GEKAUFTE MEDIZIN?

Pharmaindustrie legt Zahlungen offen 

Rund 575 Millionen Euro haben Pharmakonzerne im vergangenen Jahr an mehr als 71.000 Ärzte und Fachkreisangehörige (zum Beispiel Apotheker) sowie an 6.200 medizinische Institutionen und Einrichtungen gezahlt. Diese Summe legten 54 Pharmakonzernen Ende Juni 2016 erstmals offen. Das Geld wurde für Vorträge, Beratungen, Fortbildungsveranstaltungen und Spesen überwiesen. Der Großteil der Zuwendungen (rund 366 Millionen Euro) entfiel auf medizinische Studien.

Zu diesen Studien gehören auch die äußerst umstrittenen „Anwendungsbeobachtungen“, bei denen ein Arzt ein bereits zugelassenes Medikament verschreibt und dann die während der Anwendung vorkommenden Nebenwirkungen notiert. Kritiker weisen immer wieder darauf hin, dass die Ärzte bei dieser Tätigkeit in erster Linie für das Verschreiben eines bestimmten Arzneimittels bezahlt werden, weniger für das Melden der Nachteile. Nach Recherchen von NDR, WDR, „Süddeutscher Zeitung“ und des Recherche-Kollektivs „Correctiv“ liefen im vergangenen Jahr 600 solcher Beobachtungsstudien, über 150 wurden neu begonnen – mehr als in den zwei Jahren zuvor. Die Laufzeiten dieser Studien reichen teilweise bis in die 2030er Jahre hinein. Nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung sind knapp 13.000 Mediziner daran beteiligt, außerdem rund 4.100 Klinikärzte.

Die finanziellen Zuwendungen an Ärzte und Institutionen reichen von kleinen Beträgen bis hin zu einer Gesamtsumme von rund 200.000 Euro. Dabei hat der Pharma-Konzern Novartis die Nase vorn: Insgesamt 12,2 Millionen Euro gab der Pharma-Multi im Jahr 2015 für Vorträge, Beratungen, Fortbildungen und Reisespesen von Ärzten aus. Ob die Ärzte und die anderen Empfänger damit im Sinne des Unternehmens beeinflusst wurden oder nicht – darüber wird seit Jahren leidenschaftlich gestritten. Die meisten Ärzte glauben, dass sie unbestechlich seien, auch wenn sie von der Industrie Geld bekommen. Inzwischen zeigen verschiedene Studien aber, dass diese Einflussnahme oft ganz unbewusst abläuft. Dass viele Ärzte diesen Zusammenhang zumindest ahnen, zeigt sich auch daran, dass nur rund ein Drittel von ihnen zugestimmt hat, namentlich veröffentlicht zu werden.

GESUNDHEIT AKTIV begrüßt das Bemühen um mehr Transparenz im Gesundheitswesen, warnt aber trotzdem vor Stimmungsmache: „Wir halten es natürlich für sehr sinnvoll, dass Patienten sich darüber informieren können, welcher Arzt wie viel Geld von Pharmaunternehmen bekommt, und Ärzte werden sich auch daran gewöhnen müssen, dass Patienten gezielt nachfragen", sagt Dr. Stefan Schmidt-Troschke, Geschäftsführender Vorstand des Vereins. „Wir sollten es uns jedoch nicht zu einfach machen und Ärzte pauschal an den Pranger stellen. Solange unser Gesundheitswesen so aufgebaut ist, dass Forschung und Wissenschaft zu mehr als 90 Prozent in den Händen der Pharmakonzerne liegen, verwundet es nicht, dass Ärzte für diese Arbeit von den Unternehmen auch Geld bekommen. Und natürlich wird dort am meisten geforscht, wo der größte Umsatz zu erwarten ist. Hier müsste der Staat mit öffentlichen Forschungsprogrammen einsteigen, so dass zum Beispiel auch die zunehmend nachgefragte Komplementärmedizin angemessen und stärker erforscht wird.“

Das Recherchezentrum „Correctiv“ und SPIEGEL Online haben gemeinsam die Datenbank „Euros für Ärzte“ eingerichtet, in der man die Empfänger nach Namen, Ort und Postleitzahl suchen kann. Die Datenbank enthält allerdings nur diejenigen Ärzte, die freiwillig zugestimmt haben, dort aufgeführt zu werden.