Corona-Spezial

Unser Kompass zu COVID-19 und Gedanken über die Krisenzeit

Hier finden Sie aktuelle Berichte, Informationen und Stellungnahmen zur Corona-Pandemie sowie Gedanken über die Krisenzeit. Wir aktualisieren diesen Bereich in unregelmäßigen Abständen – je nach Lage der Dinge.

In diesem Zusammenhang sei auch auf unser Archiv hingewiesen. Wir haben uns dafür entschieden, jeweils nur die vergangenen drei bis vier Monate zu dokumentieren, weil vieles, was wir in der Zeit davor geschrieben und kommentiert haben, inzwischen überholt ist und leicht Anlass zu Missverständnissen geben kann.

Und noch eine Erklärung vorneweg: So manches, worauf wir hinweisen, wirft einen kritischen Blick auf den derzeitigen Kurs der Bundesregierung. Das bedeutet allerdings nicht, dass wir die Pandemie in ihrer Existenz in Frage stellen. Wir sind uns sehr wohl der Gefahren bewusst, die sich mit einer Infektion mit SARS-CoV-2 und einer Covid-19-Erkrankung verbinden können. Wir sind uns vor allem der fatalen weltweiten Auswirkungen bewusst, die diese Pandemie schon jetzt nach sich zieht und fürderhin noch ziehen wird. Wir bringen diese Zusammenstellung an Informationen und Quellen, weil sie ergänzend notwendig sind, um einen offenen, fairen und sachgemäßen demokratischen Dialog zu führen, ohne den wir in einer totalen Spaltung der Gesellschaft landen.

Es kommt immer wieder vor, dass sich Rechtsradikale und Neonazis oder die AfD unserer Argumente bemächtigen. Das können wir nicht verhindern. Aber wir distanzieren uns ganz klar und entschieden von solchen Übergriffen und ebenso von diesen Kreisen.

Noch ein Hinweis zu den im Corona-Spezial benannten Links: Viele davon liegen hinter einer Bezahlschranke – denn Journalismus, auch Online-Journalismus, kostet Geld. Da manche Redaktionen einen Text anfangs frei zugänglich machen, ihn aber über kurz oder lang hinter die Paywall stellen (z. B. bei hohen Click-Zahlen, die ein gesteigertes Interesse signalisieren), verzichten wir darauf, bei jedem Link anzugeben, ob er nur kostenpflichtig zu lesen ist.

Unser Corona-Spezial im November 2021 umfasst folgende Themen:

Steigende Inzidenzen

Anlass zur Besorgnis oder neue Normalität?

Noch vor wenigen Monaten hatte der damalige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn die Corona-Inzidenz als Maßstab für die Gefahr, die von Corona-Infektionen ausgeht, als überholt erklärt. Künftig sollte die Belegung der Krankenhäuser das Maß der Dinge sein. Davon ist derzeit allerdings nicht viel zu spüren. Allerorten werden die Inzidenzen als besonders bedrohlich dargestellt – dass sie ansteigen würden, war allerdings zu erwarten. So hatte die Physikerin und Modelliererin Viola Priesemann schon im August für den Winter drei Szenarien errechnet, wie der SPIEGEL berichtet. Und darin spielt die Inzidenz dann eben doch eine beträchtliche Rolle, denn: „Je höher die Inzidenz, desto eher beschränken Menschen ihre Kontakte freiwillig und lassen sich impfen“, so Priesemann. Werden weniger eingreifende Maßnahmen erlassen, infizieren sich zwar mehr Menschen, was wiederum die Bereitwilligkeit zum Impfen fördere und im Frühjahr zu einer höheren Anzahl von Genesenen führe. Enge man den Spielraum für die Bevölkerung stärker ein, komme die Quittung womöglich im Frühjahr mit einer dann umso größeren Infektionswelle, wenn die Beschränkungen aufgehoben werden. Eine hohe Impfquote hält Priesemann in beiden Szenarien für entscheidend dafür, dass wir den Winter gut überstehen.

Ob solche Modellierungen wirklich aussagefähig sind, sei dahingestellt – umso mehr, als ein namhafter Physiker, Prof. Dr. Bernhard Müller von der Monash University in Australien, eine geschliffene Streitschrift dazu verfasst hat. Sie versteht sich als Addendum zum Thesenpapier 8.0 der Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Matthias Schrappe und wurde beim Monitor Versorgungsforschung veröffentlicht. Darin spricht er von einem „weitgehenden Blindflug der Pandemiemodellierung“ und fragt: „Wo war die umfassende Lagefeststellung zum Stand der Dinge, wo war der Digest, der den mathematisch weniger versierten Entscheidungsträgern über die Untiefen der Modellierung aufklären hätte können? Wo waren die Vorträge, in denen nicht die eigene Arbeit vermarktet, sondern das Publikum von den Grundlagen weg an den Stand der Forschung hingeführt wurde? Wenigstens von den regierungsnahen Modellierern in Deutschland vernahm man nicht die Botschaft, dass sie erst um sich geschaut hatten, bevor sie nach vorne stürmten. Man gewann nicht den Eindruck, dass sie angesichts der Krisensituation mehr zu sein versuchten als Wissenschaftler und Lobbyisten in eigener Sache. (…) Wie konnte man auf der Basis höchst vereinfachter Simulationen ernsthaft mit dem Gedanken spielen, mit ein paar Wochen harter Maßnahmen im Sinne von ‚No Covid‘ ans Ziel zu gelangen?“

Die Frage ist, ob bei hohen Inzidenzen das Gesundheitssystem an seine Grenzen gerät oder nicht. Denn die Tatsache allein, dass mehr Menschen an Covid-19 erkranken, heißt ja noch nicht viel. Wichtig ist, wie schwer sie erkranken und ob sie zur Behandlung ins Krankenhaus oder gar auf die Intensivstation müssen – „Hospitalisierungsinzidenz“ heißt der Fachbegriff dafür, die jedoch die Auslastung für die Normal- und Intensivbetten zusammenfassend misst, was das Ergebnis für die Intensivstationen dann wieder nicht so recht aussagefähig macht, denn alle Häuser haben mehr Normal- als Intensivbetten.

Einige Kliniken melden derzeit bereits eine Komplett-Auslastung auf den Intensivstationen, in Sachsen heißt es sogar, man stehe in Sachen Corona „vor einer Tsunami-Welle“, wie Focus online berichtet. Geplant sind ab 8. November landesweit verpflichtende 2G-Regeln im Rahmen einer neuen Corona-Schutzverordnung, schreibt der MDR. Sie gelten u.a. für die Innengastronomie, Veranstaltungen in Freizeit- und Kultureinrichtungen, Fußballspiele, Weihnachtsmärkte, Clubs und Bars. Im Öffentlichen Nahverkehr sollen FFP2-Masken verpflichtend werden. Sachsen hat neben Thüringen eine eher niedrige Impfquote – allerdings sind es auch dort bei den über 60-Jährigen bereits 78,6 Prozent, bei den 18- bis 59-Jährigen immer noch 57,4 Prozent, wie aus einem Bericht des SPIEGEL hervorgeht. Dort ist auch eine Tabelle über die Impfquote in den anderen Bundesländern eingestellt – und wenn man sie betrachtet, fragt man sich einmal mehr, wie hoch die Impfquote eigentlich noch gesteigert werden soll. Im Bundesdurchschnitt liegt sie schon jetzt bei 85,3 Prozent für die über 60-Jährigen und bei 73,1 Prozent für die 18- bis 59-Jährigen.

„Testen, impfen,mehr Kontrolle – Spahns Plan für den Corona-Winter" meldet die WELT aus der Bundespressekonferenz, wobei ja nicht einmal klar ist, ob Jens Spahn im Winter überhaupt noch viel zu sagen hat – als Gesundheitsminister sind seine Tage ja gezählt. Nichtsdestotrotz und entgegen der allgemeinen Erkenntnis hält Spahn immer noch daran fest, dass wir es mit einer "Pandemie der Ungeimpften" zu tun hätten – die Realität auf den Intensivstationen sieht indes anders aus, wie sich aus einer Statistik erkennen lässt, die der Kinder- und Jugendarzt Steffen Rabe auf seiner Homepage ständig aktualisiert. Demnach sind Impfdurchbrüche derzeit eher ein Problem. Spahns Dreipunkte-Programm umfasst 1. 3G und AHA-Regeln konsequent umsetzen und ggf. durch 2G-Konzept verschärfen: "2G habe nichts mit 'Impfmobbing' zu tun, es gehe darum, lokale Überlastungen des Gesundheitssystems zu vermeiden."  2. Verpflichtende Testkonzepte für Pflegeheime, inklusive Testungen für Geimpfte und Genesene. 3. Eine umfangreiche Kampagne für Auffrischimpfungen in der Bevölkerung. Denn das derzeitige Tempo beim Boostern reiche nicht. Das Beispiel Israel zeige, wie wichtig das sei (siehe dazu auch den Abschnitt "2G und Boostern: Impfen als alleinige Rettung?"). 

Das Impfziel des Robert Koch Instituts (RKI) einer deutschlandweiten Impfquote von mindestens 80 Prozent halten viele Amtsärzt:innen für illusorisch, wie die WELT schreibt. Nicolai Savaskan, Leiter des Gesundheitsamtes im Berliner Bezirk Neukölln plädiert darin für 70 Prozent als neue Zielmarke. Denn „die eigentliche Immunität“ sei „sowieso deutlich höher“, weil die fünf Prozentpunkte, die das RKI kürzlich mit Verweis auf eine statistische Untererfassung auswies, noch dazukämen – plus sieben Prozentpunkte Genesene. „Wir brauchen auch in den Gesundheitsämtern eine Rückkehr zur Normalität“, so Savaskan. „Wir liegen kurz vor einer Immunität von 80 Prozent, die uns erlaubt, die Kontaktnachverfolgung nur noch bei vulnerablen Gruppen sowie medizinischen Einrichtungen wie Pflegeheimen und Kliniken durchzuführen.“ Mit dem Impfstoff und verbesserten Therapien schrumpfe Covid-19 „zu einer gesellschaftlich kontrollierbaren Infektionserkrankung. Maskenpflicht und Abstandsregeln könnten dann ebenfalls fallen.“ Auch der Leiter des Gesundheitsamtes Dortmund, Frank Renken, befürwortet eine Rückkehr zur Normalität: „Wir müssen an den Punkt kommen, an dem nicht mehr der Staat über die Gesundheitsämter die Bevölkerung schützt, sondern wieder jeder Mensch diese Verantwortung selbst trägt.“ Viel mehr als 70 Prozent Impfquote werde man im Gesamtquerschnitt der Bevölkerung nicht erreichen. „Da können Sie noch so viele niedrigschwellige Angebote machen, wie Sie wollen. Die Politik sollte mit ihrem Wunschdenken aufhören und in der Realität ankommen.“  Die Corona-Zeit habe „bei vielen Kindern und Jugendlichen dramatische Schäden angerichtet. Sie schwänzen die Schule, haben starke Lernrückstände, Verhaltensauffälligkeiten oder erleben Missbrauch zu Hause.“ Er will die zehn zusätzlichen Vollzeitstellen, die ihm aufgrund des „Paktes für den öffentlichen Gesundheitsdienst“ zwischen Bund und Ländern zugestanden wurden, nicht für die Corona-Nachverfolgung nutzen, sondern in der Prävention sowie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Denn: „Der Corona-Ausnahmezustand ist vorbei, jetzt müssen wir die Folgen aufarbeiten.“

In Baden-Württemberg dagegen gilt schon seit Mittwoch die „Corona-Warnstufe“, wie die Badische Zeitung meldet. Sie zieht einschneidende Nachteile für Ungeimpfte nach sich: Diese dürfen sich privat nur noch mit fünf weiteren Personen treffen, müssen für den Zugang zu 3G-Bereichen (Gastronomie, Theater, Kino, Sportveranstaltungen, Friseure, Museen, Sauna u.a.) einen (teuren) negativen PCR-Test nachweisen, ein Schnelltest genügt nicht mehr. Ungeimpft kommt man in Clubs oder Diskotheken gar nicht mehr rein. Ausgenommen davon sind nur Jugendliche bis 17 Jahre und Personen, die nicht geimpft werden können oder für die es keine Impfempfehlung der STIKO gibt. Außerdem gilt in 2G-Bereichen nun wieder eine Maskenpflicht. 

