Chaos, Chaos und kein Ende

Lockdowns, Verbote, Angstmache

So viel Chaos gab es selten in der Republik. Seit November werden die Menschen mit Durchhalteparolen verschiedenster Art hingehalten. Man müsse nur noch ein paar Wochen die Zähne zusammenbeißen und konsequent sein, dann sei alles überstanden, heißt es immer wieder. Dann seien genügend Menschen geimpft und alles Leben könne wieder seinen gewohnten Gang nehmen.

Dass das so sein wird, glaubt jedoch kaum noch jemand. Zu widersprüchlich ist die Politik, wie zum Beispiel das Hin und Her beim Einsatz des Impfstoffes von AstraZeneca zeigt. Erst hieß es, er eigne sich nur für die Jungen, dann auch für Ältere, und jetzt – nach nicht mehr zu übersehenden Todesfällen junger Frauen durch Hirnvenenthrombosen – nur noch für über 60-Jährige. Erst hieß es, die Wirksamkeit liege bei rund 80 Prozent, dann musste die Firma diesen Wert nach unten korrigieren, gegen die Südafrika-Variante von SARS-CoV-2 beträgt sie sogar nur noch 10 Prozent. Anfangs hieß es noch, der Impfstoff sei trotz des Thrombose-Risikos sicher und solle nicht zurückgehalten werden; der bayrische Ministerpräsident Markus Söder meinte sogar, „wer will und wer es sich traut, soll auch die Möglichkeit haben“, sich mit AstraZeneca impfen zu lassen (SZ Live-Ticker, Meldung vom 30. März 15:02 Uhr). Impfen also als Mutprobe? Auch das Kanzleramt zögerte – und ließ den Impfstoff weiter einsetzen, obwohl schon klar war, dass die Ständige Impfkommission (STIKO) den Einsatz nur noch bei über 60-Jährigen empfehlen würde, wie das ZDF herausfand.

Inzwischen rudert sogar die Europäische Arzneimittelbehörde EMA zurück: Es sei klar, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Impfstoff und Thrombosen gebe, sagte der Chef der EMA-Impfabteilung, Marco Cavaleri, wie die WELT berichtet (das Original-Interview gab Cavaleri der Zeitung Il Messagero). Damit steht er allerdings im Widerspruch zu den bisherigen Verlautbarungen des Amtes, das den Impfstoff uneingeschränkt weiterhin empfiehlt und sich damit auch gegen die Empfehlung der STIKO stellt und die Risiken herunterspielt. Allerdings gehen auch britische Wissenschaftler für Arzneimittelsicherheit von einer solchen Kausalität aus, wie der Guardian meldet. Die Studien zur Anwendung des Impfstoffes bei Kindern und Jugendlichen wurden inzwischen gestoppt, wie The Wall Street Journal berichtet.

Es ist zuallererst die mangelnde Transparenz in der Kommunikation, die immer wieder das Vertrauen der Bevölkerung zum Einsturz bringt – wenn nicht schrankenlos alles auf den Tisch gebracht wird, was man weiß und was man nicht weiß, lässt sich keine Glaubwürdigkeit und Vertrauensbasis entwickeln. Zudem fällt der Politik wenig ein, um der Bevölkerung eine Perspektive zu weisen, einen Lichtblick am Ende des Corona-Tunnels. Zu wenig wird auf lokale Gegebenheiten eingegangen, zu wenige Ideen entwickelt, zu wenig Selbstverantwortung in die Hände der Bürger*innen und Einrichtungen gelegt. Dabei gibt es gute Beispiele, von Cochem-Zell an der Mosel bis Tübingen (ein anschaulicher Bericht unter dem Titel „Mehr Tübingen wagen?“ findet sich auch in der SZ). Es ist ja auch kaum nachzuvollziehen, warum ein Ort mit einer Inzidenz von 10 alles ebenso geschlossen halten soll wie ein Ort mit einer Inzidenz von 200. Oder warum man nach Mallorca fliegen, aber nicht in die Ferienwohnung an der Ostsee oder in den Bergen fahren darf. Warum Buchläden öffnen dürfen, Modegeschäfte aber nicht. Noch weniger leuchtet ein, dass man im Freien Maske tragen soll, wo doch einer der namhaftesten Aerosolexperten – der Physiker Dr. Gerhard Scheuch – klipp und klar sagt: „Ansteckungen im Freien sind bei dieser Pandemie kaum möglich“ und: „Wir müssen raus aus den gefährlichen Innenräumen!“ bzw.: „Alles, was man draußen machen kann, kann man sofort öffnen“.

Stattdessen werden vielerorts auch noch Ausgangssperren propagiert, z. B. von Karl Lauterbach, und sogar der Epidemiologe Klaus Stöhr will sie nicht ganz ausschließen, wie die WELT berichtet. Demgegenüber hält der Stanford-Professor John Ioannidis solche Maßnahmen für schädlich und plädiert dafür, „auf keinen Fall Ausgangsbeschränkungen, Schulschließungen oder Ähnliches“ zu etablieren: „Auf lange Sicht verschlimmern solche gesetzlichen Einschränkungen die Lage. Während einer aktiven Welle müsste man die Pflegeheime noch besser schützen und die sonstigen Risikogruppen zu noch mehr Social Distancing aufrufen. (...) Vorläufig scheint es, als habe der Lockdown sogar einen negativen Effekt gehabt. Fallzahlen sinken auch ohne solche Maßnahmen wieder.“ Die weniger restriktiven Maßnahmen würden ausreichen. Ausgangssperren könnten sogar schaden.

„Ausgangssperren sind ein nutzloses Konzept“ meint auch Gerhard Strate, einer der prominentesten Strafverteidiger des Landes, in der WELT und reichte einen Antrag auf Erlass einer Einstweiligen Anordnung ein, der diese Woche beim Hamburger Verwaltungsgericht verhandelt wird. Seine Begründung: „Die vorliegenden Zahlen der Corona-Infektionen lassen nicht erkennen, dass die angekündigte Ausgangssperre eine verhältnismäßige, grundrechtskonforme Maßnahme wäre.“ Und er kommentiert: „Diese dauerhafte Verbotspolitik hat dazu geführt, dass selbst in einer doch so liberalen und offenen Stadt wie Hamburg eine Atmosphäre der Denunziation entsteht. Das ist kaum noch zu ertragen. 72 Jahre Grundgesetz und 70 Jahre Rechtsprechung des Verfassungsgerichts haben bei manchen wohl doch nicht die freiheitliche Grundeinstellung hinterlassen, die ich erwartet hätte. Gerade bei den führenden Politikern.“

Ebenso schreibt der Rechtsprofessor Volker Boehme-Neßler von der Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg in einem Gastbeitrag für die ZEIT, die Ausgangssperren seien „nicht von der Verfassung gedeckt“, die Maßnahme sei „zu drastisch und zugleich wenig wirksam“. Ausgangssperren seien ein probates Mittel der Politik in Diktaturen und autoritären Regimen: „Sie dienen dazu, das Verhalten der Bevölkerung zu kontrollieren. Letztlich zerstören sie das öffentliche Leben und behindern Kontakte und Kommunikation unter den Bürgerinnen und Bürgern. Deshalb sind sie gut geeignet, um autoritäre Staatsmacht zu sichern. In Demokratien sind sie eher verpönt. Vor diesem Hintergrund ist es mehr als irritierend, dass in Deutschland und in anderen europäischen Staaten Ausgangssperren verhängt werden.“ Die Politik ignoriere andere Maßnahmen, die weniger tief in die Grundrechte eingreifen: „Überzeugen, mitnehmen und motivieren – das ist der demokratische Weg, auch in einer bedrohlichen Pandemie.“ Die Politik habe den Draht zur Bevölkerung verloren: „Was wir erleben, ist keine gleichberechtigte Kommunikation unter Partnerinnen auf Augenhöhe. Wir erleben stattdessen Pressekonferenzen, in denen harte Grundrechtseinschnitte verkündet und notdürftig, nicht selten floskelhaft begründet werden. Wir sehen im Fernsehen eine Kanzlerin, die völlig verständnislos auf Kritik reagiert und kaum ihren Unmut über die uneinsichtige Bevölkerung verbergen kann. Auch die anderen Spitzenpolitiker kommunizieren von oben nach unten, nicht auf Augenhöhe. Das spüren die Menschen, und es demotiviert sie. Hier liegt eine tiefere Ursache der Pandemiemüdigkeit.“

Währenddessen werden jedoch weiterhin Angst und Panik geschürt, auch von den Grünen. So behauptete der Arzt und Bundestagsabgeordnete Janosch Dahmen z. B. am 21. März bei Anne Will: „Wir haben 65.000 Menschenleben in 140 Tagen verloren. (...) Die Gruppe, die jetzt gefährdet ist, die 50- bis 80-Jährigen, die sind alle ungeimpft. Die werden alle sterben. Es werden viele sterben. Es werden viele ihr Leben lang Folgen behalten.“ Auf welcher Grundlage er solche waghalsigen Prophezeiungen wagt, hat er allerdings nicht verraten.

Dahmen wusste sich jedoch durchaus einig mit Christian Drosten: „Für die Jahrgänge ab 50 wird es ‚brenzlig‘“, wie der SPIEGEL berichtet. Die Situation werde sich wegen der englischen Mutante „drastisch erschweren“, weshalb „ein erneuter Lockdown“ nötig sei, um die Dynamik zu stoppen, sagte er am 30. März im Coronavirus-Update von NDR-Info. Die Situation sei „sehr, sehr ernst und sehr kompliziert“. Fazit: „Es bleibt nur noch der Holzhammer.“ In diesem Podcast diffamiert Drosten ein weiteres Mal alle Andersdenkenden pauschal als „Pseudoexperten“. Sie hätten zwar Professoren- und Doktortitel, seien aber nicht vom Fach und häufig schon „lange Zeit im Ruhestand“. Konkret benennt Drosten die Verfasser der KBV-Stellungnahme im Herbst (Andreas Gassen – ein Arzt, Hendrik Streeck und Jonas Schmidt-Chanasit – beide Virologen) oder auch die Wissenschaftler*innen der „Great Barrington Declaration“. Sie alle würden nur „eine Minderheitsmeinung“ repräsentieren, die gegen eine „Mehrheitsmeinung von professionellen Wissenschaftlern“ stehe.

Seit Wochen steuere Deutschland „für alle sichtbar auf Katastrophenkurs“ meint der SPIEGEL und titelt gleich: „Das letzte Gefecht“: „Immer lauter werden die Warnungen aus verschiedenen Richtungen. Intensivärzte, Virologen, Mathematiker, von Biontech-Gründer Ugur Sahin über den Virologen Christian Drosten bis hin zum SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach, sie alle sagen das gleiche: Die Pandemie droht zu entgleisen, die dritte Welle türmt sich auf, überwältigende Infektionszahlen drohen, bis zu 100.000 neue Corona-Fälle am Tag ab Anfang Mai sind möglich. Trotz der aktuellen Einschränkungen.“

Der Weltärztekammer-Präsident Frank-Ulrich Montgomery liebt es noch drastischer und plädiert für weitere harte Eingriffe seitens des Staates (Liveticker, Meldung vom 6. April, 16:11 Uhr): „Wenn wir keinen Lockdown machen würden, dann würde diese Infektion jetzt völlig ungebremst über das ganze Land hinwegrollen. Dabei würde eine ganze Reihe von Menschen zusätzlich sterben, zu allen anderen, bis zu 200.000 sind die Prognosen.“

Fast alle solche Hochrechnungen und die daraufhin von der Politik angeordneten Maßnahmen beruhen auf mathematischen Modellierungen. Solche epidemiologischen Modelle seien jedoch eher „mit Wettervorhersagen vergleichbar“, meint der Physik-Professor Frank Scheffold in einem Interview mit der WELT. Mal stimmen sie, mal nicht: „Die Erfahrungen aus den vergangenen Monaten zeigt, dass Vorhersage und eingetretene Realität sehr oft eklatant auseinanderlagen.“ Die Pandemie sei „ein Wechselspiel zwischen Infektionsgeschehen, Maßnahmen, menschlichem Verhalten und öffentlicher Erwartung.“ Man sollte schon Worst-Case-Szenarien abschätzen und die Infrastruktur darauf einstellen. „Aber man sollte auf keinen Fall die ganze Strategie und Debatte darauf aufbauen.“

„Was sich in Reagenzgläsern und im Labor hundertausendfach ohne Ausnahme belegen lässt, ist deswegen noch lange nicht überall im Alltag zutreffend“, meint auch der frühere Direktor des Hamburgischen Weltwirtschafts-Instituts und Professor für Volkswirtschaftslehre an der Uni Hamburg, Thomas Straubhaar in einem Gastbeitrag für die WELT. Spätestens wenn es „um praktische Bewertungen von Wirkungszusammenhängen und Korrekturmechanismen“ gehe, sei es „mit der Allgemeingültigkeit theoretischer Erkenntnisse endgültig vorbei“. Die Zero-Covid-Bewegung müsse sich „die Kritik gefallen lassen, dass sie mit ihren konkreten Politikempfehlungen zwangsläufig den harten Boden der Wissenschaft verlassen“ habe: „Sie ist nichts mehr als eine Ideologie, an die man glauben mag oder nicht.“ Straubhaar empfiehlt, dass man „Menschen auch (und gerade!) in schwierigen Pandemiezeiten tun lässt, was sich bei der Bewältigung von Komplexität in aufgeklärten Gesellschaften bestens bewährt hat: durch alltägliche Erfahrungen von unten und nicht durch Zwang von oben.“ Weniger Vorschriften und mehr Selbstverantwortung seien die beste Strategie, um Komplexität von unten zu reduzieren.

