Corona-Spezial

Unser Kompass zu COVID-19 und Gedanken über die Krisenzeit

Hier finden Sie aktuelle Berichte, Informationen und Stellungnahmen zur Corona-Pandemie sowie Gedanken über die Krisenzeit. Wir aktualisieren diesen Bereich in unregelmäßigen Abständen – je nach Lage der Dinge.

In diesem Zusammenhang sei auch auf unser Archiv hingewiesen. Wir haben uns dafür entschieden, jeweils nur die vergangenen drei bis vier Monate zu dokumentieren, weil vieles, was wir in der Zeit davor geschrieben und kommentiert haben, inzwischen überholt ist und leicht Anlass zu Missverständnissen geben kann.

Und noch eine Erklärung vorneweg: So manches, worauf wir hinweisen, wirft einen kritischen Blick auf den derzeitigen Kurs der Bundesregierung. Das bedeutet allerdings nicht, dass wir die Pandemie in ihrer Existenz in Frage stellen. Wir sind uns sehr wohl der Gefahren bewusst, die sich mit einer Infektion mit SARS-CoV-2 und einer Covid-19-Erkrankung verbinden können. Wir sind uns vor allem der fatalen weltweiten Auswirkungen bewusst, die diese Pandemie schon jetzt nach sich zieht und fürderhin noch ziehen wird. Wir bringen diese Zusammenstellung an Informationen und Quellen, weil sie ergänzend notwendig sind, um einen offenen, fairen und sachgemäßen demokratischen Dialog zu führen, ohne den wir in einer totalen Spaltung der Gesellschaft landen.

Es kommt immer wieder vor, dass sich Rechtsradikale und Neonazis oder die AfD unserer Argumente bemächtigen. Das können wir nicht verhindern. Aber wir distanzieren uns ganz klar und entschieden von solchen Übergriffen und ebenso von diesen Kreisen.

Noch ein Hinweis die im Corona-Spezial benannten Links betreffend: Viele davon liegen hinter einer Bezahlschranke – denn Journalismus, auch Online-Journalismus, kostet Geld. Da manche Redaktionen einen Text anfangs frei zugänglich machen, ihn aber über kurz oder lang hinter die Paywall stellen (z. B. bei hohen Click-Zahlen, die ein gesteigertes Interesse signalisieren), verzichten wir künftig darauf, bei jedem Link anzugeben, ob er nur kostenpflichtig zu lesen ist.

Unser Corona-Spezial im Juni 2021 umfasst dieses Mal folgende Themen:

Inzidenz unter 20

„Epidemische Notlage“ verlängert

 

Corona-Spezial Juni 2021 - Der Bundestag hat mit 375 Ja-Stimmen (= 53 Prozent), 218 Nein-Stimmen (= 31 Prozent) und 6 Enthaltungen (= 0,8 Prozent) die „epidemische Lage von nationaler Tragweite“ bis zum 30. September verlängert. Damit kann Bundesgesundheitsminister Spahn weiterhin Rechtsverordnungen und Anordnungen nach dem Infektionsschutzgesetz erlassen, ohne dass das Parlament oder die Länder gehört oder beteiligt werden müssen. In der Begründung für den Antrag der Regierungskoalition hieß es, es bestehe trotz einer Inzidenz von bundesweit unter 20 (und regional sogar von unter 10 bis Null) weiterhin „eine ernsthafte Gefahr für die öffentliche Gesundheit“, vor allem durch Virusmutationen.

Die Ja-Stimmen stammten von CDU/CSU, SPD und Grünen, dagegen waren lediglich Abgeordnete der FPD und der AfD. Bemerkenswert war, dass bei einer derart wichtigen Abstimmung 110 Abgeordnete und damit 15,2 Prozent des Parlaments nicht anwesend war und somit auch nicht mit abstimmte.

Es war absehbar, dass der Bundestag so beschließen würde, und auch wenn die SPD noch im Februar auf einer Befristung bis maximal zum 30. Juni bestanden hatte, sagte jetzt SPD-Fraktionsvize Dirk Wiese gegenüber der WELT: „Es ist unstrittig, dass wir die epidemische Lage noch einmal verlängern.“ Es seien viele Verordnungen daran geknüpft, vor allem auch im Hinblick auf die Kapazitäten der Kliniken. Auch sei die Infektionsgefahr keinesfalls gebannt, werde man jetzt leichtsinnig, lande man schnell im nächsten Jo-Jo-Effekt. Und wieder einmal gehörte der Grünen-Politiker Janosch Dahmen zu den Hauptbefürwortern der Verlängerung, weil „noch rund 50 Millionen Menschen in Deutschland ungeimpft“ seien, hinzukämen „ungelöste Herausforderungen“ im Sommer wie z. B. Virusmutationen, die Impfung von Kindern und Jugendlichen sowie die Frage, wann Auffrischimpfungen anstehen müssten.

„Angesichts einer bundesweiten Sieben-Tage-Inzidenz von momentan 19 grenzt es ans Groteske, wenn Volksvertreter konstatieren, dass Deutschland sich im Klammergriff der Seuche befinde“, schreibt der Berlin-Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung, Alexander Kissler, im NZZ-Newsletter „Der andere Blick“. „Unter der Hand und ohne Debatte hat sich die große Koalition einer No-Covid-Strategie verschrieben. (…) Die Willkür regiert – und die Freude an einem scheinevidenzbasierten Angstmanagement. Vielleicht ist die unfassbar langsam anlaufende Impfkampagne auch solcher Prioritätensetzung geschuldet.“

Schon im April hatte sich abgezeichnet, dass die von Politiker*innen und Medien vielfach beschworenen Horrorszenarien nicht eingetreten sind, wie die WELT unter der Überschrift „Die Katastrophe, die ausfiel“ berichtet. Denn mitnichten liefen die Intensivstationen voll, geschweige denn waren sie überfordert, mitnichten stellten die unter 50-Jährigen die größte Gruppe der Covid-19-Patient*innen, und die Inzidenz ging nicht mit Zahlen nahe oder über 500 durch die Decke, wie diverse Modellierer vorausgesagt hatten. Im März hatte der SPIEGEL geraunt, dass im Mai 25.000 Covid-19-Patient*innen auf den Intensivstationen lägen, und „die Hälfte der Beatmungspatienten sterben“ werde. Nichts davon ist eingetreten.

Und es ist auch sehr fraglich, ob die daraufhin ausgelöste „Notbremse“ mit ihren legitimierten Ausgangssperren tatsächlich den Ausschlag gab, dass die Zahlen sanken und das Infektionsgeschehen jetzt mit zunehmenden sommerlichen Temperaturen nahezu zum Erliegen gekommen ist. Denn die Trendumkehr begann schon vorher, wie die WELT in einer Analyse belegt und die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie, Eva Grill, zitiert: „Die ‚Notbremse‘ kann diese Zahlen [die sinkende Inzidenz, d. Red.] noch nicht direkt beeinflusst haben, dafür ist sie noch nicht lang genug in Kraft.“ Das Gesetz war am 24. April verabschiedet worden, die Zahlen sanken schon zwei Tage danach. Der Nachweis, dass die Ausgangssperre die dritte Welle gebrochen hat, sei „schwierig bis unmöglich“: „Wir haben keine klare Datenlage, und ich kann nicht behaupten, dass es einen direkten kausalen Zusammenhang gibt“, zitiert die WELT den Infektionsepidemiologen Timo Ulrichs, Berlin. Das deckt sich mit den Äußerungen namhafter Aerosolforscher wie Gerhard Scheuch: „Ich glaube nicht, dass diese paar Stunden nächtliche Ausgangssperre irgendeinen Effekt auf die Inzidenzen haben.“ Es sei eher dem Impffortschritt und der saisonalen Entwicklung zuzuschreiben, dass die Zahlen zurückgehen.