 „Was passiert, wenn die Kliniken volllaufen?“ fragt die WELT und richtet den Blick dabei eher aufs Ausland, wo überall die Zahl der Neuinfektionen steigt – mit oder ohne Maskenpflicht, mit oder ohne Einschränkungen wie 2G oder 3G. Großbritannien z. B. kehrt trotz fast 50.000 täglichen Neuinfektionen nicht zu Maßnahmen zurück, wie die WELT berichtet. Dagegen plant Österreich in einem 5-Stufenplan als ultima ratio gar einen Lockdown für Ungeimpfte, ohne allerdings einen Plan dafür zu haben, wie so etwas umgesetzt werden soll. Auch Angela Merkel prophezeite im Rahmen einer Sitzung des CDU-Bundesvorstands: „Es wird starke Einschränkungen für Ungeimpfte geben“, wie n-tv berichtet. Tests am Arbeitsplatz seien für Ungeimpfte „nicht ausgeschlossen“, auch könnten die Maßnahmen „über das 2G-Modell hinausgehen“.

Dass die Kliniken schon wieder so schnell am Anschlag sind, hat allerdings ganz andere Gründe als Corona. Denn auf den Intensivstationen stehen im Vergleich zu 2020 rund 4.500 Betten weniger zur Verfügung, wie das Intensivregister der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI)  ausweist und wie der WELT-Journalist Tim Röhn auf Twitter anschaulich zeigt. „Die Intensivstationen waren vor der Pandemie schon sehr belastet“, sagt der Präsident der DIVI, Gernot Marx, in einem Interview mit der WELT. „Corona hat die Arbeit in den letzten anderthalb Jahren aber so massiv erschwert, dass viele Pfleger ihre Arbeitszeit reduziert haben, also etwa von 100 auf 80 Prozent gegangen sind. Einige haben den Beruf auch ganz verlassen. Das führt dazu, dass ein Teil der Betten gesperrt werden musste. Da steht dann das Beatmungsgerät mit der ganzen Technik, aber das Pflegepersonal fehlt, um es zu bedienen. (…) Auf den Stationen herrschte eine große Ernüchterung. Wissen Sie, die Menschen lieben diesen Beruf. Sie brennen dafür. Das wirft man nicht so einfach über Nacht weg. Aber wenn man gar nicht mehr kann, dann muss man halt weniger arbeiten.“

Die Gesamtzahl der freien Betten nimmt also nicht etwa ab, weil so viele Covid-19-Patient:innen behandelt werden müssen, sondern weil es an Pflegenden mangelt. Dies umso mehr, als die Krankenhäuser seit Februar 2021 neue Personaluntergrenzen berücksichtigen müssen: Tagsüber dürfen die Pflegenden auf Intensivstationen für maximal zwei, nachts für drei Patient:innen zuständig sein. Lässt sich das nicht gewährleisten, müssen Betten zurückgezogen werden. An dem Pflegenotstand, der seit Jahren bekannt ist, hat sich nie wirklich etwas geändert. Die Belastung ist unangemessen hoch und die Bezahlung entspricht nach wie vor nicht der Verantwortung, in der die Pflegenden stehen (lesen Sie dazu auch ein ausführliches Interview mit zwei Pflegenden aus Berlin in der neuen Ausgabe unseres Magazins, das Sie hier vorbestellen können). Solange sich an diesem Zustand nichts ändert, wird die Lage auch bei einer noch viel höheren Durchimpfungsrate für Covid-19 immer kritisch bleiben.

Und nach wie vor ist die Datenlage in Deutschland äußerst mau. Gerade erst hat eine Recherche des Online-Magazins multipolar ergeben, dass nur jeder zweite als Corona-Patient gemeldete Fall tatsächlich wegen des Verdachts auf Covid-19 im Krankenhaus war. Das Magazin hatte die Abrechnungsdaten der Krankenhäuser mit den Krankenkassen für die Jahre 2019, 2020 und die ersten fünf Monate dieses Jahres analysiert. „Die Abrechnungsdaten fördern noch weitere brisante Erkenntnisse zutage“, schreibt das Magazin. „So stieg im Vergleich zu 2019 die Zahl der intensivmedizinisch behandelten Fälle abseits von akuten Atemwegserkrankungen – insbesondere Schlaganfälle, Krebserkrankungen und Herzinfarkte – nach dem ersten Lockdown ungewöhnlich stark an. Dies deutet auf die Folgen verschobener Behandlungen und verzögerter Vorsorgeuntersuchungen wegen des ersten Lockdowns hin.“

Zu einem ähnlichen Schluss kommt auch eine Umfrage des ARD-Politikmagazins „Report Mainz“ im SWR bei den jeweils 20 patientenstärksten Kliniken für Lungenkrebs, Diabetes und chronische Schmerzen. Ergebnis: „Die Zahl der schweren Fälle bei Lungenkrebs-, Diabetes- und Schmerzpatienten hat seit Beginn der Corona-Pandemie zugenommen. Der Grund sind ausgefallene Arzt- und Krankenhausbesuche aus Angst der Patienten, sich mit dem Virus anzustecken.“ Die Überlebenschancen der betroffenen Patienten seien dadurch gesunken, bei Diabetes habe die Zahl der Fußwunden deutlich zugenommen, nicht selten wurden Amputationen nötig, die eigentlich hätten vermieden werden können. Es sind Zahlen, die bisher kaum erhoben werden und die auch nicht als „Kollateralschäden“ in die Bilanz der Corona-Politik eingeflossen sind. 

Derweil hört man aus den Koalitionsgesprächen in Sachen Corona nicht viel. „Wo bleibt denn nun die Überprüfung der Corona-Politik?“ fragt deshalb Susanne Gaschke in der WELT nicht ohne Grund. Zwar hat man vollmundig die „epidemische Lage von nationaler Tragweite“ inzwischen zum 25. November für beendet erklärt. Was danach folgt, ist jedoch keine wesentliche Änderung des Status quo. Denn die Maßnahmen bleiben uns erhalten – sie gehen jetzt eben von den Ländern aus. Weshalb sich auch Karl Lauterbach laut n-tv damit anfreunden konnte, allerdings gleichzeitig zum zweifelhaften Propheten wird: „Klar ist, dass die meisten Ungeimpften von heute bis dahin (gemeint ist der 20. März, d. Red.) entweder geimpft, genesen oder leider verstorben sind, denn das Infektionsgeschehen mit schweren Verläufen betrifft vor allem Impfverweigerer.“

 „Der 25. November markiert eine gefährliche Verschiebung“, kommentiert Andreas Rosenfelder, Ressortleiter Feuilleton bei der WELT, diesen Kompromiss zwischen den Ampel-Parteien. Denn „fast alle Corona-Maßnahmen, die auf Grundlage dieses Notstands verhängt wurden und jetzt noch in Kraft sind, sollen trotzdem weiterlaufen können“ – mindestens bis zum 22. März 2022. Damit stehe die Gefahr im Raum, dass „all die Grundrechtseingriffe in Zukunft auch bei jeder Grippewelle greifen könnten“. Denn Corona und Grippe seien, wie RKI-Chef Lothar Wieler und Spahn auf ihrer Pressekonferenz Anfang Oktober betont hätten, „in ihrer Gefährlichkeit längst vergleichbar“. Damit bekäme „ein Gesundheitsstaat, der zum Zweck des Infektionsschutzes jederzeit und überall Grundrechte einschränken kann, eine Rechtsgrundlage“. Mit „jenen Werten, die die FDP als Partei der Freiheit und der Bürgerrechte vertritt“, habe das „nichts mehr zu tun“.

„Nach bald zwei Jahren Covid-19 sitzt uns die Angst im Nacken. Wie bekommen wir sie da wieder weg?“ fragt die Neue Zürcher Zeitung (NZZ): „Die Angst ist ein klebriger Kumpan. Hockt sie einem im Nacken, wird man sie so leicht nicht wieder los. Vernunft hilft da wenig, und sie vermag umso weniger dagegen auszurichten, als die Gefahr zwar unsichtbar bleibt, aber in bald zwei Jahre dauernder Einübung zur hartnäckigen Begleiterin wurde. (…) Gemäß einem im Wissenschaftsmagazin „Lancet“ unlängst veröffentlichten Bericht sollen in den letzten zwölf Monaten Depressionen und Angststörungen weltweit um mehr als 25 Prozent zugenommen haben. Dabei sind Frauen und jüngere Menschen zwischen 20 und 35 Jahren am stärksten betroffen von der Zunahme. Als hauptsächliche Risikofaktoren für eine Erkrankung wurden einerseits die täglich kommunizierten Infektionsraten sowie die Einschränkungen der Mobilität genannt. So hat der Lockdown zwar einerseits Infektionen verhindert und damit auch schwere Verläufe und Todesfälle. Andererseits aber hat er neue Risiken geschaffen und zu psychischen Erkrankungen geführt. Diese Kollateralschäden einer rigorosen Gesundheitspolitik tauchten bisher in keiner Kosten-Nutzen-Rechnung auf. Sie dürften aber auch schwer zu beziffern und kaum aussagekräftig in Relation mit den mutmaßlich abgewendeten Schäden zu setzen sein. Und dennoch muss die Zunahme der depressiven Erkrankungen und Angststörungen zu denken geben. Sie gehen einerseits nicht spurlos an den Betroffenen vorüber. Andererseits sind sie lediglich die manifesten Folgen einer Politik, die auch dort anhaltende Wirkungen hervorbringt, wo sie sich nicht unmittelbar als Krankheitssymptome bemerkbar machen.“

Dabei hat es in Deutschland 2020 durch Covid-19 keine erhöhte Sterberate gegeben, wie eine Studie der Universität Duisburg-Essen ermittelte, die in den Medien jedoch keine Beachtung fand. Die Forscher:innen hatten „die Zahl der Sterbefälle in Deutschland, Spanien und Schweden der Jahre 2016 bis 2020 analysiert. Das Ergebnis: 2020 gab es keine Übersterblichkeit in Deutschland, auch wenn es etwa 34.000 Todesfälle gab, die mit Covid-19 assoziiert werden“, heißt es in einer Pressemitteilung der Universität.