„Mehr Freiheit wagen“ fordern auch Michael Esfeld, Professor für Wirtschaftsphilosophie an der Universität Lausanne und Mitglied der Leopoldina, und der Ökonom und Philosoph Philip Kovce, Mitglied im Thinktank 30 des Club of Rome, in einem Meinungsbeitrag in der WELT. Die derzeitigen Kontrollmaßnahmen des Staates begrenze die Freiheit des Einzelnen nicht zum Wohle aller, sondern ersticke sie letztlich zulasten aller im Keim: „Ein Grund, warum Freiheitsrechte inzwischen derart verramscht werden, liegt darin, dass akademische Marktschreier dringend deren Ausverkauf anpreisen. Tenor: Der Mensch sei dem Menschen ein Virus, weshalb alle ‚Viren‘ zum Schutz voreinander von Staats wegen isoliert werden sollten. Virusfrei first, Grundrechte second. Wer im Zuge dieser Virokratie nicht mehr Diktatur wagen will, dem wird vorgeworfen, den Ernst der Lage zu verkennen oder gar Böses im Schilde zu führen.“ Der Staat sollte sich „darauf beschränken, den Schutz von Risikogruppen zu ermöglichen und den Schutz von Grundrechten zu gewährleisten. Dafür könnte er nicht nur Masken, Impfstoffe und Schnelltests bereitstellen helfen; er könnte auch jedem Bürger, wenn und solange eine ‚epidemische Lage von nationaler Tragweite‘ festgestellt wird, die rechtlichen und finanziellen Möglichkeiten einräumen, freiwillig einen individuellen Lockdown anzutreten (sei es, um andere zu pflegen oder sich selbst zu schützen).“

Die Regierung bleibt jedoch bei ihrem Verbotskurs, wobei den Lockdowns ständig neue Namen verpasst werden. Mal ist es ein „Wellenbrecher-Lockdown“, ein „Lockdown light“, mal ein „harter Lockdown“ oder gar ein „Hammer-Lockdown“. Jüngst brachte Armin Laschet den „Brücken-Lockdown“ ins Spiel. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Denn ständig droht eine neue Virus-Mutante – zurzeit ist es die englische, dann gibt es ja noch die südafrikanische und brasilianische. Und das werden nicht die letzten sein. Dann also am besten gleich der „Dauer-Lockdown“? „Wir müssen endlich raus aus der Endlosschleife“ kommentiert Andreas Rosenfelder, Ressortleiter Feuilleton bei der WELT, diesen Zustand. Er erinnert daran, dass man am 20. März 2020 im Bundesministerium des Inneren verschiedene Szenarien für den Verlauf der Corona-Epidemie durchspielte und „als einigermaßen tröstlichen Best Case“ mit 126.000 Toten rechnete, was dem Verlauf einer schweren Grippe entspricht. Heute, so Rosenfelder, „würde man dafür als Corona-Leugner verhöhnt“. Bis Mitte März sind 75.000 Menschen an und mit Corona gestorben, das Durchschnittsalter liegt bei 84 Jahren: „Eine ernste Epidemie, fraglos – aber keine Menschheitskatastrophe. (...) Wer mit Lockdowns auf Mutationen reagiert, landet in einem Teufelskreis – gerade in einem Land, dessen Krisenmanagement an die späte Sowjetunion erinnert.“ Und er fragt: „Ist es überhaupt notwendig, darauf zu warten, dass alle Deutschen geimpft sind? Bei einer Krankheit, die für einen großen Teil der Bevölkerung tatsächlich nicht viel gefährlicher ist als eine Grippe? Ist es angemessen, zur Senkung der Inzidenzwerte Schulen zu schließen und so Bildungswege zu ruinieren? Darf man, um ‚Long Covid‘ bei Fünfzigjährigen zu verhindern, eine Generation von Jugendlichen in Essstörungen und Suizide treiben?“ Sein Fazit: „Wenn die Politik den Ausweg aus der Sackgasse nicht findet, wird aus einer Epidemie, die bisher harmloser verläuft als es das ‚Best-Case-Szenario‘ vor einem Jahr vorsah, unter Garantie ein historisches Worst-Case-Szenario.“

Bei der Frage, welcher Weg aus der Pandemie der richtige ist, teilt sich die Bevölkerung und auch die Politik mittlerweile in zwei Lager: Die einen fordern, das Land für kurze Zeit (zwei Wochen? drei? vier?) komplett runterzufahren, das gesamte öffentliche Leben lahmzulegen, um danach wie Phönix aus der Asche wieder neu zu erwachen – weitgehend virusfrei und in alter Frische. Die anderen plädieren für eine Anpassung an die lokalen Gegebenheiten – wo eine niedrige Inzidenz herrscht, kann man auch wieder öffnen, unter Einhaltung diverser Hygiene- und Schutzkonzepte.

Schaut man allerdings mit großem Abstand auf das Geschehen, dürfte klar sein, dass sich SARS-CoV-2 niemals wird komplett ausrotten lassen. Sämtliche „No-Covid“- oder „Zero-Covid“-Strategien sind also im Grunde obsolet, weil sie nie zum Ziel führen können, dieses Virus weltweit auszurotten, selbst wenn man die Inzidenz an irgendeinem Ort auf Null bringen könnte. Irgendeine Mutation wird es immer geben.

Vorerst bleibt allerdings unklar, wie es in Deutschland in den nächsten Wochen und Monaten weitergeht. Sicher ist jedoch eines: Weder mit noch so vielen Lockdowns noch mit Ausgangssperren oder anderen drastischen Maßnahmen wird dieses Virus wieder verschwinden. Es wird in unserem Leben bleiben. Und wir werden lernen müssen, damit zu leben – die vulnerablen Bevölkerungsgruppen bestmöglich zu schützen, Kindergärten und Schule zu öffnen (Näheres dazu unter der Überschrift Kinder und Jugendliche: Die fatalen Folgen der jetzigen Politik), aber auch Strategien und Behandlungsmöglichkeiten für die an Covid-19 Erkrankten zu entwickeln. Davon ist bisher noch viel zu wenig die Rede, dabei hätten die Naturheilkunde und auch die Anthroposophische Medizin viel Positives dazu beizutragen, wie die Erfahrungen in den anthroposophischen Krankenhäusern und Arztpraxen zeigen.

Wir brauchen endlich einen anderen Blick auf das Pandemiegeschehen. Einen Beitrag dazu haben Michaela Glöckler und Andreas Neider geleistet, indem sie zu Ostern ein Memorandum veröffentlicht haben. Es plädiert für „ein Umdenken in der Corona-Politik und mehr Verständnis für die Meinungsvielfalt in der Krise“ und möchte zu einem konstruktiven Dialog beitragen. Darin angesprochen werden so heikle Themen wie „Welche Denkweise liegt den weltweit abgestimmten Maßnahmen zugrunde, um die Pandemie erfolgreich zu bekämpfen?“, „Warum werden nicht alle Infizierten krank und von denen, die krank werden, nicht alle schwer krank?“, „Was macht Angst vor Krankheit und Tod mit uns? Was macht Mut und gibt Hoffnung und Zuversicht?“, „Welche Rolle spielen Autonomie, Teilhabe und Mitverantwortung?“ Es sind Fragen wie diese, zu deren breitem gesellschaftlichen Diskurs die Corona-Pandemie auffordert. Wenn wir darauf die richtigen Antworten finden, werden wir auch einen guten Weg aus der Pandemie herausfinden – im offenen, konstruktiven Dialog.

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Peinlichkeiten, Pech und Pannen

Die Geduld der Bürger*innen ist erschöpft

 

Fürchte dich nie, nie, niemals davor, das zu tun, was richtig ist, speziell dann, wenn das Wohl eines Menschen oder eines Tieres auf dem Spiel steht. Die Strafe der Gesellschaft ist nichts verglichen mit den Wunden, die wir unserer Seele zufügen, wenn wir wegschauen. (Martin Luther King)

Corona-Spezial März 2021 – Seit nunmehr vier Monaten verharrt die Republik im Lockdown mitsamt allen, teilweise hanebüchenen Maßnahmen (z. B. Maske tragen beim Joggen). Die Einhaltung der Einschränkungen wird zeitweise mit höchst fragwürdigen Methoden überwacht: So jagte z. B. ein Polizeiauto einen Jugendlichen, der sich ohne Maske von seinem Freund verabschiedet hat, mit Blaulicht und Karacho durch den Hamburger Jenischpark; mit dem Hubschrauber kontrolliert die Polizei der Hansestadt, ob Jogger- und Spaziergänger*innen rund um die Alster, in der Innenstadt oder an der Elbe Maske tragen; im Englischen Garten in München messen Beamte mit Zollstöcken nach, ob die Abstände beim Genuss der Frühlingssonne eingehalten werden ... und vieles weitere mehr.

Gleichzeitig hat die CDU/CSU als Regierungspartei ein Amigo-Problem. Der CDU-Politiker Nikolas Löbel, der die ihm gewährte Provision von 250.000 Euro für die Vermittlung von Kaufverträgen für Schutzmasken als „branchenüblich“ bezeichnete (tagesschau.de, 5. März 2021), hat inzwischen auf Druck seiner Parteikolleg*innen seine politische Karriere beendet, sein Bundestagsmandat niedergelegt und ist aus der CDU ausgetreten. Der schon zuvor der Bestechung beschuldigte CSU-Politiker Georg Nüsslein, der für ähnliche Geschäfte satte 660.000 Euro Provision eingestrichen haben soll und dem die WirtschaftsWoche ein „profitables Amigo-Netzwerk“ nachsagt, verlässt die Unionsfraktion und ebenso die CSU mit sofortiger Wirkung und kündigte ebenfalls an, sich aus der Politik zurückzuziehen, wie tagesschau.de berichtet. Dass er dennoch seinen Sitz im Bundestag vorläufig noch bis zum Herbst beibehält, hängt vermutlich mit den zu erwartenden Pensionsansprüchen zusammen ...

Als Reaktion darauf will Bundesgesundheitsminister Jens Spahn jetzt die Namen aller Bundestagsabgeordneten veröffentlichen, die an der Beschaffung von Corona-Schutzmasken beteiligt waren, wie das Deutsche Ärzteblatt berichtet. Aber Spahn steht selbst unter Beschuss. Die ZEIT deckte auf, dass der Minister im Frühjahr 2020 bei der Beauftragung von Transport und Lagerung von Schutzmasken und -kleidung – immerhin ein Geschäft in Milliardenhöhe – keine öffentliche Ausschreibung gemacht, sondern ein CDU-nahes Unternehmen aus dem Münsterland direkt damit betraut hat. Das ist nicht nur nicht üblich, sondern hat auch noch ein Gschmäckle: Spahn ist Stellvertretender Vorsitzender des CDU-Bezirksverbands Münsterland. 

Überdies hat sich der Minister bei den Medien unbeliebt gemacht, weil er nachforschen ließ, wer sich erdreistet hatte, beim Grundbuchamt Berlin-Schöneberg seinen Immobiliengeschäften auf den Grund zu gehen, wie die SZ berichtet. Betroffen waren vor allem Spiegel, Bild, Stern und der Tagesspiegel, aber auch freie Journalisten. Spahns Anwälte sollen das Amtsgericht, zu dem das Grundbuchamt gehört, aufgefordert haben, den gesamten Schriftverkehr mit den Redaktionen und „sämtliche etwaige weitere Presseschreiben mitsamt den Antworten des Grundbuchamtes herauszugeben“. Außerdem sollten die Namen derjenigen benannt werden, die sich nach Spahns Immobiliengeschäften erkundigt hatten. Das Amtsgericht kam dieser Forderung inzwischen nach.

Auf solche inquisitorischen Maßnahmen und jegliche Behinderung von Recherchen reagieren Journalist*innen hochsensibel, denn Grundbuchämter dürfen Journalist*innen grundsätzlich Auskunft geben: „Ein Bundesminister sollte die Pressefreiheit achten“, mahnte der Tagesspiegel, und zitiert den Bundesvorsitzenden des Deutschen Journalisten-Verbandes, Frank Überall: „Beides geht nicht – eine eilfertige Behörde und ein Minister, der peinlich bemüht ist, private Immobiliengeschäfte im siebenstelligen Bereich unter der Decke zu halten.“ Als Mitglied der Bundesregierung und speziell als Chef eines Ministeriums, das wegen der Corona-Pandemie im Fokus der Öffentlichkeit stehe, müsse sich Spahn Recherchen von den Medien gefallen lassen.

