TRISOMIE-BLUTTESTS

Pränataldiagnostik als Kassenleistung?

Welch ein Widerspruch: Auf der einen Seite wird immer wieder beteuert, dass wir eine inklusive Gesellschaft sein wollen; auf der anderen Seite werden Menschen mit Behinderungen im Alltag oft ausgegrenzt und diskriminiert. Von Inklusion kann keine Rede sein. Auch eine neue gesundheitspolitische Entscheidung klingt wenig inklusiv: Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), der in Deutschland entscheidet, ob ein medizinisches Verfahren Kassenleistung wird, hat Mitte August 2016 beschlossen zu überprüfen, ob der umstrittene Bluttest „PraenaTest“ in den Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenversicherung aufgenommen werden soll.

Der „PraenaTest“ wurde 2012 als nicht-invasiver Bluttest zur pränatalen Diagnostik zugelassen und musste bislang privat bezahlt werden. Damit können beim ungeborenen Kind Trisomien der Chromosomen 21, 18 und 13 bereits im dritten Schwangerschaftsmonat erkannt werden. De facto wird der Test also eingesetzt, um frühzeitig Anomalien wie das Down-Syndrom zu entdecken. Der Test kann damit die invasive Fruchtwasseruntersuchung (Amniozentese) oder eine Chorionzottenbiopsie ersetzen, die beide ein erhöhtes Risiko von Fehlgeburten bergen.

Schon die Zulassung des Tests wurde 2012 heftig kritisiert. Kirchen, Verbände und Ethiker wiesen schon damals darauf hin, dass es für die evtl. erkannten Anomalien keine Heilung gibt. Ein positiver Befund heißt deshalb in der Regel, dass die Schwangerschaft abgebrochen wird. Sollte der Test Kassenleistung werden, steht zu befürchten, dass sich diese Tendenz noch steigert, da der Druck auf werdende Eltern steigt, ihr ungeborenes Kind frühzeitig „testen“ zu lassen und sich bei positivem Ergebnis für einen Schwangerschaftsabbruch zu entscheiden.

Die aktuelle Entscheidung des G-BA, das formelle Bewertungsverfahren einzuleiten, hat deshalb erneut – auch bei Parlamentariern – viel Kritik hervorgerufen. In offenen Briefen hatten sich zum Beispiel die Abgeordneten Hubert Hüppe (CDU), Corinna Rüffer (Grüne), Dagmar Schmidt (SPD) und Katrin Vogler (Linke) sowie das Gen-ethische Netzwerk (GeN) gegen die Entscheidung des G-BA ausgesprochen. Auch das Timing mitten in der Sommerpause wurde als Versuch kritisiert, die brisante Entscheidung möglichst „unauffällig“ zu beschließen. Inhaltlich argumentierten die Politiker, dass das formelle Methodenbewertungsverfahren des G-BA unzureichend sei, da es ethische Fragestellungen nicht berücksichtige. Der G-BA hat nun seinerseits in einem Antwortschreiben den Bundestag aufgefordert, Rahmenbedingungen zu setzen.

Für GESUNDHEIT AKTIV kommentiert der Geschäftsführende Vorstand Dr. Stefan Schmidt-Troschke: Offenbar auf Druck der Industrie, der beteiligten Verbände, einschließlich der Ärzteschaft, hat der G-BA versucht, im Stillen weiter umzusetzen, was bereits lange geschieht: Andere Verfahren, wie zum Beispiel die Fruchtwasseruntersuchung (Amniozentese) oder auch die Präimplantationsdiagnostik (PID), sind inzwischen in der Kostenerstatttung durch die Krankenkassen etabliert. Auch sie zielen darauf ab, Geburten von Menschen mit schweren Krankheiten oder bestimmten Behinderungen zu verhindern. Menschen, die als Krankenversicherte mit ihren Beiträgen „solidarisch“ für diese Tests aufkommen, werden nicht gefragt, ob sie das wollen. Auf der einen Seite wird werdenden Eltern also nahe gelegt, sich für die Diagnostik (und damit meist in der Folge auch für den Abbruch der Schwangerschaft) zu entscheiden, auf der anderen Seite werden neue Gesetze gemacht, um die Integration von Menschen mit Behinderungen zu fördern. Welch eine Bigotterie!

Hintergrundinformationen:
Bereits 2012 hat das Institut Mensch, Ethik und Wissenschaft eine lesenswerte Stellungnahme zur nicht-invasiven Pränataldiagnostik herausgegeben, die immer noch hoch aktuell ist.
Eine berührende Auseinandersetzung zu dem Thema brachte die ZEIT mit einem Online-Dossier: „Wer darf leben?“