Verfassungsrechtlich ist diese Fortsetzung der „epidemischen Lage“ allerdings problematisch. Dafür müsse eine „systemische Gefahr für die öffentliche Gesundheit“ bestehen, wie der Regensburger Verfassungsrechtler Thorsten Kingreen schon 2020 in einem Gutachten geschrieben hatte. Liegen die Voraussetzungen dafür nicht mehr vor, müsse die epidemische Lage durch das Parlament beendet werden. Bisher gibt es allerdings noch keinen Aufschrei der Juristen und auch nicht der Bevölkerung. Nur die FDP forderte ein sofortiges Ende dieses Zustands: Wenn die Tendenz sinkender Zahlen und steigender Impfquoten weiterhin anhalte, seien „die Kriterien für die epidemische Lage nicht mehr gegeben“, so die gesundheitspolitische Sprecherin der FDP Christine Aschenberg-Dugnus gegenüber der WELT.

Dass Zweifel an Modellierungen und Panikszenarien offenbar nicht erwünscht sind, zeigt ein bemerkenswerter Beitrag des Mathematikers Prof. Dr. Stephan Luckhaus von der Universität Leipzig. Er hatte – selbst seit 2007 Senator der Sektion Mathematik an der Deutschen Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina und Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft – im Auftrag der Leopoldina die Corona-Zahlen genauer unter die Lupe genommen und war zu anderen Ergebnissen als offizielle Stellen und die Berater*innen der Regierung gekommen. Einer der Gutachter für diese Arbeit, ein Virologe, schrieb ihm daraufhin: „Warten Sie mit der Publikation ein paar Monate, denn der Artikel steht im Widerspruch zu dem Artikel der Gesellschaft für Virologie.“ Als Luckhaus daraufhin vorschlug, die Arbeit wenigstens intern als seine persönliche Stellungnahme an die Mitglieder der Gesellschaft zu verteilen, wurde auch dies abgelehnt – angeblich aus Gründen des Datenschutzes. Ähnliches habe er auch in der Max-Planck-Gesellschaft erlebt, berichtet Luckhaus und kommentiert, das gebe „eine ungefähre Vorstellung, was sich hinter der Vokabel ‚Konsens in der Wissenschaft‘ verbirgt“. Als Konsequenz trat er aus beiden Gesellschaften aus: „Ich bin anscheinend doch kein Konsens-Typ …“

Sie möchte wieder zurück zu einer „vernünftigen, demokratischen, offenen Gesellschaft“, sagte Ulrike Guérot, Professorin für Europapolitik an der Donau-Universtität Krems und Mitunterzeichnerin des „Manifest der offenen Gesellschaft“, am 31. Mai in einer Diskussionsrunde des österreichischen Fernsehens ORF unter dem Motto „Zwischen Optimismus und Sorglosigkeit – wie viel Freiheit erlaubt die Pandemie?“ Sie beobachte, dass „wir seit 14 Monaten eine Zielverschiebung haben. Wir sind angetreten, als es losging, da wollten wir die vulnerablen Gruppen schützen und die Älteren, und das ist ja völlig normal. Jetzt sind wir bei Durchimpfungen und dann sind wir bei Herdenimmunität, jetzt impfen wir schon die Kinder, obwohl es eigentlich keine Indikation dafür gibt. Was ich feststelle ist, dass wir über 14 Monate eine permanente Verschiebung von politischen Zielen haben, was es zu erreichen gilt. Und da mache ich mir als Politikwissenschaftlerin erstmal Sorgen, zu sagen: Was wollen wir denn erreichen? Was ist denn das Ziel? Oder haben wir überhaupt noch das Ziel, und das wäre ja mein Ziel, dass das Ziel aller Maßnahmen die Beendigung aller Maßnahmen ist?“

Ulrike Guérot untermauerte ihre Äußerungen auch durch die aktuellen Zahlen aus dem europäischen Ausland: In Frankreich sei alles schon am 19. Mai wieder geöffnet worden und die Maskenpflicht gefallen, ähnlich in Spanien und Portugal, halb USA sei offen und die Maskenpflicht stellenweise sogar verboten, in der Ukraine, auf dem Balkan, in Russland sei alles offen – und weder die Inzidenz noch die Todeszahlen sind gestiegen. Nur in Deutschland und Österreich gebe noch weiterhin „zementierte Diskussionen“. Es gebe inzwischen einen Konformitätsdruck auf die Bevölkerung, sich impfen zu lassen, auch wenn es keine Impfpflicht gebe, weil das rechtlich problematisch werde: „Damit hat der Staat sich rausgehalten, und das wird jetzt auf die Gesellschaft verlagert.“

Das zeigte sich jüngst augenfällig an dem Ausschluss der Schauspielerin Eva Herzig von der Produktion des „Steirerkrimis“. Sie hatte sich geweigert, sich gegen Covid-19 impfen zu lassen, weil ihr die Impfung noch zu unerforscht war. Es sei „aus rechtlicher Sicht zu prüfen, ob es einen indirekten Impfzwang gibt“, sagte dazu die Rechtswissenschaftlerin Katrin Gierhake, Inhaberin des Lehrstuhls für Strafrecht, Strafprozessrecht und Rechtsphilosophie an der Universität Regensburg, in einem Interview mit der Berliner Zeitung. Der jetzt auf den Weg gebrachte europäische Impfausweis könne „als ‚Eintrittskarte‘ für alle gesellschaftlichen, religiösen, sportlichen oder kulturellen Ereignisse gelten. Ein Impfnachweis würde den Besuch von Innenstädten oder Einkaufszentren, von Gottesdiensten, Theatern, Volksfesten, Restaurants, Kinos und Ähnlichem ermöglichen. Auch der Zugang zu Präsenzveranstaltungen an Universitäten oder Fachhochschulen, Bildungs- und Sprachangeboten stünde Geimpften dann vermutlich wieder offen. Dasselbe könnte für Reisen gelten. (…) Anders als im Mittelalter, wo Erkrankte an abgelegenen Orten isoliert wurden, würden ungeimpfte Gesunde mitten in der Gesellschaft faktisch ausgeschlossen.“ Der Staat müsse deshalb einen indirekten Impfzwang unterbinden. Gierhake bemängelt auch das derzeitige Monitoring über Impf-Nebenwirkungen: „Eine ordentliche staatliche Kontrolle würde bedeuten, dass die impfenden Ärzte die Geimpften nach einer bestimmten Zeit fragen, ob und welche Beschwerden sie haben. In den Impfzentren hat es nach der Impfung meines Wissens keine Betreuung gegeben.“ Die vom Paul-Ehrlich-Institut entwickelte App sei für über 80-Jährige nicht zumutbar, schon Jüngere hätten Schwierigkeiten damit. „Der Staat ist seinen Pflichten hier aus meiner Sicht nicht nachgekommen.“ Gierhake fordert „einen sachlichen, offenen Diskurs. (…) Wir müssen nicht nur in der Bildung die Kritikfähigkeit und das eigene Denken stärken. Das Ziel muss es sein, die Mündigkeit der Bürger aktiv zu fördern. Junge wie alte Menschen müssen sich klarmachen, dass es um die Integrität ihres Körpers und um ihre Freiheit geht, und nicht einfach um einen Piks als Ticket in die Normalität.“

