Das Wichtigste ist die Behandlungsfreiheit!

Interview über das Netzwerk Ganzheitsmedizin in Berlin

Berliner Wedding: Auf der einen Straßenseite Eckkneipen, Dönerbuden und 1-Euro-Shops, auf der anderen das Virchow-Klinikum der Charité. Mittendrin die Praxis von Dr. Erich Freisleben, dem Mitgründer und Geschäftsführer des Netzwerks Ganzheitsmedizin Berlin gGmbH, in dem sich ca. 40 niedergelassenen Ärzten, das Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe und die Naturheilabteilung des Immanuel Krankenhauses zusammengeschlossen haben. Im Erdgeschoss der Praxis findet man ein Café mit dem schönen Namen „Platane des Hippokrates“. Hier können die Patienten auch warten, es gibt Kaffee und Kuchen und einen Mittagstisch – ganzheitliche Medizin im besten Sinne.

Dr. Erich Freisleben führt eine klassische Hausarztpraxis, hier wird sich noch gekümmert, hier kennt man den Kiez und vor allem jeden einzelnen Patienten. Ganz bewusst will der Arzt nicht nur für naturheilaffinen Besserverdiener aus wohlhabenderen Berliner Stadtteilen da sein, sondern gerade für den Wedding mit seinem hohen Migrantenanteil. Das Netzwerk Ganzheitsmedizin hat deshalb ganz bewusst einen Vertrag mit der AOK, der traditionellen Krankenkasse für die „kleinen Leute“, geschlossen. Als Teilnehmer des Programms „Mein AOK Gesundheitsnetz“ profitieren die Patienten über das Netzwerk auch finanziell von dem ganzheitlichen Konzept. Wir sprachen mit Dr. Freisleben über seine Erfahrungen.

GESUNDHEIT AKTIV: Es sieht so aus, als hätten Sie sich hier einen Traum verwirklicht – wollten Sie schon immer Arzt werden?

Erich Freisleben (EF): Ich bin durch eine eigene Krankheitserfahrung zu diesem Beruf gekommen. Als 17jähriger hatte ich eine Tuberkulose und war ein Jahr im Krankenhaus – das machte man damals noch so. Dort habe ich das System erlebt, in all seinen Facetten. Und mein Impuls nach dieser Erfahrung war: Ich will es anders machen!

GESUNDHEIT AKTIV: Mit dem Netzwerk Ganzheitsmedizin gehen Sie ja nun auch einen anderen Weg, warum ist das heutzutage nötig?

EF: Kurz vor der Jahrtausendwende gab es im Gesundheitswesen einen Wechsel von der Vertrauenskultur zur Kontrollkultur. Man hat die ärztliche Behandlungsfreiheit eingeschränkt auf die sogenannte Evidence based Medicine, die als verbindliche Richtlinie ausgegeben wurde. Für mich ist das eine Art „Kochbuchmedizin“. Der Arzt braucht keinen eigenen inneren Anspruch mehr, ethisch zu arbeiten, sondern folgt den Regeln, die man ihm vorgibt. Die Stellschrauben des Systems sind in die falsche Richtung gedreht. Um dem zu entkommen, gibt es derzeit kaum eine andere Möglichkeit, als einen Parallelweg zu gehen, auf dem man es anders macht im Sinne von: Wir bringen diejenigen zusammen, die anders denken und etwas anderes wollen, Ärzte ebenso wie Patienten. Damit können wir zeigen, dass eine ganzheitliche Medizin die Leute nicht nur zufrieden stellt, sondern dass sie auch finanzierbar ist und dass sogar die Versorgungsdaten gut sind!

GESUNDHEIT AKTIV: Dass die Daten gut sind, beweisen Sie ja seit einigen Jahren in der Zusammenarbeit mit der AOK. Wie funktioniert das genau?

