Diagnose "hirntot"?

Elf Hirntod-Diagnosen auf dem Prüfstand

Die jüngst bekanntgewordene Panne bei einer Hirntod-Diagnostik in Bremerhaven ist offenbar kein Einzelfall. Die Bundesärztekammer hat nun zugegeben, dass sie derzeit elf Fälle in zehn Krankenhäusern überprüft.

Laut einem Bericht in der Süddeutschen Zeitung musste im Dezember eine Organentnahme bei einer Patientin abgebrochen werden, weil die Hirntod-Diagnostik offenbar nicht korrekt vorgenommen worden war. Der Patientin war bereits der Bauchraum geöffnet worden, als der Fehler festgestellt wurde. Dies ist nicht der erste Skandal in Zusammenhang mit der Hirntod-Diagnostik. Bereits vor einem Jahr war bekannt geworden, dass in den Jahren zuvor bei mindestens neun als Organspender gemeldeten Patienten die Feststellung des Hirntodes nicht vorschriftsmäßig erfolgt war. 

Im aktuellen Fall haben Krankenhaus-Leitung und Bundesärztekammer nach erster Untersuchung beteuert, dass es sich lediglich um „Unzulänglichkeiten“ in der Dokumentation gehandelt habe. Das entspricht offenbar nicht den Tatsachen, Experten sprechen von Täuschung der Öffentlichkeit. Denn mittlerweile wurde bekannt, dass der Apnoe-Test, ein wichtiger Teil der Hirntod-Diagnostik, nicht nach den dafür vorgesehenen Regeln abgeschlossen wurde. Dieser zeigt, ob es bei einem Patienten zum Atemstillstand gekommen ist.

Und weitere Fragen sind offen: Wieso wurde die fehlerhafte Dokumentation erst während der Operation bemerkt? Und wie kam es, dass die Patientin noch auf dem OP-Tisch am Herz-Kreislauf-Stillstand verstarb? Zeugen aus OP-Saal berichteten der SZ, dass die Ärzte die Geräte ausschalteten. Wollten sie damit eventuell vermeiden, die für hirntot erklärte Frau wieder als lebendig deklarieren zu müssen?

Vor allem die Bundesärztekammer steht aktuell unter Beschuss. Seit Jahren hatten Experten – allen voran der frühere Geschäftsführer der DSO und Transplantationschirurg Gundolf Gubernatis sowie der Neurologe Hermann Deutschmann – gefordert, eine verbindliche zertifizierte Zusatzqualifikation für die Hirntod-Diagnostik einzuführen. Die zuständige Bundesärztekammer hatte die Notwendigkeit jedoch stets bestritten. Kein Wunder also, dass die Ereignisse in Bremerhaven nur durch Informanten ans Tageslicht gekommen sind. Auch die Tatsache, dass weitere Ermittlungen laufen, hat die Bundesärztekammer offenbar nur aufgrund zähen Nachfragens preisgegeben. Nun sind der Gesundheitsminister und die Politik gefragt, schnellstmöglich die bisherige Praxis zu überprüfen und eine höchstmögliche Sicherheit und Unabhängigkeit für das Verfahren der Hirntod-Diagnostik sicherzustellen.

Quellen: sueddeutsche.de, 11.01.2015,   13.01.2015,   14.01.2015  und 16.01.2015

Zur Problematik der Hirntod-Diagnostik

Interview mit dem Neurologen Prof. Rudolf Janzen in unserer Broschüre: Organspende - Sie entscheiden!