In eine ähnliche Richtung argumentieren auch Elisa Hoven, Professorin für Strafrecht an der Universität Leipzig und Richterin des Verfassungsgerichtshofs des Freistaates Sachsen, und Frauke Rostalski, Professorin für Strafrecht an der Universität zu Köln und Mitglied im Deutschen Ethikrat in einem Gastbeitrag für die WELT: „Ist die Funktionsfähigkeit des Gesundheitssystems nicht (länger) bedroht, müssen die eingriffsintensiven Corona-Schutzmaßnahmen enden, wenn die Risikogruppen ein Impfangebot erhalten haben. Für Geimpfte ist die Wahrscheinlichkeit eines schweren Verlaufs so deutlich reduziert, dass sich Covid-19 dann als allgemeines Lebensrisiko erweist – das keine Freiheitsbeschränkung Dritter mehr rechtfertigt. Es kommt dann also gerade nicht darauf an, wie viel Prozent der Bevölkerung bereits tatsächlich geimpft sind – wie zum Beispiel RKI-Chef Lothar Wieler meint, der einen Verzicht auf Maßnahmen erst bei einer Durchimpfung der Bevölkerung von 80 Prozent annehmen möchte. Wer sich trotz erhöhter persönlicher Gefährdung nicht impfen lassen und lieber eine Erkrankung in Kauf nehmen möchte, der darf dieses Risiko eingehen und der Staat ihn nicht gegen seinen Willen schützen. Angesichts des Impffortschritts ist es kaum denkbar, dass sich im Herbst noch Freiheitseingriffe verfassungsrechtlich rechtfertigen lassen – selbst dann nicht, wenn es eine ‚vierte Welle‘ geben sollte.“ Von der Regierung müsse verlangt werden, dass sie „sich an rechtlich legitimierten Zielen“ orientiere und „nicht an Inzidenzwerten“, und dass sie genau erkläre, „weshalb einschränkende Maßnahmen für die Erreichung gerade dieses Ziels geeignet, erforderlich und angemessen sind.“

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Intensivbetten

Wurden die Zahlen manipuliert?   

 

Corona-Spezial Juni 2021 - Es war die 3. Ad hoc-Stellungnahme „Zur intensivmedizinischen Versorgung in der SARS-CoV-2/Covid-19-Epidemie“ der Arbeitsgruppe um den Gesundheitsökonomen und Mediziner Matthias Schrappe, und sie hatte es in sich, legte es doch nahe, dass offizielle Statistiken manipuliert, Subventionen betrügerisch erschlichen und Fördermittel zweifelhaft verwendet worden waren. Die Politik habe vor allem die Angst transportiert worden, dass die Krankenhäuser mit den vielen Covid-19-Kranken nicht mehr fertig würden und es auf eine Triage hinauslaufe, bei der Intensivmediziner*innen auswählen müssten, wer noch an die rettende Beatmung komme und wer nicht. Diese Angst sei aber nie begründet gewesen, sagte Schrappe in einem Interview mit der WELT: „Es geschehen bei den Intensivstationen seltsame, unverständliche Dinge.“ Auch auf den Höhepunkten aller drei Corona-Wellen seien „nie mehr als 25 Prozent der Intensivbetten mit Covid-Patienten belegt“ gewesen. Die Notfallreserve von 11.000 Intensivbetten sei nie in Betrieb genommen worden, die Mittel dafür flossen trotzdem. Die Kliniken erhielten für jedes neu aufgestellte Intensivbett 50.000 Euro, ganz egal, ob sie es nutzen oder nicht. Zu Engpässen sei es vor allem gekommen, weil die Covid-Patient*innen nicht gleichmäßig über die Kliniken verteilt worden waren. Auch habe es in einigen Häusern „offensichtlich die Tendenz gegeben, Patienten ohne Not auf die Intensivstation zu verlegen“. Deutschland sei mit 61 Prozent weltweit die Nummer 1, wenn es darum gehe, wie viele Covid-Patienten intensivmedizinisch behandelt wurden. In der Schweiz waren es 25 Prozent, in Italien 11 Prozent. Es sei aber nicht bekannt, dass Deutsche schwerer erkranken als andere. Im Rückblick, so Schrappe, „tun sich viele Fragezeichen auf, ob da redlich gespielt wurde“.  

Schrappes Äußerungen sind umso mehr ein Sprengsatz, als die meisten Corona-Maßnahmen bis hin zu den Lockdowns gerade mit dieser Gefahr überforderter Intensivstationen begründet wurden, die es um jeden Preis zu vermeiden gelte. Jedoch: „Auch in höchster Corona-Bedrängnis war die Lage unkritisch“, schreibt Elke Bodderas in einem Kommentar für die WELT. Und auch Virologe Alexander Kekulé sagt: „Deutschland hatte zu keinem Zeitpunkt auf den Intensivstationen ein Problem.“ 

Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) wies das Schrappe-Papier „die irreführenden Vorwürfe“ unverzüglich „aufs Schärfste“ zurück, ebenso die Deutsche Krankenhausgesellschaft und der Ärzteverband Marburger Bund, wie die WELT am 20. Mai berichtet. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hielt Schrappes Vorwürfe gar „für absolut abwegig, substanzlos, zynisch und nicht zutreffend“. Er glaube, dass sich die „Gruppe in etwas verrannt“ habe.

Allerdings kam mit der Zeit mehr und mehr ans Licht, dass die Schrappe-Gruppe in ein Wespennest gestochen hatte. Denn die Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Abrechnungen wurden auch von anderer Seite bestätigt. Noch Ende März hatte die DIVI in einer Pressemitteilung vor zu erwartenden knapp 7.000 Intensivpatienten im April mit den drastischen Worten gewarnt: „Deutschland braucht kein Bergamo“, und natürlich hatte jede*r sofort das Horrorszenario aus dem März 2020 vor Augen, mit Bildern von Militärlastern, die Särge mit Corona-Toten abtransportieren, Bilder, deren Wahrheitsgehalt heute allerdings in Frage steht. Ebenso die Zahlen der DIVI, die der Informatiker Tom Lausen aus Niedersachsen genauer unter die Lupe nahm und diverse Ungereimtheiten entdeckte, wie die WELT berichtet. Aber weder die DIVI selbst noch die Medien interessierten sich zu dieser Zeit dafür (erst später gab es dazu eine Korrespondenz mit Lausen) – denn so etwas passte nicht ins Narrativ der Schreckensmeldungen, mit denen die Verlängerung des Lockdowns ein weiteres Mal gerechtfertigt wurde. „Bei dem Programmierer hat niemand angefragt, als er seine Ergebnisse über sogenannte ‚alternative‘ Medien vorstellte“, schreibt die WELT. Stattdessen wurden nicht Lausens Daten kritisiert, sondern der Weg, über den er sie verbreitete, und er selbst als „Corona-Leugner“. Die WELT bat deshalb vier Fachleute, sich mit diesen Daten näher zu befassen, darunter der renommierte Medizinstatistiker Gerd Antes, die Pneumologen Thomas Vohaar und Dieter Köhler, und der Gesundheitswissenschaftler Thomas Mansky. Alle vier „beurteilten die Datengrundlage von Lausen einhellig als solide“ und wunderten sich, „dass vergleichbare Daten nicht vom DIVI oder dem RKI ausgewertet worden waren“.

Inzwischen hat Karl Lauterbach offenbar seine Meinung geändert, denn in einem Interview mit dem SPIEGEL sagte er: „Die Art der Abrechnung war eine Einladung zum Betrug“, meint aber nach wie vor, dass die Krankenhäuser dennoch „am Limit“ waren. Lockdowns und Ausgangssperren sowie Schulschließungen seien deshalb nicht falsch gewesen. Er habe selbst mit Intensivmedizinern telefoniert: „Diejenigen, mit denen ich gesprochen habe, ist der ganze Vorgang unfassbar peinlich. Sie wissen ganz genau, dass es Probleme mit Betrug gegeben hat. Dennoch geraten jetzt ausgerechnet diejenigen in Verruf, die ein ganzes Jahr lang ununterbrochen gearbeitet haben.“ Die Krankenhäuser hätten „die Situation wirtschaftlich ausgenutzt“. Und da inzwischen auch der Bundesrechnungshof das Gesundheitsministerium für seine Zahlungen scharf kritisierte, meinte Lauterbach: „Es hat mich auch überrascht, dass die [mit jeweils 50.000 Euro honorierten] Betten zwar aufgebaut, aber nie tatsächlich aufgestellt worden sind. Da sind ja quasi 14.000 Betten bezahlt worden, die man zu einem großen Anteil nie gesehen hat. Das ist gravierend.“ Das „gesamte System der Abrechnung nach Fallpauschalen kommt in der Intensivmedizin an seine Grenzen. In dem Moment, wo pro Fall und pro Bett abgerechnet wird, bestehen die Anreize, dass man Fallschwere, Fallzahlen und Bettenzahlen manipuliert.“

