Ist Überleben eine Geldfrage?

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Krebs: Deutlich höheres Sterberisiko bei sozial Schwachen

Immer mehr Menschen erkranken an Krebs. Und immer mehr Menschen leben mit dieser Krankheit viele Jahre. Heute gibt es in der Forschung Anzeichen, dass für die Schwere der Krebserkrankung und sogar für das Überleben der soziale Status ausschlaggebend ist. Menschen aus sozial schwachen Milieus haben bei Krebs ein deutlich höheres Sterberisiko, als Menschen, die in den Bereichen Bildung, Einkommen, Erwerbstätigkeit, Wohnort und Familienstand besser gestellt sind. Das Risiko, an einer Tumorerkrankung zu sterben, ist in sozioökonomisch benachteiligten Regionen anfangs um 24 Prozent und ein Jahr nach der Diagnose um 16 Prozent höher als in privilegierten Schichten.

„Der Sozialstatus ist für das Überleben ein Kriterium, das wir nicht aus den Augen verlieren dürfen“, mahnen Onkologen, die das Problem im Rahmen einer eigenen Vortragsreihe beim Deutschen Krebskongress im Februar 2016 diskutierten. An der Alice Salomon Hochschule Berlin läuft zurzeit ein Projekt zum Einfluss von sozioökonomischen Faktoren auf den Versorgungsprozess bei Krebspatienten. Auch wird inzwischen diskutiert, wie die individuelle Gesundheitskompetenz der Menschen schichtenübergreifend gefördert werden kann.

„Dass Krebspatienten aus sozial schwachen Schichten ein höheres Risiko haben, an Krebs zu sterben, ist untragbar“, sagt Dr. Stefan Schmidt-Troschke von GESUNDHEIT AKTIV. „Allerdings verwundert diese Tatsache kaum, wenn wir bedenken, dass die Patienten nur noch sehr kurze Zeit im Krankenhaus sind. Danach werden sie mit ihrem Entlassungsbrief zum niedergelassenen Onkologen geschickt und sollen den Rest alleine organisieren. Es gibt niemanden, der ihnen dabei hilft, sich zu orientieren und – im Sinne eines Lotsen – die verschiedenen Therapien zu koordinieren. Krebs ist ja aber eine hochkomplexe Krankheit, die eine multimodale Therapie und vor allem auch soziale Unterstützung und Orientierung braucht. Sich darum selbst zu kümmern, setzt einen gewissen Bildungsstand und ein gutes soziales Netz voraus. Wer das nicht hat, fällt durchs Raster." Das sei natürlich auch eine Frage der Prioritäten, betont Schmidt-Troschke. Heute werde vor allem in Hochdosis-Behandlungen am Lebensende investiert – mit oft sehr zweifelhaftem Nutzen. Die menschliche Fürsorge bleibe dabei leider nur allzu oft auf der Strecke: „Als Gesellschaft müssen wir uns fragen lassen, was uns eine Begleitung in der medizinischen Versorgung wert ist, zumal bei einer existenziell bedrohlichen Krankheit wie Krebs. Und vor allem: Welche Priorität hat sie gegenüber den vielen (Schein-)Innovationen, die wir ohne weiteres bereit sind zu finanzieren?"

Quelle: Ärzte Zeitung, 29. Februar 2016