Corona-Spezial

Unser Kompass zu COVID-19 und Gedanken über die Krisenzeit

Hier finden Sie aktuelle Berichte, Informationen und Stellungnahmen zur Corona-Pandemie sowie Gedanken über die Krisenzeit. Wir aktualisieren diesen Bereich in unregelmäßigen Abständen – je nach Lage der Dinge.

In diesem Zusammenhang sei auch auf unser Archiv hingewiesen. Wir haben uns dafür entschieden, jeweils nur die vergangenen zwei bis drei Monate zu dokumentieren, vor allem, weil vieles, was wir in der Zeit davor geschrieben und kommentiert haben, inzwischen wieder überholt ist und leicht zu Missverständnissen Anlass geben kann.

Und noch eine Erklärung vorneweg: So manches, worauf wir hinweisen, wirft einen kritischen Blick auf den derzeitigen Kurs der Bundesregierung. Das bedeutet allerdings nicht, dass wir die Pandemie in ihrer Existenz in Frage stellen. Wir sind uns sehr wohl der Gefahren bewusst, die sich mit einer Infektion mit SARS-CoV-2 verbinden können. Wir sind uns vor allem auch der fatalen weltweiten Auswirkungen bewusst, die diese Pandemie schon jetzt nach sich zieht und fürderhin noch ziehen wird. Wir bringen diese Zusammenstellung an Informationen und Quellen, weil sie ergänzend notwendig sind, um einen offenen, fairen und sachgemäßen demokratischen Dialog zu führen, ohne den wir in einer totalen Spaltung der Gesellschaft landen.

Es kommt immer wieder vor, dass sich Rechtsradikale und Neonazis oder die AfD unserer Argumente bemächtigen. Das können wir nicht verhindern. Aber wir distanzieren uns ganz klar und entschieden von solchen Übergriffen und ebenso von diesen Kreisen.

Unser Corona-Spezial im Februar umfasst folgende Themen:

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Die große Unsicherheit

Wie geht es weiter?

 

Corona-Spezial Februar 2021 – Seit dem Januar-Corona-Spezial ist nur wenig Zeit vergangen, und es zeichnet sich immer mehr ab, dass die Regierung das Vertrauen der Bevölkerung mehr und mehr einbüßt. Wut und Protest von Friseur*innen und Einzelhändler*innen bekommen auf Facebook, Twitter und Instagram zigtausende von Likes und werden vielfach geteilt und weiterverbreitet. Die Menschen sind mürbe, die Maßnahmen werden immer unverständlicher: Warum sollen Friseur-, Mode- oder Schuhgeschäfte, Restaurants und Museen mit ihren ausgefeilten Hygienekonzepten, über die sie den Publikumsstrom perfekt steuern können, nicht öffnen dürfen, während sich nebenan im Supermarkt die Menschen vor den Regalen und Kassen oder auch teilweise im ÖPNV drängen? Immer mehr Landkreise fallen bei der Inzidenz unter die magische Marke von 50 Fällen pro 100.000 Einwohnern – Konsequenzen hat das bisher nicht.

Die Medien sehen Merkels Kurs inzwischen zunehmend kritisch: „Verlängerter Lockdown: Merkel auf Geleitzugfahrt ins Ungewisse“, kommentiert die Neue Zürcher Zeitung am 20. Januar. Die Krisenmanager würden „im Ungefähren operieren“ und damit „Geduld und Einsicht der Bürger auf eine harte Probe“ stellen. „Müde und mürbe“ wirkten Merkel, Söder und Müller nach ihrer jüngsten Lockdown-Verlängerung. Der politische Umgang mit der Pandemie schwanke „immer noch zwischen Hoffnung und Verzweiflung“. Vorwiegend regiere der Konjunktiv: „Hielten sich die Bürger brav an alle Vorgaben, nähme – womöglich – auch die Zahl der Infektionen ab.“ In dem „Geleitzug“ der Kanzlerin, hätten alle bis ans Ende der Pandemie widerspruchslos mitzuschippern: „Wann das sein soll und wie lange vor allem der Lockdown noch dauern soll, konnte sie auf Nachfrage nicht sagen. Ein Kurs ohne Ziel und ohne Ankunftszeit macht aber nicht nur Politiker müde. Die Bürger sind es längst.“

„Merkel, Kurz und Mutationen: Politik am Volk vorbei“ hieß das Motto beim „Talk im Hangar 7“ des österreichischen Servus-TV am 21. Januar 2021, in der das RTL-Urgestein Helmut Thoma, die Publizistin Cora Stephan und der SZ-Kolumnist Heribert Prantl klare Worte fanden. Für die zigtausende von Grippe- oder Krebs-Toten habe man nie ein Denkmal errichtet, jetzt soll für Corona-Opfer ein Gedenktag etabliert werden, äußerte Thoma sein Unverständnis. Er sei schon für ein Denkmal, sagte Prantl, aber für ein ganz anderes als die Gedenkfeier, das der Bundespräsident jetzt für den 18. April vorgesehen hat: „Mein Denkmal bestünde darin, die Mindestlöhne für die Pflegekräfte wirklich kräftig hochzusetzen um 50 Prozent. Mein Denkmal bestünde darin, die Situation in den Pflege- und Altenheimen intensiv zu verbessern, die Personalschlüssel zu verändern und zu sagen, da kümmert sich die Gesellschaft jetzt wirklich um diejenigen, die für diese Gesellschaft jahrzehntelang gearbeitet haben.“  

