Das Krankenhaus der Zukunft

Integrative Medizin in der ambulanten Versorgung

Ein Gespräch mit Martin-Günther Sterner - Facharzt für Innere Medizin und Chefarzt der Medizinischen Klinik I des Klinikum Niederlausitz am Standort Lauchhammer, einer Klinik für allgemeine Innere Medizin mit Schwerpunkt Gastroenterologie und gastroenterologische Onkologie in kommunaler Trägerschaft. Seit 2007 hat sich die Klinik zu einem Zentrum für integrative innere Medizin entwickelt. Methodisch steht dabei die Anthroposophische Medizin im Mittelpunkt. Wir sprachen mit Martin-Günther Sterner über seine Erfahrungen beim Aufbau dieser Abteilung in einem Krankenhaus der Regelversorgung.

GESUNDHEIT AKTIV: Wie kam es zu diesem integrativen Ansatz in einer kommunalen Klinik?

Martin-Günther Sterner: Vor 13 Jahren hatte ich erstmalig Kontakt zum Klinikum Niederlausitz. Die Geschäftsführung hatte sich damals das Ziel gesetzt, Strukturen und Prozesse für ein Krankenhaus der Zukunft mit einem methodisch integrierenden Konzept zu entwickeln. Mein Ansatz als Anthroposophischer Arzt, der eine integrativ erweiterte und menschliche Medizin vertritt, überzeugte sie. So kam ich zunächst als Oberarzt dorthin, zwei Jahre später wurde ich Chefarzt und baute nach und nach das integrative Zentrum auf. Heute kommen neben Patienten aus der Region Südbrandenburg, aber ebenso aus Dresden, Berlin, Thüringen, Hessen, Sachsen-Anhalt, Niedersachsen und vereinzelt aus dem gesamten Bundesgebiet oder aus Tschechien, wo es bisher keine integrativ-medizinisch arbeitende Klinik gibt, gezielt in die Niederlausitz, um sich bei uns behandeln zu lassen.

GESUNDHEIT AKTIV: Was bedeutet integrative Medizin für Sie konkret?

MGS: Wir betrachten den Patienten immer ganzheitlich und schauen nicht isoliert auf ein erkranktes Organ. Denn Körper, Seele und Geist bilden ja immer ein lebendiges Ganzes. Aus der Art, wie etwas körperlich, seelisch oder geistig in Erscheinung tritt, können wir Rückschlüsse auf die jeweiligen anderen Ebenen ziehen und das dann diagnostisch wie therapeutisch nutzen. Dementsprechend gestalten wir die Art und Weise, wie wir unsere Patienten ansprechen und mit ihnen kommunizieren. Dieser Ansatz ist schon seit geraumer Zeit als „Persönliche Medizin“ qualitativ und grundlegend im Leitbild des gesamten Klinikums verankert.

GESUNDHEIT AKTIV: Was verstehen Sie unter „Persönlicher Medizin“?

MGS: Wir stellen die Persönlichkeit des Menschen in den Mittelpunkt – sowohl die des Patienten als auch die des Behandelnden, seien es Ärzte, Therapeuten oder Pflegende. Für mich als Arzt z. B. bedeutet dies: Wie kann und möchte ich mich persönlich, das heißt, meiner eigenen Persönlichkeit entsprechend, in den Therapieprozess einbringen? Und im Hinblick auf den Patienten frage ich mich: Was kann ich, über die äußere Erscheinung bzw. die Erkrankung hinaus, als das Wesentliche der konkreten Person körperlich, seelisch und geistig herausspüren? Alles, was man als Arzt, Therapeut oder Pflegender tut, sollte an dieses „Wesen“ anknüpfen bzw. sich aus ihm herleiten. Selbstverständlich beziehen wir dabei auch die Leitlinien der evidenzbasierten Medizin in unsere Behandlungen mit ein. Aber eben als Grundlage und Ausgangspunkt, nicht als allgemein-pauschale Vorgabe, die den individuellen Menschen in seiner jeweiligen Situation kaum berücksichtigt. Wir fragen uns: Was ist jetzt für diesen Menschen am wichtigsten? Was benötigt er zusätzlich, und was kann ich persönlich ihm geben? Wie findet er wieder Zugang zu seinen gesundenden Kräften? An welchen Stellen ist es klug, von standardisierten Empfehlungen abzuweichen?

GESUNDHEIT AKTIV: Wie setzen Sie den integrativen Ansatz in Ihren Therapien konkret um?