Damit nicht genug: Die Kritik an Spahn wächst auch im Hinblick auf das Impf-Chaos, Versäumnisse bei den Schnelltests und dem Masken-Management. War es doch das Spahn'sche Bundesgesundheitsministerium, das 8,5 Millionen FFP2-Masken (FFP = Filtering Face Piece) in Umlauf gebracht hat, die in Qualitätstests durchfielen. Offenbar halten die Dinger nicht, was sie versprechen, und lassen mehr Partikel durch als sie dürften, wie die WELT herausgefunden hat und ein „Prüfchaos“ beklagt, bei dem TÜV, Dekra und andere Unternehmen unterschiedliche Maßstäbe anlegen. Man verlasse sich bei den Prüfungen auf eine Norm, die diesen Namen nicht verdiene (siehe auch focus.de). Auch die Stiftung Warentest hat FFP2-Masken verschiedener Hersteller getestet. Nur eine von zehn Masken erfüllte alle Kriterien.

Ursprünglich waren solche Masken nicht für den Schutz vor Viren vorgesehen, sondern für das Abfiltern von Staub und Rauch, z. B. im Rahmen von Bau-, Mal- und Lackierarbeiten oder bei der Feuerwehr. Viren sind sehr viel kleinere Partikel. „Selbst bei zugelassenen FFP2-Masken atmen Träger durchschnittlich immer noch 20 Prozent der Virenkonzentration aus der Umgebungsluft ein“, zitiert der Bericht den Fachmann Maximilian Weiß, der Geräte herstellt, die feinste Partikel in der Luft messen können. Mindestens ein Drittel der FFP2-Masken, die derzeit im Umlauf sind, bieten deshalb gegen Corona „keine ordentliche Filterleistung“. Betroffen von den mangelhaften Masken sind ausgerechnet Schulen, Pflegeheime, Einrichtungen der Eingliederungs- und Wohnungslosenhilfe sowie Landeseinrichtungen. „Jetzt stehen die Paletten da und warten darauf, wieder abgeholt zu werden“, zitiert der Artikel Bernhard Schneider von der Evangelischen Heimstiftung in Baden-Württemberg. Geschieht das nicht, werden die – nicht gerade billigen – Masken entsorgt.

Der jüngste Beschluss der Bundesregierung und der Ministerpräsident*innen, den Lockdown bis zum Monatsende fortzusetzen und sich weiterhin an Inzidenzwerten zu orientieren, sorgte für Verdruss und schlechte Stimmung allerorten. Der Ärztliche Pandemierat forderte noch vor der Merkel-Ministerpräsident*innen-Runde eine „neue Kennzahl zur Steuerung der Pandemie-Maßnahmen“. Und alle zwölf Berliner Amtsärzte hatten in einem Schreiben an den Berliner Senat vor einem „Inzidenzwahn“ und einer „No-Covid-Strategie“ gewarnt und wollten Lockerungen nicht mehr an generelle Inzidenzwerte knüpfen, weil diese nicht das richtige Infektionsgeschehen abbilden, sondern von Testkapazitäten und dem Testwillen der Menschen abhängig seien. Ihr Plädoyer wurde jedoch schlicht ignoriert.

Stattdessen präsentierte die Regierung einen bürokratisch-verkomplizierten „Lockerungsplan“, der zwar kleingedruckt auf eine Seite passt, in dessen „wenn ... dann“ sich aber kaum jemand zurechtfindet, geschweige denn weiß, was nun konkret möglich ist und was nicht und vor allem warum. Kein Wunder, dass sich die aktuellen Umfragewerte für die Union im Sinkflug befinden.

Und jetzt hat die Regierung trotz vollmundiger Versprechungen auch noch den Start mit den Schnelltests verstolpert – Discounter wie Aldi und Lidl hatten die Tests vor allen anderen im Angebot und waren in Nullkommanichts ausverkauft, Influencer*innen bei Instagram bieten Sonderkonditionen für die Bestellung der Tests im Internet. Dabei weiß kaum jemand, wie sie richtig anzuwenden und wie zuverlässig sie sind – und es gibt kaum Kriterien, anhand derer man sich orientieren kann, welcher etwas taugt.   

Ein Ende dieses Chaos ist vorerst nicht in Sicht. „Die dritte Welle lässt sich nicht mehr aufhalten“, verkündete Karl Lauterbach schon Ende Februar und schob Anfang März, als die Bundesregierung ihren verquasten Lockerungsplan präsentierte, in einem Interview mit n-tv noch einen nach: „ Die Öffnungsschritte werden größtenteils nie kommen, weil die Voraussetzungen dafür – entweder stabile oder gar sinkende Fallzahlen – nie erreicht werden.“

Bis Ende März besteht der jetzige Lockdown mit seinem Öffnungs-Szenario. Anfang April ist Ostern. Und danach folgt der Ramadan. Bei beidem lässt sich trefflich argumentieren, es bestehe die Gefahr, die Kontrolle über das Virus und seine Ausbreitung zu verlieren. Die Menschen sind es aber leid, von einem Lockdown in den anderen zu rutschen – mehr und mehr wird deutlich, dass die pure Orientierung an den Inzidenzwerten keine Lösung ist, und auch die Impfkampagne wird auf lange Sicht nicht ausreichen, um zu einem normalen Leben zurückkehren zu können.

„Deutschland trippelt mit viel Rechenschieberei einem unabsehbaren Ende der Pandemie entgegen“ kommentiert Alexander Kissler in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ): „Die neuen Beschlüsse von Bund und Ländern sind trotz punktuellen Lockerungen ein phantasieloses Weiter-so. Wer seine Politik nur an Inzidenzwerte ausrichtet, hat jeden Gestaltungswillen verloren. (...) Die Verwirrung hat Methode, das Schlingern ist Prinzip, der Inzidenzwert regiert. (...) Ohne Mut, mit wenig Ambition, aber jeder Menge Rechenschieberei zementiert der neue Beschluss einen mittlerweile vertrauen Ausnahmezustand.“ Das meiste bleibe verboten, die Normalität eine Chimäre. „Auf Wiedervorlage bleibt, was schon längst vorliegen sollte: die feste Zusage an zermürbte Bürger, dass die Regierung die Nöte im Lockdown ernst nimmt und einen Weg aus der Krise zeigt. (...) Bund und Länder verharren in einem trübsinnigen Lockdown-Fundamentalismus. So nehmen sie in Kauf, dass die Entfremdung zwischen Gesellschaft und Staat zunimmt und die sozialen wie wirtschaftlichen Kollateralschäden ins Unermessliche wachsen.“

Schon Anfang Februar hatte die Medizinethikerin Christiane Woopen, Vorsitzende des Europäischen Ethikrats für die EU-Kommission, gemahnt: „Es wird zu viel in Lockdown und Impfungen gedacht“. Sie halte es für dringend erforderlich, „eine Perspektive zu eröffnen, statt Durchhalteparolen zu verkünden“. Einer Beunruhigung der Bevölkerung begegne man am besten „mit Transparenz und Glaubwürdigkeit“: „Die Menschen beziehen viel Kraft daraus, ernst genommen zu werden.“

Mittlerweile platzt auch dem Einzelhandel der Kragen: „Klagewelle gegen Lockdown rollt“, meldet der Bayrische Rundfunk am 24. Februar. Viele Händler stehen jetzt schon mit dem Rücken zur Wand und können nicht mehr lange durchhalten: „Es drohen zahlreiche Insolvenzen und Pleiten, das Verschwinden hunderter Handelsunternehmen, die Schließung tausender Geschäfte und der Verlust zigtausender Arbeitsplätze“, warnt Alexander Otto, Chef des Shopping-Center Betreibers ECE. Mehrere Handelsketten haben inzwischen Eilanträge auf Aussetzung der Ladenschließungen eingereicht.

Die WELT hat als eine der wenigen überregionalen Zeitungen den Bedenken der Juristen, vor allem im Hinblick auf den anhaltenden Entzug der Grundrechte, eine Bühne geboten: „Die Politik hat in ihrem Corona-Furor jedes Maß verloren“ wettert der Rechtswissenschaftler Dietrich Murswiek in einem Gastbeitrag für die WELT am 26. Februar. Ein weiterer Lockdown – wie er jetzt beschlossen wurde – sei verfassungswidrig. Die größte Gefahr für unsere freiheitliche Demokratie resultiere nicht aus den aktuellen Corona-Restriktionen, sondern daraus, dass sie zur ‚neuen Normalität‘ werden: „Die Politik ist dabei, die freiheitliche Verfassungsordnung in ein unfreiheitliches Pandemieregime zu verwandeln.“ Um „ganz sicherzugehen, dass das Infektionsgeschehen nicht wieder aufflammt“, werde dann wohl „eine Nullinzidenz zur Voraussetzung für die Rückgabe der Grundrechte“ gemacht: „Die Beweislast wird umgedreht: Nicht mehr der Staat muss beweisen, dass die Grundrechtseinschränkungen notwendig sind, sondern die Bürger können erst dann damit rechnen, von der Obrigkeit stückweise ‚neue Freiheiten‘ (Merkel) zugeteilt zu bekommen, wenn aus Sicht der Regierung feststeht, dass keine Corona-Gefahr mehr besteht. Hinnerk Wißmann (ein deutscher Staatsrechtler, d. Red.) hat das treffend kommentiert: ‚Freiheit, die ihre Ungefährlichkeit beweisen muss, ist abgeschafft.‘ (...) Die Politik legt der ganzen Bevölkerung den Lockdown auf, weil irgendwo zwischen den 99,9 Prozent nicht infektiösen Menschen auch noch weniger als 0,1 Prozent Menschen herumlaufen, die für ein paar Tage das SARS-CoV-2-Virus weitergeben können. Eine derartige massenhafte Freiheitsbeschränkung für Menschen, von denen keinerlei Gefahr ausgehe, ist historisch ohne Vorbild. (...) In einer Situation, in der die Überlastung des Gesundheitssystems nicht mehr zu befürchten ist, ist der Lockdown nicht mehr verhältnismäßig. Die von der Bundesregierung jetzt verfolgte Inzidenzpolitik ist irrational und verfassungswidrig. (...) Kein Richter, der sich nicht als Büttel der Regierung versteht, kann die Rechtfertigung des Lockdowns mit der Überschreitung eines Inzidenzwertes akzeptieren. Der Inzidenzwertfetischismus der Regierung muss jetzt abdanken.“

 „Die Gerichte hätten viel früher einschreiten müssen“, schreibt Politik-Redakteurin Ricarda Breyton am 15. Februar: „Je länger der Ausnahmezustand andauert, desto größer werden verfassungsrechtliche Zweifel. (...) Warum greifen Gerichte und Parlamente nicht stärker ein? Staatsrechtler haben inzwischen erhebliche Bedenken an der Pauschalstrategie.“ Und die Journalistin Susanne Gaschke kommentiert am 21. Februar: „In der Krise müssen die Verfassungsexperten endlich das Wort ergreifen: Warum hört man in der unheimlichsten Verfassungskrise, die unsere Bundesrepublik je erlebt hat, eigentlich so wenig von den Verfassungsjuristen? Der eine oder andere äußert sich besorgt, das stimmt, aber wo ist der Aufstand gegen einen Ausnahmezustand, dessen Begründungen immer fadenscheiniger und dessen Gewöhnungseffekte immer gefährlicher werden? Wo sind die Konferenzen, die offenen Briefe, die Anzeigenkampagnen? (...) Sind die berühmten deutschen ‚Staatsrechtslehrer‘ vielleicht einfach zu verblüfft von der schneidigen Unverfrorenheit der neuen Exekutivmacht?“

„Deutschland verschiebt die Freiheit auf unbestimmt“ schreibt Gaschke zwei Wochen später in einem Gastkommentar für die Neue Zürcher Zeitung am 5. März: „Wenn sich Ministerpräsidenten oder Parlamentarier nicht endlich ermannen, kann Angela Merkel die Suspendierung der Grundrechte mit immer schlampigeren Begründungen bis zur Bundestagswahl im September fortsetzen. (...) Die Landesparlamente und der Bundestag haben sich von Anfang an in ihre Entmächtigung ergeben – Debatten werden, wenn überhaupt, nur widerwillig und nach den Beschlüssen der Exekutivebene geführt.“

Die Süddeutsche Zeitung, einst das Flaggschiff einer engagierten, objektiven Berichterstattung, versteigt sich in einem Gastbeitrag des Schriftstellers Thomas Brussig zu der Überschrift „Mehr Diktatur wagen“: „Man sollte die Corona-Leugner endlich beim Wort nehmen: Die Pandemie erfordert den Ausnahmezustand.“ Die „coronabedingte Ohnmachtserfahrung“ wurzele darin, „dass wir die Corona-Krise mit den Mitteln der Demokratie bewältigen müssen. (...) Wie mit dem Coronavirus umzugehen ist, ist Behau der Wissenschaft und nur der Wissenschaft. (...) ‚Mehr Diktatur wagen!‘ wäre das Gebot der Stunde.“

