Umstrittenes Mamma-Screening

Brustkrebs: Neues Merkblatt will differenzierter aufklären

Brustkrebs ist bei Frauen der häufigste Tumor mit Todesfolge. Viele setzen daher auf das Mammografie-Screening, um eine mögliche Krebserkrankung frühzeitig zu erkennen. Doch inzwischen gibt es zahlreiche Studien-Ergebnisse, die darauf hindeuten, dass der Effekt eines solchen Screenings kleiner als bisher angenommen ist. Gleichzeitig machen andere Studien deutlich, dass viele Frauen den Nutzen des Screenings massiv überschätzen. In einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung (2014) waren sogar 30 Prozent der gesetzlich versicherten Frauen der Ansicht, das Screening könne das Auftreten von Brustkrebs verhindern. In Deutschland wird das Mammografie-Screening für Frauen zwischen 50 und 69 Jahren empfohlen. Da die Teilnahme freiwillig ist, bekommen Frauen zwischen 50 und 60 Jahren alle zwei Jahre ein Einladungsschreiben mit einem Merkblatt. Auf der Basis dieser Information sollen sie selbstbestimmt entscheiden können, ob sie teilnehmen möchten oder nicht.

Ab Juli dieses Jahres wird nun ein überarbeitetes Infoblatt versandt, um differenzierter über das Nutzen-Risiko-Verhältnis des Screenings zu informieren. Obwohl auch das bisherige Infoblatt die Frage nach den Vor- und Nachteilen aufgegriffen hatte, wird das neue Merkblatt noch expliziter: Von 1.000 Frauen, die zehn Jahre lang an der Untersuchung teilnehmen, werden nur ein bis zwei vor dem Tod durch Brustkrebs bewahrt. Bei Frauen mit erhöhtem Brustkrebsrisiko könne die Zahl auch etwas höher liegen. Trotzdem: "Die weitaus meisten Frauen haben jedoch keinen gesundheitlichen Vorteil."

Darüber hinaus informiert das neue Infoblatt ausführlicher über mögliche Risiken des Screenings, zum Beispiel Überdiagnosen – also Tumore, die ohne Früherkennung zu Lebzeiten der Frau nicht auffällig geworden wären. Den ein bis zwei Frauen, die bei zehnjähriger Screening-Teilnahme von 1.000 Frauen vor dem Tod durch Brustkrebs gerettet werden, stehen demnach fünf bis sieben Frauen mit Überdiagnosen gegenüber. Auch falsch-positive Befunde (also Krebs-Befunde, die sich als „falscher Verdacht“ herausstellen) sind nicht selten – man geht davon aus, dasss bei einer einzelnen Screeningrunde mit 1.000 Frauen 24 solche Befunde vorkommen.

Insgesamt kann die Lektüre des neuen Merkblatts dazu führen, dass Frauen das Nutzen-Risiko-Verhältnis des Brustkrebs-Screenings weniger günstig beurteilen, als sie das bislang getan haben. Es ist nicht unrealistisch, dass es in Zukunft eine verminderte Bereitschaft zur Teilnahme geben wird. Wenn Frauen allerdings mündig entscheiden sollen, brauchen sie eine möglichst objektive Entscheidungsgrundlage nach aktuellem medizinischem Kenntnisstand. So heißt es im Merkblatt: "Studien lassen offen, ob Frauen, die regelmäßig zur Mammografie gehen, länger leben als Frauen, die die Untersuchung nicht in Anspruch nehmen."

Übrigens: Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) lädt interessierte Personen und Institutionen ein, den Vorbericht „Einladungsschreiben und die Entscheidungshilfe zum Mammografie-Screening“ zu beurteilen. Wenn Sie eine Stellungnahme abgeben möchten, richten Sie diese bitte bis zum 5. April 2016, 12:00 Uhr an berichte@iqwig.de. Bitte beachten Sie die Hinweise und formalen Anforderungen für eine Stellungnahme.

Quelle: Ärzte Zeitung, 17. Februar 2016