Corona-Spezial

Unser Kompass zu COVID-19 und Gedanken über die Krisenzeit

Hier finden Sie aktuelle Berichte, Informationen und Stellungnahmen zur Corona-Pandemie sowie Gedanken über die Krisenzeit. Wir aktualisieren diesen Bereich in unregelmäßigen Abständen – je nach Lage der Dinge.

In diesem Zusammenhang sei auch auf unser Archiv hingewiesen. Wir haben uns dafür entschieden, jeweils nur die vergangenen zwei bis drei Monate zu dokumentieren, vor allem, weil vieles, was wir in der Zeit davor geschrieben und kommentiert haben, inzwischen wieder überholt ist und leicht zu Missverständnissen Anlass geben kann.

Und noch eine Erklärung vorneweg: So manches, worauf wir hinweisen, wirft einen kritischen Blick auf den derzeitigen Kurs der Bundesregierung. Das bedeutet allerdings nicht, dass wir die Pandemie in ihrer Existenz in Frage stellen. Wir sind uns sehr wohl der Gefahren bewusst, die sich mit einer Infektion mit SARS-CoV-2 verbinden können. Wir sind uns vor allem auch der fatalen weltweiten Auswirkungen bewusst, die diese Pandemie schon jetzt nach sich zieht und fürderhin noch ziehen wird. Wir bringen diese Zusammenstellung an Informationen und Quellen, weil sie ergänzend notwendig sind, um einen offenen, fairen und sachgemäßen demokratischen Dialog zu führen, ohne den wir in einer totalen Spaltung der Gesellschaft landen.

Es kommt immer wieder vor, dass sich Rechtsradikale und Neonazis oder die AfD unserer Argumente bemächtigen. Das können wir nicht verhindern. Aber wir distanzieren uns ganz klar und entschieden von solchen Übergriffen und ebenso von diesen Kreisen.

Unser Corona-Spezial im Januar umfasst folgende Themen:

zum Corona-Nachrichten-Archiv

Jahr 2 der Corona-Pandemie

Wir brauchen endlich eine mehrgleisige Strategie!

 

Neujahrslied
(Johann Peter Hebel)

Mit der Freude zieht der Schmerz
traulich durch die Zeiten.
Schwere Stürme, milde Weste,
bange Sorgen, frohe Feste
wandeln sich zur Seiten.
 
Und wo eine Träne fällt,
blüht auch eine Rose.
Schon gemischt, noch eh wir's bitten,
ist für Thronen und für Hütten
Schmerz und Lust im Lose.
 
War's nicht so im alten Jahr?
Wird's im neuen enden?
Sonnen wallen auf und nieder,
Wolken gehn und kommen wieder,
und kein Mensch wird's wenden.

Gebe denn, der über uns
wägt mit rechter Waage,
jedem Sinn für seine Freuden,
jedem Mut für seine Leiden
in die neuen Tage,
 
jedem auf des Lebens Pfad
einen Freund zur Seite,
ein zufriedenes Gemüte
und zu stiller Herzensgüte
Hoffnung ins Geleite!

aus: Johann Peter Hebel, Gesammelte Werke,
Wallstein Verlag. 69 Euro

Corona-Spezial Januar 2021 – Das Jahr 1 der globalen Corona-Pandemie liegt hinter uns, das Jahr 2 hat gerade begonnen. Und es erscheint angesichts der tiefgreifenden Veränderungen, die wir in unserem gesellschaftlichen, kulturellen, sozialen, beruflichen und privaten Leben erleben, nicht vermessen, die Zeitrechnung künftig in eine Vor-, eine Mittendrin- und eine Nach-Corona-Zeit einzuteilen. Grund genug also, um einen Blick zurück und ebenso nach vorne zu wagen.

Das Jahr 2020 hat das Leben für uns auf den Kopf gestellt. Waren wir je mit einer so unberechenbaren Situation konfrontiert? Im März wusste noch niemand, was uns mit SARS-CoV-2 ins Haus stehen würde. Seither ist viel Zeit vergangen, und wir wissen deutlich mehr über das Virus und seine Ausbreitung, seine Gefährlichkeit und seine Folgen. Summa summarum ist COVID-19 zwar keine Grippe, aber es ist auch nicht die Pest, wie Markus Söder auf dem CDU-Neujahrsempfang sagte.

Mit Lockdowns und auch mit Impfkampagnen allein lässt sich dieser Krise aber wohl nicht beikommen. „Das Virus in die Flasche zurückdrücken“, wie es die Virologin Melanie Brinkmann bei Anne Will am 10. Januar salopp formulierte, und somit die Infektionsraten auf Null zu reduzieren, das werden auch noch so viele Lockdowns und ebenso die Impfung auf absehbare Zeit nicht schaffen. Wir werden mit SARS-CoV-2 und seinen diversen Mutationen (die jüngst in Großbritannien, Südafrika und Japan entdeckten werden nicht die letzten sein) künftig leben müssen, so, wie wir auch mit anderen Krankheitserregern leben. Es geht darum, sie bestmöglich in Schach zu halten, und ebenso darum, diejenigen, die daran erkranken, bestmöglich zu behandeln. Das setzt ausreichend Kapazität in den Krankenhäusern und ebenso bei den Pflegenden voraus. Deshalb liegt darin eine der wichtigsten Stellschrauben für den Kampf gegen die Pandemie.

Eines der größten Probleme ist der Mangel an Pflegekräften und deren hoffnungslose Überlastung, vor allem auf den Intensivstationen. Das zeigt sich auch an einer Studie der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) in Hamburg, die zwischen 31. Oktober 2020 und 5. Januar 2021 1.000 Pflegende in Deutschland befragt hat, was sie in der aktuellen Phase der Pandemie besonders belastet. Die Ergebnisse wurden vorab für das Politikmagazin „Panorama“ des NDR ausgewertet. 88 Prozent der Befragten geben an, dass sie durch die Corona-Pandemie mehr Arbeit haben als sonst und die Pflegebedürftigen nicht mehr adäquat versorgen können. Bei den Intensivpflegenden sagen 75 Prozent, dass sie ihre Patient*innen nicht mehr so versorgen können, wie es sein sollte. 66 Prozent geben an, dass sie in einem emotionalen Dilemma stecken zwischen ihrer beruflichen Aufgabe und ihrer Angst, sich selbst anzustecken (von den anderen Pflegenden benennen 70 Prozent diesen Konflikt).

Viele Pflegende ärgert sehr, dass ihre Hilferufe „weder vor der Pandemie noch während oder zwischen den zwei Wellen gehört wurden“. Zudem, so sagen sie, hätten viele Kollegen gekündigt, „weil sie die Situation nicht mehr ertragen“. Das spiegelt sich auch in den Zahlen wider: 17 Prozent der Befragten haben keine Motivation mehr für ihren Job. Das ist jede sechste Pflegekraft. Diese 17 Prozent sind laut Studienleiterin stark gefährdet, komplett aus dem Beruf auszusteigen. Was muss noch passieren, damit die Politik endlich aufwacht und die Pflege als Beruf sowohl sozial als auch finanziell endlich aufwertet?

