Kindern und Jugendlichen lerne durch die Maskenpflicht, Mitmenschen und Mitschüler*innen „primär als existentielle Bedrohung wahrzunehmen", befürchtet auch der Münchner Kinderarzt Dr. Steffen Rabe in seinem Blog coronoia.info. Kinder und Jugendliche erleben ein „eigentlich normales und ungefährliches Miteinander als angstbesetzten Alptraum"

Kinder, bei denen der Verdacht auf eine Infektion mit SARS-CoV-2 besteht, innerhalb der Familie zu isolieren und im eigenen Zimmer einzusperren, wie es offenbar manche Gesundheitsämter vorhaben, wandte sich der Präsident des Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers: „Kinder in dieser Phase von ihren Eltern und Geschwistern zu isolieren, ist eine Form psychischer Gewalt. Der Kinderschutzbund empfindet diese Maßnahmen als unverhältnismäßig und nicht hinnehmbar." Mindestens ein Gesundheitsamt hatte damit gedroht, im Fall einer Zuwiderhandlung ein achtjähriges Kind aus der Familie herauszunehmen. 

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Klaren Kopf bewahren

Stehen wir wirklich vor oder in einer „zweiten Welle“?

 

Es geht derzeit immer wieder durch die Medien: Stehen wir jetzt schon vor einer zweiten Corona-Welle? Ist sie womöglich schon angekommen? Niemand weiß das so genau. Festgemacht werden die Aussagen dazu an den wieder zunehmenden „Infektionszahlen“. Ob sich tatsächlich um Infizierte handelt ist aber durchaus unklar. Erstmal sind es lediglich positive Testergebnisse auf SARS-CoV-2, das Virus. Der hochsensible PCR-Test unterscheidet nicht zwischen hoher und niedriger Viruslast, er besagt nicht, dass jemand ansteckend ist oder erkranken wird, sondern er zeigt lediglich an, dass im Abstrich Bruchstücke des Genoms von SARS-CoV-2 enthalten waren, vielleicht auch welche von einem anderen Corona-Virus, so genau weiß man das nicht, weil inzwischen eine Vielzahl von verschiedenen Tests verwendet werden, deren Aussagekraft im Einzelnen nicht wirklich beurteilt werden kann. Der Hamburger Virologe Jonas Schmidt-Chanasit erklärte schon am 13. August bei Markus Lanz, man könne davon ausgehen, dass nur ein Bruchteil der positiv Getesteten auch wirklich infiziert sei. Es gebe inzwischen Schnell-Tests, die erst bei hoher Viruslast positiv werden und deshalb sehr viel zuverlässiger sind, was das Infektionsrisiko betrifft (siehe dazu auch n-tv vom 31. August 2020).

Ob die nachgewiesenen positiven Testergebnisse nicht doch falsch positiv sind, weiß man auch nicht. Fest steht nur, dass es umso mehr falsch positive Ergebnisse gibt, je weniger aktiv eine Epidemie ist. Und im Moment ist die Aktivität von Corona außerordentlich niedrig, wie der R-Wert unter 1 beweist und ebenso eine verschwindend geringe Zahl von Krankenhauseinweisungen und eine noch geringere Mortalitätsrate. Auch der Bonner Virologe Hendrik Streeck plädiert für mehr Gelassenheit: „Wir sehen steigende Infektionszahlen, aber das sollte uns gar nicht so viele Sorgen machen“, sagte er in einem Interview mit n-tv vom 25. August 2020. Diese Zahlen seien gar nicht aussagekräftig: „Das Virus ist Teil von unserem Alltag, und es wird immer mal wieder auf und ab gehen. Wichtig für mich sind die stationären Aufnahmen.“ Und die sind sehr gering. Eine zweite Welle ist also nicht wirklich in Sicht, noch nicht einmal ein leichtes Kräuseln der Wasseroberfläche ... Schon am 19. August forderte Streeck in einer viel beachteten Rede im Dom zu Münster (ab Minute 20:43 bis 48:26) zu mehr Gelassenheit auf: „Das Virus macht Angst. Aber Angst ist der denkbar schlechteste und gefährlichste Ratgeber, vor allem dann, wenn Angst politisiert wird.“ Der beste Weg, der Angst Herr zu werden, sei es, die Gefahr realistisch einschätzen zu können. Zu „verstehen, was Angst macht und zu akzeptieren, dass Angst in diesem Fall irrational ist“. Angst könne man nur mit Fakten begegnen, und man bekämpfe sie, indem man analysiere, wo Gefahr lauere und welche Risiken es gebe. Man müsse sich immer wieder vor Augen führen, „dass dieses Virus tödlich ist für wenige, genauso wie viele andere Viren auch. Und die Erkenntnis, dass das, was gerade passiert, nicht unser Untergang sein wird. Im Gegenteil: Hoffnung jenseits von Zahlen macht, dass wir das Virus von Tag zu Tag besser in den Griff bekommen, dass unser Organismus sich in wachsendem Maße darauf einzustellen lernt, denn unser Immunsystem ist auch ziemlich schlau.“ Das Leben sei nun mal mit Risiken behaftet, wir gehen es jeden Tag ein, wenn wir in ein Auto steigen oder in den Urlaub fliegen. Das Risiko für einen schweren SARS-CoV-2-Verlauf steige mit dem Alter. Man müsse sich fragen, ob wir tatsächlich als Gesellschaft eine solche Risikoabwägung übernehmen müssen oder ob die Menschen das nicht selber machen können: „Eine 93jährige Frau hat den Zweiten Weltkrieg miterlebt und musste in ihrem Leben weiß Gott viele Risiken abwägen. So mag sie vielleicht selber entscheiden, ob sie in ihren letzten Lebenstagen das Risiko eingehen will, ihre Enkelkinder zu sehen. Jede Entscheidung bringt auch immer ein Wagnis mit sich, aber dieses Wagnis und diese Entscheidung führt bei jedem Menschen zu einem unterschiedlichen Ergebnis in der Risikoabwägung. Die einen wollen es nicht eingehen, die anderen schon.“ Aus der Gefahr der Pandemie sei inzwischen ein Risiko geworden, das sich einordnen lasse.

Das bestätigt auch das am 30. August veröffentlichte nunmehr 4. Thesenpapier der Wissenschaftler*innen um den ehemaligen stellvertretenden Vorsitzenden des Sachverständigenrats Gesundheit, Prof. Dr. med. Matthias Schrappe, das dieses Mal unter dem Motto steht: „Verbesserung der Outcomes in Sicht – Stabile Kontrolle: Würde und Humanität wahren – Diskursverengung vermeiden: Corona nicht politisieren“. Darin heißt es, neben sporadisch vorkommenden „Herden“ habe sich die homogene Ausbreitung in den Vordergrund geschoben. Diese Dynamik sei „allein durch Testung und Nachverfolgung nicht zu beherrschen“, sondern bedürfe „einer stabilen Kontrolle durch klug geplante, Zielgruppen-orientierte Präventionsmaßnahmen“. Die jetzige Phase der Epidemie verlaufe „zumindest in Deutschland hinsichtlich Krankheitslast, Auslastung des Gesundheitssystems und Sterblichkeit sehr milde“. Wörtlich heißt es weiter: „Wenn sich Hospitalisierungsrate und Sterblichkeit auf null zubewegen, dann können wir eine gewisse Infektionsrate tolerieren, vorausgesetzt unsere Präventionsanstrengungen für diejenigen, die zu Beginn für die hohen Sterblichkeitsraten verantwortlich waren, sind wirksam. Wirksam heißt nicht: Kinder werden aus der Familie ‚herausgenommen‘, heißt nicht: Demenzkranke oder Sterbende können nicht von ihren Angehörigen besucht werden. Prävention heißt: schützen und alles tun, um Würde und Humanität zu wahren. Hier gibt es dringenden Nachholbedarf.“

Kritisch stehen die Autor*innen auch zur Maskenpflicht im öffentlichen Raum. In einem „Niedrigrisikobereich“ wie einem Supermarkt, wo bei einer Stunde Aufenthalt ein Infektionsrisiko von 0,01 Prozent bestehe, müssten 12.500 Personen eine Maske tragen, um eine einzige Infektion zu verhindern. In diesem Zusammenhang erscheint auch ein Offener Brief „Wider die Maskenpflicht an bayerischen Schulen“ mehr als berechtigt, den die Münchner Kinderärzte Dr. Steffen Rabe und Dr. Martin Hirte am 4. September an den bayerischen Ministerpräsidenten und den bayerischen Staatsminister für Unterricht und Kultus gerichtet haben. Auch ein Meinungsbeitrag von Prof. Dr. Markus Veit im renommierten Fachblatt „Deutsche Apotheker Zeitung“ meldet erhebliche Zweifel am Sinn der Maskenpflicht und der Evidenz der bisherigen Studien dazu an.

Von „astronomischen Fehlrechnungen“ im Hinblick auf die Grundlagen für die ergriffenen einschränkenden Maßnahmen spricht auch die taz. Selten habe sich die Politik und ebenso die öffentliche Meinung „so sehr auf den Rat von nur wenigen Fachleuten gestützt“ wie in der Corona-Krise. Gehört worden seien in den Medien ebenso wie in der Politik im wesentlichen nur Virologen und mathematische Modellierer. Ihre Prognose von 1,1 Millionen Intensivpatienten sei jedoch nie eingetreten. Der Anteil der Todesfälle an allen Corona-Infektionen liege in einem Bereich von 0,1 bis 0,3 Prozent und entspreche somit dem einer normalen Grippewelle. Wörtlich heißt es in dem Beitrag: „Die von der Politik als Entscheidungsgrundlage übernommenen Hochrechnungen gingen von der Grundannahme einiger Virologen aus, dass „das Virus vollkommen neu sei und sich jeder, ungeachtet anderer Faktoren, infizieren könne, dass es also weltweit keine Immunität gegen das neue Virus gebe. Dem ist aber nicht so. Das Immunsystem vieler Menschen ist offenbar durch frühere Kontakte mit Viren aus der Coronagruppe mit deren und ähnlichen Antigenen vertraut – so bei der saisonalen Grippe, die ja durch einen Virencocktail, dem häufig auch Coronaviren angehören, hervorgerufen wird –, weshalb viele Menschen offenbar eine Immunität oder Teilimmunität gegen Sars-CoV-2 aufweisen. (...) Ein interdisziplinärer Austausch zwischen Modellierern, Virologen, Immunologen und bevölkerungsbezogen arbeitenden Epidemiologen hätte aus unserer Sicht Politik und Gesellschaft astronomische Fehlrechnungen – mit ihren noch nicht absehbaren Folgen – ersparen können.“ Auch stehe die schon lange geforderte repräsentative Bevölkerungsstichprobe, die das RKI bereits Anfang Mai angekündigt habe, immer noch aus.

Dass SARS-CoV-2 so neu nicht ist und es offenbar in nicht unerheblichem Maße eine Kreuzimmunität gibt, bestätigt auch eine neue Studie aus den USA. Demnach können Immunzellen SARS-CoV-2 erkennen, weil sie schon in „Vor-Corona-Zeiten“ mit Corona-Viren zu tun hatten. Das würde auch erklären, warum die Infektion bei vielen Menschen stumm oder mit milden Symptomen verläuft. Und es führt die alleinige Orientierung auf eine Impfung ad absurdum.

Viel Unklarheit also allerorten. Aber gerade deshalb auch weiterhin viel Angst, Unsicherheit, Besorgnis. Viele Menschen fürchten sich vor einer Ansteckung, und diese Angst lässt sich auch nicht durch noch so viele gute Argumente klein reden – sie ist da. Das zeigt schon die Tatsache, dass in der Zeit zwischen März und April die Suche im Internet nach den Stichworten „Angstzustände“ und „Panikattacken“ um 17 Prozent zugenommen hat, wie eine Studie der University of California San Diego ergab (die Original-Studie ist hier veröffentlicht). Und das war sicher nicht nur in den USA der Fall.

An Krisen wachsen 

Neue Erkenntnisse aus der Resilienzforschung

 

In einem bemerkenswerten Gastbeitrag in der FAZ (Bezahlschranke) unter der Überschrift „Wir alle müssen uns kümmern – die Corona-Pandemie stellt die Welt vor eine Zerreißprobe; um die Krise zu überstehen, müssen wir radikal umdenken“ schreibt der Dalai Lama, in der „Überbetonung materiellen Wohlstands“ hätten wir nicht gemerkt, „wie sehr wir die eigentlichen menschlichen Werte vernachlässigt haben – die Werte der Liebe, der Güte, der Kooperation und der Fürsorge.“ In der Bildung stehen vor allem „akademische Kompetenzen und Abschlüsse“ im Vordergrund. Gleichzeitig müsse aber auch „Hilfsbereitschaft, Sorge und Verantwortungsübernahme für andere Menschen entwickelt“ werden. Da die jetzige junge Generation die Zukunft prägen werde, appelliere er an diese jungen Menschen: „Gebt alles, was Ihr könnt, um dieses 21. Jahrhundert zu einem Jahrhundert des Friedens, des Dialogs und des Respekts für den Menschen und die Natur zu machen!“ Die Menschen hätten erkannt, „wie wichtig es ist, die Kategorien von ‚wir‘ und ‚sie‘ abzubauen, die die Grundlage für so viele gefährliche Missverständnisse darstellen“. Eine der Chancen, die sich in der Corona-Krise eröffnen. 

Denn da, wo es Krisen gibt und Gefahren, gibt es auch Chancen und Hoffnung. Gerade jetzt erscheint es wichtig, uns die Eigenschaften wieder bewusst zu machen, mit denen wir auch schwierige Lebensphasen gut überstehen, wie ein Text von Stella Marie Hombach bei spektrum.de zur Resilienzforschung zeigt.So hat der jüdische Psychiater Viktor Frankl viele enge Angehörige im Holocaust verloren und selbst vier verschiedene KZs überlebt. Sein Buch „... und trotzdem Ja zum Leben sagen“ ist ein Lehrbeispiel dafür, wie man auch an schwersten Schicksalsschlägen nicht zerbrechen muss. Aaron Antonovsky entwickelte anhand der Schicksale von Holocaust-Überlebenden das Konzept der Salutogenese als Grundlage, um schwere Krisen gut zu überstehen. Die US-amerikanische Entwicklungspsychologin Emmy Werner identifizierte Humor, Optimismusdie Bereitschaft, Hilfe anzunehmen, sowie eine gewisse Form von Spiritualität als entscheidende Faktoren, damit sich Kinder, die unter schwierigsten Bedingungen aufwachsen, gut entwickeln. Ebenso wichtig: die Bindung an eine zuverlässige Bezugsperson. 

In Sachen Corona gibt es jetzt neue Erkenntnisse aus einer Online-Befragung, die der Mainzer Neurowissenschaftler Raffael Kalisch zusammen mit der Charité Berlin und anderen Partnern aus Europa, Israel, dem Iran, Australien und Hongkong aufgelegt hat. Sie bestätigt, dass soziale Unterstützung, Optimismus und die Möglichkeit, das Leben selbst gestalten zu können, die wichtigsten Faktoren sind, um auch in der Krise seelisch gesund zu bleiben. Kalischs Fazit: „Wer der Pandemie positive Aspekte abgewinnen kann oder gar Gelegenheiten in ihr sieht, das Unvermeidliche akzeptiert und auch erkennen kann, wenn es ihm noch vergleichsweise gut geht, kommt besser mit der Krise klar.“ Er plädiert darüber hinaus für ein Umdenken der Wissenschaft, die Resilienz vorwiegend mit Fragebögen misst, die „eine Kombination festgelegter Faktoren abbilden“. Damit lasse sich die zukünftige Entwicklung der psychischen Gesundheit aber nicht voraussagen. Wichtig seien Langzeitstudien, in denen die Proband*innen immer wieder zu ihrer Gesundheit und dem Umgang mit erfahrenen Widrigkeiten befragt werden. 

Anders als vermutet zeigen sich übrigens gerade Senior*innen als seelisch erstaunlich widerstandsfähig, wie eine Studie der Universität Leipzig zeigt. Die Wissenschaftlerinnen des Instituts für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health (ISAP) befragten im April des Jahres, also mitten im Lockdown, 1.005 Senior*innen zwischen 65 und 94 Jahren, wie sie die Pandemie und die Maßnahmen zu ihrem Schutz erleben. Das Ergebnis erstaunte: Die psychosoziale Gesundheit der älteren Menschen habe sich während des Lockdowns überraschend wenig verändert, so die Direktorin des ISAP, Prof. Dr. Steffi G. Riedel-Heller. Besonders stabil zeigten sich diejenigen, die telefonisch oder virtuell in engem Austausch mit anderen Personen standen. 

Die Psychologin und Neurowissenschaftlerin Leonie Ascone Michelis von der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf (UKE) empfiehlt, Ängste und Sorgen nicht zu verdrängen, sondern sich mit anderen darüber auszutauschen, anderen Menschen zu helfen und herauszufinden, was man trotz der schwierigen Umstände selbst eigenaktiv für sich tun kann. Ebenso wichtig sei es, Krankheit und Tod als zum Leben gehörig und Teil des Menschseins zu akzeptieren. Dies sei umso bedeutsamer, als die Themen Leid, Krankheit und Tod in der westlichen Kultur meist ausgeklammert würden. Ein Patentrezept für Krisen gebe es nicht, so Michelis„aber komplett hilflos ausgeliefert sind wir ihnen eben auch nicht.“ 

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Wenig ausgewogen

Kritik zur Berichterstattung in Corona-Zeiten

 

Seit Ausbruch der Corona-Pandemie stehen die Medien in der Kritik für ihre Berichterstattung. Zu wenig ausgewogen, zu einseitig, zu undifferenziert, zu regierungstreu – wir haben das in den vorigen Ausgaben des „Corona-Kompass“ bereits angesprochen. Jetzt zeigt eine Studie zweier Kulturwissenschaftler von der Universität Passau, dass diese Kritik so unberechtigt nicht war. Privat-Dozent Dr. Dennis Gräf und sein Kollege Dr. Martin Hennig haben sich die Berichterstattung von ARD und ZDF vorgenommen, den beiden größten öffentlich-rechtlichen Sendern also. Zwei Monate lang, von Mitte März bis Mitte Mai, haben sich die beiden Wissenschaftler 90 Ausgaben der Sondersendungen „ARD Extra – Die Corona-Lage“ und „ZDF Spezial“ vorgenommen und analysiert. Ihre Begründung: Es sei anzunehmen gewesen, „dass sich aus diesen beiden zur Hauptsendezeit ausgestrahlten öffentlich-rechtlichen Formaten mit einer Länge von teils über 30 Minuten zentrale Merkmale der Berichterstattung im Untersuchungszeitraum ableiten lassen und den Sendungen gleichzeitig eine zentrale Rolle im gesellschaftlichen Diskurs zu COVID-19 zugekommen ist.“ Untersucht wurden Aufbau und Konzeption, Informationsgehalt, Auswahl der Themen und Personen, verwendete Rhetorik und audiovisuelle Inszenierung. Das Fazit ist eine Ohrfeige für beide Sender, zusammengefasst unter der Überschrift „Verengung der Welt“:

  • Die Problemstellung sei „zu einer vollständig negativen Weltsicht übersteigert“, die Krise „durch eine sich wiederholende Bildsprache verstärkt“ worden.
  • In der Darstellung der familiären Situation sei ein Leistungsideal betont worden, das um Produktivität, Effizienz und Pflichterfüllung kreise (Pflegende und Zusteller werden als „Helden des Alltags“ bezeichnet, Virologen wie Christian Drosten glorifiziert). Das Familienleben sei zur „Nicht-Zeit verkommen“ und abgewertet worden.
  • Die Ästhetik der Darstellung verweise auf „apokalyptische Endzeiterzählungen“ (leere Geschäfte und Straßen, Spekulationen über eine langanhaltende Krise), die Inszenierung passe weniger zu einer sachlichen Dokumentation als zu einem Hollywood-Blockbuster.

Die Sondersendungen wiesen „eine Tendenz zur Affirmation der staatlichen Maßnahmen“ auf, eine tiefergehende Kritik an den von der Politik getroffenen Maßnahmen sei ausgeblieben. „Wir sagen nicht, dass diese Sendungen staatshörig sind, es werden da durchaus kritische Fragen gestellt“, so Martin Hennig. Die grundsätzliche Annahme, dass die Maßnahmen verhältnismäßig, angemessen und zielführend seien, werde jedoch nur selten hinterfragt. Damit hätten die Sender einen „massenmedialen Tunnelblick“ erzeugt und ein permanentes Krisen- und Bedrohungsszenario vermittelt.

Die Studie war für den Kolumnisten der Süddeutschen Zeitung, Heribert Prantl, Anlass für einen politischen Kommentar über die „Vertrauenswürdigkeit der Presse in schwierigen Zeiten“. Die journalistische Suche nach der Wahrheit müsse „mit Neugier, Urteilskraft und Integrität betrieben“ werden, sie müsse „in Zuverlässigkeit, Vertrauenswürdigkeit und Vertrauen eingebettet“ sein.

Prantl zitiert eine weitere Studie vom Schweizer Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög), die sich mit der „Qualität der Berichterstattung zur Corona-Pandemie“ befasste. Darin heißt es, in der Phase vor dem Lockdown „haben die Medien geholfen, den Lockdown kommunikativ vorzubereiten, aber wenig dazu beigetragen, mögliche Entscheidungen und Folgen des Lockdown im Vorfeld kritisch abzuwägen“. Eine „systematische Auseinandersetzung“ mit dieser drastischsten aller Maßnahmen finde „in den untersuchten Medienbeiträgen nur am Rande statt“. Allein zahlenmäßig hätte Corona dominiert und von Mitte März bis Ende April pro Tag zwischen 50 und 75 Prozent aller Beiträge ausgemacht. „Wann je in den vergangenen Jahrzehnten hat ein Thema so dominiert und andere wichtige Themen verdrängt?“, fragt Prantl und zitiert den Eichstätter Professor für Journalistik, Klaus Meier: „Zumindest Teile des Journalismus sind im anhaltenden Rausch hoher Nutzungszahlen auf dem Weg vom Früh- zum Dauerwarnsystem.“ Dies, so Prantl, „könnte sich für die demokratische Gesellschaft noch als sehr problematisch erweisen. Die Presse ist nicht Lautsprecher der Virologie, sondern der Demokratie.“ Vielleicht sollte die SZ gleich mal bei sich selbst anfangen, ihre bisherige Berichterstattung in diesem Sinne zu hinterfragen?

Dass in diesem Sinne alle Medien ihre Hausaufgaben machen, erscheint umso dringlicher, als auch das „Deutsche Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e. V. (EbM-Netzwerk) die Medien zu mehr Differenzierung auffordert: „Selbst in renommierten Medien wie beispielsweise der Süddeutschen Zeitung, im öffentlichen Fernsehen, aber auch international, etwa beim Fernsehsender der BBC oder CNN werden die Informationen über COVID-19 oft in einer irreführenden Art und Weise berichtet“, beklagt das Netzwerk in einer Stellungnahme. Es werde nicht zwischen Testergebnissen, Diagnosen, Infektionen und Erkrankungen unterschieden. Die Präsentation der Daten erscheine einseitig, offene Fragen würden nicht angemessen angesprochen. Aufgabe der Medien sei es, die Daten und Fakten verständlich und korrekt zu kommunizieren und auf die Unsicherheit der Daten zu verweisen.

Mit Statistiken lasse sich „trefflich lügen“, so resümiert auch Milosz Matuschek in einer Kolumne für die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) unter der Überschrift „Kollabierte Kommunikation: Was, wenn am Ende ‚die Covidioten‘ recht haben?“ Es sei „unredlich, aus der Zunahme der Neuinfektionen eine derart große Gesundheitsgefahr abzuleiten“, wie das derzeit von Seiten der Politik und der Medien geschehe: „Das Virus befällt das Denkvermögen“. Es gebe derzeit keine zweite Welle: „Nicht ein Mehr an Sterbefällen, nicht ein Mehr an Hospitalisationen, nicht ein Mehr an schweren Verläufen.“ Gegenüber den Peaks im April sei die tägliche Todesrate in allen europäischen Ländern um etwa 99 Prozent gefallen. Das Virus werde „mathematisch präsenter und gefährlicher gemacht, als es ist“. Wer „aufbauend auf diesen Zahlen eine Impfpflicht oder mögliche weitere Lockdowns“ diskutiere, sei „selbst nicht ganz bei Trost“. Und: Mit einer abstrakten Gefahrenprognose, die sich auf einen großen Konjunktiv stütze, dürfe man jedoch keine Freiheitsrechte beschneiden.

Ist der Rechtsstaat in Gefahr?

Zunehmende Einschränkung von Grundrechten

 

Schon im Vorfeld der zweiten großen Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung gab es viel Aufregung bis hin zum vom Berliner Innensenator ausgesprochenen Verbot, das das Verwaltungsgericht ziemlich fix wieder kassiert hat. Zu Recht, denn wenn der Senator mit dieser Begründung durchgekommen wäre, hätte man doch stark an unserem Rechtsstaat zweifeln müssen. Erstaunlich nur, dass das einzige Medium, das hier einen entsprechend klaren Kommentar geschrieben hat, eine große Tageszeitung aus der Schweiz war. „Der Berliner Senat hat Demokratie offenbar nicht begriffen“ überschrieb der Berlin-Korrespondent der NZZ seinen Kommentar (Bezahlschranke) und fragt nicht ohne eine gewisse Süffisanz: „Kennt Berlins Innensenator das Grundgesetz?“ Geisels Worte, mit denen er das Verbot begründete, seien skandalös: „Sie wecken Zweifel an der Verfassungstreue des rot-rot-grünen Berliner Senats. Und sie nähren den Verdacht, der Kampf gegen die Pandemie werde missbraucht, um missliebige Meinungen zum Schweigen zu bringen.“

Es macht nachdenklich, dass die wesentlichen demokratischen Rechte der Bevölkerung im Zusammenhang mit dem Demonstrationsrecht erst über Gerichte erzwungen werden mussten. Politik kann sich nicht einfach nur auf die Gerichte berufen. Sie hat die Pflicht und die Aufgabe, verfassungskonform zu handeln. Wenn Bürger hier zunehmend verdrossen werden, so dürfte es darüber hinaus wenig helfen, sie als „Covidioten“ zu bezeichnen und einer Spaltung der Gesellschaft weiter Vorschub zu leisten.

Neue Bücher

Corona-Titel in den Buchverlagen

 

Es war absehbar, dass die Neuerscheinungen in den Sommer- und Herbstprogramme der Verlage dominiert werden von Büchern zur Corona-Krise. Hier sind die aktuell wichtigsten:

Dramatisch nicht nur im Untertitel
„Geschichte eines angekündigten Sterbens“ haben Cordt Schnibben, langjähriger SPIEGEL-Redakteur, und David Schraven, Mitgründer des Journalist*innen-Netzwerks Correctiv, ihr Buch untertitelt. In ihrem Vorwort schildern sie, wie einer ihrer Kollegen, der eigentlich mit an diesem Buch hätte schreiben sollen, selbst an COVID-19 erkrankte und noch nicht vollständig genesen ist. Schon das liest sich ungeheuer dramatisch, der Rest nicht minder. Die Autor*innen – das Buch ist das Gemeinschaftswerk von insgesamt 18 international tätigen Journalist*innen – zeichnen die Entwicklung der Corona-Krise von Januar bis Mai 2020 nach und teilen die Zeit in eine chinesische (Januar/Februar), italienische (Februar/März), amerikanische (März/April) und eine brasilianische Phase (April/Mai). Durch die Fülle der Informationen, die sich aus Spotlights aus aller Welt zusammensetzen, und vor allem durch die sprunghafte Darstellung liest sich das mit einer gewissen Atemlosigkeit, die ja auch typisch ist für COVID-19. Allerdings finden sich in diesem Buch kaum kritische Stimmen, viel eher schürt es noch die Angst vor dem „Killer-Virus“. Als Dokumentation ist dieses Buch interessant, Antworten auf die drängenden Fragen gibt es leider nicht.

