„Ich habe einen anderen Blick auf das Leben gewonnen“

Interview mit Kurt Langbein

Kurt Langbein (geb. 1953) wurde bekannt als Mit-Autor der „Bitteren Pillen“, einem 1984 erstmals erschienenen kritischen Ratgeber über Nutzen und Risiken von Arzneimitteln, Verfasser von pharmakritischen Büchern wie „Gesunde Geschäfte“, „Gift-Grün. Chemie in der Landwirtschaft und die Folgen“ oder „Das Medizinkartell. Die sieben Todsünden der Gesundheitsindustrie“  sowie als engagierter Journalist und Filmemacher. Viele Jahre lang war er ein großer Verfechter der evidenz-basierten Schulmedizin. Seine jüngsten Publikationen „Weißbuch Heilung: Wenn die moderne Medizin nichts mehr tun kann“ und „Radieschen von oben: Über Leben mit Krebs“ zeugen jedoch von einer radikalen Kehrtwende hin zu einer integrativen, individuellen Heilkunst. Wir sprachen mit ihm über diese sehr persönliche Gesundheitswende.

Sie haben in den vergangenen Jahren mehrere Krebserkrankungen erlitten, zuerst war es 2005 Darmkrebs, dann 2007 Hautkrebs, schließlich 2010 Prostatakrebs. Die Auseinandersetzung mit diesen Erkrankungen hat bei Ihnen ein radikales Umdenken bewirkt. Wie kam es dazu?

Kurt Langbein: Dieser Wandel hat sich auf mehreren Ebenen vollzogen. Zum einen ging er zurück auf die Auseinandersetzung mit dem, was real unter dem Etikett "evidenz-basierte Medizin" stattfindet. Die Industrie mit ihren enormen Mitteln schafft es, diese Instrumente der Evidenz, die ich vom Grundsatz her nach wie vor für gut gedacht halte, für sich in Besitz zu nehmen. Ich habe mir Studien mit dem Etikett „hohe Evidenz" genau angeschaut. Wenn man sich da die Ein- und Ausschlusskriterien vornimmt, bleiben oft nur noch fünf bis zehn Prozent der Patienten übrig, die in die Studie aufgenommen werden. Diese fünf Prozent sind aber genau diejenigen, die für das Krankheitsbild am wenigsten typisch sind: Sie dürfen keine andere Erkrankung haben, kein anderes Risiko, es muss alles ausschließlich auf die zu testende Organfunktion bezogen sein. Das ist im realen Leben fast nie der Fall. Die Evidenz bezieht sich also nur auf eine kleine, eigentlich irrelevante Minderheit. Repräsentativ für die vielen Kranken, um die es wirklich geht, ist das in keiner Weise. Es handelt sich hier um ein sehr schmal gedachtes Verständnis von Ursache und Wirkung, das die Komplexität der Medizin und des Menschen ignoriert.

Das ist ja aber eher die abstrakte Ebene, hier spricht jetzt der Wissenschaftspublizist. Wie war das für den Patienten Kurt Langbein?

KL: Mein Wissen und mein Rüstzeug als Journalist hat mir bei meinen Erkrankungen natürlich sehr geholfen. Aber es kam dann doch wie ein Donnerwetter über mich, als ich mir eingestehen musste, dass vieles von dem, was ich selbst gepredigt habe und wovon ich zutiefst überzeugt war, nicht nur nicht sinnvoll ist, sondern einfach nicht stimmt.

Woran konnten Sie das festmachen?

KL: Es fängt schon bei der Wahl der Therapie an. Da ist die Statistik sicher eine wichtige Hilfe, ich sollte schon davon überzeugt sein, dass das, was ich vorhabe zu tun, einigermaßen sinnvoll ist. Dazu gehört auch die Kenntnis der Wahrscheinlichkeit. Ich als Betroffener sehe  das aber in einem völlig anderen Licht als ein Arzt, der mir dieses oder jenes empfiehlt. Ich kann nicht zu 20 Prozent leben oder zu 80 Prozent sterben – oder umgekehrt. Für mich gibt es nur 100 Prozent oder Null. Das ist eine völlig andere Ausgangsposition, die ich selbst auch sinnlich für mich erlebt habe. Die 40 Prozent Wahrscheinlichkeit, nicht mehr gesund zu werden, sind mir in den ungünstigsten Zeitpunkten vorgekommen wie 100 Prozent. Und in den besten Phasen wie null Prozent.

Für welche Therapie haben Sie sich schließlich entschieden?

KL: Für eine Kombination aus äußerer und innerer Bestrahlung. Das war damals noch experimentell, weil es noch keine über zehnjährige Beobachtungszeit gab. Heute ist das eher ein gängiges Verfahren. 

Wie sind Sie dabei beraten worden? Welche Erfahrungen haben Sie auf dem Weg zu dieser Entscheidung gemacht?

KL: Da gab es sehr große Unterschiede. Die Auseinandersetzung mit dem Urologen ist mir noch sehr gegenwärtig, weil das ein guter Bekannter von mir war, dessen Engstirnigkeit ich erst in diesem Zusammenhang kennengelernt habe. Als ich von meiner Entscheidung für die kombinierte Strahlentherapie erzählte, meint er nur: ‚Wenn Du Dich für dieses Vorgehen entscheidest, brauchst Du gar nicht mehr zu mir zu kommen.’ Als ich diesen Urologen dann nach einiger Zeit wieder traf und er den positiven Verlauf nicht ignorieren konnte, sagte er: ‚Na ja, warten wir mal das nächste Jahr ab. Das wird nicht gut gehen.’ Dass Ärzte so reagieren können, ist mir unbegreiflich.