Ein konstruktiver Vorschlag, wie die Zukunft mit Corona zu gestalten sei, kommt von Hendrik Streeck, Direktor des Instituts für Virologie an der Uniklinik Bonn „Meine acht Punkte zur Überwindung der Corona-Pandemie“ schreibt er in der WELT: 1. Infektionsgeschehen kennen. 2. Daten zentral sammeln. 3. Impflücke schließen. 4. Neue Medikamente konsequent einsetzen. 5. Reform des Gesundheitssystems. 6. Korrekte Kommunikation. 7. Genesenenstatus nachjustieren. 8. Mut und Vernunft. Sein Fazit: „Wir brauchen ein Gremium, das die nächsten Schritte der Pandemieplanung begleitet und die junge, neue Regierung unterstützt. Ein Expertenrat oder Pandemierat, der auf Bundesebene tagt, den haben wir immer noch nicht. Die Kakofonie der verschiedensten Experten- und Nichtexpertenmeinungen hat in der jetzigen Pandemie die Bürger nur verwirrt, Ängste und Misstrauen geschürt.“

zurück zur Übersicht

Verfassungsrichter in der Kritik

Ist der Rechtsstaat in Gefahr?

Im Corona-Spezial von Oktober berichteten wir über ein Treffen der Richter:innen des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) mit der Bundesregierung am 30. Juni 2021. Die WELT hatte dazu mehrere Enthüllungsberichte gebracht, die zeigten, dass hier durchaus über Themen gesprochen wurde, über die gerade mehrere Klagen beim BVerfG anhängig sind. Dazu zählt auch die „Bundesnotbremse“ und die damit verbundenen Einschränkungen der Grundrechte. Speziell gegen den Präsidenten des BVerfG, Stephan Harbarth, und eine der Richterinnen, Susanne Baer, war ein Ablehnungsantrag auf Befangenheit gestellt worden.

Inzwischen hatte die WELT noch weitere Details zu dem sommerlichen Treffen veröffentlicht. „Der Ablauf des Dinners sorgte für Kritik, weil er nach Ansicht einiger Juristen den Eindruck der Einflussnahme der Regierung auf das oberste deutsche Gericht erwecken könnte.“ Das Kanzleramt selbst habe „die Brisanz des Anliegens“ erkannt, aber dennoch den Vorträgen zugestimmt. Denn offenbar hatte das Verfassungsgericht selbst den Anstoß für die Corona-Rede beim Kanzlerinnen-Dinner gegeben. Harbarth persönlich habe sich dafür eingesetzt, „kurzfristig die Tagesordnung zu ändern“: „Zur Vorbereitung auf den Abend nordete Harbarth Merkel und ihre Minister ein“, heißt es in einem weiteren Bericht der WELT. „Kann es sein, dass Harbarth an diesem Abend weniger das Grundgesetz im Auge hatte, dafür mehr die Anliegen seiner ehemaligen Chefin?“ fragen Elke Bodderas und Tim Röhn in ihrem Artikel. Denn Harbarth war von 2009 bis 2018 CDU-Abgeordneter im Bundestag und ab 2016 einer der stellvertretenden Vorsitzenden der CDU/CSU-Fraktion. Mit der Kanzlerin ist er per Du. „Offenbar gab Harbarth die Fragen vor, die in den Vorträgen beim Abendessen besprochen werden sollten: ‚Welche Beurteilungsspielräume verbleiben den Gewalten bei tatsächlichen Unklarheiten? Wie viel Überprüfbarkeit verbleibt dem BVerfG? Wie kann Sicherheit gewonnen werden? Welche Evaluierungspflichten sind dabei zu berücksichtigen?‘“ In einem weiteren Bericht der WELT heißt es: „Harbarth hatte sich in einem Schreiben bereits gegen die Vorwürfe verteidigt. Er schrieb: ‚Ich hielt und halte diese Themen für einen Gedanken- und Erfahrungsaustausch zwischen Verfassungsorganen für geeignet, weil sie abstrakte und zeitlose Fragestellungen betreffen, die sich in den vergangenen Jahrzehnten auch in zahlreichen Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts niedergeschlagen haben.‘ Die besprochenen Themen ließen sich, so Harbarth‚ ohne konkreten Bezug zu anhängigen Verfahren‘ erörtern.“

Das Dinner im Kanzleramt sei „geeignet, den guten Ruf des Bundesverfassungsgerichts zu schädigen“, schreibt Thorsten Jungholt in einem Kommentar für die WELT unter der Überschrift „Die Richter und die Macht“: „Verfassungsrichter, die im Kanzleramt speisen, wenn über die Corona-Politik der Bundesregierung gesprochen wird? Mit den Verhaltensregeln des Gerichts ist das nicht vereinbar. (…) Über Jahrzehnte hat Karlsruhe es geschafft, sich ein großes Vertrauenskapital bei den Bürgern aufzubauen. Das zu erhalten, muss oberste Priorität haben. Harbarths Sozialisation vom Politiker zum Richter ist offenbar noch nicht abgeschlossen. Womöglich sollte er sich im Verfahren zur Bundesnotbremse selbst aus dem Spiel nehmen.“

Inzwischen haben auch namhafte Juristen den Vorwurf der versuchten Einflussnahme durch die Bundesregierung auf die Verfassungsrichter erhoben, darunter der Staatsrechtler Kyrill-Alexander Schwarz und mit Gerhard Strate einer der bekanntesten Strafverteidiger Deutschlands, der auch Mitglied des Verfassungsrechtsausschusses der Bundesrechtsanwaltskammer ist.

Das BVerfG wies das von sich und lehnte den Befangenheitsantrag trotz der erdrückenden Beweislage ab (Aktenzeichen 1BvR 781/21, Pressemitteilung vom 12. Oktober 2021). „Fehlendes Gespür“ attestierte ihm dafür Frank Bräutigam von der ARD-Rechtsredaktion in einem Kommentar für die Tagesschau: „Mich lässt dieses Treffen samt Vor- und Nachspiel mit Stirnrunzeln zurück. (…) Mich stört nicht per se, dass sich Verfassungsorgane in regelmäßigen Abständen zum Austausch treffen. Das hat eine lange Tradition. (…) Andere Dinge stören mich aber. Zum Beispiel die Auswahl der Gesprächsthemen für das turnusmäßige Treffen und wie es dazu kam. (…) Der Themenwechsel wirkt auch für Beobachter so, dass ausgerechnet zwei rechtlich sehr umstrittene Themen aktiv vorgeschlagen werden. Das ist für mich unsensibel. (…) Ich glaube auf keinen Fall, dass an diesem Abend im Kanzleramt Corona-Urteile ausgekungelt wurden. Doch dieser Termin hat dazu geführt, dass sich die Beschwerdeführer der Corona-Verfahren sowie Bürgerinnen und Bürger Fragen stellen und ins Grübeln kommen. Was machen die da genau? Worüber reden die eigentlich? (…) Ich wünsche mir deshalb für die Zukunft mehr Gespür dafür, was für ein sensibles Thema das Verhältnis von Justiz und Politik ist. Bei dem die Bürgerinnen und Bürger zu Recht genau hinschauen.“

Die Sache ist damit jedoch noch nicht abgeschlossen. „Am Freitag (22.10.21, Anm. d. Red.) reichte jener Kläger, der bereits Harbarths Befangenheit vermutete, einen neuen Antrag ein. Begründung: Dessen Richterkollegen hätten die Argumente des ersten Antrags ignoriert oder falsch verstanden“, heißt es in einem Bericht von Tim Röhn in der WELT über ein weiteres Abendessen mit CDU-Politikern und Unternehmern, bei dem Harbarth einen Vortrag hielt.

Das höchste Gericht müsse „dem Grundgesetz zu seiner Geltung verhelfen“, fordert Michael Maier in einem Kommentar für die Berliner Zeitung. „Knapp 10.000 Personen haben 281 Verfassungsbeschwerden und mehrere Anträge eingereicht. Über einige wird nun entschieden. (…) Nach Angaben des Deutschen Richterbundes gab es allein im Jahr 2020 mehr als 10.000 Gerichtsverfahren wegen Corona. (…) Der Grundsatzentscheidung aus Karlsruhe kommt eine zentrale Bedeutung zu, weil die meisten Gerichte mit der aktuellen Rechtslage überfordert sind: Gesetze und Verordnungen werden in rasch wechselnder Folge geändert. Vorschriften sind detailreich, unklar oder widersprüchlich. Es gibt große lokale und regionale Unterschiede bei Maßnahmen. Die Beweisführung ist schwierig: Soeben hat ein Strafgericht in Bayern die körperliche Untersuchung einer Beschuldigten angeordnet, die sich auf eine ärztlich ausgestellte Maskenbefreiung berief. (…) Von Stephan Harbarth und seinen Kollegen muss verlangt werden, dass sie sich als unbestechliche und unabhängige Richter erweisen. Die deutschen Gerichte warten auf einen Spruch aus Karlsruhe schon sehr, sehr lange. Die Bevölkerung ist verunsichert und frustriert. Das Bundesverfassungsgericht hat sich zu lange weggeduckt. (…) Die Aufgabe des Bundesverfassungsgerichts ist die Beendigung des juristischen Ausnahmezustands, um das friedliche und freiheitliche Zusammenleben in diesem Land dauerhaft zu sichern.“

„Noch nie hat das Bundesverfassungsgericht so versagt“, meint auch Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung (SZ). Es habe „zu den Lockdowns, der Notbremse, den Ups und Downs der Beschränkungen mehr oder minder geschwiegen“ und sei nun „in einer fatalen Lage“: „Es hat nicht versagt, weil es eine falsche Entscheidung getroffen hätte. Es hat versagt, weil es bisher dazu, 19 Monate lang, keine substanzielle Entscheidung getroffen hat und weil es vor der nun bevorstehenden Entscheidung ärgerliche Fehler macht. Das Gericht verweigert sich einer mündlichen Verhandlung, es missachtet ein sensibles rechtliches Gehör, es manövriert sich in die Befangenheit. (…) Das höchste Gericht, das sich in den vergangenen Jahrzehnten allerhöchste Verdienste erworben hat, hat unter seinem neuen Präsidenten und Vorsitzenden des zuständigen Ersten Senats, dem ehemaligen CDU-Bundestagsabgeordneten und Wirtschaftsanwalt Stephan Harbarth, Anträge auf einstweiligen Rechtsschutz mit 08/15-Begründungen abgewimmelt. In der Abwimmelentscheidung zum Bundesnotbremsen-Gesetz hat es fundamentale Rechtsfragen ignoriert. (…) Seine summarischen Eilentscheidungen hat es damit begründet, dass eine Abwägung zwischen dem Lebensschutz einerseits und den Freiheitsrechten andererseits auf die Schnelle zu schwierig sei.“ Dem Treffen mit der Bundesregierung hafte „etwas von Mauschelei an“, und „mit der bloßen Behauptung, unvoreingenommen zu sein“, sei „die Besorgnis der Befangenheit nicht aus der Welt zu schaffen. Hinzu kommt, dass Präsident Harbarth sich mit wenig Zurückhaltung zu Corona geäußert hat: Die Bewältigung der Pandemie vollziehe sich ja, sagte er im FAZ-Interview, ‚in den Bahnen des Rechts‘. Genau dies zu prüfen, ist aber Aufgabe seines Gerichts.“