Cordt Schnibben, David Schraven (Hrsg): Corona. Geschichte eines angekündigten Sterbens, dtv, 368 Seiten, 18,90 Euro

 

Gegen den Strom
Das Kontrastprogramm dazu ist das Buch von Prof. Dr. rer. nat. Karina Reiss und Univ.-Prof. Dr. med. Sucharit Bhakdi. „Was mich am meisten frappiert“, so Bhakdi in einem Interview, „dass die Bevölkerung in diesem Land, wo Bildung eigentlich höhergestellt ist als in Thailand (wo Bhakdi herkommt, Anm. d. Red.) und wo Leute mehr verstehen, dass sie alles glauben, was ihnen gesagt wird. Es ist ein Volk, das glaubt einfach alles, ohne zu fragen, zu hinterfragen.“ Das habe ihn entsetzt und erschrocken. Als Facharzt für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie verstehe er etwas von Epidemien, auch wenn er gerne als „unverantwortlich“ diffamiert werde und als Pensionär angeblich nicht Schritt halten könne mit den Fortschritten der Medizin. Für ihn sei „dieses Land völlig anders geworden“, deshalb habe er dieses Buch schreiben müssen: „Es war ein Bedürfnis, ich konnte nicht mehr schlafen.“
Sucharit Bhakdi ist von Anfang an gegen den Strom geschwommen. Mit diesem Buch tut er das ein weiteres Mal.

Karina Reiß, Sucharit Bhakdi: Corona. Fehlalarm?, Goldegg Verlag, 118 Seiten, 15 Euro

 

Die Krise und ihre Folgen
Ist das, was wir mit der Corona-Krise erleben, künftig der neue Normalzustand? Eine Frage, die einen Wissenschaftler wie Manfred Spitzer auf den Plan rufen muss. Schon vor Jahren hat er mit seinen flammenden Plädoyers gegen die Gefahren der Digitalisierung auf sich aufmerksam gemacht. Dass er jetzt nicht davor zurückschreckt, den Finger in die Wunden zu legen, die die Corona-Krise geschlagen hat, kann deshalb nicht verwundern. Sein großes Verdienst ist es, dass er auch auf die Möglichkeiten und Chancen aufmerksam macht, die diese Entwicklung zwangsläufig mit sich bringt. Und hier entwirft er zwei Szenarien, die sich polar gegenüberstehen: Auf der einen Seite den Überwachungskapitalismus und die Herrschaft der Digitalkonzerne, und auf der anderen Seite Solidarität und Vernunft, Nachhaltigkeit und Demokratie. Sein Fazit: „Virusausbrüche sind unvermeidlich. Pandemien hingegen lassen sich vermeiden. Aber es darf dabei nicht geschehen, dass wir wegen der Pandemie unsere Werte über Bord werfen.“ Man muss nicht alles gut und stimmig finden, was Spitzer hier ausbreitet, aber lesenswert ist es allemal.

Manfred Spitzer: Pandemie. Was die Krise mit uns macht und was wir aus ihr machen. MVG Verlag, 240 Seiten, 9,99 Euro

 

In die Zukunft geschaut
Der Essay des Zukunftsforschers Matthias Horx „Die Welt nach Corona“ stieß schon vor Wochen auf ein zigtausendfaches Interesse. Kein Wunder also, dass daraus flugs ein Buch wurde. Horx schaut darin aus der Zukunft zurück und erfindet für dieses Kontrastprogramm einer Prognose die Wortschöpfung „Re-Gnose“. Worüber also werden wir uns rückblickend wundern? Über vieles. Und damit hat er vermutlich nicht ganz unrecht. Wir werden uns wundern, wie gut wir ohne all die Hetzerei und das Durch-die-Welt-Düsen auskommen. Wie viele neue Begegnungen, wie viel Humor und Mitmenschlichkeit entstehen konnten. Wie viel Mut freigesetzt werden kann, wenn die Angst erst einmal überwunden ist. Das Virus als Evolutionsbeschleuniger also. Sein Fazit: „Eine der stärksten Visionen, die das Corona-Virus uns hinterlässt, sind die musizierenden Italiener auf den Balkonen. Die zweite Vision senden uns die Satellitenbilder, die plötzlich die Industriegebiete Chinas und Italiens frei von Smog zeigen. 2020 wird der CO2-Ausstoß der Menschheit zum ersten Mal fallen. Diese Tatsache wird etwas mit uns machen. Wenn das Virus so etwas kann – können wir das womöglich auch? Vielleicht war das Virus nur ein Sendbote aus der Zukunft. Seine drastische Botschaft lautet: Die menschliche Zivilisation ist zu dicht, zu schnell, zu überhitzt geworden. Sie rast zu sehr in eine bestimmte Richtung, in der es keine Zukunft gibt. Aber sie kann sich neu erfinden. System reset. Cool down. Musik auf den Balkonen! So geht Zukunft.“ Ein Mutmach-Buch, auch wenn es ein bisschen sehr mit der heißen Nadel gestrickt ist.

Matthias Horx: Die Zukunft nach Corona. Wie eine Krise die Gesellschaft, unser Denken und unser Handeln verändert. Econ Verlag, 144 Seiten, 15 Euro

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Auch das noch

Alle Kinder gegen Grippe impfen?

 

Es war sogar der Tagesschau zur besten Sendezeit einen Bericht wert: Am Sonntag, den 30. August um 20:14 Uhr berichtete Sprecherin Judith Rakers über eine Empfehlung des Vorsitzenden der Gesellschaft für pädiatrische Infektiologie, Johannes Hübner, alle Kinder gegen Grippe impfen zu lassen. Denn Kinder, so Hübner in einem Interview mit der Welt am Sonntag, würden „das Grippe-Virus maßgeblich übertragen“. In Zeiten der Corona-Pandemie gebe es „eine Verpflichtung zum Schutz anderer“. Nicht erwähnt wurde allerdings, dass Hübner als Berater auf der Payroll des Pharma-Multis Pfizer steht.

Die STIKO dagegen sieht die Dinge etwas anders, wie aus einem Bericht des Kinderarztes Dr. Steffen Rabe hervorgeht. Die Ständige Impfkommission hatte sich gerade erst mit dem Thema Grippe-Impfung bei Kindern befasst und sieht keine Veranlassung für eine allgemeine Empfehlung. Allerdings ist im Vorfeld offenbar politisch reichlich Druck gemacht worden: „Von verschiedenen Seiten wird derzeit die Meinung geäußert und an die STIKO herangetragen, dass die Indikation für eine Influenzaimpfung auf die gesamte Bevölkerung ausgeweitet werden sollte.“ Das hat offenbar aber nicht gefruchtet. Wenn man Nicht-Risikogruppen impfe, seien die Schutzeffekte für die Gemeinschaft „von begrenzter Wirkung“. Die in der Literatur beschriebenen gleichzeitigen Infektionen von SARS-CoV-2 und Influenzaviren deuten, so die STIKO, nicht auf schwerere Verlaufsformen hin. Bislang werde das nur vermutet, so deren Vorsitzender Prof. Dr. Thomas Mertens in einem Interview mit RTL und n-tv: Auf der Basis von Vermutungen kann die STIKO und will die STIKO keine Impfempfehlung aussprechen." Eine generelle Impfempfehlung könne „nicht evidenzbasiert begründet“ werden. Das gelte auch für Erwachsene, bei denen die STIKO die Grippe-Impfung nur für Risikopatienten empfiehlt. Die gesamte Bevölkerung zu impfen, hält die STIKO für „kontraproduktiv“, wie die „Deutsche Apotheker-Zeitung“ berichtet. Diese Position erscheint umso berechtigter, als der Nutzen der Impfung, so der erfahrene Kinderarzt Martin Hirte, ohnehin fraglich ist.

Dessen ungeachtet schloss sich Bundesgesundheitsminister Jens Spahn Hübner sofort an und riet ebenfalls zur Impfung. Das Gesundheitssystem könne neben der Corona-Pandemie nicht auch noch eine Grippe-Welle verkraften. Weshalb man schon vor geraumer Zeit vorsorglich eine große Charge des Impfstoffs gesichert habe, mit Steuergeldern natürlich.

Die Empfehlung erscheint umso fragwürdiger, als es Hinweise gibt, dass die Grippe-Impfung den Verlauf einer SARS-CoV-2-Infektion womöglich eher noch komplizieren kann, wie eine Analyse aus den USA zeigt. 

Immer noch viele Fragen offen

Die Rolle der Kinder ist weiterhin umstritten

 

Was schon längst hätte auf den Weg gebracht werden sollen, ist jetzt wenigstens in Hamburg geschehen: eine Studie, die mit herausfinden soll, welche Rolle Kinder bei der Ausbreitung von SARS-CoV-2 spielen. Seit 11. Mai werden dort insgesamt 6.000 Kinder und Jugendliche von 0 bis 18 Jahre auf eine Infektion mit dem Virus und ebenso auf Antikörper getestet. Am 19. Juni stellten die Studienleiter*innen nun erste Zwischenergebnisse vor. Bei keinem der 3.107 bis dahin geprüften Proband*innen konnte ein Virus im Nasen-Rachen-Abstrich per PCR-Test festgestellt werden; 36 von 2.436 auf Antikörper untersuchte Kinder und Jugendliche wiesen solche Antikörper auf (das entspricht 1,5 Prozent), bei älteren Kindern waren sie etwas häufiger vorhanden als bei den Kleinen. Der Altersdurchschnitt lag bei 7 Jahren. Die Kinder mit einem positiven Antikörpertest werden nun sechs Monate lang begleitet und die Tests auf die anderen, im Haushalt lebenden Personen ausgedehnt. Die Studie läuft noch bis Ende Juni und ist (leider) die erste dieser Art in ganz Deutschland.

Mut zeigte auch der Hamburger Schulsenator Ties Rabe (SPD) in einem Interview mit dem „Hamburger Abendblatt“ (kostenpflichtig): „Es gibt Indizien, die darauf hindeuten, dass wir Corona in Bezug auf Kinder und Jugendliche überschätzt haben“, so der Senator. Er will nach den Ferien zum regulären Unterricht zurückkehren: „Das soll ein kompletter Neustart werden, also volle Unterrichtsstundenzahl in der Schule und das normale Ganztagsangebot. (...) Ich wünsche mir, dass alle in der Politik erkennen, dass die Schulen kein Infektionsherd sind.“

Dass junge Menschen nach einer milden Virusinfektion durch Antikörper auch längerfristig geschützt sein könnten, zeigt eine Auswertung der Untersuchungen an der Besatzung eines US-Flugzeugträgers (dessen Kapitän spektakulär vom Dienst suspendiert wurde, weil er auf die Gefahren aufmerksam machte, die von diesem Ausbruch auf dem Schiff ausgehen könnten).

In einem Interview mit den „FinanzNachrichten“ brach der Bonner Virologe Prof. Dr. Hendrik Streeck erneut eine Lanze für die uneingeschränkte Öffnung der Kitas und Schulen. Die Kitas in den Niederlanden seien schon seit vielen Wochen wieder geöffnet, und es habe seither keine größeren Ausbrüche mehr gegeben. Die Hoffnung auf einen Impfstoff könne sich als trügerisch erweisen, man solle sich besser darauf einstellen, mit dem Virus zu leben.

Wie Gesichtsmasken das Gehirn und das Handeln – nicht nur bei Kindern – langfristig beeinflussen kann, beschreibt der Hirnforscher Prof. Dr. Gerald Hüther am 6. Juni in einem Interview mit Markus Langemann im „Club der klaren Worte“ (Kurzfassung hier). Die wichtigste Aussage: Wenn die Mimik des Gegenübers durch eine Maske verdeckt wird, muss das Gehirn das Bedürfnis nach Begegnung unterdrücken. Die Folge: Gleichgültigkeit. Hüther teilt darin auch mit, derzeit an einem Buch über die Angst zu arbeiten – aus gegebenem Anlass.

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Lesenswert

Neue Bücher zur Corona-Krise

 

Eine Vielzahl neuer Bücher zur Corona-Krise und den damit zusammenhängenden Phänomenen drängt inzwischen auf den Markt. Hier ist eine Auswahl.

Die Angst überwinden
Eines der wichtigsten Themen, das uns die Corona-Krise beschert hat, greift der renommierte Hirnforscher Gerald Hüther auf: die Angst. Bezeichnend der Untertitel: „Über die Kunst, die Unvorhersehbarkeit des Lebens anzunehmen.“ Genau darauf kommt es ja an, sich immer wieder auf unterschiedliche Bedingungen einzustellen, bewusst, flexibel, aber auch wach und geistesgegenwärtig. Noch nie in der Menschheitsgeschichte, so schreibt Hüther in seiner Einleitung, sei es bisher vorgekommen, „dass sich alle Menschen überall auf der Welt durch etwas bedroht fühlen, das plötzlich und völlig unerwartet über sie alle hereingebrochen ist: ein Virus aus der Gruppe der Corona-Viren ...“ Die Ursache für die weltweit grassierende Angst sei aber weniger das Virus selbst gewesen, sondern „die sich noch rascher als jeder Krankheitserreger über die Medien global ausbreitende Vorstellung von seiner Gefährlichkeit“. Und Hüther fragt, warum weder die Luftverschmutzung noch verunreinigtes Trinkwasser, Kriege, resistente Keime, abgeholzte Regenwälder, Hungersnöte, Klimaveränderungen, Flüchtlingsströme und andere Katastrophen eine solche Angst auslösen konnten. In diesem Buch versucht er, darauf Antworten zu finden. Er analysiert, wie Angst unser Denken, Fühlen und Handeln verändert, was dazu beitragen kann, gar nicht erst in den Würgegriff der Angst zu geraten und, falls man ihm doch erliegt, sich möglichst rasch wieder daraus zu befreien.

Hüther betont in diesem Zusammenhang, wie wichtig die menschliche Gemeinschaft dafür ist: „Es ist nie zu spät, verlorengegangenes Vertrauen zu sich selbst und gegenüber anderen Menschen wiederzufinden.“ Und wie wichtig es ist, dass wir uns immer wieder klarmachen: „Es ist nicht das Virus, das diese Angst ausgelöst hat. Es war die Vorstellung einer durch dieses Virus ausgelösten lebensbedrohlichen Erkrankung. Die angesichts einer realen Gefahr erlebte Angst ist nicht das gleiche wie die durch die Vorstellung einer existenziellen Bedrohung ausgelöste Angst. (...) Was ich hier gemeinsam mit Ihnen herausfinden möchte, sind mögliche Wege, die uns herausführen aus der Gefangenschaft unserer eigenen Vorstellungen und Überzeugungen davon, wie sich die Angst besiegen lässt. Vielleicht ist es ganz anders, als wir es uns bisher vorgestellt haben. Vielleicht ist diese Angst gar nichts Bedrohliches. Vielleicht ist sie unser wichtigster Wegweiser auf dem schmalen und leicht zu verlierenden Pfad in die Freiheit.“

Ganz sicher ist dieses Buch eines der wichtigsten in diesem angstbesetzten Herbst und Winter.

Gerald Hüther: Wege aus der Angst. Über die Kunst, die Unvorhersehbarkeit des Lebens anzunehmen, Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, 127 Seiten, 20 Euro


Wider die Halbwahrheiten
Spannend wie ein Krimi liest sich ein anderes Buch, das die Entstehungsgeschichte und den Werdegang der Corona-Pandemie nachzeichnet – minutiös mit über 718 Quellenangaben belegt – und vor allem auch die Berichterstattung darüber auseinanderpflückt.

Vorangestellt hat die Autorin – die freie Journalistin und auf medizinische und naturwissenschaftliche Themen spezialisierte Miryam Muhm – einen Satz von René Descartes (1596 – 1650): „Ich zweifle, also denke ich“ (in Weiterentwicklung des berühmten „Ich denke, also bin ich“ – „cogito ergo sum“). Denn auf beides kommt es gerade in diesen Zeiten ganz besonders an: auf das Zweifeln und das Denken.

Das letzte Kapitel in diesem Buch widmet sich Bill Gates – und dankenswerterweise so nüchtern, so knochentrocken und unemotional, vor allem aber so penibel belegt, dass es über jedes Bashing von „Verschwörungstheorie“ erhaben ist. Schon lange wartet man in Deutschland auf so eine Analyse eines der reichsten Männer der Welt. Schon allein dieses Kapitel ist die Lektüre wert. 

Miryam Muhm: Die Wahrheit über COVID-19. Licht ins Dunkel der Halbwahrheiten und wie Sie sich vor dem Virus schützen können. Europa-Verlag, 304 Seiten, 19 Euro


Wichtige Gedanken zur Corona-Zeit
„Das Mysterium der Erde“ – mit diesem Titel eines Aufsatzes von Ita Wegman aus dem Jahr 1929 hat Peter Selg eine Textsammlung zur Corona-Zeit aus seiner Feder überschrieben, die vereinzelt bereits veröffentlicht worden sind. Geschrieben wurden die Artikel zwischen Ostern und Pfingsten 2020. Es sind kluge, nachdenkliche Texte, die aus der Sicht der Anthroposophie dazu anregen, die Corona-Krise aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Mit am wichtigsten sind hier der ausführliche Essay „Eine medikalisierte Gesellschaft?“ und die „Gesichtspunkte zu epidemischen Infektionskrankheiten im Werk Rudolf Steiners“, aber natürlich auch der historische Originaltext von Ita Wegman.

Peter Selg: Das Mysterium der Erde. Aufsätze zur Corona-Zeit. Verlag des Ita Wegman Instituts, 139 Seiten, 22 Euro


Einblick in ein „Leitmedium“
Birk Meinhardt ist ein hochdekorierter Autor: zweimal – 1999 und 2001 – gewann er den „Oscar“ für Journalisten, den Egon-Erwin-Kisch-Preis. Aufgewachsen in der ehemaligen DDR und dort als Sportreporter tätig, wechselte er nach der Wende in die Sportredaktion der „Süddeutschen Zeitung“, schrieb dort aber schnell vor allem große Reportagen für die Seite Drei sowie Texte für „Das Streiflicht“, die berühmte Kolumne auf der Titelseite der SZ. 2012 verließ er – für die Außenwelt überraschend – die Zeitung und widmete sich ganz dem schriftstellerischen Schreiben. 2013 erschien sein erster Roman, 2017 dessen Fortsetzung.

Jetzt hat Meinhardt den Grund für seinen Weggang bei der SZ, über den viele Kolleg*innen mehr als erstaunt waren, in einem kleinen Buch dargelegt: „Wie ich meine Zeitung verlor“ ist die melancholische Abrechnung mit einer Redaktion, die immer noch zu den anerkanntesten in Deutschland gehört und der man gerade dies nicht zugetraut hätte: dass Texte nicht gedruckt werden, weil sie nicht in das Muster der Vorurteile der Verantwortlichen passen. Eben diese Texte hat Meinhardt jetzt in diesem Buch – sogar mit Erlaubnis der Chefreaktion – noch einmal zugänglich gemacht. Seine Beschreibung passt gut in die Corona-Zeit mit ihrer medialen Gleichschaltung, weil sie die dahinter liegenden Mechanismen wenigstens ein Stückweit erhellt. Sie werden nicht nur auf die SZ zutreffen. Dass das Buch innerhalb kurzer Zeit zum Bestseller wurde und jetzt bereits in der 3. Auflage vorliegt, spricht für sich.

Birk Meinhardt: Wie ich meine Zeitung verlor. Ein Jahrebuch. Verlag Das Neue Berlin, 144 Seiten, 15 Euro


Meinungsvielfalt aus Sozial- und Kulturwissenschaft
Es kommt nicht oft vor, dass Programmverantwortliche und Lektor*innen gemeinsam ein Buch initiieren und herausgeben. Corona macht aber auch das möglich – zum Glück. Denn Michael Volkmer und Karin Werner vom transkript Verlag haben in eben dieser Funktion eine spannende Sammlung von Meinungen und Analysen aus der Sozial- und Kulturwissenschaft zusammengetragen. Schon Ende März war ihnen bewusst geworden, dass die Stimme der Sozial- und Kulturwissenschaftler*innen im Chorus der Corona-Statements fehlte. Und so schrieben sie eine ganze Reihe von Vertreter*innen dieser Szene an und baten sie um Beiträge zur Einschätzung der Corona-Krise. Denn gerade diese Fachleute waren zu Beginn der Krise und auch später gar nicht erst gefragt worden, wie sie die Lage und vor allem die getroffenen Maßnahmen einschätzen.

Die Reaktion war überwältigend. Nun liegt der Sammelband dazu mit insgesamt 39 Beiträge vor. Das Spektrum reich von historischen Einordnungen über Körper-Aspekte, geschlechterspezifische Einordnungen, die Frage der Solidarität und Gesellschaftsordnung bis hin zu Protest und Widersand, ökonomischen Fragen und konkreten Utopien. Ein spannendes Sammelsurium von Ideen, Analysen und Meinungen.

Michal Volker, Karin Werner (Hrsg.): Die Corona-Gesellschaft. Analysen zur Lage und Perspektiven für die Zukunft. Transcript Verlag, 432 Seiten, 24,50 Euro


Die Wegbereiter der Pandemie
Es ist schon lange klar, dass bestimmte Faktoren eine Pandemie wie die mit SARS-CoV-2 begünstigen. Vor allem die Massentierhaltung und die Zerstörung der Umwelt sind hier zu nennen. In diesem Zusammenhang wurde ein Buch wieder aufgelegt, das schon vor geraumer Zeit erschienen ist, damals aber kaum beachtet wurde. Der Epidemiologe und Evolutionsbiologe Rob Wallace hat die Fakten zusammengetragen, die der Epidemie den Weg bereitet haben. Er spricht dabei auch die Vogelgrippe und Ebola an, denn auch sie stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit dieser Entwicklung. Sein Fazit: Nur eine andere Landwirtschaft und ein Verbot der Massentierhaltung wird künftig ähnliche Pandemien vermeiden können.

Rob Wallace: Was COVID-19 mit der ökologischen Krise, dem Raubbau an der Natur und dem Agrobusiness zu tun hat. PapyRossa Verlag, 207 Seiten, 20 Euro

Kritische Stimmen mehren sich ...

... sogar in den Mainstream-Medien

Waren in den ersten Wochen der Corona-Krise nahezu alle großen Medien in Deutschland von einer bemerkenswerten Einhelligkeit in der Berichterstattung über die Maßnahmen der Regierung geprägt, mehren sich jetzt doch die kritischen Stimmen auch dort. So widmete z. B. der SPIEGEL die Titelgeschichte seiner Ausgabe vom 20. Juni der teilweise chaotischen Situation an den Schulen, die Lehrer*innen, Eltern und Schüler*innen gleichermaßen überfordert.

Aber nicht nur der Lockdown an den Schulen steht inzwischen in der Kritik, sondern der Lockdown generell. So sagte z. B. der Virologe Prof. Dr. Hendrik Streeck in einem Interview mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (kostenpflichtig), um „die Wirksamkeit der einzelnen Maßnahmen getrennt beurteilen zu können“, sei man „zu schnell in einen Lockdown gegangen“. Man habe nicht mehr beurteilen können, ob die bereits veranlassten Einschränkungen ausgereicht hätten, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Die vielgerühmte App komme, so Streeck, „ein bisschen spät“, und man wisse nicht, „ob sie überhaupt etwas dazu beitragen“ könne, in Deutschland „eine Pandemie zu kontrollieren“. Auch die Maskenpflicht sieht Streeck kritisch, vor allem wegen der Anwendungsfehler: „Am Anfang der Pandemie wurde ja dezidiert gewarnt vor Masken. Die Gründe dafür gelten immer noch, auch wenn sie merkwürdigerweise keine Rolle mehr zu spielen scheinen. Die Leute knüllen die Masken in die Hosentasche, fassen sie ständig an und schnallen sie sich zwei Wochen lang immer wieder vor den Mund, wahrscheinlich ungewaschen. Das ist ein wunderbarer Nährboden für Bakterien und Pilze.“

Und in einem am 29. Juni erschienenen Interview mit dem Berliner Tagesspiegel zog Streeck, selbst ein Spezialist für die Forschung zu HIV, interessante Vergleiche zum Erreger der Immunschwäche AIDS: Es gebe „viele Parallelen zwischen der gerade beginnenden Corona-Pandemie und der seit 40 Jahren laufenden HIV-Pandemie“. Durch die COVID-19-Pandemie seien „Lieferketten für lebensnotwendige Medikamente vor allem in arme Länder abgebrochen. Was gerade passiert ist erschreckend. Die WHO geht von 500.000 zusätzlichen AIDS-Toten dieses Jahr aus, als direkte Folge von COVID-19.“ Viele AIDS-Forscher seien inzwischen in die Forschung zu SARS-CoV-2 übergegangen.

Skeptisch äußerte sich Streeck auch zu der Frage nach einem Impfstoff gegen COVID-19: „Wir haben bis heute auch keinen Impfstoff gegen irgendeinen der großen infektiologischen Killer. Damit meine ich neben HIV Dengue, Malaria, Tuberkulose und Hepatitis C. Für HIV wurden über 400 Impfstoffkonzepte entwickelt, sehr wenige gingen in die klinische Testung, und keiner hat bislang funkioniert. Auch gegen die anderen sechs Corona-Viren wurde bislang erfolglos nach Impfstoffen geforscht. Generell scheint es schwieriger zu sein, einen Impfstoff gegen ein RNA-Virus, zu denen ja SARS-CoV-2 gehört, zu finden. Hier gibt es bisher nur den Grippe-Impfstoff, und auch der muss jedes Jahr erneuert werden. Je nach Jahr und Influenzastamm liegt die Effektivität manchmal nur bei 40 Prozent.“

Inzwischen melden sich auch Psycholog*innen und Psychotherapeut*innen zu Wort und weisen darauf hin, dass Quarantäne, Isolation und Kontaktsperren die seelische Gesundheit massiv beeinträchtigen können. Und auch, dass sozial Benachteiligte ein höheres Corona-Infektionsrisiko haben als andere, wird immer deutlicher, wie ein Bericht des rbb zeigt.

Spürbar wird aber auch eine zunehmende Spaltung der Gesellschaft: in diejenigen, die für die staatlich veranlassten Maßnahmen einstehen, und andere, die eben diese zunehmend anzweifeln, deren Kritik und deren Fragen aber bisher nur selten von den offiziellen Medien aufgegriffen, geschweige denn beantwortet werden. Dabei scheinen sich die Seiten immer stärker zu polarisieren. Freundschaften zerbrechen, in Foren spitzen sich die Meinungen zu, und eine Flut von Studien muss dafür herhalten, die eine oder eben die andere Ansicht zu untermauern. Was für ein Riss durch unser Land mittlerweile geht, zeigt eine Dokumentation der ARD über den berühmten Satz von Angela Merkel in der Flüchtlingskrise „Wir schaffen das!“ und seine Folgen, die bis weit in die Corona-Krise hineinreichen.

Interessant dagegen die Implikationen, die die Medizin-Ethikerin und Soziologin Prof. Dr. Tanja Krones zum Thema „Leben und Sterben mit COVID-19: Wie schaffen wir das?“ im Gespräch mit der Neuen Zürcher Zeitung entwickelt. Darin kritisiert sie u. a., dass die Angehörigen und die Bevölkerung bei den Entscheidungen zur Corona-Krise generell zu wenig einbezogen wurden und werden.

Da erscheint es fast schon wohltuend, wenn sich gerade diejenigen, die von der Krise am meisten betroffen sein dürften, die Generation der 20- bis 35-Jährigen, so ihre Gedanken machen. Einer von ihnen, ein Student der Psychologie aus Ulm, hat all das, was er an Fakten und Ungereimtheiten gefunden hat, in einem einstündigen Video zusammengetragen. Eine scharfkantige und klare Perspektive wird hier eröffnet. Vieles ist nicht neu und manches kann man anders sehen, aber dennoch ist dieser Beitrag bemerkenswert, weil er von einem Kreis junger Leute zusammengetragen wurde, die sich ihre eigenen Gedanken gemacht und ihre eigene Meinung gebildet haben.

Gleichzeitig macht sich jedoch auch eine Erschöpfung breit, ein Überdruss, ständig an dieses Virus und seine möglichen Gefahren erinnert zu werden. Dies umso mehr, als die Ansteckungsraten vielerorts inzwischen so niedrig sind, dass man sich fragt, wo sich die Mehrheit der Bevölkerung überhaupt noch anstecken können soll (von der fleischverarbeitenden Industrie mit ihren Massenschlachthäusern mal abgesehen, aber die gehören ohnehin schleunigst abgeschafft). Das bestätigt auch der Mikrobiologe Johannes Knobloch, Leiter der Krankenhaushygiene am Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf: „Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person, auf die ich treffe, ansteckend ist, liegt statistisch im Bereich des Lottos mit vier Richtigen und Zusatzzahl“, sagte der Wissenschaftler dem „Hamburger Abendblatt“. Schon seit Mitte Mai werden in der Hansestadt mit ihren fast zwei Millionen Einwohnern nur noch Neuinfektionen im niedrigen einstelligen Bereich pro Tag festgestellt.