„Corona hat geschafft, was die Weltkriege nicht geschafft haben“, konstatiert Heribert Prantl, Jurist. Publizist und Kolumnist der SZ, in einem Beitrag für die WELT, der seinem gerade erschienenen und höchst lesenswerten Buch Not und Gebot – Grundrechte in Quarantäne“ (C.H. Beck Verlag, 18 Euro) entnommen ist: „Selbst die Kirchen wurden geschlossen, Hochzeiten und Taufen fielen aus, Firmungen wurden abgesagt und Konfirmationen, Beerdigungen durften nur noch im kleinsten Kreis stattfinden. Der Ausnahmezustand lugte nicht mehr nur um die Ecke, er war da. Und es herrschte eine allgemeine Stille, auch darüber. (...) Wir haben erlebt, dass (...) Grundrechte als Ballast und als Gefahr gelten im Kampf gegen Covid-19. Was eigentlich Irrsinn ist, galt und gilt, wenn es um Corona-Prävention geht, als sinnhaft, als geboten, als alternativlos, als absolut notwendig, als noch lang nicht ausreichend.“ Man müsse der Eigenverantwortlichkeit des einzelnen mehr vertrauen, plädiert Prantl in einem Interview mit dem SWR1. Die pauschalen Regelungen der Regierung und der Ministerpräsident*innen seien zu generalisierend gewesen. Prantl bricht in seinem Buch auch eine Lanze für den Optimismus, den der Pfarrer und Widerstandskämpfer gegen die Nazis Dietrich Bonhoeffer dereinst als „die Gesundheit des Lebens“ bezeichnete: „Diese Gesundheit des Lebens für die Zeit in und nach Corona wünsche ich uns: dass die Menschen wieder miteinander reden können, dass die angstbesetzte Polarität der Reaktionen auf Corona einem zuhörenden und diskutierenden Miteinander Platz macht. Hoffnung ist der Wille zur Zukunft. Diese Hoffnung muss wieder Atem bekommen.“

Schon mehrfach meldete sich der frühere Verfassungsrichter Hans-Jürgen Papier zu Wort. Jetzt hat er es wieder getan: „Die Menschen dieses Landes sind keine Untertanen“ sagte er in einem Gespräch mit der WELT. „Grundrechte kann man nicht beliebig entziehen und neu vergeben.“ Schon vor der Pandemie konstatierte er eine „fortschreitende Aushöhlung des Rechtsstaats“: „Die Werteordnung unserer Verfassung war schon vor der Pandemie einer partiellen, schleichenden Erosion ausgesetzt, es waren Diskrepanzen zwischen Verfassung und politischer wie gesellschaftlicher Wirklichkeit zu verzeichnen. (...) Ich habe neulich eine Formulierung gehört, die etwa lautete: Wenn die epidemiologische Lage so bleibt, wie sie jetzt ist, dann kann es keine neuen Freiheiten geben. (...) Darin kommt die irrige Vorstellung zum Ausdruck, dass Freiheiten den Menschen gewissermaßen vom Staat gewährt werden, wenn und solange es mit den Zielen der Politik vereinbar ist. Nein, es ist umgekehrt!“ (...) Es wäre zu begrüßen, wenn jeder Bürger sich seines Wertes der Freiheit, immer verbunden mit der Verantwortung gegenüber dem Gemeinwesen, dem anderen und auch gegenüber sich selbst, bewusst wäre. Seit der Zeit der Aufklärung wurde die Verfassungsstaatlichkeit in Europa mühsam erkämpft. Wir sollten sie nicht zugunsten eines paternalistischen Fürsorgestaates aufgeben.“

Tatsächlich mehren sich die Stimmen, die die ständigen Verlängerungen der Lockdowns nicht mehr hinzunehmen bereit sind: „Es reicht, Herr Spahn! Zu wenig Masken, zu wenig Impfstoff, zu späte Schnelltests: Die Krisenpolitik wird zur Farce. Das muss Konsequenzen haben.“, schreibt Dirk Kurbjuweit, Leiter des Hauptstadtbüros und Stellvertretender Chefredakteur des SPIEGEL in seinem Leitartikel am 5. März 2021 und fordert Spahns und Merkels Rücktritt: „Der Staat versagt und bricht seine Versprechen.“ Die Regierung habe vor allem auf der technisch-organisatorischen Seite der Krisenpolitik versagt, die Hauptverantwortung dafür trage die Kanzlerin; Spahn sei für die Pleiten mitverantwortlich, zeige sich der Lage persönlich nicht gewachsen und habe durch sein Verhalten jedes Vertrauen verspielt: „Eigentlich wären jetzt zwei Rücktritte fällig.“

Auch der Chefredakteur der WELT, Ulf Poschardt, bläst in dieses Horn: „Frau Bundeskanzlerin, Deutschlands Geduld ist am Ende“, schreibt er am 3. März in einem Offenen Brief an Merkel (Bezahlschranke). Merkel halte an der Politik des kaum enden wollenden Lockdowns fest: „Die apokalyptischen Reiter in Gestalt lustvoll pessimistischer Naturwissenschaftler machen Angst, wo Perspektiven wichtig wären.“ Und der STERN bezeichnet Spahn in einem ausführlichen Portrait gar als „Gesicht des Desasters".

Der Amtsrichter Thorsten Schleif aus Dinslaken ermutigt als erster deutscher Richter die Bürger*innen, sich gegen Corona-Bußgelder zu wehren: „Bürger sollten vor Gericht ziehen, wenn der Staat ihre Freiheiten auf ‚rechtswidrige Weise‘ einschränke“, schreibt focus.de. „Jeder Bürger hat das garantierte Recht, die Gerichte anzurufen, wenn seine durch das Grundgesetz geschützten Freiheiten – mitunter in offensichtlich rechtswidriger Weise – durch die öffentliche Gewalt eingeschränkt werden“, sagt Schleif. „Viele scheinen vergessen zu haben, dass der Bürger der alleinige Souverän dieses Landes ist. Regierung, Gesetzgebung und Rechtsprechung sind nur die Diener dieses Souveräns.“ Vielen Menschen sei gar nicht bewusst, dass sie gegen eine Corona-Auflage verstoßen haben, „weil die Vorschriften so unverständlich und dilettantisch formuliert sind“, so Schleif. Wer gegen Auflagen des Infektionsschutzgesetzes verstößt, muss mit einem Bußgeld rechnen, das je nach Vergehen und Bundesland zwischen 150 und 25.000 Euro schwanken kann. In Berlin sind dazu im Januar und Februar bereits 291 Verfahren anhängig, fast genauso viele wie im ganzen Jahr 2020.

Und gerade hat ein anderer Amtsrichter in Ludwigsburg geurteilt, dass ein Bußgeldbescheid gemäß Corona-Verordnung rechts- und faktenwidrig war und daher einen Freispruch verkündet, wie Peter F. Mayer in seinem Blog tp berichtet: „Damit bezeichnet ein weiteres Gericht Corona-Maßnahmen als verfassungswidrig. Das Urteil zerpflückt nicht nur die rechtliche Seite, sondern befasst sich auch ausführlich damit, was der öffentliche Raum ist, wie die Nähe und der Abstand von Personen festzustellen ist und was davon geregelt werden kann und darf. Die Verordnungen kommen dabei gar nicht gut weg."

Wie die Menschen in Deutschland generell auf die Corona-Maßnahmen blicken, hat die Bertelsmann-Stiftung untersuchen lassen: „Die Freiheit und das Gemeinwohl: Wie Corona Deutschland spaltet und auch eint“. Dabei zeigen sich sieben verschiedene Wertemilieus mit deutlichen Unterschieden bei der Abwägung zwischen Gemeinwohl und individueller Freiheit. Das gilt auch für die Impfbereitschaft. Einigkeit herrscht dagegen beim Wunsch nach gesellschaftlicher Veränderung.

Die braucht auch dringend unser Gesundheitswesen, denn zwischen Anfang April und Juli 2020 haben über 9.000 Pflegekräfte in Krankenhäusern und in der Altenpflege während der Pandemie ihren Job hingeschmissen. Das geht aus bislang unveröffentlichten Zahlen der Bundesarbeitsagentur hervor, wie die WELT berichtet.

Nur selten wird auch darauf hingewiesen, dass Corona Arme härter trifft als Reiche. Dabei gibt es in Deutschland „ausgezeichnete soziologische Forschungen zu den Folgen der Pandemie“, sagt der Soziologie-Professor Oliver Nachtwey in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. „Aber auf staatlicher Seite weiß und kommuniziert man viel zu wenig über die Sozialstruktur der Infektionen. Schließlich müsste an dann ja zugeben, dass Deutschland eine Klassengesellschaft ist und Menschen aus der Unterklasse ein höheres Infektionsrisiko haben. (...) Täglich hören wir das Mantra ‚Corona trifft uns alle gleich.‘ Nein, wir sitzen nicht im selben Boot. (...) Die Risiken sind dramatisch ungleich verteilt.“ Migranten arbeiten häufier in Jobs, „in denen die Infektionsgefahr schlicht höher ist: DHL, Amazon ... Und wenn man mit mehreren Personen auf 38 Quadratmetern ohne Balkon lebt, ist ebenfalls klar, dass die Infektionszahlen steigen. Aber dann geht das Geschimpfe los, dass ‚die‘ sich nicht an die Regeln halten. Da mischen sich Rassismus und Klassenverachtung.“

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Impfkampagnen und Big Pharma

Treiben wir den Teufel mit dem Beelzebub aus?

Eines ist klar: Die Impfung, die viele immer wieder als Allheilmittel und einzigen Ausweg aus der Pandemie preisen, wird uns nicht erlösen – ganz im Gegenteil. RKI-Präsident Lothar Wieler sagte schon im Januar: „Je mehr wir impfen, desto mehr Varianten werden auftreten.“

Auch der holländische Virologe und Impf-Experte Geert Vanden Bossche (der aufgrund seiner beruflichen Laufbahn über jeden Zweifel, ein Corona-Leugner zu sein, erhaben ist) warnt in einem offenen Brief an die WHO vor einem solchen Effekt sowie den möglichen Folgen der derzeit laufenden Massenimpfungen und fordert eine öffentliche Debatte unter Expert*innen der WHO und weltweit. Seine Argumentation: Die Annahme, man könne mit Massenimpfkampagnen die Infektionsrate substantiell reduzieren und neue Virus-Mutanten verhindern, sei grundlegend falsch, weil durch das breitflächige und massenhafte Impfen erst recht neue und noch infektiösere Virusmutanten entstehen können. Da die Massenimpfkampagnen in der gefährdeten, älteren Bevölkerungsgruppe begonnen haben, könnten nicht geimpfte jüngere Altersgruppen zu einem Nährboden für neue, infektiöse Varianten werden, die dann die Oberhand gewinnen und zu einem dramatischen Anstieg der Neuerkrankungen trotz erhöhter Durchimpfungsraten führen. Damit einher ginge eine zunehmende Resistenzentwicklung der Viren gegen die Impfstoffe.

Führen die Impfungen dann also womöglich erst recht zu neuen Problemen? Treiben wir den Teufel mit dem Beelzebub aus? Geraten wir mit der derzeitigen Politik womöglich immer tiefer in eine nicht enden wollende Spirale aus Impfkampagnen und Lockdowns? Und steigern wir mit antiviralen Impfstoffen, die in gesunde Prozesse der mikrobiellen und genetischen Regulation eingreifen, womöglich das Risiko für Autoimmunerkrankungen, wie der Arzt und Viren-Spezialist Thomas Hardtmuth in einem Beitrag für die Zeitschrift „Das Goetheanum“ befürchtet?

All das sind offene Fragen. Sie sind jedoch umso bedeutsamer, wenn man sich die Politik der Impfstoffhersteller genauer betrachtet, wie das die BUKO Pharma-Kampagne in ihrem „Pharma-Brief“ im März getan hat. „Atemberaubende 86,5 Milliarden Euro steckten Staaten bislang in Abnahmeversprechen für Covid-19-Impfungen – das entspricht fast einem Zehntel des gesamten Weltpharmaumsatzes“, heißt es in dem Pharma-Brief. Aber damit nicht genug, die Hersteller gehen regelrecht erpresserisch vor. So setzte z. B. der Pharma-Gigant Pfizer Staaten in Lateinamerika massiv unter Druck, um keinerlei Haftung für Nebenwirkungen und Folgen des m-RNA-Impfstoffs übernehmen zu müssen, ansonsten würden sie keine Impfstoffe liefern. Die Staaten sollen auch dann haften, wenn es sich um Versäumnisse der Herstellerfirma, um Nachlässigkeit, betrügerische oder boshafte Absicht oder Fehler in Betriebsabläufen handelt. Pfizer verlangte sogar, dass die Länder Staatsvermögen als Sicherheit einsetzen sollten – z. B. Bankreserven, Botschaftsgebäude oder Militärbasen.   

