Corona-Spezial

Unser Kompass zu COVID-19 und Gedanken über die Krisenzeit

Hier finden Sie aktuelle Berichte, Informationen und Stellungnahmen zur Corona-Pandemie sowie Gedanken über die Krisenzeit. Wir aktualisieren diesen Bereich in unregelmäßigen Abständen – je nach Lage der Dinge.

In diesem Zusammenhang sei auch auf unser Archiv hingewiesen. Wir haben uns dafür entschieden, jeweils nur die vergangenen drei bis vier Monate zu dokumentieren, weil vieles, was wir in der Zeit davor geschrieben und kommentiert haben, inzwischen überholt ist und leicht Anlass zu Missverständnissen geben kann.

Und noch eine Erklärung vorneweg: So manches, worauf wir hinweisen, wirft einen kritischen Blick auf den derzeitigen Kurs der Bundesregierung. Das bedeutet allerdings nicht, dass wir die Pandemie in ihrer Existenz in Frage stellen. Wir sind uns sehr wohl der Gefahren bewusst, die sich mit einer Infektion mit SARS-CoV-2 und einer Covid-19-Erkrankung verbinden können. Wir sind uns vor allem der fatalen weltweiten Auswirkungen bewusst, die diese Pandemie schon jetzt nach sich zieht und fürderhin noch ziehen wird. Wir bringen diese Zusammenstellung an Informationen und Quellen, weil sie ergänzend notwendig sind, um einen offenen, fairen und sachgemäßen demokratischen Dialog zu führen, ohne den wir in einer totalen Spaltung der Gesellschaft landen.

Es kommt immer wieder vor, dass sich Rechtsradikale und Neonazis oder die AfD unserer Argumente bemächtigen. Das können wir nicht verhindern. Aber wir distanzieren uns ganz klar und entschieden von solchen Übergriffen und ebenso von diesen Kreisen.

Noch ein Hinweis zu den im Corona-Spezial benannten Links: Viele davon liegen hinter einer Bezahlschranke – denn Journalismus, auch Online-Journalismus, kostet Geld. Da manche Redaktionen einen Text anfangs frei zugänglich machen, ihn aber über kurz oder lang hinter die Paywall stellen (z. B. bei hohen Click-Zahlen, die ein gesteigertes Interesse signalisieren), verzichten wir darauf, bei jedem Link anzugeben, ob er nur kostenpflichtig zu lesen ist.

Eine Bemerkung vorab zu diesem Corona-Spezial

Sowohl die politische als auch die Corona-Lage ist derzeit derart volatil, dass es schwer ist, eine sinnvolle Zusammenstellung der Beiträge zu generieren. Was wir Ihnen heute offerieren, ist morgen schon wieder Makulatur. Wir haben uns dieses Mal deshalb darauf konzentriert, vor allem die im Kommentar von Stefan Schmidt-Troschke angesprochenen Punkte zu flankieren und zu vertiefen.

Zur Lage

Ein Kommentar von Stefan Schmidt-Troschke

Seit nun über einem Jahr stellen wir unseren Corona-Kompass als „Corona-Spezial“ parallel zum regulären Newsletter bereit. Wir haben dafür einige Schelte einstecken müssen von Menschen, die den Eindruck hatten, die Verschwörungsideolog:innen hätten sich unserer bemächtigt. Andererseits – und das überwog – erhielten wir viel Zuspruch dafür, dass wir uns bemüht haben, die verschiedenen Perspektiven zu beleuchten, unter denen man auf die Pandemie und – vor allem – die Art und Weise unserer Reaktion darauf schauen kann.

Die geteilten Reaktionen haben uns bestärkt darin, Kurs zu halten auf dem verbliebenen schmalen Grat, der derzeit die Kritiker:innen der Maßnahmen und diejenigen trennt, die darauf drängen, noch rigider vorzugehen. Dazu wollen wir mit ihnen ein paar Gedanken teilen.

Erneut erleben wir kurz vor den Festtagen eine zugespitzte Situation: Vor dem Hintergrund einer hohen Inzidenz und vor allem einer mindestens regional grenzwertigen Auslastung von Intensivstationen will man nun ans Grundsätzliche. Die Pandemie und der Umgang mit ihr haben viele Wegmarken passiert. In Deutschland ist man vielfach sehr klar abgebogen. Maßnahmen bis hin zu Ausgangssperren wurden verhängt und schließlich vom Bundesverfassungsgericht für zulässig befunden. Nun scheidet sich der Weg erneut und zwei wesentliche weitere Elemente werden ins Spiel gebracht:

  • Immer lauter wird der Ruf danach, dass Kinder – künftig bis hinab ins Säuglingsalter – gegen SARS-Cov-2 geimpft werden sollen.
  • Immer klarer zeichnet sich ab, dass eine Impfpflicht für die gesamte Bevölkerung eingeführt werden soll. Für die medizinischen und sozialen Bereiche wurde das bereits beschlossen.

Kinder gegen Covid-19 impfen?
Schauen wir zunächst auf die Kinder. Der Verein „Ärztinnen und Ärzte für individuelle Impfentscheidung e.V.“ hat die wichtigsten Fragen und Antworten zu diesem Thema für Kinder und Jugendliche wie folgt zusammengefasst:

Muss ich Angst haben vor Covid-19? Bei Kindern und Jugendlichen verlaufen die meisten COVID-19-Infektionen entweder völlig unbemerkt oder unter dem Bild eines leichten grippalen Infektes [DGPI. Molteni 2021]. Schwere Verläufe sind in diesem Alter eine sehr seltene Ausnahme, Todesfälle eine Rarität [Smith 2021] und betreffen vor allem Kinder und Jugendliche mit schweren Vorerkrankungen oder Risikofaktoren [Ward 2021Smith 2021, Harwood 2021].

Wie gut schützt mich die Impfung? Das Risiko, sich mit COVID-19 anzustecken, wird durch die Impfung vorübergehend verringert. Ob das bei Kindern und Jugendlichen ohnehin extrem geringe Risiko, schwer zu erkranken, durch die Impfung noch weiter verringert wird, ist unklar.

Schütze ich andere, wenn ich mich impfen lasse? Die Impfung verringert vorübergehend das Risiko, sich selbst anzustecken. Wenn dieser Schutz spätestens 3 Monate nach der zweiten Impfung nachlässt [Israel 2021], sind infizierte Geimpfte genauso ansteckend wie infizierte Ungeimpfte [Singanayagam 2021]. Weil sich Geimpfte aber seltener testen (müssen), könnte das Risiko, andere unbemerkt anzustecken, für Geimpfte sogar höher sein.

Mit welchen Nebenwirkungen muss ich rechnen? Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist dies vor allem die Herzmuskelentzündung (Myokarditis) nach der (mRNA-)Impfung. Diese tritt vor allem bei jungen Männern zwischen 16 und 25 Jahren auf und betrifft in dieser Altersgruppe mindestens einen von 5000 [Arzneitelegramm 2021], wenn nicht sogar einen von 2700 Geimpften [Chua 2021]. Mädchen und junge Frauen sind ebenfalls betroffen, allerdings seltener.

Auch wenn die Herzmuskelentzündung in vielen Fällen zunächst abheilt, bleibt sie ein Risikofaktor für spätere Herzerkrankungen wie Rhythmusstörungen oder Herzversagen. Über mögliche später auftretende Komplikationen oder Erkrankungen nach den COVID-19-Impfstoffen wissen wir noch nichts – die Beobachtungszeit ist dafür einfach zu kurz.

