Eine gelungene Podiums-Diskussion

Hirntod: Ist die Organspende noch zu retten? 

Am 24. März veranstaltete GESUNDHEIT AKTIV in Berlin eine gelungene Podiums-Diskussion zum Thema "Hirntod: Ist die Organspende noch zu retten?" Unter dem Motto „Wir wollen ALLES wissen“ hatte GESUNDHEIT AKTIV schon im Herbst 2014 eine Kampagne für mehr ehrliche Aufklärung zur Organspende auf den Weg gebracht. Die Podiumsdiskussion hat dieser Botschaft nun weiteren Schwung gegeben.

An der Diskussion nahmen teil: Prof. Dr. Gundolf Gubernatis (Transplantationschirurg, ehemaliger Geschäftsführender Arzt der Deutschen Stiftung Organspende, Region Nord), Dr. Christina Berndt (Redaktion „Wissen“, Süddeutsche Zeitung), Dr. med. Stefan Schmidt-Troschke (Geschäftsführer GESUNDHEIT AKTIV e.V.), Dr. Katja Leikert MdB (CDU/CSU) und Kathrin Vogler MdB (Die Linke). Die Diskutanten vertraten durchaus unterschiedliche Ansätze – auch zu den Konsequenzen, die aus den Fehlern der Hirntod-Diagnostik und den Organspende-Skandalen gezogen werden sollten.

MEHR VERTRAUEN DURCH TRANSPARENZ UND AUFKLÄRUNG

Einführend verwies Dr. Stefan Schmidt-Troschke, Geschäftsführer von GESUNDHEIT AKTIV, auf die kürzlich veröffentlichte Stellungnahme des Ethikrates zur Organspende, die deutlich zeigte, dass der Rat zwar am Hirntod als Kriterium festhält, einige Mitglieder diesen Aspekt aber sehr kritisch sehen. Für sie markiert der Hirntod nicht den Tod eines Menschen, da der Körper zum Beispiel weiter die Körpertemperatur steuern oder Wunden heilen kann. Als Konsequenz fordert der Ethikrat eindringlich, die Information und Kommunikation rund um die Organspende zu verbessern und transparenter zu gestalten. Auch die Angehörigen sollen vollständig und ergebnisoffen aufgeklärt werden. Dementsprechend seien auch die Ausbildung der Ärzte/innen zu verbessern und neue gesetzliche Regelungen für sogenannte organprotektive Maßnahmen zu schaffen.

Für Schmidt-Troschke steht eine transparente Aufklärung als wichtigstes Kriterium in der Debatte um die Organspende im Mittelpunkt. Er forderte, die Angaben auf dem Organspendeausweis zu überarbeiten, um die Menschen vor einer Entscheidung umfassend, ehrlich und offen zu informieren. Das sei mit den bisherigen Materialen nicht gewährleistet. Der Organspendeausweis in seiner jetzigen Form suggeriere, dass ein Patient zum Zeitpunkt der Organentnahme tot sei. Gerade das sei aber sei ja umstritten.

Dr. Katja Leikert (CDU/CSU) hingegen kritisierte weniger die Qualität der Aufklärung. Für sie ging es vor allem darum, dass sich jeder verbindlich entscheiden sollte – schließlich gebe es eine ethische Verantwortung den Empfängern gegenüber. Dieses Ziel sei nur mit gezielten Werbemaßnahmen und einer verbesserten Meldelogistik zu erreichen. So sollten zentrale Verzeichnisse eingerichtet werden, in denen die Bereitschaft zur Organspende hinterlegt werden kann. Weniger kritisch setzte sie sich mit der Feststellung des Hirntodes auseinander. Hier gebe es aus ihrer Sicht  „gute Richtlinien und Vorgaben zur Feststellung eines Hirntodes", außerdem seien Sanktionen bei Fehlverhalten festgeschrieben.

Dem wollte Prof. Dr. Gundolf Gubernatis nicht ganz zustimmen. Er forderte ausdrücklich, für die Hirntoddiagnostik eine Zusatzqualifikation für Ärzte einzuführen, um weitere Pannen bei der Feststellung des Hirntodes zu vermeiden. Schließlich gebe es solche Zusatzqualifikationen für alle Fachärzte – warum nicht auch solche, die einen Hirntod feststellen sollen? Auch brachte er die Frage ein, ob es nicht Zeit für eine neue verantwortliche Institution sei, um mehr Transparenz und Vertrauen zu schaffen. In seinen Augen sei die Bundesärztekammer in dieser Frage nicht ausreichend engagiert und nicht offen genug für Gespräche.

Dr. Christina Berndt, die die Skandale um die Organspende eingangs mit Daten und Zahlen untermauert hatte, sprach sich dafür aus, mehr Menschen zu motivieren, den Organspendeausweis auszufüllen, ihnen aber eine echte Wahl zu lassen. Menschen gesetzlich zu einer Entscheidung zu drängen, erschien ihr fragwürdig. Die Ängste der Menschen sollten ernst genommen werden und die Aufklärung transparenter als bisher erfolgen. Auch plädierte sie für eine Verbesserung der Hirntoddiagnostik bzw. Ausbildung der Ärzte.

Für Kathrin Vogler (Die Linke) war Prof. Gubernatis´ kritische Haltung bezüglich der  Bundesärztekammer nachvollziehbar. Auch zeigte sie Verständnis für die Forderung der Bevölkerung nach mehr politischem Engagement. Vogler plädierte für mehr Transparenz und Aufklärung, um die Menschen bei einer freien Entscheidung zu unterstützen. Insgesamt forderte die Politikerin, dass Themen wie Sterben, Tod, Leid und Krankheit stärker und offener in unserer Gesellschaft diskutiert werden.

Auch das Publikum brachte sich in die Diskussion ein. Hier spürte man vor allem den emotionalen Charakter vieler Beiträge: Was sei denn mit den Angehörigen, die den Spender nicht bis zum letzten Herzschlag begleiten könnten? Der Tod sei etwas ganz Persönliches, meinte eine Teilnehmerin. Niemand wisse, wie es sei, zu sterben: „Dieser Prozess ist aus der Innenperspektive nicht beschreibbar, und damit ist die Entscheidung, ob man den Organspendeausweis mit ‚Ja‘ ankreuzt, ganz individuell mit der eigenen Lebenseinstellung und der Vorstellung von Sterben abzuwägen.“

Um eben diese ganz persönliche Entscheidung geht es auch GESUNDHEIT AKTIV: „Eine solche Entscheidung kann nur mit umfassender, unabhängiger und ergebnisoffener Information und Beratung erfolgen“, so Dr. Stefan Schmidt-Troschke in seinem Fazit.