Das nimmt ja auch jeden Mut und jede Hoffnung.

KL: Wir wissen, und das ist vielfach belegt, wie wichtig die eigene Überzeugung und die Hoffnung für die tatsächlichen Heilungschancen sind. In diesem Licht muss man die Forderung nach umfassender Aufklärung neu denken – da nehme ich auch mich selbst mit in die Kritik. Eine umfassende Aufklärung im technischen Sinne ist eigentlich nicht zu verantworten, weil sie in erster Linie auf statistischen Wahrscheinlichkeiten beruht. Und dann heißt es oft: ‚Wir können nicht mehr viel für Sie tun. Wir können nur noch palliativ vorgehen, also beschwerdelindernd, nicht mehr kurativ, heilend. Sie müssen damit rechnen, dass Sie noch drei bis sechs Monate leben werden. Sehen Sie zu, dass Sie die gut nutzen.’ Als Patient empfindet man das wie ein Todesurteil! Damit geht dann auch noch der letzte Rest an Hoffnung verloren.

Wie sollte denn Ihrer Meinung nach die Aufklärung über Möglichkeiten und Risiken aussehen?

KL: Ich glaube, sie muss einerseits die Dinge beim Namen nennen, aber sie muss auch empathisch sein, sensibel. Sie darf die Hoffnung nicht nehmen. Was dann im Einzelfall aus wissenschaftlicher Sicht ratsam ist und was nicht, sollte sich dem unterordnen. Entscheidend ist der Einzelne. Für ihn gibt es kein Pauschalrezept, sondern jeder muss für sich entscheiden, wie viel er wissen will und welche therapeutischen Konsequenzen sich in seinem Fall daraus ergeben.

Was bedeutet für Sie ‚Heilung’? Die Onkologie definiert das relativ willkürlich als Fünf-Jahres-Überleben. Das kann es ja aber nicht sein.

KL: Die Medizin – und da zähle ich jetzt alle Richtungen dazu – kann nicht heilen. Heilen kann nur der Mensch sich selbst. Die Medizin kann nur helfen, dass Heilung möglich wird. Und sie kann das mehr oder weniger effizient, mehr oder weniger passend. Heilen bedeutet für mich die Wiederherstellung der verloren gegangenen Balance im System Mensch. Man kann hier – und das zeigt die moderne Neurobiologie ganz klar – Körper und Geist nicht mehr trennen, das ist eine Einheit. Diese Einheit kann, wenn sie in Balance ist, mit extrem vielen gesundheitlichen Herausforderungen fertig werden, auch mit den täglich bei jedem Menschen auftretenden 10-100.000 Krebszellen. Wir bekommen ja ständig Krebs als normale, millionenfach passierende Teilungsfehler. Wenn dieses wunderbare System in Balance ist, dann gibt es einen Zustand der Ausgeglichenheit, den wir Gesundheit nennen. Und wenn es gelingt, diese Balance wiederherzustellen, dann können offenkundig auch ganz schwerwiegend erkrankte Menschen wieder gesund werden. Das zeigen ja die so genannten Spontanheilungen.

Wir haben vorhin von der evidenz-basierten Medizin gesprochen und Sie haben gesagt, dass Sie die Grundlagen davon weiterhin für richtig halten. Wie sollten wir heute mit der Evidenz umgehen? 

KL: Ich denke, wir müssten zunächst die Erkenntnis verbreiten, wie schmal der Wissensstand ist, der durch so eine Statistik zustande kommt. Statistik in ihrer schmalen Aussagekraft gilt ja immer noch als die eigentliche Wurzel der Erkenntnis, was sicher falsch ist. Zum anderen brauchen wir aber natürlich Orientierungen, und ich wäre sehr froh, wenn es einer unabhängigen Wissenschaft gelänge, Instrumente zu entwickeln, die intelligenter sind als die simple Statistik, und die der Komplexität von Krankheits- und Heilungsprozessen zumindest in Ansätzen Rechnung tragen. Wirklich abbilden werden wir sie nie können. Auch das ist, glaube ich, eine grundlegende Erkenntnis. Trotzdem sollte es natürlich im Hinblick auf Therapiemaßnahmen eine Form der Erkenntnis geben, die über reines Erfahrungswissen hinausgeht. Denn wir wissen ja, dass dieses trügerisch sein kann und oft auch ist.

Wie könnte diese Form der Erkenntnis aussehen?

KL: Die Kliniken, in denen heute eine integrative Medizin praktiziert wird, sind dafür ein gutes Vorbild. Da gibt es Ärzte mit einer umfassenden, klassisch-medizinischen Ausbildung, aber auch mit einem vernünftigen, evidenzorientierten Wissen zu den anderen Therapiemethoden. Zusammen mit Psychologen, Mentaltrainern und anderen Therapeuten verschiedener Richtungen stellen sie auf der Basis dieses komplexen Wissens und im Dialog mit dem Patienten eine Therapie zusammen, die seinen Stärken und Schwächen und seiner Ausgangslage Rechnung trägt. Das erscheint mir vorbildlich und zukunftsweisend!


Das vollständige Interview ist in GESUNDHEIT AKTIV - DAS MAGAZIN #01 veröffentlicht. Die Printausgabe können Sie hier bestellen.