Was wir brauchen, ist eine mehrgleisige Strategie, wie wir es in unserem Corona-Manifest im Sommer 2020 formuliert haben (das Sie weiterhin unterzeichnen können), eine Strategie, die sich den brennenden Problemen unserer Zeit widmet.

Der bekannte Mediziner und Qualitätsexperte Matthias Schrappe, der zusammen mit sechs weiteren Expert*innen das nunmehr siebte Thesenpapier vorgelegt hat (siehe dazu auch den Abschnitt „Fraglich wirksam“) schlägt mit seinen Mitautor*innen eine plausible Strategie vor: Die Impfung bzw. Impfkampagne sollte „gemeinsam mit nicht-pharmakologischen Präventionsmaßnahmen zunächst spezifischer (zielgruppenorientierter), später allgemeiner Natur“ erfolgen. COVID-19 sei keine Erkrankung, die man ausrotten könne. Wir als Gesellschaft müssten letztlich „lernen, mit dem Virus zu leben“. Um dies aber verantwortlich bewerkstelligen zu können, müssten differenziert unterschiedliche Instrumente „in zeitlicher und zielgruppenbezogener Staffelung“ zum Tragen kommen: „Bei Verfügbarkeit mehrerer Impfstoffe würde auch die Auswahl der Präparate differenziert vorgenommen. Die nicht-pharmakologische Prävention speziell in ihrer spezifischen Ausprägung behielte ihre große Bedeutung bei, wäre jedoch bei ausreichender Impfung der jeweils aktuellen vulnerablen Gruppen sofort auf die nächste Risikogruppe auszudehnen“.

Wie wichtig es wäre, einen breit aufgestellten gesellschaftlichen Diskurs zu führen, zeigt auch ein sehr umfangreicher (lang, aber lohnend zu lesen!) Beitrag des Soziologie-Professors Wolfgang Streeck (nicht verwandt mit dem Virologen) in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (Bezahlschranke).

GESUNDHEIT AKTIV wird sich nach Kräften weiterhin daran beteiligen, eine solche mehrgleisige Strategie einzufordern und konstruktive Ideen dafür zu entwickeln. Schreiben Sie uns gern Ihre Ideen und Vorschläge dafür per E-Mail – wir greifen das dann in unserem Newsletter und ggf. auch in der nächsten Ausgabe von GESUNDHEIT AKTIV – DAS MAGAZIN auf.

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Fraglich wirksam

Der zweite Lockdown

 

Corona-Spezial Januar 2021 – Gleich zu Jahresbeginn verlängerte die Regierung den schon im November und Dezember verhängten Lockdown, und wir wissen noch nicht, wie lange er anhalten wird. Wir wissen auch nicht, ob die Maßnahmen überhaupt Erfolg haben werden – Zweifel daran sind durchaus berechtigt. Schon der im November beschlossene Lockdown „Light“ und ebenso seine Verlängerungen und Intensivierungen standen, was die Evidenz betrifft, auf tönernen Füßen. Die Regierung folgte dabei im Dezember im Wesentlichen einer Empfehlung der 7. Ad-hoc-Stellungnahme von 34 Wissenschaftlern der Leopoldina, die auf knappen viereinhalb Seiten gerade mal zwei Verweise auf wissenschaftliche Studien enthält.

In einer brillanten Analyse nahm der Regensburger Professor für Psychologie Christof Kuhbandner schon am 18. Dezember 2020 die Aussagen in diesem Ad-hoc-Papier auseinander. Sein Fazit: Es gebe „keine belastbare wissenschaftliche Evidenz, welche die Wirksamkeit von Lockdowns nachweisen würde“. Im Gegenteil: Studien würden sogar eher auf die Unwirksamkeit von Lockdowns hinweisen. Auch die vielfach zitierten epidemiologischen Modellierungsstudien würden oft versagen und ihre Fehler mit COVID-19 „immer deutlicher“. Es sei überraschend, so Kuhbandner, „dass epidemiologische Modellierungsstudien angesichts ihrer zweifelhaften Erfolgsbilanz unter Entscheidungsträgern nach wie vor eine hohe Glaubwürdigkeit besitzen. (...) Vorhersagen können in ‚idealen‘, isolierten Gemeinschaften mit homogenen Populationen funktionieren, nicht aber in der komplexen gegenwärtigen globalen Welt.“

In einem zweiten Teil befasst sich Kuhbandner mit den „ignorierten Kollateralschäden von Lockdowns“ – verzögerten Behandlungen anderer Krankheiten (Herzinfarkte, Schlaganfälle, Krebserkrankungen), soziale Isolation, zunehmende familiäre Gewalt und Misshandlungen, eingeschränkte Schulbildung, steigender Alkoholkonsum, Zunahme der Suchterkrankungen, Bewegungsmangel – und kommt zu dem Schluss: „Dass in einer Empfehlung einer großen wissenschaftlichen Fachgesellschaft (gemeint ist die Ad-hoc-Stellungnahme der Leopoldina, Anm. d. Red.) zum Ergreifen von Maßnahmen die Kollateralschäden mit keiner Silbe erwähnt werden, ist dementsprechend als skandalös zu bewerten.“

Und in einem dritten Teil „Von fragwürdigen und fehlinterpretierten Corona-Zahlen“ befasst sich Kuhbandner mit den Ängsten, die durch immer neue Schreckensszenarien geschürt werden („Rein rechnerisch stirbt etwa alle 1,5 Minuten ein Corona-positiver Mensch“, „Es ist fünf nach zwölf“, „Wir stehen vor einem medizinischen Notstand“ – Rainald Becker in den Tagesthemen, 16.12.2020) und ebenfalls als Begründung herhalten mussten, um den Lockdown zu verlängern und zu verschärfen. Er fragt: „Ist eine Angst in dieser Größenordnung, wie sie von der Regierung, vielen Medien und manchen Wissenschaftlern vermittelt wird, überhaupt der aktuellen Sachlage angemessen? Oder müssen wir vielleicht gar nicht solche extremen Ängste haben?“ Kuhbander analysiert die Zahl der Neuinfektionen ebenso wie die der COVID-19 zugeschriebenen Todesfälle. Wie fragwürdig vor allem die Todesfall-Statistiken sind, zeigt sich schon an der Tatsache, dass das RKI alle Verstorbenen als COVID-19-Tote rechnet, die einen positiven PCR-Test aufweisen, auch wenn dieser schon länger zurücklag oder erst im Rahmen einer Leichenschau vorgenommen wurde. Zudem lässt sich, so Kuhbandner, weiterhin keine Übersterblichkeit feststellen. Sein Fazit: „Anders als von vielen Medien, in Regierungserklärungen und von manchen Wissenschaftlern der Anschein erweckt wird, gibt es keinen Grund, außergewöhnliche Ängste zu haben und bisher nie dagewesene Maßnahmen zu ergreifen.“