Und Long Covid? Ob es Long Covid bei Kindern und Jugendlichen überhaupt gibt, ist wissenschaftlich umstritten. Wenn überhaupt, kommt es sehr selten vor und ist mit nur milden Symptomen verbunden. Ebenfalls umstritten ist, ob die Covid-Impfstoffe überhaupt vor Long Covid schützen können [Taquet 2021].

Auf der Homepage des Vereins ist diese Stellungnahme zum Download eingestellt.

Zusammengefasst kommen auch wir zu dem Schluss: Gesunde Kinder brauchen keine Covid-Impfung. Seit nunmehr 18 Monaten werden sie jedoch ständigen Maßnahmen unterzogen mit Schulschließungen, erzwungenem Maskentragen und Massenscreenings. Diese nicht selten widersprüchlichen und unklar kommunizierten Interventionen haben das Vertrauen vieler Eltern in die medizinischen, wissenschaftlichen und pädagogischen Behörden erschüttert, die zuvor ihr Engagement für das Wohl der Kinder zur Schau gestellt hatten.

Die Impfung nun stellt erneut eine fremdnützige Maßnahme dar, für die Kinder herhalten müssen. Dies umso mehr, als für Kinder – zumindest in Bayern, aber de facto auch anderswo – bereits eine Impfpflicht besteht, weil für die Teilnahme an sportlichen und anderen Aktivitäten die 2G-Regel eingeführt wurde. Damit droht ein weiterer Vertrauensverlust. Er wird vor allem zum Tragen kommen, wenn die eigentlichen Folgen der Impfung bei Kindern sichtbar werden.

Deutschland braucht keine Impfpflicht – auch nicht gegen Covid-19
Der Covid-19-Impfstoff schützt Menschen, die für eine Infektion mit SARS-CoV-2 anfällig sind – aufgrund ihres Alters und/oder möglicher Vorerkrankungen, für eine begrenzte Zeit vor einem schweren Krankheitsverlauf. Das ist unstrittig.

Die Impfung scheint die Übertragung des Virus jedoch nicht längerfristig verhindern oder gar eine länger währende Immunität verleihen zu können. Abgesehen von sehr grundsätzlichen Einwänden gegen eine generelle Impfpflicht, die die Menschenwürde und das Recht auf den Schutz der körperlichen Unversehrtheit betreffen, wären folgende Kriterien für die Einführung einer Impfpflicht Voraussetzung:

1. Eine flächendeckende Impfpflicht müsste eine Herdenimmunität herbeiführen. Derzeit ist keiner der verfügbaren Impfstoffe dazu in der Lage. Geimpfte Menschen sind bereits kurze Zeit nach einer zweiten Impfung wieder ansteckend.  

2. Eine Impfung für die gesamte Bevölkerung dürfte nur sehr geringe Nebenwirkungen haben. Die derzeitigen Impfstoffe gegen das Corona-Virus jedoch können – abhängig von Alter und Geschlecht – durchaus relevante unerwünschte Wirkungen bis hin zum Tod auslösen. Mindestens für gesunde Menschen, die keiner Risikogruppe angehören, ist eine Impfpflicht daher nicht zu rechtfertigen.

3. Die Wirkung der Impfung müsste lange Zeit vorhalten. Bisher ist nicht absehbar, wann überhaupt mit einem längerfristigen Schutz durch die Impfung zu rechnen ist. Booster-Impfungen scheinen sinnvoll zu sein, müssen ggf. aber in kurzen Abständen wiederholt werden. Eine Impfpflicht würde die gesamte Bevölkerung unter eine kontinuierlich sich wiederholende Zwangsmaßnahme stellen – ohne empirische Grundlage und mit offenem Ende.

4. Es müsste gewährleistet sein, dass die eingesetzten Impfstoffe eine ordentliche Zulassung haben und auch auf lange Sicht ebenso wirksam wie sicher sind. Bei allen bisher zugelassenen Impfstoffen handelt es sich um neuartige Wirkstoffe, die sich bisher naturgemäß nicht über einen längeren Zeitraum hinweg bewähren konnten. Die Zulassung ist daher jeweils nur befristet erteilt worden. Mit Blick auf die großen Unsicherheiten hinsichtlich der längerfristigen Auswirkungen ist eine Impfpflicht nicht vertretbar.

Und last but not least: 5. Auch wenn eine Covid-19-Erkrankung nicht verharmlost werden darf, so liegt die sogenannte Fallsterblichkeit an Corona für Menschen unter 45 Jahre doch so niedrig, dass eine Impfpflicht mit den vielfach noch völlig ungeklärten Langzeitrisiken mindestens für diese Altersgruppen völlig unverhältnismäßig ist.

Vor diesem Hintergrund ist eine staatlich verordnete generelle Impfpflicht weder im Rahmen unserer Verfassung noch ethisch zu rechtfertigen. Angesichts der vergleichsweise geringen Gefahr des Virus für Menschen ohne spezifische Risiken (Alter unter 45 Jahre, keine Vorerkrankungen) fällt hier besonders ins Gewicht, dass der Staat auf den Körper gesunder Menschen zugreift.

GESUNDHEIT AKTIV wird sich an seriösen Aktionen gegen eine Impfpflicht beteiligen. Wir werden Sie dazu auf dem Laufenden halten und bitten Sie – sollten Sie nicht schon dabei sein – um Ihre Unterstützung!

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Alternativlos?

Ist die Impfung der einzige Weg aus der Pandemie?

Seit zwei Jahren lautet das gebetsmühlenhaft wiederholte Mantra, dass uns nur die Impfung aus der Pandemie herausführen könne. Und genauso lange beschwört die Politik diese Strategie als alternativlos. Angesichts der zahllosen Impfdurchbrüche, besser: des Impfversagens, scheint das allerdings eine gewagte Theorie, die den praktischen Erfahrungen nicht standhält. Ja, die Impfung schützt vor einem schweren Krankheitsverlauf – vor allem Personen mit bestimmten Risiken (z. B. ältere und vorerkrankte Menschen). Und ja, es ist sinnvoll, dass diese Personengruppen sich impfen lassen. Bei Jüngeren im Alter zwischen 25 und 60 ist es mehr eine Ermessensfrage – und auch da abhängig von Risikofaktoren (Übergewicht, Vorerkrankungen wie Diabetes, hoher Blutdruck, geschwächter Allgemeinzustand …). Jede:r kann selbst für sich abwägen, ob sie/er für sich das Risiko einer Covid-19-Erkrankung höher einschätzt als das Risiko der Impfung oder umgekehrt. Bei den unter 25-Jährigen jedoch ist die Impfung umstritten, was Nutzen und Risiken betrifft, vor allem bei jungen Männern zwischen 16 und 25 Jahren, die doch – wie sich inzwischen zeigt – ein relativ hohes Risiko für eine Herzmuskelentzündung haben, deren langfristige Folgen derzeit nicht eingeschätzt werden können. Für gesunde Kinder unter 12 Jahren ist die Impfung sicher nicht nötig – ihre Krankheitslast durch Covid-19 ist vernachlässigbar gering.

Die Impfung wird aber nicht verhindern, dass die Intensivstationen nicht volllaufen – das zeigen schon die bisherigen Erfahrungen. Denn auch Geimpfte können erkranken, wenngleich meistens nicht so schwer. Genaue Zahlen dazu sind allerdings nicht bekannt. Und es darf gut und gern als Skandal gewertet werden, dass erst vor wenigen Tagen damit begonnen wurde, den Impfstatus der Covid-19-Patient:innen auf den Intensivstationen zu erfassen, ganz zu schweigen von den mehr als fragwürdigen Inzidenzen für Geimpfte und Ungeimpfte.