MGS: Wir arbeiten beispielsweise viel mit äußeren Anwendungen wie Wickeln, Einreibungen, Auflagen, Öldispersionsbädern sowie mit Rhythmischer Massage, Osteopathie und manchmal auch mit Akupunktur – teils unterstützend zu konventionellen Behandlungen, teils als Hauptbehandlung. Dafür haben wir viel in die Fortbildung unserer Pflegekräfte und Therapeuten investiert: ca. zwei Drittel unserer Pflegekräfte haben mittlerweile eine Fortbildung für integrativ-anthroposophische Pflege absolviert und verfügen über entsprechende Qualifikationen. Derzeit arbeiten wir an der Einführung der anthroposophischen Kunsttherapien und der Heileurythmie. Vor allem aber ist durch unsere therapeutische Haltung eine besondere Abteilungs- oder Teamidentität gewachsen, die nicht nur die Patienten spüren und schätzen.

GESUNDHEIT AKTIV: Wie steht es um den Einsatz anthroposophischer Arzneimittel? Ist es überhaupt möglich, sie bei hochakuten, teils lebensbedrohlichen Erkrankungen einzusetzen?

MGS: Ja natürlich, aber eben integrativ und nicht alternativ. Es geht nicht um ein Entweder –­­ Oder, sondern um ein Sowohl – Als auch. Wir bieten z. B. eine ausgefeilte interventionelle Gastroenterologie, die sich – abgesehen von wenigen hochspezialisierter Verfahren – mit dem Niveau der umliegenden Unikliniken durchaus messen kann. Darüber hinaus aber nutzen wir, wo immer es angezeigt ist, Verfahren und Medikamente, die die schulmedizinischen Ansätze unterstützen, verbessern und manchmal auch ersetzen können.

GESUNDHEIT AKTIV: Eine integrative, ganzheitliche Behandlung umfasst also schulmedizinische ebenso wie andere, ergänzende Verfahren?

MGS: Meiner Meinung nach gibt es gar keine „Schulmedizin“, die der ganzheitlichen, integrativen Medizin gegenübersteht. Es gibt eigentlich nur eine in sich differenzierte Medizin. Ich erweitere meine ärztliche Methodik, meinen Erkenntnishorizont und meine Handlungsmöglichkeiten entsprechend meines ganzheitlichen Menschenbildes– denn der Mensch ist als Ganzheit mehr als jeweils sein Körper, seine Seele oder sein Geist.

GESUNDHEIT AKTIV: Geht es aber in der Integrativen Medizin nicht auch darum, den Einsatz chemischer Medikamente zu reduzieren oder sie zum Teil sogar zu ersetzen?

MGS: Nein, nicht primär, aber es ist oft ein sehr erfreulicher Nebeneffekt. Die gleichzeitige Einnahme vieler Medikamente, deren Wechselwirkungen nicht mehr kalkulierbar sind, ist ja weltweit ein großes Problem geworden. Ein integrativ-therapeutischer Ansatz hilft tatsächlich, Medikamente zu reduzieren und damit teils gefährliche Neben- und Wechselwirkungen zu vermeiden. Es ist gar nicht selten, dass jemand zu uns kommt, der täglich 10 bis 20 verschiedene Medikamente einnehmen soll. Bei der Entlassung sind dann noch vielleicht drei übriggeblieben, die wirklich sinnvoll und notwendig sind. Wir bemühen uns vor allem, die vielfach unsachgemäß eingesetzten Antibiotika zu reduzieren und können sie in vielen Fällen durch andere Therapiemaßnahmen ersetzen.

GESUNDHEIT AKTIV: Wie reagieren denn Menschen, die bisher noch keinen Kontakt mit der integrativen Medizin hatten, auf Ihren Ansatz?

MGS: Durchweg positiv! Ich kenne kaum Patienten, die die Medikamente oder Anwendungen, die wir ihnen hier anbieten, abgelehnt haben. Sie erwarten einfach eine gute Behandlung und denken nicht ständig darüber nach, ob das, was wir tun, nun integrativ, komplementär oder schulmedizinisch ist. Die Bereitschaft für solche integrativen Formen der Medizin ist hier im Laufe der Jahre deutlich gewachsen und in gewissem Sinne sogar selbstverständlich geworden.

GESUNDHEIT AKTIV: Sehen das Ihre Kollegen in anderen Abteilungen der Klinik auch so?

MGS: Nun ja, über eine ganz schön lange Zeit war ich schon ein kritisch beäugter Außenseiter, ein komischer Vogel, der „mit Quarkwickeln und solchem Zeug“ behandelt. Da gab es einige Widerstände. Wir mussten mit unserer Behandlungsqualität davon überzeugen, dass wir hier keinen esoterischen Humbug treiben. Im Laufe der Zeit konnten wir uns eine hohe Akzeptanz erarbeiten, einfach, weil wir eine solide und präzise Schulmedizin praktizieren und gleichzeitig gezeigt haben, dass der integrative Ansatz der konventionellen Medizin nicht schadet – ganz im Gegenteil. Mittlerweile sind wir für viele so etwas wie eine Leuchtturmabteilung, die auch andere anregt.


Das vollständige Interview ist in GESUNDHEIT AKTIV - DAS MAGAZIN #12 veröffentlicht. Die Printausgabe können Sie hier bestellen.