Auch seitens anderer Wissenschaftler regte sich Widerspruch zu der Stellungnahme der Leopoldina. So nahm Prof. Dr. Michael Esfeld vom Lehrstuhl Wissenschaftsphilosophie der Universität Lausanne und seit 2010 Mitglied der Leopoldina, das Ad-hoc-Papier „mit Bestürzung zur Kenntnis“, wie es aus seinem öffentlich zugänglichen Protestschreiben hervorgeht. Es verletze „die Prinzipien wissenschaftlicher und ethischer Redlichkeit, auf denen eine Akademie wie die Leopoldina“ basiere: „Es gibt in Bezug auf den Umgang mit der Ausbreitung des Coronavirus keine  wissenschaftlichen  Erkenntnisse,  die bestimmte politische Handlungsempfehlungen wie die eines Lockdowns rechtfertigen.“ Schon im engen Kreis der Virologen und Epidemiologen sei die Strategie zum Umgang mit der Ausbreitung des Coronavirus umstritten, noch mehr im weiteren wissenschaftlichen Umfeld. Ethisch gebe es „genügend Gründe, grundlegende Freiheitsrechte und die Würde des Menschen auch in der gegenwärtigen Situation für unantastbar zu halten“. Zur Würde des Menschen gehöre „insbesondere die Freiheit, selbst entscheiden zu dürfen, was die jeweilige Person als ein für sie würdiges Leben erachtet und welche Risiken sie für diesen Lebensinhalt einzugehen bereit ist in der Gestaltung ihrer sozialen Kontakte.“ Die Leopoldina sollte „in einer solchen Situation wissenschaftlicher und ethischer Kontroverse ihre Autorität nicht dazu verwenden, einseitige Stellungnahmen zu verfassen, die vorgeben, eine bestimmte politische Position wissenschaftlich zu untermauern“. Esfeld bittet deshalb darum, diese Stellungnahme der Leopoldina umgehend zurückzuziehen.

Der Tübinger Geologie-Professor Thomas Aigner, ebenfalls Mitglied der Leopoldina und darüber hinaus der Mainzer Akademie der Wissenschaften, adressierte einen Offenen Brief an seine Kolleg*innen, er habe die Ad-hoc-Stellungnahme „mit größtem Erstaunen, mit tiefster Sorge, ja Fassungslosigkeit zur Kenntnis genommen. Nach meiner Auffassung ist dieses Papier einer ehrlichen, kritisch-abwägenden, am Dienst und am Wohle des Menschen orientierten Wissenschaft nicht würdig.“ In seinem Schreiben kritisiert Aigner auch, dass die von einer Gruppe von 22 international ausgewiesenen Expert*innen vorgebrachten Zweifel und Kritikpunkte am PCR-Test von Christian Drosten, der „die Basis der Rechtfertigung zur Ausrufung einer ‚Pandemie‘ darstellt“, weder die Leopoldina noch andere Akademien bisher nicht dazu veranlasst haben, den Vorwürfen nachzugehen und die offenen Fragen wissenschaftlich sauber zu klären. Aigner wirft seinen Kolleg*innen auch vor, dass sie die Kritik anderer Wissenschaftler am Lockdown ignorieren und schreibt: „Ich hatte gehofft, dass gerade die Akademie der Wissenschaften und Literatur in Mainz als wichtige Schwester-Organisation der Nationalen Akademie der Wissenschaften sich kritisch zu der Leopoldina-Stellungnahme äußert. Dies ist bislang bedauerlicherweise nicht geschehen. Sind die Akademien nicht die Hüter der reinen Wissenschaft und auch der Freiheit der Wissenschaften?“ Als Ausdruck seines persönlichen Protests trat Aigner aus der Mainzer Akademie der Wissenschaften aus: „Ich kann es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, ein Teil dieser Art von Wissenschaft zu sein. Ich möchte einer Wissenschaft dienen, die einer Fakten-basierten Aufrichtigkeit, einer ausgewogenen Transparenz, und einer umfassenden Menschlichkeit verpflichtet ist.“

Starke Worte. Leider blieben auch sie in der medialen Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet. Es gibt kaum eine Quelle, in der man von den Stellungnahmen Esfelds und Aigners liest oder hört – kein einziges der sogenannten „deutschen Leitmedien“ berichtete darüber.

Zum Lockdown selbst regt sich inzwischen jedoch in manchen Medien durchaus Widerspruch, und die kritischen Anmerkungen nehmen zu. Unter der Überschrift „Das Leopoldina-Desaster“ schreibt am 11. Dezember Jörg Phil Friedrich in der WELT (Bezahlschranke), dem Dokument mangele es an Schwerkraft der Argumente, es handele sich lediglich um „ein Sammelsurium von sorgenvollen Aussagen“: „Der wissenschaftliche Gehalt ist so gering, dass wohl jede aufmerksame Zeitungsleserin, jeder „Tagesschau“-Zuschauer und jede internetaffine Gymnasiallehrerin den Text hätte verfassen können. (...) Wenn Wissenschaft derzeit meint, in Ad-hoc-Stellungnahmen der Gesellschaft Vorschriften machen zu können, ohne wenigstens andeutungsweise zu zeigen, wie sie ihre ‚letzten Warnungen‘ begründen und hinsichtlich der Wirksamkeit belegen kann, verrät sie ihren eigenen Anspruch an wissenschaftliches Arbeiten. (...) Da ‚die Wissenschaft‘ nicht einfach sagen kann: ‚Wir haben eigentlich keine Ahnung, was hier wirklich passiert, wir können nicht erklären, warum in Sachsen die Infektionszahlen steigen und in Rheinland-Pfalz nicht‘, müssen die Bürger selbst zu Schuldigen erklärt werden. Der Schaden, den die Funktionäre der Wissenschaft damit anrichten, ihre eigene Unwissenheit in der Zeit der Pandemie nicht offen einzugestehen, ist unermesslich – gerade mit Ausblick auf die weiteren großen Herausforderungen, vor denen die Gesellschaft steht.“

