Eine Medizin für den Menschen

Naturheilkunde in der Forschung

Ein Gespräch mit Dr. Rainer Stange. Er ist seit den 1980er Jahren Experte für Naturheilverfahren und physikalische Universitätsmedizin Berlin. Zudem ist er Präsident des Zentralverbands der Ärzte für Naturheilverfahren und Regulationsmedizin e.V. (ZAEN) und einer der Initiatoren der Initiative „Hippokrates 2.0“. Wir sprachen mit ihm über den derzeitigen Stand der Forschung im Bereich der Naturheilkunde.

GESUNDHEIT AKTIV: Wie hat sich der wissenschaftliche Kenntnisstand auf dem Gebiet der Naturheilkunde im Laufe der vergangenen Jahrzehnte verändert?

RAINER STANGE: Da hat sich vieles verbessert, weil die Forschergemeinde zu diesem Thema in den vergangenen Jahren international enorm gewachsen ist. Die USA sind hier führend, weil die Forschung dort von staatlicher Seite mit vielen Millionen Dollar gefördert wird. Inzwischen gibt es auch in vielen europäischen Ländern Forschergruppen, die sich naturheilkundlichen Themen widmen.  

GESUNDHEIT AKTIV: Welche Themen sind das zum Beispiel?

RS: Zum Beispiel die Akupunktur, aber auch Qigong und vor allem Yoga. Nahezu jede Studie zu Yoga fällt positiv aus! Das ist schon sehr bemerkenswert. Dagegen gehen andere Atem- und Körpertherapien im Forschungsinteresse leider eher unter. Ich denke jedoch, dass sie im Vergleich mindestens genauso wirksam sind, vor allem bei psychosomatischen Beschwerden. Weil Yoga so populär ist, sind diese anderen Methoden auch in der öffentlichen Wahrnehmung oft nicht präsent, und viele Menschen wissen gar nicht mehr, dass es sie gibt. 

GESUNDHEIT AKTIV: Es wird ja immer wieder darauf verwiesen, dass Komplementärmedizin keine Evidenz aufweisen könne. Wie sehen Sie das?

RS: Je mehr Studien zu einer Methode oder zu einer Fragestellung gemacht werden, desto eher lassen sich die Ergebnisse in Übersichtsarbeiten und Meta-Analysen zusammenfassen. Das steigert die Evidenz. Deshalb brauchen wir eine vielfältige Forschung zu den verschiedenen Methoden mit dem üblichen wissenschaftlichen Herangehen. Dabei müssen auch Ergebnisse, die einem nicht gefallen, berücksichtigt und veröffentlicht werden. Im Laufe der Jahrzehnte hat sich da vieles gewandelt. Die nächste Generation von Medizinern und Pharmakologen hat ein anderes wissenschaftliches Wissen und Verständnis als wir, auch im Hinblick auf die Forschungsmethoden.

GESUNDHEIT AKTIV: Viele Methoden der Komplementärmedizin werden nicht von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet, obwohl sie den Patienten helfen. Können Sie das bestätigen?

RS: Das erleben wir leider jeden Tag in unserer Hochschulambulanz, in der wir viele gesetzlich versicherte Patienten behandeln. Ein Beispiel: Seit über 20 Jahren setzen wir Weihrauch bei rheumatoider Arthritis mit sehr guten Erfahrungswerten ein. Das kostet etwa 70 Cent pro Tag bzw. knapp 300 Euro im Jahr. Wir geben das Mittel erst einmal über zwei Monate, um zu sehen, ob es bei diesem Patienten wirkt und wenn ja, verordnen wir es beim nächsten Mal dauerhaft. Aber viele Patienten bekommen die Medikation nicht erstattet und hören deshalb wieder damit auf – sie können die Kosten dafür nicht selber tragen. Das ist sehr schade, weil sie dann eben oft wieder Rückfälle erleiden.

GESUNDHEIT AKTIV: Könnte die Kasse nicht eine Ausnahme machen, wenn sich deutlich gezeigt hat, dass das Mittel wirkt?

RS: Ja, das kann sie grundsätzlich. Das Sozialgesetzbuch sieht solche begründeten Einzelfallgenehmigungen für die Kostenerstattung ausdrücklich vor. Das steht den Krankenkassen grundsätzlich frei. Der Weg dorthin ist für die Patienten allerdings oft beschwerlich, und viele scheuen ihn – sie sind mit der Krankheit ohnehin schon belastet. Aber einen Versuch ist es immer wert. Die Kostenträger müssen mitbekommen, von welchen Verfahren die Patienten profitieren!

GESUNDHEIT AKTIV: Welchen Platz sollte die Naturheilkunde aus Ihrer Sicht künftig in unserem Gesundheitssystem einnehmen?

RS: Die Naturheilkunde wird hoffentlich an Bedeutung zunehmen, daran arbeiten wir aus ganzer Überzeugung! Wohin die Entwicklung tatsächlich geht, ist allerdings offen. Auch wenn sich die evidenzbasierte Medizin sehr sachlich gibt, so steckt doch eine bestimmte Denkweise und letztlich Kultur dahinter. Aber Kulturwechsel sind in alle Richtungen denkbar, etwa dahin, dass Patientenpräferenzen stärker berücksichtigt werden, wenn die Evidenz nur geringe Unterschiede zwischen den verschiedenen Optionen erkennen lässt. Hier ist die ganze Gesellschaft in ihren Autonomie- und Transparenzansprüchen gefragt: Inwiefern zeigt sie sich dafür offen, und mit welchem Verständnis betrachtet sie die Medizin? Die Diskussion darüber ist inzwischen auch in der konventionellen Medizin im Gange, und zwar unter dem Stichwort bestmöglicher individueller Behandlungsoptionen. Das wäre noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen. Auf jeden Fall sollten wir gemeinsam mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln daran arbeiten, die Naturheilkunde für alle Menschen sinnvoll und gewinnbringend zu etablieren.


Das vollständige Interview ist in GESUNDHEIT AKTIV - DAS MAGAZIN #12 veröffentlicht. Die Printausgabe können Sie hier bestellen.