Die Gewinne streicht Pfizer also ein, die Kosten und das Risiko tragen die Staaten, mithin die Steuerzahler*innen. Schon die Entwicklung der Impfstoffe wurde massiv mit Steuergeldern unterstützt: Allein Deutschland hat BioNTech/Pfizer dafür 375 Millionen Euro zur Verfügung gestellt; die USA bezahlten für 100 Millionen Impfdosen zwei Milliarden US-Dollar vorab, als der Impfstoff die Phase III der klinischen Prüfungen noch gar nicht erreicht hatte. Für 2021 erwartet Pfizer allein mit dem Impfstoff einen Umsatz von 15 Milliarden US-Dollar.

Eine interessante Kosten-Nutzen-Analyse der Corona-Impfstoffe hat Harald Walach in seinem Blog veröffentlicht. Dabei kommt er zu dem Schluss: „Wir müssten zwischen 25.000 und 10 Millionen Menschen gegen Covid-19 impfen, um einen Todesfall zu verhindern.“ Die Spanne ist so groß, weil die bisherigen  Studien unterschiedliche Ergebnisse liefern und noch keine eindeutigere Aussage zulassen. Er schreibt weiter: „Das klingt zunächst nicht sonderlich problematisch. Dann impfen wir halt alle. Das ist ja auch die momentane Politik. Allerdings übersieht diese Haltung eine wichtige Größe: Wir kennen die Kosten dieser Politik nicht. (...) Alle Covid-19-Impfstoffe kamen auf den Markt, ohne dass die entsprechenden Sicherheitsdaten vorlagen, die normalerweise gefordert werden.“ Im Moment, so Walach, „haben wir eine 50:50-Chance, dass das Spiel gut ausgeht und wir mit dieser Strategie Leben retten anstatt sie zu gefährden.“ Ein Vergleich mit den herkömmlichen Impfstoffen zeige, dass die Anzahl der gemeldeten Nebenwirkungen bei den Covid-19-Impfstoffen, standardisiert auf 100.000 Impfungen, um den Faktor 10 bis 60 höher ist: „Um einen Todesfall zu verhüten, müssten wir im besten Fall 240 bis 1.200 ernste Nebenwirkungen in Kauf nehmen. Im schlechtesten Fall sind es 60.000 bis 300.000 Nebenwirkungen, die Hälfte davon werden schwere sein.“ Ganz abgesehen von der Dunkelziffer, denn die Nebenwirkungsmeldungen bei Impfungen seien „notorisch unzuverlässig“. Und Walach gibt zu bedenken: „Viele der Menschen, die da geimpft werden und möglicherweise ernste Nebenwirkungen davontragen, wären nicht unbedingt an dem Virus erkrankt. Eine Impfung ist immer noch, juristisch gesehen, eine Körperverletzung, zwar im Idealfall mit Einverständnis des Beteiligten, aber immerhin. Es ist sehr bedenklich, dass diese Seite der Medaille komplett unbeachtet bleibt.“

Währenddessen setzt die Politik weiterhin vor allem auf das Impfen als Ausweg aus der Pandemie. Jens Spahn hat bereits „mehr Freiheiten für Geimpfte beim Reisen und Einkaufen“ angekündigt: „Wer vollständig geimpft wurde, kann in Zukunft wie jemand behandelt werden, der negativ getestet wurde.“ Und das, obwohl weiterhin unklar ist, ob Geimpfte das Virus weitergeben können oder nicht, auch wenn das Robert-Koch-Institut berichtet, Geimpfte seien kaum noch ansteckend.

Denn entgegen aller bisherigen Verlautbarungen ist es mitnichten bereits bewiesen, dass sich das Übertragungsrisiko nach einer Impfung verringert (siehe Tagesschau am 29. März 2021). Die STIKO geht weiterhin davon aus, dass auch nach einer Impfung eine Ansteckungsgefahr bestehe: „Es muss davon ausgegangen werden, dass Menschen nach Kontakt mit dem Virus (Exposition) trotz Impfung symptomatisch oder asymptomatisch infiziert werden können und dabei das Virus SARS-CoV-2 ausscheiden (nachgewiesen durch PCR-Testung).“ Weitere Einzelheiten zu dieser Frage hat der Kinderarzt und Impf-Spezialist Steffen Rabe auf seiner Homepage gut verständlich dargelegt.

Spahns Vorstoß stieß bisher innerhalb der Regierung auf wenig Gegenliebe. Kein Wunder – er bricht damit nämlich mit der Lockdown-Logik: „Zu Ende gedacht bedeutet er [der Plan Spahns], dass der Lockdown beendet werden muss“, schreibt die WELT. „Denn was hätte es für einen Sinn, wenn Geimpfte ihre Rechte wieder ausüben können, aber es keine gesellschaftlichen Räume und Betätigungen gibt, diese auch wahrzunehmen? (...) Wenn es mit Geimpften also Menschen gibt, die ihre Rechte wieder ausüben können, würde dies zwingend erfordern, die Corona-Politik gänzlich neu auszurichten.“

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Ängste, Depressionen, Drogen

Das große Leid der Kinder

 

„Sind so kleine Hände, winz’ge Finger dran. Darf man nie drauf schlagen, die zerbrechen dann. Sind so kleine Füße, mit so kleinen Zeh’n. Darf man nie drauf treten, könn‘ sie sonst nicht geh’n. Sind so kleine Ohren, scharf und ihr erlaubt. Darf man nie zerbrüllen, werden davon taub. Sind so schöne Münder, sprechen alles aus. Darf man nie verbieten, kommt sonst nichts mehr raus. Sind so klare Augen, die noch alles seh’n. Darf man nie verbinden, könn‘ sie nichts versteh’n. Sind so kleine Seelen, offen und ganz frei. Darf man niemals quälen, geh’n kaputt dabei. Ist so’n kleines Rückgrat, sieht man fast noch nicht. Darf man niemals beugen, weil es sonst zerbricht. Grade, klare Menschen wär’n ein schönes Ziel. Leute ohne Rückgrat hab’n wir schon zu viel.“

Corona-Spezial März 2021 – Dieses Lied hat Bettina Wegner Mitte der 1970er Jahre geschrieben – und es ist heute aktueller denn je. Denn es sind vor allem die Kinder, die unter den Corona-Maßnahmen leiden und noch lange leiden werden. Neue Studien zeigen dieses Leid augenfällig auf, berichtet rp-online: „verpasste Entwicklungschancen, Ängste, Depressionen,  Bewegungsmangel, familiärer Stress“.

Das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) hat Mitte Februar die Ergebnisse aus der zweiten Copsy-Studie vorgestellt (Copsy = Corona und Psyche). Dabei wurden mehr als 1.000 Kinder und Jugendliche und über 1.600 Eltern von Mitte Dezember 2020 bis Mitte Januar 2021 mittels Online-Fragebogen befragt. Fast die Hälfte der Kinder empfinden ihre Schulsituation mit Online-Unterricht als anstrengender als im ersten Lockdown. Sieben von zehn sprechen von einer „geminderten Lebensqualität“, 85 Prozent sagen, dass sie die Corona-Krise als „äußerst oder ziemlich belastend“ empfinden. Fast jedes dritte Kind leidet unter psychischen Auffälligkeiten. Sorgen und Ängste nahmen zu, depressive Symptome und psychosomatische Beschwerden wurden verstärkt beobachtet. Sie essen zu viel Süßigkeiten, machen kaum noch Sport und verbringen noch mehr Zeit an Handy, Tablet und Spielekonsole.

Fragt man die Kinder und Jugendlichen selbst, wird die Situation noch deutlicher. Eine Schülerin hatte die Idee, ihren Freund*innen nur zwei Fragen zu stellen: „Wie geht es mir?“ Und: „Was können die Schule, die Lehrer*innen oder auch wir verändern, damit es uns besser geht?“ Die Antworten wurden auf einer digitalen Pinnwand gesammelt, die örtliche Presse berichtete (Tagesspiegel und Berliner Zeitung). Es ist ein erschütterndes Dokument. Umso mehr, als es „allesamt gute Schüler*innen waren, die sich zu Wort gemeldet“ hatten. Jetzt seien sie „am Ende“. Wie mag es dann wohl erst den anderen gehen? Die Zahlen der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung sprechen eine deutliche Sprache: Die Anfragen für Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen sind Anfang 2021 im Vergleich zum Vorjahr um durchschnittlich 60 Prozent gestiegen.

Mit dem komplizierten Stufenplan der Bundesregierung wird sich die Situation kaum ändern: „Ihr habt die Kinder vergessen – schon wieder!“ schimpft die WELT: „Auf 13 Seiten bekommen Fahr- und Flugschulen eine klare und bundesweit einheitliche Öffnungsperspektive, genauso wie Kosmetikbetriebe und Opernhäuser, Galerien und botanische Gärten. Nach ähnlichen Aussichten für Millionen von Schul- und Kitakinder, die seit Mitte Dezember zuhause sitzen, sucht man vergeblich.“

Schaut man über den Tellerrand des eigenen Landes, wird die Situation noch drastischer: Mehr als 168 Millionen Kinder sind seit fast einem Jahr wegen der Corona-Maßnahmen vom Schulunterricht ausgeschlossen, berichtet Unicef und fordert, der Wiedereröffnung von Schulen Priorität einzuräumen.

„Nach der Pandemie werden wir feststellen: Wir haben unseren Kindern und Jugendlichen zu viel zugemutet“, meint Alex Rühle in der SZ und fragt: „War je ein Jugendpsychiater oder Kinderarzt mit am Tisch im Kanzleramt, als es um die Corona-Maßnahmen ging? (...) Egal, welche Studie man sich ansieht, den Kindern und Jugendlichen geht es mittlerweile wirklich sehr schlecht. (...) Kürzlich schickte Julia Asbrand, Psychologin und Wissenschaftlerin an der Humboldt-Universität, im Namen von 173 Kolleginnen und Kollegen einen offenen Brief an die Bundesregierung, in dem sie schrieb, dass Kinder- und Jugendpsychiater sowie Psychotherapeuten bei jugendlichen Patienten vermehrt Aggressionen, Schlafstörungen, Schulängste, Essstörungen, Depressionen und Drogenmissbrauch wahrnehmen. (...) Bei den unter Sechsjährigen kam es in den vergangenen Monaten zu einer Verdoppelung von schweren Stoffwechselentgleisungen bei Diabetes mellitus. Man kann daran sterben. (...) Die Milliardenschulden, die gerade auflaufen, werden die heutigen Kinder und Jugendlichen auch noch abzahlen müssen, wenn wir alle uns längst vom Lebensacker gemacht haben.“ 

„Das Vorenthalten von Schule ist ein Verbrechen am Kind“, sagt der Erziehungswissenschaftler Heinz-Elmar Tenorth in einem Interview mit dem SPIEGEL. „Die Pandemie wirft uns ins frühe 19. Jahrhundert zurück. (...) Die Nachteile und Privilegien der sozialen Herkunft werden wieder in Kraft gesetzt, Eltern müssen als Büttel des Staates die Rolle erfüllen, die sich Lehrer in fünf Jahren Studium aneignen.“

Diese Bilanz ist umso erschreckender, als die Schließung der Schulen und Kitas nicht dazu beiträgt, die Infektionszahlen zu senken. Das zeigt Frankreich, wo die Schulen und Kindergärten auch im Lockdown offenblieben und die Zahlen sogar sanken. Und das zeigt sogar Schweden, dessen Übersterblichkeit 2020 deutlich unter der von Deutschland liegt.  

Seit dem 8. März dürfen die Kinder nun wieder in die Schule. Gut vorbereitet ist dieser Neustart allerdings nicht. „Was sich in den Klassenzimmern zeigt, macht fassungslos“, klagt Nando Sommerfeldt, Leitender Redakteur der WELT. In den drei zurückliegenden Monaten des Stillstands wurden weder Filteranlagen installiert noch ausreichend Schnelltests bereitgestellt. Man verfällt in Aktionismus oder wurschtelt einfach weiter wie bisher.