In einem Video für die Süddeutsche Zeitung (Bezahlschranke) attestiert der frühere Chefredakteur und heutige Kolumnist Heribert Prantl der Regierung „Brutale Phantasielosigkeit“. Bei den Anti-Corona-Maßnahmen sei immer nur von Verboten und noch mehr Verboten die Rede. Das genüge nicht: „Die Menschen brauchen auch Hoffnung.“ Harsche Worte findet Prantl auch im Podcast des Journalisten Gabor Steingart „Steingarts Morning Briefing“: „Wenn jetzt Markus Söder davon spricht, dass Corona so schlimm sei wie die Pest – solche Worte sollte man ihm in den Mund zurückstopfen. Die machen den Leuten noch mehr Angst, als sie ohnehin schon haben.“ Die Corona-Politik der Bundesregierung sei „für viele Menschen und Betriebe existenzgefährdend. (...) Es geht nicht darum, dass man Grundrechte dem Virus wie einer archaischen Gottheit opfert, die man durch symbolhafte Opfergaben und Verzichtsgehorsam befriedigen muss.“

Auch Andreas Gassen, Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, meint in einem Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland: „Ein Lockdown ist keine langfristige Strategie, um die Zahl der Todesfälle deutlich zu senken.“ Gassen fordert stattdessen „mehr Anstrengungen, um die Risikogruppen zu schützen“. Wer die politischen Entscheidungen kritisiere, auf den werde „gleich verbal eingeprügelt – offenbar auch deshalb, weil die Befürworter selbst wissen, dass das alles nicht der Weisheit letzter Schluss ist“. So dürfe es nicht weitergehen.

Zu denjenigen, die noch nie sonderlich viel von Lockdowns gehalten haben, gehört die Arbeitsgruppe um den Kölner Medizinprofessor Matthias Schrappe (viele Jahre lang Mitglied im Sachverständigenrat des Bundesgesundheitsministeriums und im Vorstand des Deutschen Netzwerks Versorgungsforschung, von 2009 bis 2011 leitete er das Institut für Patientensicherheit der Universität Bonn). Am 10. Januar hat diese Arbeitsgruppe das siebte Thesenpapier veröffentlicht und weist akribisch nach, dass gerade diejenigen, die am meisten gefährdet sind, an COVID-19 zu erkranken – die Alten und Hochbetagten, durch die Lockdown-Maßnahmen keineswegs geschützt wurden. Im Gegenteil, die Sterberate ist ausgerechnet bei ihnen unverändert hoch. Speziell für die vulnerablen Gruppen sei die Lockdown-Politik wirkungslos. „Es ist paradox“, zitiert die WELT Matthias Schrappe. „Hier wird eine mit hohen gesellschaftlichen Kosten verbundene Lockdown-Politik durchgesetzt, ohne andere Optionen in Betracht zu ziehen oder über einen Strategiewechsel überhaupt nur nachzudenken.“ Schrappe und sein Team fordern – und dies jetzt zum wiederholten Male – gezielte Schutzkonzepte für die Risikogruppen, ohne die alleinlebenden Senior*innen und Bewohner*innen von Alten- und Pflegeheimen abzuschotten. Sinnvoller seien vermehrtes Testen, speziell geschultes Personal und eine direkte Ansprache.

Immer nur auf die Inzidenz und die magische Zahl nicht mehr als 50 Fälle pro 100.000 Einwohner zu starren – und das in den Wintermonaten –, sei, so berichtet auch DocCheck, absurd, weil der Wert erheblich von der Intensität des Testens abhängt und eben nicht nur von der Infektionslage und zitiert aus dem Thesenpapier: „Als je unrealistischer sich dabei die Erreichung des Inzidenzziels erweist, desto klarer zeigt sich, wie sich die Politik in ihrer eigenen Grenzwertlogik verfangen hat, weil sie nun nur noch unter Aufgabe ihres zentralen Handlungsindikators (...) aus dem Szenario eines bis weit in den Frühling verlängerten Lockdowns herausgelangen kann.“

Wie berechtigt diese Befürchtung ist, zeigt ein Interview von Wirtschaftsminister Peter Altmaier mit ZEIT Online (Bezahlschranke). Altmeier sagt darin ganz unverhohlen, dass der Lockdown noch länger andauern wird, womöglich sogar bis Ostern, das dieses Jahr in der ersten Aprilwoche liegt. Einen Maskenschutz hält er sogar ganzjährig für erforderlich, weil unklar sei, wann von den Geimpften keine Infektionsgefahr mehr ausgehe: „Wir wissen nicht, wer von den Geimpften infektiös ist und wer nicht.“

Und wieder einmal betätigt sich Markus Söder als der größte aller Unkenrufer: Einen „Normalzustand wie vor Corona wird es auf absehbare Zeit nicht geben“, sagte er in einem Interview mit der WELT am Sonntag (Bezahlschranke) und malt die Gefahr eines „Corona-Terrorismus“ an die Wand: „Wir müssen auch in Deutschland nicht nur die Sicherheitsmaßnahmen für die demokratischen Institutionen verbessern (Söder bezieht sich damit auf den Sturm auf das Kapitol in Washington an, d. Red.), sondern grundlegend die sektenähnliche Bewegung der ‚Querdenker‘ und anderer vergleichbarer Gruppierungen in den Blick nehmen. Der Verfassungsschutz hat dabei eine zentrale Aufgabe. Auch wenn die Umfragewerte der AfD sinken, besteht die Gefahr, dass sich aus ihrem Umfeld heraus in Deutschland ein Corona-Mob oder eine Art Corona-RAF bilden könnte, die zunehmend aggressiver und sogar gewalttätig werden könnte. Es besteht immer die Gefahr, dass sich aus größeren Bewegungen kleine Protestgruppen entwickeln, die am Ende einen radikalen Kern bilden, der zu einer Terrorzelle werden kann.“

Nun sind ja aber nicht alle kritischen Stimmen gleich „Querdenker“ oder AfD’ler, wie Söder suggeriert. Und es geht ihm auch nicht um historische Erkenntnis,  sondern, wie Magnus Klaue in der WELT in einem bemerkenswerten Kommentar (Bezahlschranke) zu diesen Äußerungen schreibt, „darum, durch rhetorische Tricks eine Situation herbeizureden, die es dem Staat tatsächlich erlauben könnte, gegen Kritiker der gesundheitspolitischen Maßnahmen so unerbittlich vorzugehen wie einst die Bundesrepublik gegen die RAF. Anders lässt sich nicht erklären, dass Personen, die keineswegs organisiert im Untergrund leben, sondern dafür eintreten, unorganisiert und zivil wieder den Obergrund, nämlich die bürgerliche Öffentlichkeit beleben zu können, als Partisanen im Kampf gegen jenen Staat verhöhnt werden, dessen für alle geltende Rechte und Pflichten sie zurückfordern.“

Boris Palmer, Mitglied der Grünen und Tübinger Oberbürgermeister, stellt sich als einer der wenigen Politiker gegen die Lockdown-Politik von Bund und Ländern: „Frau Bundeskanzlerin, I am not convinced“ schrieb er am 6. Januar in der WELT (Bezahlschranke) zu der Verlängerung des Lockdowns. „Härte gegen die eigene Bevölkerung“ scheine ein „Gütesiegel der Merkel’schen Politik“ zu werden. Es sei „eine unglaubwürdige Politik, die Bildungsbiographien bricht und Familien zerstört“. Und legte in der „BILD“-Sendung „Die richtigen Fragen“ am 10. Januar noch einen drauf: „Es reicht jetzt. Anfang Februar müssen wir kontrolliert wieder aufmachen. Wir müssen auch leben.“

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Das schlägt aufs Gemüt

Die psychischen Auswirkungen der Krise

 

Corona-Spezial Januar 2021 – Es war schon lange zu erwarten, jetzt zeigen Studien, dass sowohl die Corona-Krise selbst als auch die damit verbundenen Maßnahmen vielen Menschen aufs Gemüt schlagen. Eine Sonderbefragung der NAKO Gesundheitsstudie unter knapp 160.000 Menschen während des Lockdowns im Frühjahr 2020 zeigte, dass depressive Symptome, Angst und Stress deutlich zugenommen haben.