Als „Kanzlerin der unterlassenen Hilfeleistung“ bezeichnete Markus Feldenkirchen Angela Merkel in einem Essay im SPIEGEL (Bezahlschranke). Ihr Führungsstil werde in der Pandemie zum Problem: „Es fehlen Kreativität, Elan und Ambition. Das hat gravierende Folgen fürs Land.“ Bei Anne Will am 31. Januar hatte Wirtschaftsminister Peter Altmaier eingestanden, die Regierung wisse nicht, welche Pharma-Werke in Deutschland für eine Impfstoffproduktion genutzt werden könnten. Das sei, so Feldenkirchen, „in diesem Stadium der Krise eine Bankrotterklärung“. Es sei auch „das Dokument einer für die Ära Merkel nicht untypischen Bräsigkeit.“ Kritik an Merkel werde immer noch als unschicklich empfunden. Nach Gerhard Schröders „Führungsstil der ruppigen Hemdsärmeligkeit“ habe das Volk ein Bedürfnis nach einer bescheiden-geerdeten Art, nach unprätentiöser Nüchternheit: „Angela Merkel wusste dieses Bedürfnis zu bedienen. Nach fast 16 Jahren ist auch ihr Führungsstil nicht mehr zeitgemäß.“

„Das ‚Vorsorgeprinzip‘ der Bundeskanzlerin wird immer unglaubhafter“, schreibt die WELT (Bezahlschranke) am 27. Januar, denn wenn die Zahlen sinken, dürfte es schwer sein, die Drohkulisse aufrechtzuerhalten. Kein Wunder also, wenn das „Einverständnis mit dem Corona-Krisenmanagement auf neuem Tiefststand ist“, wie die WELT am 4. Februar aufgrund einer Umfrage von Infratest Dimap konstatiert. Nur noch die Hälfte der Bürger*innen sei mit dem Kurs von Bund und Ländern „zufrieden“ oder „sehr zufrieden“. Die Menschen seien verärgert über den schleppenden Verlauf der Impfungen und das Vorgehen der Europäischen Kommission beim Einkauf der Impfstoffe. Ging die Impfkampagne anfangs nur der Hälfte der Befragten nicht schnell genug, waren es im Februar schon 68 Prozent.

Dass das Vertrauen so nachlässt, hängt auch mit der Kommunikationsstrategie der Regierung zusammen. „Sicherlich sind die Verantwortlichen überzeugt, nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt zu haben und meinen, dass man ihnen deshalb keinen Vorwurf machen kann. Vielleicht denken sie aber auch, dass zu viel Ehrlichkeit nicht gut ankommen würde“, sagt der Gießener Rechtswissenschaftler Steffen Augsberg, der auch dem Deutschen Ethikrat angehört, in einem Interview mit der WELT am 5. Februar (Bezahlschranke). Er wünsche sich „mehr Offenheit und Selbstkritik im Sinne der demokratischen Debatte, aber auch zur Verbesserung des Infektionsschutzes“. Am traurigsten sei, dass sich die Parlamente weitgehend selbst entmachtet“ hätten: „Ein Pluralismus der Meinungen einschließlich vielleicht scharfer, aber produktiver Kritik – das ist es doch, was die parlamentarische Demokratie auszeichnet und stark macht.“

Aber wenn etwas lange versäumt wurde, lässt sich nicht innerhalb weniger Tage mit einer Kommunikationsoffensive einfangen, schon gar nicht, wenn man sich um klare Worte herumdrückt, wie Alexander Kissler in der NZZ kommentiert: „In der Krise tut Angela Merkel, was ihr am schwersten fällt: sie kommuniziert. Das macht die Lage nur noch schlimmer.“ Merkel finde keine Worte dafür, Kritik anzunehmen und Zweifel zu zerstreuen. Und tatsächlich sind Sätze wie die am 5. Februar im Interview mit RTL geäußerten nicht dazu angetan, den Menschen Hoffnung zu machen oder Zuversicht zu verbreiten: „Wir müssen jetzt ganz, ganz vorsichtig sein, damit auf den letzten Metern nicht so viele Menschen noch sterben.“ Wie gern würde sie „auch etwas Gutes verkünden, aber es hat ja keinen Sinn, wir dürfen ja auch keine falschen Hoffnungen wecken.“ Die Welt werde erst wieder „ganz normal“, wenn alle Menschen weltweit die Chance zur Impfung erhalten haben ...

Am 10. Februar – also kurz nach Erscheinen dieses Corona-Spezials – werden sich Regierung und Ministerpräsident*innen erneut treffen, um über das weitere Vorgehen zu entscheiden. Sie stehen dabei auch zwischen den Fronten der Wissenschaftler*innen, die unterschiedliche Strategien verfolgen. Da ist zum einen die Gruppe der 17 Wissenschaftler*innen um Melanie Brinkmann, Sandra Ciesek, Isabella Eckerle und Viola Priesemann, die im renommierten Fachblatt The Lancet einen Vier-Punkte-Aktionsplan für eine „No-Covid“-Strategie vorgelegt haben, womit auch die neuen SARS-CoV-2-Mutanten bekämpft werden sollen:

1. Erreichen und Erhalten niedriger Fallzahlen mit einer klaren Präventionsstrategie, Definition der Ziele und deren Kommunikation, frühes Handeln, scharfe Kontaktreduzierung (Homeoffice und Online-Unterricht) sowie AHA-Maßnahmen.

