Es wirkt: Die äußere Anwendung

Wickel und Auflagen in der Medizin

 

Ein Beispiel aus der alltäglichen Arztpraxis, an dem sich dem Wirkung von Wickeln überzeugend zeigt.

Eine 78-jährige Dame leidet an einem Schulter-Arm-Syndrom: Sie kann den Arm nicht mehr heben, drehen oder anwinkeln. Ein anderer Arzt hat ihr dreimal täglich 800 Milligramm Ibuprofen gegen die Schmerzen verordnet. Zusätzlich schluckt sie auf eigene Initiative dreimal täglich Tabletten mit jeweils 500 Milligramm Paracetamol plus viermal täglich 20 Tropfen Metamizol – einen regelrechten Schmerzmittel-Cocktail also, der aber nicht den gewünschten Erfolg hat. Die alte Dame kann nicht mehr schlafen und ist am Ende ihrer Kräfte. Die Blutuntersuchung zeigt deutlich erhöhte Leberwerte – eine Folge des hohen Schmerzmittelkonsums. Die Muskulatur der Halswirbelsäule ist völlig verhärtet, der gesamte Schultergürtel zu einem einzigen Muskelpaket verbacken. Die Berliner Allgemeinärztin Astrid Sterner legt als erstes einen Ingwer-Wickel auf den Nacken- und Schulterbereich. Schon unmittelbar danach verbessert sich die Beweglichkeit der Schulter und des Armes, die Schmerzen lassen nach. Den Wickel legt die alte Dame jetzt zuhause täglich an. Nach drei Tagen ruft sie in der Praxis an und teilt mit, dass sie alle Schmerzmittel absetzen konnte. Künftig legt sie zusätzlich noch über Nacht einen Heilwolle-Wickel mit einer aufgesprühten Mischung aus Ameisensäure, Johanniskraut und Arnika auf die Schulter. Das ist jetzt sieben Monate her. Inzwischen kann sie den Arm wieder frei bewegen.

Wie kann etwas so Einfaches, Preiswertes und nach kurzer Anleitung leicht von jedem selbst Auszuführendes wie ein Wickel eine so nachhaltige Wirkung entfalten? „Der Schuhlöffel ist immer die Wärme“, sagt Astrid Sterner. „Die Wärme führt den Menschen zu sich, sie hilft ihm, sich selbst wieder wahrnehmen zu lernen. Es ist die Ruhe, das Zu-sich-Kommen, abgeschottet zu sein von allem, was einen sonst beschäftigt. Es ist auch das Eingehülltwerden in den Wickel, in das Tuch, in die Wolldecke, in die Wärme.“

Sie mache gern und oft Wickel, weil sie merke, dass man damit häufig „sehr viel schneller eine Wende im Krankheitsprozess herbeiführen kann“. Ohne Wickel brauche das meist länger: „Die Patienten spüren bei einem Wickel: Sie sind gemeint, sie sind angesprochen, dadurch ändert sich die Selbstwahrnehmung.“

Hinzu kommt dann noch die spezifische Wirkung der Substanz, mit der der Wickel gemacht wird. Dabei wird die Haut als Wahrnehmungsorgan genutzt, um über Teeauszüge, Öle, Salben, Essenzen und anderes eine bestimmte Wirkung zu erzielen: entspannen, beruhigen, zentrieren, aktivieren, Schmerzen lindern, die Wundheilung fördern und vieles mehr. So eingewickelt zu werden bedeutet auch, „gehalten" zu werden. Wenn der Wickel angelegt wird, erfahren die Patienten eine ungeteilte menschliche Aufmerksamkeit – etwas, was viele Menschen heute nur noch selten erleben. Auch deshalb entfalten äußere Anwendungen eine so intensive Wirkung. 

Je akuter die Situation, desto intensiver sollte der Wickel sein. Ein gutes Beispiel dafür ist der Senf-Brustwickel bei Bronchitis und Lungenentzündung. „Damit muss man sich aber gut auskennen“, warnt Astrid Sterner. „Wenn der Wickel zu lange liegenbleibt, kann das Senfpulver die Haut verbrennen – bei Blonden und Rothaarigen genügen fünf Minuten, bei Brünetten und Schwarzhaarigen darf es etwas länger sein, weil deren Haut unempfindlicher ist. Mit diesen Wickeln haben wir im vergangenen Winter alle Lungenentzündungen gut und ohne Antibiotika ausheilen können.“

Im Gegensatz zu stark reizenden Wickeln wirken Öl- und Teewickel wesentlich sanfter, jedoch nicht weniger intensiv: Schachtelhalm-Nierenwickel und Schafgarben-Leberwickel regulieren die jeweiligen Organfunktionen. Bei Erkältungen hilft z. B. ein Zitronen-Hals- oder -Fußwickel. Fußwickel? „Ja“, sagt Astrid Sterner, „dabei legt man Zitronenscheiben auf die Fußsohlen, dadurch wird der Schmerz nach unten über den Fuß abgeleitet. Die Halsschmerzen lassen dann rasch nach.“ 

Warum aber werden Wickel immer noch so selten eingesetzt, wenn sie doch so schnell, so gut und so nachhaltig wirken? „Viele Menschen denken heute so abstrakt, und sie haben keine Vorbilder mehr, die ihnen die Wickel nahe- und beigebracht haben“, meint Astrid Sterner. „Es ist ja alles im Grunde nicht schwierig, man muss es einfach tun. Aber gerade dieses ‚einfach tun' ist offenbar eine große Hürde. Am effektivsten ist es, wenn Menschen selbst erfahren haben, wie gut so ein Wickel wirkt – ich kenne das von unseren Mitarbeiterinnen. Seit sie aus eigener Erfahrung wissen, wie wohltuend ein Wickel ist, lieben sie es, Wickel bei Patienten anzulegen. Und wenn mehr Mütter und Väter selbst erfahren könnten, wie gut Wickel wirken, würden sie diese bei ihren Kindern vermutlich auch häufiger anwenden. Denn dann haben sie selbst erlebt, wie einfach und wie wirksam das ist.“


Die vollständige Version dieses Artikels finden Sie in GESUNDHEIT AKTIV - DAS MAGAZIN #2 (zur Printausgabe).