„Ungereimtheiten bei den Corona-Zahlen“ konstatiert auch das ZDF-Morgenmagazin am 3. Juni in einem Beitrag, vor allem bei den Todeszahlen. Das Institut für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES) fand heraus, dass zu Corona-Toten auch Menschen gezählt werden, die nach ihrer Corona-Erkrankung wieder gesundet waren und später an etwas anderes starben. Nur weil sie einmal positiv auf Corona getestet worden waren, seien sie als Corona-Tote erfasst worden. In Wahrheit sind sie aber nicht an, sondern mit Corona gestorben. Nie verwirklicht wurde, was schon von Anfang an viele Wissenschaftler*innen vom RKI forderten: ein Panel zu etablieren, regelmäßige Stichproben an einer großen, repräsentativen Bevölkerungsgruppe, um mehr Informationen zu bekommen über die Verbreitung des Virus, Infektionsherde und -wege sowie die Wirksamkeit konkreter Maßnahmen. Damit hätte man auch risikoreiche Berufsgruppen identifizieren können oder die Bedeutung der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel. Das RKI begründete dieses Versäumnis damit, man habe dafür bisher nicht die entsprechende Zeit und Infrastruktur gehabt. Der politische Wille dafür müsste jedoch erstmal beim Bundesgesundheitsministerium angelegt sein, dem das RKI untersteht. Minister Spahn wollte sich dazu bisher nicht äußern.

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„Schrottmasken“

Noch ein Problem für Jens Spahn

 

Corona-Spezial Juni 2021 - Nicht genug, dass sich diverse Abgeordnete von CDU/CSU an Maskendeals bereicherten – Mitte Mai brachte das Rechercheteam von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR neue Skandale ans Licht. Dabei ging es um Provisionen und Honorare von bis zu rund 50 Millionen Euro, die mit dem Verkauf von Schutzkleidung und Masken zusammenhingen – mit Verflechtungen bis in höchste bayerische Politik-Kreise: „Masken und Millionen“ überschrieb die SZ ihren Artikel dazu. Aber damit nicht genug: Das Rechercheteam warf Spahn vor, die Schutzmaterialien zu einem horrend überhöhten Preis eingekauft zu haben, noch dazu, ohne auf die Qualität geachtet zu haben; „Fragwürdiges Vorgehen bei der Maskenbeschaffung“.

Auch bei den Schnelltests hatte sich Spahn reichlich verkalkuliert, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, und viel zu hohe Summen an die privaten Teststationen gezahlt, die damit viel Geld verdienten und immer noch verdienen. Dafür wurde Spahn jetzt auch vom Bundesrechnungshof gerügt.

Anfang Juni legte der SPIEGEL mit einer weiteren Enthüllungsstory nach: „Erst Notreserve, dann Müllverbrennung: So will Jens Spahn unbrauchbare Masken im Wert von einer Milliarde Euro verschwinden lassen“. Spahn hatte schon im Frühjahr 2020 eine große Anzahl Masken aus China eingekauft, sie aber nicht der sonst üblichen Qualitätsprüfung unterzogen. Jetzt stellt sich heraus: Die Filterleistung der Masken ist überwiegend mangelhaft. Trotzdem wollte das Ministerium sie jetzt rasch unters Volk bringen – und an Obdachlose, Hartz-IV-Empfänger oder Behinderte verteilen ... Doch da machte das SPD-geführte Arbeitsministerium nicht mit, und eine Welle der Empörung schwappte durch das Land, so dass das Ministerium bis heute auf Hunderten Millionen dieser „Schrottmasken“ sitzt. Zurzeit werden sie in der „Nationalen Reserve Gesundheitsschutz“ gelagert und nach Ablauf des Haltbarkeitsdatums wohl vernichtet. Ihr Wert: Rund eine Milliarde Euro. Eine Milliarde Euro Steuergelder für den Müll.

Prompt forderte die SPD Spahns Rücktritt – schließlich ist Wahlkampfzeit. Aber natürlich ließ Spahn das nicht auf sich sitzen und wies alle Vorwürfe zurück. Nichtsdestotrotz könne ihn diese Maskenaffäre das Amt kosten, meint Jürgen Dahlkamp im SPIEGEL, zumal sich die Bundeskanzlerin voll hinter ihren Minister gestellt und erklärt hatte, „die Kritik an Spahn entbehre jeder sachlichen Grundlage. Jeder.“ Wenn sich jetzt aber herausstellt, dass die Masken doch nicht die Anforderungen erfüllen, die an sie gestellt werden müssen, was dann? Tests der ZEIT zeigten bereits, dass „unter den Masken, die Spahns Ministerium unters Volk gebracht hatte, „hochgefährliche waren, mit Filterleistungen um 50 Prozent. Es werden nicht die einzigen gewesen sein, die Spahns angeblich sicheren Kurztest nie hätten bestehen dürfen.“

Vielleicht erübrigt sich das alles aber ohnehin in Kürze, denn Justizministerin Christina Lambrecht stellt die Maskenpflicht bereits infrage, wie die Tagesschau berichtet. Sie forderte von den Ländern, „die Verhältnismäßigkeit der Maskenpflicht zu prüfen.“ Das gelte insbesondere für Schülerinnen und Schüler. Ein Vorbild dafür könnte Dänemark sein, wo die Maskenpflicht bereits komplett abgeschafft wurde – mit einer Ausnahme: Im Öffentlichen Nahverkehr sollen sie noch getragen werden, aber nur, wenn man keinen Sitzplatz ergattert hat. Auch Wolfgang Kubicki von der FDP forderte „ein komplettes Ende der Maskenpflicht“: „Bei einer klaren Inzidenz unter 35 darf der Staat gar keine Grundrechte pauschal für alle Bürger einschränken. Die allgemeine Maskenpflicht müsste daher bei strenger Auslegung des Infektionsschutzgesetzes aufgehoben werden, erst recht draußen.“

Und auch die frühere Familienministerin Kristina Schröder forderte in einem Gastbeitrag für die WELT: „Schafft endlich die Maskenpflicht an Grundschulen ab!“ Ihre sechsjährige Tochter lerne gerade Lesen und Schreiben, die Unterscheidung der einzelnen Laute falle schwer, wenn das Gesicht der Lehrerin ständig von einer Maske bedeckt sei. Und auch für das Kind selbst sei das Masketragen eine Zumutung. Sie komme am Tag auf ca. neun Stunden, in denen sie ständig die Maske aufhaben müsse, weil sie nach der Schule noch die Betreuung besuche und mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Schule fahre. Und das mit nur wenigen Unterbrechungen Tag für Tag. Man nehme den Kindern damit permanent ihre Unbeschwertheit, weil sie „mit Maske nicht unbekümmert rennen und toben“ könnten, erst recht nicht bei warmem Wetter. In manchen Bundesländern müssten die Kinder die Maske sogar beim Sport tragen. Bei den „niedrigen Inzidenzen, die wir derzeit und hoffentlich dauerhaft in Deutschland haben, ist der Nutzen der Maskenpflicht geradezu grotesk niedrig.“

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Kinderimpfungen

Fachverbände und STIKO einig in der Ablehnung

 

Corona-Spezial Juni 2021 - Das hat es wohl selten gegeben, dass sage und schreibe 27 Fachverbände zusammen mit der Ständigen Impfkommission (STIKO) und zahlreichen Ärztinnen und Ärzten unisono eine allgemeingültige Impfempfehlung für gesunde Kindern und Jugendliche ablehnen. So geschehen jetzt angesichts der europäischen Zulassung des Biontech/Pfizer-Impfstoffs für Jugendliche ab 12 Jahren (eine entsprechende Zulassung für den Impfstoff von Moderna, ebenfalls ein mRNA-Impfstoff, steht kurz bevor).