EF: Die AOK hat eine ziemlich ausgefeilte Berechnungs-Methodik, mit der sie bei den im Netzwerk eingeschriebenen Patienten bestimmte Kosten hinterlegt, die man normalerweise den entsprechenden Krankheitssituationen zuordnen würde. Damit lässt sich ermitteln, welche Kosten in unserem Netzwerk anfallen und wie teuer die Behandlung außerhalb des Netzwerks wären. Zum Jahresende gibt es eine Abrechnung, und bisher – mit Ausnahme eines Jahres – waren wir immer um etwa 5 Prozent günstiger als die Vergleichsgruppe. Das klingt erstmal nicht viel, spielt aber eine Rolle, wenn es um 5 Prozent von 8 Millionen Euro geht, das ist ungefähr die Summe, welche die Behandlung all unserer Patienten im Jahr kostet.

GESUNDHEIT AKTIV: Wie kommt es zu den 5 Prozent geringeren Kosten?

EF: Es ist die Art der Medizin, die wir hier anbieten. Wir entscheiden anders, gemeinsam mit dem Patienten, das kostet oft weniger. Unsere Haupteinsparungen liegen im Bereich Medikamente und Krankenhausaufenthalte. Allerdings haben wir an anderen Stellen Mehrausgaben, zum Beispiel im Bereich häuslicher Krankenpflege oder bei den Massagen, also in den zuwendungsintensiven Bereichen. Wir sehen aber über die Jahre, dass wir insgesamt immer einige Prozente günstiger sind, und es ist durchaus noch genügend Luft, um eine ganzheitliche Medizin damit zu machen.

GESUNDHEIT AKTIV: Was machen Sie mit dem gesparten Geld?

EF: Wir geben Gutscheine aus, welche die Patienten innerhalb des Netzwerks für Behandlungen und Therapien erhalten, die sonst nicht erstattet werden würden. Das ist nicht auf eine bestimmte medizinische Richtung festgelegt, sondern es kann alles gewählt werden, was im Hufeland-Verzeichnis steht. Das Wichtigste für uns ist uns die Behandlungsfreiheit für die Patienten: Wir wollen, dass der Normalversicherte wieder in den Genuss einer ganzheitlichen Behandlung kommt!


Das vollständige Interview ist in GESUNDHEIT AKTIV - DAS MAGAZIN #12 veröffentlicht. Die Printausgabe können Sie hier bestellen.

Es wirkt: Die äußere Anwendung

Wickel und Auflagen in der Medizin

 

Ein Beispiel aus der alltäglichen Arztpraxis, an dem sich dem Wirkung von Wickeln überzeugend zeigt.

Eine 78-jährige Dame leidet an einem Schulter-Arm-Syndrom: Sie kann den Arm nicht mehr heben, drehen oder anwinkeln. Ein anderer Arzt hat ihr dreimal täglich 800 Milligramm Ibuprofen gegen die Schmerzen verordnet. Zusätzlich schluckt sie auf eigene Initiative dreimal täglich Tabletten mit jeweils 500 Milligramm Paracetamol plus viermal täglich 20 Tropfen Metamizol – einen regelrechten Schmerzmittel-Cocktail also, der aber nicht den gewünschten Erfolg hat. Die alte Dame kann nicht mehr schlafen und ist am Ende ihrer Kräfte. Die Blutuntersuchung zeigt deutlich erhöhte Leberwerte – eine Folge des hohen Schmerzmittelkonsums. Die Muskulatur der Halswirbelsäule ist völlig verhärtet, der gesamte Schultergürtel zu einem einzigen Muskelpaket verbacken. Die Berliner Allgemeinärztin Astrid Sterner legt als erstes einen Ingwer-Wickel auf den Nacken- und Schulterbereich. Schon unmittelbar danach verbessert sich die Beweglichkeit der Schulter und des Armes, die Schmerzen lassen nach. Den Wickel legt die alte Dame jetzt zuhause täglich an. Nach drei Tagen ruft sie in der Praxis an und teilt mit, dass sie alle Schmerzmittel absetzen konnte. Künftig legt sie zusätzlich noch über Nacht einen Heilwolle-Wickel mit einer aufgesprühten Mischung aus Ameisensäure, Johanniskraut und Arnika auf die Schulter. Das ist jetzt sieben Monate her. Inzwischen kann sie den Arm wieder frei bewegen.