In die Diskussion über die Rechtmäßigkeit der deutschen Corona-Politik hat sich inzwischen auch der 92-jährige Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas eingeschaltet, wie Andreas Rosenfelder in der WELT unter der Überschrift „Die Habermas-Diktatur“ berichtet. Habermas hatte in der September-Ausgabe der „Blätter für deutsche und internationale Politik“ den Aufsatz „Corona und der Schutz des Lebens – zur Grundrechtsdebatte in der pandemischen Ausnahmesituation“ veröffentlicht. Habermas verfolge die Hypothese, „dass der Staat gerade dann die Verfassung missachtet, wenn er nicht mit aller Konsequenz gegen Corona kämpft“. Die Politik dürfe keine Maßnahme unterlassen, wenn diese dazu geeignet sei, auch nur eine einzige Corona-Infektion zu verhindern. „Diese These ist eine Bombe“, schreibt Rosenfelder, „und dass sie noch nicht hochgegangen ist, kann man sich nur mit dem staubtrockenen, sparsam ironischen Stil erklären, für den Jürgen Habermas berühmt ist. Habermas entwirft in den „Blättern“, einst das Leitmedium der 1968er-Bewegung, nicht weniger als den totalen Corona-Staat – ein rechtliches Monstrum, das in seiner Allgewalt, wenn man Habermas beim Wort nimmt, jedes No-Covid-Regime von China bis Australien in den Schatten stellt. (…)  Wenn man voraussetzt, dass jeder Staat, den wir aus Geschichte und Gegenwart kennen, immerzu und fast überall zahllose Infektionen – und auch die daraus resultierenden Todesfälle – in Kauf nimmt, dann kommt diese Forderung einer Revolution des Staatsbegriffs gleich. (…) Die Ahnungslosigkeit, die Habermas bei der konkreten Materie seines Aufsatzes an den Tag legt, ist frappierend. So behauptet er, der ‚Kampf‘ Europas ‚gegen das Virus als gemeinsamen Gegner‘ dauere ‚bis zum Zeitpunkt der – letztlich nur durch Impfung erreichbaren – Herdenimmunität‘. Wer im September 2021 noch annimmt, eine Herdenimmunität sei durch Impfung zu erreichen, hat im Sommer wohl nicht gründlich Zeitungen gelesen – sonst hätte er davon Kenntnis nehmen können, dass die hohe Zahl von Impfdurchbrüchen in Israel, England oder den Vereinigten Staaten diese Idee längst diskreditiert hat. Leider sorgt diese grobe Fehlannahme für einen vielsagenden Kollateralschaden im Theoriegebäude: Ein pandemischer Kriegszustand, der erst mit einer durch Impfung erreichten Herdenimmunität endet, muss ewig währen.“ Andreas Rosenfelder geht mit Habermas auf brillante Weise noch weiter ins Gericht – sein Fazit am Schluss: „Jürgen Habermas, einst ein Meisterdenker der liberalen Öffentlichkeit, malt in seinem Elfenbeinturm einen Staat an die Wand, der sogar die Fantasien der teuflischsten Corona-Leugner verblassen lässt. Sein biopolitischer Leviathan kann zum Zweck der Infektionskontrolle jedwede Freiheit einschränken, immer und überall, ohne Bedingungen und ohne Maß. Wer darin nicht den Schattenriss der Diktatur erkennt, der ist wohl nicht mehr zu retten.“

Deutlich im Kontrast dazu steht die Stellungnahme eines weiteren Philosophen. In der Berliner Zeitung fordert Michael Andrick die Einrichtung eines ‚Untersuchungsausschusses Corona‘ und dessen kritische öffentliche Begleitung. Nur dadurch ließe sich die Gewaltenteilung in Deutschland rehabilitieren, denn: „Obwohl es von Anfang an fachkundige Stimmen gab, die für Deutschland auf Mäßigung und weitgehende Entwarnung drangen, wurde die deutsche Pandemiepolitik auf Angstmache und somit auf Betäubung der Reflektionsfähigkeit gebaut. Diese Politik war von Beginn an im Wortsinne unverantwortbar. (…) Wussten wir wirklich nicht, dass Kinder missbräuchlicher Eltern diesen bei Schulschließungen schutzlos ausgeliefert sind? Dass das Ausschalten der Mimik durch Masken auf Kinderseelen deprimierend wirkt? Das wussten wir, und ich war fassungslos ob dieser staatlichen Kindswohlschädigung und ihrer breiten Hinnahme als angeblich ‚notwendig‘. Wussten wir wirklich nicht, dass die Isolierung Hochbetagter auch gegen ihren Willen ein Menschenrechtsverstoß und oft lebensverkürzend ist? Wir wussten das, und ich war fassungslos ob dieser staatlichen Brutalität und ihrer breiten Hinnahme als angeblich ‚notwendig‘. Wussten wir wirklich nicht, dass der Kundenstamm vieler Freiberufler einfach weg ist nach monatelangem Berufsverbot – die wirtschaftliche Existenz vernichtet, das Lebenswerk zerstört, die Depression quasi abonniert? (…) Das alles und mehr wussten wir, niemand kann ehrlich auf Ahnungslosigkeit plädieren. Nur im Trommelfeuer der Angstpropaganda, die unser Staat bis heute auf löchrig-inkonsistenter Datengrundlage betreibt und die von den Leitmedien lange unkritisch durchgereicht wurde, konnten wir so einfache Tatschen jemals ‚vergessen‘. Nur unter der Angstglocke konnten wir nicht vor uns selbst erschrecken.“

Komme der von ihm geforderte Untersuchungsausschuss nicht, „hätten wir als Bürger eine bittere Lektion zu lernen: Wir müssten dann erkennen, in unserer aktuellen Ordnung einem Netzwerk von Parteifunktionären und regierungshörigen Leitmedien ausgeliefert zu sein. (…) Es gibt für uns kein Leben in Würde ohne diese Pflicht der Regierung, ohne diese kollektive Bemühung um Wahrhaftigkeit.“

zurück zur Übersicht

Die Causa Kimmich

Ein Bekenntnis und seine Folgen

Es war wieder mal die BILD, die als erste wusste, dass der Fußball-Nationalspieler Joshua Kimmich vom FC Bayern München nicht gegen Corona geimpft ist, wie die SZ berichtet. In einem Interview mit dem Fernsehsender Sky nach dem Bundesliga-Spiel am 23. Oktober hatte er das dann auch offiziell bestätigt. Deshalb sei er weder Corona-Leugner noch Impfgegner, er halte sich auch an die Hygieneregeln und teste sich regelmäßig. Er habe einfach „persönlich noch ein paar Bedenken, gerade was fehlende Langzeitstudien betrifft“. Dass er sich später noch impfen lasse, schloss er nicht aus.

Kimmich trat damit eine Lawine an Kommentaren los, die allesamt zum Ziel hatten, den vorbildlichen Fußball-Star zu demontieren, unglaubwürdig zu machen, in die Ecke zu stellen, zu erziehen, zu ermahnen, zu umschmeicheln – in jedem Fall aber: zum Impfen zu bewegen. Hier eine kleine Auswahl: „Als Botschaft fatal“ schrieb die SZ, er sei ein „Trittbrettfahrer“ und agiere „auf Kosten seiner Teamkollegen – denn wenn er positiv ist, muss er 14 Tage lang in Quarantäne“ und vor einem schweren Verlauf sei auch er nicht gefeit; „Es ist nicht gut, dass er nicht geimpft ist“, monierte Karl Lauterbach im SPIEGEL; „Es wäre besser, wenn Kimmich geimpft wäre“, zitiert die WELT den früheren Bayern München-Chef und Nationalspieler Karl-Heinz Rummenigge. Fußball-Legende Paul Breitner hat „null Verständnis“ für Kimmich, schreibt der SPIEGEL: „Für mich gibt es nur die Richtung, sich impfen zu lassen.“ Und interpretierte gleich noch die Äußerung von Fußball-Trainer Jürgen Klopp, der gesagt hatte, die Verweigerung der Corona-Impfung sei wie sich alkoholisiert ans Steuer zu setzen: „Er meinte damit und hätte vielleicht auch sagen können: Sich nicht impfen zu lassen ist potenzielle, vorsätzliche Körperverletzung.“ Der Deutschlandfunk kommentiert: „Statt Vorbild für eine solidarische Jugend zu sein“, habe Kimmich „sich für die Seite der Wissenschaftsleugner entschieden“. Er stehe „im Kulturkampf ums Impfen auf der falschen Seite“. Und der frühere Chefredakteur und Leiter des ARD-Hauptstadtstudios Berlin Ulrich Deppendorf schreibt auf Twitter: „Warum spielt der ungeimpfte Joshua Kimmich eigentlich noch in der Mannschaft von Bayern München? Bis zur Impfung sollte er nicht mehr aufgestellt werden. Was ist den Bayern-Verantwortlichen wichtiger, Vorbild oder Profit? Eher wohl letzteres.“

Auch die Politik mischte sich ein. Bundestagspräsidentin Bärbel Bas bot Kimmich an, sich mal auf einen Kaffee zu treffen, damit sie ihm persönlich sagen könne: „Trotz millionenfacher Impfungen gibt es keine Hinweise, die auf Langzeitschäden hindeuten.“ Kimmich sei „schlecht beraten“ worden und „einer Falschinformation aufgesessen“, sagte Ethikrats-Vorsitzende Alena Buyx dem ZDF. Skeptiker könnten seine Aussagen benutzen, um „Zweifel über die Impfung zu streuen“. Es sei ein „Irrglaube“, dass es nach einer Corona-Impfung zu Langzeitfolgen kommen könne. Und: „Die Pandemie ist noch nicht vorbei und Kimmich als jemand, der im Rampenlicht steht, ist dabei wichtig.“ Sollte er sich doch impfen lassen, könne das „einen Ruck geben“. Kimmich war Thema auf der Bundespressekonferenz, und selbst Angela Merkel persönlich fühlte sich berufen, etwas zur Causa Kimmich zu sagen. Im Rahmen eines Interviews mit der FAZ meinte sie, es gebe „ja sehr gute Sachargumente, die allgemein verfügbar sind. Vielleicht macht sich Joshua Kimmich darüber ja auch noch Gedanken.“

Zum wichtigsten Argument Kimmichs – fehlende Langzeitstudien – fahren die Medien als Gegenpart namhafte Wissenschaftler auf. Die SZ zitiert den Chef des Paul Ehrlich-Instituts (PEI) Klaus Cichutek, der sagt, dass „Langzeitnebenwirkungen, die erst nach Jahren auftreten, bei Impfstoffen generell nicht bekannt“ sind. Obwohl bei den Corona-Impfstoffen naturgemäß Langzeitdaten fehlen, seien „Langzeitfolgen nicht zu befürchten“, meint das Nachrichtenportal t-online.de, denn, so PEI-Sprecherin Susanne Stöcker, „häufig werde mit ‚Langzeitfolgen‘ bezeichnet, was eigentlich sehr seltene Nebenwirkungen seien.“ Und im ZDF-Interview legte Stöcker noch nach: „Langzeitnebenwirkungen, die erst nach Jahren auftreten, sind bei Impfstoffen generell nicht bekannt.“ Kimmichs Annahme beruhe „auf einem Missverständnis“ schreibt der SPIEGEL und zitiert noch einmal Cichutek: Man wisse „aus jahrzehntelanger Erfahrung, dass die meisten Nebenwirkungen innerhalb von Stunden oder Tagen auftreten“. Und holt zusätzlich noch den Würzburger Virologen Lars Dölken mit ins Boot, der sagt: „Alles, was jetzt noch entdeckt werden sollte, muss wirklich extrem selten sein und spielt im Vergleich zu den Risiken von Corona einfach keine Rolle. (…) Von den mRNA-Impfstoffen von Biontech und Moderna ist sechs Monate nach Impfung ganz sicher kein einziges Molekül mehr im Körper vorhanden. Probleme durch die Impfung, die dann noch neu auftreten, wären also quasi homöopathische Nebenwirkungen.“ In der WELT kommt der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Carsten Watzl, zu Wort: „Was offensichtlich viele Menschen unter Langzeitfolgen verstehen, nämlich dass heute geimpft werde und nächstes Jahr eine Nebenwirkung auftritt, das gibt es nicht, hat es noch nie gegeben und wird auch bei der Covid-19-Impfung nicht auftreten.“ Vielleicht sollten sie alle erst einmal das Video des Kinder- und Jugendarztes und ausgewiesenen Impfexperten Steffen Rabe anschauen: „Langzeitnebenwirkungen – ein Einwurf vom Spielfeldrand“.