2. Verfolgen der Virusausbreitung und seiner Mutationen mit „test, trace, isolate, support“ (testen, verfolgen, isolieren, unterstützen).

3. Das Virus an den Grenzen stoppen und die Verletzlichen schützen. Reduktion von Reisen inner- und außerhalb der Landesgrenzen, Test- und Quarantäne-Routinen für Grenzgänger. Verbesserung des Schutzes der Alten und Verletzlichen. Förderung des innereuropäischen Austauschs über erfolgreiche Strategien und Maßnahmen, um die Prozesse zu beschleunigen.

4. Die Wirksamkeit und das Tempo der Impfungen steigern. Beobachten von Infektionen bei Geimpften, um mögliche Reinfektionen mit neuen Virusvarianten zu entdecken oder ein Nachlassen der Impfwirkung schnell aufzudecken. Drängende Fragen durch internationale Kooperation beantworten, bessere Impfschemata erforschen, um die Logistik zu verbessern; die Impfbereitschaft steigern durch Daten aus verschiedenen Ländern.

  1. Diese „No-Covid“-Initiative unterscheidet sich von der „Zero-Covid“-Strategie anderer Wissenschaftler*innen vor allem dadurch, dass sie einen klugen, kurzen und effizienten Lockdown fordert anstelle eines langen und ausgedehnten, weil die Folgen für die Wirtschaft dann gravierend sein würden. Die Gruppe plädiert deshalb nicht für Grenzschließungen, sondern für mehr Tests vor und nach dem Grenzübertritt sowie für Kontaktbeschränkungen mit kleinen, sozialen „Bubbles“ anstelle ständig wechselnder Kontakte. Um Ausbrüche frühzeitig zu erkennen, soll vermehrt auch an Schulen und Arbeitsplätzen getestet werden.

Melanie Brinkmann, die zum Beraterstab der Bundesregierung und der Ministerpräsident*innen gehört und einen massiven Lockdown mit dem Ziel einer „No-Covid“-Strategie vertritt, hält in einem Spiegel-Interview (Bezahlschranke) mit ihrem Frust und ihrer Empörung, dass diese Strategie nicht befolgt wird, nicht hinterm Berg: „Der Wettlauf ist längst verloren. Es wird kommen wie in England“. Sie und ihre Mitstreiter*innen glauben „nicht an die Strategie, dass man mit dem Virus irgendwie leben kann, sondern dass man es besiegen muss“. Man könne das Virus auch bei einer Inzidenz von unter 50 nicht im Zaum halten, mit diesem Kurs habe man keine Chance. Es brauche eine „konsequent durchgesetzte Kontaktvermeidungsstrategie“, um die 7-Tage-Inzidenz unter 10 zu drücken. Dann könnten die Gesundheitsämter wieder die Infektionsketten nachverfolgen, und „wir alle bekämen unser Leben zurück, zumindest ein Leben so ähnlich wie im Sommer 2020.“ Das „Larifari des ‚hier ein bisschen Homeoffice, dort ein improvisiertes Hygienekonzept‘“ müsse aufhören. „Die Pandemie wird uns auch noch 2022 beschäftigen – wahrscheinlich darüber hinaus.“

Auf der anderen Seite steht das Plädoyer des Bonner Virologen Hendrik Streeck, der in einem Interview mit der WELT am 30. Januar (Bezahlschranke) sagte: „Wir dürfen unser Leben nicht von Viren bestimmen lassen“ und in einem gerade erschienenen Buch („Hotspot. Leben mit dem neuen Coronavirus“, Piper Verlag, 192 Seiten, 18 Euro) seine Strategie auf der Grundlage seiner Erfahrungen mit der Heinsberg-Studie (die im Buch auch ausführlich dargestellt wird) näher erläutert. Er setzt auf Hygienekonzepte und kreative Lösungen sowie auf Langzeitstrategien für Schutz, Sicherheit und wieder mehr Leben. Für Streeck heißt das vor allem: die vulnerablen Gruppen in Alten- und Pflegeheimen schützen. Das geschehe immer noch nicht ausreichend, beklagte er auch in einer sehenswerten Gesprächsrunde von Markus Lanz am 3. Februar. Wie das gehe, zeigen die Erfahrungen aus Münster, Tübingen (siehe dazu auch das Interview in der NZZ mit Lisa Federle, der Ärztin hinter dem „Tübinger Weg“, die früh auf eine umfassende Teststrategie gesetzt hat,) und Rostock, die jeweils niedrige Inzidenzraten und Todesfälle haben. Bei Lanz kommt dazu der Oberbürgermeister von Rostock, der Däne Claus Ruhe Madsen, ausführlich zu Wort und schilderte seine Strategie und Entscheidungen, mit denen er zum Teil gegen den Strom schwamm.

Streeck geht davon aus, dass SARS-CoV-2 in Deutschland heimisch werde, ebenso wie andere Corona-Viren es wurden, mit denen wir bisher schon zu tun hatten. Er nimmt auch an, dass einige Teile der Bevölkerung bereits eine Immunität durch Kontakt mit eben diesen anderen Corona-Viren erworben haben und deshalb nicht erkranken oder nur einen milden Verlauf haben. Es sei in Studien bereits beobachtet worden, dass die Gedächtniszellen des Immunsystems bereits eine Immunantwort gespeichert haben, die im Kontakt mit SARS-CoV-2 wieder aufgerufen werden könne. Es sei davon auszugehen, dass SARS-CoV-2 alljährlich im Herbst wieder aufwache und es dann zu einer neuen Welle komme – so wie auch die Influenza-Viren in dieser Zeit immer wieder Saison haben.