Trotzdem wird mit Nachdruck daran gearbeitet, den Pegel der Angst innerhalb der Bevölkerung aufrechtzuerhalten. Karl Lauterbach, „Gesundheitsexperte“ der SPD und Stammgast in den Talkshows des deutschen Fernsehens, postete jüngst auf Twitter, dass COVID-19 „bei vielen Patienten dem Gehirn schade und das Risiko einer Demenzerkrankung deutlich erhöhen“ könne. Wesentlich nüchterner dagegen die Information der Uni Gießen, dass ein bundesweites Register („CNS-COVID-19“) die Erkenntnisse zusammentragen soll, was bei einer Infektion mit SARS-CoV-2 im zentralen und peripheren Nervensystem passiert. Belastbare Belege für eine Invasion des Virus in das Nervensystem, fehlen bisher, so die Wissenschaftler.

Auch das gerade mit dem Grimme Online Award geadelte „Corona Update“ des NDR mit Christian Drosten bezieht eine gegenteilige Position (Titel der 50. Ausgabe vom 23. Juni: „Das Virus kommt wieder“). Drosten verordnet da „Regeln für den Sommer“ und erklärt die Schuldiskussion als „noch nicht zu Ende“. Der Ausnahmezustand soll offenbar zur Regel werden.

Roland Rottenfußer hat dazu im Online-Magazin Rubikon einen erfrischend unerschrockenen, nachdenklichen Beitrag verfasst. In eben diesem Magazin findet sich auch ein aufschlussreicher Artikel zur Rolle der Medien in dieser Krise: „Die Propaganda-Pandemie“. Eine Debatte zur Medien-Berichterstattung über die Corona-Krise hat auch der Evangelische Pressedienst angestoßen. Die Liste soll in den kommenden Wochen kontinuierlich erweitert werden.

Ein Blick in die Welt ist dann aber doch ermutigend: Die Shanti Leprahilfe Dortmund z. B. berichtet über ihre Station in Kathmandu in Nepal. Dort haben die Lockdown-Maßnahmen teilweise katastrophale Folgen gerade für die Ärmsten und den Armen. Und so wurden die bei Shanti betreuten Menschen mit Behinderungen und an Lepra Erkrankten von Hilfe Empfangenden zu Helfenden, wie es der Rundbrief der Shanti-Gründerin Marianne Großpietsch anschaulich beschreibt.

Mutmachend auch das Blog Salutogenese-Corona, das einen Perspektivwechsel in der Corona-Krise einfordert. Darin geht es vor allem um die Eigenaktivität der Bürger*innen: wahrnehmen, mitgestalten, Freiheit aushalten, kooperieren und Visionen entwickeln. Das passt perfekt zum Corona-Manifest von GESUNDHEIT AKTIV.

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Thesenpapier 3.0 zur Corona-Krise

Schrappe, Glaeske, Püschel & Co. ziehen erste Bilanz

 

Sie haben schon mit zwei ersten Thesenpapieren Aufsehen erregt, jetzt legen sie mit ihrem Thesenpapier 3.0 noch eine Schippe drauf: Prof. Dr. med. Matthias Schrappe, ehemaliger stellvertretender Vorsitzender des Sachverständigenrates Gesundheit; Hedwig François-Kettner, Pflegemanagerin und Beraterin und ehemalige Vorsitzende des Aktionsbündnisses Patientensicherheit, Berlin; Dr. med. Matthias Gruhl, Arzt für Öffentliches Gesundheitswesen, Bremen; Prof. Dr. jur. Dieter Hart, Institut für Informations-, Gesundheits- und Medizinrecht, Uni Bremen; Franz Knieps, Jurist und Vorstand eines Krankenkassenverbandes, Berlin; Prof. Dr. phil. Holger Pfaff, Uni Köln, Zentrum für Versorgungsforschung, ehemaliger Vorsitzender des Expertenbeirats des Innovationsfonds; Prof. Dr. med. Klaus Püschel, Uni-Klinikum Hamburg-Eppendorf, Leiter des Instituts für Rechtsmedizin; Prof. Dr. rer. nat. Gerd Glaeske, Uni Bremen, ehem. Mitglied im Sachverständigenrat Gesundheit. Am 28. Juni veröffentlichen sie eine „erste Bilanz der Pandemie durch SARS-CoV-2/Covid-19“.

Drei Aspekte stehen dabei im Mittelpunkt:

  1. 1. Strategie: Stabile Kontrolle des Infektionsgeschehens
  2. 2. Prävention: Risikosituationen erkennen
  3. 3. Bürgerrechte: Rückkehr zur Normalität

Mit am spannendsten in diesem Thesenpapier sind die Vorschläge zur Prävention. Dazu heißt es: „Wirksame Präventionsmaßnahmen müssen auf der Ebene der Gesamtgesellschaft und auf der Ebene der Organisationen den gesellschaftlichen und sozialen Kontext in den Mittelpunkt stellen. Um hierfür einen ‚Kompass‘ zu entwickeln, wird in Anlehnung an die Balanced Score Card eine vierdimensionale Matrix vorgeschlagen, die die Dimensionen Epidemiologie, Ökologie, Wissen/Ausbildung sowie Grundrechte vorsieht. (...) Die soziale Situation von Kindern und Frauen unter den Bedingungen der Krise und des Lockdowns macht deutlich, wie entscheidend es ist, nicht nur medizinische bzw. epidemiologische Kriterien zu beobachten (z. B. Zahl von Neuinfektionen), sondern auch andere Aspekte wie die soziale Situation zur Steuerung mit heranzuziehen.“

Zur Situation in Alten- und Pflegeheimen heißt es: „Alle Formen von generellen Kontakt- oder Besuchssperren erscheinen insofern problematisch, weil dort, wo spezifische Präventionsmaßnahmen möglich und geboten sind, ausnahmslose generelle Verbote nicht mehr angemessen sein werden. Unter den veränderten Bedingungen von Erkenntnis, Erfahrung und spezifischen Präventionsstrategien werden generelle Isolationen/Sperren in stationären Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen als gravierende Grundrechtseinschränkungen grundsätzlich unverhältnismäßig. (...) Besonders bei Langzeitpflege, Behinderungen oder im Prozess des Sterbens müssen alle erdenkbaren Anstrengungen unternommen werden, um Situationen und Maßnahmen zu verhindern, die die Würde des Menschen einschränken.“

Bemerkenswert auch die Äußerungen zum sozialen und gesellschaftspolitischen Bezug: „Die entstehende Situation bietet einerseits eine große Dynamik (z. B. werden Fragen gestellt, die vorher tabu waren), andererseits kommt es zu einer massiven Diskursverengung. So herrschen in der öffentlichen Diskussion bestimmte Denk- und Interpretationsmuster in einem Maße vor, dass anderslautenden Meinungen kein Raum gegeben wird (und im Netz sog. Verschwörungstheoretische Formeln großen Zuwachs erfahren). Die Kompetenz einer freiheitlichen Gesellschaft, gerade aus der Pluralität der Kenntnisse und Meinungen ihre besondere Problemlösungskompetenz abzuleiten, wird außer Kraft gesetzt. (...) Die Lösung von paternalistischen Konzepten im Regierungshandeln ist eine der wichtigsten Voraussetzungen, ja geradezu das Vorbild für das Gelingen dieses Normalisierungsprozesses.“

Auch die Corona-Tracing-App sehen die Autor*innen kritisch: Sie „wirft beunruhigende Fragen auf: Anonymität, Standortbestimmung, Freiwilligkeit, Verhaltensmodifikation, Wirksamkeit und Effizienz – zu allen diesen Aspekten (und weiteren) sind erhebliche Zweifel angebracht.“

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Der Wind dreht sich ein wenig

Kritische Stimmen kommen mehr zu Wort

 

Corona-Spezial Oktober 2020 – Nach all den Meldungen über alarmierend ansteigende Infektionszahlen und düsteren Prognosen wie „Die Pandemie wird jetzt erst richtig losgehen, auch bei uns“ (so der Virologe Christian Drosten am 23. September in einem Doppel-Interview mit Prof. Dr. Detlev Ganten im Vorfeld des „World Health Summit in Berlin“, der vom 25. bis 27. Oktober in Berlin stattfinden wird) mochte man seinen Augen und Ohren kaum trauen, was da im ARD-Extra am 5. Oktober gleich nach der Tagesschau, mithin also zur besten Sendezeit, ab Minute 11:40 über den Bildschirm flimmerte: Da sagt der Bonner Virologe Prof. Dr. Hendrik Streeck unverblümt, dass eben diese Zahlen „nur bedingt etwas aussagen“, nur ein geringer Anteil der Betroffenen benötige eine medizinische Versorgung. Und weiter, unter Bezugnahme auf die von der Bundeskanzlerin für Dezember prognostizierten möglichen Infektionszahlen: „20.000 Neuinfektionen pro Tag – das klingt erstmal nach Apokalypse. Das sind enorme Zahlen, aber im Grunde sollte uns das keine Angst machen, weil ein milder Verlauf oder ein Verlauf ohne Symptome nicht so stark zum Infektionsgeschehen beiträgt. (…) Wir müssen eine Normalität finden, eine achtsame Normalität, dass jemand, der einen schweren Verlauf hat, die bestmögliche Versorgung erhält. Dieses Virus wird nicht mehr aus dem Menschen ausgetrieben werden können, wir können es nicht mehr eradizieren, und wir müssen eben anfangen, mit dem Virus zu leben.“

Nicht minder deutlich äußert sich Prof. Dr. Torsten Bauer, Chefarzt der Lungenklinik am Helios Klinikum Emil von Behring in Berlin in eben dieser Sondersendung: „Wir sollten versuchen, von dieser Zahl wegzukommen.“ Seit zwei Wochen stehe seine Covid-19-Station nahezu leer, wie auch in vielen anderen Krankenhäusern in Deutschland. „Ich als Mediziner hätte ganz gern dagegen gespiegelt die Zahl der Krankenhausaufnahmen, weil die absolute Infektionszahl für Mediziner ja nur sagt, wie viele haben sich infiziert, aber nicht, wie viele waren krank. Und wir müssen wissen, worauf müssen wir uns im Krankenhaus einstellen.“

ARD-Extra benennt die Fakten:

  • In den ca. 30.000 Intensivbetten in Deutschland liegen derzeit nur 447 Infizierte.
  • 9.534 Menschen sind seit März bis Anfang Oktober an oder mit Corona gestorben. Klingt dramatisch. ABER: In Deutschland sterben normalerweise jede Woche 16.000 bis 20.000 Menschen. 2020 starben bis Mitte März weniger Menschen als im Durchschnitt der Vorjahre, im April durch Corona für wenige Wochen deutlich mehr, ab Ende April jedoch waren es nicht mehr als üblich. Mitte August gab es noch einen kleinen Anstieg – der war der Hitze geschuldet, nicht Corona.
  • Auch der Anstieg im April hielt sich in engen Grenzen: Von den 20.479 Toten waren 1.736 an oder mit Corona verstorben. Seither starben nur noch sehr wenige Menschen an oder mit Corona.
  • Im August waren von 19.450 Toten nur 27 mit Corona infiziert. Ob diese Menschen an oder mit Corona starben, ist unklar.

Der ebenfalls interviewte Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, findet dafür klare Worte: „In Deutschland gibt es keine Übersterblichkeit. Das heißt verkürzt: Es sterben nicht mehr Menschen als in jedem normalen Jahr ohne Corona.“

Und Prof. Dr. Ursel Heudorf, Fachärztin für öffentliches Gesundheitswesen in Frankfurt am Main, sagte ARD Extra: „Wir haben zwar viele Fälle, aber wenig Krankenhauseinweisungen und wenig Todesfälle. Wir müssen die Bevölkerung differenziert informieren, nicht nur über die Zahl der positiv Getesteten oder Infizierten, sondern tatsächlich über die Zahl der schweren Fälle. Es wird leider zu wenig in der Allgemeinbevölkerung darüber berichtet. (...) Von den 9.500 Todesfällen insgesamt an oder mit Corona Verstorben sind 9.000 vor Juli verstorben, und in den vergangenen drei Monaten, obwohl wir einen Anstieg von 100.000 positiv Getesteten haben, nur 500. Da hat eine große Entkoppelung stattgefunden und die muss mehr kommuniziert werden.“ 

Auch diverse andere Medien räumten in den vergangenen Wochen kritischen Stimmen mehr Raum ein. In einem Interview mit der WELT vom 30. September (Bezahlschranke) sagte der Schriftsteller Daniel Kehlmann: „Wir wären weiter, wenn wir das Hygienetheater lassen würden.“ Im Einzelnen seien viele Maßnahmen lächerlich gewesen und zu weit gegangen. Es erschrecke ihn, dass „über die Auswüchse, die wir erlebt haben, gar nicht gesprochen wird. Dass etwa einfach hingenommen wurde, dass die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern nicht in ihre Zweithäuser durften. Das ist ein Skandal und ein Vorgang, der in keiner Weise rechtlich gedeckt ist.“ Kehlmann spricht darin auch die Situation in den USA an: „In Amerika habe ich erlebt, dass mir und meiner Familie auf der Fifth Avenue nachgeschrien wurde, wir sollten Masken tragen. Es war im Freien, neun Uhr abends, die Straße war leer. Allein dadurch, dass die Republikaner gegen das Maskentragen sind, ist die Maske in jeder Situation für die demokratische Seite ein Mittel geworden, sich als rationaler Mensch darzustellen. Diese extreme Polarisierung haben wir zum Glück nicht.“

Der Leiter des Gesundheitsamtes in Frankfurt am Main, René Gottschalk, forderte in zwei Artikeln, die auf der Seite der Landesärztekammer Hessen veröffentlicht wurden, zusammen mit seiner Kollegin Prof. Dr. Ursel Heudorf: „Die Bevölkerung muss sachgerecht informiert werden.“ Eine Übersterblichkeit sei, so Gottschalk, „weder in der Gesamtbevölkerung noch in der Gruppe der Hochrisikopatienten (Bewohner von Altenpflegeheimen) zu verzeichnen. Die Sterbestatistik (tägliche Sterbefälle) zeigt im ersten Halbjahr 2020 keine Auffälligkeiten – im Gegensatz zu der erkennbar höheren Sterbezahl während der Influenza-Zeiten 2017 und 2018 sowie während der Hitzeperiode im Juli 2018.“

Die teilweise sehr einschneidenden Maßnahmen seien von politisch Verantwortlichen angeordnet worden, „ohne dass Erfahrungen früherer Pandemien ausreichen berücksichtigt wurden. Ein Problem hierbei war (und ist), dass überwiegend virologische Fachexpertise zur Beratung genutzt wurde, um die. Maßnahmen zu beschließen; Fachärzte für Öffentliches Gesundheitswesen, die für solche Situationen eine lange, aufwendige Weiterbildung absolvieren müssen, waren nur selten involviert. Auch jetzt muss man feststellen, dass man von den (richtigen) Strategien ‚Containment‘ (Eindämmungsstrategie), ‚Protection‘ (Schutzstrategie für vulnerable Gruppen) und ‚Mitigation‘ (Folgenminderungsstrategie), die im nationalen Pandemieplan des Robert Koch-Institutes (RKI) beschrieben sind, komplett abweicht und derzeit ausschließlich „Containment“ betreibt, was angesichts der Fallzahlen dringend überdacht werden sollte.“ Die Schule sei kein „Hochrisikoarbeitsplatz". Diagnostik werde vor Prävention gesetzt. Der Blick auf Impfstoffe als Problemlöser sei „in der näheren Zukunft nicht zielführend“. Auch sei die derzeit geführte Diskussion der Übertragungsmöglichkeit durch Aerosole „von der Realität weit entfernt: Wäre dies ein wichtiger Übertragungsweg, hätten wir eine gänzlich andere epidemiologische Ausbreitung“, so die beiden Experten. „Angesichts des Verlaufs und der Ausprägung der Pandemie sowie der bisher vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse und praktischen Erfahrungen bedarf es dringend einer breiten öffentlichen Diskussion zu den Zielen und Mitteln der Pandemie-Bekämpfung. Diese Diskussion muss, über rein virologische Fragen hinaus, ethische Aspekte sowie rechtliche Fragen zum legitimen Zweck, der Geeignetheit, Erforderlichkeit und Angemessenheit der Maßnahmen umfassen.“

Über die inzwischen massenhaft vorgenommenen PCR-Tests wurde schon viel gestritten – jetzt hat das Recherche-Team der ARD die Thematik vor allem im Hinblick auf die Gesundheitsämter gründlich aufgearbeitet und führt das derzeitige Chaos in einem Faktencheck auf tagesschau.de anschaulich vor Augen. 

In einem Interview mit der Zeitschrift info3 (Oktober-Ausgabe) sagte Prof. Dr. Harald Matthes, Ärztlicher Direktor des Gemeinschaftskrankenhauses Havelhöhe in Berlin, das schon früh eine Corona-Ambulanz einrichtete und selbst viele betroffene Patient*innen auf der Intensivstation betreute: „Gegenwärtig liegt das Letalitätsrisiko bei nur noch 0,2 bis 0,3 Prozent, und wir wissen inzwischen, dass das ganze Geschehen nicht so sehr durch das Virus bestimmt ist, sondern durch den jeweiligen Wirt, den das Virus befällt. Da ist es aus meiner Sicht völlig unverständlich, warum Virologen, die ja das Virus untersuchen, immer noch die wesentlichen politischen Maßgaben bestimmen, während ja die klinische Einschätzung das Entscheidende ist: Wie viele Menschen werden tatsächlich krank?“ Es bestehe derzeit keinen Anlass zu großer Besorgnis, da es trotz der Zunahme an positiven Testergebnissen nur sehr wenige schwer Erkrankte oder Todesfälle gebe. Matthes kritisiert vor allem, dass die Maßnahmen für alle Bevölkerungsteile gleichermaßen gelten sollen: „Wenn ich zum Beispiel weiß, dass Kinder unter neun Jahren so gut wie nie einen schweren Verlauf haben und dass es auch keinen Beleg dafür gibt, dass sie ihre Lehrer anstecken – dann muss ich für diese Altersgruppe nicht die gleichen Maßnahmen ergreifen, als wenn ich im Altenheim einen Covid-19-Ausbruch verhindern will.“ Corona sei im Hinblick auf die Kapazität der Intensivbetten keine Bedrohung mehr, weshalb sich die Corona-Maßnahmen in der jetzigen Pauschalität „nicht mehr rechtfertigen“ ließen. Die Politik sei derzeit „wenig lernend und risikostratifizierend unterwegs“. Was die wirtschaftlichen Folgen angehe, richte man derzeit „weit mehr Schaden an als infektionsvorbeugend nötig ist“.

Eine Lanze für mehr Freizügigkeit in den Schulen brach auch der Hamburger Virologe Prof. Dr. Jonas Schmidt-Chanasit in einem Interview mit den Tagesthemen am 30. September (ab Minute 13:15). Alles deute darauf hin, „dass Schulen und Kitas eben nicht die Hauptinfektionsherde sind. Die meisten Infektionen wurden von außen in die Schulen und Kitas getragen. Und was auch bestätigt wurde, ist, dass die Infektion oftmals asymptomatisch verlaufen, das heißt, wir haben keine schweren Verläufe, und das sind sehr gute Nachrichten.“ Auf die Nachfrage von Tagesthemen-Moderatorin Pinar Atalay, wann man die Schulen doch wieder dicht machen müsse, weil auch Lüften nicht mehr helfe, sagte Schmidt-Chanasit: „An dem Punkt sind wir noch lange nicht. Es gibt keine Hinweise darauf, dass wir so ein Szenario jetzt umsetzen müssten.“

Prof. Dr. Gerd Antes, Experte für Biometrie und Statistik und engagierter Verfechter für eine evidenzbasierte Medizin (er leitete lange das deutsche Cochrane-Zentrum in Freiburg), fordert in einem Interview mit focus-online: „Wir müssen uns mehr trauen“ und findet sehr kritische Worte für Politik und Wissenschaft. Der Satz, Corona sei die Lupe, die alle Defizite, die es schon gab, noch deutlicher erscheinen lasse, gelte auch für die Wissenschaft. Weltweit gäbe es „eine unglaubliche Anzahl an Studien zu Corona“, vielfach von erschreckend schlechter Qualität, „zum großen Teil geboren aus dem Egoismus des Wissenschaftsbetriebs“. Es handele sich um „eine wilde Mischung aus ‚Etwas gegen die Bedrohung tun wollen‘ einerseits, andererseits aber auch den schädlichen Bedingungen des Wissenschaftsbetriebs zu gehorchen – schnell an Fördergelder zu kommen oder einen Medienplatz zu ergattern. Die Egoismen spielen verrückt.“ Es gebe „nach wie vor keine zielgerichtete Forschung“. Die Virologen „liefern der Politik das Alibi, sich nicht ernsthaft allen wissenschaftlichen Herausforderungen zu stellen. Die Deutungshoheit durch Virologen statt der Forderung nach einer interdisziplinären Task Force dient der Sache nicht. (…) Die Menschen, die aktuell auf die Straße gehen und sich übergangen fühlen, müssen ernstgenommen werden.“ Antes geht auch mit der Regierung hart ins Gericht: „Diese Drohungen mit Frankreich oder Spanien, die Merkel und Minister aussprechen, sind völlig ungeeignet.“ Es gebe Erklärungsversuche, warum Deutschland es besser gemacht habe als diese Länder und Italien, z. B. dass man früher reagiert habe. Er glaube aber nicht, dass das der einzige Grund sei, sondern dass noch mehr dahinterstecke, was man immer noch nicht verstehe. Auch habe man durchaus einiges falsch gemacht: „Die Krankenhäuser selbst sind Teil der Täterschaft. Hygienisch sind sie schlechter aufgestellt, sie haben Probleme mit Antibiotikaresistenzen, weil sie sehr viel mit Antibiotika behandeln. In Italien und wohl auch in Spanen wurde schon vor Corona das Gesundheitssystem kaputtgespart.“

In einem Interview mit der WELT (Bezahlschranke) beklagt auch der Infektiologe Prof. Dr. Gerd Fätkenheuer, Leiter der Infektiologie am Uni-Klinikum Köln, dass der geringste Teil der Vorschriften wissenschaftlich belegbar ist, wie das sonst zu Recht gefordert werde.

Virologe Prof. Dr. Hendrik Streeck hat Ende September einer ganzen Reihe von Medien Interviews gegeben, so z. B. t-online.de, dem Handelsblatt, der WELT (Bezahlschranke, Video) und web.de, in denen er nicht müde wurde, einen Strategiewechsel zu empfehlen und vor Alarmismus und Panikmache zu warnen. Auch er plädiert dafür, der Anzahl der positiven Tests nicht zu viel Bedeutung beizumessen und hält es überdies nicht für sinnvoll, Maske zu tragen, wenn Abstand gehalten werden könne: „Wir müssen von einer Verbotskultur in eine Gebotskultur kommen.“

Heftige Kritik kommt auch vom Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg, Walter Plassmann, der in einem Gastbeitrag für das Hamburger Abendblatt (Bezahlschranke) am 14. September mehr Gelassenheit einfordert (ein Bericht darüber findet sich bei focus online). Die Diskussion werde von Medizinern bestimmt, die „nicht mit dem ganzheitlichen Menschen arbeiten (…) Das wahre Leben kommt im beruflichen Alltag der Drostens, Lauterbachs und Brauns (Helge Braun ist Chef des Bundeskanzleramts, d. Red.) nicht vor.“ Äußerungen wie die von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder von einer derzeitigen „Corona-Schockwelle“ seien wenig hilfreich: „Wer die Gesellschaft mit immer neuen Hiobsbotschaften auf immer höhere Bäume treibt, der macht die Gesellschaft krank.“ Gelassenheit sei angebracht, „auch wenn das eine Schockwelle für Söder sein sollte“.

In einem Interview mit focus online bekräftigte Plassmann erneut seine Position: „Wir müssen uns von dieser vollkommenen Fixierung auf Infektionszahlen lösen. (…) Wenn die Infektionszahlen hochgehen, aber es sind nicht mehr Menschen krank oder sterben, dann ist das nicht schlimm.“ Von den AHA-Regeln (Abstand, Hygiene, Alltagsmaske) sei die Maskenpflicht die unwichtigste: „Ungeschützt anderthalb Meter Abstand halten bietet mehr Schutz als eine Maske. (…) Wir sollten mehr Vernunft walten lassen. Haltet Abstand und wenn das nicht geht, setzt eine Maske auf. In Schweden ist es so geregelt worden, und dort hat es funktioniert.“ 

Eine sehr aufschlussreiche Darstellung eines in Stockholm tätigen Arztes über die Situation in Schweden und die Frage der Herdenimmunität findet sich bei heise.de (23. September).

Schon seit einiger Zeit fällt die differenzierte Berichterstattung bei der „Neuen Zürcher Zeitung“ auf. Einen bemerkenswerten Kommentar hat der Berlin-Korrespondent dieser Schweizer Tageszeitung, Alexander Kissler, am 25. September unter der Überschrift „Aus Bürgern dürfen keine Hilfssheriffs werden“ abgegeben: „Von Angst getrieben sind die immer neuen Szenarien eines pandemisch zugespitzten Winters, von einem Angstfuror getragen sind die wahrlich einschneidenden Neudefinitionen des öffentlichen Raumes. Privat soll künftig nur derjenige Zustand sein, in dem die Maskenpflicht entfällt. So lautet die Summe aus den rapide zunehmenden Regeln und Empfehlungen für die ‚neue Normalität‘. Auf diese Weise entsteht schleichend nicht nur eine Angst-, sondern auch eine Kontrollgesellschaft. Je mehr Angst im Leben herrscht, desto mehr braucht es Kontrolle über dieses Leben. (…) Der „Geist des Denunziantentums“ ist aus der Flasche.“

Besonders bemerkenswert ist aber die „Great Barrington Declaration“, die anlässlich einer internationalen Konferenz von führenden Epidemiolog*innen, Wissenschaftler*innen im Bereich des öffentlichen Gesundheitswesens und Journalist*innen entstand, die auf Einladung des American Institute for Economic Research vom 1. bis 4. Oktober 2020 in Great Barrington (USA) zusammengekommen sind. Sie wurde (Stand 9.10.2020, 12:00 Uhr) von 5.443 Wissenschaftler*innen aus dem Gesundheitsbereich, 10.978 Ärzt*innen und 150.882 Personen aus dem öffentlichen Leben unterzeichnet. Darin wird festgestellt, dass die „derzeitige Abriegelungspolitik verheerende Auswirkungen auf die kurz- und langfristige öffentliche Gesundheit“ hat, was in den kommenden Jahren zu einer höheren Übersterblichkeit führen und vor allem die arbeitende Bevölkerung und junge Menschen treffen werde. Schüler*innen von der Schule fernzuhalten, sei „eine schwerwiegende Ungerechtigkeit“. Und weiter: „Diese Maßnahmen so lange aufrechtzuerhalten, bis ein Impfstoff zur Verfügung steht, wird irreparablen Schaden verursachen, wobei die Unterprivilegierten unverhältnismäßig stark geschädigt werden.“

Die Wissenschaftler*innen sprechen sich für einen „fokussierten Schutz“ aus, bei dem diejenigen mit minimalem Sterberisiko ein normales Leben führen können, während die am höchsten gefährdeten Menschen besser geschützt werden. Dazu gehört z. B. der Einsatz von Pflegepersonal mit bereits erworbener Immunität in Alten- und Pflegeheimen, häufige PCR-Tests bei Besucher*innen dieser Einrichtungen, bessere Belieferung von Alten und Kranken im häuslichen Umfeld und ähnliches mehr. Ansonsten könne das Leben weitergehen wie in Vor-Corona-Zeiten mit unbegrenzten kulturellen Aktivitäten, Sport, Musik, offenen Kindergärten, Schulen und Universitäten. Die Erklärung schließt mit dem Satz: „Menschen, die stärker gefährdet sind, können, wenn sie es wünschen, daran teilnehmen, während die Gesellschaft als Ganzes den Schutz genießt, der den Schwachen durch diejenigen gewährt wird, die Herdenimmunität aufgebaut haben.“

Und ein weiteres Mal ist es die Neue Zürcher Zeitung, die den Finger in die Wunde legt. Unter der Überschrift „In der Pandemie zeigt sich die moderne Angst vor der Freiheit“ fragt der Freiburger Philosoph Rudolf Brandner in einem Gastkommentar am 8. Oktober: „Wo bleibt der nachdenkliche, abwägende und gebildete Mensch, der nach seinem Gewissen Entscheidungen fällt?“ Zum modernen Freiheitsbegriff gehöre die Selbst- bzw. Eigenverantwortung: „Es ist Sache des Einzelnen, wie er sich ernährt, ob er raucht oder trinkt und womit er seine Freizeit verbringt.“ Mit Corona habe sich das grundlegend verändert: „Das staatliche Handeln greift via Infektionsschutz auf das eigenverantwortliche Handeln seiner Bürger über und maßt sich damit eine Schutzfunktion an, die einzig und allein in der Freiheit und Selbstverantwortung des Einzelnen liegt.“ Es seien weniger die harten wissenschaftlichen Daten gewesen als „ihre digitale Modellierung“, die „eine suggestive Wirkkraft auf die politisch Handelnden“ ausgeübt habe.

