Hirntod engagiert diskutiert

Hirntod engagiert diskutiert

 

Rund 90 Gäste waren der Einladung von GESUNDHEIT AKTIV und dem Gesundheitsladen Münchens gefolgt und diskutierten am 17. April mit dem Intensivmediziner Prof. Josef Briegel vom Klinikum Großhadern und dem Anthroposophischen Arzt und Kardiologen Dott. Paolo Bavastro über das Hirntod-Konzept und andere Aspekte bei der Organspende.

Als Meilenstein in der Geschichte der Transplantationsmedizin gilt die Entscheidung von 1968, das irreversible Koma als "Hirntod" zu definieren und somit den Tod selbst neu zu definieren. Bis dahin galt ein Mensch erst dann als tot, wenn Herz und Atmung irreversibel zum Stillstand gekommen sind. Prof. Dr. Josef Briegel, der auch Transplantationbeauftragter im Klinikum Großhadern ist, betonte in seinem einführenden Vortrag, Ziel sei nicht in erster Linie gewesen, die Entnahme von Organen zu legitimieren, sondern einen Zeitpunkt zu benennen, ab dem eine sinnlose intensivmedizinische Behandlung abgebrochen werden könne. Inzwischen habe sich, so Briegel, die Gleichsetzung des Hirntodes mit dem Tod des Menschen nahezu weltweit durchgesetzt.

Die Körper von hirntoten Patienten sind nicht nur warm und werden künstlich beatmet, es treten auch vielfältige Reaktionen auf: Unkoordinierte Bewegungen ("Lazarus-Reflex") gibt es zum Beispiel bei drei von vier Hirntoten, Männer können Erektionen haben, Kinder weiter wachsen. Darauf wies Paolo Bavastro in seinem Vortrag hin und zog daraus folgendes Resumee: „Es ist völlig in Ordnung, wenn Angehörige hirntote Patienten als lebendig empfinden, weil sie biologisch auch lebendig sind“. Viele hochkomplexe Reflexe wie der Gasaustausch zwischen Lunge und Blut, die Temperaturregulierung oder die Immunabwehr werden nicht vom Gehirn, sondern vom Rückenmark gesteuert. Laut Bavastro sei die Idee vom Gehirn als Steuerungszentrale heute nicht mehr haltbar.

Josef Briegel entgegnete, dass diese These nur von einer Minderheit vertreten werde, zum Beispiel halte auch der Deutsche Ethikrat in seiner aktuellen Stellungnahme mehrheitlich am Hirntodkonzept fest.

In der anschließenden Diskussion zeigte sich, dass das Thema auch im Publikum kontrovers ist: Einige Stimmen äußerten Zweifel, dass mit dem Hirntod auch automatisch der Verlust des Bewusstseins einhergehe und verwiesen unter anderem auf Nahtoderfahrungen, bei denen Betroffene im Nachhinein trotz Null-Linien-EEG über Vorgänge während ihres Komas berichten konnten. Andere Teilnehmer wiesen darauf hin, dass durch die Organentnahme der Sterbeprozess gestört werde, da das Menschsein neben der körperlichen auch eine seelisch-geistige Dimension beinhalte. Eine solche ganzheitliche Sicht trifft im Krankenhausalltag jedoch nicht immer auf Verständnis, wie ein Teilnehmer aus eigener Erfahrung berichtete. Konträr dazu verwies Josef Briegel auf die vielen engagierten Psychologen in Kliniken.

Für die Perspektive der Empfänger kam stellvertretend ein Teilnehmer zu Wort, der kritisierte, dass bei der Diskussion über den Hirntod die Situation der 11.000 Menschen in Deutschland, die dringend auf ein Organ warten, aus dem Blick gerate. Peter Friemelt vom Gesundheitsladen München widersprach: “Die intensive Auseinandersetzung mit dem Thema Hirntod ist eine notwendige Voraussetzung, um eine wirklich selbstbestimmte, informierte Entscheidung für oder gegen Organspende fällen zu können.“ Dass Angehörige oft moralisch unter Druck gesetzt werden, schilderte eine ehemalige Intensivschwester. Selbst beim Krankenhauspersonal gebe es Ärzte und Pflegekräfte, die nicht bereit seien, an Organentnahmen mitzuwirken.

Fazit
Über die unterschiedlichen Sichtweisen auf den (Hirn-)Tod muss diskutiert werden – diese Erkenntnis setzt sich zunehmend auch in der Transplantationsmedizin und in den zuständigen Institutionen durch. Dass dies kontrovers, aber respektvoll geschehen kann, hat die Veranstaltung auf eindrückliche Weise gezeigt. Wichtig wäre, eine solche offene Informations- und Gesprächskultur auch in der Praxis der Transplantationsmedizin zu etablieren. Vielleicht könnte das zu einem echten gesellschaftlichen Konsens über Organspende führen.