"Die Kunst des Unterlassens"

"Die Kunst des Unterlassens"

Ein flammendes Plädoyer "gegen den Sog der Machbarkeit"

"Die ärztliche Kunst des Seinlassens" – so lautete einer der bemerkenswertesten Schwerpunkt-Vorträge auf dem diesjährigen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin im April in Mannheim. Gehalten wurde er von Professor Dr. Giovanni Maio, Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg.

Er kritisierte, dass "Ärzte nicht mehr danach bewertet werden, ob sie patientengerecht behandelt haben", sondern nach Wachstumszahlen, die wie die Industrie auf Expansion ausgerichtet sind. Damit, so Maio, würden Ärzte "mehr und mehr dazu gebracht, sich von genuin ärztlichen Werten zu distanzieren. Offenbar sprach sein flammendes Plädoyer "gegen den Sog der Machbarkeit" vielen Ärzten aus der Seele, sonst hätten die Kongress-Organisatoren einem solchen Vortrag nicht eine so herausgehobene Position eingeräumt. 

Mit seinem Plädoyer wandte sich der Medizinethiker deutlich gegen die derzeitige Merkantilisierung der Medizin. Es gelte, so Maio, "neu ins Bewusstsein zu rufen, dass es für eine gute Medizin anderer Werte" bedürfe als für das Führen eines Wirtschaftsunternehmens. Werte wie Sorgfalt, Ruhe, Weitsicht und Reflexivität seien unabdingbar für eine gute Medizin und dürften "nicht auf dem Basar einer ökonomisierten Medizin geopfert" werden. Der Patient wünsche sich zu Recht einen Arzt, der nicht nur für das Machen belohnt wird, sondern vor allem für das Beraten. "Der Kern der ärztlichen Tätigkeit liegt in der Qualität der Entscheidung im Sinne des Patienten und nicht in der Steigerung der Interventionszahlen", so Maio.

Daher sei es wichtig, den Wert des Unterlassens neu zu unterstreichen, um zu verhindern, dass eine rein ökonomisch gestaltete Medizin in einen Aktionismus verfalle, der am Ende nicht nur dem Patienten schade, sondern dem Grundvertrauen in die innere Integrität der Medizin als einer sozialen Praxis zuwiderlaufe.

Quelle: 121. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin, Hauptprogramm

Die Ärztezeitung hat ein ausführliches Interview mit Prof. Maio geführt, in dem er seinen Standpunkt weiter ausführt.