Wie unabhängig ist die Medizin?

Medizinische Leitlinien in der Kritik 

Die Antikorruptionsorganisation Transparency International Deutschland e. V. fordert gesetzliche Regelungen zur Erstellung und Qualitätssicherung von medizinischen Leitlinien für Ärzte und andere Heilberufe. In einer Untersuchung hat der Verein die Rahmenbedingungen zur Erstellung von medizinischen Leitlinien analysiert und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass die Unabhängigkeit und Neutralität von medizinischen Leitlinien nicht gesichert ist. „Leitlinienautoren sind häufig durch Interessenkonflikte belastet“, sagt Dr. Wolfgang Wodarg, Vorstandsmitglied von Transparency Deutschland. „Ein fehlender gesetzlicher Rahmen und mangelnde Ressourcen gefährden die Unabhängigkeit der erstellten Leitlinien und damit auch das Vertrauen in das Handeln der Ärzte und anderer heilberuflich Tätiger.“

Medizinische Leitlinien sollen eine Orientierung geben, wie Patienten idealtypisch zu behandeln sind. Sie werden von medizinischen Fachgesellschaften veröffentlicht. Anders als Richtlinien, die der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) für die anzuwendenden Leistungen der Versicherten erstellt, unterliegen sie keiner Qualitätskontrolle und werden durch kein deutsches Amt geprüft.

Transparency Deutschland zeigt im Rahmen der aktuellen Publikation, dass diese Leitlinien weiterhin trotz freiwilliger Selbstkontrolle durch unterschiedliche Interessengruppen beeinflusst werden können. Das ist problematisch, da diese Handlungsempfehlungen eine wichtige Orientierungsfunktion haben und teilweise sogar für gerichtliche Entscheidungen herangezogen werden. Transparency Deutschland fordert daher gesetzliche Bestimmungen, die die Transparenz und Methodik der Erstellung von Leitlinien regeln. Derartige Vorschriften sollen sich an bestehenden Beispielen orientieren und in Zusammenarbeit mit Einrichtungen der ärztlichen Qualitätssicherung erarbeitet werden. Ein aus Bundesmitteln finanziertes unabhängiges Gremium von hauptberuflichen Experten soll medizinische Leitlinien akkreditieren.

GESUNDHEIT AKTIV e. V. schließt sich dieser Forderung an: „Leitlinien sind aus dem medizinischen Alltag nicht wegzudenken", sagt Dr. Stefan Schmidt-Troschke, Geschäftsführender Vorstand des Vereins. "Sie geben Rahmen und Orientierung. Umso wichtiger ist es, dass die Erstellung dieser Leitlinien neutral und unabhängig verläuft. Dem stehen die bekannten Interessenskonflikte der Autoren jedoch häufig entgegen. Hier muss etwas geschehen. Sonst wird etwas ganz Kostbares verspielt: das Vertrauen der Patienten.“

Quelle: „Normsetzung im Gesundheitswesen – Erarbeitung und Qualität von medizinischen Leitlinien“.