Eine Umfrage der provona BKK im Dezember 2020 ergab, dass drei Viertel der Psychiater*innen und Psychotherapeut*innen in Deutschland mit einer „Welle psychischer Erkrankungen in den kommenden zwölf Monaten“ rechnen. Vier von fünf Therapeut*innen erwarten, dass vor allem Depressionen und depressive Verstimmungen zunehmen. Der erneute Lockdown verschärfe zudem die Probleme bei Menschen, die bereits psychisch vorerkrankt sind. Isolation und Einsamkeit kämen erschwerend hinzu.

Studien aus den USA zeigen, dass vor allem jüngere Menschen zwischen 18 und 24 Jahren gefährdet sind. Sie plagen sich vor allem mit der Sorge vor finanziellen Verlusten und Arbeitslosigkeit. Menschen, die sich einem Hobby widmen oder sich im Freien körperlich betätigen konnten, waren weniger gestresst.

Wie sich die Corona-Krise weltweit auf die Psyche auswirkt, zeigt eine Studie aus Basel, über die das Redaktionsnetzwerk Deutschland berichtet. 

Die Süddeutsche Zeitung berichtet über einen Besuch in einer psychiatrischen Klinik in Thüringen. Die stellvertretende Ärztliche Direktorin erschrickt immer wieder darüber, dass die Menschen in der Pandemie oft sehr spät kommen und dann schon schwer krank sind. Was die Pandemie mit psychisch kranken Menschen macht, ist bisher kaum untersucht. Auffällig ist nur, dass kaum noch irgendwo ein Bett frei ist. Die psychiatrischen Stationen sind überall im Land überfüllt. Suchtkranke fallen in alte Gewohnheiten zurück. 

Ein Thema, das in den Medien bisher weitgehend ausgeklammert wurde, ist die Zunahme von Suiziden. Der Regisseur und Drehbuchautor Tom Bohn hat dieses Tabu in einem bewegenden Artikel für die WELT (Bezahlschranke) jetzt gebrochen und berichtet über die Schwierigkeiten, die geschlossene Theater und Spielstätten für die Kulturschaffenden mit sich bringen. Eine befreundete Schauspielerin hatte sich eine Woche zuvor das Leben genommen. Das hatte ihn nicht mehr losgelassen. Sein Resumée: „Nicht wenigen kulturell Arbeitenden fliegt gerade ihr Weltbild um die Ohren. Es ist offensichtlich, dass das Virus eine Gefahr darstellt. Leider aber merkt man auch an den Entscheidungen, die getroffen werden, was den Verantwortlichen und unserer Gesellschaft wichtig ist und was nicht. Die Kultur scheint es nicht zu sein.“

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Die Lage in Schweden

Ein Exklusiv-Bericht

 

Corona-Spezial Januar 2021 – Der schwedische Weg durch die Pandemie war von Anfang an umstritten. Die einen fanden ihn gut, andere freuten sich über jede Hiobsbotschaft, die uns aus dem skandinavischen Land erreichte. Immer wieder stand Anders Tegnell, Schwedens „Staatsepidemiologe“ im Feuer der Kritik. 

Wir baten den Psychologen Peter Zimmermann, langjähriger Stiftungsvorstand der Gemeinnützigen Stiftung zur Entwicklung von Gemeinschaftskrankenhäusern in Herdecke und intimer Schweden-Kenner, um eine aktuelle Einschätzung der Lage. Den vollständigen Bericht haben wir Ihnen zum Download eingestellt; hier ist eine Zusammenfassung der Themen, um die es in diesem Bericht geht:

  • Die erste Welle: Der Bericht der Corona-Kommission
  • Die zweite Welle
  • Auswirkungen der zweiten Welle
  • Übersterblichkeit
  • Die Funktionsfähigkeit des Gesundheitssystems
  • Auswirkungen der zweiten Welle auf die Hochaltrigen
  • Kommunikationsstrategie und Stimmung in der Bevölkerung

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Zwischen Hoffnung und Skepsis

Die Impfung gegen COVID-19

 

Corona-Spezial Januar 2021 – Hin und her geht es mit den Meldungen zum Impfen gegen SARS-CoV-2: Hier gibt es zu wenig Impfstoff, dort ist die Organisation chaotisch, Kinder müssen sich für ihre betagten Eltern um Termine kümmern, weil die Hotlines überlastet sind und die Einladungsbriefe auf sich warten lassen, und nicht zuletzt tragen sich viele Menschen mit großen Fragen: Wogegen schützt die Impfung überhaupt? Wie lange hält sie vor? Wie sicher ist sie und wie wirksam? Kann ich als Geimpfter andere anstecken? Ist der Biontech/Pfizer-Impfstoff besser, schlechter oder anders als der von Moderna, der jetzt auch in Europa zugelassen wurde und demnächst in Deutschland mit verimpft wird? Und last but not least: Wäre es nicht besser, erst einmal abzuwarten, bis man mehr weiß über diese Impfung, die schon wegen ihrer Neuartigkeit bei vielen Menschen auch Abwehr und Skepsis hervorruft?

„Zwei Drittel wollen sich impfen lassen, aber nur jeder Vierte sofort“, zeigt eine Umfrage unter 18.000 Befragten aus 15 Ländern im Oktober. Auch in Deutschland will man nichts überstürzen: Nur 23 Prozent würden sich sofort impfen lassen, etwa die Hälfte möchte nicht mehr als drei Monate damit warten, zwei Drittel rechnen damit, sich innerhalb dieses Jahres die Spritze geben lassen zu können. Die meisten fürchten, der Impfstoff sei nicht ausreichend geprüft worden, ein Drittel hat Bedenken wegen möglicher Nebenwirkungen. 15 Prozent bezweifeln die Wirksamkeit, und jeder Zehnte lehnt das Impfen generell ab. Auch Daten des Gemeinschaftsprojekts „COVID-19 Snapshot Monitoring“ der Uni Erfurt zeigen, dass die Impfbereitschaft sinkt und nur noch jeder Zweite dazu bereit ist.