Es fehle an der „personal übernommenen Verantwortlichkeit des Handelns“ unter verstärktem technologischem Druck: „Wie schon in der Digitalisierung der Finanzwirtschaft mehrt sich auch in anderen Bereichen der Zug zur Entäußerung personalen Menschseins an digital kodierte Algorithmen. Diese lösen automatisierte Entscheidungs- und Handlungsketten aus, ohne dass unsere Entscheidungen – Nachdenken, Besinnung, Abwägen – als Störfaktoren dazwischentreten könnten. (...) Angesichts von Todesangst und Massenpanik lässt sich endlich wieder ungeniert frei von der Leber weg befehlen, was das Ohnmachtsgefühl demokratischer Entscheidungsprozesse und ihrer elenden Kompromisse kompensiert.“ Dies sei nur möglich, weil es auf eine „Unterwerfungslust der Massen“ treffe, „endlich wieder gesagt zu bekommen, wo’s lang geht. (...) Was sich die Menschen angesichts der Dramatisierung öffentlichen Lebens an absurden Regellungen, widersprüchlichen Verordnungen und puren Schikanen gefallen lassen, ist schon erstaunlich. Es ist die moderne Angst vor der Freiheit, die alle Selbstverantwortung von sich abwirft und auf anonyme Kollektive und Instanzen überträgt, in denen der nachdenkliche, besinnliche, abwägende und gebildete Mensch, der im Angesicht seines Wissens und Gewissens Entscheidungen fällt, fehlt. Wenn nur ein einziger politischer Entscheidungsträger den Mut zur evidenzbasierten Vernunft und selbstverantwortlichen Besinnung hätte und entsprechend alle Corona-Maßnahmen mit sofortiger Wirkung aufhöbe: dann wäre der ganze Spuk im Nu vorbei. Aber genau dafür möchte keiner die Verantwortung übernehmen; und für die Kollateralschäden der Maßnahmen gilt ja: Verantwortungsdiffusion. Wie bei Agatha Christie.“

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Die Universitäten wieder öffnen!

Offener Brief von inzwischen über 5.000 Dozent*innen

 

Mit 2.000 Unterschriften hat es begonnen, inzwischen sind es weit über 5.000: In einem Offenen Brief fordern Dozent*innen und Professor*innen deutscher Hochschulen eine Rückkehr zur Präsenzlehre. Auch wenn sich das Sommersemester 2020 ohne virtuelle Formate nicht hätte realisieren lassen, so sei die Universität doch ein „Ort der Begegnung“, entstehe „Wissen, Erkenntnis, Kritik und Innovation nur dank eines gemeinsam belebten sozialen Raumes“, für den virtuelle Formate „keinen vollgültigen Ersatz bieten“ könnten.

In einem Interview der ZEIT mit dem Initiator des Offenen Briefes, Prof. Dr. Roland Borgards, der an der Universität Frankfurt/Main Neuere Deutsche Literatur lehrt, sagte dieser: „Der Brief ist eine Vorsichtsmaßnahme. Wir sorgen uns, dass das Digitale künftig bevorzugt wird. (...) Die finanziell gut ausgestatteten Studierenden mit Bildungshintergrund kommen mit dem Digitalsemester bestens zurecht. Studierende aus sozial schwachen Verhältnissen oder mit Migrationshintergrund sind aber oft eingeschränkt und benachteiligt. Ich empfinde einfach große Sehnsucht, wieder mit allen im gleichen Raum sein zu können.“ 

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Die Politik zieht die Daumenschrauben an

Wird der Ausnahme- zum Dauerzustand?

 

Corona-Spezial Oktober 2020 – Gleichzeitig wird aber weiterhin Panik geschürt: Regierungssprecher Steffen Seibert warnte am 7. Oktober vor „sprunghaft ansteigenden Zahlen, insbesondere in Großstädten, auch in der Hauptstadt“, wodurch es „zu einer weiteren diffusen Ausbreitung des Virus kommen“ könne. Bundeskanzlerin Merkel sah schon Ende September  in ihrer Ansprache „Grund zur Beunruhigung“ (WELT, 29.9.2020) und kündigte eine Reihe von verschärfenden Maßnahmen an. Was Gabor Steingart, früher Chefredakteur beim „Handelsblatt“, jetzt Herausgeber von „ThePioneer“ in seinem „Morning-Briefing“ am 29. September zu einem bitterbösen Fazit veranlasste: „Bürgerproteste und die Mahnungen vieler Ökonomen vor beschleunigten Wohlstandsverlusten finden im Bundeskanzleramt derzeit kein Gehör. Beide Ohren der Angela Merkel gehören den Virologen. Links flüstert Professor Drosten, rechts souffliert das RKI.“

„Die Angst der Deutschen vor Corona-Infektion nimmt deutlich zu“ meldet die WELT am 1. Oktober folgerichtig und bezieht sich dabei auch auf Merkels Ansprache. Die Angst innerhalb der Bevölkerung, sich mit Corona zu infizieren, ist einer Umfrage von Infratest Dimap zufolge innerhalb eines Monats stark angestiegen: 36 Prozent machen sich darüber sehr große bis große Sorgen (Anstieg um 10 Prozent), bei 64 Prozent ist die Angst weniger groß oder klein (Abnahme um 9 Prozent). 53 Prozent befürchten Langzeitschäden, 45 Prozent stehen diesem Problem eher gelassen gegenüber. Eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung begrüßt die Maßnahmen der Regierung im Hinblick auf die Ausweitung der Maskenpflicht (63 Prozent gegenüber 34 Prozent, die das falsch finden) und einer Obergrenze für private Feiern (85 versus 13 Prozent). 78 Prozent der Befragten wünschen sich dabei ein bundesweit einheitliches Vorgehen. Alle Naslang werden neue Risikogebiete ausgerufen, was an der relativ willkürlich gesetzten Grenze von 50 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner liegt. Wird diese Zahl überschritten, gilt eine Region, eine Stadt oder ein Quartier als „Hotspot“.

Fragt sich nur, wie aussagekräftig dieser Grenzwert für die Lage tatsächlich ist. Er wurde im Mai zwischen Kanzleramt und den Bundesländern als „rote Linie“ ausgehandelt – um die Entwicklung angesichts der gerade beschlossenen Lockerungen nicht aus dem Auge zu verlieren. Ist dieser Wert aber auch heute wirklich geeignet, um das Geschehen ins richtige Fahrwasser zu steuern? Die oben im ersten Abschnitt geschilderten Meinungen der verschiedenen Expert*innen fließen da jedenfalls nicht mit ein. „Der starre Blick auf die Neuinfektionen“, so schreibt n-tv am 7. Oktober, „scheinen keine besonders gute Orientierung auf dem Weg durch die Corona-Krise zu sein.“ Es werde weder die Altersstruktur berücksichtigt noch die Infrastruktur einer Region noch werde der aktuelle Stand der Wissenschaft einbezogen.

Nichtsdestotrotz ist die Mehrheit der Bundesländer inzwischen dazu übergegangen, Menschen, die aus solchen „Risikogebieten“ kommen, die Übernachtung in Hotels und Ferienwohnungen zu verweigern, es sei denn, sie können einen negativen Corona-Test vorweisen, der nicht älter als 48 Stunden sein darf (ausgenommen Familienbesuche und Pendelverkehr). Niedersachsen hat angekündigt, eine entsprechende Verordnung auf den Weg zu bringen. Nur Nordrhein-Westfalen, Bremen, Berlin, Mecklenburg-Vorpommer und Thüringen machen (noch) nicht mit.

Nur Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow bezeichnete diese Maßnahme im ZDF am 7. Oktober als „Unsinn“, die Lage in den Bundesländern sei zu unterschiedlich. In ganz Thüringen gebe nicht einmal 4.500 Infizierte, nur sehr wenige von ihnen seien schwer erkrankt: „Ich beteilige mich nicht an politischen Entscheidungen, die einer rechtsstaatlichen Prüfung nicht mehr standhalten.“

Kanzleramtsminister Helge Braun sieht Deutschland „an der Schwelle einer zweiten Welle“ (WELT Live-Ticker, 8.10.2020, 09:29 Uhr), und die Leiterin der Abteilung Infektiologie des Uniklinikums Gießen, Susanne Herold, warnt vor „neuen Engpässen in deutschen Krankenhäusern“ (ebenda, 10:21 Uhr). Wieder ist die Rede davon, dass planbare Operationen verschoben werden müssen, wieder sollen „Räume für neue Patienten geschaffen“ werden. Die Basis für all diese Aussagen sind aber nicht etwa volle Intensivstationen, sondern einzig und allein die positiven Tests, die weiter angestiegen sind.

Und RKI-Chef Lothar Wieler sagt es noch drastischer: „Es ist möglich, dass wir 10.000 neue Fälle pro Tag sehen“, verkündete er am 8. Oktober in der Bundespressekonferenz (WELT, 8.10.2020) und übertraf damit noch die von Bundeskanzlerin Merkel für die Weihnachtszeit prognostizierten 19.200 Neuinfektionen pro Tag, was Olaf Gersemann, Ressortleiter Wirtschaft, Finanzen, Immobilien der WELT, zur Schlagzeile veranlasste: „Die Corona-Realität ist jetzt schon schlimmer als Merkels 19.200-Szenario“ (Bezahlschranke).

Kein Wunder, dass die Berliner Gesundheitssenatorin am 7. Oktober verschärfte Corona-Regeln für die Hauptstadt einführte. Ab sofort bis mindestens 31. Oktober gilt jetzt eine Sperrstunde zwischen 23 und 6 Uhr für Gastronomie und Kioske, und im Freien dürfen sich maximal fünf Menschen treffen. Wer sich nicht daran hält, wird mit empfindlichen Strafen bis zu 10.000 Euro belegt.

Baden-Württemberg zündete Stufe 2 eines dreistufigen Alarmsystems, die eintritt, wenn die landesweite 7-Tage-Inzidenz von nur 10 Fällen pro 100.000 überschritten wird oder sich die landesweiten Fallzahlen innerhalb von zwei Wochen verdoppeln, wie die Badische Zeitung am 6. Oktober berichtet. Am 5. Oktober lag die Sieben-Tage-Inzidenz bei 16,4.

In Hamburg wurden ebenfalls am 7. Oktober schärfere Kontrollen und weitere Maßnahmen angekündigt, wenn die 7-Tage-Inzidenz an drei aufeinanderfolgenden Tagen den Wert von 35 überschreite, wie es in einer Pressemitteilung der Hamburger Sozialbehörde vom 8. Oktober heißt. Konkret sollen dann folgende Maßnahmen greifen:

  • Maskenpflicht für alle Personen in Gastronomie und Einzelhandel, auch für das Personal (das bisher nicht dazu gezwungen war).
  • Maskenpflicht bei allen Veranstaltungen in geschlossenen Räumen und in Gebäuden mit Publikumsverkehr.
  • Maskenpflicht an besonderen öffentlichen Plätzen, wo es regelhaft zu größeren Ansammlungen und Enge kommt.
  • Verbot von Gesichtsvisieren als ausreichende Mund-Nasen-Bedeckung; diese sind nur noch ausnahmsweise zulässig, wenn besondere Gründe vorliegen (z. B. bei Menschen mit Behinderungen).
  • Werden die Auflagen in der Gastronomie zu Maskenpflicht und Abstand nicht eingehalten, wird der Senat ein generelles Verbot von Stehplätzen in der Gastronomie einführen.

Wie so oft schießt aber Bayern den Vogel ab, wenn es darum geht, die Anordnungen durchzusetzen. Im morgendlichen Newsletter "Tagesanbruch" von t-online.de beschreibt der stellvertretende Chefredakteur Florian Wichert am 9. Oktober, wie vorbildlich der Freistaat die steigenden Fallzahlen bekämpft: „Mit strenger Maskenpflicht, zum Teil auch auf öffentlichen Plätzen, mit Bußgeldern, patrouillierenden Polizisten, Kontrollen und Alkoholverbot. Selbst ein Polizeihubschrauber kam über der Isarvorstadt zum Einsatz. Sogenannte USK-Einheiten, also Spezialkräfte der bayerischen Polizei mit Sonderaufgaben (Unterstützungskommando) in Vollmontur und Mannschaftsstärke räumten die Party-Hotspots am Baldeplatz an der Isar und am Gärtnerplatz. Auch wenn es Ärger mit Umweltschützern gibt und der Kampf gegen das Virus auch in München seine Tücken hat – zumindest genießt er Priorität." 

Schon am 23. September hatte SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach eine bundesweite Maskenpflicht auf öffentlichen Plätzen gefordert, wie aerzteblatt.de berichtet. Lautes Sprechen erhöhe das Risiko für eine Ansteckung auch im Freien, so Lauterbach, der für den Winter mit einer zweiten Infektionswelle rechnet. Italien hat am 7. Oktober eine landesweite Maskenpflicht im Freien beschlossen, nur wenn man weit und breit alleine sei sowie beim Sport und in privaten Räumen kann die Maske abgelegt werden. Ausgenommen sind Kinder unter sechs Jahren und Menschen, die an einer Krankheit leiden, die sich mit dem Tragen einer Maske nicht vereinbaren lässt.

Und auch der Deutsche Bundestag bildet keine Ausnahme mehr: Aus der Empfehlung, im Gebäude Maske zu tragen, ist auf Anordnung von Parlamentspräsident Schäuble bis mindestens 17. Januar 2021 eine Pflicht geworden, wie die Tagesschau am 5. Oktober berichtet. Nur am Platz oder für einen Redebeitrag darf die Maske abgelegt werden. Viele Firmen und Institutionen haben jetzt auch im Büro eine Maskenpflicht angeordnet. 

Masken, Masken also allerorten. Angesichts dessen, dass die Schutzwirkung der Masken wissenschaftlich weiterhin in Frage steht, erscheinen diese Maßnahmen in ihrer Effizienz zumindest fragwürdig. Den wichtigsten und gänzlich nüchtern-sachlichen Beitrag zu diesem Thema lieferte die Passauer Fachärztin für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie und Leiterin der Klinikhygiene am Klinikum Passau, Prof. Dr. Ines Kappstein, die auch Fachärztin für Hygiene und Umweltmedizin ist, in der Zeitschrift Krankenhaushygiene up to date unter der Überschrift „Mund-Nasen-Schutz in der Öffentlichkeit: Keine Hinweise für eine Wirksamkeit“. Ihr Fazit:

„Bei Auswertung der vom RKI für dessen ‚Neubewertung‘ von Masken im öffentlichen Raum angeführten Publikationen zeigt sich, dass es keine wissenschaftliche Grundlage gibt, mit der der Gebrauch von Masken (gleich welcher Art) in der Öffentlichkeit bei nahezu der gesamten Bevölkerung von Deutschland (abzüglich der Kinder bis 6 Jahre ca. 80 Millionen Menschen) gerechtfertigt werden kann, und aktuelle Untersuchungen zeigen das Gleiche. Im Gegenteil kann eine Maskenpflicht für viele Millionen Menschen im öffentlichen Raum sogar zu einem Infektionsrisiko werden, weil die erforderliche Händehygiene nicht eingehalten werden kann. (...) Bei der Übertragung respiratorischer (über die Atemwege eindringende, d. Red.) Viren spielt ein enger (unter 1 m) Face-to-Face-Kontakt die entscheidende Rolle, der zudem mindestens über eine gewisse Zeit (über 15 Minuten) bestehen muss, damit sich ein Übertragungsrisiko überhaupt verwirklichen kann. Abstand halten bei Gesprächen schützt vor direkten Erregerkontakten und macht das Tragen von Masken überflüssig.“

Bisher wurde diese sehr ausführliche und genaue Analyse dieser Expertin noch in keinem großen Medium gewürdigt, ebenso wenig ihre sehr ausführliche (ca. einstündige) auf YouTube eingestellte Erläuterung der vom RKI als Beleg benannten und von ihr unter die Lupe genommenen Studien.

Dass aus dem Ausnahmezustand womöglich ein Dauerzustand werden könnte, legen Äußerungen von Christian Drosten in einem Interview mit ZEIT online am 6. Oktober nahe. Auf die Frage, ob sich die Strategie zu sehr auf einen Impfstoff stütze, der ja noch einige Zeit auf sich warten lassen wird und dessen Wirksamkeit von Expert*innen höchst unterschiedlich eingeschätzt wird, antwortet Drosten: „Sie stützt sich darauf, aber mehr auch nicht. Sie hängt nicht davon ab. Auch wenn wir sehen würden, dass aus einem völlig unerfindlichen Grund die Entwicklung eines Impfstoffs nicht gelingt, würde man auf Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen setzen. Das Virus würde andernfalls wieder harte Gegenmaßnahmen erzwingen, einfach weil es nicht tragbar ist, in einer Gesellschaft mit unserem Altersprofil diese Krankheit durchlaufen zu lassen. Die vergangenen und derzeitigen Maßnahmen stehen daher nicht infrage.“

Andreas Rosenfelder, Ressortleiter Feuilleton bei der Tageszeitung DIE WELT hat das zu einem drastischen Kommentar veranlasst (Newsletter aus dem Newsroom der WELT vom 7. Oktober). Drosten gebe hier „keine wissenschaftlichen Erkenntnisse durch“, sondern formuliere „eine coronapolitische Ethik“„Elementarste Rechte dürfen nicht nur, sie müssen sogar auf Dauer ausgesetzt werden, wenn es eine virologische Bedrohung gibt – sei es durch Corona, sei es, wie man schlussfolgern darf, durch jedes andere Virus mit ähnlicher Mortalität und Infektiosität. Das ist eine ehrliche Aussage. Ein weitgehend freies, möglichst ungestörtes Leben mit dem Virus, wie Schweden es anstrebt, ist ‚nicht tragbar‘ – ein dauerhaftes Leben in einer kontaktbeschränkten, verängstigten, unfreien Gesellschaft hingegen schon, mit allen fatalen Folgen für Kinder und Familien, Selbständige und Künstler, Jugendliche und Einsame. Die Grundrechte einer offenen Gesellschaft – sie gelten demnach nur bedingt, im konkreten Fall: in Abhängigkeit vom Erfolg einer Impfung gegen das Corona-Virus. Über diese düstere Botschaft sollte man sogar dann nachdenken, wenn man Drostens Optimismus im Hinblick auf die Impfung teilt und nicht den Pessimismus seines Kollegen Hendrik Streeck. Wie lang soll das alles so weitergehen? Drosten hat diese Frage für sich beantwortet: Im Zweifel für immer. Es ist höchste Zeit, dass auch die deutsche Politik sich traut, den Bürgern ihre Antwort auf diese existenzielle Frage mitzuteilen.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

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ZEIT-Dossier aus dem Krankenhaus Havelhöhe

Der Verlauf von COVID-19 am Beispiel einer Patientin

 

Schon im März hatte sich die Redaktion des ZEIT-Dossiers darum bemüht, ein Krankenhaus zu finden, um zu dokumentieren, wie man dort mit COVID-19-Erkrankungen umgeht. Mehrere Kliniken waren nicht bereit, sich dabei beobachten zu lassen. Das anthroposophische Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe in Berlin dagegen hatte keine Berührungsängste. „Wir haben nichts zu verbergen, die Reporter sind willkommen“, hieß es von dort. Und so verbrachten eine Redakteurin und ein Redakteur des ZEIT-Dossiers mehrere Wochen in Havelhöhe. Jetzt ist ihre berührende Reportage über den Verlauf von COVID-19 bei einer Patientin und all das, was die Mitarbeiter*innen im Krankenhaus dabei lernten, unter der Überschrift „Während sie schläft“ erschienen.

Hinweis: Der Artikel liegt hinter der Bezahlschranke, aber vier Wochen lang kann man einen kostenlosen Probe-Zugang erhalten.

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Die wahren Leidtragenden

Es drohen gewaltige Hungersnöte

 

Corona-Spezial Oktober 2020 – Die eigentliche Bedrohung spielt sich jedoch ganz woanders ab, wenn man sich die Situation in anderen Ländern der Welt betrachtet, vor allem in Ländern mit großer Armut. Wegen der Corona-Krise werden nach Einschätzung der Weltbank noch in diesem Jahr bis zu 115 Millionen Menschen in extreme Armut stürzen, berichtet aerzteblatt.de am 8. Oktober anlässlich der Veröffentlichung des neuen Weltarmutsberichtes der Weltbank, der am 7. Oktober in Washington veröffentlicht wurde. Seit 1990 war die Zahl der Armen von 1,9 Milliarden Menschen um fast zwei Drittel gesunken, trotz eines Anstiegs der Weltbevölkerung um 2,2 Milliarden Menschen. Die Armutsrate ist damit von 36 auf 9 Prozent gefallen.

Durch die Auswirkungen der Corona-Maßnahmen wird sich der Trend jetzt jedoch drastisch ins Gegenteil verkehren. „Wir erleben eine globale Rezession von historischem Ausmaß“, sagte der Präsident der Weltbank, David Malpass. „Die menschlichen Kosten von Covid-19 sind immens. Die Pandemie und die globale Rezession könnten dafür sorgen, dass 1,4 Prozent der Weltbevölkerung in extreme Armut fallen.“ Das heißt, sie müssen von weniger als 1,90 US-Dollar täglich leben. Konkret bedeutet das, dass Ende 2020 zwischen 60 und 87 Millionen mehr Menschen zu dieser Gruppe gehören werden als noch 2019, wie die WELT berichtet.

Um das Schlimmste abzuwenden, hat Entwicklungsminister Müller (CSU) ein 3 Milliarden-Euro-Corona-Sofortprogramm aufgelegt. Es soll die Ernährung der Ärmsten der Armen sichern, die Menschen in Flucht- und Krisenregionen unterstützen, die Gesundheitssysteme stärken sowie Jobs und Unternehmen sichern, insbesondere in Indien, Bangladesh, Jordanien, Tunesien und Malawi. Fast die Hälfte der extrem armen Menschen lebt jedoch in Afrika: Nigeria, Kongo, Tansania, Äthiopien und Madagaskar.

Dass aber auch gerade die Ärmsten der Armen in Europa besonders von Corona betroffen sind, zeigt eine Studie der Ärzte ohne Grenzen aus Frankreich. Sie hat die Situation von 818 Menschen erfasst, die zwischen dem 23. Juni und 2. Juli an 14 Orten in der französischen Ile-de-France (der ist die Gegend rund um Paris) in überfüllten Notunterkünften und Arbeiterwohnheimen lebten und von „Médecins sans Frontières“ medizinisch betreut wurden. „Die Ergebnisse bestätigen, dass sich das Virus besonders aktiv ausbreitet, wenn sich mehrere Personen ein Zimmer, eine Dusche und eine Küche teilen müssen“, sagt Thomas Roederer, der die Studie leitete.

Wir werden diese Situation im nächsten Magazin von GESUNDHEIT AKTIV (erscheint Anfang November) noch genauer beleuchten. Am besten bestellen Sie das Magazin jetzt schon vor per E-Mail an magazin(at)gesundheit-aktiv.de 

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Mehr Mut!

Das Manifest von GESUNDHEIT AKTV

Es wird höchste Zeit, die immer noch grassierende Angst vor der Pandemie und ihren Folgen zu überwinden. Weil sie uns unfrei macht. Weil sie unseren Blick einengt und auf einen Impfstoff oder Medikamente als alleinige Mittel orientiert, um zu einem normalen Leben zurückkehren zu können. Weil sie die Unsicherheit der Menschen verstärkt und zu Scheinlösungen verleitet, die unter Umständen schlimmere Zustände bewirken können als die Krise selbst.

GESUNDHEIT AKTIV hat deshalb ein Manifest aufgesetzt, das die Eigenverantwortung stärken und den Menschen in den Mittelpunkt stellen will. Es fordert, die verkrusteten Strukturen des Gesundheitswesens aufzubrechen, die Bürger*innen an dessen Neugestaltung zu beteiligen, das ganze Spektrum der Medizin zu nutzen und sich auf die eigenen Ressourcen zu besinnen. Rund 1.500 Menschen haben sich bisher angeschlossen.

Helfen Sie mit, diese Forderungen bekanntzumachen und durchzusetzen! Unterzeichnen Sie das Manifest!

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Lesenswert

Lektüre für Herz, Geist und Sinne

 

Corona-Spezial Oktober 2020 – Die Nächte werden länger, die Tage kälter – Zeit für erbauliche Literatur, nicht nur, aber auch rund um die Corona-Krise:

Unsere Welt nach der Pandemie
Eines ist klar: Nach dieser Krise wird die Welt eine andere sein. Und wir sind Zeugen und Mitgestalter*innen dieser umwälzenden Veränderungen. In diesem Buch haben sich insgesamt 32 renommierte Wissenschaftler*innen der Frage angenommen, wie das Leben nach Corona aussehen könnte – in Familie, Arbeit, Schule, Wirtschaft, Politik, Kultur und Wissenschaft. Spannend!

Zu diesem Buch gibt es auch ein Blog.

Bernd Kortmann/Günther G. Schulze (Hrsg.): Jenseits von Corona. Unsere Welt nach der Pandemie – Perspektiven aus der Wissenschaft. Transcript Verlag, 320 Seiten, 22,50 Euro

 

Irrtum oder Chance?
Noch ein Buch, das sich der Frage annimmt, welche Auswirkungen Corona auf unser künftiges Leben haben wird und wie sich das vor dem Hintergrund bereits überstandener Pandemien in der Menschheitsgeschichte darstellt. Es ist ein Buch, das nicht nur zum Nachdenken anregt, sondern auch auffordert, den Wandel mitzugestalten und die Chancen zu nutzen, die sich gerade jetzt bieten. Corona als Türöffner – mal ein anderer Blick auf die Krise.