Eines der wenigen Medien, die Öl auf die Wogen der Empörung gossen, war wieder mal die NZZ. Marc Felix Serrao, Chefredakteur der NZZ Deutschland, kommentierte dort über den Wandel von Kimmich vom Vorbild zum „nationalen Sorgenkind“: „Es ist wichtig, was Virologen und Pharmakologen über die Corona-Impfung sagen. Es ist egal, was der Fußballspieler Kimmich dazu sagt. (…) Schlecht beraten sind politisch bestellte Ethik-Erklärer und Regierungssprecher, die sich anmaßen, Privatpersonen für privateste Entscheidungen öffentlich zu rüffeln.“

Anna Schneider kommentiert in der WELT: „Was sich dieser Tage rund um die Entscheidung des Fußball-Nationalspielers Joshua Kimmich, sich (noch) nicht impfen zu lassen, in der öffentlichen Debatte abgespielt hat, ist gelinde gesagt unerträglich. Der Körper eines Menschen gehört niemandem außer diesem selbst. Diese Linie ist dunkelrot. Um es mit Jesus zu sagen: noli me tangere. Oder auch: Fass mich nicht an. (…) Das Ablehnen der individuellen Freiheit in diesem Zusammenhang und das Heraufbeschwören des pseudo-erhabenen Begriffs der Haltung ist sogar noch ein bisschen falscher als der Rest, denn nichts kann die individuelle Freiheit mehr betreffen als ein körperlicher Eingriff, nichts ist an dieser Stelle unpassender als die Moralkeule der Haltung zu schwingen, um mündige Entscheidungen abzuqualifizieren und so ins Abseits zu stellen. (…) Das Private ist eben nicht politisch, das Private ist privat, sonst bedürfte es auch keiner unterschiedlichen Begriffe. Wer das negiert, übersieht zwangsläufig, dass diese Politisierung der innersten Privatsphäre einzelner Bürger eine Lust an der Übergriffigkeit von Seiten des Staates und Teilen der Gesellschaft offenbart, die einer liberalen Demokratie unwürdig ist.“

Die Berliner Zeitung machte zu dem Thema ein ausführliches Pro und Contra. Darin meint Milosz Matuschek: „Joshua Kimmich steht am Pranger wie im Mittelalter!“: „Was hier an Kimmich durchexerziert wird, ist verachtenswert und widerlich. Es ist der nächste Tiefpunkt eines freidrehenden Covid-Kultes, der sich als ‚Team Vorsicht‘ tarnt und ein kollektives Gruppenkuscheln als Gesundheitsschutz ausgibt.“ Demgegenüber sagt Sören Kittel: „Regt Euch ab: Joshua Kimmich steht nicht am Pranger, er soll bloß nachdenken“: „Niemand wird hier ‚gecancelt‘. Im Gegenteil, hier wird viel zu viel Platz eingeräumt für eine Position, die mit falschen Zahlen arbeitet, aber mit Ängsten spielt. (…) Er (Kimmich) wolle nur Fragen stellen, heißt es. Er hat nun Antwort bekommen – und sollte danach handeln.“

Aber Kimmich steht nicht allein im Kreuzfeuer. Jede:r Prominente, die/der sich dazu bekennt, mit dem Impfen erstmal noch abwarten zu wollen, wird heftig in die Mangel genommen. Das musste jüngst Sahra Wagenknecht erfahren, die bei Anne Will saß und sich nicht gegen das Impfen aussprach, aber doch für sich in Anspruch nahm, sich erstmal nicht impfen zu lassen – jedenfalls nicht mit einem der Impfstoffe, die bisher zur Verfügung stehen. Das musste auch Richard David Precht erleben, der in seinem (übrigens sehr hörenswerten) Podcast mit Markus Lanz bekannt hatte, er würde „Kinder niemals impfen lassen“ (gemeint war nur die Impfung gegen Covid-19): „Ein im Aufbau befindliches Immunsystem mit diesem Impfstoff zu bearbeiten – das würde ich nicht tun. Der Staat habe kein Recht, eine Impfung einzufordern. Jeder müsse das selbst entscheiden können, „ohne dass ein gesellschaftlicher Druck aufgebaut wird. (…) Es ist nicht Aufgabe des Staates, jedermanns Krankheitsrisiko auszuschließen.“ Das verleitete Marco Evers, Redakteur im Wissenschaftsressort des SPIEGEL zu der Frage: „Wer ist Dr. Wirrkopf und wenn ja, wie viele wirklich?“ (in Anspielung auf Prechts Bestseller „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“). Precht sei „intellektuell abgestürzt und schwadroniert nun beim Coronathema auf ‚Querdenker‘-Niveau. Weil viele Menschen ihn für klug halten, ist das eine Gefahr.“ Der „fesche TV-Star“ und „intellektuelle Scheinriese“ erzähle „inzwischen gedanklich ungefilterten Unsinn, der nicht nur ärgerlich sein kann, sondern sogar gefährlich.“

Dagegen wendet sich die WELT und schreibt: Noch sei die Meinungsfreiheit gegeben – solange sowohl Wagenknecht als auch Kimmich und Precht sich überhaupt offen äußern können, herrsche Meinungsvielfalt. Aber man müsse sogleich hinzufügen: „Noch ist das so. Die Meinungsfreiheit, auch das zeigen die letzten Tage, ist in Gefahr wie nie zuvor. (…) Das Problem ist, dass in diesen Diskussionen immer unverhohlener gefordert wird, Meinungen, die einer Corona-Schutzimpfung in irgendeiner Weise kritisch gegenüberstehen, aus der öffentlichen Diskussion auszuschließen. Kai Gehring, grüner Bundestagsabgeordneter, fragt etwa nach einer angeblichen Mitverantwortung von Anne Will, weil sie ‚Wagenknecht wieder mal ein Forum in ihrer Sendung bietet‘ und selbst die FDP-Landtagsabgeordnete Franziska Müller-Rech fragt: ‚Warum kriegt Sahra #Wagenknecht bei @AnneWillTalk so viel Schwurbelbühne?!‘ (…) Für die Meinungsfreiheit ist wichtig, dass jede Meinung geäußert werden kann, egal, wie gut sie mit wissenschaftlichen Fakten übereinstimmt. Wissenschaft muss mit Argumenten und Beobachtungen überzeugen, sie darf nicht als Waffe zum Ausschluss abweichender Ansichten missbraucht werden.“

Auch Paul Ronzheimer forderte in der BILD: „Schluss mit dem Impf-Mobbing!“ Es müsse „einem angst und bange werden um die Meinungsfreiheit in Deutschland“: „Wer Kimmich, Precht oder Wagenknecht in den sozialen Medien verteidigt, wird als Impf-Gegner und Corona-Leugner beschimpft. Jeder muss sich vorm Mob rechtfertigen, ob er selbst denn geimpft sei (ja, bin ich – und jetzt?). (…) Die Ampel-Parteien stellen zwar noch nicht die Regierung, haben aber die Mehrheit im Bundestag. Sie müssen die Diskriminierung der Ungeimpften beenden, die aus dem Kanzleramt betrieben wird.“

zurück zur Übersicht

2G und Boostern

Das Impfen als alleinige Rettung?

Währenddessen greift 2G immer weiter Raum. Der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, plädiert im ZDF-Morgenmagazin „für 2G in größeren Teilen gemeinsamen Lebens, z. B. im Museum oder in der Gastronomie, und für 3G am Arbeitsplatz“ und verspricht sich davon „einen zusätzlichen Impfanreiz.“ Angesichts steigender Corona-Inzidenzen fordere auch Angela Merkel „stärkere Kontrollen der sogenannten 3G-Regelung und hält weitere Einschränkungen für Nicht-Geimpfte für denkbar“, meldet die WELT. Regierungssprecher Steffen Seibert habe in der Bundespressekonferenz mitgeteilt, „wenn sich die pandemische Lage weiter zuspitze, seien weitere Beschränkungen nur bei Nicht-Geimpften möglich. ‚Das führt dann logisch zur 2G-Regel‘, sagte Seibert. Einige Bundesländer würden über diese Ausweitung nachdenken, das habe eine gewisse Logik, sagte Seibert.“

Die meisten Theater und Konzerthäuser haben 2G ohnehin schon zur Regel gemacht, wogegen sich das Netzwerk Musik in Freiheit mit einem eindrücklichen Manifest wendet. Darin heißt es u.a.: „Unser Schaffen als Musiker basiert auf universellen und grundlegenden Werten wie gegenseitigem Respekt, Empathie, Mitgefühl und Toleranz. Wir sehen jeden Menschen als einzigartiges Individuum, das auf Grundlage seiner Lebenserfahrung eigenverantwortliche Entscheidungen trifft. Musik kann ihre Kraft nur dann entfalten, wenn alle Menschen freien Zugang zu Konzertveranstaltungen haben, unabhängig von Bedingungen und Einschränkungen; jeder Einzelne frei entscheiden kann, unter welchen Umständen ein Konzertbesuch verantwortungsvoll möglich ist; Künstler ihre Kunst ungehindert ausüben können. (...) Mit den aktuellen Maßnahmen und Regeln verbreitet sich darüber hinaus in unseren Augen ein Menschenbild, das jeden Mitmenschen als einen potenziellen Gefährder ansieht. Dieser Angriff auf die Würde des Menschen ist gesellschaftszersetzend – nicht nur räumlich, sondern auch rechtlich, persönlich und emotional. (...) Wir Musiker fordern hiermit, der Musik und der Kunst im direkten Austausch mit allen Menschen ihren dringend notwendigen, gewohnten, diskriminierungsfreien und freiheitlichen Raum zurückzugeben. Wir erkennen, dass uns allen eine der wichtigsten Quellen für Lebenskraft genommen wird. Wir Musiker stehen ein für Musik in Freiheit!"

Inzwischen gehen auch Arzt- und Therapiepraxen mehr und mehr dazu über, ungeimpfte Patient:innen abzuweisen, wie die WELT berichtet. Da nutzt es auch wenig, wenn das Bundesgesundheitsministerium betont: „Vertragsärzte sind verpflichtet, Patientinnen und Patienten zu behandeln. Die Behandlung dürfen sie nicht von der Einhaltung der 3G-Regel abhängig machen.“ Das berge „rechtliche Gefahren“, meldet auch die Ärztezeitung: „Die Behandlung gesetzlich Versicherter kann rechtssicher nicht davon abhängig gemacht werden, dass sie 3G einhalten. Bei Unterlassung einer Untersuchung oder Behandlung drohen neben disziplinarrechtlichen auch strafrechtliche Konsequenzen – etwa als unterlassene Hilfeleistung (§ 232c StGB) – und danach auch Schadensersatzansprüche. Vertretbar dürfte es jedoch sein, Patienten, die 3G nicht erfüllen, gesonderte Sprechzeiten anzubieten und im Übrigen an der bereits praktizierten Strategie festzuhalten, Tests anzubieten. Hierbei dürfte die Erreichbarkeit gemäß Versorgungsauftrag durch ausreichend Sprechstunden sicherzustellen sein.“

Auch in Firmen und im öffentlichen Raum greift eine Art Impf-Apartheid um sich: „Bayer trennt Geimpfte von Ungeimpften“ und führt „Extra-Bereiche in der Kantine“ ein, wie n-tv meldet. Firmenintern trennen sich beim Leverkusener Chemiekonzern inzwischen Mitarbeiter:innen von selbst bei Arbeitsgruppen oder Meetings in Geimpfte und Ungeimpfte.