Dies vor allem vor dem Hintergrund, dass der 124. Deutsche Ärztetag mit großer Mehrheit beschlossen hatte, die Bundesregierung aufzufordern, „unverzüglich eine Covid-19-Impfstrategie für Kinder und Jugendliche zu entwickeln“, wie es in einer Pressemitteilung vom 5. Mai heißt: „Das Recht auf Bildung“ könne „im Winter 2021/22 nur mit einer rechtzeitigen Corona-Impfung gesichert werden. Ohne rechtzeitige Impfung, insbesondere auch für jüngere Kinder“, führe „ein erneuter Lockdown für diese Altersgruppe zu weiteren gravierenden negativen Folgen für die psychische Entwicklung.“

Daraufhin rief der Verein „Ärzte für individuelle Impfentscheidung“ die Social Media-Aktion #nichtmeinaerztetag ins Leben und wandte sich mit eindrücklichen Statements in vielen Video-Clips gegen diesen Beschluss. Das Grundrecht auf Bildung mit einer Impfung zu verknüpfen, sei ein Unding, noch dazu, wenn der Impfstoff für Kinder unter 12 Jahren noch gar nicht zugelassen geschweige denn ausreichend geprüft ist.

In der Folge hagelte es weitere kritische Stellungnahmen gegen vorschnelle Corona-Impfungen an Kindern, sowohl von Seiten der Ärztekammer Hamburg, als auch von der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM), der Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie und dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte sowie von einzelnen Ärzten wie z. B. dem Kinderkardiologen und -pneumologen doc_scoop auf Twitter oder dem Kinder- und Jugendarzt Alexander Konietzky aus Wedel bei Hamburg, Mitglied des Vorstands der „Ärzte für individuelle Impfentscheidung“, der in einem Interview mit dem NDR sehr sorgfältig begründet, warum er nichts davon hält, alle Kinder und Jugendliche gegen Covid-19 zu impfen. Und sogar Bundesärztekammer-Präsident Klaus Reinhardt meinte im Interview mit der WELT, er „würde Eltern jetzt nicht raten, ihre Kinder regelhaft impfen zu lassen.“

Das Netzwerk Evidenzbasierte Medizin verlangte einen „sorgfältigen öffentlichen Diskurs“, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtet. „Ob man Kinder impfen müsse, um Herdenimmunität zu erreichen, sei keineswegs sicher. (…) Eine Gruppe von Ärzten der Universität Witten/Herdecke, die für eine noch nicht begutachtete Vorabveröffentlichung die aktuelle wissenschaftliche Literatur durchgeforstet haben, kommt zu dem Schluss: Es gibt keine Nachweise, dass eine Impfung bei Kindern erforderlich oder überhaupt wirksam wäre, um die nach Impfungen und Selbstschutzmaßnahmen noch gefährdete, erwachsene Bevölkerung zu schützen oder eine Herdenimmunität zu erreichen.“ David Martin und Silke Schwarz von der Uni Witten/Herdecke und Arne Simon von der Universität des Saarlandes zählen 14 Argumente für einen rationalen Weg bei der Covid-19-Impfung für Kinder und Jugendliche auf, und die Frankfurter Rundschau zitiert David Martin in einem Interview mit den Worten: „Für die allermeisten lohnt sich die Impfung nicht.“

Gleich mehrfach erklärte STIKO-Vorsitzender und Virologe Thomas Mertens, warum er von einer Massenimpfung gesunder Kinder nichts hält, z. B. beim Deutschlandfunk, bei Phoenix, in der Tagesschau oder als Gast im Corona-Virus-Update des NDR am 1. Juni (ab Minute 21). Auch STIKO-Mitglied Christian Bogdan sprach sich in einem Interview mit den Nürnberger Nachrichten gegen eine „generelle Kinderimpfkampagne“ aus und sieht für Kinder sogar Vorteile, wenn sie die Infektion durchmachen können: „Wer eine Corona-Infektion durchgemacht und gut überstanden hat, steht sicherlich mit einer breiteren und stabileren Immunantwort da als ein Geimpfter. Beim Kontakt mit dem ganzen Virus erstreckt sich die Immunantwort nicht nur auf das Spike-Protein, sondern auf weitere Virusbestandteile. Ein größeres Spektrum von Lymphozyten wird aktiviert. Deswegen könnte man sich sogar fragen, ob das Durchmachen einer Infektion in Altersgruppen, die nur ein extrem geringes Risiko für einen schweren Verlauf haben, nicht sogar ein Vorteil wäre.“ In der offiziellen Empfehlung der STIKO heißt es deshalb: „Derzeit gibt es keine allgemeine Impfempfehlung der STIKO für Kinder und Jugendliche von 12-17 Jahre, sondern nur für Kinder und Jugendliche mit einem besonderen Risiko.“

Nichtsdestotrotz verkündete Gesundheitsminister Spahn, auch ohne STIKO-Empfehlung gesunde Kinder und Jugendliche impfen zu wollen, wie die Deutsche Apotheker-Zeitung berichtet. Und Mecklenburg-Vorpommern möchte „alle Schüler im Land bis zum Start des neuen Schuljahrs impfen. Dafür wurden fast 65.000 Dosen BioNTech bestellt“, schreibt der Nordkurier. Daraufhin hagelte es wiederum Protest, und die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) veröffentlichte eine Stellungnahme unter der Überschrift „Zur zentralen Bedeutung der STIKO für wissenschaftlich fundierte und Evidenz-verpflichtete Impfempfehlungen“, die eben von den schon oben erwähnten 27 Fachgesellschaften unterschrieben wurde.

Interessant, dass verschiedene Länder bei gleicher Evidenz zu unterschiedlichen Empfehlungen kommen, wie das Deutsche Ärzteblatt schreibt. In Österreich zum Beispiel lässt man sich deutlich mehr Zeit: „Die Perspektive der evidenzbasierten Medizin erfordere ‚ein sehr sorgfältiges Abwägen zwischen Nutzen und potenziellen Risiken‘, um herauszufinden, ob es für ‚den durchschnittlichen Jugendlichen einen Nettonutzen gibt‘.“ Aus Sicht der evidenzbasierten Medizin sei die Entscheidung der STIKO „absolut nachvollziehbar und die einzig richtige.“ Es ergebe „nicht wirklich Sinn“, wie in Österreich geplant, über den Sommer rasch beginnend möglichst viele 12- bis 15-Jährige durchzuimpfen. Demgegenüber könne die Risikoabwägung in einem Land wie den USA, wo es sehr viele Kinder und Jugendliche mit metabolischem Syndrom (Bluthochdruck, Diabetes, Übergewicht) gibt, anders ausfallen.