Christian Knittl: Corona – großer Irrtum, große Chance. Von den Pandemien der Vergangenheit über Corona zu einem gesunden Wandel der Gesellschaft. Verlag tredition, 240 Seiten, 16,90 Euro

 

Perspektiven und Initiativen
Justus Wittich, Vorstand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und deren Schatzmeister, sowie Ueli Hurter, Landwirt und Co-Leiter der Sektion für Landwirtschaft am Goetheanum, haben sich als Herausgeber die Aufgabe gesetzt, Beiträge zur Einschätzung der Corona-Krise aus dem Spektrum der Anthroposophie zusammenzutragen. Und so ist dieses Buch eine ebenso abwechslungsreiche wie tiefschürfende Betrachtung aus der Sicht der Anthroposophie auf eine der wichtigsten Krisen unserer Zeit. Es entstand während der Schließung des Goetheanums in einer intensiven gemeinsamen Klausurarbeit. Es gehe nicht darum, so schreiben Hurter und Wittich im Vorwort, „Lösungen für die Corona-Krise“ zu entwickeln. Wohl aber zeige sich in den Beiträgen „der Versuch eines inneren wie äußeren Erkenntnisweges, bei dem die verschiedenen fachlichen Blicke auf das Covid-19-Problem die Gefährdungen, aber auch Richtungen einer notwendigen Bewusstseins- und Lebensstil-Änderung aufzeigen, um zukünftigen Pandemien und ihrer medizinischen wie sozialen und politischen Folgen entgegenzuwirken.“

Justus Wittich, Ueli Hurter (Hrsg.): Perspektiven und Initiativen zur Coronazeit. Verlag am Goetheanum, 240 Seiten, 10 Euro

 

Balsam für die Seele
Viele Menschen belastet die Corona-Krise psychisch in hohem Maße. Für alle, die ihrer Seele etwas Gutes tun wollen, sei dieses Buch empfohlen. Geschrieben hat es Manfred Lütz, Psychiater und Theologe in Köln und ebenso bekannt für seine hohe fachliche Kompetenz wie für sein loses rheinisches Mundwerk, seine Empathie, seinen Verstand und sein großes Herz. Lütz hat im Januar 2020 den bekannten Psychiater und Psychoanalytiker Otto Kernberg über sein Leben ausgefragt. Kernberg, geb. 1928, musste sein Heimatland Österreich 1939 aufgrund seiner jüdischen Herkunft verlassen und emigrierte zuerst nach Chile, seit 1961 lebt er in New York. Was sich in diesem Buch entfaltet, ist nicht nur das faszinierende Kaleidoskop eines Menschenlebens, sondern vor allem auch ein wunderbares Zwiegespräch zwischen zwei klugen Menschen. Dass es nie abgehoben wird, liegt an den beiden Männern selbst. Lütz schreibt dazu in seinem Vorwort: „Da das deutsche Publikum von einem anständigen Buch immer ein gewisses Maß an Unverständlichkeit erwartet, könnte hier ein Problem auftreten. Denn ich habe Otto Kernberg immer wieder gebeten, für einen gebildeten Metzger verständlich zu reden, und das hat er dann tatsächlich getan. Wer so etwas niveaulos findet und sich nach Fremdwörtern und Zitaten sehnt, dem seien die zahlreichen Fachbücher empfohlen, die Otto Kernberg publiziert (veröffentlicht) hat. Allerdings entgeht ihm dann vielleicht doch das Wesentliche, denn das Wesentliche ist letztlich einfach, und es ist meine feste Überzeugung, dass all das, was ein Metzger nicht versteht, nicht wichtig ist im Leben. Natürlich braucht man eine Fachsprache, um Fachdiskussionen zu führen, aber was an einer solchen Diskussion am Ende relevant ist, das muss man auch in normalem Deutsch sagen können. Tatsächlich ist es oft intellektuell viel herausfordernder, das Wesentliche einfach und verständlich zu sagen, als mit wohlbekannten Fremdwörtern um sich zu werfen. Und wenn Otto Kernberg tiefe Weisheiten einfach und allgemeinverständlich von sich gab, dann leuchteten seine Augen besonders hell auf, dann war er ganz bei sich und ganz bei den Menschen, denen er etwas sagen will. Dann war er bei Ihnen, liebe Leserinnen und Leser.“ Mehr braucht es kaum als Seelennahrung.

Manfred Lütz: Was hilft Psychotherapie, Herr Kernberg? Erfahrungen eines berühmten Psychotherapeuten. Herder Verlag, 192 Seiten, 20 Euro

 

Wärme nicht nur für den Bauch
Die Kochbücher des Briten Nigel Slater sind keineswegs nur eine Ansammlung von Rezepten, sondern vielmehr eine sprachgewaltige Fundgrube für Lebensweisheiten und Sinnlichkeit, Augenöffner für die ganz simple Kunst der guten Ernährung. Und deshalb sind sie gerade in Corona-Zeiten eigentlich eine Pflichtlektüre. Zumal es jetzt zwei Bücher von Nigel Slater gibt, die einen übers ganze Jahr begleiten: in Frühling und Sommer, in Herbst und Winter. Noch dazu mit lauter vegetarischen Rezepten, denn die sind für das Immunsystem ohnehin gesünder als fleischreiche Kost. Greenfeast, das heißt so viel wie „grünes Gelage“. Und so geht es auch zu – üppig, lukullisch, sinnlich. Slaters Anforderungen an die Qualität der Zutaten sind ebenso hoch wie seine Rezepte einfach und für jedermann und jedefrau leicht zuzubereiten. Ganz abgesehen davon, dass der Verlag ihnen eine wunderschöne Aufmachung spendiert hat. Also ran an die Buletten, pardon: Bratlinge!

Nigel Slater: Greenfeast Frühling/Sommer (auch in der kälteren Jahreszeit anwendbar) und Greenfeast Herbst/Winter (auch in der wärmeren Jahrezeit machbar), Dumont Verlag, 336 und 320 Seiten, jeweils 28 Euro

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Viel Lärm um (noch) nichts

Die verzwickte Suche nach dem Impfstoff

 

Die Kanzlerin spendiert der internationalen Impfstoff-Allianz Gavi satte 600 Millionen Euro und die Bundesregierung hat sich mit 300 Millionen Euro in das Start-up-Unternehmen CureVac eingekauft – mit Steuergeld. Das mag man werten, wie man will – es geschah vermutlich aus der Sorge heraus, sich mit dieser Beteiligung das Recht zu erkaufen, bevorzugt mit einem möglichen Impfstoff beliefert zu werden und den Avancen des amerikanischen Präsidenten eine Abfuhr zu erteilen. Eine europäische Allianz, an der sich auch Deutschland beteiligt, steht unabhängig davon in Kontakt mit mehreren Pharmaunternehmen, wie das Handelsblatt berichtet.

Fakt ist, dass das Rennen um einen Impfstoff gegen SARS-CoV-2 weiterhin offen und vor allem vom Ausgang her ungewiss ist. Das zeigt ein Interview der Tagesschau mit dem Virologen Prof. Dr. Oliver Keppler, Vorstand des Max von Pettenkofer-Instituts an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sein Resumée: „Die Hoffnung, auf einen ‚Super-Impfstoff‘“, der ebenso wirksam wie nebenwirkungsfrei ist, sei „völlig überzogen“. Es könnte auch sein, „dass wir ihn nie haben werden.“

Das bestätigt auch ein Bericht von „Spektrum der Wissenschaft“. Darin heißt es, frühestens Anfang 2021 sei mit einem Impfstoff zu rechnen, aber das sei „noch atemberaubend schnell im Vergleich zu klassischen Impfstoffen“. Normalerweise hätte „eine solche Entwicklung 15 bis 20 Jahre“ gedauert. Darin wird u. a. der australische Immunologe Ian Frazer zitiert: „Wir müssen erkennen, dass es nicht immer möglich ist, einen Impfstoff zu bekommen, nur weil wir einen wollen.“ Die Weltgesundheitsorganisation WHO verzeichnet zurzeit 133 Projekte zu dieser Impfstoffsuche, weitere 14 sind noch in der Pipeline. Die Abkürzungen bei der Zulassung seien „umstritten und aus der Not heraus entstanden“.

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Große Resonanz

Reaktionen auf den September-Corona-Kompass

 

Corona-Spezial Oktober 2020 – Auf den vorigen Corona-Kompass und ebenso auf den Sondernewsletter von GESUNDHEIT AKTIV anlässlich der Stellungnahme des Netzwerks evidenzbasierte Medizin (EbM) haben uns viele Leser*innenbriefe erreicht – zustimmende ebenso wie kritische. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken, spiegelt dieses Echo doch, dass es richtig war, diese Fragen in den Diskurs mit einzubringen, der weder in der Gesellschaft noch in den Medien wirklich geführt wird. Gerade darüber müssen wir aber miteinander ins Gespräch kommen – wertschätzend, freilassend, tolerant. Deshalb zeigen wir hier auszugsweise einige Stellungnahmen und ebenso einen Teil unserer Erwiderungen.


Ich stehe nicht zu diesem EbM Bericht. Das wissen wir schon die ganze Zeit, das ältere und Vorbelastete am meisten sterben. Das ist keine neue Nachricht. Ich bin alt (77), vorbelastet, berufstätig, sehr aktiv, sehr geliebt von meinen Enkelkindern, und ich möchte erhalten bleiben bis ich, wie alle meine Vorfahren, über 90 bin. Mein Mann genauso, und er ist 84. Er spielte bis vor kurzem Fußball in einer Mannschaft. Bisher hat man uns mit den Corona-Regelungen geachtet.

Wenn man Vorsichtsmaßnahmen abschafft, können alle in andere Länder fahren und die Krankheit mitbringen. Nur Deutschland hat es so gut. (…) Ich hoffe, dass Lockerungen bald möglich sind, aber jetzt nicht.

M.R.


Sie mögen Recht haben, was die Gefahr für den Rechtsstaat angeht, allerdings muss man wohl bedenken, dass die Exekutive dafür Sorge tragen muss, dass die Bürger nicht in Gefahr gebracht werden. 

Die Organisatoren der Demo in Berlin waren wohl mehr als naiv zu denken, dass viele mitmachen würden, die ganz andere Interessen verfolgen als die Organisatoren. Ich vermisse sehr Ideen bzgl. der intensiven Tierhaltung und die Gefahr, die daraus resultiert. Eine Demo gegen die Praktiken in der Tierhaltung erscheint mir viel sinnvoller als etwaige Demos gegen Masken. 

J.A.


Euer Newsletter und Eure Arbeit sind so außerordentlich gut, dass ich in den letzten Jahren ein echter "Fan" geworden bin, alles aufmerksam lese und eure Aktionen verfolge. (…) Aber den einen Satz nehme ich jetzt schwer übel, da ich hierzu (anscheinend) bessere Kenntnis habe als Ihr: „Die meisten von ihnen (den Demonstranten) haben allerdings nicht bedacht, dass sie ungebetene Gäste von rechts an ihrer Seite hatten. Sie haben wohl auch die Organisatoren der Demonstration nicht kritisch genug hinterfragt und in Kauf genommen, mit Neonazis identifiziert zu werden. Das Ganze ist nun so eskaliert, dass sich mittlerweile zwei Lager scheinbar unversöhnlich gegenüberstehen.“ Überall dieselben Lügen, Unkenntnisse, Verzerrungen, Verleumdungen, ja Propaganda – ich kann es nicht mehr hören und lesen. (…)

Ich war am 29. August den ganzen Tag dabei, ich habe all die wunderbaren Menschen gesehen, Hunderttausende (ja, waren es, wenn nicht über 1 Million, ich kenne die ganz genauen Zahlen noch nicht) in Meditation und Gebet, über uns zeitweise eine Halo der Sonne, das große Gandhi-Bild mitten unter uns, alle Bühnenredner von hoher Qualität und in sorgsamster Weise ausgewählt aus Bereichen wie Medizin, Politik, Kirche, Sport, Philosophie usw. Ich habe die unglaubliche Gewalt und die Rechtsbrüche der Polizei erlebt, habe die angemeldete und erlaubte (!) Demo (vor der Kundgebung) an der Friedrichstraße miterlebt, die auf geradezu faschistische Weise hintertrieben wurde (erst Menschenmassen zusammendrücken durch Einkesseln, Sperren aller Querstraßen, Verhindern des Losgehens – und dann wegen Abstandsmangel auflösen nach vielen Stunden), dort auch die unglaubliche, fast stoische Geduld und Friedfertigkeit der Menschen bewundert, habe viele Gespräche mit fremden Menschen dort geführt. (…) Da ist NICHTS, aber auch gar nichts „rechts“! Und die Menschen, die zur Demo und zur Kundgebung an diesem Tag gegangen sind, ebenso wie am 1. August schon, wussten GANZ GENAU, mit wem sie gehen, warum sie gehen und wer die Organisatoren sind, bis hin zu persönlicher Bekanntschaft und Freundschaft. Es ist eine herabwürdigende Aussage in euerm Text, ihnen diese Kenntnis „einfach mal so aus der Luft heraus“ abzusprechen. Woher wollt ihr das überhaupt wissen, was diese Menschen wissen oder nicht wissen?(…)

Mir blutet das Herz (ja, ich bin hier theatralisch), wenn ich sehe und täglich erlebe, was geschieht. Wie die Besten einknicken, die Kirchen schweigen, die Anthroposophen sich winden oder sogar selbst zu Verleumdern werden und überwiegend KEINE Ahnung haben. Sie werden gerade von anderem Denken und Handeln überholt, zumindest, was Menschlichkeit, Wahrhaftigkeit und Friedfertigkeit betrifft … Dessen bin ich mir sicher!

Ich bin Zeugin für eine andere Wahrheit, was den 29.8. betrifft und für vieles mehr, was ich erlebte und erlebe an Gewalt, Ignoranz und Diktatur. DAFÜR bin ich 89 in Leipzig nicht auf die Straße gegangen. Es wurde eben zu viel versäumt seitdem, das holt uns nun alle ein … Dabei gibt es z.B. einen Verfassungsentwurf des Runden Tisches, der bis heute niemanden interessiert und der immer noch hundertmal moderner und besser ist als das Grundgesetz.

A.H.

Antwort von Stefan Schmidt-Troschke:

Vielen Dank für die Kritik. Solche Reaktionen brauchen wir! Auch hier im Team gab es sehr unterschiedliche Sichtweisen auf das Geschehen: Im Ansatz so heterogen, wie wir das kennen aus den Medien bzw. den alternativen Medien. Die Antworten auf unseren Kompass waren genauso heterogen. Auch die andere Seite hat sich empört, ein Mitglied ist ausgetreten, viele ältere Mitglieder haben uns gesagt, dass sie uns nicht mehr verstehen, weil auch wir uns zu wenig abgegrenzt hätten …

Wer sagt, dass keiner von uns auf der Demo war? Ich mindestens war dort und habe einen Kollegen getroffen, der demonstriert hat. Selber konnte ich mich nicht wirklich identifizieren mit vielen der Aktiven: Weder mit Robert Kennedy, dessen extreme Auffassungen zum Impfen ich nicht teile, noch mit Stephan Bergmann, dessen völkische Aktivitäten ich verfolgt hatte und den man sich nicht zu blöd war, auch noch zum Pressesprecher zu machen. Ich war nicht schlecht erstaunt, mit meinem Fahrrad plötzlich inmitten einer ca. 100 Menschen starken Gruppe mit Reichsflaggen unterwegs zu sein, die sich auf er Straße des 17. Juni in Richtung Brandenburger Tor bewegten. Sehr friedlich, ja, aber doch ausgesprochen verstörend. Daneben trommelnde Menschen, teilweise singend, teilweise irgendwie wie in Trance wirkend, andererseits aber auch sehr vernünftig erscheinende Menschen. Warum brauchen wir JETZT auf einmal eine neue Verfassung? Warum wird alles plötzlich in Frage gestellt auf die Gefahr hin, dass sich ganz andere Kräfte einmischen? (…)

Mich befremden vereinseitigende und nicht gut substanziierte Aussagen zur Polizei oder einer angeblich eingefädelten Aktion vor dem Reichstag genauso. Warum werden auch noch diese AfDler vor dem Reichstag in Schutz genommen? Da rate ich zur Vorsicht, und ich fand es in gewisser Weise verwerflich, dass „Querdenken“ sich nicht viel, viel deutlicher abgegrenzt hat im Vorfeld. Naivität kann hier sehr schaden.

Ich habe nicht in Leipzig gestanden. Aber ich bedaure außerordentlich, dass Deutschland die historische Chance zur gemeinsamen Erarbeitung einer Verfassung 1989 verpasst hat. Das rächt sich, nicht erst jetzt. Aber ich bin nicht der Meinung, dass wir jetzt eine Verfassungsdiskussion brauchen. Denn unsere Verfassung ist ausdrücklich NICHT das Problem.


Ich bin wirklich extrem bestürzt darüber, wie lässig und wenig abgrenzend Ihr mit dem Fakt umgeht, dass man in Berlin bei Demonstrationen gegen Corona-Maßnahmen gemeinsam mit Nazis auf die Straße gegangen ist! 

Ihr beklagt einen fehlenden „abgewogenen und offenen Diskurs darüber, was erforderlich ist“ und informiert selbst nicht darüber, dass sich Rechtsextreme von Qannon über den 3.Weg bis zu Identitären unter die Demonstranten mischen und die Demonstration für ihre eigene Agenda nutzen. Ja, bis hin zu Rednern, die den Qannon Slogan von der Bühne rufen?

Ihr erweist damit der Bewegung alternativer Heilmethoden, Homöopathie und nicht zuletzt der Waldorfschulbewegung einen unglaublichen Bärendienst!

Euren Text beginnt ihr zudem mit dem Satz: „Die Zivilgesellschaft ist erwacht“. Ganz ehrlich, das ist eine äußerst belastete Terminologie! Bitte gerne mal googeln wer zuletzt „Deutschland erwache“ gefordert hat. 

Zu den Infektionszahlen und dem Umgang der Medien darüber, bitte auch gerne mal über den Tellerrand schauen, u. a. nach Frankreich und dort gerne dann auch zum Thema Hospitalisation. Diese Zahlen sehen vollkommen anders aus als in Deutschland.

Und noch etwas, das ich überhaupt nicht verstehe: Weltweit sterben besonders viele Menschen aus Gesundheit- und Pflegeberufen an Covid, z. B. in New York. Ich weiß aus meinem persönlichen Umfeld allein von zwei Ärzten, die im Dienst gegen Covid in New Yorker Krankenhäusern gestorben sind. Das dürfte Ihnen doch auch bewusst sein, oder schauen Sie nur nach Deutschland?

Y.W.

Antwort von Stefan Schmidt-Troschke:

Es ist bezeichnend, dass wir derzeit sehr viele E-Mails erhalten, deren Inhalt in die Richtung des von Ihnen Gemeinten geht, andererseits aber auch von Menschen, die ihre Mitgliedschaft bei uns kündigen, weil wir zu wenig offene Kritik an den Corona-Maßnahmen geübt hätten…. Der Zwischenraum, von uns ganz bewusst gesucht, ist schwer auszuhalten.

Es ist völlig ohne Frage, dass wir uns von jeglicher Form des Rassismus und der rechtsextremen Vereinnahmung abgrenzen und insbesondere auch kritisieren, dass die Veranstalter der Demonstration dies nicht ausreichend getan haben. Offensichtlich gibt es auch bei den „Querdenkern“ eine Unterwanderungsbewegung, die so manche Demo-Teilnehmer eher verdrängt haben, um es wohlwollend zu sagen.

Ich kann an dieser Stelle keine inhaltliche Diskussion mit Ihnen über die Corona-Maßnahmen führen. Dazu haben wir berichtet und auch jüngst noch das Papier des EbM-Netzwerkes herumgesendet. Die auch in dieser Stellungnahme beklagte mangelnde Offenheit in der Risiko-Kommunikation allerdings macht mir große Sorgen. Ich frage mich, wenn Sie uns indirekt unterstellen, die Covid-19-Pandemie zu verharmlosen, wo und wie wir in dieser Gesellschaft überhaupt noch einen offenen Diskurs über die wohl einschneidendsten Maßnahmen einer Regierung gegenüber ihrer Bevölkerung seit dem Zweiten Weltkrieg führen können. Wenn wir uns als NGO nun auch noch in Selbstzensur üben sollen, so wie es die Leitmedien seit geraumer Zeit tun, was ist dann überhaupt noch unsere Aufgabe?

Ja, auch die Anthroposophische Medizin hat zwei namhafte Kollegen verloren, die an Covid-19 erkrankt waren. Wir haben nicht behauptet, dass all dies harmlos ist. Als Arzt habe ich aber auch vor Covid-19 Patienten verloren, die an einer Lungenentzündung verstorben sind. Leider widerfährt auch das immer wieder Kolleginnen und Kollegen, die einfach ihre Arbeit machen. Erfahren wir diese Zahlen in einer realistischen medialen Aufarbeitung? Werden die Covid-Zahlen in ein realistisches Verhältnis zur Morbidität und Mortalität in den jeweiligen Bevölkerungen gesetzt? Werden die sozioökonomischen Bedingungen in New York, die katastrophale soziale Situation vieler Menschen und des dortigen Gesundheitswesens, das ich aus eigener Anschauung gut kenne, in irgendein realistisches Verhältnis gesetzt?

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Nach vorne schauen

Die Lehren aus der Krise ziehen

 

Die Welle der Corona-Pandemie schwächt sich mehr und mehr ab. Dazu passt das scheinbar nachlassende Interesse der Menschen an diesem Thema – wie auch eine Analyse der Agentur BCW ergeben hat. Demnach sind die Suchanfragen zu Themen rund um Corona im freien Fall ...

Geblieben sind jedoch bei vielen Menschen Angst und Verunsicherung. Es gehört mit zu den wichtigsten Aufgaben, vor denen wir jetzt stehen, diese Angst zu überwinden und die richtigen Lehren aus der Krise zu ziehen. Eine dieser Lehren ist, sich wieder darauf zu besinnen, über was für ein großartiges Instrumentarium unser Organismus verfügt, um sich all der Infektionen zu erwehren, die alltäglich über diverse Keime auf ihn einstürmen. Dazu hat der klinische Psychologe, Philosoph und Wissenschaftshistoriker Prof. Dr. Dr. Harald Walach in seinem Blog einen sehr ausführlichen und ermutigenden Beitrag verfasst.

Bemerkenswert ist auch die 4. Ad-hoc-Stellungnahme der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina vom 27. Mai 2020. Sie fordert, dass sich das Krankenhaussystem mehr am Patient*innenwohl und der Qualität der Versorgung ausrichten müsse und nicht ein „primär gewinnorientiertes System“ sein dürfe (siehe dazu auch den Bericht bei aerzteblatt.de). Die 31 Wissenschaftler*innen bemängeln, dass sich der Staat zu sehr aus der Gesundheitsvorsorge herausgezogen und das Feld der wettbewerbsorientierten Wirtschaft überlassen habe. Sie empfehlen stattdessen ein bedarfs- und nicht gewinnorientiertes System. Eine Forderung, die ganz sicher eine der wichtigsten Lehren aus der Krise darstellt und die auch GESUNDHEIT AKTIV unterstützt.

Der allgemeine Umgang mit den Lockerungen ist inzwischen Ländersache und von Bundesland zu Bundesland durchaus unterschiedlich, auch was das Öffnen von Schulen, Kindergärten und Kitas betrifft. Wie sich die Lage für die Mutter einer achtjährigen Tochter darstellt, erzählt Maja Thiesen, stellvertretende Geschäftsführerin von GESUNDHEIT AKTIV:

Ich als Mutter sehe eine große Notwendigkeit in einer raschen Rückkehr zu einem möglichst normalen Schulalltag bei den Grundschulkindern. Die Kinder brauchen soziale Kontakte und das Miteinander in der Schule, Lernen ist soviel mehr als Wissensvermittlung per App oder Arbeitsblatt.

Im Moment ist jedoch keine Perspektive in Sicht, zumindest hier in Berlin. Verschärft durch den bereits vorhandenen Lehrer*innenmangel sind die momentan gültigen Hygienepläne nur so umsetzbar, dass am Ende quasi kein Unterricht für die einzelnen Kinder übrigbleibt. Zwei Tage Unterricht zwischen Mitte März und Mitte Juni sind dann das Ergebnis. Das ist, was die kindliche Bildung angeht, völlig zu vernachlässigen und schafft bei den Eltern null Entlastung im täglichen Homeschooling.

Mit Schule ist aber kein Geld zu verdienen, oder anders gesagt: wir Eltern haben im Gegenteil zu den meisten Wirtschaftszweigen keine Lobby, daher scheint hier der Weg zurück in die Normalität besonders lange zu dauern.

Viele Lehrer*innen, Erzieher*innen und auch Eltern sind durch die wochenlange Berichterstattung über die Pandemie so verunsichert und verängstigt, dass das normalmenschliche Augenmaß ein wenig verloren gegangen zu sein scheint. So werden teilweise Maßnahmen ergriffen, die in keinem Verhältnis mehr zu den tatsächlichen Infektionszahlen stehen und vor allem von der Realität konterkariert werden. Denn nachmittags auf dem Spielplatz, im Park, in der Eisdiele etc. begegnen sich dann doch alle wieder…

Bemerkenswert war in diesem Zusammenhang auch eine Stellungnahme von fünf Fachgesellschaften aus der Kinder- und Jugendmedizin, die unisono fordern, Kindergärten und Schulen zeitnah wieder zu öffnen. Das scheint umso berechtigter zu sein, als die vieldiskutierte Studie des Berliner Virologen Christian Drosten in ihrer Aussagekraft auch in der überarbeiteten Version nicht gar so viel hermacht, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet.

Eine „Corona-Kita-Studie“ im Auftrag der Bundesregierung soll die Öffnung der Kitas überwachen. Das berichtet die Nachrichtenagentur KNA. Umfragen, ein Melderegister und umfangreiche Tests sollen herausfinden, welche Rolle den Kindern im Infektionsgeschehen zukommt. Geplant ist die Befragung des Personals in 3.000 Kitas sowie in 600 Einrichtungen auch der Eltern.

Und interessant ist auch die Forderung der GRÜNEN, einen „Pandemierat“ einzurichten, der mit Expert*innen aus verschiedenen Disziplinen besetzt ist und die Bundesregierung beim weiteren Vorgehen berät.

In Dänemark soll jetzt eine Expert*innenkommission klären, ob die Regierung, wie die taz berichtet, nicht doch zu überstürzt gehandelt habe mit ihrem Maßnahmenpaket, das „Dänemark zum Preis unübersehbarer persönlicher, wirtschaftlicher und sozialer Kosten geschlossen" habe, wie eine Reihe von skandinavischen Soziologen kritisiert. Bei unseren nordischen Nachbarn sinkt die Zahl der Infizierten weiterhin kontinuierlich ab. Die Corona-Todesrate pro 100.000 Einwohner*innen liegt noch unter der von Deutschland. Seit sechs Wochen sind Grundschulen und Kindergärten, seit drei Wochen auch Restaurants wieder uneingeschränkt zugänglich. Eine Maskenpflicht haben die Gesundheitsbehörden aller skandinavischen Länder noch nie für nötig erachtet – weder für Läden noch für den öffentlichen Nah- und Fernverkehr. So geht es offenbar auch. 

Wer Englisch kann, dem sei ein Interview mit der Oxforder Epidemiologin Prof. Dr. Sunetra Gupta empfohlen, das bei LockdownTV publiziert wurde. Sunetra Gupta ist Professorin für theoretische Epidemiologie an der Universität Oxford in Großbritannien. Ihr Fazit in Kürze:

  • Die Sterblichkeitsrate bei COVID-19 liegt unter 1 von 1.000 und wahrscheinlich näher bei 1 von 10.000, das entspricht einer Zahl zwischen 0,1 und 0,01 Prozent.
  • Diese Todesfälle sind bisher der einzige zuverlässige Maßstab, weil nicht bekannt ist, wie viele Menschen inzwischen immun sind. Denn die Antikörpertests sind extrem unzuverlässig. Die R(eproduktions)-Rate hängt aber maßgeblich davon ab, wie viele Menschen immun sind, und solange keine solchen Daten verfügbar sind, hat auch diese Zahl keine hohe Aussagekraft.
  • Es ist sehr gefährlich, über einen Lockdown zu sprechen, ohne die enormen Kosten zu sehen, die dieser für andere gefährdete Bevölkerungsgruppen mit sich bringt. Es ist sehr gut möglich, dass es uns gut geht, wenn wir morgen wieder normal weiterleben würden. Eine solche Abriegelung ist ein Luxus, den die Mittelschicht und die Länder mit höherem Einkommen auf Kosten der armen, verletzlichen und weniger entwickelten Länder genießen.
  • Wichtiger noch: Immunität macht sich nicht allein an dem Vorhandensein von Antikörpern fest, sondern kann auch vorliegen, wenn keine Antikörper gemessen werden, was auch als „versteckte Immunität“ bezeichnet wird. Dafür verantwortlich ist das sogenannte zelluläre Immunsystem. Womöglich sind viel mehr Menschen bereits geschützt, als gemessen werden kann. Dies allein könnte der Grund dafür sein, dass sich die Epidemie in vielen Ländern bereits recht plötzlich zurückgezogen hat, so Gupta. In Deutschland wäre diese Annahme durchaus plausibel: Bereits vor Beginn des Lockdowns hatte sich die Ansteckungsrate mit dem Virus deutlich verringert. Gupta: „In fast jeder betroffenen Region haben wir die Epidemie zunächst wachsen sehen, dann kam die Umkehrung und das Versiegen, fast wie bei einem Uhrwerk. Verschiedene Länder haben unterschiedliche Wege eines Lockdowns verfolgt. Trotzdem haben wir ein fast identisches Muster erlebt, wie die Krankheit sich zurückzog. Für mich heißt das: Die eigentlich treibende Kraft war die sich entwickelnde Immunität in der Bevölkerung.“

Immer noch unterbelichtet

Häusliche Gewalt steigt in Quarantäne und Notzeiten

 

Newsletter Juni 2020 – Schon vielfach wurde darauf aufmerksam gemacht, aber immer noch wird wenig darüber gesprochen, dass die häusliche Gewalt gegen Frauen und Kinder gerade in der Zeit des Lockdowns erheblich zugenommen haben dürfte. Das zeigte jetzt eine Online-Befragung bei 3.800 Frauen zwischen 18 und 65 Jahren.