Eine „klare, planbare, einfache Strategie“ fordert die Erfurter Psychologie-Professorin Cornelia Betsch in einem Interview mit ZEIT online. Das würde die Menschen wieder motivieren: „Wenn man weiß, was zu tun ist und es umsetzen kann, stärkt das die Selbstwirksamkeit, man spürt, dass man durch die eigene Handlung etwas erreicht.“ Die Regierung allein werde es aber nicht richten: „Wir brauchen eine viel breitere gesellschaftliche Basis mit vielen Akteuren. (...) Es braucht gesellschaftliche, gemeinsame Power, die auch zu kommunizieren und auf gemeinsame Ziele hinzuarbeiten.“ Aus Angst, sich angreifbar zu machen, tue die Politik sich oft schwer, konkret und alltagsnah zu werden und klar zu sagen, was man im Alltag tun soll.

Stufenpläne und einen interdisziplinären Austausch fordern Wissenschaftler*innen, die der Epidemiologe Klaus Stöhr um sich geschart hat, und haben dafür eine Arbeitsgruppe Covid-Strategie gebildet. Ihr gehören u.a. der Hamburger Virologe Jonas Schmidt-Chanasit an sowie der Freiburger Medizinstatistiker Gerd Antes (der lange Jahre die deutsche Cochrane Collaboration Arbeitsgruppe leitete), Dr. René Gottschalk vom Gesundheitsamt Frankfurt/Main sowie Matthias Schrappe und Hedwig François-Kettner von der Autor*innengruppe, die schon mehrere Thesenpapiere zur Corona-Pandemie verfasst hat. 

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Ziemlich verstolpert

Die Impfkampagne – was bringt sie wirklich? 

 

Corona-Spezial Februar 2021 – Es ist schon recht offensichtlich, dass Jens Spahn die Impfkampagne gegen Corona ziemlich verstolpert hat. Riesige Impfzentren errichten, aber nicht für genügend Impfstoff sorgen, die Verantwortung immer wieder auf andere schieben, Nebenwirkungen herunterspielen, auffällig gehäufte Todesfälle nach Impfungen in Alten- und Pflegeheimen nicht zügig aufklären und keine engmaschige wissenschaftliche Begleitung der Impfungen etablieren – wie soll die Bevölkerung da Vertrauen entwickeln?

Immer noch ist vieles unklar im Hinblick auf Wirkung und Wirksamkeit des bisher vorwiegend eingesetzten m-RNA-Impfstoffs von Biontech/Pfizer und Moderna. Man weiß nicht, ob die Geimpften andere anstecken können, wie lange sie selbst vor einer Ansteckung geschützt sind oder ggf. einen milderen Krankheitsverlauf haben. Was man bisher über alle in der Entwicklung befindlichen Impfstoffe weiß, hat der Kinderarzt Dr. Steffen Rabe in seinem Blog als Überblick zusammengefasst.

Zu den Nebenwirkungen erstellt das Paul-Ehrlich-Institut regelmäßig einen „Sicherheitsbericht“. Der neueste fasst die Erkenntnisse bis zum 31. Januar zusammen. Aus Norwegen kamen alarmierende Meldungen über schwere Nebenwirkungen gerade bei alten und kranken Menschen, wie die Berliner Zeitung berichtet. Die Schweiz hat den AstraZeneca-Impfstoff gar nicht erst zugelassen, sie will abwarten, bis weitere Daten vorliegen, wie die Neue Zürcher Zeitung berichtet. Die europäische Zulassungsbehörde EMA dagegen gab grünes Licht, und zwar für alle Erwachsenen, obwohl es für Personen über 55 Jahre keine aussagekräftigen Studien gibt. Man erwarte eine ausreichende Wirkung, ließ die Zulassungsbehörde mitteilen. „Ein fragwürdiger Entscheid“, kommentierte die Neue Zürcher Zeitung. Denn Vertrauen schafft das natürlich nicht gerade, ebensowenig die Zahlenspielereien bei der Interpretation der Studienergebnisse. Folgerichtig riet die Ständige Impfkommission deshalb von einem Einsatz bei Personen über 65 Jahre ab.

Aufgrund der Mutationen will Spahn die Impfverordnung bereits wieder ändern, berichtet die WELT, denn, so RKI-Chef Wieler: „SARS-CoV-2 ist gefährlicher geworden, die Varianten haben dem Virus einen Boost gegeben. Es gibt erste Hinweise, dass B.1.17 (die britische Variante, d. Red.) vermehrt auch zu schweren Krankheitsverläufen führt.“ Spahn möchte aufgrund der inzwischen erfolgten Zulassung des AstraZeneca-Impfstoffs zügig auch Personen von 18 bis 64 Jahren damit impfen lassen.