Fest steht: Die bisher vorliegenden Studienergebnisse bzw. die Aussage, die Impfung sei zu über 90 Prozent wirksam, bedeuten nicht, dass neun von zehn Geimpften vor COVID-19 geschützt sind. Sie sagen nur, wie ein Faktencheck des Bayerischen Rundfunks ergab, „dass von allen Personen, die im Rahmen der Studie positiv auf SARS-CoV-2 getestet wurden, 95,3 Prozent in der Placebogruppe waren - den Impfstoff also gar nicht bekommen hatten. Doch insgesamt ist die Zahl der Infizierten in beiden Gruppen sehr gering.“ Wer es genau wissen will, kann die inzwischen veröffentlichte Arbeit zu Sicherheit und Wirksamkeit des Biontech/Pfizer-Impfstoffs im New England Journal of Medicine nachlesen.

Es nimmt allerdings nicht wunder, dass aufgrund der wenig transparenten Kommunikation gerade das medizinische Personal – Ärzt*innen ebenso wie Pflegende – sich beim Impfen eher in Zurückhaltung übt. Schließlich gab es zahlreiche Meldungen über Nebenwirkungen, schwere allergische Reaktionen auch ohne allergische Disposition, einen Todesfall in der Schweiz und einen unklaren Todesfall bei einem vorher gesunden Arzt in Florida. 

Zwei Pflegeheime in Bayern, deren Bewohner*innen geimpft worden waren, meldeten nach dere Impfaktion mehr als zwei Dutzend positive Corona-Tests bei Bewohner*innen und Personal, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet. Inzwischen wird Ähnliches auch aus einigen Heimen in Nordrhein-Westfalen berichtet. Auch wenn völlig unklar ist, ob diese Ausbrüche überhaupt im Zusammenhang mit den Impfungen stehen, so haben solche Vorkommnisse das Vertrauen in die Impfung nicht unbedingt gefördert.

Das gilt auch für die medizinischen Berufe. Eine Umfrage in Krankenhäusern zeigte, dass zwar 91 Prozent der Ärzt*innen und 76 Prozent der Pflegenden die Impfung für wichtig erachten, trotzdem möchte die Hälfte der Pflegenden sich erst einmal nicht impfen lassen, wie ZEIT Online berichtet (Bezahlschranke). Bei den Ärzt*innen liegt die Quote bei 73 Prozent, Frauen sind besorgter als Männer.

„Querdenker in Weiß“ macht Alexander Neubacher in einer Kolumne im SPIEGEL deshalb aus, die „nicht nur ihr eigenes Leben auf Spiel setzen, sondern auch das Leben anderer“. Und wünscht sich, die Krankenhäuser und Heime könnten die Heilberufe zum Impfen zwingen. Der Gesetzgeber müsse sich darum kümmern. Die bereits eingeführte Masern-Impfpflicht zeige, wie das gehe: „Nur wer einen Impfnachweis hat, wird auf Kranke und Alte losgelassen.“

Dass so viele Menschen verunsichert sind und erst einmal abwarten wollen, hängt auch mit der schleppenden und mangelhaften Kommunikation zusammen. „Verschweigen ist die falsche Strategie“ meint der Vorstandsvorsitzende der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft, Wolf-Dieter Ludwig, in einem Interview mit der WELT am 5. Januar 2021 (Bezahlschranke). Der Start der Impfkampagne sei „verstolpert worden“. Die Impfungen, so Ludwig, „erfolgen auf einer vergleichsweise schlechten Datengrundlage. Ich sage nicht, dass die bereits zugelassenen Impfstoffe schlecht sind. Aber wegen der sehr schnellen Entwicklung und Zulassung gibt es viele offene Fragen.“ Über die Langzeitfolgen könne man naturgemäß noch gar nichts sagen, ebensowenig, ob und wie die Impfung bei Kindern und Jugendlichen wirke, und wie es mit dem Nutzen-Risiko-Profil bei Schwangeren und Stillenden oder Menschen mit schweren Vorerkrankungen (Autoimmunkrankheiten, Krebs) aussehe. Er stehe zwar voll und ganz hinter der Impfung, aber er halte nichts davon, Risiken und offene Fragen nicht offen zu benennen: „Die Menschen wollen eine informierte Entscheidung darüber treffen, ob sie sich impfen lassen oder nicht. Und sie sind durchaus in der Lage, Gegenargumente oder auch ungeklärte Fragen in ihre Entscheidung mit einzubeziehen. (...) Über die Ergebnisse der Zulassungsstudien wurde viel zu wenig gesprochen. (...) Wir müssen uns darüber bewusst sein, was wir nicht wissen. Und wir wissen einfach noch nicht, ob die Impfungen tatsächlich auch Ansteckungen und damit die Weitergabe des Virus verhindern.“

Die Medizinische Sektion am Goetheanum hat zusammen mit der Internationalen Vereinigung anthroposophischer Ärztegesellschaften (IVAA) eine Stellungnahme zur Impfung gegen SARS-CoV-2 herausgebracht. Darin heißt es zum Schluss: „Der weltweite Einsatz für die Bereitstellung von Impfstoffen muss von Maßnahmen begleitet werden, die die Gesundheit stärken und die individuelle Widerstandsfähigkeit fördern. Ernährung, psychologische und soziale Faktoren (wie z. B. der Verlust der Lebensgrundlage) müssen berücksichtigt werden, da die Pandemie nicht nur eine virologische, sondern auch eine soziale Herausforderung darstellt.“

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Zum Sehen, Hören, Lesen

Kultur für Herz, Geist und Sinne

 

Corona-Spezial Januar 2021 – Die Wintersonnenwende haben wir hinter uns, aber die Nächte sind immer noch lang, die Tage kalt – Zeit für gemütliche kulturelle Abende mit guter Musik, Lektüre oder Filmen, die den Blick auch mal abwenden von Corona. Wir haben Ihnen hier einige Anregungen dafür zusammengestellt.

ZUM ANSCHAUEN

Jerusalema-Challenge
Das Krankenhaus tanzt
Es war eine schöne Idee, aus dem Ohrwurm „Jerusalema“ der südafrikanischen Rap-Gruppe Master KG eine internationale Challenge zu machen, die von europäischen Krankenhäusern aufgegriffen wurde (auch das anthroposophische Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke hat sich beteiligt). Sie bringt ein bisschen Leichtigkeit und gute Laune in den Corona-Alltag. Die Sammlung dazu ist bei YouTube eingestellt (schauen Sie sich vor allem auch mal die Beispiele aus Afrika an!). Wetten, dass Sie diese tolle Musik nicht mehr aus den Ohren kriegen?! Sie ist ein prima Anlass, mit der ganzen Familie danach zu tanzen – egal, wie!