Markig behauptete z. B. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder auf Twitter am 18. November, die 7-Tage-Inzidenz betrage bei Geimpften 110 pro 100.000, bei Ungeimpften dagegen 1.469 pro 100.000. Aber ist das wirklich so? Als „Pandemie der Unwissenheit“ bezeichnete Tim Röhn am 3. Dezember 2021 in der WELT diesen Zustand. Denn „jene Behörde, die diese Daten erfasst, das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL), kennt offenbar oft gar nicht den Impfstatus der Infizierten. Auf Anfrage von WELT teilte ein Sprecher beispielhaft für die Woche vor dem 24. November mit, in dieser Zeit seien insgesamt 81.782 Corona-Fälle gemeldet worden – 9.641 Personen davon hatten einen vollständigen Impfschutz, 14.652 keinen. In 57.489 Fällen sei der Impfstatus ‚unbekannt‘. Statt eben jene Fälle herauszurechnen, packte die Behörde diese in die Gruppe der Ungeimpften und wies auf Basis dieser Zählung die Geimpften- und Ungeimpften-Inzidenz aus; bis heute hat sich an diesem Vorgehen nichts geändert. Auch spielt die Testanzahl in den verschiedenen Gruppen keine Rolle.“ Auch das RKI kenne in der Mehrzahl der Fälle den Impfstatus der Intensiv-Patient:innen nicht.

„Dieser Corona-Blindflug ist ein Versagen erster Güte“, kommentierte Anette Dowideit, Ressortleiterin Investigativteam, in der WELT. Die Behörde habe sich nicht etwa dafür entschuldigt, „mit einem derart wichtigen politischen Indikator so lax umgegangen zu sein. Im Gegenteil: Behörden-Chef Walter Jonas verkündete, die Vorwürfe seien ‚absolut abwegig‘ – und man bleibe bei der Vorgehensweise. Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) legte nun bei einer Pressekonferenz nach: Die so ermittelten Zahlen seien ‚sehr nah an den tatsächlichen Daten‘. Wie nah sie im Rückblick lagen, beantwortete das Amt auf Nachfrage aber nicht. Eine Behörde agiert offenbar im Corona-Blindflug.“

Das erscheint umso bemerkenswerter, als sich die Behörde weiterhin weigert, die Zahlen offenzulegen, wie die WELT, die besonders hartnäckig an der Sache dranblieb, berichtet. Warum, bleibt unklar.

Bayern steht mit diesem manipulativen Daten-Chaos jedoch nicht allein. Auch Hamburg operiert mit grob falschen Zahlen, wie wiederum Tim Röhn in der WELT enthüllt. Über Monate hinweg hatte Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher, von Beruf Laborarzt, behauptet, 90 Prozent der Corona-Infizierten seien nicht geimpft. Darauf beruhte u.a. das von ihm eingeführte strenge 2G-System. Die Zahlen, die Hamburgs Sozialbehörde (eine eigene Gesundheitsbehörde wurde mit der letzten Wahl von der SPD abgeschafft) jetzt aufgrund einer Kleinen Anfrage der FDP herausrücken musste, zeichnen ein anderes Bild. Seit Ende August ist der Impfstatus immer weniger bekannt, aber alle diese Fälle mit unbekanntem Impfstatus werden den Ungeimpften zugeschlagen. Bei den Zahlen der Kalenderwoche 45 (8.-14.11.), über die Tschentscher sagte, in 90 Prozent der Fälle seien Ungeimpfte infiziert, war der Impfstatus bei 63,2 Prozent unbekannt. 22,5 Prozent waren geimpft, 14,3 Prozent sicher ungeimpft. Statt 90 Prozent also nur 14,3 Prozent …

Inzwischen bedauert Tschentscher die „Verunsicherungen“ durch die falsche Impfstatistik, wie die WELT meldet: „Er habe die Öffentlichkeit jedoch ‚auf keinen Fall‘ belogen. Auch seien die Maßnahmen in Hamburg nicht auf diese Zahlen zurückgegangen.“

Auch bei den Zahlen der Krankenhäuser gibt es große Lücken in der Datenerfassung, wie der NDR berichtet. Bei mindestens einem Drittel aller Krankenhaus-Patientinnen und -Patienten könne der Impfstatus nicht angegeben werden: „Diese Tatsache ist dramatisch, denn die Krankenhäuser sind laut Senat seit Mitte Juli bereits dazu verpflichtet, die Zahlen zu erheben und zu melden.“

Dazu Wolfgang Kubicki, den die WELT am SONNTAG um eine Stellungnahme gebeten hatte: „‘Es ist unfassbar und für das Vertrauen in die Lauterkeit staatlichen Handelns eine Katastrophe, wenn eine Landesregierung ganz offensichtlich manipulierte Zahlen vorlegt.‘ Bürgermeister Tschentscher werde sich gegenüber dem Parlament erklären müssen und sagen, ‚warum der Hamburger Senat es für nötig hält, seine Bürgerinnen und Bürger mit solchen Tricks zu hintergehen.‘“

Und noch einmal ein Kommentar von Anette Dowideit: „Die Stimmung im Land wird von Woche zu Woche angespannter. In Sachsen und anderswo gehen Menschen auf die Straße, weil sie die Corona-Politik nicht länger akzeptieren wollen. Und auch in der großen Gruppe all jener, die sich mit den pandemiebedingten Einschränkungen arrangieren, macht sich Wut breit: über Politiker, die zu oft uninformiert darüber sind, wie ernst die Corona-Lage denn nun genau ist, woher die Ansteckungen konkret kommen – und darüber, dass auf Basis teilweise ahnungsloser Entscheidungen Freiheitsrechte eingeschränkt werden.“ Zudem habe Karl Lauterbach als neuer Gesundheitsminister aufgrund seiner Impfstoff-Inventur „ein Schreckensszenario“ gemalt, zu dem die klare Datenlage fehle, wie die WELT am 16. Dezember berichtet, so dass es sich eher um Panikmache als berechtigte Sorge handeln könne. Beide Beispiele zeigen, so Dowideit, „wie ungeschickt die Politik in dieser Pandemie oft reagiert. Wer auf Basis solchen Zahlensalats argumentiert und Maßnahmen verabschiedet, macht sich nicht nur selbst angreifbar – sondern facht die ohnehin aufgebrachte Stimmung im Land unnötig weiter an.“

Nicht minder problematisch erscheint die Äußerung von Bundeskanzler Olaf Scholz, der sowohl in einem Interview mit der BILD am Sonntag als auch jetzt in seiner Regierungserklärung davon sprach, bei der Corona-Bekämpfung dürfe es „keine roten Linien geben“, das habe uns „diese Pandemie nun wirklich gezeigt. (...) Wir müssen immer bereit sein umzudenken, wenn die Umstände es erfordern.“ Dann müsse man „schnell und entschlossen handeln".