Berlins Noch-Bürgermeister Michael Müller prüfe derzeit ein neues Corona-Regime, schreibt Thomas Vitzthum in der WELT: Bei bestimmten Anlässen – Clubnächte, volle Stadien, Großveranstaltungen – sollen sich auch Geimpfte und Genesene verpflichten testen lassen müssen. Ein „Modell 2G-plus“ gewissermaßen: „Heißt eigentlich auch: Doppelt oder bald dreifach geimpfte Besucher der Berliner Philharmoniker – immerhin passen in die Philharmonie 2250 Besucher – müssten vorher zu einem Testzentrum, um dann unter Aufrechterhaltung der Maskenpflicht am Platz Musik hören zu können. Dann will man es wohl lieber ganz lassen – und es hat den Anschein, als sei das das Ziel der Berliner Politik.“ Der 2G-Plus-Plan sei ein Skandal und „entlarvt alle Versprechungen, wonach mit dem Impfen die Freiheit zurückkehrt, wonach Geimpfte keine Einschränkungen mehr hinzunehmen haben, als Lüge. Er desavouiert damit das Vertrauen der Geimpften und Genesenen in den Staat. Reicht es nicht, dass viel Ungeimpfte mit dem Staat hadern? (…) Man müsste schon eine Art Kondom gegen Corona entwickeln, um den Maßnahmen-Katalog noch substanziell zu erweitern. Und selbst Kondome schützen nicht zu 100 Prozent gegen HIV, das tat lange nur die Enthaltsamkeit. Bei Corona wäre das die Einsamkeit. (…) Test sind keine Lappalie, auch Masken und Abstand sind es nicht. Es sind substanzielle Eingriffe in die Freiheit, in den menschlichen Wunsch nach Spontaneität, nach Wiedererkennbarkeit, nach Nähe. Wer dies wie der Berliner Senat mit 2G-Plus negiert, der gibt der Corona-Pandemie eine Ewigkeitsgarantie, der reduziert das Jahr auf ein paar schöne Monate zwischen Mai und September. Denn der nächste Winter kommt immer verlässlich – und damit die nächste Corona-Welle.“

Die Uni Hannover hat ihre eigenen Verhaltensanweisungen für die Benutzung von Treppenhäusern erlassen, wie aus einem Tweet von Christian von Coelln hervorgeht, der das fotografisch dokumentiert hat. Auf dem Schild ist zu lesen: „Der Treppenaufgang darf in beide Richtungen genutzt werden, eine Absprache der Anwesenden ist notwendig. Das aneinander vorbeigehen muss auf dem Podest stattfinden. Eine Person stellt sich dicht in eine Ecke, Gesicht zur Wand, die andere Person geht eng am Geländer vorbei.“

„Auch Ungeimpfte haben Grundrechte“ meint der Chirurg und Publizist Bernd Hontschik in der Frankfurter Rundschau (FR): „Ungeimpfte werden auf dem Weg zur Herdenimmunität inzwischen mit allen Mitteln ins Impfgatter getrieben, mit 2G statt 3G, mit dem Ende kostenloser Tests, mit der Verweigerung von Arztterminen, mit der Abschaffung der Quarantäne-Lohnfortzahlung, mit dem Impfzwang an immer mehr Arbeitsplätzen. Berichte über erschöpftes Pflegepersonal, das zunehmend aggressiv auf Ungeimpfte reagiert, tun ein Übriges – auch wenn das eher mit der katastrophalen Personalnot zusammenhängt als nur mit der Schwere der Arbeit.“ Wenn man „Ungeimpfte, also ‚Ungehorsame‘, ihrem Schicksal“ überlasse, „ohne medizinischen Beistand“, sei das „ein Angriff auf die Grundlagen unseres Zusammenlebens. Und es ist eine Attacke auf die Menschenwürde.“

Das erscheint umso bedeutsamer, als „G nicht gleich G“ zu sein scheint, wie Elke Bodderas in der WELT berichtet. Gemeint sind damit die Genesenen, über die ohnehin kaum jemand spricht: „Es sind mehr als 4,3 Millionen, das RKI zählt gegenwärtig exakt 4.310.273 Männer und Frauen. Das ist die offizielle, gesicherte Ziffer. Tatsächlich dürfte es sich mit Dunkelziffer um mindestens acht Millionen in Deutschland handeln, die unter einer Pandemie-Schikane leiden, deren Ursprung Ängstlichkeit ist, Achselzucken oder irgendetwas zwischen Unwissenheit und Ignoranz. (…) Gegen jede politische Logik und gegen alle wissenschaftliche Erkenntnis sehen sich Corona-Genesene benachteiligt. Ihre Corona-Maßnahmen, ihre gekürzten Privilegien sehen danach aus, als handele es sich im Vergleich zur Impfung um eine Immunität zweiter Klasse. (…) Das volle Programm an Privilegien, Freiheiten, Erleichterungen, das Geimpften gebührt, enthalten Behörden und politische Entscheider den Genesenen vor. Das beginnt damit, dass viele Genesene Mühe haben, ihren Status zu beweisen – und es endet mit einer Verordnung, die die Immunität nach sechs Monaten aberkennt. Danach bleibt nur noch ein Schwabenstreich: Die immunologisch denkbar Bestgeschützten müssen sich impfen lassen. Wissenschaftlich begründet ist die Verordnung nicht.“ Trotzdem laufe „alle politische Strategie für Genesene auf einen nachdrücklichen Schubs zum Impfarzt hinaus.“ Denn anders als bei jeder anderen Infektion wie Masern, Röteln oder Mumps, reiche ein Antikörpertest nicht aus, um als genesen zu gelten: „Laut ‚Covid-19-Schutzmaßnahmenverordnung‘ vom 8. Mai 2021 muss der Nachweis durch einen PCR-Test zum Zeitpunkt der Infektion erfolgen, so das Gesundheitsministerium. Wer diesen Zeitpunkt verpasst, hat Pech gehabt.“ Dafür brauchen Genesene mit durch PCR-Test nachgewiesener Infektion nach einem halben Jahr nur eine Impfung (nicht zwei), um als „geimpft“ zu gelten. Ob diese Impfung tatsächlich etwas nützt, ist allerdings nicht erwiesen. 

Dafür wird jetzt umso mehr für die Booster-Impfungen geworben. „Booster-Impfung bringt hohen Schutz“ wirbt der SPIEGEL. „Der Schutz steigt um weitere 95 Prozent.“ Auch aerzteblatt.de schreibt: „Dritte Impfung von Biontech zeigt laut Studie hohe Wirksamkeit.“ Es sind Angaben, die lediglich auf einer Pressemitteilung von Biontech/Pfizer beruhen, nicht auf einer überprüfbaren Studien-Veröffentlichung. Vielleicht geschieht das nicht ohne Grund, denn ein Whistleblower hat jetzt offenbart, dass es bei den Zulassungsstudien nicht immer ganz sauber zugegangen ist, wie das angesehene Fachblatt British Medical Journal (BMJ) berichtet. Darin heißt es: „Die Enthüllungen über mangelhafte Praktiken bei einem Auftragsforschungsunternehmen, das an der Durchführung der entscheidenden Covid-19-Impfstoffstudie von Pfizer beteiligt war, werfen Fragen zur Datenintegrität und behördlichen Aufsicht auf. Ein Regionaldirektor, der bei der Forschungsorganisation Ventavia Research Group beschäftigt war, hat gegenüber BMJ erklärt, das Unternehmen habe Daten gefälscht, Patienten entblindet, unzureichend geschulte Impfärzte eingesetzt und unerwünschte Ereignisse, die im Rahmen der zulassungsrelevanten Phase-III-Studie von Pfizer gemeldet wurden, nur zögerlich verfolgt.“ Es habe gravierende Mängel gegeben, z. B. seien Studienteilnehmer nicht überwacht, unerwünschte Wirkungen nicht weiterverfolgt, Protokollabweichungen nicht gemeldet, Laborproben falsch etikettiert, Impfstoffe nicht sachgerecht gelagert und Mitarbeiter, die diese Probleme meldeten, gezielt angegriffen worden. Das hat jetzt die Pharmazeutische Zeitung aufgegriffen und meldet „Schlamperei bei Comirnaty-Zulassungsstudie“ und schreibt in einem Kommentar, das Signal, das von diesem Bericht ausgehe, sei „sehr ungut“. „Zwar richten sich die Vorwürfe nicht gegen Pfizer und Biontech direkt, sondern gegen den Subunternehmer Ventavia. Doch muss die Art und Weise, wie mit der immerhin offiziell an die FDA gerichteten Beschwerde Jacksons (nicht) umgegangen wurde, nachdenklich stimmen.“

All dieser Dinge ungeachtet möchte Noch-Gesundheitsminister Jens Spahn „möglichst viele Menschen von einer Auffrischimpfung überzeugen“ und dafür die Impfzentren wieder öffnen, wie die WELT berichtet. Aus den Bundesländern gab es dagegen massiven Widerspruch – denn so einfach lässt es sich nicht gestalten, die gerade erst geschlossenen Impfzentren wiederzubeleben. Auch wehren sich die Hausärzte dagegen, dass ihnen das Impfen jetzt wieder aus der Hand genommen wird: „Die aktuelle ‚Freibier-Stimmung’ überrascht mich doch sehr“, sagt der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt. „Alle Impfzentren aufmachen, Booster-Impfungen ohne Altersbeschränkung – wissenschaftliche und medizinische Kenntnisse und die Erfahrungen der vergangenen Monate werden dabei vom Tisch gewischt. Er sehe keinen Grund, warum die Praxen, die ‚schließlich den Impfturbo gezündet haben‘, die Booster-Impfungen nicht leisten können sollten – wenn ihnen keine Steine in den Weg gelegt werden.“

Auch die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) hisst in Sachen Booster-Impfungen die rote Flagge, wie Reuters berichtet – zumindest was den Impfstoff von Johnson&Johnson betrifft.  