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Kinder und Jugendliche

Die fatalen Folgen der jetzigen Politik

Schon mehrfach wurde darauf hingewiesen, wie fatal die Auswirkungen der Lockdowns und Beschränkungen für Kinder und Jugendliche sind. Aber immer noch hat gerade diese Bevölkerungsgruppe keine Lobby im Kanzleramt. Im Gegenteil: Weiterhin werden Kinder als Virenschleudern diffamiert, erst jüngst wieder im SPIEGEL. Die ursprüngliche Überschrift „Kinder werden zur Gefahr für ihre Eltern“ wurde allerdings flugs in „Passt gut auf euch und eure Kinder auf“ geändert, als auf Twitter ein Shitstorm losbrach und der Hashtag #SpiegelBoykott am 26. März lange Zeit auf Platz 1 der Trends stand. In dem Artikel von Raffaela von Bredow heißt es, erst mit der zweiten Welle habe sich die Einsicht durchgesetzt, „dass Schulen und Kitas bei hohen Inzidenzen keine Null-Covid-Inseln sind, sondern Ansteckungsherde – wie alle Orte, an denen Menschen sich tummeln, singen, schreien, lachen, sprechen, atmen“. Eine Folge des „laxen Umgangs mit dem Virus“ zeige sich „in jenen Ländern, in denen die Mutante schon länger wütet: Die Kinder stecken ihre Eltern an, und die werden krank, manche sogar sehr krank.“ Der einzige Ausweg sei Distanzunterricht, eine Maskenpflicht in allen Klassen, auch in Grundschulen, sowie verpflichtende Schnelltests für alle.

Dass solche massenhaften Corona-Tests von Kindern durchaus zweifelhaft sind, beschreibt der Regensburger Psychologie-Professor Christof Kuhbandner in einem Beitrag für telepolis: Eines der Probleme sei, dass die Tests zu oft falsch-positiv sind, auch wenn sie von Fachkräften vorgenommen werden. Kuhbandner stellt eine Beispielrechnung auf: „Würde man alle der rund 1,65 Millionen Schüler in Bayern einmal pro Woche testen, würden bei einer Falsch-Positiv-Rate von 4,3 Prozent – siehe Studie der österreichischen Gesundheitsbehörde Ages – pro Woche knapp 70.950 Schüler fälschlicherweise ein positives Testergebnis erhalten. Diese Schüler müssten zumindest bis zum Erhalt des Ergebnisses der Nachtestung mit einem PCR-Test grundlos in Quarantäne und womöglich auch jeweils die ganze Klasse, und die Schüler und Familien würden grundlos in Angst versetzt.“ Auch nachfolgende Bestätigungstests lösen das Problem nicht: „Würde man jedes in einem Schnelltest erhaltene positive Ergebnis mit einem zweiten Schnelltest nachtesten und nur die Schüler (und Klassen) in Quarantäne schicken, die zweimal ein positives Testergebnis erhalten, würde man bei einer wöchentlichen Testung der 1,65 Millionen Schüler in Bayern bei einer Falsch-Positiv-Rate von 4,3 Prozent (Ages) noch immer über 3.000 Kinder pro Woche grundlos in Quarantäne schicken.“

Interessant sind in diesem Zusammenhang die Ergebnisse einer großen Studie, die alle in Schottland aufgetretenen Corona-Fälle daraufhin analysierte, welche Faktoren dazu beitrugen, dass jemand eine schwere Covid-19-Erkrankung entwickelte. „Dabei zeigte sich“, schreibt Kuhbandner, „dass Lehrkräfte im Vergleich zu anderen Berufen ein um 64 Prozent reduziertes Risiko aufwiesen, schwer an Covid-19 zu erkranken.“ Bei Erwachsenen mit im Haushalt lebenden Kindern war das Risiko um 28 Prozent verringert. Der Effekt bestand sogar dann, wenn die Erwachsenen zu einer Hochrisikogruppe gehörten. Sein Fazit: „Es ist fraglich, inwiefern aufgrund des bereits sehr geringen Infektionsgeschehens an Schulen überhaupt zusätzliche Maßnahmen ergriffen werden müssen. Vielmehr könnte es sogar sein, dass Schulen und Kindertagesstätten entgegen anfänglicher Befürchtungen nicht nur keine Treiber der Pandemie sind, sondern sogar eine Schutzfunktion vor schweren Erkrankungen darstellen können. (...) Angesichts der Beobachtung von stark steigenden psychischen Belastungen bei Kindern und Jugendlichen wäre es höchste Zeit, die Rechte der Kinder zu achten und das Wohl der Kinder vorrangig zu berücksichtigen.“ 

Auch medizinische Fachgesellschaften wie die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie, der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte in Deutschland, die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin und die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene teilen in einer gemeinsamen Stellungnahme zu den Teststrategien zur Covid-Diagnostik in Schulen mit:

„Ausgehend von allgemein anerkannten wissenschaftlichen Grundsätzen der Screening- und Infektionsdiagnostik erscheint es angesichts fehlender Daten zur Validität von Antigenschnelltests gerade bei asymptomatischen Kindern zum jetzigen Zeitpunkt weder gerechtfertigt noch angemessen, diese Tests flächendeckend in Schulen und KiTas einzusetzen. Es ist zu erwarten, dass die Zahl falsch negativer und falsch positiver Ergebnisse inakzeptabel hoch sein und weit mehr Schaden als Nutzen mit sich bringen wird. Hinzu kommt das Potenzial großer präanalytischer Fehler in der Probenentnahme. Unterschätzt werden die negativen psychologischen Auswirkungen repetitiver Testungen, insbesondere junger Kinder, die entsprechende Konsequenzen wie Quarantäne der eigenen Person oder der Sozialgemeinschaft nach sich ziehen, nicht zuletzt wenn sie möglicherweise aufgrund der invaliden Testmethode wieder aufgehoben werden müssen".

Das unterstützt auch der Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Neubrandenburg, Dr. Sven Armbrust, der sich sehr für einen Präsenzunterricht in Grundschulen aussprach und gegen eine Testpflicht an Schulen. In einem viel beachteten (und bei YouTube mehrfach wieder gelöschten) Vortrag bezog er eindeutig Stellung zu den Folgen der derzeitigen Entwicklung an den Schulen für die Kinder: „Die Digitalisierung ist toll, aber im Silicon Valley ist man inzwischen wieder zurückgegangen, man hat die Tafeln wieder rausgeholt, denn nur, was man geschrieben hat, bleibt im Kopf, und nicht, was man getippt hat – dazu gibt es wunderbare große Studien. Digitalisierung in den Schulen ja – aber nicht die Whiteboards und die Laptops und die Tablets das Schreiben ersetzen lassen. Das wird den Gehirnen der sich entwickelnden Kinder nicht gerecht. (...) Distanzlernen, Wechselmodell, Online, Schutzwoche ... Soll ich Ihnen sagen, was ich dazu als Kinderarzt sage? Alles Mist!“ Es bedeute, dass man etwa die Hälfte der Kinder nicht beschule. Online-Schule bedeute eine Halbierung der Schulzeit, egal, wie toll man das verbräme, es sei am Ende Mist, weil es eine Krücke sei. Kinder jedoch bräuchten Konstanz. Armbrust rückt auch die Verhältnismäßigkeit der Inzidenz ins richtige Licht und warnt davor, sich nicht „von der Macht der kleinen Zahlen täuschen zu lassen“. Auch plädiert er dafür, dass Grundschüler*innen im Unterricht keine Masken tragen müssen, weil die Kinder dann nicht mehr richtig sprechen lernen – seine eigene Tochter beginne bereits zu nuscheln, weil ihr die Mimik der Lehrer*in fehle und die Sprache hinter der Maske immer verwaschen klinge. Für dieses Plädoyer musste Armbrust viele Prügel einstecken, blieb aber im Wesentlichen bei seiner Position, wie der Nordkurier berichtete.

Dass FFP2-Masken nicht nur bei Kindern, sondern auch bei Erwachsenen mehr schaden als nützen können, meint die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene, die den Beschluss des Berliner Senats, ab 31. März eine FFP2-Maskenpflicht im öffentlichen Leben einzuführen massiv kritisierte: „FFP2-Masken sind Hochleistungs-Atemschutzmasken, die für den Arbeitsplatz bestimmt sind. Nur bei korrekter Anwendung übertrifft ihre Wirksamkeit im Allgemeinen jene von chirurgischem Mund-Nasen-Schutz.“ Dafür brauche es eine Anleitung zum richtigen Tragen und eine individuelle Anpassung. Auch erfordere eine korrekt getragene FFP2-Maske „eine erhebliche Atemarbeit, die bereits bei geringer Anstrengung spürbar und bei stärkerer körperlicher Belastung deutlich beeinträchtigend wird und zu Luftnot führt. (...) Viele Mitbürgerinnen und Mitbürger verleitet diese Atemerschwernis zum falschen Tragen und zum Atmen durch die Leckagen. Dies betrifft besonders ältere Personen und Personen mit Lungen- oder Herzerkrankungen. Für diese bedeutet das FFP2-Masken-Tragegebot, dass sie entweder das Haus nicht verlassen können, dass sie im Falle des Nichtragens von Masken in der Öffentlichkeit ein Bußgeld bezahlen müssen, oder dass sie die Maske so tragen, dass sie atmen können – das heißt, dass die Maske nicht dicht sitzt. Damit sind sie ungeschützt. Der Beschluss des Berliner Senats zu einem FFP2-Masken-Tragegebot gefährdet die Bevölkerung.“

Diese Maskenpflicht erscheint bei Kindern umso bedenklicher, als die FFP2- und auch die OP-Masken aus einem thermoplastischen Kunststoff bestehen, der als Sondermüll gilt, wie Michael Braungart, wissenschaftlicher Leiter des Hamburger Umweltinstituts auf telepolis ausführt. Das Material erscheint zwar wie Papier, enthält aber Klebstoffe, Bindemittel, Antioxidantien, UV-Stabilisatoren in großen Mengen sowie flüchtige Kohlenwasserstoffe. Manche sind auch noch mit Formaldehyd oder Anilin sowie künstlichen Duftstoffen versetzt, um den Chemiegeruch zu übertünchen. Blau eingefärbte Masken können Kobalt als Farbstoff enthalten. Besonders problematisch wird es, wenn sich Mikropastikfasern von dem Maskenvlies lösen. Nicht ohne Grund gibt es für diese Masken umfangreiche Anleitungen der Berufsgenossenschaften zum Arbeitsschutz, die jetzt auf einmal Makulatur sind. Braungart empfiehlt, die Masken möglichst nicht lange zu tragen und vor dem Benutzen eine halbe Stunde lang bei 50 Grad in den Backofen zu legen, dann verflüchtigen sich die meisten Schadstoffe.

Bei der Stiftung Warentest sind die meisten FFP2-Masken ohnehin durchgefallen. Von 10 geprüften Masken war nur eine empfehlenswert ...

Auch die psychischen Folgen der Maßnahmen halten weiterhin an und gestalten sich immer bedrohlicher. „Niemand sieht die Krisenkinder“, klagt die ZEIT in einer Reportage am 17. März: „Jedes dritte Kind leidet psychisch unter der Pandemie. Die Gewaltambulanz der Charité meldet 23 Prozent mehr häusliche Gewalt gegen Kinder als vor der Corona-Krise.“ Das Sorgentelefon für Kinder verzeichnet einen Anstieg der Anrufe von 20 Prozent.

„Das Schlimmste kommt erst noch“, warnt der Psychologe und Bewusstseinsforscher Manuel Schabus von der Universität Salzburg in einem Interview mit Focus online vor den seelischen und körperlichen Kollateralschäden des Lockdowns bei Kindern und Jugendlichen. „Wir müssen davon ausgehen, dass die Jugend in ihrer psychischen Entwicklung ein großes Problem mit dem Thema Angst bekommen wird.“ Dann komme es auch „zu mehr psychosomatischen Auswüchsen und körperlichen Erkrankungen“. Kinder könnten später Probleme bekommen, Empathie für andere zu entwickeln, wenn sie ständig mitbekommen, dass Erwachsene Abstand halten und sich nicht berühren oder ständig hinter der Maske verdeckt sind: „Das Erkennen und Verarbeiten von Emotionen hängt stark von der Mimik der Menschen ab, Zuneigung zeigt man durch Körperkontakt. Die Kontaktbeschränkungen und Hygiene-Regeln werden weitreichende Auswirkungen auf unser Gesellschaftsleben haben, weil man davon ausgehen muss, dass diese abnormalen Verhaltensweisen bleiben werden. Schon jetzt kommt es einem ja plötzlich komisch vor, wenn jemand auf uns zugeht und uns die Hand schütteln will.“

Vielleicht ist es gerade angesichts dieser Tatsachen ratsam, dass Eltern – gerade jetzt mit dem einsetzenden Frühling – mit ihren Kinder verstärkt und ohne Maske in die Natur gehen und möglichst unbeschwert miteinander rumalbern, damit die Kinder wieder etwas Positives erleben.

Und vielleicht trägt auch ein Film der Filmemacherinnen Patricia Marchart und Judith Raunig dazu bei, das Bewusstsein für die Not der Kinder zu schärfen. „Lockdown Kinderrechte“ heißt er und ist frei im Internet zugänglich. Was darin für Österreich geschildert wird, gilt genauso für Deutschland und viele andere Länder Europas. Der Film entstand ohne jede öffentliche Förderung und wurde über Spenden finanziert.