Die WELT ging der Sache in einem Interview mit dem Verfassungs- und Staatsrechtler Prof. Dr. Volker Boehme-Neßler noch etwas genauer auf den Grund: „Beim Impfgipfel der Bundesregierung jedoch hatten die Kanzlerin und die Ministerpräsident*innen gebetsmühlenartig wiederholt, der Schulbesuche hänge nicht vom Impfen ab“, sagte der Moderator und fragte: „Ist damit tatsächlich die Hintertür der verpflichtenden Impfung dicht?“ Im Moment sei die Voraussetzung für eine Impfpflicht in keinem Fall gegeben, antwortete der Jurist: „Eine Impfpflicht für Schüler sehe ich verfassungsrechtlich gar nicht.“ Mit der Impfung dürften sich keine Sonderrechte verbinden, weil es sonst zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft komme. Unter Gleichbehandlungsgesichtspunkten sei das ein großes Problem. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch eine Äußerung von Boehme-Neßler zur schon vorhandenen Masern-Impfpflicht: „Ob die Masernimpfpflicht sich wirklich durchsetzt, ist noch offen. Die liegt im Augenblick vor dem Bundesverfassungsgericht. Das Verfassungsgericht hat noch nicht entschieden. Ich bin mir nicht sicher, ob die Masernimpfpflicht, die wir jetzt gerade haben, vor dem Bundesverfassungsgericht tatsächlich Bestand haben wird. Da habe ich ganz große Zweifel. Wir greifen durch diese Impfpflicht auf das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit der Kinder ein und auch mancher Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher. Dieser Eingriff ist nur dann erlaubt, wenn es unbedingt erforderlich ist, dass in dieses Grundrecht eingegriffen wird. Und ob diese Impfpflicht so wichtig ist für die Bekämpfung der Masern, wage ich sehr stark zu bezweifeln.“

Vielfach machen die Jugendlichen aber selbst Druck, denn sie wollen endlich ihr normales Leben wieder zurück. „Wenn mir ein 14-Jähriger klar erklären kann, warum er geimpft werden will und das Thema auch versteht, dann ist eine Impfung ohne Einwilligung der Eltern möglich“, erklärte Jakob Maske, Pressesprecher des Bundesverbandes der Kinder- und Jugendärzte, in einem Interview mit der WELT, betonte aber gleichzeitig, man werde Kinder und Jugendliche nur impfen, wenn es eine STIKO-Empfehlung gebe. Und die gibt es zurzeit eben nur für Kinder mit Vorerkrankungen bzw. für ausgewählte Risikogruppen.

„Gebt den Kindern die Freiheit zurück“, fordert Julian Nida-Rümelin einem Gastbeitrag für den SPIEGEL: „Die Gesundheitsrisiken von Kindern und Jugendlichen sind im Vergleich zu den Gesundheitsrisiken älterer Jahrgänge derart minimal, dass sie es nicht rechtfertigen, diese weiterhin mit den gleichen Maßnahmen einzuschränken, obwohl die Gründe für die eingeforderte ‚Solidarität ihren Großeltern‘ durch den Fortschritt der Impfkampagne zunehmend entfallen. Wenn die Großeltern geschützt sind, muss von ihren Enkeln keine Solidarität in der Pandemie mehr eingefordert werden, dann müssen sich Kinder und Jugendliche nicht einschränken, um ihre Großeltern vor Covid-19 zu schützen. (…) Wir können und sollten die Kinder und Jugendlichen mit dem Fortschritt der Impfkampagne baldmöglichst in die volle Freiheit entlassen.“

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Immer noch unklar

Woher kommt SARS-CoV-2?

 

Corona-Spezial Juni 2021 - Als der Hamburger Nanowissenschaftler Prof. Dr. Roland Wiesendanger im Februar 2021 eine Studie zum Ursprung der Coronavirus-Pandemie veröffentlichte, wurde er scharf angegriffen, sogar von der eigenen Universität. Unwissenschaftlich sei seine Zusammenstellung, unhaltbar die These, möglicherweise sei das Virus doch aus einem Labor in Wuhan entwischt und nicht etwa über Wildtiere übertragen worden. Ein Beitrag von Stephan Russ-Mohl in der Neuen Zürcher Zeitung rückt das jetzt wieder gerade. Unter der Überschrift „Der mögliche Laborunfall in Wuhan und die Medien: Wenn Reflexe wichtiger sind als Recherchen" heißt es dort: „Wer die Theorie infrage stellte, dass das Corona-Virus von Tieren übertragen worden sei, wurde in vielen Medien als Aluhut und Verschwörungstheoretiker niedergemacht. Zu Unrecht, wie sich jetzt zeigt." Wiesendanger habe „nur etwas getan, was Wissenschaftler viel öfter tun sollten: Er hat interdisziplinär gearbeitet. Und er hat mit langem Atem sowie akribisch, wenn auch vielleicht bei der Quellennutzung etgwas zu wenig wählerisch, zusammengetragen, was er an widersprüchlichen Erkenntnissen zur Herkunft des Covid-19-Virus finden konnte."  Und nur zu berechtigt ist der Einwand, dass das eigentliche Problem die Kommunikation über diese Arbeit war, die Rainer Korbmann, früherer Chefredakteur von „Bild der Wissenschaft", als „Super-Gau hoch drei" bezeichnet hatte. Die Kritik an Wiesendangers Studie, schreibt Russ-Mohl, „zielte an der Sache selbst vorbei und zeigte nur noch einmal, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Wenn es nämlich in der Wissenschaftskommunikation einen GAU gegeben haben sollte, dann bestünde er darin, dass in vielen Redaktionen seit Jahr und Tag Wissenschaftsjournalisten fehlen, die eine Meldung wie jene über Wiesendangers Nachforschungen angemessen einordnen können. Aber Hand aufs Herz: Dieser GAU ist längst Alltag." 

Möglicherweise habe man doch „die Büchse der Pandora geöffnet“, heißt es jetzt im Bulletin of the Atomic Scientists Anfang Mai. Und knapp drei Wochen später schreibt das Wall Street Journal unter Berufung auf US-Geheimdienste: „Informationen über kranke Mitarbeiter im Wuhan-Labor heizen die Debatte über die Herkunft von Covid-19 an“. Schon im November 2019 könnten diese Mitarbeiter an Covid-19 erkrankt sein – sie hatten Symptome, die dazu passten. Bislang hieß es immer, Covid-19 sei erst im Dezember 2019 aufgetreten. Rasch wurde der Bericht zum Politikum: Top-Experten der USA für Infektionskrankheiten wie Anthony Fauci oder Gesundheitsminister Xavier Becerra „meldeten offen Zweifel an, ob das Virus wirklich auf natürlichem Weg, ‚in freier Wildbahn‘ sozusagen, auf den Menschen übergesprungen sei“, meldete die NZZPräsident Joe Biden ging noch einen Schritt weiter und instruierte seine Geheimdienste, der Sache mal auf den Grund zu gehen und innerhalb eines Vierteljahres einen Bericht zu erstellen, „von dem er ‚klare Schlussfolgerungen‘ erwarte“ – was auch immer das heißen mag.

Damit nicht genug: Im Fachblatt Science forderten 18 Wissenschaftler*innen aus aller Welt: „Untersucht den Ursprung von Covid-19“.  Erik van Nimwegen vom Biozentrum der Universität Basel, einer der Unterzeichner, erklärt in der NZZ, warum er sich den Kolleg*innen angeschlossen hat: „Mein Hauptgrund war, dass ein paar Artikel und Briefe von einer kleinen Gruppe von Wissenschaftlern zusammen mit dem WHO-Bericht bei Laien den Eindruck erweckten, dass es innerhalb der wissenschaftlichen Community einen Konsens darüber gebe, dass man die Möglichkeit eines Labor-Ursprungs von Sars-CoV-2 ausschließen könne. Das stimmt aber nicht. Es gibt derzeit keine konkreten Hinweise, weder auf das Labor-Szenario noch auf einen natürlichen Ursprung. Deshalb sollte keine der beiden Thesen ausgeschlossen werden. Ich fand es wichtig, klarzumachen, dass diese Sichtweise von einer großen Gruppe von Forschern mit breitem Fachwissen unterstützt wird.“ Und auch sein Kollege Richard Neher, der den Brief ebenfalls unterschrieben hat, sagt: „In meinen Augen gibt es derzeit weder überzeugende Hinweise auf einen Laborunfall noch schlagende Argumente für eine direkte Tier-Mensch-Übertragung. A priori ist Letzteres viel wahrscheinlicher, aber das WIV [Wuhan Institute for Virology, d. Red.] forscht seit Jahren an Coronaviren und hat die nächsten bekannten Verwandten von Sars-CoV-2 beschrieben. Daher sollten beide Hypothesen zum Ursprung von Sars-CoV-2 ernsthaft untersucht werden.“