Aber: „Je mehr wir impfen, desto mehr Varianten werden auftreten“, so Wieler bei einer der Pressekonferenzen Ende Januar. Und so beißt sich die Katze in den Schwanz, denn es ist völlig unklar, ob die jetzt eingesetzten Impfstoffe auch gegen die zu erwartenden vielen verschiedenen Mutationen des Virus wirken werden – es gehört nun mal zu den prägenden Eigenschaften gerade der Corona-Viren, sich ständig zu verändern. Die „Financial Times“ berichtete am 2. Februar, dass Antikörper, die aus dem Blut von Personen extrahiert wurden, die den Biontech/Pfizer-Impfstoff erhalten hatten, gegen die britische Mutation nur eine Effektivität von 10 Prozent hatten.

Dass die Impfung nicht gegen die neueren Mutationen schützt, scheint auch ein erneuter Corona-Ausbruch in einem Alten- und Pflegeheim in Belm im Landkreis Osnabrück zu bestätigen, wie die WELT berichtet. Dort ist bei 14 Senior*innen die britische Variante nachgewiesen worden, obwohl alle Bewohner*innen am 25. Januar zum zweiten Mal geimpft worden sind. Aufgefallen sei die neuerliche Infektion bei den täglichen Schnelltests der Mitarbeiter*innen.

Eines scheint jedoch sicher zu sein: Vergünstigungen für Geimpfte wird es auf absehbare Zeit nicht geben. In diesem Sinne hat sich der Deutsche Ethikrat in seiner Ad-hoc-Empfehlung, die er am 4. Februar vorstellte, geäußert. „Die Wirksamkeit einer Impfung bedeutet, dass der Geimpfte selbst nicht schwer an COVID-19 erkranken kann. In welchem Maße er noch andere mit dem SARS-CoV-2 Virus anstecken kann, wissen wir noch nicht“, erklärte Alena Buyx, Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, bei der Pressekonferenz. Sonderrechte könne es nur geben, wenn gesichert wäre, dass Geimpfte das Virus nicht weiter verteilen würden – was aber nicht der Fall sei: „Eine vollständige Unterdrückung der Ansteckungsgefahr durch Impfstoffe ist nicht gegeben.“ Sigrid Graumann, Sprecherin der AG Pandemie des Ethikrats ergänzte: „Das Virus wird auch mit der Impfung nicht verschwinden, Infektionen wird es trotzdem weiterhin geben. Das sollte klar kommuniziert werden. Besondere Regelungen für Geimpfte machen keinen Sinn und wären auch ungerecht, weil noch nicht alle Menschen ein Impfangebot erhalten können“, erklärte auch Sigrid. „Wir brauchen eine vorsichtige Rücknahme der Kontaktbeschränkungen für alle, keine Sonderrechte für Geimpfte.“

Die Stellungnahme hat in den Medien kritische Kommentare provoziert. „Wer drankommt, sollte mehr dürfen“, meint z. B. Stefan Ulrich in der Süddeutschen Zeitung. Wer als Geimpfter das Gesundheitssystem nicht mehr belaste und andere deutlich weniger gefährde, könne verlangen, seine Rechte zumindest in Teilen zurückzuerlangen. Dazu seien Impfpässe nötig und das könne auch Impfskeptiker beeinflussen. Beides sei „im Interesse der Freiheitsrechte“ hinzunehmen. Das Diskriminierungsverbot greife hier nicht. Es erlaube Ungleichbehandlung, wenn ein sachlicher Grund bestehe. Ein Impfschutz könne ein solcher sein. Auch der Gegenwartsphilosoph Markus Gabriel forderte in einem Interview in der WELT (Bezahlschranke): „Geimpfte müssen unverzüglich ihre Grundrechte zurückerhalten.“ Das sei eine „moralische Pflicht“ und „ein Akt der Solidarität“.

Um eine Orientierungshilfe zur Impfung und den verschiedenen Impfstoffen zu geben, haben wir Dr. Steffen Rabe und den Virologen und Epidemiologen Klaus Stöhr zu einem Live-Talk am 25. Februar eingeladen. Seien Sie mit dabei!

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Eine schwierige Frage

Übersterblichkeit – ja oder nein?

Corona-Spezial Februar 2021 – Alltäglich gibt das RKI die neuesten Zahlen bekannt, auch die „an oder mit Corona“ Verstorbenen. Und immer häufiger geht es in letzter Zeit um die Frage: Haben wir durch die Corona-Pandemie eine Übersterblichkeit oder nicht?

„Keine deutliche Übersterblichkeit in Deutschland“ konstatiert der SPIEGEL am 29. Januar (Bezahlschranke). „Die Corona-Pandemie hat 2020 zu einer Übersterblichkeit geführt, zeigen neue Daten“, schreibt dagegen die Süddeutsche Zeitung (Bezahlschranke). Wer hat recht? Wer es ganz genau wissen will, kann sich in eine englischsprachige Arbeit von Michael Höhle vertiefen. Leichter verständlich ist die Erklärung, mit der der Statistiker Göran Kauermann, Dekan der Ludwig-Maximilians-Universität München, Licht ins Datendunkel bringt. Er rät in einem Interview mit der WELT dem RKI, „die Daten besser zu lesen“. Es seien „nicht unerwartet mehr Menschen gestorben als im Schnitt der vier Jahre davor“. Man dürfe nicht nur die absoluten Zahlen sehen, sondern müsse die Altersstruktur mit berücksichtigen – der Jahrgang 1940 sei ein besonders geburtenstarker gewesen. Deshalb sind in dieser Altersgruppe auch mehr Tote zu erwarten. Wenn man den Alterseffekt bereinige, sei das Jahr 2020 „ein nicht nennenswert auffälliges Jahr“. Kauermann bemängelt die allgemein unbefriedigende Datenerfassung: „Zu Intensivpatienten gibt es keine Altersangaben, das gleiche gilt für die Mutanten. Oder das Testgeschehen. Angesichts der Datenqualität des Robert-Koch-Instituts bin ich eher skeptisch, ob wir irgendwann zu aussagekräftigen Analysen kommen. (...) Für uns Statistiker ist es erschreckend zu sehen, dass die Datenqualität in Deutschland immer noch eine einzige Katastrophe ist.“