Der Schriftsteller und Kolumnist Hendryk M. Broder meint dazu in einem Video-Interview mit der WELT: „Mir ist daraufhin richtig kalt geworden. Was sind rote Linien? Was meint der Kanzler mit roten Linien? Das ist ja noch alberner als Frau Merkels ‚Wir schaffen das‘. Sie werden sehen, diese roten Linien werden ihn so verfolgen wie Frau Merkels ‚Wir schaffen das‘. Das wird das neue Unwort. Ich war richtig entsetzt. Es gibt ja rote Linien in diesem Land. Es gibt Gesetze und Vorschriften, die meisten sind auch vernünftig und werden auch angewandt. Es ist nicht alles perfekt, aber es gibt rote Linien. Welche roten Linien meint er? Und er bezog sich auf die Impfverweigerer und die Ungeimpften. Mir klang das ein bisschen wie Kaiser Wilhelm, der mal gesagt hat: ‚Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche.‘ Und die Scholz-Fassung wäre: ‚Ich kenne keine Geimpften oder Ungeimpften, ich kenne nur Untertanen.‘“

Zu der Äußerung von Scholz, Deutschland sei nicht gespalten, er verstehe sich auch als „Kanzler der Ungeimpften“, kommentiert Broder: „Er begibt sich da auf ganz dünnes Eis. Übrigens gibt es sehr widersprüchliche Zahlenangaben über die Zahl der Ungeimpften. Das schwankt zwischen 12 und 24 Millionen. Erinnern Sie sich noch, mit wieviel Stimmen Scholz zum Kanzler gewählt wurde? Es waren 25 Prozent, aber im Ganzen waren es 12 Millionen. Und es gibt vermutlich auch mindestens 12 Millionen Ungeimpfte. Und ich frage mich, ob es irgendwelche Überschneidungen zwischen diesen beiden Gruppierungen gibt, SPD-Wähler und Ungeimpfte. Ich fand das brutal: ‚auch Kanzler der Ungeimpften‘. Wenn mir jemand versichern würde, dass er ‚auch mein Kanzler‘ ist, dann würde ich anfangen zu packen und mir anschauen, wohin die nächsten Flüge gehen.“

Scholz solle besser „ein bisschen mehr Verständnis haben für Leute, die nicht so ticken wie er. Ich könnte auch sagen, er könnte vielleicht mit der deutschen Tradition aufhören, die Wirklichkeit nach seinen Wünschen zurechtzubiegen. Er hat z. B. gesagt: ‚Das ist kein gespaltenes Land, die Mehrheit benimmt sich vernünftig.‘ Ich möchte keinen Kanzler haben, der über die Vernunft und die Verbindung von Vernunft und Mehrheit entscheidet. Es gab schon Mehrheiten, die extrem unvernünftig waren, und es waren trotzdem Mehrheiten.“

Scholz‘ Interview hat auch in der NZZ Erstaunen hervorgerufen. Olaf Scholz versuche gar nicht erst, Impfunwillige zu überzeugen. Er verlasse sich auf deren Obrigkeitsglauben. Aus seinen Äußerungen spreche „der für deutsche Regierungspolitiker charakteristische Paternalismus: Olaf Scholz schützt auch die Ungeimpften; und dies, obwohl sich diese aus Sicht der Regierung so unvernünftig verhalten. Generös. (…) Schon wenige Zeilen weiter unten droht der Kanzler den Leuten mit einer Impfpflicht, die er im Wahlkampf noch ausgeschlossen hatte. Er werde für die Impfpflicht stimmen, ‚weil sie rechtlich zulässig und moralisch richtig ist‘. Aber wie lässt sich das realisieren und überprüfen? Eine strenge Kontrolle scheint gemäß Scholz gar nicht nötig zu sein: ‚Wir sind ein Land, in dem sich die allermeisten an die Gesetze halten. Wir halten vor roten Ampeln an. Wir achten die Verkehrsregeln. Nicht, weil uns überall gleich die Polizei kontrolliert. Sondern weil es zu unserer Natur gehört, dass wir uns an solche Regeln halten.‘ (…) Anstatt Ungeimpfte von einer Impfung zu überzeugen, erklärt die deutsche Politik sie zum Problem. Diese katastrophale Kommunikation hat die Impfskeptiker wohl nicht gerade zu einer Impfung motiviert.“

Harsche Kritik auch von WELT-Autorin Anna Schneider: „In einer freien Gesellschaft kann der Wert Gesundheit auf Dauer nicht den Wert Freiheit überschatten, das ist meine Meinung. Dass andere ein eher strategisches Verhältnis zur Freiheit haben und versuchen, dieses allen anderen überzustülpen, empfinde ich nicht nur als Anmaßung, sondern als Relativierung dieses zentralsten Guts. (…) Es gibt keine roten Linien? Was für eine Ansage. Nur zur Erinnerung: Die rote Linie, die unerwähnt blieb – und auf die Scholz übrigens seinen Amtseid geschworen hat – ist das Grundgesetz. Jeder Rechtsstaat kennt rote Linien, sonst wäre es kein Rechtsstaat. Umso befremdlicher ist es, dass Scholz diesen unsäglichen Satz sogar wiederholen kann, ohne dass ihm ernsthaft jemand widerspricht. Dadurch erweckt er den Eindruck, er meint es offenbar ernst. Mich zumindest gruselt das. Aber es sind ja auch gruselige Zeiten, in denen das Bundesverfassungsgericht mit seiner jüngsten Entscheidung dazu beitrug, dass unter den regierenden Politikern ein Anything-goes-Gefühl herrscht, was freiheitsbeschränkende Corona-Maßnahmen angeht. Darauf kann Scholz nun bestens aufbauen.“

Tatsächlich hat das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) mit seinem Urteil zur „Bundesnotbremse“ der Bundesregierung gewissermaßen einen Freifahrtschein ausgestellt – wenn die Anordnungen durch Expertenwissen abgesichert sind, kann sie Grundrechte künftig außer Kraft setzen, so die Kurzversion des Urteils. Unter der Überschrift „Der Rückzug der Verfassungshüter“ schreibt Volker Boehme-Neßler, Professor für öffentliches Recht an der Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg, in einem Gastbeitrag für die ZEIT: „Die Richter in Karlsruhe lassen der Politik freie Hand bei den Corona-Maßnahmen. (…) Ist Karlsruhe immer noch der Hüter der Verfassung, gerade auch in der schweren Krise? Die heutigen Entscheidungen lassen daran zweifeln. Karlsruhe ist nicht nur ein Gericht wie jedes andere. Das Verfassungsgericht ist auch ein politischer Player. (…) Corona hat Gräben in der deutschen Gesellschaft aufgerissen und vertieft. Mit dieser Entscheidung zur Bundesnotbremse schafft es Karlsruhe nicht, diese Gräben zu überwinden und die Gesellschaft zu befrieden. Es fokussiert sich einseitig auf die großen Gefahren der Pandemie. Die ebenso großen Gefahren, die mit einschneidenden und lang wirkenden Grundrechtseingriffen verbunden sind, verliert es aus dem Blick. Das ist fatal. Denn die Grundrechte schützen die Freiheit, ohne die eine Demokratie nicht denkbar ist. Ist Freiheit einmal verloren gegangen, wird es schwierig, sie zurückzuerobern.“

„Im Zweifel für die Regierung“, meint Benjamin Stibi, der selbst in drei Verfahren Beschwerde beim BVerfG eingelegt hatte, im Blog „Junge Wissenschaft im öffentlichen Recht“: „Die heute veröffentlichten Beschlüsse zur Bundesnotbremse sind auch ein Schlag ins Gesicht für alle, die sich in den letzten eineinhalb Jahren um den Rechtsstaat bemüht gemacht haben. (…) Dass es das Bundesverfassungsgericht kein einziges Mal in der Pandemie geschafft hat, der angstgetriebenen Corona-Politik Einhalt zu gebieten und erneut unkritisch die Regierungslinie übernommen hat, bedeutet ein historisches Versagen. Man kann es nicht anders ausdrücken: Das Virus hat den Rechtsstaat infiziert.“