In einem Interview mit dem SPIEGEL erklärte der Biologe und Direktor des Centrums für Naturkunde an der Universität Hamburg, Prof. Dr. Matthias Glaubrecht: „Um ehrlich zu sein, sind Beweise schwierig – zumindest im streng juristischen Sinne. (…) Wir können derzeit nicht widerlegen, dass SARS-CoV-2 aus einem Labor stammt. Genauso wenig können wir aber ausschließen, dass es von einem Tier auf den Menschen übergesprungen ist. Und bleibt nur abzuschätzen, was plausibler ist.“

Noch im Februar 2020 hatten Forscher*innen im Fachblatt „The Lancet“ erklärt, bei den Annahmen, das Virus könnte aus einem Labor in Wuhan entwichen sein, handele es sich um „Verschwörungstheorien“. Auch Christian Drosten hatte dieses Statement unterschrieben. Und die WHO hatte in einer Untersuchungskommission ebenfalls festgestellt, dass diese These „extrem unwahrscheinlich“ sei. Nun ist die WHO allerdings, wie die WELT schreibt, „eine von China dominierte Organisation, keinesfalls neutral.“ Und die US-Zeitschrift Vanity Fair veröffentlichte Anfang Juni eine ausführliche Recherche („Die Labor-Leck-Theorie: Der Kampf um die Herkunft von Covid-19“), aus der hervorgeht, „dass die von Drosten mit unterzeichnete Solidaritätserklärung maßgeblich auf den britisch-amerikanischen Zoologen Peter Daszak zurückgeht. Seine Unabhängigkeit stellt das Magazin infrage: Daszak war demnach früher dafür verantwortlich, dass das chinesische Labor in Wuhan Geld aus amerikanischen Forschungsaufträgen erhielt, und zwar für den nun besonders umstrittenen Teil der Viren-Forschung. In diesem Jahr war Daszak wieder in China. Er ist jetzt Teil einer Forschergruppe, die teilweise von der WHO organisiert ist. Sie soll Fakten sammeln über die Pandemie. Funktioniert so die be- und gerühmte Neutralität der Wissenschaft?“

Für Christian Drosten ist „die plausibelste Quelle“ inzwischen „Chinas Pelzindustrie“, auch wenn er dafür „keinerlei Belege“ habe, wie er in einem Interview mit dem Schweizer Magazin Republik erzählt. Aber „Viren der gleichen Spezies machen die gleichen Sachen und haben häufig die gleiche Herkunft.“ Wenn das Virus versehentlich oder absichtlich in einem Labor erzeugt worden sei, liege das zwar technisch betrachtet im Rahmen des Möglichen. Nur: „Wenn jemand auf diese Weise SARS-2 entwickelt hätte, dann würde ich sagen, der hat das ziemlich umständlich gemacht.“ Ein Forschungsunfall sei „ausgesprochen unwahrscheinlich“.

Umso bemerkenswerter erscheint es, dass jetzt die G7-Staaten bei ihrem Gipfeltreffen in Cornwall eine „vertiefte Untersuchung der WHO zum Ursprung der Corona-Pandemie“ einforderten, wie die WELT berichtet. Da werden die Geheimdienste noch einiges zu tun haben …

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Zum Sehen, Hören, Lesen

Kultur für Herz, Geist und Sinne

Der Sommer steht bevor – und damit die Ferien mit viel Zeit für gute Lektüre. Deshalb gibt es dieses Mal in dieser Rubrik nur einige schöne Lesetipps, denn gerade in den Ferien ist "digital detox" doch ein guter Vorsatz ... Und der Griff zu einem guten Buch schon die halbe Erholung! 

Rechtzeitig vor der Bundestagswahl ... 
... hat Robin Alexander, stellvertretender Chefredakteur Politik bei der Tageszeitung DIE WELT, eine sorgfältig recherchierte Analyse über die Ära Angela Merkel und die deutsche Politik verfasst. Kenntnisreich und mit vielen Insider-Informationen zeichnet er die Lage, in der sich unser Land heute befindet. Er beschreibt die Machtkämpfe, die es regierungs- und parteiintern innerhalb der CDU/CSU gab, und ebenso die Lücke, in die jetzt die Grünen stoßen – "als wahre Nachfolger Angela Merkels", wie Robin Alexander meint. Es ist ein ungemein spannend geschriebenes Buch, das ebenso unterhaltsam ist wie es substantiell argumentiert und analysiert und gerade dadurch vielleicht mancher und manchem eine Hilfe ist bei der Entscheidung, wen man am 26. September denn wählen soll. Dabei ergreift der Autor für keine Seite Stellung – und genau so soll es ja auch sein.  
Robin Alexander: Machtverfall. Merkels Ende und das Drama der deutschen Politik: Ein Report. Siedler Verlag, 384 Seiten, 22 Euro

Ein Journalistenleben und Panorama von 75 Jahren deutscher Geschichte  
Er ist einer der bekanntesten Journalisten Deutschlands und ein besonders engagierter und kritischer dazu: Stefan Aust. Am 1. Juli wird er 75 Jahre alt und hat zu diesem Anlass seine Autobiographie vorgelegt. Und da Stefan Aust ein kundiger Begleiter des Zeitgeschehens war (und immer noch ist), verbindet sich damit nicht nur die Schilderung eines spannenden Lebensweges, sondern zugleich auch ein Panorama deutscher Geschichte. Aust hat die beiden Kinder von Ulrike Meinhof vor einem palästinensischen Guerilla-Camp gerettet und sich selbst damit in höchste Lebensgefahr gebracht. Jahrelang hat er die Zeitschrift "konkret" geprägt, für das ARD-Magazin "Panorama" gearbeitet, SPIEGEL-TV erfunden, von 1994 bis 2008 den SPIEGEL selbst (also das Magazin) so erfolgreich geführt, dass es danach nur noch bergab gehen konnte, und heute prägt er der WELT seinen Stempel auf und sorgt dafür, dass ausgerechnet die vielfach geschmähte "Springer-Presse" in ihrer Berichterstattung eines der kritischsten und ausgewogensten Medien ist, die wir im deutschspachigen Bereich vorzuweisen haben. 
Stefan Aust: Zeitreise. Die Autobiographie. Piper Verlag, 656 Seiten, 26 Euro

Nachdenkliches zur Corona-Krise
Man hat ihn von Beginn als "Corona-Leugner" diffamiert und diskreditiert, jetzt hat Wolfgang Wodarg ein Buch geschrieben, in dem er sein ganzes Wissen als Epidemiologe und Gesundheitspolitiker bündelt. Es sei gerade denjenigen ans Herz gelegt, die ihn so schnell in eine bestimmte Ecke stellen, denn Wodarg zeigt anhand der Erfahrungen mit der "Schweinegrippe" ebenso wie jetzt mit der Corona-Epidemie Zusammenhänge auf, die nachdenklich stimmen müssen. Dabei wird nichts einfach behauptet, sondern jeweils mit Quellen belegt, die jede*r nachvollziehen kann. Man muss nicht jede seiner Meinungen teilen, aber es lohnt doch, genau hinzuschauen und sich mit den von ihm benannten Fragen und Argumenten bzw. Analysen auseinanderzusetzen. Ein wichtiges Buch in einer krisenhaften Zeit, in der viele Weichen für die Zukunft gestellt werden. Dass es auf Anhieb in der SPIEGEL-Bestsellerliste erschien, spricht für sich. 
Wolfgang Wodarg: Falsche Pandemien. Argumente gegen die Herrschaft der Angst. Rubikon Verlag, 424 Seiten, 20 Euro