Das ganze Ausmaß dieses Desasters werden wir vermutlich erst in einigen Jahren ermessen können. Vielleicht auch nie. Denn viele Frauen und Kinder leiden still und trauen sich nicht, nach Hilfe zu suchen geschweige denn sie einzufordern. 

Eine Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf soll jetzt allerdings die Folgen der Corona-Epidemie auf die psychische Gesundheit von Kindern erforschen. Die Wissenschaftler erwarten, dass Depressionen, Angststörungen und Stress deutlich zugenommen haben. Diese Studie ist die erste ihrer Art und soll online 1.000 11- bis 17-jährige Kinder und Jugendliche sowie 1.500 Eltern von 7- bis 17-Jährigen befragen. Zusätzlich sollen in Kürze in einer repräsentativen Stichprobe 1.500 Hamburger Kinder und Jugendliche zwischen 11 und 17 Jahren sowie deren Eltern befragt werden. Weitere Folgebefragungen sind nach sechs und zwölf Monaten geplant. Die Ergebnisse werden also erst in rund zwei Jahren vorliegen.

Buchtipp

Die Corona-Pandemie besser verstehen

Newsletter Juni 2020 – Was hat die Corona-Krise uns zu sagen? Wie konnte sie entstehen, welche Lehren sind daraus zu ziehen, in welchen naturwissenschaftlichen, medizinischen, historischen, gesellschaftspolitischen und kosmischen Zusammenhängen ist sie zu sehen? Fragen, auf die ein höchst lesenswertes Buch Antworten sucht und findet. Spannend daran sind vor allem die verschiedenen Perspektiven, aus denen die Autor*innen auf das Geschehen schauen: Die Kinderärztin und langjährige Leiterin der Medizinischen Sektion am Goetheanum Dr. Michaela Glöckler aus Sicht der Anthroposophischen Medizin; der Autor und Veranstalter der Stuttgarter Bildungskongresse Andreas Neider aus Sicht der globalen Geopolitik; der Botaniker Dr. Hartmut Ramm aus Sicht der Kosmologie unter Berücksichtigung der chinesischen Kultur und Geschichte. Vor allem dieser dritte Teil des Buches eröffnet völlig neue und überraschende Einsichten in die Zusammenhänge von Makro- und Mikrokosmos und die Bedeutung der Gestirne für das Leben auf unserem Planeten.

Wer besser verstehen will, was es mit SARS-CoV-2 auf sich hat und warum diese Pandemie gerade jetzt zu uns gekommen ist und welche Möglichkeiten und Chancen sich mit ihr eröffnen, dem sei die Lektüre dieses spannenden Buches ans Herz gelegt.

Michaela Glöckler, Andreas Neider, Hartmut Ramm: Corona – eine Krise und ihre Bewältigung. Verständnishilfen und medizinisch-therapeutische Anregungen aus der Anthroposophie, Akanthos Akademie, Edition Zeitfragen, BoD, 16,95 Euro (E-Book 10,99 Euro).

Wie immun sind wir schon?  

Auf breitflächige Antikörpertests müssen wir weiter warten

 

Newsletter Juni 2020 – Am 14. Mai hat der Bundestag mit dem „2. Bevölkerungsschutzgesetz“ den Weg freigemacht, um die Virus-Tests auszuweiten, vor allem in Alten- und Pflegeheimen und Krankenhäusern. Das sind diejenigen Tests, die nachweisen, ob jemand das Virus in sich trägt oder nicht. Die Kosten sollen von den Krankenkassen getragen werden. Sie belaufen sich schätzungsweise auf bis zu 7,6 Milliarden Euro ...

Interessant ist in diesem Zusammenhang der Befund aus Untersuchungen in Pflegeheimen, deren Bewohner zu den am meisten gefährdeten Personen gehören. Dort zeigte sich, dass viele COVID-19-Infektionen asymptomatisch verlaufen – die Menschen merken gar nicht, dass sie infiziert waren oder sind.

Die viel interessantere Frage dürfte jedoch sein, wie viele Menschen bereits eine Immunität gegen SARS-CoV-2 entwickelt haben. Das gestaltet sich schon erheblich schwieriger. Für Deutschland lässt es sich noch nicht angeben. Nach wie vor gibt es zwar sehr viele verschiedene Antikörpertests, sie sind aber alle nach den Kriterien der Hersteller validiert, was keine zuverlässige Aussage zur Wertigkeit der Ergebnisse aussagt. Denn bisher hatten alle diese Tests immer eine erhebliche Fehlerquote, weil sie nicht nur SARS-CoV-2-Antikörper maßen, sondern auch Antikörper auf verschiedene andere Corona-Viren. Hier müsste das Paul-Ehrlich-Institut prüfen, welcher der Tests am zuverlässigsten Auskunft gibt, damit dann breitflächig geprüft werden kann, wie es um die Immunität der Bevölkerung bestellt ist. Von den Daten her tappen wir also weitgehend im Dunkeln.

In Schweden gibt es dazu allerdings bereits erste Ergebnisse: Mehr als jeder fünfte Bewohner von Stockholm hat Antikörper gegen das Coronavirus gebildet. Allerdings dürfte sich die Zahl inzwischen schon wieder geändert haben, denn die Erhebung liegt bereits einige Wochen zurück.

Neues von der App

Italien startet eine Corona-Warn-App

 

Newsletter Juni 2020 – Vier von 20 Regionen Italiens gehen voran: Dort wird ab 8. Juni eine neue kostenlose Corona-Warn-App mit dem Namen „Immuni“ aktiviert. Sie soll Bürger*innen des Landes darauf hinweisen, wenn sie sich in der Nähe eines Infizierten aufgehalten haben.

Auch in Deutschland schreitet die Programmierung der App voran. Um das Bemühen um größtmögliche Transparenz zu untermauern, wurde der Quellcode für die hierzulande geplante App jetzt im Internet veröffentlicht – eine bisher ziemlich einmalige Maßnahme in der Welt der Software.

Fragt auch die Naturmedizin!  

Für mehr Vielfalt bei der Beratung der Corona-Krise

 

Newsletter Juni 2020 – In der Schweiz hat sich der unabhängige Rechtsanwalt Andreas Röthlisberger in der Sonntagsausgabe der Neuen Züricher Zeitung ein Manifest als Anzeige veröffentlicht. Darin fordert er, dass auch die Komplementärmedizin mit einbezogen wird, wenn es darum geht, die richtigen Maßnahmen aus der Corona-Krise abzuleiten.

Dem Schweizer Newsportal für Komplementärmedizin „millefolia“ hat Andreas Röthlisberger ein Interview gegeben, das wir gerne zur Lektüre empfehlen.

 

Wider die Angst

Für mehr Zuversicht! Lassen wir uns nicht entmutigen!

Newsletter Mai 2020 – Unter dem Titel „Rezept“ schrieb die wunderbare Dichterin Mascha Kaléko:

Zerreiß deine Pläne. Sei klug 
und halte dich an Wunder. 
Sie sind lang schon verzeichnet 
im großen Plan. 
Jage die Ängste fort 
und die Angst vor den Ängsten.

In diesen Tagen, in der achten Woche seit dem Lockdown, erscheinen diese Zeilen passender denn je. Ist es doch die Angst, die diese Maßnahmen vor allem getrieben hat, die Angst vor einem winzig kleinen Virus, das die Welt auf den Kopf gestellt hat wie kaum etwas je zuvor. Die Angst beherrscht immer noch viele Menschen – hierzulande und auf der ganzen Welt. Die Angst vor einer Ansteckung, vor dem Krankwerden, letztlich auch vor der Gefahr, daran womöglich sterben zu müssen. Diese Angst zieht nach sich, dass die Menschen sich abkapseln müssen, dass sie anderen nicht mehr nahekommen dürfen. Angst, Einsamkeit und der Mangel an Berührung sind aber bekanntlich die wichtigsten Faktoren, die unser Immunsystem schwächen. Angst verhindert den nötigen Abstand, den man braucht, um einen kühlen Kopf zu bewahren und eine Situation nüchtern einschätzen zu können. Angst lähmt. Angst macht denk- und handlungsunfähig. Nicht ohne Grund lautete ein bekannter Filmtitel „Angst essen Seele auf“.

Sicher war es mehr als berechtigt und sinnvoll, die Fußballstadien zu schließen, Großveranstaltungen zu verbieten, die Kapazitäten der Intensivstationen auszubauen, Abstand zu halten und auf eine sorgfältige Hygiene zu achten. Die Ausbreitung des Virus wurde damit deutlich gebremst. Die gute Infrastruktur im deutschen Gesundheitswesen und die hohe Testkapazität haben ein Übriges beigetragen. Mehr wurde auch durch den Lockdown nicht mehr erreicht.

Dieser Lockdown hat jedoch die sozialen und wirtschaftlichen Lebensnerven unserer Gesellschaft ebenso wie die zahlloser Menschen und deren Lebensgrundlagen so tiefgreifend berührt und beeinträchtigt, dass wir jetzt schon wissen: Nichts ist mehr, wie es einmal war, und wird es auch nicht wieder sein. Viele Existenzen wurden zerstört, viele Lebensentwürfe stehen vor dem Aus oder müssen neue Herausforderungen bewältigen. Mehr noch: Die Grundfeste unserer demokratischen Gesellschaft droht Schaden zu nehmen, wenn sie es nicht schon längst getan hat. Verbürgte Grundrechte bleiben eingeschränkt, und das mit dem Segen der Bevölkerung: Laut Politbarometer sind knapp 90 Prozent der Deutschen damit einverstanden, wesentliche Grundfreiheiten auszusetzen, um zu verhindern, dass sich das Virus ausbreitet.

In Italien, wo die Einschränkungen noch sehr viel umfassender waren als bei uns, gab es nur wenige kritische Stimmen. Eine davon hat sich jetzt in der Neuen Züricher Zeitung zu Wort gemeldet: der Philosoph Giorgio Agamben. Er fragt: „Was spielt sich gerade vor unseren Augen in den Ländern ab, die von sich behaupten, sie seien zivilisiert?“ Es ist ein Beitrag, der sehr nachdenklich macht.

Schon am 4. April veröffentlichte die Schriftstellerin Juli Zeh auf focus.de einen bemerkenswerten Essay, in dem sie das Aushebeln wichtiger Grundrecht anprangerte und ebenso bemängelte, dass es keinen ernstzunehmenden Diskurs über die von der Regierung verordneten Maßnahmen gegeben habe: „Alles muss schnell gehen und wird vor dem Hintergrund eskalierender Medienberichterstattung als alternativlos empfunden; Kritiker laufen Gefahr, als herzlose Idioten dazustehen und sich entsprechende ‚Shitstorms‘ einzuhandeln. Natürlich ist es notwendig und richtig, etwas gegen die Ausbreitung von COVID-19 zu unternehmen. Nicht notwendig oder richtig ist die Behauptung, es müsse ‚alles getan‘ werden, weil im ‚Krieg gegen das Virus‘ alles erlaubt sei. Solche Äußerungen ignorieren die Existenz von Rechtsstaatlichkeit und Grundrechtsschutz. Dass sie trotzdem so hohen Zuspruch finden, ist für unsere Gesellschaft langfristig bedrohlicher als die Krankheit selbst.“ Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

Inzwischen regen sich mehr und mehr Stimmen, die Zweifel anmelden an der Sinnhaftigkeit dessen, was uns da alles zugemutet wird. Fünf Lockdown-kritische Wissenschaftler haben eine Anfrage an alle Bundestagsfraktionen gestellt, auf welcher Grundlage die Entscheidungen getroffen wurden. Die Bewegung „mehr Demokratie“ fordert unter dem Motto „Corona – das Virus und die Demokratie“ in 12 Punkten eine stärkere Orientierung auf Parlamente und Bürger*innen. In einem Gespräch mit tagesschau.de sagte der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Hans-Jürgen Papier, am 10. Mai, was am Anfang wegen der besonderen Notlage noch angemessen" war, werde, je länger die Maßnahmen andauern, immer problematischer". Zudem werden in diesem Beitrag auch eine Reihe von Parlamentariern zitiert, die beklagen, dass die Länderparlamente in die Entscheidungen nicht ausreichend einbezogen waren. 

Und als sei das noch nicht genug, wurde inzwischen ein 80 Seiten umfassendes internes Papier aus dem Innenministerium geleakt, in dem ein Mitarbeiter des Ministeriums die Politik scharf angreift. Das Ministerium hat sich davon natürlich distanziert und dienstrechtliche Konsequenzen angekündigt. 

Aber es kommen auch Einwände aus der Wissenschaft: Die Gruppe um Prof. Dr. med. Matthias Schrappe und Prof. Dr. rer. nat. Gerd Glaeske hat ein zweites Thesenpapier entwickelt, das eine Verbesserung der Datenbasis anmahnt, die Bürgerrechte gewahrt wissen und die Prävention gezielt weiterentwickeln will (dazu auch ein Bericht in der Ärztezeitung). Kernaussage: COVID-19 sei als typische Infektionskrankheit kein Anlass, „in quasi metaphysischer Überhöhung alle Regeln, alles Gemeinsame, alles Soziale in Frage zu stellen oder sogar außer Kraft zu setzen“. Die Gruppe konstatiert „unverändert Probleme in der Berichterstattung und Strategie“ und zweifelt am Wert der von der Regierung geplanten Massentestung, weil damit nur vermehrt falsch-positive Testergebnisse provoziert würden. Infektionsketten vollständig kontrollieren zu wollen, beurteilt die Gruppe als wenig erfolgreich.

In einem Interview im „Spiegel" vom 6. Mai (hinter der Bezahlschranke) sagt der Lungenspezialist Prof. Dr. Santiago Ewing, Herausgeber der Fachzeitschrift Pneumologie" und Chefarzt am Thoraxzentrum Ruhrgebiet in Bochum, die Reaktion der Politik habe den Rahmen gesprengt". Die Basisrate an Neuinfektionen, Krankheiten und Todesfällen, die wir jetzt über die Lockerungsmaßnahmen in Kauf nehmen, wäre wohl auch durch deutlich weniger radikale Maßnahmen erreichbar gewesen." 

Der Regensburger Psychologe Christof Kuhbandner hinterfragt in einem ausführlichen Beitrag bei heise.de überlegt und qualifiziert, ob der tatsächliche Anstieg der Corona-Neuinfektionen womöglich überschätzt werde. Auch der renommierte Epidemiologe Ulrich Keil (ehemaliger Direktor des Instituts für Epidemiologie und Sozialmedizin der Universität Münster und Vorsitzender der Europäischen Region des Internationalen Verbandes der Epidemiologen) kritisiert eine fehlende wissenschaftliche Evidenz für die politischen Entscheidungen. 

Tatsächlich gibt es in Deutschland keine wissenschaftlich fundierten, repräsentativen Daten – weder zur Häufigkeit einer COVID-19-Infektion, noch zum zeitlichen Verlauf der Erkrankung, zu den Neuinfektionen pro Tag, Woche und Monat, zur Häufigkeit schwerer Verlaufsformen oder Komplikationen, bezogen auf die Gesamtzahl der Infizierten, oder zur Häufigkeit, mit der verschiedene Altersgruppen von der Infektion betroffen sind. Die von vielen als maßgebliche Orientierungsdaten gepushten Angaben des Robert-Koch-Instituts stehen auf höchst brüchigem Eis, wie das tagesaktuell geführte Blog coronoia.info anhand zahlreicher Beiträge aufzeigt (z. B. hier). Auch das ZDF hat am 10. Mai zu den Zahlen des RKI einen kritischen Beitrag verfasst. 

Wie irreführend die Angaben sein können, zeigt sich auch beim in diesen Tagen festgestellten Wiederanstieg der Infektionen, weil nicht berücksichtigt wird, dass in den vergangenen Tagen die Testkapazitäten deutlich erhöht worden sind und dadurch natürlich mehr Infizierte erkannt werden. De facto dürfte die Reproduktionszahl R, um die alles immer kreist und die unter 1 bleiben soll (dann steckt ein Infizierter weniger als einen weiteren Menschen an), weiterhin absinken. Und der NDR beklagte, dass das RKI den öffentlichen Diskurs inzwischen völlig ausbremse, indem es die Daten zurückhalte.

In Bezug auf die Behandlung von COVID-19-Erkrankten warf der Palliativmediziner Dr. Matthias Thöns aus Witten im Deutschlandfunk der Bundesregierung vor, mit der einseitigen Orientierung auf die Intensivmedizin und das maschinelle Beatmen „sehr falsche Prioritäten gesetzt und alle ethischen Prinzipien verletzt zu haben“.

Auch wenn viele Medienberichte etwas anderes nahelegen, so scheint die Gesamtsterblichkeit an COVID-19 in Deutschland weiterhin sehr niedrig (was damit gemeint ist, wird hier sehr anschaulich erklärt). Das zeigen jetzt auch neue Zahlen der Heinsberg-Studie des Bonner Virologen Prof. Dr. Hendrik Streeck, und das, obwohl die Gruppe der über 65-Jährigen darin überrepräsentiert ist. Das Durchschnittsalter der Verstorbenen liege, so RKI-Präsident Lothar Wieler am 5. Mai, bei 81 Jahren; 87 Prozent seien älter als 70 Jahre.

Demgegenüber scheint der von vielen so skeptisch beäugte „schwedische Weg“ doch besser zu sein als sein Ruf, wie sogar die WHO inzwischen konstatiert. Der für COVID-19 zuständige Direktor Mike Ryan lobte Schwedens Strategie in einem Interview mit dem schwedischen Rundfunk sogar als „vorbildlich“.

Wir geben Ihnen im Folgenden wieder einen Überblick über die jüngsten Entwicklungen zur Corona-Pandemie und verlinken und zitieren dabei auch Statements, die am Rande oder außerhalb des Mainstreams gefallen sind und die Pandemie aus anderer Perspektive betrachten.

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Zurück an Heim und Herd?

Frauen tragen die Hauptlast der Krise

Newsletter Mai 2020 – Eine der mächtigsten Frauen der Medienwelt, die Vorsitzende der Geschäftsführung des Verlages Gruner + Jahr, Julia Jäkel, meldete sich in der Corona-Krise mit einem Gastbeitrag in der Wochenzeitung „Die Zeit" zu Wort („Zurück in der Männerwelt“). Sie habe sich lange nicht getraut, diesen Beitrag zu schreiben, auch weil sie sich selbst als  für Frauen in Führungspositionen eingesetzt habe. Nach wie vor seien es gerade in Krisenzeiten die Männerzirkel, die die Entscheidungen treffen. Und auch die Virologie, die Wissenschaft und die Geschäftswelt seien nach wie vor männlich dominiert. In einer Telefonkonferenz mit führenden Verlagsvertretern des Landes zum Beispiel sei sie die einzige weibliche Stimme gewesen. Jäkels Resümee: „Plötzlich, in der Krise, sind alle Frauen weg.“ Und wo sind sie? Zuhause. Sie kümmern sich um Homeschooling und Homeoffice, ums Saubermachen, Einkaufen und Bügeln und Müllwegbringen. Sie halten den oft ebenfalls am Esstisch arbeitenden Mann den Rücken frei und erledigen die Arbeit dann eben abends oder in den Zeiten, wenn die Kinder gerade mal Ruhe geben oder vor dem Bildschirm sitzen. Multitasking konnten Frauen schon immer besser als Männer. Fazit Julia Jäkel: „Wir Frauen sind so viel weniger weit, als wir dachten.“

Ähnlich sieht es auch Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung. In der Sendung von Anne Will am 3. Mai sagte sie, dass Frauen „eine entsetzliche Retraditionalisierung erfahren“ würden, die gesamte Gleichberechtigung sei durch die Corona-Krise um mindestens 30 Jahre zurückgeworfen. Die Lasten seien nicht gerecht verteilt. Die systemrelevanten Berufe seien zu drei Viertel mit Frauen besetzt, und es sei nicht zu erwarten, dass sich deren Bezahlung nach der Krise deutlich verbessere. Alleinerziehende – auch dort vorwiegend Frauen – und sozial Schwache seien durch das Homeschooling benachteiligt, weil sie oft gar nicht die Infrastruktur dafür haben mit ausreichend Technik und Räumlichkeiten. Bildung gebe Vertrauen in die Zukunft und in die Selbstwirksamkeit, es werde lange dauern, bis das wieder aufgeholt sei. Und gerade in den sozial schwachen Gruppierungen gelingt es vielleicht auch gar nicht.

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„Tsunami of a mild disease ...“

 Mit dem Virus leben lernen

Newsletter Mai 2020 – In einem sehr sehenswerten (englischsprachigen) Interview bezeichnete der schwedische Epidemiologe Johan Giesecke, der Schwedens Regierung und auch die Weltgesundheitsorganisation berät, die derzeitige Situation mit COVID-19 als einen „Tsunami of a mild disease“, einer Krankheit, vor der wir zwar vorübergehend weglaufen können, die aber einen großen Teil unserer Gesellschaften mittelfristig erfassen wird (ein deutschsprachiges Interview mit Giesecke findet sich auf der österreichischen Online-Plattform „addendum“). Sein Resümee: Kein Impfstoff und kein Medikament wird derzeit in der Lage sein, das Fortschreiten der Pandemie in den kommenden Monaten endgültig aufzuhalten.

Giesecke gilt als einer der Architekten des „schwedischen Weges“ im Umgang mit der Epidemie. Dort hatte man insbesondere auf das Verhalten der Menschen gesetzt und durfte feststellen, dass sich die meisten auch ohne Verbote an die Regeln der sozialen Distanzierung halten. Restaurants, Primarschulen und Kindergärten sind weitgehend offen geblieben, die Universitäten sind geschlossen. Schweden ist einen Weg gegangen, der den Menschen ihre bürgerlichen Freiheiten weitgehend gelassen und auf Freiwilligkeit gesetzt hat. Mit viel Häme wird hierzulande nun auf die gegenüber Deutschland erhöhten Todeszahlen geblickt: In Altenheimen kam es zu massiven Ausbrüchen der Epidemie, was aber weniger dem nicht vollzogenen Lockdown zugeschrieben wird, als den überdimensionierten und weitgehend unvorbereiteten Heimstrukturen. Das alles hat nach Meinung von Giesecke nichts mit den weniger restriktiven Maßnahmen in Schweden zu tun.

Inzwischen werden auch bei uns die Restriktionen wieder gelockert – es gibt auch tatsächlich keine Grundlage mehr dafür, das nicht zu tun. Letztlich geht es gar nicht um ein Abwägen zwischen wirtschaftlichen Interessen und Gesundheit. Der Virologe Alexander Kekulé sagte am 30. April in der Talkshow von Sandra Maischberger: „Leben ist mehr als die Vermeidung von Tod.“ Es sei eine Illusionen zu meinen, wir könnten „all das verhindern“.

GESUNDHEIT AKTIV setzt sich deshalb dafür ein, dass wir uns weniger verunsichern lassen, als tatkräftig in die Zukunft schauen und unsere Rechte wahren. Wir müssen lernen, mit solchen Viren (SARS-CoV-2 wird nicht das letzte dieser Art sein!) leben zu lernen und nicht gegen sie. Wir brauchen eine wohlbedachte, aber zügige, immer weiter fortschreitende Rückkehr zur Normalität. Insbesondere junge Menschen sollten die Chance bekommen, sich anstecken zu dürfen. Denn wenn sich ein gewisser Teil der Bevölkerung wenigstens in den Winter hinein natürlich immunisiert hat, so können wir hoffen, dass eine Infektionswelle milder ausfällt.

Es ist davon auszugehen, dass wir mit den eingeführten Methoden der räumlichen und sozialen Distanzierung (übrigens die einzige, wirklich evidenzbasierte Maßnahme) unser Gesundheitswesen vor einer Überforderung bewahren konnten. Auf dieser Basis geht es darum, kluge Konzepte dazu aufzustellen, wie wir diejenigen gut schützen können, die am meisten gefährdet sind – „risikostratifiziert“, wie man es wissenschaftlich ausdrückt. Und das sollten wir, so gut es geht, mit diesen Menschen gemeinsam tun, ohne sie in ihren Rechten und Lebensbedürfnissen zu beschränken. Denn die Risikogrenze „Rentenalter“, also über 65 Jahre, ist ja willkürlich gewählt. Gerade in dieser Altersgruppe kommt es sehr auf den Gesundheitszustand an, ob und in welchem Maße eine Infektion mit SARS-CoV-2 für sie gefährlich werden kann.

Lassen Sie uns die Chancen nutzen, die sich mit dieser Neuorientierung für die Gesellschaft ergeben. Es wird viele Ansatzpunkte dafür geben – in den Alten- und Pflegeheimen ebenso wie in Schulen, Universitäten, Firmen, Ämtern und an vielen weiteren Orten innerhalb unserer Gesellschaft. Bringen wir uns aktiv und konstruktiv mit ein!

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Nie war sie so wertvoll wie jetzt

Die Pflege entdeckt ihre Werte wieder

 

Newsletter Mai 2020 – Die Krise lehrt uns jeden Tag neu, hinzuschauen, einen neuen Blick auf das scheinbar Selbstverständliche zu bekommen. Das Fenster der Möglichkeit für wirkliche Veränderung ist weiter offen denn je. Erst der Abstand von dem, was man sonst für unvermeidbar oder naturgegeben ansieht, ermöglicht ein neues Hinschauen. Zwei Beispiele:

  1. In der Krise konnten wir mit verschiedenen Angehörigen der Pflege und auch mit Ärzt*innen sprechen, die in die unmittelbare Versorgung der Patient*innen mit Covid-19 eingebunden waren. Immer wieder war es eindrucksvoll zu hören, dass diese Menschen trotz aller Belastung einen neuen Sinn erfahren konnten in der Ausübung ihres Berufes. Viele sprachen davon, sie hätten – weitgehend befreit von den üblichen Dokumentationspflichten – ihrer Arbeit endlich wieder direkt und ungestört nachgehen können. Ein Grund mehr, darüber nachzudenken, wie wir das Gesundheitswesen wieder zu dem entwickeln können, was es sein soll: Unterstützung und Hilfeleistung für den kranken Menschen in seiner jeweiligen Schicksalssituation. Sinn entsteht, wenn diese Kernaufgaben wieder wahrgenommen werden können.
  2. Die Situation in den Alten- und Pflegeeinrichtungen zeigt – national und international ­–, wie fatal es ist, wenn größere Gruppen von älteren Menschen zur Passivität verurteilt gemeinsam untergebracht sind. Wir brauchen hier andere Lösungen, in deutlich kleineren, familiär orientierten Gruppen, am besten in generationsübergreifenden Wohngruppen. Pflegebedürftige Menschen brauchen weniger Standards, ihre Versorgung darf nicht ökonomischen Effizienzkriterien unterliegen, sondern der liebevollen und kompetenten Sorge durch urteilsfähige und freie Menschen, die sich gerade den Pflegeberuf ausgesucht haben, weil sie von Mensch zu Mensch etwas persönlich einbringen wollen.
  3. Die schwedische Philosophin Jonna Bornemark hat es jüngst in einer Rede anlässlich der Eröffnung des Schwedischen Parlaments im September 2019 so ausgedrückt: „Ich frage mich, ob unser Unvermögen, das Menschliche z. B. bei der Organisation des öffentlichen Sektors angemessen zu würdigen, das, was ich ‚pedantische Rationalität‘ nenne, nicht mit einer Reihe weiterer Fragen zusammenhängt. Haben wir vielleicht eine Art des Denkens gepflegt, bei der die Idee, effektiv sein zu müssen, alles andere überdeckt? Eine Effektivität, die keine Zeit hat, auf das Lebendige zu hören? Eine Effektivität, die davon ausgeht, dass die Natur da ist, damit wir sie nutzen? Indem wir die Natur in diesem Sinne benutzt und ausgenutzt haben, ist die Klimakrise entstanden. Indem wir die Tiere benutzt und ausgenutzt haben, ist eine Tierindustrie entstanden, in der die Tiere behandelt werden, als seien sie schon tot. Und indem wir Menschen benutzen und ausnutzen, sehen wir zunehmend Burnout und seelische Erkrankungen. Ein einseitiger Fokus auf Effektivität ist nicht effektiv, weil er das Lebendige nicht begreift.“ (Die ganze Rede sowie ein Interview mit Jonna Bornemark findet sich in medizin individuell Nr. 71, wir haben Ihnen diese Seiten zum Download eingestellt).
  4. Die Überwindung der fatalen Situation im Gesundheitswesen, in dem immer weniger Menschen pflegerisch oder direkt ärztlich tätig werden können oder wollen, wird nur gelingen, wenn wir den Mut haben, den Wahn der technologisch- naturwissenschaftlichen Machbarkeit zu überwinden und ein neues gemeinsam getragenes Verständnis davon zu entwickeln, wie die neuen Resonanzräume beschaffen sein müssten, in denen bedürftige Menschen gepflegt und menschlich-medizinisch betreut werden können.
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INTERVIEW

 


Jonna Bornemark, Wissenschaftlerin und Philosophin aus Schweden, spricht in einem Interview in der Zeitschrift "medizin individuell" über Erkenntnis und Urteilskraft in den sozialen Beruf, der Medizin und ganz besonders in der Pflege. 