„Die Zahlen des RKI sind unbrauchbar“, kritisiert auch Prof. Dr. Bertram Häussler, Leiter des Instituts für Gesundheits- und Sozialforschung in Bremen, im Gespräch mit der WELT. Sie beschreiben die Mortalität über einen Zeitraum von mehreren Wochen und nicht die akute Lage. „Das sind keine Zahlen, um zeitnahe Entscheidungen zu treffen.“ Dass die Einordnung der Zahlen die Demografie mit berücksichtige, fordert auch das Nachrichtenportal Nordbayern ein.

Interessant in diesem Zusammenhang ist eine Analyse der WELT über die Todesraten bei früheren Epidemien in der Bundesrepublik.

 

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Wo aber Gefahr ist ...

... wächst das Rettende auch

Corona-Spezial Februar 2021 – Es ist nicht zu übersehen: Psychische Auffälligkeiten, Ängste, psychosomatische Störungen, Gewalt gegen Frauen und Kinder, Verhaltensauffälligkeiten, vermehrte Alkohol-Probleme – all das verstärkt sich mit fortdauerndem Lockdown noch weiter, wie diverse Berichte zeigen. Eines der eindringlichsten Plädoyers, dass die "Kollateralschäden" der Pandemie stärker ins Bewusstsein gerückt werden, hat die Moderatorin des SAT.1-Frühstücksfernsehens, Marlene Lufen, bei Instagram gepostet. Sie hat das gemacht, was die großen Medien eigentlich schon längst hätten machen sollen: sie rief die Verbände und Institutionen an und fragte nach Zahlen. Was sie herausfand, ist erschreckend. Erfreulich allerdings, dass ihr Beitrag inzwischen weit über 11 Millionen mal angeschaut worden ist. 

Dass gerade Alleinerziehende im zweiten Lockdown besonders zu kämpfen haben, sich einen Anspruch auf einen Kita-Platz im Rahmen der Notbetreuung erst erstreiten müssen, Probleme mit dem Ex-Partner, Homeoffice und Online-Unterricht haben, schildert Ann-Kathrin Eckardt höchst anschaulich in ihrer Reportage Alleinerziehende am Limit" für die Süddeutsche Zeitung.

Wie dramatisch die Belastung für Kinder sein kann, beschreibt Leonhard Landes in der WELT anhand der Berichte von drei Psychiatern unter der Überschrift „Ich will nicht mehr leben“, sagte das Kind zu seiner Mutter. In der Münchner Abendzeitung gesteht der Kinderarzt Stefan Hammann: „Ich mache mir richtig Sorgen!“ Er sehe „viele verzweifelte Eltern und teils extrem verunsicherte Kinder oder Kinder mit Entwicklungsstörungen“. Störungen, die früher schon bestanden, hätten sich durch die Corona-Maßnahmen „extrem verschlechtert“; Kinder, die auf einem guten Weg waren, machen wieder Rückschritte. „Die allerersten Erinnerungen an die Kindheit beginnen mit zweieinhalb bis drei Jahren. Das heißt z. B., dass ein heute vierjähriges Kind sein ganzes erinnerliches Leben unter Pandemiebedingungen verbracht hat. Es darf keine Kontakte haben, nicht neugierig auf andere zugehen usw.“ Für Migrantenkinder sei die Lage noch viel schlimmer. Und: „Wie erleben Sechsjährige ihre Einschulung? Auf Distanz!“ Noch schlimmer seien die Zehntklässler dran, die von der Schule abgehen und dann keinen Ausbildungsplatz finden. Übergewicht werde zunehmend zum Problem, weil die Kinder sich nicht mehr bewegen, sondern stundenlang vor dem Bildschirm hocken oder gar die Lust am natürlichen Bewegungsdrang verlieren. Zudem zeigen sich durchaus verschiedene Entwicklungsrückschritte bei den Kleinsten. Es mache ihn „betroffen, manchmal auch wütend“, weil er die Entscheidungen der Politik nicht nachvollziehen könne, sagt Hammann. In den Gremien, die entscheiden, sollten mehr Lehrer, Erzieher und Sozialarbeiter beteiligt sein, nicht nur Virologen und Epidemiologen: „Wir müssen viel mehr Leute hören, das ist Demokratie.“

Eine Umfrage der pronova BKK unter Psychiatern und Psychotherapeuten ergab einen Anstieg der Suchterkrankungen und auch der Rückfälle in die Sucht. Offenbar versuchen viele Menschen, ihren Frust, Stress oder ihre Verzweiflung mit Alkohol, Zigaretten oder anderen Drogen zu betäuben. Rückfälle sind naheliegend, wenn die bisher gewohnten Strukturen (z. B. die Treffen der Anonymen Alkoholikern) nicht mehr möglich sind. Online lässt sich das kaum ersetzen. Wo bleibt im Hinblick auf diese Pandemie-Auswirkungen der Gesundheitsschutz?