Eine Kette von Fehlern

Die Impfkampagne erstickt an der Bürokratie

 

Corona-Spezial März 2021 – Am 25. Februar 2021 veranstaltete GESUNDHEIT AKTIV online einen Live-Talk unter dem Motto „Corona-Impfung: Hilfen zur Entscheidung“. Der Kinder- und Jugendarzt und Impfexperte Dr. Steffen Rabe, Sprecher des Vorstands der „Ärzte für individuelle Impfentscheidung“, und der Virologe und Epidemiologe Prof. Dr. Klaus Stöhr gaben einen aktuellen Überblick über die aktuellen Impfstoffe – den Vortrag von Steffen Rabe können Sie hier ansehen  – und beantworteten die vielen Fragen der über 2.500 Teilnehmer*innen.

Stöhr entdeckte das SARS-CoV-1-Virus und war ehemaliger Leiter des Global Influenza Programms der Weltgesundheitsorganisation WHO und verfügt somit über eine langjährige Expertise in der Bekämpfung von Pandemien. Zusammen mit anderen Fachleuten gründete er die interdisziplinäre Arbeitsgruppe Covid-Strategie und forderte einen umfassenden Stufenplan und neue Erfolgskriterien mit Priorität bei Kitas, Schulen und Einzelhandel. Stöhr kritisiert vor allem, dass „die politischen Entscheidungen auf der Grundlage der Risikobewertung von einzelnen Vertretern weniger Fachgebiete getroffen worden seien“. Das sei unzureichend und habe zur Polarisierung in der Pandemiebekämpfung beigetragen.

Leider tragen die großen Medien wenig dazu bei, diese Linie zu unterstützen. Allen voran scheint es dem SPIEGEL mehr darum zu gehen, die Wissenschaftler in verschiedene Schubladen zu packen – die einen sagen angeblich die Wahrheit über die Pandemie, die anderen gelten als „Propheten auf dem Irrweg“, wie Recherchen der WELT zeigen. Da hat die Wissenschaftsredaktion des SPIEGEL dem Virologen Prof. Dr. Hendrik Streeck offenbar einen 15 Fragen umfassenden Katalog vorgelegt, zu beantworten innerhalb von 24 Stunden. Die WELT nennt einige Beispiele: „Haben Sie Ihre Position als Wissenschaftler missbraucht, um Politik zu machen?“ – „Wie stehen Sie zu dem Vorwurf, Sie hätten die Gefahren der Pandemie verharmlost?“ – „Sehen Sie sich in der Mitverantwortung für die getroffenen oder auch unterlassenen Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung? Und in diesem Zusammenhang auch für viele Menschen, die gestorben sind?“ – „Bereuen Sie diese mehrfach öffentlich geäußerte Fehleinschätzung?“ Neben Streeck hat sich der SPIEGEL auch auf Jonas Schmidt-Chanasit, Matthias Schrappe und Klaus Stöhr eingeschossen, allesamt Wissenschaftler, die sich kritisch zu den Maßnahmen der Regierung positioniert haben.

Klaus Stöhr betont jedoch zu Recht immer wieder – auch im Live-Talk von GESUNDHEIT AKTIV –, es bedürfe eines breiten wissenschaftlichen Diskurses: „Wir müssen das gute Wissen zusammenführen. Deutschland hat so viel tiefes Wissen. Das muss in der Pandemiebekämpfung dringend abgerufen werden, um die Auswirkungen der Pandemie zu mildern.“ Der Erfolg orientiere sich vor allem daran, die gesundheitlichen Auswirkungen zu minimieren: „Bei der Bekämpfungsstrategie muss man das Ende im Auge haben, wenn die Pandemie beginnt“, sagte er. „Und das Ende wird sein, wenn alle Menschen Antikörper gegen SARS-CoV-2 gebildet haben – entweder über eine Impfung oder durch die Erkrankung selbst. Und das wird noch eine ganze Weile dauern.“

Man müsse sich klar machen, dass kein Impfstoff die Re-Infektion verhindern kann: „Wie stark die Re-Infektionen ausfallen, lässt sich heute noch nicht sagen. Es gibt generell nur ganz wenige Impfstoffe, die eine ‚sterile Immunität‘ hervorrufen: Gelbfieber, Pocken, Polio. Das bedeutet, dass man sich mit dem Erreger nicht mehr infizieren kann und auch kein Virus mehr ausscheidet und damit andere ansteckt. Deshalb kann man Krankheiten auch nur selten wirklich ausrotten. Bei dem Corona-Virus wird das nicht gelingen. Irgendwann wird sich jeder damit infizieren, daran geht kein Weg vorbei.“ Schon jetzt zeichne sich ab, dass es eine saisonale Häufung im Winter geben werde – wie auch bei der Grippe und anderen Infekten der Atemwege. Stöhr ist kein Anhänger der Orientierung an einer Inzidenz von 50 oder darunter oder gar einer „No-Covid-Strategie“: „Ich halte es für realitätsfern, bei der Inzidenz auf Zahlen unter 50 zu kommen, und für illusorisch, diese dann auf diesem Level zu halten. Man müsste die Maßnahmen dann ständig aufrechterhalten. In anderen Ländern hat man sich entschieden, mit mehr Fällen umzugehen – in Österreich, in Frankreich, in der Schweiz. Man kann auch dann ein exponentielles Wachstum verhindern. Man hat sich dort für einen anderen Kompromisspunkt entschieden zwischen Freiheit, Gesundheit und Wirtschaft. Das ist eine politische Entscheidung. Das geht offensichtlich auch.“

Mit den Impfungen sei erstmal ein wichtiger Schritt getan, so Stöhr. Den gelte es auszubauen. Allerdings glänzen Bund und Länder auch hier mit Inkompetenz und einem fatalen Festhalten an Bürokratie – schließlich muss alles seine Ordnung haben ... Anstatt die Impfdosen frei zu verteilen und die Impfwilligen bestmöglich zu kanalisieren, wird an einem starren Schema festgehalten, das zu kuriosen Situationen führt (z. B. werden Ehepaare oder ältere Menschen in einem Haushalt nicht gleichzeitig geimpft, was dazu führt, dass ein Geimpfter die anderen unter Umständen anstecken kann ...). Dafür ist dann im Sommer mit einem Überschuss an Impfstoffen zu rechnen, denn: „Jetzt rollt eine Impfstoff-Welle auf Deutschland zu“, prophezeit die WELT. Dabei liegen jetzt schon mehr als 2,5 Millionen Impf-Dosen auf Halde, weil es mit der Impferei einfach nicht schnell genug klappt.

Dass die derzeit in Deutschland verfügbaren Impfstoffe von Biontech/Pfizer, Moderna und AstraZeneca bei weitem nicht die einzige Möglichkeit darstellen, die Menschen gegen das Corona-Virus zu immunisieren, ist bekannt. Wie merkwürdig sich Behörden wie das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) jedoch anstellen, wenn es um andere Ansätze geht als die großer Pharma-Multis, hat die Journalistin Gudrun Altrogge von SPIEGEL TV recherchiert. Sie berichtet über den Mediziner Winfried Stöcker, der in seiner Firma Euroimmun in Groß Grönau (Schleswig-Holstein), einem Unternehmen für medizinische Labordiagnostika, ein Antigen gegen SARS-CoV-2 hergestellt hat: Es bewirke im menschlichen Organismus, dass dieser neutralisierende Antikörper gegen das Corona-Virus herstellt – und das ganz ohne Virus-Vektoren, m-RNA und Nanotechnologie. Preisgünstig. Leicht in großen Mengen herzustellen. Ohne Kühlkette zu lagern. Ohne Spezialkenntnisse beim Hausarzt zur verimpfen. Es seien lediglich drei Injektionen innerhalb eines Vierteljahres notwendig. Auffrischimpfungen seien problemlos möglich, falls der Schutz nachlässt. Tauchten neue Mutanten auf, lasse sich der Antigen-Impfstoff leicht anpassen.

Stöcker hat im Selbstversuch sich und seine Familie sowie 100 Freiwillige damit geimpft. Er sagt, 97 Prozent von ihnen hätten Antikörper entwickelt und seien damit vor SARS-CoV-2 geschützt. Daraufhin wandte er sich an das PEI und bat darum, seinen Impfstoff im größeren Maßstab im Rahmen wissenschaftlicher Studien an Freiwilligen genauer zu überprüfen. Das PEI jedoch informierte als erstes den Staatsanwalt und erstattete Anzeigen gegen Stöcker. Er habe ohne die erforderliche Erlaubnis und Genehmigungen ein SARS-CoV-2-Antigen hergestellt und anderen verabreicht. Das Landesamt für Soziale Dienste, dem Stöckers Versuche ebenfalls gemeldet wurden, unterstützte die Klage, es sei Gefahr im Verzug, denn es könne „nicht ausgeschlossen werden, dass weitere Herstellungen und Impfungen evtl. die Gesundheit der Probanden schwer gefährden können“. Streng formal gesehen ist das PEI im Recht – aber unabhängig davon, ob es strafrechtlich relevant war, was Stöcker gemacht hat, wäre es sinnvoll, seinen Erkenntnissen nachzugehen. Die Strukturformel des Antigens hat er ebenso wie alle weiteren Informationen auf seiner Webseite frei zugänglich eingestellt.

In Sachen Impfnachweis gibt Jens Spahn jetzt allerdings Gas: Gerade hat er den 3-Millionen-Auftrag, einen solchen digitalen Impfpass zu entwickeln, an ein Konsortium unter Führung des US-Konzerns IBM vergeben, wie das Redaktionsnetzwerk Deutschland berichtet: „Die App soll schnell und sicher über eine Impfung Auskunft geben, um Reisen oder Restaurantbesuche zu ermöglichen.“ Für die technische Umsetzung, die App an 410 Impfzentren und 55.000 ärztliche Praxen anzuschließen, werden drei Monate veranschlagt.

Bislang hatten Politiker*innen einen solchen Impfpass immer abgelehnt, weil damit eine Zwei-Klassen-Gesellschaft entstünde, was mit dem Grundgesetz nicht vereinbar sei. Erst jüngst hatte sich der CDU-Vorsitzende und Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet, in einem Interview mit der WELT deutlich gegen einen Impfnachweis als Freibrief für die Rückgabe von Grundrechten positioniert: „Grundrechte sind keine Privilegien. (...) Ein Mensch, der sich nicht impfen lassen will, muss in Deutschland trotzdem seine Grundrechte wahrnehmen können. Grundrechte dürfen nicht von Impfungen abhängen.“

Auch Hans Henri Kluge, Europadirektor der WHO, lehnt in einem Interview mit der WELT einen Europäischen Impfpass ab: „Das ist keine Empfehlung der WHO. (...) Wir verstehen, dass Regierungen mit der politischen Realität konfrontiert sind. Trotzdem gibt es ernste Bedenken. Wir wissen nicht, wie lange die Immunität nach der Covid-19-Impfung anhält. Sie verhindert den schweren Krankheitserlauf, aber nicht unbedingt die Ansteckung anderer Menschen. Zudem verschärft der Impfpass die Ungleichheit.“ Focus-online befürchtet gar, dass 23 Millionen Deutsche – so viele wollen sich nicht impfen lassen – zu „Bürgern zweiter Klasse“ werden.

Aber offenbar ist das alles schon wieder Makulatur. Denn das Szenario wird bereits geprüft, wie Business-Insider berichtet. „EU-Impfpass soll bis Sommer kommen“ prophezeit die Süddeutsche Zeitung; der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther hält einen solchen Nachweis sogar für Inlandsreisen für vorstellbar; der Bürgermeister von Sylt möchte Gäste nur noch mit PCR-Test oder einem Schnelltest auf die Insel lassen. Der bayrische Ministerpräsident Markus Söder meint in der Landshuter Zeitung: „Ein europäischer Impfpass ist sehr zu begrüßen. Es ist doch einfach: Ein kleiner Piks und die Freiheit ist da. Impfen ist die einzige Langzeitstrategie.“

Söder plädiert auch dafür, schnellstmöglich Kinder und Jugendliche zu impfen: „Diese Impfungen sind eine große Chance. Deshalb bin ich auch dafür, die Hersteller in die Pflicht zu nehmen, dass sie rasch Impfstoffe für Kinder und Jugendliche entwickeln. Schulimpfungen wären eine schnelle Variante, um in den wichtigen Bereichen Familie und Schule eine Entlastung zu bewirken. So wie früher, als der Schularzt alle geimpft hat.“

Zu der Frage der Impfungen an Kindern und Jugendlichen sowie an Schwangeren und Stillenden und ebenso zur Frage einer Impfpflicht und eines Impfnachweises als Freibrief für die Rückgewinnung von Grundrechten haben die „Ärzte für individuelle Impfentscheidung“ ihr Positionspapier aktualisiert.

Eine Standortbestimmung zur Anthroposophischen Medizin in der COVID-19-Pandemie findet sich auf der Homepage der Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte in Deutschland (GAÄD) veröffentlicht.

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Ermutigendes

Es gibt auch Lichtblicke!

