Anders auf den Patienten schauen

Kompetenznetz Integrative Medizin in Baden-Württemberg

In Baden-Württemberg hat sich am 30. November 2017 das Kompetenznetz Integrative Medizin gegründet. Zehn Kliniken und ein ambulantes Versorgungsnetzwerk wollen qualitativ hochwertige integrative Behandlungskonzepte etablieren.

Es ist eine Pioniertat, und wenn sie gelingt, wird sie für das ganze Land eine Strahlkraft entwickeln: Zehn renommierte Kliniken in Baden-Württemberg haben sich unter der Schirmherrschaft der Staatssekretärin Bärbl Mielich im Ministerium für Soziales und Integration Baden-Württemberg im November 2017 zum „Kompetenznetz Integrative Medizin“ zusammengeschlossen. Mit dabei sind längst nicht nur die anthroposophischen Kliniken wie die Filderklinik, das Paracelsus-Krankenhaus Unterlengenhardt oder die Klinik Öschelbronn, sondern auch das Universitätsklinikum Mannheim, das Uni-Klinikum Ulm, das Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart, das Klinikum Heidenheim, das Städtische Klinikum Karlsruhe, das Klinikum Esslingen, das Rems-Murr-Klinikum in Winnenden und das „Gesunde Kinzigtal“ als ambulantes Versorgungsnetzwerk. 

„Es ist eine zentrale Frage für die Medizin der Zukunft, wie wir konventionelle und komplementäre Behandlungsmethoden in der Medizin zum Wohle der Patienten zusammenbringen – zwei Bereiche, die es bislang eher in Parallelwelten gab, was aber nicht mehr zeitgemäß ist“, sagt Dr. Thomas Breitkreuz, Ärztlicher Direktor der Filderklinik und einer der Initiatoren des Netzwerks. „Patienten wollen eine Behandlung aus einer Hand erfahren, damit sie nicht immer wieder zu unterschiedlichen Adressen laufen müssen, die nicht miteinander zusammenarbeiten.“

Doch diejenigen, die eine solche patientenzentrierte Medizin bereits praktizieren, sind dabei meist auf sich gestellt. „Deshalb ist eine der wichtigsten Aufgaben, die sich das Kompetenznetz Integrative Medizin gesetzt hat, ein integrativmedizinisches Konzept für die Versorgung von schwerkranken Krankenhauspatienten zu erarbeiten,“ sagt Dr. Breitkreuz. „Eingebettet in klinische Zentren, in interdisziplinäre Teams unter fachärztlicher Leitung von Ärzten, die möglichst selbst eine entsprechende komplementärmedizinische Ausbildung durchlaufen haben und somit eine doppelte Kompetenz einbringen können, auf wissenschaftlicher Basis. Wir wollen ein Qualitätsversprechen abgeben können und am Schluss eine Zertifizierung für eine gute integrative Medizin haben, die nicht nur die ärztliche Sicht berücksichtigt, sondern auch die pflegerische. Dafür wollen wir Modelle schaffen, die, sofern sie sich bewähren, später auch bundesweit und flächendeckend eingeführt werden können."

Im Mittelpunkt der Arbeit des Kompetenznetzwerks steht jetzt erst einmal die Integrative Onkologie. Dort ist der Bedarf für qualitativ hochwertige Konzepte mit am drängendsten– und zwar beileibe nicht nur aus Patientensicht.  „Viele Ärzte, die Krebs-Patienten behandeln, leiden unter den Bedingungen, unter denen sie arbeiten müssen“, so Prof. Dr. Ralf-Dieter Hofheinz, Leiter des Tages-TherapieZentrums am Interdisziplinären Tumorzentrumder Universitätsklinik Mannheim. „Viele merken am eigenen Leib, dass die Form von Medizin, die von uns Ärzten heute verlangt wird, krank macht. Das lässt sich auch nicht durch irgendwelche Verschiebungen bei der Work-Life-Balance oder durch Wellness am Wochenende ausgleichen. Die Ärzte spüren intuitiv, dass es eine andere Medizin braucht. Eine Integrative Medizin, die den Patienten viel stärker in seinen Bedürfnissen und als ganzen Menschen berücksichtigt, kann zu einer höheren Zufriedenheit und Sinnhaftigkeit führen.“

Die Nachfrage der Patienten nach einer derart ganzheitlichausgerichteten Medizin ist zweifellos vorhanden. „Aber wir wollen nicht einfach nur eine Nachfrage bedienen, sondern wir wollen systematisch vorgehen und Empfehlungen erarbeiten“, sagt Prof. Hofheinz. Darin fließen Erkenntnisse aus Wissenschaft und Forschung mit ein, allerdings nicht nur auf der Basis von Studien mit ihren großen Statistiken (externe Evidenz), die den Einzelfall nicht berücksichtigen, sondern in erster Linie im Sinne der gesicherten Behandlungserfahrung der Ärzte in den beteiligten Kliniken (interne Evidenz) und unter Einbeziehung der Präferenzen der Patienten. „Leitlinien", so Prof. Dr. Ralf-Dieter Hofheinz, „sind gut und wichtig, aber sie sind Orientierungshilfen, keine Richtlinien. Wenn wir unsere therapeutischen Entscheidungen allein darauf aufbauen, wiegen wir uns in trügerischer Sicherheit. Selbst die schulmedizinischen Verfahren kommen oft nicht über einen nennenswerten Evidenzgrad hinaus. Für uns Ärzte ist es wichtig, auch mal anders auf Patienten zu schauen.“


Die vollständige Version dieses Artikels finden Sie in GESUNDHEIT AKTIV - DAS MAGAZIN #12 (zur Printausgabe).