Heribert Prantl, Kolumnist der Süddeutschen Zeitung und selbst Jurist, bewertet in einem Interview mit der Berliner Zeitung den Satz von Olaf Scholz, es dürfe keine roten Linien mehr geben, wie folgt: „Meine Großmutter hatte für solche Blindheit ein altes Sprichwort parat: ‚Wenn das Aug’ nicht sehen will, helfen weder Licht noch Brill’.‘ Olaf Scholz hat mit seinem Satz eine rote Linie überschritten. Sein Koalitionsvertrag ist mit dem Satz ‚Mehr Fortschritt wagen‘ überschrieben. Es ist nun ein seltsamer Fortschritt, Grundrechte kleinzumachen. Die roten Linien, die es angeblich nicht mehr gibt, zieht das Grundgesetz. Das ist so und das bleibt so, auch wenn sogar das Bundesverfassungsgericht so tut, als sähe es sie nicht.“ Prantls Einschätzung der Beschlüsse des BVerfG zur Bundesnotbremse: „Ich war – in dieser Reihenfolge: ungläubig, empört, zornig. Es ist ein peinliches Urteil. (…) [Die Beschlüsse] sind dürftig in ihrer Begründung. Sie sind oberflächlich in der juristischen Argumentation. Sie sind gefährlich in der Reduzierung des Rechtsschutzes. Und sie sind feige in ihrer Grundhaltung. (…) Es ist ein peinliches Urteil. Wenn man das Bundesverfassungsgericht so schätzt, wie ich es tue, weil es sich große und größte Verdienste erworben hat – dann hat man ein Fremdscham-Gefühl. Ich habe mich gefragt, wo die intellektuelle Kraft dieses Gerichts geblieben ist. (…) Die Beschlüsse laufen auf den falschen Satz hinaus, dass Not kein Gebot kennt.“

Prompt kündigte Olaf Scholz einen Tag nach dem Urteil an, er werde eine allgemeine Impfpflicht einführen – obwohl dies von allen Politiker:innen bislang kategorisch und unter Abgabe von Ehrenworten ausgeschlossen wurde.

In einem Interview mit Cicero online sagt die Fachanwältin für Strafrecht Jessica Hamed am 4. Dezember dazu, das Bundesverfassungsgericht habe „den politisch Verantwortlichen nunmehr abschließend das Signal gegeben, dass es für ihr Handeln in Sachen Corona letztlich keine ernstzunehmenden rechtlichen Grenzen gibt. Zugespitzt kann man sagen, die Grenze ist erst überschritten, wenn die Regierung vertritt, dass die Erde eine Scheibe ist. Sprich: Alles, was nicht offensichtlich unvertretbar ist, ist von der Einschätzungsprärogative gedeckt.“ Die Entscheidung sei „im Ergebnis ein Persilschein für eine hemmungs- und grenzenlose Corona-Politik. (…) Ich befürchte: Wenn es die Impfpflicht erstmal ins Gesetz geschafft hat, wird man sie nicht mehr so schnell aufheben, das heißt, es wäre mit regelmäßigen verpflichtenden Impfungen alle sechs Monate auf Jahre oder Jahrzehnte zu rechnen.“

Dass die Impfung allein nicht den Ausweg aus der Pandemie darstellen kann, fasst Stefan Aust, Herausgeber von WELT N24, in einem Videobeitrag ruhig und prägnant zusammen. Sein Fazit: „Es setzt sich eine gewisse Skepsis gegenüber den Maßnahmen der Regierung durch. Die Pandemie ist gefährlich, aber wir können nicht ewig in diesem Notfallmodus weitermachen." Die Politik habe die Neigung, erst einmal möglichst viel Panik zu machen. Das sorge dafür, dass „die Leute einem nicht mehr so richtig glauben"

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Impfpflicht ab 15. März 2022

Droht ein Aderlass im medizinischen und sozialen Bereich? 

Mit einem in rasantem Tempo durch die vorgeschriebenen drei Lesungen gepeitschten Gesetz hat der Bundestag am 10. Dezember 2021 eine Impfpflicht für alle Beschäftigten in medizinischen und sozialen Einrichtungen beschlossen. Viele dort Tätige haben schon anklingen lassen, dass sie sich einem solchen Zwang nicht beugen und lieber kündigen werden. Wohin das führt, zeigen die Beispiele Italien und USA, wo bereits eine Impfpflicht für die medizinischen Berufe eingeführt wurde. Inzwischen wird das medizinische Personal händeringend gebeten zurückzukommen, auch ungeimpft. „Amerikas Kliniken droht der Ärzte-Exodus – Impfpflicht aufgehoben“, schreibt die WELT. Und der österreichische Kurier meldet: „Italien: Ruf nach Rückkehr ungeimpften Personals wird lauter.“

Der Verein „Ärztinnen und Ärzte für individuelle Impfentscheidung e. V.“ hat eine Unterschriften-Aktion gestartet, mit der die in medizinischen und sozialen Einrichtungen Tätigen ausdrücken können, dass sie dieses Gesetz ablehnen. Denn, so der Verein: „Dieses Gesetz mit dem darin vorgesehenen gravierenden Eingriff in unser Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit ist wissenschaftlich weder begründet noch gerechtfertigt.“

Schon jetzt ist klar, dass es bei einer Impfpflicht für bestimmte Berufe nicht bleiben soll, sondern dass die gesamte Bevölkerung gezwungen werden soll, sich gegen Covid-19 impfen zu lassen. Diese allgemeine Impfpflicht stört vielerorts auf Kritik und Ablehnung. „Es steht nicht zum Besten um die Freiheit in Deutschland“, meint der ehemalige Präsident des BVerfG, Hans-Jürgen Papier in einem Interview mit t-online.de. „Als Verfassungsrechtler kann ich nur darauf hinweisen, dass eine allgemeine Impfpflicht erheblich in das Grundrecht des Artikel 2, Absatz 2 des Grundgesetzes [„Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit“, d. Red.] eingreifen würde, was nur unter engen Voraussetzungen zulässig sein kann. (…) Zum Recht auf ‚körperliche Unversehrtheit‘ gehört das körperliche Selbstbestimmungsrecht. Anders ausgedrückt: Jeder kann frei entscheiden, ob er sich therapeutischen oder sonstigen Maßnahmen wie etwa einer Impfung unterzieht, die seinem Schutz oder Wohl dienen. Das Bundesverfassungsgericht hat in diesem Zusammenhang einmal von der ‚Freiheit zur Krankheit‘ gesprochen. Ich sage nicht, dass eine Corona-Impfpflicht von vornherein verfassungswidrig sein muss. Es muss aber genau geprüft werden, welchem Zweck sie dient. (…) Wie wollen Sie denn gegebenenfalls über 20 Millionen Personen zu mehrfachen Impfungen zwingen, die nicht geimpft werden wollen und die keiner Behörde namentlich bekannt sind? Mithilfe der Polizei? Mit Bußgeldern und Erzwingungshaft? Davon abgesehen würde eine solche Maßnahmen das Vertrauen der Menschen in die Politik kaum stärken. (…) Mit der Impfpflicht setzt die Politik schlichtweg auf das Prinzip Hoffnung.“

Eine allgemeine Impfpflicht, so Frauke Rostalski, Professorin für Strafrecht in Köln und Mitglied im Deutschen Ethikrat, in einem Gastbeitrag für die WELT, sei verfassungswidrig und weder erforderlich noch angemessen. „Die heute bereits zu beobachtende gesellschaftliche Spaltung würde eine neue Qualität annehmen. Das Vertrauen in die politischen Entscheidungsträger, die lange Zeit nahezu ausnahmslos eine allgemeine Impfpflicht ausgeschlossen haben, wäre empfindlich gestört. Für eine erfolgreiche Pandemie-Bekämpfung ist all dies Gift.“

Viel Aufsehen erregt hat der Vorstoß von über 30 FDP-Abgeordneten, die sich in einem Antragsentwurf gegen eine Impfpflicht positioniert haben, allen voran Bundestags-Vizepräsident Wolfgang Kubicki. Sie fordern anstelle der Impfpflicht mehr Aufklärung und niedrigschwellige Angebote, wie tagesschau.de berichtet.