Patient*innen als Weichensteller*innen
Es gibt Begegnungen, die dem Leben schlagartig eine völlig neue Richtung geben und die biographische Weichen neu stellen. Für die Ärzt*innen und Pflegende hat Ellen de Visser jetzt lauter solche Geschichten von berührenden Begegnungen zusammengetragen, die deren Leben auf entscheidende Weise geprägt und verändert haben. Es sind oft kurze, aber umso einprägsamere Blitzlichter auf Geschehnisse, deren Bedeutung sich meist erst später erschließt. 
Ellen de Visser: Der eine Patient, der mein LEBEN verändert hat. mvg Verlag, 256 Seiten, 14,99 Euro 

Eine wichtige Diskussion 
In dieser Legislaturperiode wurde es nichts mehr mit der Diskussion über die Neufassung des Gesetzes zum assistierten Suizid im Bundestag, aber in der nächsten kommt dieses Thema mit Sicherheit wieder auf die Tagesordnung. Da ist es gut, sich jetzt schon mit den damit verbundenen Fragen zu befassen. Zwei Bücher tun das auf unterschiedliche Art und Weise: Jean-Pierre Wils, holländischer Philosoph und Theologe und Autor des schon 2007 erschienenen Buches "Ars moriendi. Über das Sterben" argumentiert differenziert und spürt einfühlsam allen wichtigen Fragen nach. Dabei leugnet er nie die Notwendigkeit des Rechts auf Selbstbestimmung, aber er berücksichtigt eben auch die sozialen Folgen. Und er setzt sich damit auseinander, ob es sich bei dem assistierten Suizid wirklich um "einen letzten Akt der Selbstverwirklichung und Emanzipation" handelt. Dabei bezieht er auch die Erfahrungen aus den Niederlanden mit ein. 
Der Psychologe Norbert Groeben dagegen bezieht klar Stellung und verteidigt den "rationalen Suizid" anhand von acht prominenten Beispielen von Menschen, die sich aus verschiedenen Gründen das Leben genommen haben. Er unterscheidet dabei den "Leidens-Suizid" von Hannelore Kohl von dem "Präventiv-Suizid" Gunter Sachs' oder dem "Bilanz-Suizid" George Eastmans und entwickelt daraus ein "Verfahrensmodell" für die Zukunft. 
Jean-Pierre Wils: Sich den Tod geben. Suizid als letzte Emanzipation? Hirzel Verlag, 200 Seiten, 24 Euro
Norbert Groeben: Sterbenswille. Verteidigung des rationalen Suizids und Sterbebeistands. wbg Academic, 212 Seiten, 24 Euro

Nicht nur für Südtirol-Fans
Frauen hatten es in einer patriarchalischen Gesellschaft noch nie leicht, anerkannt zu werden – um ein Vielfaches mehr jedoch in abgelegenen Regionen, noch dazu auf einem Bergbauernhof. Die Geschichte einer solchen Frau, die ihr Refugium mit Zähnen und Klauen verteidigt, schildert Jarka Kubsova in ihrem Roman "Bergland". Sie erzählt, wie hart Rosa um ihren Hof kämpfen muss, der einsam auf 1670 Metern Höhe in Südtirol liegt, und wie sie der Versuchung widersteht, anderswo ein leichteres, bequemeres Leben zu führen. Sie schildert darin aber auch, wie es zwei Generationen später aussieht, als Rosas Enkel und seine Frau wiederum kämpfen müssen, um den Hof zu erhalten. Jarka Kubsova ist damit ein Roman gelungen, in den man nicht nur auf der Almwiese liegend gerne eintaucht, sondern der klarmacht, wie viel Idealismus und Stärke und Entschlusskraft nötig sind, um solche Oasen in unserer technisierten Welt weiterhin zu bewahren. 
Jarka Kubsova: Bergland. Wunderraum bei Goldmann, 288 Seiten, 20 Euro

Vom Mut, sich den Herausforderungen des Lebens zu stellen 
Wie ist es, wenn man mit 18 Jahren durch einen Verkehrsunfall erblindet und alles, was man sich bis dahin erträumt hatte, schlagartig Makulatur ist? Wie findet man sich als junge Frau mit so einem Schicksal ab, wie kann man es wenden und daraus neuen Lebensmut und vor allem Lebensfreude beziehen? Das erzählt der Autor Felix Leibrock, der u.a. als Seelsorger bei der Bayerischen Bereitschaftspolizei arbeitet, in diesem Buch. Die Geschichte der jungen Selma liegt ihm umso näher, als er selbst als junger Mann fast sein Augenlicht verloren hätte und es nur über zwei schwierige Operationen bewahrt werden konnte. Die Quintessenz sowohl von ihm selbst als auch der jungen Selma ist: Nie die Hoffnung verlieren! Immer zuversichtlich bleiben! In Corona-Zeiten sind diese Botschaften besonders wichtig. 
Felix Leibrock: Wenn der Sommer kommt, tanzen die Träume. Eine Erzählung für Hoffende. Europa Verlag, 240 Seiten, 16 Euro

Die Geschichte einer Zürcher Institution 
Wer schon mal in Zürich war, kennt sie vielleicht, die Kronenhalle, das legendäre Restaurant direkt am Zürichsee und der Bellevue, mit den vielen Fotos an den Wänden, die Zeugnis davon ablegen, wer hier schon alles "Mistkratzerli" oder "Zürcher Geschnetzeltes" verspeist hat. Alles, was Rang und Namen hat(te) in der Kultur sowie die gesamte intellektuelle Elite oder was sich dafür hielt, gab sich dort ein Stelldichein. Was für eine Familiengeschichte sich hinter dieser Institution verbirgt, enthüllt jetzt der Roman von Agnes Morgenthaler, in dem wiederum eine Frau die Geschicke prägt. Er ist fiktional, orientiert sich jedoch an wahren Begebenheiten. 
Agnes Morgenthaler: Die Patronin. Eine Frau greift nach den Sternen. List Verlag, 320 Seiten, 22,99 Euro

Süffige Sommerlektüre 
Was gibt es Schöneres, als sich auf dem Liegestuhl vom Sommerwind umfächelt in eine spannende Lektüre zu vertiefen und sich mitreißen zu lassen von einer Geschichte, die man nur ungern unterbrechen mag? Die Roman-Trilogie von Anne Stern um "Fräulein Gold" ist dafür wie geschaffen (ein vierter Band erscheint im November 2021). Sie erzählt den Werdegang der jungen Hebamme Hulda Gold Anfang der 1920er Jahre und zeichnet damit gleichzeitig ein Bild von der Gynäkologie und Geburtshilfe in dieser Zeit in Berlin. Wer "Babylon Berlin" mag oder die "Charité"-Serie in der ARD, wird von den Abenteuern der Hulda Gold kaum wieder loskommen. Fragt sich nur noch, wann der Stoff verfilmt wird ... 
Anne Stern: Fräulein Gold. Band 1: Schatten und Licht. Band 2: Scheunenkinder. Band 3: Der Himmel über der Stadt. Rowohl Polaris, 400-480 Seiten, jeweils 16 Euro

Schillernde Persönlichkeit
Und noch eine Geschichte aus dem Anfang des vergangenen Jahrhunderts: die der jüdischen Schauspielerin Rahel Blindermann, die als Maria Orska in den 1920er Jahren berühmt wurde und als Lulu und Salome Triumphe feierte. Ihre Lebensgeschichte zeigt, wie schnell aus einem Höhenflug ein tiefer Sturz werden kann und wie eine Frau, die sich in ihrer Kunst völlig verausgabt hat und das freie Leben liebt, den Drogen verfällt und an einer gnadenlosen Umwelt zerbricht. Ein spannend geschriebenes Buch mit vielen Fotos, das dieser bedeutenden Schauspielerin endlich ein Denkmal setzt. 
Ursula Overhage: Sie spielte wie im Rausch. Die Schauspielerin Maria Orska. Verlag Seemann Henschel, 272 Seiten, 24 Euro