ARZTPRAXEN UNGLEICH VERTEILT

Ärztemangel auf dem Land

Deutschland steht im internationalen Vergleich mit einer Arztdichte von 4,1 praktizierenden Ärzten je 1.000 Einwohner auf einem der Spitzenplätze. Bei den niedergelassenen Ärzten gibt es keinen Ärztemangel, sondern oft sogar eine Überversorgung, wie der Ärzteatlas 2016 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) aufzeigt. Trotzdem bestehen gravierende Probleme: „Die Versorgungslage ist durch eine steigende Arztdichte, aber auch durch erhebliche Verteilungsprobleme gekennzeichnet. Die Überversorgung in einigen Regionen bindet Ressourcen, die anderswo fehlen“, kommentiert das WIdO die Veröffentlichung der neuen Zahlen. Oder anders gesagt: An manchen Orten, vor allem in Großstädten, gibt es zu viele, an anderen – vor allem auf dem Land – zu wenig Ärzte. 

Im Jahr 2015 wurden mit 456 Ärzten je 100.000 Einwohner deutschlandweit fast 50 Prozent mehr Mediziner gezählt als noch im Jahr 1991 mit 304 Ärzten. Der Gesamtversorgungsgrad liegt in sämtlichen Fachrichtungen deutlich über dem Soll. Selbst im vieldiskutierten hausärztlichen Bereich ergibt sich 2015 bundesweit ein Gesamtversorgungsgrad von 109,6 Prozent. „Allerdings zeigen sich“, so die Autoren des Berichts, „zum Teil enorme regionale Unterschiede: Einer Unterversorgung oder drohenden Unterversorgung in einigen Landstrichen steht eine deutliche Überversorgung insbesondere in Ballungsgebieten und für Ärzte attraktiven Regionen gegenüber.“

Dazu kommt eine große Zahl an Praxen, die altersbedingt auf absehbare Zeit Nachfolger suchen werden oder dies bereits tun. Bundesweit ist ein Drittel der Hausärzte 60 Jahre oder älter: „Ärztlicher Nachwuchs wird in den kommenden Jahren vor allem im hausärztlichen Bereich benötigt“. Besonders kritisch stellt sich die Lage dort dar, wo ungünstige Faktoren zusammenkommen: Niedriger Versorgungsgrad, hoher Altersanteil bei den Ärzten und Schwierigkeiten mit der Wiederbesetzung. Die Patienten bekommen diese Defizite in strukturschwachen Regionen bereits heute zu spüren. In einer Umfrage erklärte vor kurzem nur jeder fünfte Bewohner ländlicher Gebiete, dass die Gesundheitsversorgung für alle zugänglich und erschwinglich sei.

GESUNDHEIT AKTIV warnt vor einem weiteren Ausbluten der ambulanten Medizin in ländlichen Regionen: „Die Ergebnisse des Ärzteatlas zeigen, dass es heute schon viele Verlierer bei der medizinischen Versorgung gibt", sagt Dr. Stefan Schmidt-Troschke, Geschäftsführender Vorstand des Vereins. „Aufgrund des demografischen Wandels wird sich diese Situation noch weiter verschlechtern. Das ist bekannt – und trotzdem orientiert sich die jetzige Planung nicht in erster Linie am regionalen Bedarf, sondern an berufspolitischen Zielen. In skandinavischen Ländern beispielsweise wird eine Zulassung regional durch ihre Selbstverwaltung ermöglicht. Bei uns dagegen haben die Betroffenen über die Kommunen, in denen sie leben, so gut wie keinen Einfluss darauf. Wir fordern daher, dass Medizin und Gesundheit viel stärker in die kommunale Verantwortung gelegt werden. Vor Ort wissen die Akteure nämlich in der Regel am besten, was wirklich gebraucht wird.“

Quelle: Ärzteatlas 2016 (279 Seiten!)