An der Impfpflicht „geht die freiheitliche Gesellschaft zugrunde“, sagt Kubicki in einem Interview mit der ZEIT. „Ich bin gegen eine allgemeine Impfpflicht, weil es meinem ganzen Menschenbild widerspricht. Und weil wir mittlerweile die Gewissheit haben, dass auch Geimpfte ansteckend sind. Für mich wäre 1G der bessere Weg. Also dass wirklich alle, die beispielsweise in ein Krankenhaus oder Pflegeheim kommen, getestet sein müssen.“ Die Zustimmung zur Impfpflicht im Gesundheits- und Pflegebereich sei ihm „so schwergefallen wie noch nie im Bundestag“. Deshalb habe er mit einer persönlichen Erklärung deutlich gemacht: „Damit ist für mich die Grenze des Zumutbaren, was die Impfpflicht angeht, erreicht.“

Schon die 2G-Regel sei eine Impfpflicht durch die Hintertür: „Es gibt eine Verfassungsgerichtsentscheidung, die feststellte, dass zum menschenwürdigen Existenzminimum ein Mindestmaß an Teilhabe am gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Leben gehört. Das ist bei 2G nicht mehr gewährleistet für Ungeimpfte. (…) Ich bin entsetzt über das jakobinerhafte Verhalten vieler in diesem Land, deren Freude an 2G und Impfpflicht ja nicht mehr rational ist. Vielen Impfpflichtbefürwortern scheint es um Rache und Vergeltung zu gehen. Rache an den Ungeimpften, weil man glaubt, in ihnen die Verantwortlichen für unsere derzeitige Misere ausgemacht zu haben, was natürlich völliger Unsinn ist. (…) Ich möchte nicht, dass China unser Vorbild wird. Dass wir die Leute einteilen in Gut und Böse und ihnen ihre Freiheiten nehmen, wenn sie sich nicht so verhalten, wie die vermeintliche Mehrheit es erwartet.“

Im Hinblick auf das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Bundesnotbremse könne er „nicht nachvollziehen, dass es bei Grundrechtseingriffen nun im Prinzip eine Beweislastumkehr gibt. Nach dem Motto: Es ist in der Pandemie erstmal alles an Maßnahmen erlaubt, was nicht von vornherein erwiesenermaßen unwirksam ist. Das ist schon bemerkenswert.“ Es könne „nicht sein, dass wir den jetzigen Zustand zum Dauerzustand machen. Dass wir da nie rauskommen, nur weil immer etwas Neues, Schlimmes kommen kann. Das halten wir als Gesellschaft auch psychisch nicht aus, das bringt uns an den Rand der Verzweiflung. Es ist einfach kein glückliches Leben, wenn ich mich nicht mehr raus traue, weil ich in jedem Menschen nur noch den potenziellen Infektionsträger sehe, der mein Leben bedroht. Daran geht die freiheitliche Gesellschaft zugrunde.“

In einem Gastbeitrag für die WELT unter der Überschrift „Wir sind in einer kritischen Phase unseres freiheitlichen Rechtsstaats“ führt Kubicki seine Position noch weiter aus: Wir müssen beherzt über Freiheit sprechen. In den vergangenen zwei Jahren waren die Freiheitseingriffe stark, die Begründungen der Exekutive schwach. Hier muss es definitiv einen Paradigmenwechsel geben. (…) Ungeimpft sein ist in Deutschland kein Verbrechen, aktuell nicht einmal eine Ordnungswidrigkeit. (…) In der Pandemie dürfen wir mitansehen, dass die Würde des Menschen offenbar doch relativierbar ist. Die Bund-Länder-Runde von Anfang Dezember – damals noch mit Kanzlerin Merkel – entschied mit den Stimmen von immerhin 17 obersten Repräsentanten von Verfassungsorganen, dass die gesellschaftliche und kulturelle Teilhabe von Ungeimpften auch bei einer Nullinzidenz (!) keine Rolle mehr spielen soll. Gaststätten, Kino, Theater oder Einzelhandel – all dies ist von nun an Ungeimpften-freie Zone, ohne zeitliche Begrenzung. Der im Beschluss ausgerufene ‚Akt der nationalen Solidarität‘ war alles, nur nicht solidarisch. Er war darauf ausgelegt, Menschen für die Impfung zu belohnen, die anderen zu erziehen. Er war, nimmt man die Definition des Verfassungsgerichts, unmenschlich, weil er Menschen eine grundlegende Teilhabe verwehrt. (…) Wer heute erklärt, die eigentliche Freiheit sei die Freiheit, sich kollektiv einem bestimmten Ziel zu unterwerfen, hat Freiheit nie verstanden. Freiheit ist kein kollektiver Wert, denn im Kollektiv ist die Selbstbestimmung eingegrenzt. Sie ist deshalb immer ein individueller Wert. Und in der Abwägungsentscheidung gilt für mich auch heute noch: ‚Im Zweifel für die Freiheit‘. Auch in der Pandemie.“

Der Konter ließ nicht lange auf sich warten. CSU-Generalsekretär Markus Blume bezeichnete Kubickis Vorstoß in einem Tweet als „Blindflug“ und „brandgefährlich“: „Wann kümmert sich Olaf Scholz um die Corona-Verharmloser in der Ampel?“ Und Markus Söder legte bei einer Online-Pressekonferenz nach, wie die WELT berichtet: „Was Kubicki sagt, geht in die Rechtsaußen-Ecke.“ FDP-Chef Lindner müsse ihm Einhalt gebieten, sein Verhalten sei schädlich für die Liberalen in Deutschland. „Das einfachste wäre, man würde die epidemische Lage wieder herstellen, weil dann muss man nicht über jede einzelne Maßnahme streiten oder nachdenken, dann könnte Deutschland schneller reagieren.“

Mittlerweile hat sich der Deutsche Ethikrat positioniert und sich in einer Ad hoc Empfehlung "Ethische Orientierung zur Frage einer allgemeinen gesetzlichen Impfpflicht" mehrheitlich für eine allgemeine Impfpflicht ausgesprochen. Dass dieses Votum jedoch keineswegs einstimmig, sondern mit vier Gegenstimmen bei keinen Enthaltungen erfolgte, wird gut versteckt: in Fußnote 28. 

Weit über 380 Ärzt:innen und Wissenschaftler:innen haben einen Offenen Brief an den Bundeskanzler, die Gesundheitsminister von Bund und Ländern, den Deutschen Ethikrat, die im Deutschen Bundestag vertretenen Parteien, die Bundesärztekammer, die Kassenärztliche Bundesvereinigung und verschiedene Medien verschickt. Sie wenden sich damit gegen den Impfdruck, der auf die Bevölkerung ausgeübt wird: „Mit großer Sorge nehmen wir wahr, dass unsere Gesellschaft in gegen-Covid-Geimpfte und Ungeimpfte gespalten wird und dass auf Ungeimpfte ein wachsender Druck ausgeübt wird, sich impfen zu lassen. Wir fordern die Regierung auf, dieser Spaltung Einhalt zu gebieten und alle direkten und indirekten Zwangsmaßnahmen mit dem Ziel einer Impfung von bisher Ungeimpften nicht nur einzustellen, sondern aktiv zu unterbinden.“

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Zum Hören und Lesen

Kultur für Herz, Geist und Sinne

Gerade hat das Robert Koch Institut „maximale Kontaktbeschränkungen ab sofort und für alle“ empfohlen, geschlossene Restaurants inklusive – was liegt da näher, als es sich über die Feiertage auf dem Sofa gemütlich zu machen, große familiäre Besuchsorgien sind angesichts der Lage und der freiwilligen Selbstbeschränkung ohnehin nicht zu erwarten. Deshalb fallen unsere Kulturtipps dieses Mal etwas umfangreicher aus.