Dass Drittimpfungen sinnvoll seien, hält der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, in einem Interview mit dem Weser-Kurier „für bisher durch die Datenlage nicht gedeckt“. Man solle sich stattdessen an die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) halten, die eine Booster-Impfung derzeit bei über 70-Jährigen, Vorerkrankten und mit ihnen in Kontakt kommenden Gesundheitsberufe empfiehlt. Für die Normalbevölkerung sei die dritte Impfung nach jetziger Lage dagegen nicht erforderlich. Für die Booster-Impfungen seien „die Praxen der richtige Ort“. Und in der Bundespressekonferenz fügte Gassen, wie die WELT  berichtet, noch hinzu: „Wir würden einfach ganz gerne unsere Arbeit machen, ohne Bauchevidenz in der Politik. Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht.“ Man werde nicht jeden individuellen Tod beispielsweise in Pflegeheimen verhindern können. „Die Antwort muss man auch mal geben. Es werden so oder so auch Menschen an Corona sterben, auch wenn manchmal ein anderer Eindruck erweckt wird.“

Dass der Schutz vor schweren Verläufen mit der Zeit nachlässt, ist allerdings nicht mehr von der Hand zu weisen, wie eine Studie aus Israel zeigt, die im New England Journal of Medicine publiziert wurde. Dabei spielt offenbar der Abstand zur zweiten Impfdosis eine Rolle, der vor allem bei den über 40-Jährigen offenbar kürzer ist, wenn zwischen erster und zweiter Impfung nur drei statt – wie hierzulande üblich – sechs Wochen liegen. Für die 16- bis 39-Jährigen ließ sich das nicht bestätigen. Und auch eine schwedische Studie, die als Preprint im Fachblatt The Lancet veröffentlicht wurde, findet bei Älteren, Vorerkrankten und Männern eine nachlassende Schutzwirkung für schwere Verläufe, wenn die zweite Impfung mehr als neun Monate zurückliegt.

Und auch in Israel selbst regt sich Widerspruch gegen die dortige Corona-Politik, die längst nicht so erfolgreich zu sein scheint, wie sie immer dargestellt wird. So berichtet Israel heute über Raya Liebowitz, Leiterin der Onkologie am Shamir Medical Center und Mitglied der Medizinischen Fakultät an der Universität Tel Aviv. Sie sagt, das der Pfizer-Impfstoff weder die vierte Corona-Welle gestoppt und auch der "grüne Pass" – in Israel Nachweis des Geimpftseins und somit die Eintrittskarte für das öffentliche Leben – die Ausbreitung nicht verhindert habe, weil eben auch Geimpfte das Virus verbreiten: „Wenn überhaupt, dann haben diese Maßnahmen die Krise verschlimmert. (...) Die Ärztin wies darauf hin, dass der Covid-19-Impfstoff die mit Coronavirus-Infektionen verbundenen schweren Nebenwirkungen verringern kann und daher älteren Menschen und Personen mit Vorerkrankungen verabreicht werden sollte. Sie betonte jedoch, das 'das Toxizitäts-Nutzen-Verhältnis bei jungen Erwachsenen noch nicht geklärt ist und Menschen nicht unter Druck gesetzt werden sollten, den Impfstoff zu nehmen, geschweige denn sich dazu gezwungen fühlen sollten.' Das Programm des Grünen Passes zielt jedoch genau darauf ab, die Israelis zur Impfung zu zwingen." 

Währenddessen hat die Uniklinik Münster die Auffrischimpfungen für die dort Beschäftigten gestoppt, wie Antenne Münster am 29. Oktober meldet, denn es habe „ungewöhnlich viele Impfreaktionen“ gegeben: „Erst heute morgen hatte das UKM mitgeteilt, dass allen 11.000 Mitarbeitenden bis Ende des Jahres ein Angebot für die sogenannte Booster-Impfung gemacht werde. Das sei auch weiterhin das Ziel, so die Sprecherin. Der vorübergehende Stopp gelte insbesondere dem Pflegepersonal der Intensivstationen. Man habe befürchten müssen, dass wegen der Impfreaktionen jetzt am langen Wochenende mehr Personal ausfalle als die Dienstpläne vertragen.“

Gerade bei jungen Menschen ist weiterhin Vorsicht geboten, denn es gibt neue Daten zu Herzmuskelentzündungen bei jungen Männern, wie das Arznei-Telegramm berichtet. Das Risiko dafür liege „für 16- bis 17-jährige junge Männer bei 1:5.000“ und sei damit „fast dreimal so hoch wie die aus Verdachtsberichten nach der zweiten Dosis abgeleitete Melderate von 1:14.000.“ Das Arzneitelegramm bezieht sich auf eine Studie aus Israel: „Klinisch werden die Erkrankungen bei 95% als mild eingestuft. Bei sieben Betroffenen (5%) wird der Verlauf als kompliziert beschrieben (…), darunter ein 22-jähriger Patient (Geschlecht nicht angegeben), der einen Tag nach Diagnose an fulminanter Myokarditis stirbt.“

Dass die Sorge vor unerwünschten Wirkungen auch bei Frauen nicht unbegründet ist, zeigt ein Bericht des britischen Health Advisory and Recovery Teams, der HART-Group. Sie kritisiert, dass die Belange von Frauen im gebärfähigen Alter „beiseite geschoben“ werden. Menschen, die Sicherheitsbedenken geäußert haben, seien verunglimpft und Warnungen vor Nebenwirkungen seien ignoriert worden: „Die Bedenken von Frauen im Zusammenhang mit der Menstruation wurden beiseite geschoben, und erst im letzten Monat wurde Geld für eine klinische Studie zugesagt, die untersuchen soll, wie lange es dauert, bis sich die Menstruation von Teenagern nach der Impfung wieder normalisiert.“ Befunde, die „nicht in das Narrativ von ‚sicher und wirksam‘ passen“, seien „einfach spurlos aus allen Medien und Forschungskanälen verschwunden.“ Und weiter heißt es in dem Papier: „Diese Zensur wissenschaftlicher Untersuchungen bei der Einführung einer brandneuen Biotechnologie ist ein sehr gefährliches Spiel. Wenn es der pharmazeutischen Industrie gelungen ist, sowohl die Medien als auch die Regulierungsbehörden in ihren Bann zu ziehen und über 18 Monate lang unerbittliche Propaganda zu betreiben, wer ist dann letztendlich für die Schäden verantwortlich, die dadurch verursacht werden können? Sicherlich nicht die Impfstoffhersteller, denen eine gesetzliche Entschädigung gewährt wurde. Mediziner in aller Welt sollten wegen des völligen Fehlens angemessener Sicherheitsstudien Alarm schlagen.“

Das erscheint umso begründeter, als gerade jüngst bekannt wurde, dass ein Kind aus dem Landkreis Cuxhaven zwei Tage nach der Impfung gestorben sei. „Erste Erkenntnisse deuten darauf hin, dass der Tod mit der Impfung zusammenhängen könnte“, meldet der NDR. „Weil in den sozialen Medien Gerüchte aufgekommen seien, mache der Landkreis den Fall jetzt öffentlich, sagte eine Sprecherin.“ Das Kind wurde jetzt im Rechtsmedizinischen Institut am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf obduziert. Der abschließende Bericht steht noch aus.

„Die Dunkelziffer bei den Impfschäden ist enorm hoch“, meint auch der Berliner Arzt Erich Freisleben in einem Interview mit Cicero online. Er plädiert dafür, die Frage, ob geimpft wird oder nicht, individuell abzuwägen: „Die Politisierung der Wissenschaft, wie wir sie derzeit erleben, bei der sehr viel Druck ausgeübt wird und bei der immer dieselben Wissenschaftler als Zeugen aufgerufen und Andersmeinende ins Aus gestellt werden – das alles wird einen gewaltigen Flurschaden hinterlassen, weil es letztendlich auf Dauer das Vertrauen der Menschen in die Wissenschaft, vor allem in Bezug auf Impfungen, massiv erschüttern wird. Mir liegt sehr daran, dass man die Wahrheit auf den Tisch legt. Selbst dann gibt es immer noch genügend gute Argumente für eine Impfung, aber Zweifel können durchaus berechtigt sein. (…) Ich habe bisher ungefähr 300 Covid-Fälle in meiner Praxis erlebt, habe durch schwere Krankheitsverläufe sechs Patienten verloren und in vier Fällen ein Monate währendes Long-Covid-Syndrom diagnostizieren müssen. Als Folge der umfangreicheren Anzahl von Corona-Impfungen starb ein zuvor weitgehend gesunder 62-Jähriger an einer Sinusvenenthrombose, verfolgte ich drei Lungenembolien, ein Guillain-Barré-Syndrom und registrierte 25 Fälle mit teils erheblichen, über Wochen bestehenden Nebenwirkungen. Symptome, die sehr häufig sind, sind etwa eine ungeheure Müdigkeit, untypische starke Kopfschmerzen bis hin zu neurologischen Phänomenen wie Nervenschmerzen, Lähmungen, Geschmacksstörungen, Lichtempfindlichkeit, oft Dinge, die auf eine Gehirnbeteiligung hinweisen. Die Beschwerden führten zwar nicht zwingend zu einem Krankenhaus-Aufenthalt, sie beeinträchtigten aber das Leben der Betroffenen oftmals stark. Die besagten fast 30 Fälle sind in Relation zu der Anzahl von 2.500 Patienten, die pro Quartal in meiner Praxis von zwei Ärzten behandelt werden und von denen vielleicht 60 Prozent geimpft sind, eine erstaunlich hohe Zahl.“ Er selbst melde alle Verdachtsfälle, aber das Verfahren sei aufwendig und zeitintensiv und lasse sich nur in der Freizeit erledigen. Die Dunkelziffer sei deshalb „enorm hoch“. Man hätte einen Großteil der Menschen auf Antikörper gegen endemische Corona-Viren testen lassen können. Ihr Vorhandensein gebe zwar keinen hundertprozentigen Schutz, mache aber schwere Krankheitsverläufe durch Covid-19 unwahrscheinlicher. „Diese Testmöglichkeit hätte man besonders jüngeren Menschen anbieten können und die Impfung vorrangig denen geben sollen, die weitgehend ungeschützt und insgesamt verletzlich sind. Der Bevölkerung wäre mit solch einem gezielteren, aber entspannteren Umgang ein Großteil der Ängste erspart geblieben. Dann wären wir, wie Schweden, schon längst aus der Pandemie draußen.“

zurück zur Übersicht

Zum Sehen, Hören, Lesen

Kultur für Herz, Geist und Sinne

November … Es wird kalt und nass und grau draußen. Dafür können wir es uns drinnen gemütlich machen – Zeit für wichtige Filme und gute Bücher. Hier ist eine Auswahl von Titeln, die wir Ihnen weiterempfehlen wollen.  

