ÜBERDOSIS ÖKONOMIE

Ärzte kritisieren Dogma der Effizienz

Nicht erst seit der Einführung der Fallpauschalen 2003 spüren Patienten deutlich, dass das Gesundheitswesen wesentlich von wirtschaftlichen Bestrebungen geprägt ist: Mit Effizienzdenken, Gewinnstreben und Budgetierung will man die nach wie vor steigenden Kosten in den Griff bekommen. Die Auswirkungen sind längst bei den Patienten angekommen. Kaum jemand, der nicht davon betroffen ist: Überall herrscht massiver Zeitdruck,  und im Krankenhaus geht es darum, bei einem Minimum an Aufwand ein Maximum abzurechnen.

Nun wird die Kritik an dieser Entwicklung auch bei den Ärzten lauter. Nachdem die Fachgesellschaften der Internisten und der Chirurgen die aktuellen Entwicklungen kritisiert hatten, hat sich nun auch die Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU) anlässlich ihrer Jahrestagung im Oktober 2016 in Leipzig mit deutlichen Worten an die Öffentlichkeit gewandt. Das deutsche Gesundheitswesen leide unter einer "Überdosis Ökonomie", so der DGU-Präsident Professor Kurt Miller in einem Bericht der "Ärzte-Zeitung". Die politischen Bemühungen, das Gesundheitssystem unter anderem mit der Einführung der Fallpauschalen effizienter zu machen, seien gescheitert, so Miller in der "Ärzte-Zeitung". Die Fallzahlen steigen seit Jahren kontinuierlich an, die Gesundheitsausgaben seien nicht verringert worden. Man befinde sich in einem chronischen und sich steigernden Konflikt aus ökonomischen Zwängen und dem Versuch, gute Medizin zu betreiben.

Der DGU-Präsident wies darauf hin, dass es im Krankenhaus zum Beispiel längst üblich sei, die leitenden Ärzte unter Druck zu setzen, um die ökonomischen Jahresziele mit allen Mitteln zu erreichen. So sei es kein Wunder, dass Deutschland im internationalen Vergleich teils auf deutlich erhöhte Operationszahlen komme. Die Leidtragenden seien die Patienten, die im Minutentakt (über-)behandelt werden. Miller forderte eine stärkere Mitbestimmung für Ärzte, um dem Dogma der Ökonomie ethische Grundsätze entgegenzusetzen. Sein Berufsverband fordert eine Anpassung der Leitungsstrukturen der Krankenhäuser bei der kaufmännischen Leitung, der ärztlichen Direktion und der Pflegeleitung. Gelten müsse wieder der Grundsatz: „Ethik vor Ökonomie“.

„Patientenverbände fordern schon seit Jahren, die medizinische Versorgung wieder stärker an den eigentlichen Bedürfnissen der betroffenen Patienten zu orientieren", so Stefan Schmidt-Troschk, Geschäftsführender Vorstand von GESUNDHEIT AKTIV: „Wir begrüßen es deshalb, dass nun auch Ärztegesellschaften dies stärker und zunehmend fordern. Denn auch Ärzte fühlen sich ja in einem System gefangen, in dem kaum Platz ist, um gegenseitige Wertschätzung und Empathie auszutauschen. Nur gemeinsam werden wir etwas erreichen können, um ökonomisch bedingte Fehlanreize im Gesundheitswesen zu überwinden.“

Quelle: „Deutsches Gesundheitssystem leidet an ‚Überdosis Ökonomie“, Ärzte Zeitung, 11. Oktober 2016