Dass die Kulturbranche besonders hart getroffen ist und seit einem Jahr nahezu vollständig brach liegt, ist bekannt. Dass es sich dabei um einen riesigen Wirtschaftsfaktor handelt, wissen nur wenige. Mit 643 Milliarden Euro macht die Branche mehr Umsatz und beschäftigt in Europa mehr Menschen als die Autoindustrie oder die Luftfahrt. „Der Kultur fehlt die Lobby“ konstatiert ein lesenswerter Bericht in der WELT (Bezahlschranke), der mit beeindruckenden Zahlen aufwartet und all den Kleinstunternehmern – Künstler*innen, Musiker*innen, Schauspieler*innen, Tänzer*innen, Graphiker*innen und anderen Kreativen endlich eine Stimme gibt.

 „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“, lautet ein Vers aus Friedrich Hölderlins Patmos-Hymne – und selten war er so wichtig und bedeutsam wie in dieser Zeit. Es ist sicher eine der wichtigsten Maßnahmen gegen den Corona-Koller, nicht die Zuversicht zu verlieren und in all dem Schlamassel auch eine Aufforderung zum Handeln zu sehen:

  • Beteiligen Sie sich an örtlichen Initiativen im Sinne von Bürgerräten, die Lehren aus der Krise ziehen wollen. GESUNDHEIT AKTIV ist gerade dabei, solche Initiativen ins Leben zu rufen und zu unterstützen. Über unseren Newsletter halten wir Sie auf dem Laufenden.
  • Schreiben Sie uns, wie es Ihnen geht und wie Sie mit der Krise umgehen – es tut gut, sich darüber auszutauschen. Wir werden das im nächsten Newsletter gerne aufgreifen.
  • Helfen Sie Ihren Nachbarn, tun Sie etwas Sinnvolles, das Ihnen Freude macht.
  • Unterschreiben Sie die Pflege-Petition der Zeitschrift STERN. Sie fordert mehr Geld, mehr Zeit und mehr Menschlichkeit für die Pflegenden und ebenso für die zu Pflegenden. Bis zum 11. Februar kann sie noch mit unterschrieben werden. Bereits jetzt haben 195.000 Menschen die Petition gezeichnet, sie ist damit die erfolgreichste Petition, die je beim Deutschen Bundestag eingereicht wurde.
  • Unterschreiben Sie den Appell für eine Agrarwende statt Agrarwüste, denn die Vergabe der Gelder innerhalb der EU entscheiden mit darüber, ob Monokulturen in der Landwirtschaft weiter gefördert werden und damit das Artensterben noch weiter voranschreitet.  
  • Orientieren Sie sich an positiven Nachrichten, nicht immer nur an negativen Hiobsbotschaften. Eine davon ist z. B. das „Netzwerk Wissenschaftsfreiheit: Rund 70 Wissenschaftler*innen gründeten am 3. Februar dieses Netzwerk, das sich gegen Einschränkungen der Wissenschaftsfreiheit und eine zunehmende Verengung von Fragestellungen, Themen und Argumenten in der akademischen Forschung wendet: „Vielerorts ist an den Universitäten ein Klima entstanden, in dem abweichende Positionen und Meinungen an den Rand gedrängt und moralisch sanktioniert werden. Diese Einschränkungen der Wissenschaftsfreiheit, folgen häufig einer ideologischen oder politischen Agenda. Sie behindern eine rationale und ergebnisoffene Suche nach Erkenntnis, die den Kern der Freiheit der Wissenschaft in der Tradition der Aufklärung ausmacht. Cancel Culture und Political Correctness haben die freie und kontroverse Debatte auch von Außenseiterpositionen vielerorts an den Universitäten zum Verschwinden gebracht. Die Wissenschaftsfreiheit in Deutschland sei deshalb in Gefahr, sagte Andreas Rödder, Historiker an der Universität Mainz und einer der Initiatoren des Netzwerks, in einem Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur. „Mit ihrem Appell und der Gründung des Netzwerks wollen die Wissenschaftler*innen „die Voraussetzungen freiheitlicher Forschung und Lehre verteidigen und stärken. Sie setzen sich für eine von Sachargumenten und gegenseitigem Respekt geprägte Debattenkultur ein. Intellektuelle Freiheit, Neugierde und wissenschaftlicher Pluralismus sind dafür unabdingbar“, heißt es in der Presseerklärung anlässlich der Gründung.
  • Bleiben Sie zuversichtlich und pflegen Sie die Dankbarkeit – sie verbindet die Seelen. Es gibt vieles, worüber wir auch jetzt, in diesen dunklen Zeiten der Krise, dankbar sein können. Wenn es Ihnen hilft, führen Sie ein Tagebuch darüber: Schreiben Sie jeden Tag auf, wofür Sie dankbar sind. Sie werden merken: Ihre Stimmung wird sich dabei gleich ein wenig aufhellen.
  • Verlieren Sie nicht den Humor! Jeden Tag mindestens einmal herzhaft zu lachen, ist gut für die Seele!

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Zum Sehen, Hören, Lesen ...