Von der „Gruberin“
Ein satirischer Jahresrückblick
Die Kabarettistin Monika Gruber ist berühmt-berüchtigt für ihre scharfe Zunge. Eine kleine Meisterleistung hat sie in ihrem Jahresrückblick für 2020 hingelegt. Endlich mal wieder aus vollem Herzen lachen!


In den „Best of 2020“
Die Filme „Der marktgerechte Patient" und "Der marktgerechte Mensch“
Es kommt nicht oft vor, dass „Filme von unten“ im öffentlich-rechtlichen Fernsehen in eine Shortlist kommen. Diese beiden Projekte haben es allerdings mehr als verdient: Die Sendung „Titel, Thesen, Temperamente“, die immer im Anschluss an „Anne Will“ am Sonntagabend ausgestrahlt wird, hat die Filme „Der marktgerechte Patient“ und „Der marktgerechte Mensch“ in die Liste der „Best of 2020“ gesetzt.

„Der marktgerechte Patient“ befasst sich mit den Auswirkungen der Einführung der Fallpauschalen (DRGs) in den deutschen Krankenhäusern. Seit 2003 werden die Kliniken mehr und mehr zu profitorientierten Durchschleusungs-Einrichtungen, in denen nicht mehr der Mensch im Mittelpunkt von Empathie und Fürsorge steht, sondern als Mittel, um Erlöse zu erzielen.

„Der marktgerechte Mensch“ schildert die Arbeitssituation in Deutschland, wo die Verschärfung des Wettbewerbs immer häufiger in Entsolidarisierung, Depression und Burnout mündet. Aber diese Situation ist nicht alternativlos. Der Film stellt Betriebe vor, die nach dem Prinzip des Gemeinwohls wirtschaften, Beschäftigte von Lieferdiensten, die einen Betriebsrat gründen und die Kraft der Solidarität von jungen Menschen, die für einen Systemwandel eintreten. Es ist ein Film, der Mut machen will, sich einzumischen und zusammenzuschließen.

Die Filmemacher Leslie Franke und Herdolor Lorenz bieten die Möglichkeit, beide Filme gegen eine Spende von 20 Euro (ein Film) oder 35 Euro (beide Filme) im Rahmen von nichtkommerziellen Vorführungen zu zeigen. Sie können sie als DVD kaufen oder als mov-Datei herunterladen.

 

ZUM ANHÖREN

Mutig
Eine Hymne für weniger Angst
Es sind die ersten Musiker von Weltruhm, die sich Mitte Dezember, noch vor Weihnachten, mit einem neuen gemeinsamen Song gegen die Angst im Zusammenhang mit der Corona-Epidemie gewandt haben: „Stand and Deliver“. Van Morrison schrieb den Text und die Musik, „Mister Slowhand“ Eric Claption (der 2020 75 Jahre alt wurde!!) spielt sie. Und wie könnte es anders sein – es ist ein Hit in der schönsten und besten Rhythm-and-Blues-Tradition. Unbedingt reinhören!

 

ZUM LESEN

Zivilcourage: Ein Lehrbeispiel
Immer wieder wurde und wird den Freien Waldorfschulen vorgeworfen, sie seien in der Zeit des Nationalsozialismus einen Weg in die Kollaboration gegangen. Dass dem nicht so war, sondern dass sie vielmehr Orte der Resilienz und des kreativen pädagogischen Widerstands waren, zeigt dieser schmale und doch so ungemein gehaltvolle Band von Peter Selg.

Gerade heute erscheint dieses Wissen umso wertvoller, als sowohl den Waldorfschulen als auch der Anthroposophie allgemein die Nähe zu „Corona-Leugnern“ und Rechtsradikalen unterstellt wird. Inzwischen wird nachgerade jede kritische Problematisierung der Maskenpflicht und ihrer pädagogischen und psychosozialen Folgen in die Ecke der „Querdenker“ gestellt und damit mit Rechtsradikalismus gleichgesetzt. Das Buch ist die gedruckte Version eines Vortrags, den Peter Selg am 25. Juli 2020 in Stuttgart gehalten hat.

Peter Selg: Zivilcourage. Die Herausforderung Freier Waldorfschulen (zu bestellen über das Bestellformular), Verlag des Ita Wegman Instituts, Arlesheim (Schweiz), 78 Seiten, 10 Euro

 

„Sag immer Deine Wahrheit“
Wenn ein Hundertjähriger auf sein Leben zurückblickt, hat das immer einen besonderen Reiz. Wenn das jemand tut, der Zeit seines Lebens ein widerständiger Mensch war, umso mehr. Der Jurist Benjamin Ferencz ist mit den Alliierten am 6. Juni 1944 in der Normandie gelandet, um Europa vom Joch der Nationalsozialisten zu befreien. Er war einer der Chefankläger in den Nürnberger Prozessen 1946, leitete Bemühungen um die Rückgabe von Raubkunst an Holocaust-Überlebende und war an den Reparationsverhandlungen zwischen der BRD und Israel ebenso beteiligt wie an der Gründung des International Strafgerichtshofs in Den Haag. Im März 2020 wurde Ferencz 100 Jahre alt. Aus diesem Anlass erschienen seine biographischen Erinnerungen. Sie sind der Spiegel eines erfüllten Lebens – scharfsinnig, dankbar, demütig, und immer auch optimistisch. Den Glauben an das Gute im Menschen hat Ferencz trotz aller schrecklichen Erlebnisse nie verloren. Unter den Lebensweisheiten, die er in diesem Band weitergibt, gehören Sätze wie „Hab immer Feuer in Dir“; „Die besten Eigenschaften, die ein Mensch haben kann, sind Redlichkeit, Warmherzigkeit und Toleranz“; „Tu niemals etwas, für das Du Dich schämst“. Sich selbst treu zu bleiben, war ihm eine Richtschnur, die ihn durchs Leben getragen hat.

Benjamin Ferencz: Sag immer Deine Wahrheit. Was mich 100 Jahre Leben gelehrt haben. Heyne Verlag, 160 Seiten, 17,50 Euro

 

Meisterhaft erzählt
Pierre Lemaitre ist ein mehrfach preisgekrönter französischer Schriftsteller. Nun hat er eine bemerkenswerte Roman-Trilogie vorgelegt, deren erster Band „Wir sehen uns dort oben“ (erschien 2014) gleich mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde, dem ältesten und bedeutendsten Literaturpreis Frankreichs. Aber auch die beiden nachfolgenden Bände sind nicht weniger packend. Es geht jeweils um die schicksalhafte Verbindung von Menschen, die schicksalhaft miteinander verbunden sind, in der Zeit zwischen den letzten Tagen des Ersten Weltkriegs und dem Höhepunkt des Zweiten Weltkriegs Anfang der 1940er Jahre. Es geht um Intrigen, Ruhm und Ehre, um Profitgier und krumme Geschäfte, um Liebe und Verrat und Treue – kurzum, all die Würze, mit der gute Romane ausgestattet sind. Das Besondere an Pierre Lemaitre ist, dass er seine Geschichten mit einem immensen Sprachwitz versieht und auch noch die schwierigsten Situationen mit einer speziellen Leichtigkeit auszustatten vermag – c’est l’esprit français! Ein Lesegenuss der Sonderklasse.