ZUM SEHEN

Ein Bett für die letzten guten Tage
„Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben“ – das ist das Motto, unter dem die englische Krankenschwester und Ärztin Cicely Saunders (1918-2005) die moderne Hospizbewegung und die Palliativmedizin begründet hat. Jetzt haben Caroline Haertel und Mirjana Momirovic für das ZDF und die Reihe „37 Grad“ eine sehr sehenswerte halbstündige Dokumentation über die Palliativmedizin gedreht. Denn der Satz, den Schwerstkranke so häufig hören, „Wir können leider nichts mehr für Sie tun“, den akzeptiert man in der Palliativmedizin nicht. Und das ist gut so. Der Film zeigt augenfällig, wie viel man für Menschen in ihren letzten Lebenstagen tun kann. Gedreht wurde auf der Palliativstation von Philipp von Trott im Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe in Berlin und bei der niedergelassenen Landärztin Sabine Drengenberg und ihrem ambulanten Palliative-Care-Team in Schleswig-Holstein. Ein berührender und gleichzeitig ermutigender Film. 
Die letzten guten Tage: Wie Palliativärzt:innen helfen, ZDF (bis 26. Oktober 2026 in der Mediathek)

Frauen in der Wissenschaft
Wie sehr „MeToo“ auch auf Frauen in der Wissenschaft zutrifft, ist noch ein gut gehütetes Tabu. Frauen werden von Männern auf Exkursionen bedrängt oder gemobbt, im Labor angetascht oder bei Beförderungen einfach übergangen. Nur selten wagen sich Frauen aus der Deckung und stellen den belästigenden Mann zur Rede oder melden die Vorkommnisse den entsprechenden Stellen (die dann meist auch von Männern besetzt sind) – bringen sie damit doch meist ihre akademische Karriere in Gefahr. Ein Film bringt das jetzt am Beispiel einer Biologin, einer Chemikerin und einer Geologin anschaulich zutage – und er zeigt auch, dass es wichtig ist, sich zur Wehr zu setzen. Ein wichtiger Beitrag für mehr Menschlichkeit und Respekt, für mehr Anerkennung und Gleichberechtigung in Wissenschaft und Forschung.
Picture a Scientist. Frauen in der Wissenschaft. Ab 12. November als DVD erhältlich, 18,90 Euro

Wenn Menschen zusammen ein Dorf gründen …
Es war eine bestechend gute Idee: Auf einem weitflächigen, brachliegenden Gelände ein Dorf zu errichten – mitten im Wendland am Rande von Hitzacker, in einem der strukturschwächsten Gebiete Deutschlands. Ein Modelldorf für die Zukunft Europas mit insgesamt 300 Leuten: 100 Alte, 100 Geflüchtete und 100 Junge. Ein Mehrgenerationendorf, ein Multikultidorf, ein Ökodorf. Ein Mammutprojekt. Die Filmemacherinnen Antonia Traulsen und Claire Roggan haben die Gemeinschaft von Anfang an fast vier Jahre lang begleitet. Sie zeigen das Auf und Ab, das sich zwangsläufig einstellt, wenn ein so kunterbunt gemischter Haufen Menschen zusammen ein solches Projekt stemmen will – und dafür auch noch von der Nachbarschaft angefeindet wird. Wie sie es doch noch geschafft haben, ihre Vision Wirklichkeit werden zu lassen, das zeigt dieser Film, der im Rahmen der ARD-Themenwoche „Stadt.Land.Wandel – Wo ist die Zukunft zuhause?“ am 2. November im NDR ausgestrahlt wurde und jetzt in der Mediathek steht. 
Wir alle. Das Dorf. ARD-Mediathek, abrufbar bis 3. Februar 2022

ZUM LESEN

Licht bringen in ein dunkles Kapitel der Medizin
Die Rolle der Medizin in Nazideutschland ist immer noch ein dunkles, weitgehend gemiedenes Kapitel. Jetzt hat Peter Selg, Leiter des Ita Wegman Instituts in Arlesheim, im Rahmen seiner Lehrtätigkeit an der Universität Witten-Herdecke beim Integrierten Begleitstudium Anthroposophische Medizin (IBAM) ein Buch dazu herausgebracht. Es steht als Band 4 in der Reihe „Ideengeschichte der Medizin und ärztliche Bewusstseinsbildung“. Peter Selg veranstaltet seit 10 Jahren in Auschwitz-Birkenau zusammen mit polnischen Historiker:innen Seminare zur Medizinethik mit den Studierenden, dieses Buch ist das Kondensat davon. Es gliedert sich in drei große Abschnitte: 1. Überleben nach Auschwitz. Primo Levi und die Hoffnung auf Veränderung. 2. Medizin ohne Menschlichkeit. Alexander Mitscherlich und die Kräfte der Beharrung. 3. „Wissende Menschlichkeit“. Gefährdung und Zukunft der Humanmedizin. Ein ungemein wichtiges Buch, das jede:r Ärzt:in und jede:r Medizinstudierende gelesen haben sollte. Es wird das eigene Berufsverständnis nachhaltig beeinflussen.
Peter Selg: Nach Auschwitz. Auseinandersetzungen um die Zukunft der Medizin. Verlag des Ita Wegman Instituts, Arlesheim, 344 Seiten, 23 Euro

Die Folgen des Lockdowns bei Kindern
Es ist ein kleines Buch mit einem großen Inhalt: Der Pastor Bernd Siggelkow, Gründer des 1995 entstandenen christlichen Kinder- und Jugendwerks „Die Arche“ in Berlin-Hellersdorf, schildert darin seine Erlebnisse mit Kindern und Jugendlichen im Lockdown. Es ist ein Büchlein, das gerade durch seine Kürze so eindrucksvoll ist. Es gehört auf den Schreibtisch eines jeden Politikers und einer jeden Politikerin. Als Mahnung für ihre zukünftige Arbeit.
Bernd Siggelkow: Kindheit am Rande der Verzweiflung. Die fatalen Folgen von Lockdown und Isolation. Claudius Verlag, 112 Seiten, 14 Euro

Die Hintergründe von Hochwasser, Hitzewellen und Taifunen
Wir haben es dieses Jahr erlebt: die Flutkatastrophe im Ahrtal, das Hochwasser in Bayern, die Hitzewellen in Südeuropa und im Westen der USA, den Wirbelsturm in Kiel, bei dem ein Taifun über den Hafen fegte. Wettereignisse wie diese häufen sich, und man fragt sich: Wo kommt das eigentlich her? Gab es solche Wetterphänomene nicht schon immer? Oder ist das jetzt der Klimawandel? Die Physikerin Friederike Otto hat eine Methode entwickelt, mit der sie berechnen kann, welche Einflüsse menschengemacht sind und welche nicht. Sie trägt damit dazu bei, dass auch die Verursacher besser dafür haftbar gemacht werden können. Denn wer die Ursachen kennt, kann auch handeln. Nach der Lektüre dieses Buches sieht man das Wetter mit anderen Augen.
Friederike Otto unter Mitarbeit von Benjamin von Brackel: Wütendes Wetter. Auf der Suche nach den Schuldigen für Hitzewellen, Hochwasser und Stürme. Ullstein Buchverlage, 240 Seiten, 18 Euro

Ein Manifest für eine bessere Zukunft
Und noch ein Buch, das sich der Frage widmet, wie wir die Zukunft so gestalten können, dass sie sowohl die menschlichen wie auch die ökologischen Bedürfnisse in einer globalisierten Welt berücksichtigt. Der Biologe und Professor für Naturschutz an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde, Pierre Ibisch, und der Politikwissenschaftler und Journalist Jörg Sommer, Vorstandsvorsitzender der 1982 gegründeten Deutschen Umweltstiftung, gehen in diesem Buch den aktuellen Problemen auf den Grund und entwickeln neue Ideen zu ihrer Bewältigung. Die Natur steht dabei stets im Mittelpunkt. Ein mutmachendes Buch, das viele Anregungen gibt, das Leben neu zu denken.
Pierre Ibisch, Jörg Sommer: Das ökohumanistische Manifest. Hirzel Verlag, 173 Seiten, 15 Euro

Zwei Frauen, eine Familie
Es zeugt schon von Mut, die Schicksale zweier so unterschiedlicher Frauen in einem Buch zusammenzufassen – Constanze Neumann ist das hier aufs Feinste gelungen. Sie schildert die Geschichte von Anna Reichenheim und der von ihr nicht akzeptierten Schwiegertochter Marie. Anna entzweit sich mit ihrem ältesten Sohn Heinrich, in den sie große Hoffnungen gesetzt hatte, weil dieser sich lieber im Berliner Nachtleben des frühen 20. Jahrhunderts tummelt und sich den Pflichten und Konventionen einer großbürgerlichen Familie widersetzt. Er heiratet Marie, eine ganz normale junge Frau und übersteht mit ihr den Ersten Weltkrieg ebenso wie Weltwirtschaftskrise, bis schließlich der Nationalsozialismus ihnen noch einmal ganz andere Opfer abfordert. Constanze Neumann hat ein wunderbares Buch über unsere Mütter und Großmütter geschrieben, über eine Generation, die ein Jahrhundert geprägt hat und umgekehrt.
Constanze Neumann: Wellenflug. Ullstein Verlag, 336 Seiten, 22 Euro

Die Pionierin des modernen Tanzes
Isadora Duncan (1877-1927) war eine der Frauen, die dem modernen Tanz zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Weg geebnet haben. Sie brach radikal mit den Traditionen des Tutus und des Spitzentanzes. Sie tanzte barfuß und in locker fließenden Seidengewändern, die einer griechischen Tunika nachempfunden waren, während um sie herum die Damen noch in Korsetts geschnürt wurden. Sie pfiff auf bürgerliche Konventionen und zog tanzend durch die Salons der Welt. Sie war die Erste, die nicht ausdrücklich fürs Ballett komponierte Musik für ihre Darbietungen einsetzte – Schubert, Chopin, Skrjabin. Aber das Leben meinte es auch nicht immer gut mit ihr: Sie verlor ihre beiden leiblichen Kindern durch einen Autounfall in Paris – sie ertranken in der Seine. Und sie selbst kam bei einer Autofahrt im Cabrio um, weil sich ihr langer Seidenschal in den Speichen der Räder verfing und sie strangulierte. Jetzt hat Michaela Karl dieser außergewöhnlichen Frau mit ihrer Biographie ein würdiges Denkmal gesetzt.
Michaela Karl: Lasst uns tanzen und Champagner trinken trotz alledem! Isadora Duncan. Eine Biografie. btb Verlag, 448 Seiten, 24 Euro

Ein Familienroman
Wenn Ellen Sandberg ein neues Buch herausbringt, ist das fast schon die Garantie für einen Platz auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. So auch bei ihrem jüngsten Werk, das es auch Anhieb dorthin geschafft hat. Ihre Spezialität ist die Schilderung von Frauen- und Familienschicksalen. Und das macht sie so spannend, so glaubwürdig, so realitätsnah, dass es einen einfach kaum noch loslässt. Sie spielt dabei mit Gegenwart und Vergangenheit, vor allem aber mit den Fragen nach Schuld und Vergebung, die alle Nachkriegsgenerationen mit sich herumtragen. Denn: „Die Zeit heilt alle Wunden. Doch das Gewissen heilt sie nicht.“ – so steht es auf der Rückseite des Buchumschlags. Und damit ist eigentlich alles umrissen, worum es in diesem Buch geht. Und was uns, die wir die „Gnade der späten Geburt“ haben, wie Helmut Kohl es mal genannt hat, bis heute nicht loslässt.
Ellen Sandberg. Das Geheimnis. Penguin Verlag, 432 Seiten, 20 Euro

Mediterranes auf den Tisch
Und wenn es draußen schon so unwirtlich wird, holt man sich den Sommer, das Licht, die Aromen und die Farben eben auf den Tisch! Kaum etwas eignet sich dafür besser als dieses Buch von Claudia Roden, der Grande Dame der mediterranen Küche.  Es ist weit mehr als nur ein Kochbuch, es ist das Buch einer Lebensphilosophie – ebenso einfach wie überzeugend. Es ist auch die Essenz einer lebenslangen Leidenschaft für gutes Essen und Tischkultur, die ja immer auch eine zwischenmenschliche Begegnung ist. Die beste Zeit, sich dessen anzunehmen, ist jetzt!
Claudia Roden: Mittelmeerküche. Ein Kochbuch. DK Verlag, 320 Seiten, über 250 Fotos (nicht nur von den Gerichten), 29,95 Euro
Der Verlag hat mit Claudia Roden ein wunderschönes Video gedreht, das diese außergewöhnliche Frau und ihr Buch noch etwas näherbringt. Es ist auf der Verlagsseite und bei YouTube eingestellt.

zurück zur Übersicht