Kultur für Herz, Geist und Sinne 

Es ist eine schöne Tradition geworden, dass wir Sie zusammen mit den Neuigkeiten zur Corona-Krise auf Entspannendes, Erheiterndes, Erbauliches aus der Kultur hinweisen. Das sei hiermit fortgesetzt. 

Zum Anschauen und Anhören 

Plädoyer für das Menschenrecht auf Frieden
Konstantin Wecker
Schon aus dem Oktober 2020, aber aktueller denn je ist ein Wortbeitrag und ein Lied von Konstantin Wecker, sein Plädoyer für das Menschenrecht auf Frieden. Es erscheint umso drängender, als - weitgehend unbeachtet und nicht weiter kommentiert in den Medien - die Verteidigungsausgaben um satte 1,16 Milliarden Euro auf 53,03 Milliarden Euro erhöht wurden und damit einen Rekordstand erreichen. Aber Weckers eindringliche Worte sind auch unabhängig davon nur allzu berechtigt. 

Zum Lesen 

Die neue Religion des Menschen? 
Der österreichische Arzt und Buchautor D.r Günther Loewit hat sich schon seit längerem als Kritiker des etablierten Medizinsystems mit der ausschließlichen Orientierung auf die Naturwissenschaften hervorgetan. Jetzt hat er ein neues Buch publiziert, in dem er das Gesundheitswesen mit dem Klerus gleichsetzt. Er schreibt über "ein ausuferndes Gesundheitssystem, das sich vom Vorgang der Zeugung bis zum Tod des Individuums tief in das gesellschaftliche Selbstverständnis eingegraben" habe und das "in einer Intensität, wie sie in den vergangenen Jahrhunderten in unseren Breitengraden nur von der römisch-katholischen Religion bekannt war". Wer sich nicht an die Gebote der Schulmedizin halte, werde zu Sündern abgestempelt. Die "Hostie des katholischen Sonntags" sei die Tablette. Statt des einmaligen Sakraments der Taufe setze die Medizin bereits zu Beginn des Lebens auf eine Orgie an Untersuchungen und Impfungen. Von nun an sei es nicht mehr möglich, ohne die weiteren Sakramente der Medizin zu überleben: "Guidelines und Evidence-based-Medicine ersetzen den kirchlichen Kanon, Percentilen und Normwerte den Katechismus. Der Hausarzt weist zu, die Fachärzte schieben die Verantwortung untereinander hin und her. Krankenhäuser sichern sich ab. Die Frage nach dem subjektiven und psychischen Wohlergehen des Individuums wird nur selten gestellt. Wärme und Zuwendung werden von der Kasse nicht honoriert." Ein stellenweise bitterböses, aber nur zu berechtigtes Buch. 
Günther Loewit: Sehnsucht Unsterblichkeit. Wie die Medizin zur neuen Religion der Menschen wird. Goldegg Verlag, 260 Seiten, 24 Euro

Verbeugung vor einer mutigen, klugen Frau 
Zwei Biographien über Susan Sontag  
Geboren 1933 in New York, und ebendort 2004 gestorben, war Susan Sontag in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts eine der wichtigsten amerikanischen Intellektuellen. Sie schrieb Essays und Romane, drehte Filme als Produzentin und Regisseurin und hatte keine Scheu vor niemandem. Ein Workaholic, umstritten, geliebt und gehasst. Jetzt gibt es zwei sehr unterschiedliche biographische Annäherungen an diese sehr besondere, unerschrockene, kluge Frau, die - wie es heißt - von einer "glühenden Unbedingtheit" war. Bejamin Moses zeichnet auf 928 Seiten penibel jede ihrer Regungen und Bewegungen nach und lässt dabei oft kein gutes Haar an dem Subjekt seiner Betrachtungen, Sigrid Nunez dagegen komprimiert ihre Erinnerungen zu einer fast schon zärtlich-liebevoll wertschätzenden Essenz auf 142 Seiten. Das eine wie das andere ist eine anregende, spannende Lektüre. 
Sigrid Nunez: Sempre Susan. Erinnerungen an Susan Sontag. Aufbau Verlag, 142 Seiten, 18 Euro 
Benjamin Moser: Sontag. Die Biografie. Penguin Verlag, 928 Seiten, 40 Euro 

Auf der Suche nach dem Örtchen 
Von wegen barrierefrei ... 
Den leicht panischen Blick kennt vermutlich jede*r: Wo, bitte, ist die nächste Toilette??! Für Menschen mit Behinderung ist das oft eine vergebliche Suche, denn barrierefrei sind nur die wenigsten "stillen Örtchen". Die Pädagogin Claudia Hontschik und ihr Mann, der Chirurg Bernd Hontschik, haben sich jetzt dieses wichtigen Themas angenommen. Claudia Hontschik kennt das Problem aus eigener Erfahrung: sie ist an MS erkrankt und auf den Rollstuhl angewiesen und musste nur allzu oft die Erfahrung machen, die auch zum Buchtitel geworden ist: "Kein Örtchen. Nirgends." Es ist ein heiteres Buch, ein nachdenkliches, ein anklagendes, vor allem aber ein nur zu berechtigtes. Das Besondere daran ist, dass es eine Art Milieustudie geworden ist, mit Fotos und positiven wie negativen Beispielen. 
Claudia Hontschik, Bernd Hontschik: Kein Örtchen. Nirgends. Westend Verlag, 112 Seiten, 16 Euro 

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