Die Rolle der Medien

Zu unkritische Berichterstattung allerorten

 

Newsletter Mai 2020 – Wenn die Bundes- und Landespressekonferenz anlässlich des „Tages der Pressefreiheit“ am 3. Mai einen Offenen Brief an die Regierung in Bund und Ländern richtet, will das schon etwas heißen. Denn so richtig rund ist das nicht gelaufen mit der Informationspolitik: „Mit Sorge nehmen wir wahr, dass es immer wieder zum Negativen veränderte Bedingungen im Informationsfluss zu geben scheint: Pressekonferenzen ohne Journalisten; Fragen, die durch Regierungssprecher geschönt vorgetragen werden; Nachfragen, die gar nicht möglich sind“ – so heißt es in diesem Schreiben. Da wundert es dann nicht mehr, dass die Artikel zur Corona-Krise sich auch in den großen seriösen Medien oft wie eine Hofberichterstattung lesen.

Befremdlich auch, wie die an sich so mutige und um keine Antwort verlegene ARD-Moderatorin und -Kommentatorin Anja Reschke sich in einem Interview mit Volontärinnen der Süddeutschen Zeitung aus der Affäre zieht. Auf die Frage, wie sie sich die weitgehende Einigkeit zwischen Medien und Politik erkläre – und das trotz einer massiven Einschränkung der Grundrechte, sagt Frau Reschke: „Es ist für uns alle eine neue Situation gewesen, in der niemand – inklusive der Wissenschaftler – wusste, was jetzt auf uns zukommt. (...) Politiker, Journalisten und Bürger saßen alle in einem Boot.“ Es sei ein Vertrauen entstanden zwischen Politikern, Medien und Bürgern. Und es sei klar, dass man da zusammenhalten und gemeinsam durchkommen müsse. Die Volontärinnen haken nach: Ein Großteil der Medien hätte widergespiegelt, was die Politik vorgab, z. B. dass der Lockdown „alternativlos“ war. Ob es da nicht zu den wesentlichen Aufgaben der Medien gehört hätte, solche politischen Maßnahmen bereits zu Beginn einer solchen Krise zu hinterfragen? Antwort Reschke: „Natürlich muss Presse kritisch hinterfragen. Kritisches Hinterfragen um seiner selbst willen aber halte ich für Attitüde, für albern und blöd – und das immer schon.“ 

Allerdings gibt es inzwischen doch mehr und mehr kritische Artikel in den Medien, oft ausgerechnet in einer Zeitung, die eher dem konservativen Lager zuzuordnen ist, der „Welt“ aus dem Berliner Springer-Verlag. Dessen Chef, Mathias Döpfner, hat sich allerdings schon sehr früh mit kritischen Fragen zum Lockdown hervorgetan. Und „Die Zeit" hat in ihrer bereits 2017 begonnenen Diskussionsreihe „Deutschland spricht" jetzt auch die Corona-Krise zum kontrovers diskutierten Thema gemacht. Sehr spannend! 

Eine Meinungsvielfalt gerade zur Corona-Pandemie und ihren Implikationen scheint aber vielen Wissenschaftler*innen nicht zu passen. In einem über Avaaz verbreiteten Brandbrief, der als ganzseitige Anzeige in der New York Times veröffentlicht wurde, fordern über 100 Ärzt*innen und Virolog*innen (darunter auch Christian Drosten von der Berliner Charité und Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Institut für Infektionsforschung) mehr Zensur bei Facebook, Twitter und Google, um zu verhindern, dass sich Falschnachrichten verbreiten. Um eine solche „Infodemie“ zu bekämpfen, sollten die Medien ihre „Algorithmen entgiften“ und aufhören, „Lügen, Verdrehungen und Phantasien, die uns alle bedrohen, weiter anzufachen“, wie auch die FAZ berichtet. Informationen, die „wissenschaftlich noch nicht eingeordnet“ sind, sollen besser erstmal nicht verbreitet werden, bis sie von den Experten freigegeben worden sind. Vielleicht sollten diese Wissenschaftler*innen sich klarmachen, dass das Recht auf freie Meinungsäußerung immer noch in den Verfassungen der demokratischen Länder verbrieft ist. Nicht nur die Wissenschaft, auch die Demokratie lebt in und mit der Kultur der Meinungsvielfalt und des Dissens‘. Auch unter den Bedingungen der Corona-Pandemie.

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Mehr Freiheit für Kinder

Schulen und Kindergärten müssen endlich wieder geöffnet werden

 

Newsletter Mai 2020 – Eine Gruppe wird immer noch wenig beachtet, leidet aber unter den angeordneten Maßnahmen ganz besonders: Kinder und Jugendliche. Ihnen wird extrem viel abverlangt, ihre Bedürfnisse kaum ernstgenommen und berücksichtigt, ganz zu schweigen von der Benachteiligung der Kinder aus sozial schwachen Schichten. Ein Großteil der Bevölkerung macht sich große Sorgen um die Situation der Kinder, wie auch ein Bericht in der Tageszeitung „Die Welt“ zeigt.

An vielen Schulen und Kindergärten, auch den Waldorf-Einrichtungen, herrscht große Angst. Lehrer*innen sind verunsichert, Schulleitungen oft überfordert, viele Schulärzt*innen haben einen schweren Stand, wenn sie zur Besonnenheit mahnen. Manche Maßnahmen schießen deutlich übers Ziel hinaus, und bei vielen Beteiligten liegen die Nerven blank.

„Kinder und Jugendliche wurden in den bisherigen Entscheidungsprozessen nicht als Personen mit ebenbürtigen Rechten angesehen, sondern als potentielle Virusträger“, schreibt die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin e. V. in einer Stellungnahme am 20. April. „Sie wurden in ihren Lebenswelten massiv eingeschränkt, nicht zum eigenen, sondern zum Schutz anderer. Die Betrachtung von Kindern nicht aus ihrer eigenen Perspektive, sondern als ‚Mittel zum Zweck‘ widerspricht ihrer persönlichen Würde.“

Schulschließungen, so die renommierte Fachzeitschrift „The Lancet“ in einem Artikel schon Anfang April, haben für die Eindämmung der Corona-Pandemie keinen oder nur einen minimalen Effekt.

Es zeigt sich mehr und mehr: Kinder sind weder besonders gefährdet durch SARS-CoV-2 noch gefährden sie andere. Das legen zumindest die bisherigen Studienergebnisse überwiegend nahe (siehe n-tv vom 20.4., und die Statistik des Centers of Evidence Based Medicine, aus der hervorgeht, dass die Letalität bei Kindern nahe Null liegt), auch wenn Christian Drosten einer anderen Auffassung nachhängt.

Auch das erzwungene Distanzieren von Großeltern und Enkelkindern war vermutlich überflüssig, wirkte sich aber deutlich negativ aus. Denn gerade die Enkelkinder sind für viele ältere Menschen ein wichtiges Lebenselixier und das beste Antidepressivum. Ganz zu schweigen davon, was das alles mit den Kinderseelen macht, die sich schuldig fühlen, weil sie Oma und Opa gefährden könnten. 

Besonders gravierend sind die Auswirkungen auf die Familien. „Wir sind allmählich an der Grenze zum Wahnsinn“, sagte die Mutter eines Sechsjährigen schon am 20. April in einem Beitrag der „Süddeutschen Zeitung" über die Zumutungen durch Homeschooling und Homeoffice.

Auch im zweiten Thesenpapier von Schrappe & Co. heißt es: „Kinder werden seltener infiziert, sie werden seltener krank, die Letalität liegt nahe bei null, und sie geben die Infektion seltener weiter, so dass der Öffnung unter entsprechender wissenschaftlicher Begleitung nichts im Wege stehen sollte. […] Weiterhin zeigen die Studien, die z. B. zur Wirksamkeit von Schulschließungen auf den Verlauf dieser (und anderer) Epidemien vorliegen, nur eine marginale Wirkung. Es kann […] nur die Empfehlung ausgesprochen werden, im Bereich der Kindergärten und Schulen die Rückkehr zu einer möglichst weitgehenden Normalisierung zu beschreiten."

„Ich beobachte, dass die Kinder sehr erleichtert sind, wenn sie bei mir im Sprechzimmer die Gesichtsmaske abnehmen dürfen und damit entlastet werden“, sagt Dr. Karin Michael, Oberärztin der Abteilung für Kinder- und Jugendmedizin am Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke. „Es kann nicht sein, dass wir Kindern die Verantwortung aufbürden, für die Gesundheit ihrer Mitmenschen, vor allem ihrer Großeltern, zuständig zu sein. Und Jugendliche, bei denen man sich wünscht, dass sie urteilsfähig werden und entscheidungsfreudige Erwachsene als Gegenüber erleben, sind grundverunsichert. Wo die sozialen Kontakte entfallen, verfangen virtuelle Nachrichten und Fake News. Das macht ängstlich und unsicher. Kinder und Jugendliche wissen kaum noch, was sie noch dürfen und was nicht. Das alles wird Nachwirkungen haben, die mir jetzt schon Sorgen machen.“ Eine Erziehung zur Freiheit werde nur gelingen, wenn das mündige und freie Entscheiden nicht mehr verboten ist. „Im Moment machen wir den Kindern und Jugendlichen vor, dass man nicht mehr für sich geradestehen kann – das ist ein Desaster“, sagt Karin Michael. „Jeder weitere Tag, an dem Kinder diesem Ausnahmezustand ausgesetzt sind, gefährdet ihre Gesundheit, schwächt ihr Immunsystem und belastet ihre Zukunft."

Die Autorin und Journalistin Kathrin Fezer Schadt richtete eine virtuelle Poesiewerkstatt für Kinder und Jugendliche ein – gratis. Dabei ist alles erlaubt, jede*r kann mitmachen. „Wir wollen Kinder und Jugendliche an die Möglichkeiten unserer Sprache heranführen, fern der zum Teil zähen Homeschooling-Aufgaben – als Quelle, als Ventil, als Befreiung“, sagt Kathrin Fezer Schadt. „In Zeiten der Krise brauchen auch Kinder Ausdruck und Hoffnung.“

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Retter in der Not?

Zu den Themen Impfstoff, Impfpflicht, Immunitätsnachweis und App

 

Newsletter Mai 2020 – Ein Impfstoff gegen COVID-19 wird derzeit an mehreren Stellen auf der Welt entwickelt und in den USA, Großbritannien und Deutschland im Rahmen von Phase-I-Studien bereits klinisch getestet. Es ist zwar nicht utopisch, dass es irgendwann mal einen solchen Impfstoff geben wird, sein schneller Einsatz im Rahmen der jetzigen Pandemie erscheint allerdings extrem unrealistisch. Selbst wenn er – so unwahrscheinlich das ist – im Frühjahr kommenden Jahres bereitstehen sollte, so doch sicher nicht in ausreichender Menge.

Hinzu kommt: Er müsste in beschleunigten Verfahren zugelassen werden und dürfte deshalb die notwendigen Sicherheitsvoraussetzungen für einen großflächigen Einsatz kaum erfüllen. Die „Ärzte für individuelle Impfentscheidung“ haben zu dieser Problematik eine wichtige Stellungnahme abgegeben. Auch Prof. Dr. Dr. Harald Walach warnt vor den „aberwitzigen Hoffnungen auf eine Impfung“. Wer von einem Impfstoff in erster Linie profitiert, zeigt die arte-Dokumentation zur Schweinegrippe aus dem Jahr 2009, die auf YouTube einzusehen ist.

Elektronische Überwachungsmaßnahmen über Smartphone-Apps sollen dafür sorgen, dass sich die Infektion nicht weiterverbreiten kann. Derzeit wird – u. a. auf Betreiben des „Chaos Computer Clubs" – eine dezentrale Speicherung der erhobenen Daten vorgesehen, d. h. sie erfolgt nicht, wie vom Gesundheitsminister ursprünglich favorisiert, auf einem zentralen Server, sondern auf dem Endgerät des Nutzers. Das könnte zwar dazu beitragen, die Infektionsketten zu erkennen und gegebenenfalls zu stoppen, aber effektiv wird es nur dann sein, wenn mindestens zwei Drittel der Bevölkerung eine solche App mit ihren Daten füttern. Der Nutzen bleibt weiter unklar, zumal sich sogar die Forscher darin uneins sind.

Diese App – in welcher Form sie dann auch immer erhältlich sein wird – wird ein weiterer Schritt zu einer zunehmenden Überwachung unserer Gesundheit sein und weitere Maßnahmen nach sich ziehen. Noch soll die Teilnahme freiwillig sein, es ist aber davon auszugehen, dass sie mit diversen Lockangeboten attraktiv gemacht werden. So schlug der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Unionsfraktionen, Thorsten Frei, bereits Steuervergünstigungen dafür vor ... Und in einem Interview mit der FAZ sagte Axel Voss, der rechtspolitische Sprecher der EVP-Fraktion im Europaparlament, zu der auch die CDU gehört: „Im grenznahen Bereich sollen App-Nutzer wieder reisen“ oder „zuerst wieder ins Restaurant, ins Kino, ins Theater und ins Freibad dürfen.“

Und was soll Regierungen zukünftig und langfristig daran hindern, unseren Immunitätsstatus auch gegenüber anderen Erkrankungen elektronisch zu erfassen und unsere Teilnahme am gesellschaftlichen Leben davon abhängig zu machen? Für Reisen ins europäische Ausland wird bereits jetzt ein „Corona-Pass“ diskutiert ... Darin ist nachzuweisen, dass entweder eine Immunität über Antikörper besteht, dass der COVID-19-Test negativ ist und auch ansonsten den Gesundheitszustand beschreibt, damit er innerhalb der EU und den Schengen-Staaten reisen kann.

Und dass die Polizei in Baden-Württemberg jetzt ganz legal Zugriff auf Corona-Daten bekommt, erscheint vor diesem Hintergrund besonders fragwürdig.

Vor allem die ausschließliche Orientierung auf einen Impfstoff und die App zur Nachverfolgung der Infektionsketten werden dazu führen, dass die Bevölkerung weiterhin massiv verunsichert wird und aus dieser Unsicherheit heraus noch mehr und strengere Überwachung einfordert, womit unsere Grundrechte weiterhin ausgehöhlt würden. Eine Dokumentation auf arte bringt das eindrucksvoll ins Bild (abrufbar in der Mediathek bis 19. Juni 2020).  

Markus Söder, der sich derzeit als Kanzlerkandidat zu profilieren sucht, sprach sich natürlich sofort für eine Impfpflicht aus, hat inzwischen jedoch wieder einen Rückzieher gemacht. Jens Spahn hatte sich schon früher dagegen positioniert, und zwar mit bemerkenswerten Sätzen: „Mein Eindruck und meine Vermutung wäre, dass die allermeisten Bürgerinnen und Bürger sich eine Impfung wünschten und überall da, wo wir durch Bereitschaft und gutes Argumentieren zum Ziel kommen, braucht’s aus meiner Sicht keine Pflicht.“ Hätte sich der Bundesgesundheitsminister diese seine eigene Argumentation doch schon vor Einführung des Masernimpfzwangs zu eigen gemacht ...

Peter Selg, der Leiter des Ita Wegman Instituts in Arlesheim/Schweiz, hat sich in einem kürzlich erschienenen umfassenden Essay für die schweizer Zeitschrift „Kernpunkte" mit den Hintergründen unserer Reaktionen auf die Covid-19-Pandemie befasst und dabei in Erinnerung gerufen, was Ivan Illich, der Autor des epochemachenden Buches „Die Nemesis der Medizin“ uns bereits 1977 ins Stammbuch geschrieben hat: „Das gesundheitliche Niveau wird […] dort am höchsten sein, wo die Umwelt die Menschen zu persönlicher, autonomer, verantwortlicher Lebensbewältigung befähigt. Das gesundheitliche Niveau sinkt nur dort, wo das Überleben übermäßig von der heteronomen (fremdbestimmten) Regelung der organischen Gleichgewichte abhängig gemacht wird. Jenseits einer kritischen Menge ist die institutionelle Gesundheitsfürsorge – gleichgültig ob in Form von Therapie, Prävention oder Umweltplanung – gleichbedeutend mit systematischer Verweigerung von Gesundheit.“ (zitiert nach Selg: „Eine medikalisierte Gesellschaft“ in „Kernpunkte“ Nr. 6, Sonderausgabe, Seite 1-12). 

Weltweit werden derzeit übrigens 155 Medikamente und andere therapeutische Maßnahmen getestet, mit denen an COVID-19 erkrankte Menschen in den verschiedenen Infektions-Phasen behandelt werden können, ob sie tatsächlich wirksam sind, muss sich aber erst noch erweisen. Eine interessante Zusammenstellung laufender Forschungsprojekte dazu hat der Verband der forschenden Arzneimittelhersteller veröffentlicht. Auch im Deutschlandfunk wurde eine Übersicht über möglicherweise wirksame Medikamente veröffentlicht.

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Die ersten Wochen mit dem Virus

Schreckstarre, Fragen, Chancen und Perspektiven

Newsletter April 2020 – COVID-19 hat viele Menschen in eine Art Schreckstarre versetzt. Der anthroposophische Allgemeinarzt Klaus Lesacher aus Tübingen sah diesen aus der Stressforschung bekannten Totstellreflex im Rahmen seines hausärztlichen Notdienstes am 29. März: „Die Patient*innen wissen nicht, wie sie reagieren sollen, was sie tun sollen, was mit ihnen passieren wird. Bombardiert von Schreckensbildern aus den Nachrichten, der Zahlenflut und der nicht verständlichen Flut an medizinischem Spezialwissen verharren sie handlungsunfähig in ihren Wohnungen. Um die fieberhaft Erkrankten ist eine schwer erträgliche Dunkelheit und Verzweiflung, die sich sofort auf den Arzt überträgt (vielleicht ein Hinweis auf die besondere seelische Kontagiosität dieser Krankheit). Die Hilflosigkeit in der Behandlung von grippalen Infekten mit einfachen Hausmitteln kommt bei vielen noch mit dazu. Es herrscht eine Beklemmung, die sich bei der Mehrzahl der Patienten in subjektiven Atembeschwerden äußert, ohne dass sie nennenswert krank wären. Dankbar nehmen die Menschen beruhigende und stärkende Worte auf, sie freuen sich sehr über den Arztbesuch, der ja oft der einzige Besuch ist, den sie seit langer Zeit hatten. Die Atembeschwerden sind danach erstmal nicht mehr vorhanden.“

Was in diesen Tagen und Wochen geschieht, ist ein historisch bislang einmaliger Vorgang: Die Sorge um das Überleben von Millionen Menschen hat die Politik dazu gebracht, das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben auf ein Minimum zu reduzieren. Die wirtschaftlichen Existenzen vieler Menschen werden vernichtet. Viele zweifeln am guten Willen der Politik. Sie haben kein Vertrauen oder interpretieren das Geschehen primär als eine Ermächtigung kapitalistischer Technokraten, die sich eine neue Basis schaffen wollen für ihren nächsten Coup: eine Totalherrschaft in staatlich-neoliberaler Liaison, wie jüngst Thomas Brunner in seinem Blogbeitrag darstellte.

Eine hervorragende Analyse der Situation liefert auch das am 5. April 2020 veröffentlichte Thesenpapier zur Pandemie "Datenbasis verbessern, Prävention gezielt weiterentwickeln, Bürgerrechte wahren". Erstellt haben es sechs engagierte Wissenschaftler und Expert*innen: Prof. Dr. med. Matthias Schrappe, Universität Köln, ehemaliger Stellvertretender Vorsitzender des Sachverständigenrates Gesundheit; Hedwig François-Kettner, Pflegemanagerin und Beraterin, ehemalige Vorsitzende des Aktionsbündnisses Patientensicherheit, Berlin; Dr. med. Matthias Gruhl, Arzt für Öffentliches Gesundheitswesen, Hamburg/Bremen; Franz Knieps, Jurist und Vorstand eines Krankenkassenverbandes, Berlin; Prof. Dr. phil. Holger Pfaff, Univeristät Köln, Zentrum für Versorgungsforschung, ehemaliger Vorsitzender des Expertenbeirats des Innovationsfonds; Prof. Dr. rer. nat. Gerd Glaeske, Universität Bremen, SOCIUM Public Health, ehemaliges Mitglied im Sachverständigenrat Gesundheit. 

In seinem Newsletter „Prantls Blick“ schreibt der Autor und Kolumnist der „Süddeutschen Zeitung“, Heribert Prantl, am 5. April: „Die Freiheiten der Bürgerinnen und Bürger werden wegen Corona auf vorerst unabsehbare Zeit in bisher unvorstellbarer Weise beschnitten und aufgehoben – ohne großen gesetzgeberischen Aufwand, mit einem Fingerschnippen der Exekutive quasi. Es wurde eine Stimmung geschaffen, in der sich Menschenrechte und Menschenleben gegenüberstehen und die amtlich verordnete Aussetzung von Menschen- und Bürgerrechten als Preis für die Rettung von Menschenleben gilt. Es gibt daher eine große, bestrafungsgestärkte Bereitschaft der Menschen, durch das Ertragen dieser Maßnahmen Solidarität zu zeigen mit den Risikogruppen. (...) Und es gibt kaum Protest dagegen und keine Demonstrationen; letztere sind ja heute verboten. Die Grundrechtseingriffe im Corona-Jahr 2020 sind extremer als man es in den sechziger Jahren befürchtete, als gegen die Notstandsgesetze demonstriert wurde. (...) In einem Land, das auf Untertanengeist gedrillt war, regten sich damals Widerspruch und Widerstand, auch schrill, mit Zuspitzungen und Übertreibungen; es entwickelte sich Streitkultur. Jetzt passiert das Gegenteil. Die Reaktion auf Corona verändert die gereifte Bundesrepublik. In einem Land mit einer bislang ausgeprägten Streitkultur verschwinden Kritik und Protest. (...) Die Zahlen der bloßen Corona-Infektionen wurden und werden verkündet wie die Zahlen von Katastrophenopfern, und die Aussetzung der Grundrechte galt und gilt als Rezept gegen Corona. Das Virus hat nicht nur Menschen befallen, sondern auch den Rechtsstaat.“

Unser Gesundheitsminister hat mit der jüngsten Reform des Infektionsschutzgesetzes eine Art Ermächtigungsgesetz vorgelegt. Manche, wie Viktor Orban in Ungarn, nutzen die Chance, die eigene Macht auszubauen und das Parlament zur Staffage zu machen. Wir von GESUNDHEIT AKTIV werden argumentieren, opponieren und ggf. klagen müssen, wo es geht.

Mit der Einschränkung wesentlicher Persönlichkeitsrechte, z. B. der Reise- und Bewegungsfreiheit, der Versammlungsfreiheit und wesentlicher Rechte auf freie Berufsausübung haben sich die meisten von uns erstmal abgefunden. Diese passive Seite der Schreckstarre wird jedoch begleitet von einem bisher ungekannten Aktivismus auf der anderen Seite: Schier unendliche Mittel werden in Deutschland bereitgestellt, um die Produktion in den Fabriken und die Stellschrauben im Gesundheitswesen, vor allem in den Krankenhäusern, innerhalb von wenigen Wochen umzustellen und die üblichen Mechanismen des Marktes außer Kraft zu setzen. Was lange Jahre gänzlich utopisch erschien – das Regelsystem mit ausreichenden Mitteln für die basale Daseinsfürsorge auszustatten –, wird plötzlich ohne jede weitere Diskussion realisiert. Sogar die Fallpauschalen (DRGs) stehen auf dem Prüfstand. Corona macht´s möglich.

Fragen über Fragen

Was wir alles nicht wissen

Newsletter April 2020 – Was ist die Grundlage für all diese Entscheidungen? Das Wissen darüber, wie groß die Gefahr tatsächlich ist, mit der wir es zu tun haben, ist begrenzt und wird erst nach und nach an der Realität der fortschreitenden Pandemie neu gewonnen werden. Viele seriöse Wissenschaftler warnen und kritisieren, die Maßnahmen beruhten nicht auf realen Erfahrungen und seien zu wenig gut begründet. Sie äußern teilweise berechtigte Kritik daran, dass Zahlen nicht vergleichbar seien und wir nicht genügend wissen, um die Situation überhaupt einschätzen zu können. Hier sind einige seriöse Quellen für solche kritischen Fragen:

  • Prof. Dr. Hendrik Streeck, Virologe und Initiator der Studie über die Mechanismen der Ausbreitung von COVID-19 im Kreis Heinsberg, die vom Robert-Koch-Institut längst hätte angeschoben werden müssen, äußert sich ebenso besonnen wie kritisch bei Markus Lanz am 31. März 2020 sowie im Interview im „Handelsblatt“ vom 27. März 2020. In der Sendung von Lanz kommt auch der Staatsrechtler und Rechtsphilosoph Prof. Dr. Reinhard Merkel zu Wort, der auch Mitglied des Deutschen Ethikrates ist.
  • Der Epidemiologe Prof. Dr. John Ioannidis von der Stanford University vermutet in einem ausführlichen Interview, dass die Covid-19-Todesfälle im Hintergrundrauschen der Grippe-Welle gar nicht aufgefallen wären, wenn man nicht gezielt danach gesucht hätte. Schon in einem Editorial für eine medizinische Fachzeitschrift kritisierte er den Mangel an Evidenz (hier finden Sie eine auszugsweise deutsche Übersetzung).
  • Der frühere Leiter der Virologie an der Universität Mainz, Prof. Dr. Sucharit Bhakdi, schrieb am 26. März 2020 einen Offenen Brief an die Bundeskanzlerin und fokussierte dabei auf fünf wichtige Fragen. Bis heute gibt es dazu offenbar keine Antwort.
  • Der langjährige Chef des skandinavischen Cochrane Centers, Prof. Dr. Peter Goetzsche, publizierte zwei kritische Artikel, einen im British Medical Journal und einen zweiten auf seinem eigenen Blog (auf Englisch).
  • Ein weiterer Experte der Cochrane Collaboration, der Statistiker Prof. Dr. Gerd Antes von der Universität Freiburg, äußerte sich in einem Interview mit dem SPIEGEL ebenfalls skeptisch zu der Art der Zahlendarstellung, wie sie in den Medien promotet wird. 
  • Der Epidemiologe Prof. Dr. Gérard Krause vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig fand in einem Interview mit dem ZDF ebenso kritische Worte für die jetzigen Maßnahmen der Regierung.
  • Der Arzneimittelbrief, ein unabhängiges Fachjournal, herausgegeben vom Vorsitzenden der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, stellt in einem Artikel zu aktuellen Aspekten der SARS-CoV-2-Pandemie in Deutschland und Österreich ebenfalls kritische Fragen und zitiert einige der oben genannten Quellen (Ioannidis, Bhakdi u.a.).