Zum Hören

Fundsache
Im Lockdown haben viele ausgemistet und aufgeräumt – den Dachboden, den Keller, den Schrank, die Kommode. Eine, die das auch gemacht hat, war die Sopranistin Cecilia Bartoli. Sie stieß beim Sichten ihres digitalen Tonarchivs auf einige bisher unveröffentlichte Aufnahmen von Konzertarien, die sie schon im November 2013 in der Schweiz aufgenommen hatte. Und wie das so ist mit der Muße und Ruhe zu Hause … da kommt man auf neue Gedanken. Cecilia Bartoli jedenfalls hat aus ihrer Fundsache eine CD gemacht: „Unreleased“ heißt sie. Eine Kostprobe davon gibt es auf YouTube!

Dazu passt ein Buch, das die fiktive Geschichte der wohl berühmtesten Sängerin aller Zeiten erzählt: Maria Callas (Eva Baronsky: Die Stimme meiner Mutter, Harper Collins Verlag, 400 Seiten, 22 Euro). Der Erzähler ist ihr ungeborener Sohn … und er fühlt sich in die Höhen und Tiefen der Seele seiner Mutter ein, wie nur ein Kind es in Gestalt eines Erwachsenen kann.

Was auf die Ohren …
… gibt Joachim Mischke, Musikwissenschaftler und für Konzertrezensionen verantwortlicher Redakteur beim Hamburger Abendblatt, seit Sommer 2019 mit seinem Podcast „Erstklassisch mit Mischke“. In den vergangenen zwei Jahren war dieser Podcast besonders wertvoll, bot sich mit ihm doch die Möglichkeit, den durch den Lockdown bedingten ausgebremsten Künstler:innen eine Bühne zu bieten. Inzwischen umfasst er 72 Folgen und ebenso unterhaltsame wie aufschlussreiche Gespräche mit namhaften Persönlichkeiten von Anja Silja bis zu Kit Armstrong, Diana Damrau, Christoph Eschenbach, Igor Levit, Hilary Hahn, Anne-Sophie Mutter, Lang Lang, Patricia Kopatchinskaja, Xavier de Maistre, Daniel Hope, Christoph von Dohnanyi, Sir Simon Rattle, Martha Argerich … um nur einige zu nennen.

Die Elbphilharmonie ist seit ihrer Eröffnung gewissermaßen das „Wohnzimmer“ von Mischke geworden – jetzt hat er sein Wissen in einem sehr schön aufgemachten Buch verarbeitet: „Geschichten und Geheimnisse der Elbphilharmonie“ (Verlag Hoffmann & Campe, 176 Seiten, 26 Euro). 

Zum Lesen

„Einseitig, unkritisch, regierungsnah?“
Medienwissenschaftler der Universitäten Mainz und München haben eine „empirische Studie zur Qualität der journalistischen Berichterstattung über die Corona-Pandemie“ erstellt: „Einseitig, unkritisch, regierungsnah?“ lautet die Überschrift. Es ist ein aufschlussreicher Überblick, der nicht nur für Medieninteressierte spannend ist, sondern auch den Finger in so manche Wunde legt.

And the winner is …
… Karl Lauterbach. Niemand war so oft in Talkshows zu sehen in diesem Jahr wie er: sagenhafte 29mal und damit doppelt so oft wie 2020 (und da war er auch schon der Talkshow-König, zusammen mit Peter Altmaier), wie eine Auswertung von MEEDIA zeigt. Auch diese Analyse zeigt, wie die Medien heute funktionieren und wie sie Meinung prägen. Spannend!

Wo sind sie geblieben …?
Schon lange beklagen Naturschützer:innen den zunehmenden Artenschwund, nicht nur bei Insekten, sondern auch und gerade bei Vögeln. Selbst ein so weit verbreiteter Allerweltsvogel wie der Spatz ist inzwischen selten geworden. Heute leben sage und schreibe 600 Millionen Vögel weniger auf dem Gebiet der Europäischen Union als vor 40 Jahren. Das bedeutet einen Verlust von mehr als 40.000 Vögeln pro Tag. Dazu gibt es zwei sehr lesenswerte Artikel: einen in der Süddeutschen Zeitung, einen in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ). Vielleicht besorgen Sie sich anschließend fix ein bisschen Vogelfutter, um die Piepmätze, die noch da sind, anständig durch den Winter zu bringen?

Die Bedeutung der Väter
Unter dem Titel „Vaterland“ hat die NZZ eine höchst lesenswerte Serie aufgelegt, in der zweimal im Monat bekannte Persönlichkeiten anhand eines Fragebogens erzählen, wie die Beziehung zu ihrem Vater ihr Leben geprägt hat. Die Clownin Gardi Hutter ist dabei; Eugene Chaplin, der Sohn des großen Stummfilm-Stars – und viele andere, die hierzulande vielleicht weniger bekannt, aber nichtsdestotrotz interessant sind.

Dazu passt ein Buch, das Benjamin und Andreas Leber gemeinsam verfasst haben: Mit dir. Vater und Sohn auf den Straßen des Lebens (Aufbau Verlag, 248 Seiten, 20 Euro). Die Leberts sind eine bekannte Publizistenfamilie: Ursula Lebert (1931-2009) hat viele Jahre für die Brigitte gearbeitet und ebenso wie ihr Mann, der Autor Norbert Lebert, diverse Bücher veröffentlicht. Andreas, der Sohn (geb. 1955), hat für den Stern und DIE ZEIT geschrieben, gründete das Magazin der Süddeutschen Zeitung und war viele Jahr lang Chefredakteur von Brigitte (wo er u.a. die Phase „ohne Models“ verantwortete). Heute leitet er das Magazin ZEIT-WISSEN. Benjamin, Andreas Leberts Sohn, hat die Schule geschmissen und als 17-Jähriger mit „Crazy“ erstmal einen Bestseller verfasst. Inzwischen hat er seinen achten Roman veröffentlicht. Jetzt haben Benjamin und Andreas Lebert gemeinsam dieses Buch über das Verhältnis von Vater und Sohn verfasst – es ist eine faszinierende Reise zwischen den Generationen, ehrlich, packend, klug.

Über das Alter, die Liebe und die Lebensgier
Und noch einmal die NZZ: Klara Obermüller (81) ist eine bekannte Schweizer Publizistin, Journalistin, Buchautorin und Fernsehmoderatorin. Michael Schilliger und Birgit Schmid haben mit ihr über Fragen gesprochen, die sich mit der Corona-Krise neu gestellt haben: Muss man alte Menschen schützen? Was lehrt die Pandemie über das Leben, wenn dieses dem Ende zugeht? Schon die Überschrift zeigt, dass Klara Obermüller nicht auf den Mund gefallen ist: „Ich habe kein Verständnis mehr dafür, wenn man jedem Kuhglocken schwingenden Innerschweizer nachrennt“ … Ein Gespräch, das sich übrigens bestens zum Vorlesen eignet – nicht nur unterm Tannenbaum.