Pierre Lemaitre: Wir sehen uns dort oben (Band 1, 521 Seiten, 23 Euro). Die Farben des Feuers (Band 2, 479 Seiten, 25 Euro, zurzeit nur als E-Book lieferbar für 19,99 Euro). Spiegel unseres Schmerzes (Band 3, 480 Seiten, 24 Euro). Klett Cotta Verlag.

 

Ermutigend
Immer noch ist die Diagnose „Krebs“ eng mit dem Tod verbunden – dabei sind Krebserkrankungen heute eher eine chronische Krankheit geworden, mit der man meistens noch lange leben kann. Und öfter als man denkt, kommt es vor, dass jemand auch ein schweres Krebsleiden noch viele Jahre überlebt. Woher kommt die Kraft dafür? Welche Rolle spielt die Spiritualität dabei? Fragen, die sich am besten anhand von authentischen Berichten beantworten lassen. Zwölf solcher „Überlebensgeschichten“ mit Überlebenszeiten zwischen vier und 25 Jahren haben der Psychoonkologe Elmar Reuter, die Journalistin und Fotografin Gudrun Haarhoff zusammengetragen und in Form von Interviews aufgeschrieben. Der Lyriker und Unternehmenssprecher Yosh Malzon-Jessen hat die Essenz davon am Schluss jeder Geschichte in Gedichtform gegossen. Ergänzt wird diese Sammlung durch mehrere Expert*innen-Interviews: mit der Onkologin Elke Jäger, dem Neurowissenschaftler Joachim Bauer und dem Psychoneuroimmunologen Christian Schubert. Zur Rolle des Selbst beim gesunden Überleben einer Krebserkrankung hat Elmar Reuter ein eigenes Kapitel beigesteuert. Ein wertvolles, Mut machendes Buch, beileibe nicht nur für Krebskranke und ihre Angehörigen.

Elmar Reuter, Gudrun Haarhoff, Yosh Malzon-Jessen: Mehr Jahresringe als erwartet. Überlebensgeschichten nach schwerer Krebserkrankung. Schattauer Verlag, 291 Seiten, 25 Euro

 

Ein schweres Erbe
Es ist die Enkel*innen-Generation, die immer noch unter den traumatischen Erlebnissen der Kriegs- und Nachkriegszeit zu leiden hat, vor allem mit unerklärlichen Alpträumen. Der Autor, Regisseur und Filmemacher Sebastian Heinzel ist selbst davon betroffen und hat sich auf den Weg gemacht, dieses Rätsel zu ergründen. Herausgekommen ist ein Buch und ein gleichnamiger Dokumentarfilm: „Der Krieg in mir“. Heinzel hat herausgefunden, dass neue Forschungsergebnisse zeigen, dass extreme Stresserfahrungen genetisch weitergegeben werden können. Er untersucht die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs auf seine Familie und folgt den Spuren seines Großvaters, der als Wehrmachtssoldat in Weißrussland war. Dabei entdeckt er erstaunliche Verbindungen zu seiner eigenen Geschichte und den Kriegsträumen, die ihn seit Jahren verfolgen. Ebenso sehens- wie lesenswert!

Sebastian Heinzel: Der Krieg in mir. Welche Spuren haben die Erfahrungen der Kriegsgeneration in uns hinterlassen? Buch (192 Seiten, 15 Euro) und DVD oder Video on Demand (7,90 Euro für VoD; 19,90 für die DVD mit 90 Minuten Bonusmaterial).

Dazu passt noch ein anderes Buch: Die Geschichte einer Frau aus Südtirol, 1934 in Kaltern geboren, die nach Baden bei Wien auswandert und 1945 aufgrund der Besetzung Badens durch sowjetische Truppen mit der Familie ohne den Vater nach Südtirol zurück flüchtet. Ein langer und lebensbedrohlicher Weg, auf dem sich die Elfjährige als älteste allein mit zweien ihrer Brüder durchschlägt und dann erleben muss, dass sie am Ziel, in ihrer alten Heimat, erst recht nicht willkommen ist. Die Autorin Verena Nolte hat diese wechselvolle Lebensgeschichte der Paula Morandell aufgeschrieben, Mila Pavan fotografierte, beides zusammen ergibt ein bewegendes Dokument der jüngsten Zeitgeschichte.

Verena Nolte: Der Milchkrug. Ein Südtiroler Mädchen erlebt Krieg und Neuanfang. Folio Verlag Wien/Bozen, 240 Seiten, 25 Euro

 

Aus dem Nähkästchen geplaudert
Wie ist es, wenn ein amerikanischer Autor mit Sack und Pack und zweijährigen Zwillingen nach Frankreich zieht und sich dort in der Hochburg der Nouvelle Cuisine, in Lyon, in der Küche eines Spitzenkochs verdingt? Bill Buford, vielgelobter Autor des Magazins The New Yorker hat genau das getan und darüber ein Buch geschrieben. Es hat den bezeichnenden Titel „Dreck“, was sich weniger auf die Zustände in den Küchen bezieht, sondern auf das Bedürfnis nach einem elementaren Erlebnis. Bufords Anliegen war, wie er schreibt, die Grundlagen der französischen Küche zu erlernen: „Zu den vielen Dingen, die wir in Frankreich gelernt haben, zählt etwas ganz Schlichtes, nämlich die Wertschätzung des Geschmacks naturbelassener Lebensmittel, die noch nicht raffiniert und anderweitig verändert wurden: durch industrielle Verfahren, Chemikalien, künstliche Aromen, Pestizide, Zucker ... – das endlose Fließband von manipuliertem Protein, Stärke oder süßem klebrigem Zeug, das gehärtet, geröstet oder überzogen wird und dann in den Einzelhandel gelangt, das ganze Wirkungsspektrum, das die Massenproduktion von Nahrungsmitteln charakterisiert, nahezu weltweit, aber nirgends so flächendeckend und bedrohlich wie in den Vereinigten Staaten.“ Bei aller Ernsthaftigkeit dieses Ziels ist es dennoch ein Heidenspaß, dieses Buch zu lesen, und man kommt aus dem Kichern kaum noch wieder heraus. Eine Wohltat in diesen Zeiten, wo einem so selten nach Lachen zumute ist.

Bill Buford: Dreck. Wie ich meine Familie einpackte, Koch in Lyon wurde und die Geheimnisse der französischen Küche aufdeckte. Hanser Verlag, 512 Seiten, 26 Euro

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