Eines der zentralen Argumente ist, dass wir vielfach gar nicht wissen, ob die vielen Toten ursächlich an Covid-19 verstorben sind oder ob das Virus lediglich bei ihnen nachgewiesen wurde und sie mit dem Virus starben.

Die Statistiken dazu sind nicht einheitlich in ihrem Zustandekommen und nicht vergleichbar, weder international noch national, noch nicht einmal für die Bundesländer. So schreibt der Hamburger Senat in seinem täglich erscheinenden Bulletin (Hervorhebung durch uns): „Das Robert Koch-Institut (RKI) veröffentlicht auf seiner Website täglich im Vergleich die von den Bundesländern gemeldeten Fallzahlen der COVID-19-Erkrankten sowie Todesfälle. Das RKI listet alle Todesfälle mit dem Nachweis einer Coronavirus-Infektion auf. In Hamburg werden alle Todesfälle mit Corona-Infektion durch das Institut für Rechtsmedizin begutachtet. Dadurch wird medizinisch differenziert nachgewiesen, welche nicht nur mit, sondern ursächlich durch eine COVID-19-Erkrankung gestorben sind. Dadurch lässt sich der Anstieg der Zahl der Todesfälle, die mit einer COVID-19-Infektion gestorben sind, zur gestern gemeldeten Zahl erklären.“ Das gilt jedoch nur für Hamburg. Welche Bundesländer sonst noch die rechtsmedizinische Untersuchung verpflichtend machen, ist bisher nicht bekannt.

Der Chef des Hamburger Instituts für Rechtsmedizin, Prof. Dr. Klaus Püschel, gibt an, dass alle Verstorbenen „an zuvor bestehenden schwerwiegenden inneren Erkrankungen litten. Zumindest hier in Hamburg sind keineswegs zuvor völlig gesunde Personen betroffen gewesen. Insofern kann ich die Bevölkerung beruhigen. Es gibt keinen Grund für eine Todesangst im Zusammenhang mit der Ausbreitung der Krankheit hier in der Region Hamburg. (...) Grundsätzlich kann ich betonen, dass Bewegungsmangel, Rauchen und Übergewicht das Risiko für einen schweren oder sogar tödlichen Verlauf enorm steigern. In nicht wenigen Fällen haben wir festgestellt, dass die aktuelle Coronainfektion überhaupt nichts mit dem tödlichen Ausgang zu tun hat, weil andere Todesursachen vorliegen, zum Beispiel eine Hirnblutung oder ein Herzinfarkt.“ Er sei überzeugt, so Püschel, dass man ganz überwiegend auch bei den jüngeren Betroffenen Erklärungen dafür finde, warum die Krankheit einen tödlichen Verlauf genommen habe (Hamburger Abendblatt, 2. April 2020).

Vor diesem Hintergrund erscheinen die Statistiken für die Mortalität bei Corona umso zweifelhafter. Auch die Zahlen für die Infizierten sind als solche nicht stimmig. Erfasst werden nur die Zahlen der nachweislich positiv Getesteten. Wie viele Menschen tatsächlich infiziert sind, wissen wir nicht. Diese Angabe spielt aber für die Sterblichkeit eine entscheidende Rolle. Der Kinderarzt Dr. Steffen Rabe hat auf seiner Webseite www.impf-info.de unter dem bezeichnenden Stichwort „Coronoia“ viele interessante Fakten und Hintergrundinformationen zusammengestellt, die täglich aktualisiert werden.

Wir werden hier vorerst weiter mit einer gewissen Unsicherheit leben müssen. Aber wir sollten nicht aufhören, berechtigte Fragen zu stellen und die Medien, vor allem die öffentlich-rechtlichen Sender, aufzufordern, zu den offenen Fragen qualifizierte interdisziplinäre Diskussionsrunden zusammenzustellen, in denen auch diejenigen zu Wort kommen, die nicht dem Mainstream das Wort reden.

Es macht ja schon nachdenklich, wie eingeschworen viele Leitmedien auf die Linie bestimmter Wissenschaftler und der Bundesregierung zu sein scheinen. Tweets und Filme auf YouTube, egal welcher Herkunft, werden schon seit geraumer Zeit mit einer Covid-19-Unterzeile mit dem Link der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) versehen, als wäre sie der Hort der einzig wahren Informationen. Die freie Meinungsäußerung, bisher noch nicht wirklich beschränkt, beginnt hier, sich selbst zu sabotieren oder wird durch wohlfeile staatlich veranlasste Kommentare in ihrer Entfaltungsmöglichkeit eingeschränkt.

An die Politik muss die Aufforderung gehen, wie es Heribert Prantl in seinem schon eingangs erwähnten Newsletter formuliert, nicht nur auf Lothar Wieler, den Chef des Robert-Koch-Instituts, und Christian Drosten (Leiter der Virologie an der Berliner Charité und bekannt aus dem NDR-Podcast) zu hören: „Die Bundeskanzlerin muss eilig einen großen Krisenstab einrichten, in dem nicht nur Virologen und Gesundheitsexperten, sondern auch Grundrechts- und Gesellschaftsexperten sitzen - Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Expertinnen und Experten aus allen Bereichen der Gesellschaft. Sie sollen, sie müssen die Lage umfassend analysieren und den Ausstieg aus dem Lockdown vorbereiten. Das kann, das darf nicht allein die Sache der Naturwissenschaft sein, die ist einseitig, sie ist derzeit medizinisch-virologisch. Die Bundeskanzlerin ist selber Naturwissenschaftlerin, Physikerin. Naturwissenschaftler haben andere Vorstellungen von dem, was systemrelevant ist, als Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler, als Psychologen, als Experten aus Kultur, Kunst und Religion. Es geht um einen ganzheitlichen Blick auf die Gesellschaft.“ 

Verharmlosen ist nicht die Alternative 

COVID-19 ist nicht irgendein Virus

Newsletter April 2020 – Andererseits: COVID-19 ist real. Auch in Deutschland gibt es jeden Tag mehr Menschen, die infolge einer schweren, mit COVID-19-assoziierten Lungenentzündung Atemnot entwickeln, teilweise mit fatalen Folgen. Covid-19 ist ein Virus, das vielen Menschen gefährlich werden kann und das in unvorbereiteten Situationen (mangelnde Betten- und Versorgungssituation, mangelnde Koordination, schwere andere Grunderkrankungen) durchaus eine fatale Massensterblichkeit bewirken könnte, vielleicht sogar deutlich über das Maß bisheriger Grippe-Epidemien hinaus. Ob diese Sorge tatsächlich berechtigt ist – wir wissen es einfach nicht.

Die eingangs beschriebene Schreckstarre bewirkt aber auch Abwehr und Verweigerung gegenüber diesen Tatsachen. Wenn sich dann noch alle möglichen Mutmaßungen über die vermeintlichen Absichten von Politikern und Wissenschaftlern einstellen, wird es abenteuerlich. Allerdings: Gerade wenn wir die reale Gefahr nicht wirklich erleben können, wächst der Zweifel. Und er wird weiter wachsen, wenn sich weniger Menschen infizieren als befürchtet. „There is no glory in prevention“ – Vorbeugung ist nicht sexy, das ist eine schon lange bekannte Tatsache und leider die bittere Erfahrung vieler Menschen, die erfolgreich helfen, das Erkranken zu verhindern. Aus der Schreckstarre herauszukommen, braucht daher einen kühlen Kopf.

Die Abstandsregel ist bis auf weiteres sicher eine sinnvolle Maßnahme – denn der Übertragungsweg erfolgt, so zeichnet es sich immer deutlicher ab, in erster Linie durch Tröpfcheninfektion, weniger oder gar nicht über Oberflächen. Und dass die Infektionsrate in Deutschland langsam abflacht, zeigt, dass die Maßnahmen greifen.

Und deshalb erscheint es doch sinnvoll, auf Feste und Feiern vorerst zu verzichten – auch auf große Feiern im Zusammenhang mit dem Osterfest, was sicher schmerzlich ist. Gerade das Zusammenkommen von vielen Menschen auf engem Raum scheint die Ausbreitung zu begünstigen – das zeigen die Erfahrungen aus Ischgl, den Faschingsfeiern im Kreis Heinsberg und aus den Fußballstadien.

Bringt uns eine App weiter?

Wehret den Anfängen – „Big Brother" will be watching us

Newsletter April 2020 – Nachdem Jens Spahn in seinem neu gestrickten Infektionsschutzgesetz sein ursprünglich beabsichtigtes Datentracking nicht durchbekommen hat, ist jetzt eine App auf freiwilliger Basis der neueste Coup und wird vom Robert Koch Institut zusammen mit dem Fraunhofer Institut für Nachrichtentechnik (Heinrich-Hertz-Institut) entwickelt. Der Bundesbeauftragte für den Datenschutz und das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik sind ebenfalls mit einbezogen. Diese App soll Menschen warnen, wenn sie in Kontakt mit einem COVID-19-Infizierten gekommen sind.

Was soll das bringen? Man will damit die Infektionskette genauer verfolgen können. Wenn jemand aufgrund des Testergebnisses weiß, dass er infiziert ist, könnte die App alle diejenigen warnen, die mit ihm zusammengekommen sind, so dass sie sich dann ggf. ebenfalls testen lassen können.

Auch wenn es heißt, dass die Daten und Bewegungsmuster komplett anonymisiert bleiben und anschließend gelöscht werden, so können wir uns doch des Eindrucks nicht erwehren, dass hier der Einstieg für eine Totalüberwachung gemacht ist und aus einer freiwilligen App unter bestimmten Voraussetzungen schnell eine Zwangs-App werden kann. Deshalb meint GESUNDHEIT AKTIV: Wehret den Anfängen! Wir werden diese Entwicklung kritisch verfolgen und fühlen uns dabei ermutigt durch das Ergebnis einer Umfrage, dass doch ein erheblicher Anteil der Bevölkerung nicht bereit wäre, eine solche App auf dem Smartphone zu installieren (44 Prozent „ja“ oder „eher ja“, 43 Prozent „nein“ oder „eher nein“, 13 Prozent „weiß nicht“).

Vereinsamt und alleingelassen

Die Situation in Alten- und Pflegeheimen und Hospizen

Newsletter April 2020 – Alten- und Pflegeheime sowie Hospize haben flächendeckend Besuchsverbote erlassen, weil die dort betreuten Menschen am meisten gefährdet sind und geschützt werden sollen. Allerdings führt die Unsicherheit vieler Helfer und Professionellen teilweise zu völlig unsinnigen und überbordenden Anordnungen. So werden z. B. die eher familiär organisierten Betreuungs- und Beschäftigungsangebote für Menschen mit Behinderung geschlossenen Pflegeheimen gleichgestellt, was zu erheblichen und teilweise unerträglichen Belastungen für alle Beteiligten führt. Die meist fehlende Schutzausrüstung lähmt die Handlungsmöglichkeiten zusätzlich.

Die Frage ist: Um welchen Preis geschieht das alles? Nützt es den Bewohner*innen tatsächlich? Besuchsverbot bedeutet ja: Viele Menschen müssen alleine sterben und können in der letzten Phase ihres Lebens nicht mehr von ihren Angehörigen begleitet werden. Das erscheint ebenso tragisch wie unmenschlich. Und man kann sich durchaus fragen, ob die Menschen vielleicht gerade deshalb sterben, weil sie diese Einsamkeit nicht ertragen? Viele – das zeigen die Berichte aus den Alten- und Pflegeheimen – sind zwar Corona-positiv getestet (auch noch nach dem Tod!), hatten aber keines der typischen Krankheitssymptome. Vor diesem Hintergrund erscheint das Besuchsverbot noch fragwürdiger. Es wäre sicher möglich, den Zutritt so zu regulieren, dass die Gefährdung der Bewohner*innen bestmöglich verringert wird und die Menschen dennoch nicht vereinsamen müssen.

In den kleineren Einrichtungen der Heilpädagogik und Sozialtherapie für Menschen mit Behinderungen wäre es sinnvoll, den dort Verantwortlichen zu überlassen, wie strikt sie das Besuchsverbot handhaben – sie kennen ihre Bewohner*innen und wissen, was sie wem zumuten können und dürfen. 

Der Pflegebeauftragte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, fordert im Deutschen Ärzteblatt, das Besuchsverbot zumindest für die engsten Angehörigen zu lockern: „Ich kann nicht zustimmen, dass man das Verbot in dieser wichtigen Phase so strikt durchsetzt. Das spricht gegen den gesunden Menschenverstand. Wenn sterbende Pflegebedürftige es wollen, dass Angehörige da sein können, dann muss man das auch möglich machen.“ Nur weil Pflegebedürftige besonders gefährdet seien, dürfe man sie einfach entrechten und wegsperren. Heimleitungen und Gesundheitsämter müssten menschenwürdige Lösungen finden.

Ebenso traumatisierend und dramatisch kann es sein, wenn Angehörige und Freund*innen sich von Verstorbenen nicht verabschieden können, weil Bestattungen nur noch im kleinsten Kreis stattfinden dürfen, wenn überhaupt. Die teilweise dramatischen Bilder von vollen Kühlhäusern rühren auch daher, dass sich die Bedingungen für die Bestattungshäuser erheblich verschärft haben und sie für alle Vorgänge erheblich länger brauchen als sonst. 

Wie schon bei den Kliniken bietet sich auch hier, bei den Alten- und Pflegeheimen, die Chance, die Gelegenheit, das gesamte System gründlich zu überdenken. Sind diese Einrichtungen, so, wie sie jetzt organisiert und strukturiert sind, überhaupt richtig und angemessen? Was wäre notwendig und sinnvoll, um pflegebedürftigen Menschen ein würdiges Dasein zu ermöglichen? Was für Einrichtungen müssen wir künftig fördern und fordern? Wie können die Bewohner*innen selbst an der Konzeption stärker beteiligt und einbezogen werden? Wenn die Corona-Krise ein Positives hat, dann sicher genau das: dass wir hier die Weichen neu stellen können. Denn so, wie es jetzt ist, ist es unwürdig – die Betreuten ebenso wie für die unterbezahlten, wenig wertgeschätzten Pflegenden. 

Wettrennen um den Impfstoff

Es darf bei der Zulassung keine „Abkürzung" geben

Newsletter April 2020 – Weltweit ist unter den Start-ups und den großen Pharmakonzernen bereits seit geraumer Zeit das Wettrennen um einen Impfstoff gegen COVID-19 eröffnet – 60 Impfstoffprojekte sind bereits am Laufen. Christian Drosten, der wichtigste Berater der Bundesregierung, forderte in seinen Podcast-Beiträgen (Folge 16 und 26) eine beschleunigte Zulassung eines solchen Impfstoffs.

Nur: Bei diesem Impfstoff wird es sich um einen genbasierten Impfstoff handeln – das ist Neuland. Keiner weiß, was so ein Impfstoff im menschlichen Organismus und dem Erbmaterial anrichtet. Wenn ausgerechnet bei so einem neuen Produkt jetzt das Verfahren abgekürzt wird, sollten wir umso genauer hinschauen. Bei der jetzigen oft reißerischen Berichterstattung in vielen Medien wird die Bereitschaft innerhalb der Bevölkerung, sich auch ohne langwierige Prüfung impfen zu lassen und damit unbekannten Risiken auszusetzen, jedoch vermutlich groß sein.

Chancen und Perspektiven

Jede Krise birgt den Keim für sinnvolle Veränderungen

Newsletter April 2020 – „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“, schrieb dereinst Friedrich Hölderlin, der vor 250 Jahren geboren wurde. Und so birgt auch diese Krise bei allen Restriktionen enorme Chancen. Erstmals in der Geschichte der Menschheit müssen Staaten und Organisationen rund um den Globus mehr oder weniger akut und synchron auf eine Bedrohung unserer gesundheitlichen Integrität reagieren. Was der Klimawandel schon seit Jahrzehnten erfordert, wird jetzt innerhalb von Tagen und Wochen durch ein kurzfristig bedrohliches Virus erzwungen. Schauen wir uns nur die Bilder aus Venedig an – das Wasser ist so sauber wie seit Jahrzehnten nicht mehr ... Oder die Bilder vom Flugverkehr über Frankreich – was Greta über Monate hinweg nicht geschafft hat, schafft Corona innerhalb von Tagen ...

Europa wächst trotz aller zusätzlichen und neuen Grenzkontrollen notgedrungen politisch auch wieder etwas mehr zusammen: Selbst Hans-Werner Sinn, der frühere Chef des IFO-Institutes, lässt verlauten, dass wir Deutschen alles tun müssten, um Europa mit genügend Hilfen und Kapital zu versorgen. Dieses Virus, von Fledermäusen auf uns Menschen übertragen, zwingt uns einfach, gemeinsam zu handeln: lokal, national und global. Kein Land wird sich längerfristig vor COVID-19 abschotten können. Aber all das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir alle, die ganze Menschheit, in einem Boot sitzen. Nur gemeinsam können wir diese Krise bewältigen. Nur wenn wir gemeinsam rudern, die Segel gemeinsam setzen, werden wir es schaffen, den Schaden zu minimieren, der aus dieser Krise erwächst. Die enormen Hilfeleistungen, mit denen wir – anders als 2008, wo lediglich die Banken profitierten – heute einzelnen Menschen unter die Arme greifen, sind ein Signal dafür, dass man offenbar etwas verstanden hat: Am Ende geht es um das konkrete Leben, die Existenz jedes einzelnen Menschen.

Für alle, die in den eigenen vier Wänden bleiben müssen, haben wir ein fünfwöchiges Online-Programm entwickelt, angelehnt an unser Gesundheitsprogramm „U-Health“. Übungen aus der Vitaleurythmie, entwickelt von Christiane Hagemann und Michael Werner, begleiten den Prozess.

Für die, die es noch etwas bewegter wünschen, empfehlen wir das Wohnzimmerballett von Eric Gauthier. Am Stuttgarter Theaterhaus leitet er eine eigene Tanz-Kompagnie, die jetzt – wie alle anderen Künstler*innen auch – pausieren muss. Ob „Warm up“, „Salsa“, „Pinguin-„ und „Löwentanz“ (für Kinder!) oder „Spaghetti Carbonara“ – alles ist auf kleinem Raum leicht nachzumachen, sorgt für Bewegung und macht richtig gute Laune!

Der Waldow-Verlag, in dem die Zeitschrift "Vorhang auf" erscheint, unterstützt den Unterricht zuhause mit kostenlosen kreativen Lern-, Spiel- und Bastelvorlagen, die als PDF auf der Webseite des Verlages heruntergeladen werden können. Jeden freien Schul- bzw. Kindergartentag kommen neue Ideen hinzu! Schauen Sie doch mal rein!

Die Journalistin Ute Scheub hat kürzlich für die „taz“ eine fiktive Rede unserer Bundeskanzlerin verfasst, in der sie zurückblickt auf die Epidemie und ihre Lehren daraus zieht. Ach, wenn die Kanzlerin das doch in genau dieser Weise beherzigen würde ...

Ein Schritt zu mehr Gerechtigkeit könnte auch das bedingungslose Grundeinkommen sein. Die Petition, dies jetzt schnell und unbürokratisch umzusetzen, hat es gerade in den Bundestag geschafft und kann weiterhin gezeichnet werden.

So schnell wie möglich brauchen die Menschen ihre selbstverständlichen Rechte zurück und noch viel mehr: die Möglichkeit, ihre Lebensräume zu gestalten, im Dialog untereinander, in Bürgerräten und -parlamenten. Lassen Sie uns Formate dazu entwickeln, wie wir uns ein menschliches Gesundheitswesen in Zukunft vorstellen, und dazu, was für eine Medizin wir brauchen, um dem Menschen in seiner Selbstbestimmung und in seinen Entwicklungsbedürfnissen gerecht zu werden. Von der Schreckstarre über die Bewältigung hin zu neuen Ufern, die so sehnlich auf uns warten. Lassen Sie uns den Weckruf nutzen, den diese Krise mit sich gebracht hat!

Hinter den Kulissen

Was sich bei GESUNDHEIT AKTIV in der Corona-Zeit getan hat

Newsletter April 2020 – Über die ganze Stadt sind kleine Büros – Home Offices – von GESUNDHEIT AKTIV verteilt. Jeden Morgen um 9 Uhr trifft sich das gesamte Team in einem virtuellen Meetingraum. Jeweils im realen Raum mit dabei sind die kleinen und großen Kinder, spielend oder tüftelnd über ihren Schulaufgaben. Ab und zu winken sie vergnügt in die Webcam. Nicht selten folgen weitere Videokonferenzen über den Tag verteilt. Unsere Arbeitsergebnisse und Unterlagen teilen wir über eine Cloud. Was früher von Tür zu Tür unserer Büroräume besprochen wurde, wird nun mit einem Klick über einen kleinen Chat-Room geklärt. Niemand aus unserem Team hätte vor Kurzem noch geglaubt, dass wir über längere Zeit hinweg so miteinander arbeiten würden. Zu sehr wussten wir schon immer die persönliche Begegnung zu schätzen. Nun ist es wegen der Corona-Pandemie seit vier Wochen unsere geteilte Realität.

In der Woche, bevor bundesweit zunächst die Kita- und Schulschließungen beschlossen wurden, saßen wir noch alle beisammen in unserem „echten“ Konferenzraum in der Gneisenaustraße – spontan zusammengetrommelt zur „Krisensitzung“. Weniger aus vorauseilendem Gehorsam als aus einer Vorahnung heraus, was da auf uns alle zukommen wird, beschlossen wir, uns räumlich zu trennen. Wie lange? Achselzucken und Schweigen in der Runde, keiner wusste es. „Bis auf Weiteres", hieß es. Die meisten können von zu Hause aus arbeiten. Zwei von uns können zum Glück aufgrund der räumlichen Nähe ihrer Wohnungen zur Geschäftsstelle den Normalbetrieb – Post, Telefon, Bestellungen – in unseren Büroräumen aufrechterhalten.

Dennoch stand der Alltag erst einmal Kopf – für jede*n einzelne*n von uns ebenso wie für alle anderen Menschen hierzulande und in der ganzen Welt. Abstand halten, Kontaktverbot, eingeschränkter Ausgang, Sorgen und Ängste ... Aber es gab auch exponentiell wachsende Lernkurven, und es galt, diese oder jene Chance zu ergreifen. Durch alle Unsicherheiten und Unplanbarkeiten hindurch entstand ein kollektives Zusammenrücken und Zusammenhalten im sozialen Umfeld, und es zeigten sich neue Formen der Solidarität. Allmählich stellte sich eine neue Alltags- und Arbeitsroutine ein. Dennoch hat jede*r von uns immer mal wieder diesen Aufwachmoment: Ist das nicht alles nur ein Traum? Dann folgt der Realitäts-Check.

Mit jeder Woche kommen Fragen auf, die bewegt und geklärt werden müssen und denen wir uns ebenfalls stellen wollen. Auch wenn Corona immer noch allgegenwärtig ist, darf und muss es nichtsdestotrotz auch weiterhin um andere Themen und Belange gehen: Wir wollen nicht in Vergessenheit geraten lassen, dass wir in diesem Jahr das 100jährige Jubiläum der Anthroposophischen Medizin begehen. Dazu haben wir vor wenigen Tagen eine Sonderausgabe unseres Magazins veröffentlicht. Unsere Kampagne weil’s hilft! Naturmedizin und Schulmedizin gemeinsam ist Anfang Mai seit einem Jahr in der Welt, und wir arbeiten mit Hochdruck daran, immer sichtbarer zu werden. Zudem entstehen und entfalten sich in Nullkommanix neue Ideen. So haben wir mit U-Health in kürzester Zeit ein Online-Programm auf die Beine gestellt und konnten zusätzlich die Vitaleurythmisten Christiane Hagemann und Michael Werner dafür gewinnen.

Das ermutigt uns jeden Tag aufs Neue, und wir hoffen, dass wir Sie – unsere Freund*innen, Mitglieder und Unterstützer*innen von GESUNDHEIT AKTIV – mit unserer Arbeit ebenfalls positiv ermutigen und Ihnen neue Impulse vermitteln können. Bald, so hoffen wir, werden wir uns dann wieder im echten Raum begegnen. Wir freuen uns jetzt schon darauf!

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Zusammenhalten

In Zeiten der Corona-Pandemie

Sondernewsletter 19. März 2020 - Die Ereignisse der Corona-Pandemie überschlagen sich jeden Tag aufs Neue. Wir sehen stündlich neue Zahlen aus unserer Stadt, unserem Bundesland, unserem Land, aus der ganzen Welt. Die Situation ist bis auf Weiteres dynamisch: Die klinischen Kapazitäten werden aufgestockt, zusätzliche Räume und Ressourcen für die Gesundheitsversorgung geschaffen – alles in Erwartung einer Welle an prognostizierten Neuinfektionen.

In hohem Tempo erreichen uns neue Beschlüsse und Erkenntnisse. Das Robert Koch-Institut (RKI) informiert täglich, ebenso die Virologen, im Wechsel mit den Politikern. In den Medien und sozialen Netzwerken findet sich eine höchst unterschiedlich zu gewichtende Informationsflut an Nachrichten, Verhaltensregeln und Gesundheitstipps – für unser Immunsystem ebenso wie für unsere mentale Gesundheit. Dazu mischen sich erste Hinweise und Warnungen, die bestimmte Medikamente betreffen, Meldungen über die Suche nach einem Impfstoff und über erste klinische Studien zum Coronavirus.

Leider haben auch Fake News, Panikmache und Verschwörungstheorien Hochkonjunktur und gehen viral. Das raubt Energien, schwächt das Vertrauen und schafft zusätzliche Verunsicherung. Wir alle haben so eine Situation noch nie erlebt, wachen jeden Tag mit gemischten Gefühlen, Angst und Sorge auf. Surreal erscheint die Welt. Wohin wird sich das alles noch entwickeln? 

Aber es gibt auch Lichtblicke. Menschen helfen sich gegenseitig, die Nachbarschaftshilfe erwacht zu neuer Blüte, in Italien und Spanien singen die Menschen auf den Balkonen, ganze Metropolen – Rom, Madrid! – verabreden sich, um denen, die unermüdlich das Schlimmste abwenden, zu applaudieren: den Ärzt*innen und Pflegenden.

Und draußen erwacht der Frühling. Die Sonne scheint schon kräftig. Und mit dem zunehmendem Licht wachsen auch Hoffnung und Zuversicht, auf die wir uns besinnen sollten.

Worauf es jetzt ankommt:

  • Menschlichkeit
  • Gesunden Menschenverstand
  • Solidarität und sozialen Zusammenhalt im Abstandsmodus: Helfen wo wir können, während wir räumlich auf Abstand gehen. Und auch lernen, um Hilfe zu bitten, wenn wir sie brauchen.
  • Seelisches Gleichgewicht kultivieren, um uns selbst und andere ermutigen zu können und Gesundheitskräfte zu bündeln
  • Bewusst und bedacht handeln
  • Gut und sachlich informiert bleiben, um den Überblick zu behalten
  • Positive Meldungen weitertragen und kreative Initiativen unterstützen
  • All jenen danken, die nicht zu Hause bleiben können und anderen die Botschaft senden: „Bleibt Ihr zu Hause, wir bleiben für Euch da!“ Denn sie halten unsere Welt draußen am Laufen. 

Jede*r einzelne von uns ist gefragt, die Lage mitzugestalten. Wir hoffen, dass wir als Weltgemeinschaft, als Gesellschaft und in unserem sozialen Umfeld mit vereinten Kräften die Chancen ergreifen, die aus diesen Zeiten bereits erwachsen sind und noch wachsen werden. Mögen sie größer und kraftvoller sein als die Krise selbst! 

In diesem Sinne werden wir auch in den kommenden Tagen und Wochen Anregungen & Informationen zur Ermutigung und Verbundenheit über unsere Webseite, Social Media Kanäle und unseren Newsletter bereitstellen. Wir wollen, trotz vorübergehender Einschränkungen, weiterhin bestmöglich für Sie erreichbar und ansprechbar sein. Bleiben Sie gesund und uns gewogen!

Video-Tipp: Stefan Schmidt-Troschke sprach bereits Ende März mit der Journalistin Angela Elis über die Corona-Pandemie, was wir von ihr lernen können und wie wir uns Krisenkompetenzen aneignen. Das Interview finden Sie hier bei wertvoll.