24 Liebesgeschichten berühmter Menschen
Manchmal erfüllen sich Liebesgeschichten nicht zu Beginn oder mitten im Erwachsenenleben, sondern erst im Herbst oder Winter des Lebens. Solche Geschichten aus mehreren Jahrhunderten hat Roland Leonhardt zusammengetragen. Es sind die letzten Lieben, die gerade deshalb so besonders sind. Zwischen Hans Fallada und Ursula Losch zum Beispiel, Ossip Mandelstam und Nadeschda Jakowlewna, Friedrich Nietzsche und Lou Andreas-Salomé, Alban Berg und Hanna Fuchs, Rainer Maria Rilke und Marina Zwetajewa, Gottfried Benn und Else Lasker-Schüler, Curd Jürgens und Margie Schmitz, Erich Maria Remarque und Paulette Goddard … Ob bitter-süß oder heiter, traurig oder tragisch, erfüllend oder problemgeladen – auf jeden Fall: bewegend.
Roland Leonhardt: Liebende müssen wie neu sein. Letzte Liebe berühmter und ungewöhnlicher Menschen. Nünnerich-Asmus Verlag & Media, 216 Seiten, 22 Euro

Das Lebenswerk einer besonderen Frau
Marilyn Yalom (1932-2019) war eine bekannte amerikanische Kulturhistorikerin du Frauen-Forscherin, die hierzulande leider viel zu wenig Beachtung fand und findet. Deshalb sei hier mit drei ihrer Bücher aus dem btb Verlag an sie erinnert:

Das Herz (320 Seiten, 12 Euro) beschreibt die Kulturgeschichte dieses wichtigsten Organs, das für so vieles steht, was unser Leben ausmacht und bewegt. Marilyn Yalom schlägt den Bogen von der Antike bis heute. Und sie zeigt einmal mehr auf ihre Weise, dass das Herz alles andere ist als eine Pumpe.

Freundinnen (416 Seiten, 12 Euro) hat sie zusammen mit Theresa Donovan Brown geschrieben – es ist viel mehr als der Blick auf die besondere Qualität, die eine beste Freundin im Leben einer Frau hat. Denn Frauenfreundschaften (heute würde man vielleicht sagen: Frauen-Seilschaften) haben schon immer auch die Politik bestimmt und das gesellschaftliche Leben.

Die Unschuld der Opfer (288 Seiten, 12 Euro) ist ein Buch über die Lebensläufe von sechs im Zweiten Weltkrieg und im Nationalsozialismus geborenen Kindern. Es wurde zu Marilyn Yaloms Vermächtnis: „Wir sind die letzten Zeitzeugen, die den Zweiten Weltkrieg noch erlebt haben, und bald werden wir nicht mehr da sein. Dieses Buch möchte ich als ein Zeugnis und eine Mahnung hinterlassen, in der Hoffnung, dass diese Lebenswege uns die Sinnlosigkeit des Krieges vor Augen führen. Gerade jetzt, in den Zeiten des wiedererstarkenden Nationalismus und eskalierender Konflikte weltweit mögen uns diese Schicksale dazu bringen, uns zu fragen, ob auch unsere Kinder und Enkelkinder zu Opfern machthungriger Erwachsener werden.“

Der Alptraum einer jeden Mutter
DDR, 1973. Eine junge Frau gebiert ihr Kind. Es gibt Komplikationen. Als sie aus der Narkose wieder erwacht, heißt es, ihr Kind sei tot. Doch die Frau glaubt die Story nicht. Sie befürchtet vielmehr, ihre Tochter sei auf Anordnung der Regierung weggenommen und anderswo untergebracht worden. BRD, 1989. Gerade ist die Mauer gefallen, und eine 16-Jährige macht sich auf, ihre Mutter zu finden, die sie angeblich nach der Geburt weggegeben hat. Dieser Roman ist zwar frei erfunden. Aber er hätte sich auch genau so zutragen können.
Frank Goldammer: Zwei fremde Leben. dtv Premium, 396 Seiten, 16,90 Euro

Belastete Ware
Bevor Sie das nächste Mal mitten im Winter Rosen kaufen, sollten Sie dieses Buch gelesen haben. Es schildert, wie diese Blumen im kenianischen Hinterland auf großen Farmen gezüchtet werden, unter Einsatz von giftigen Pflanzenschutzmitteln. Bevor Sie das nächste Mal Billig-Unterhosen beim Discounter kaufen, sollten Sie dieses Buch gelesen haben. Es schildert, wie am Stadtrand von Kalkutta Bengalen ohne jede Schutzkleidung diese Baumwollstoffe färben – mit giftigen Substanzen. Wenn Sie die in diesem Buch versammelten zehn Reportagen gelesen haben, werden Sie anders einkaufen.
Jan Stremmel: Drecksarbeit.Geschichten aus dem Maschinenraum unseres bequemen Lebens. Knesebeck Verlag, 192 Seiten, 22 Euro

Eine Familie in Südafrika
Es gibt wenige Länder auf der Erde, die innerhalb von dreißig Jahren so viele Umbrüche erlebt haben wie Südafrika. Dieser Roman einer Familie erzählt auf packende Weise von der Zeit zwischen Apartheid und Demokratie, vom Zerfall gewachsener Traditionen, aber auch vom Entstehen neuer Bindungen und Perspektiven. Kein Wunder, dass das Buch den begehrten Booker Prize 2021 gewonnen hat.
Damon Dalgut: Das Versprechen. Luchterhand Verlag, 368 Seiten, 24 Euro

Neues von Jamie und Claire
Ganze sieben Jahre hat es gedauert, bis Diana Gabaldon jetzt endlich die Fortsetzung der Outlander-Saga vorgelegt hat. Band 9 umfasst sagenhafte 1.152 Seiten und erzählt ebenso spannend wie dramatisch die Geschichte von Jamie Fraser und Claire Randall und ihrer weit verzweigten Familie (gut, dass auf den Innenseiten der verschlungene Stammbaum aufgezeichnet ist, sonst würde man sich kaum noch zurechtfinden …). Ein Wälzer, wie geschaffen für lange, faule Wintertage, an denen man nicht viel denken, aber gut unterhalten sein möchte.
Diana Gabaldon: Outlander – Das Schwärmen von tausend Bienen. Droemer Knaur Verlag, 1.152 Seiten, 28 Euro

Ein Hoch auf die Pizza!
Das ist doch mal ein Lichtblick: Wenn Sie keine Plätzchen mehr sehen können, genug haben von Karpfen und Gans, dann gibt es nur eines: Pizza! Und Sie können dafür auch noch die beste Begründung der Welt anführen: Wer häufig Pizza isst, hat ein geringeres Krebsrisiko! Das zeigte schon 2003 eine wissenschaftliche Studie aus … natürlich: Italien. Logisch, dass Sie dafür nicht den Pizza-Service bemühen, sondern die knusprigen Fladen aus Mehl, Wasser, Öl und ein bisschen Hefe (schnell noch auf die Einkaufsliste setzen!) einfach selbst herstellen und belegen – dann schmecken sie eh am besten. Wie kinderleicht das ist, zeigt ein Buch, das der „Brot-Papst“ Lutz Geißler verfasst hat – er weiß, wie’s todsicher gelingt und zeigt Ihnen das Bild für Bild auf anschaulichste Art und Weise. Ganz nebenbei lernen sie dann auch gleich noch, wie man einen Sauerteig ansetzt und wie man Focaccia und Pita und Fladenbrot und Sangak und Gözleme backt. Kennen Sie nicht? Sollten Sie aber!
Lutz Geißler und Alexander Englert: Die besten Fladenbrote der Welt. Becker Joest Volk Verlag, 304 Seiten, 220 Fotos, 29,95 Euro

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