Ethikrat uneins über Hirntod

GESUNDHEIT AKTIV macht sich mit seiner aktuell laufenden Petition für eine ehrliche und umfassende Aufklärung zur Organspende stark. Nun hat auch der Ethikrat mit seiner Ende Februar vorgelegten Stellungnahme zum Hirntod deutlich gemacht, dass sich zumindest in diesen Bereichen bei der Organspende einiges ändern muss.

Hirntod gleich Tod?

Der Ethikrat hält am Hirntod als notwendigem Kriterium für die Organentnahme fest. Doch sind Hirntote tatsächlich tot? An dieser Frage scheiden sich die Geister auch im Ethikrat. Die Mehrheit des höchsten deutschen Ethikgremiums ist der Auffassung, dass der Hirntod ein sicheres Todeszeichen ist und begründet dies mit dem Verlust sämtlicher mentaler Aktivitäten und der leib-seelischen Einheit eines Organismus, die auf der zentralen Integrationsleistungen des Gehirns beruhe. Für sieben der 26 Mediziner, Philosophen, Theologen und Juristen markiert der Hirntod jedoch nicht den Tod des Menschen, da der Körper unter intensivmedizinischer Behandlung weiter erhebliche Fähigkeiten zur Selbststeuerung zeige. Hirntote können ihre Körpertemperatur steuern, Wunden heilen, sie entwickeln bei Infektionen Fieber, sogar eine Schwangerschaft kann erfolgreich aufrechterhalten werden. Eine Entnahme von Organen bei vollständigem irreversiblen Hirnversagen sieht die Minderheit dennoch dadurch legitimiert, dass es mit dem Hirntod keine Indikation mehr zur medizinischen Weiterbehandlung gebe und dadurch der Wille des betroffenen Patienten eine besondere Bedeutung gewinne.

Organe von Nicht-Toten?

Damit ist eine Minderheit des Ethikrates bereit, die jetzt im Transplantationsgesetz festgelegte Dead-Donor-Rule als Voraussetzung für die Organentnahme aufzugeben. Dieser Sicht widerspricht die Mehrheit des Ethikrates heftig: Werde der Hirntod nicht als der Tod des Menschen angesehen, handele es sich bei der Organentnahme um eine fremdnützige Tötung, die verfassungsrechtlich nicht zu rechtfertigen sei und zudem dem ärztlichen Berufsethos widerspreche. Zudem könne es dann auch nicht mehr – wie aktuell rechtlich zulässig – die Möglichkeit der Zustimmung zur Organspende durch Angehörige geben. Damit stünden dann auch keine Organe mehr zur Verfügung für Kinder, die für die Übertragung von Organteilen eines Erwachsenen zu klein sind.

Information und Kommunikation verbessern

Trotz dieses tiefen Dissens' über das Todeskriterium verfolgt der Ethikrat in seiner Stellungnahme das gemeinsame Kernanliegen, die Information und Kommunikation rund um die Organspende zu verbessern. Auch die Kontroverse um das Hirntod-Konzept soll dabei in den Informationsmaterialien für Organspende abgebildet werden – so eine der Forderungen. Besonders detaillierte Vorschläge hat der Ethikrat zu der Gesprächsführung mit den Angehörigen im Krankenhaus entwickelt. Hier plädieren die Experten für frühzeitige, nicht-direktive (also ergebnisoffene) Gespräche, möglichst durch interdisziplinäre Teams, die bereits vor Diagnose des Hirntodes begonnen werden und die nicht nur das Thema Organspenden betreffen sollten, sondern den ganzen Prozess des Abschiednehmens und der Nachsorge. Auch sollte die Rolle der Transplantationsbeauftragten gestärkt werden.

Hirntod-Diagnostik auf dem Prüfstand

Der Ethikrat setzte sich auch mit der Praxis der Organentnahme auseinander. Die grundsätzliche Zuverlässigkeit der Hirntoddiagnostik stellen die Experten nicht infrage. Sie sehen die Ärzteschaft jedoch in der Pflicht, die Methoden der Hirntod-Diagnostik kontinuierlich an den Erkenntnisfortschritt der Wissenschaft anzupassen sowie in der Praxis sicher umzusetzen. Zudem soll die Ausbildung der untersuchenden Ärzte verbessert werden. Dies ist als eine – versteckte – Kritik an der Bundesärztekammer zu werten, die auf Berichte über Pannen bei der Hirntod-Diagnostik seit Jahren mit Untätigkeit reagiert.

Organprotektive Maßnahmen vor Hirntod

Weiteren Handlungsbedarf sieht der Ethikrat bei den umstrittenen organprotektiven Maßnahmen: Das Gremium fordert eine gesetzliche Regelung, unter welchen Bedingungen und wann solche Maßnahmen insbesondere vor Feststellung des Hirntodes eingeleitet werden dürfen und wer darüber entscheiden darf. Bundesärztekammer und Deutsche Stiftung Organtransplantation bestreiten bisher, dass es solche, rein auf die Organspende ausgerichtete – und damit rechtlich aktuell nicht zulässige – Eingriffe bereits vor der Hirntod-Diagnose gibt. Auch drei Vertreter des Ethikrates – allesamt Ärzte – lehnen in einem Sondervotum mit dieser Begründung einen gesetzlichen Handlungsbedarf ab. Wahrscheindlich befürchten sie, dass die Information über solche, zum Teil hoch invasiven Eingriffe die Spendebereitschaft bei Bürgern und Angehörigen noch einmal mehr senken könnte.

Fazit

Die Sicht auf den Tod kann nicht medizinisch-naturwissenschaftlich beantwortet werden. Dies zu benennen und den Konflikt um das Hirntod-Konzept deutlich zu machen, ist Verdienst dieser Stellungnahme. Der Ethikrat setzt als Konsequenz vor allem auf Transparenz und eine gesellschaftliche Diskussion und wirbt für seine Empfehlungen mit der Hoffnung, dass mehr Offenheit auch höhere Spenderzahlen nach sich zieht. Nun wird aufmerksam zu verfolgen sein, ob diese ethische Diskussion über den Hirntod – wie empfohlen – auch in den offiziellen Informationsmaterialien zur Organspende ihren Niederschlag findet. Gewünscht hätte man sich, dass der Ethikrat hier konkreter geworden wäre und sich zum Beispiel für eine Änderung des Organspendeausweises stark gemacht hätte, um die aktuelle sprachliche Gleichsetzung von Hirntod mit dem Tod des Menschen zu beenden.

Die Praxis bei den Gesprächen mit den Angehörigen in den Krankenhäusern wird sich dagegen schwer überprüfen lassen. Die vorhandenen Interessenskonflikte, die einer ergebnisoffenen Begleitung im Weg stehen, haben die Experten leider nicht beim Namen genannt, ebensowenig die Missstände bei der Hirntoddiagnostik, wohl zugunsten von konsensfähigen Empfehlungen in diesen Bereichen. Mehr Mut hat der Ethikrat bei den organprotektiven Maßnahmen  bewiesen. Dass diese nun – hoffentlich – in den öffentlichen wie politischen Fokus geraten, darüber dürften die Transplantationsmediziner am wenigsten glücklich sein.

Quelle: Stellungnahme des Deutschen Ethikrates „Hirntod und Entscheidung zur Organspende“