Mikrobiom: Freund statt Feind

Frühe Prägung des Mikrobioms

Berlin, 2. Oktober 2018. Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Das gilt anscheinend auch für wesentliche biologische Prozesse. Eine neue Studie konnte Hinweise dafür geben, dass es nach der Geburt eines Babys ein besonders wichtiges Zeitfenster gibt, in dem die Gemeinschaft der Mikroorganismen im Darm (Mikrobiom) geformt wird. Denn in einer aktuellen Untersuchung mit Mäusen waren das 21 Tage. „Man kann das nicht 1:1 auf die Situation beim Menschen übertragen, aber bei der Maus ist das ungefähr der Zeitpunkt, wo die Umstellung von Muttermilch zu fester Nahrung erfolgt. Beim Menschen wäre das entsprechend etwa ein halbes Jahr“, erklärt einer der Studienautoren an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU).

Bereits frühere Experimente hatten darauf hingewiesen, dass es ein Zeitfenster gibt, in dem das Mikrobiom geprägt wird. Die jetzt veröffentlichten Ergebnisse weisen erstmals einen konkreten Mechanismus im angeborenen Immunsystem nach, der nur kurz nach der Geburt aktiv ist und die Besiedlung mit Mikroorganismen reguliert. „Die Studie zeigt, dass es sehr früh im Leben eine kritische Phase gibt, in der wir bestimmte Bakterien sehen müssen, damit hinterher ein vielfältiges und funktionierendes Mikrobiom im Darm vorzufinden ist“, so die Autoren.

Mikrobiom im Fokus

Heute wird das Mikrobiom zunehmend erforscht. Denn die Zusammensetzung der Mikroorganismen und das Gleichgewicht im Darm sind wesentlich für die Gesundheit. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass zum Beispiel chronisch entzündliche Erkrankungen oder Stoffwechselerkrankungen mit einer veränderten Darmflora zusammenhängen. Bisher ist es aber nicht gelungen, das Mikrobiom im Erwachsenenalter durch äußere Faktoren wie die Ernährung oder spezielle Behandlungen langfristig wesentlich zu beeinflussen.

Ökosystem Mikrobiom

„Die veraltete Vorstellung einer Abgrenzung unseres ‚keimfreien‘ Körpers vor den Keimen der Umgebung wurde zu einem grundlegenden Verständnis des komplexen Ökosystems zwischen Körperzellen und Mikroorganismen weiterentwickelt“, ergänzt Dr. Bart Maris, Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, einer der Autoren des Merkblattes von der Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte in Deutschland (GAÄD). „Ein großes Umdenken findet auch im Fachgebiet der Geburtshilfe statt: Bisher galt das Kind im Mutterleib als absolut keimfrei. Man glaubte, das Kind würde steril in eine Welt der Mikroorganismen hineingeboren und sein Körper müsse sofort erkennen, welche Keime gefährlich und welche harmlos sind. Heute wissen wir, dass dieser Lernprozess bereits während der Schwangerschaft einsetzt und innerhalb der ersten Lebenswochen und -monate ausreift.“

Weitere Informationen
Anthroposophische Kinder- und Frauenärzte geben im GAÄD-Merkblatt Schutz des Mikrobioms in Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit Tipps und Hilfestellung für schwangere Frauen bei der Beurteilung und Entscheidung über das Streptokokken-Screening und andere Maßnahmen rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett.

Originalpublikation der Studie: Marcus Fulde, Felix Sommer, Benoit Chassaing, Kira van Vorst, Aline Dupont, Michael Hensel, Marijana Basic, Robert Klopfleisch, Philip Rosenstiel, André Bleich, Fredrik Bäckhed, Andrew T. Gewirtz, Mathias W. Hornef: „Neonatal selection by Toll-like receptor 5 influences long-term gut microbiota composition“, Nature. Published 08 August 2018

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