Wie kann etwas so Einfaches, Preiswertes und nach kurzer Anleitung leicht von jedem selbst Auszuführendes wie ein Wickel eine so nachhaltige Wirkung entfalten? „Der Schuhlöffel ist immer die Wärme“, sagt Astrid Sterner. „Die Wärme führt den Menschen zu sich, sie hilft ihm, sich selbst wieder wahrnehmen zu lernen. Es ist die Ruhe, das Zu-sich-Kommen, abgeschottet zu sein von allem, was einen sonst beschäftigt. Es ist auch das Eingehülltwerden in den Wickel, in das Tuch, in die Wolldecke, in die Wärme.“

Sie mache gern und oft Wickel, weil sie merke, dass man damit häufig „sehr viel schneller eine Wende im Krankheitsprozess herbeiführen kann“. Ohne Wickel brauche das meist länger: „Die Patienten spüren bei einem Wickel: Sie sind gemeint, sie sind angesprochen, dadurch ändert sich die Selbstwahrnehmung.“

Hinzu kommt dann noch die spezifische Wirkung der Substanz, mit der der Wickel gemacht wird. Dabei wird die Haut als Wahrnehmungsorgan genutzt, um über Teeauszüge, Öle, Salben, Essenzen und anderes eine bestimmte Wirkung zu erzielen: entspannen, beruhigen, zentrieren, aktivieren, Schmerzen lindern, die Wundheilung fördern und vieles mehr. So eingewickelt zu werden bedeutet auch, „gehalten" zu werden. Wenn der Wickel angelegt wird, erfahren die Patienten eine ungeteilte menschliche Aufmerksamkeit – etwas, was viele Menschen heute nur noch selten erleben. Auch deshalb entfalten äußere Anwendungen eine so intensive Wirkung. 

Je akuter die Situation, desto intensiver sollte der Wickel sein. Ein gutes Beispiel dafür ist der Senf-Brustwickel bei Bronchitis und Lungenentzündung. „Damit muss man sich aber gut auskennen“, warnt Astrid Sterner. „Wenn der Wickel zu lange liegenbleibt, kann das Senfpulver die Haut verbrennen – bei Blonden und Rothaarigen genügen fünf Minuten, bei Brünetten und Schwarzhaarigen darf es etwas länger sein, weil deren Haut unempfindlicher ist. Mit diesen Wickeln haben wir im vergangenen Winter alle Lungenentzündungen gut und ohne Antibiotika ausheilen können.“

Im Gegensatz zu stark reizenden Wickeln wirken Öl- und Teewickel wesentlich sanfter, jedoch nicht weniger intensiv: Schachtelhalm-Nierenwickel und Schafgarben-Leberwickel regulieren die jeweiligen Organfunktionen. Bei Erkältungen hilft z. B. ein Zitronen-Hals- oder -Fußwickel. Fußwickel? „Ja“, sagt Astrid Sterner, „dabei legt man Zitronenscheiben auf die Fußsohlen, dadurch wird der Schmerz nach unten über den Fuß abgeleitet. Die Halsschmerzen lassen dann rasch nach.“ 

Warum aber werden Wickel immer noch so selten eingesetzt, wenn sie doch so schnell, so gut und so nachhaltig wirken? „Viele Menschen denken heute so abstrakt, und sie haben keine Vorbilder mehr, die ihnen die Wickel nahe- und beigebracht haben“, meint Astrid Sterner. „Es ist ja alles im Grunde nicht schwierig, man muss es einfach tun. Aber gerade dieses ‚einfach tun' ist offenbar eine große Hürde. Am effektivsten ist es, wenn Menschen selbst erfahren haben, wie gut so ein Wickel wirkt – ich kenne das von unseren Mitarbeiterinnen. Seit sie aus eigener Erfahrung wissen, wie wohltuend ein Wickel ist, lieben sie es, Wickel bei Patienten anzulegen. Und wenn mehr Mütter und Väter selbst erfahren könnten, wie gut Wickel wirken, würden sie diese bei ihren Kindern vermutlich auch häufiger anwenden. Denn dann haben sie selbst erlebt, wie einfach und wie wirksam das ist.“


Die vollständige Version dieses Artikels finden Sie in GESUNDHEIT AKTIV - DAS MAGAZIN #2 (zur Printausgabe).