Mehr denn je brauchen wir in solchen Zeiten auch Lichtblicke – und es gibt sie! Einige, die uns aufgefallen sind, haben wir hier für Sie zusammengestellt.

  • Joko und Klaas kapern Pro Sieben und senden sieben Stunden lang über den Pflegenotstand. Es ist ein Spiel, das Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf mit Pro Sieben schon seit längerem spielen – wenn sie gewinnen, bekommen sie einen Gutschein für 15 Minuten Live-Sendezeit zu einem Thema ihrer Wahl. Am 31. März wurden daraus satte sieben Stunden. Der Sender gab ihnen Gelegenheit, ohne jede Unterbrechung durch Werbeblocks über den Pflegealltag in Deutschland zu berichten. Titel: „Pflege ist #nichtselbstverständlich“ (nebenbei: dieser Hashtag war bei Twitter stundenlang auf Platz 1 der Trends). Joko und Klaas hatten einer Krankenschwester eine Bodycam umgeschnallt und ihre gesamte Schicht damit filmen lassen, jeden Handgriff, jede Aktion, alles von Anfang bis Ende. Hinzu kamen als Einspieler Statements von anderen Pflegenden, darunter Alexander Jordan, der schon mal der Kanzlerin die Leviten gelesen hat, und Franziska Böhler, die ein viel beachtetes Buch über ihren Alltag geschrieben hat und auch auf dem Titel des STERN war, als dieser seine Pflege-Petition startete.
    Sendungen wie diese tragen vielleicht endlich dazu bei, dass die Pflege die gesellschaftliche Anerkennung und vor allem auch die Lohnsteigerung erfährt, die schon längst fällig ist. Ansonsten steht zu befürchten, dass unser Gesundheitswesen über kurz oder lang am Pflegenotstand kollabiert. Denn allein während der Corona-Krise sind über 10.000 Pflegekräfte aus dem Beruf ausgeschieden.
  • „Herr Spahn, handeln Sie endlich“, fordert Ralf Berning, Gesundheits- und Krankenpfleger auf einer Intensivstation in Bielefeld, in einem eindringlichen Video-Appell auf DocCheck. Sein Vorschlag als Sofortmaßnahmen:
    • 4.000 Euro brutto Grundgehalt plus Zuschläge für spezielle Aus- und Fortbildungen, Nacht- und Wochenendarbeit (zurzeit gibt es dafür lächerliche 1,34 Euro pro Stunde).
    • Verbindliche Pflege-Untergrenzen in allen Bereichen der Krankenhäuser und Pflegeheime.
    • Abschaffung des DRG-Systems (Fallpauschalen), das dazu beiträgt, dass Krankenhäuser zu Massenabfertigungseinrichtungen werden, um möglichst viel Erlös zu generieren.

Drei Forderungen, die auch wir von GESUNDHEIT AKTIV aus vollem Herzen unterstützen!

  • Neue Grundrechte für Europa fordert der Jurist und Autor Ferdinand von Schirach, die er in einem Buch zusammengefasst und begründet hat. Diese neuen, zusätzlichen Grundrechte sind:
    • Artikel 1: Umwelt. Jeder Mensch hat das Recht, in einer gesunden und geschützten Umwelt zu leben.
    • Artikel 2: Digitale Selbstbestimmung. Jeder Mensch hat das Recht auf digitale Selbstbestimmung. Die Ausforschung oder Manipulation von Menschen ist verboten.
    • Artikel 3: Künstliche Intelligenz. Jeder Mensch hat das Recht, dass ihn belastende Algorithmen transparent, überprüfbar und fair sind. Wesentliche Entscheidungen muss ein Mensch treffen.
    • Artikel 4: Wahrheit. Jeder Mensch hat das Recht, dass Äußerungen von Amtsträgern der Wahrheit entsprechen.
    • Artikel 5: Globalisierung. Jeder Mensch hat das Recht, dass ihm nur solche Waren und Dienstleistungen angeboten werden, die unter Wahrung der universellen Menschenrechte hergestellt und erbracht werden.
    • Artikel 6: Grundrechtsklage. Jeder Mensch kann wegen systematischer Verletzungen dieser Charta Grundrechtsklage vor den Europäischen Gerichten erheben.

Von Schirach hat dazu dem Podcast „Der 8. Tag“ von Gabor Steingart ein Interview gegeben, die Kurzfassung (10 Minuten) davon ist kostenlos, die Langfassung ist nur für „Pioneers“ (10 Euro Mindestmonatsbeitrag). Auch Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer SE, hat von Schirach dazu interviewt.

  • Der Staatsrechtler Ferdinand Kirchhof hat einen Appell an den Bundestag gerichtet, das Infektionsschutzgesetz als Ausnahme zu sehen, nicht als Regel und beliebig anwendbar auf jegliche andere Epidemie: „Wir erleben jetzt eine exzeptionelle Situation“, sagt Kirchhof in einem Interview mit der WELT. „Ich wünsche mir sehr, dass die ergriffenen Maßnahmen auch exzeptionell bleiben – und nicht als Muster für die nächste Hongkong-Grippe herhalten. Mit der Begründung ‚Auch da gibt es Tote und Kranke‘ ließe sich das Infektionsschutzgesetz auch in diesem Fall durchdeklinieren. (...) Der Schutz des Gesundheitssystems kann nur ein Hilfsziel für den Schutz von Leben und Gesundheit in extremer Not sein. Allein um staatliche Therapieeinrichtungen nicht zu überlasten, dürfen die Grundrechte des Bürgers nicht beschränkt werden. Da muss der Staat dann schlicht mehr Einrichtungen schaffen. (...) Der Staat hat eine Schutzpflicht, gegen ein Virus vorzugehen, das bedrohlich ist und das tödlich sein kann. Die Lage ist zweifellos ernst, wie die Bundeskanzlerin sagt. Aber man kann eine Gesellschaft, man kann eine Wirtschaft, man kann persönliche Beziehungen auch zu Tode schützen.“
    „Was wir erleben, ist verfassungswidrig“, sagt der Strafrichter am Berliner Landgericht Peter Schleiter und hat Verfassungsbeschwerde in Karlsruhe eingereicht. In einem Interview mit der WELT erklärt er, dass die Änderungen des Infektionsschutzgesetzes, die die Grundlage für die weitreichenden Eingriffe waren, verfassungswidrig sind. Mit seiner Beschwerde wolle er die rechtliche Situation zur Kontrolle stellen und das Handeln der Akteure wieder auf ein verfassungsgemäßes Maß zurückführen.
  • „Leben und Glück brauchen Zerstörung“ – Wie beeinflusst Leid die Kunst und das Leben? Lässt es sich in etwas Positives wenden? In Zuversicht? Fragen, die der Autor und Musikproduzent Johann Scheerer und der „Mars Volta“-Gitarrist Omar Rodríguez-López in einem Gespräch mit Jakob Biazza für die Süddeutsche Zeitung beantworteten. Beide verfügen in Sachen Schmerz über einen Sack voll Erfahrung: Scheerer hat die Entführung seines Vaters, Jan Philipp Reemtsma, in zwei Büchern verarbeitet. Rodríguez-López lebte als Jugendlicher ein Jahr lang auf der Straße, um den Misshandlungen in seiner Familie zu entfliehen. Er sagt: „Zerstörung ist Teil des Lebens. Das ist keine unbequeme Meinung von mir, es ist die nackte Wahrheit. Das einzige Klischee daran wäre, den Schmerz zu bedauern – zu denken, man hätte irgendetwas anders machen können, um ihn zu verhindern. (...) Ich weiß, wer meine Mutter wirklich war, seit ich ihre Zerstörung erlebt habe. Sie hatte am Ende immer weniger Kontrolle über ihren Körper, konnte fast nichts mehr essen und sich kaum noch mitteilen. Trotzdem fand sie immer noch Wege, um mich zu fragen, ob ich schon etwas gegessen habe, und wie es allen anderen geht. Wegen solcher Erfahrungen entsteht Kunst.“

Und Johann Scheerer meint: „Wenn du dich dem Schmerz vollends auslieferst, wenn du diesen Weg erst mal eingeschlagen hast, dann gibst du den Menschen, die dir Leid zugefügt haben, Macht über dich. Erst dann machst du dich zum Opfer. Wenn du etwas wirklich hasst, kettest du dich für immer daran. (...) Unterm Strich gilt: Wir werden alle sterben. Nichts wird daran etwas ändern. Nichts hat also wirklich Sinn. Wenn aber nichts wirklich Sinn hat, kann man genauso gut alles tun.“
Es ist ein tiefgründiges, nachdenkliches Gespräch mit zwei jungen Männern, die schon viel auszuhalten hatten. Gerade jetzt in der Corona-Krise können wir viel daraus lernen und eigene Rückschlüsse daraus ziehen.

Zur Ermutigung

Vergessen Sie das Leben nicht

 

Corona-Spezial März 2021 – Nach über einem Jahr mit Corona und den nicht mehr enden wollenden Hiobsbotschaften ist es schwer, sich positiv zu motivieren. Und doch gibt es gerade jetzt kaum etwas Sinnvolleres, als sich an dem zu orientieren, was gut ist in unserem Leben, was uns Freude macht, die Gesundheit stärkt und damit auch das Immunsystem. Auch dazu lässt sich einiges in den Medien finden.

Es gelte, „in sich selbst das Lebendige zu suchen“, sagt die Psychologin Verena Kast in einem Interview mit der ZEIT: Schritt für Schritt durch die Krise kommen und gleichzeitig auf etwas Gutes hoffen, das sei ein Trick, den ältere Menschen oft besser beherrschen als junge. Sie beschreibt, wie wir uns trotz aller Schwierigkeiten immer weiter zum Positiven verändern können.

Eine Ermutigung, auch negative Gefühle zuzulassen und sie nicht in sich hineinzufressen, veröffentlichte das ZEIT-Magazin: „Beschwert Euch!“ Denn viele trauen sich nicht, ihren Frust zuzulassen – anderen gehe es ja noch viel schlechter. „Dabei würde es allen helfen, ihre Gefühle rauszulassen“, meint die Autorin Carla Baum.

Der Neurobiologe Gerald Hüther spricht bei Gunnar Kaiser über Machbarkeitswahn und Kontrolldenken, das Unterdrücken von vitalen Bedürfnissen und fixen Ideen sowie den Einfluss der Angst auf unser Denken und Fühlen und darüber, dass Lieblosigkeit krank macht. Darüber hat er auch ein Buch mit dem Untertitel "Was unsere Selbstheilungskräfte stärkt und wie wir endlich gesünder und glücklicher werden" geschrieben (Verlag Herder, 176 Seiten, 18 Euro) Es ist eine Einladung zu einem liebevollen Umgang mit sich selbst, der nie angebrachter war als heute, weshalb Hüther die Initiative „liebevoll.jetzt“ gegründet hat.

Das SZ-Magazin über den Trauerredner Carl Achleitner, der mehr als 2.500 Beerdigungen begleitet und nun ein Buch darüber geschrieben hat, warum die Liebe für ein erfülltes Leben so wichtig und Geld so unwichtig ist: „Letztendlich geht es beim Abschiednehmen immer um die Frage: Wie war es mit der Liebe? Hat die verstorbene Person Liebe bekommen, und konnte sie Liebe weitergeben? Bleibt etwas von diesem Menschen übrig, was man als Spuren seiner Liebe bezeichnen könnte?“ Denn eines ist sicher: Wir alle müssen irgendwann gehen. Die Liebe bleibt. Und deshalb lohnt es sich, sich jeden Tag von Neuem zu fragen: Habe ich heute schon genug geliebt? Und es den Geliebten auch gesagt?

Wie wichtig dabei auch die Berührung ist, zeigt eine Themenwoche bei arte, wobei vor allem die Dokumentation „Die Macht der sanften Berührung“ über neue, erstaunliche Forschungsergebnisse berichtet (in der Mediathek bis 31. Mai 2021).

Die Liebe spielt gerade in der Kultur eine große Rolle – ist sie doch in all ihren Facetten und Schattierungen eines der zentralen Themen in Theater, Konzert, Tanz und Schauspiel. Und kaum ein Bereich unserer Gesellschaft hat unter den Corona-Maßnahmen so zu leiden wie die Kulturschaffenden. „Fällt die Kultur ins Haushaltsloch?“ fragt der Deutschlandfunk in einem Gespräch mit Klaus Hebborn, der beim Deutschen Städtetag für das Dezernat Bildung, Kultur, Sport und Gleichstellung zuständig ist. Die Frage ist nur zu berechtigt, denn der Umsatzverlust der Kreativwirtschaft beläuft sich allein für das Jahr 2020 auf 22,4 Milliarden Euro.

Holen wir uns also die Kultur ins Haus, wo wir nur können: zum Beispiel mit dem Tänzer und Choreographen Eric Gauthier, der aus der Not eine Tugend gemacht hat. Als er seiner Kompagnie „Gauthier Dance“ im Stuttgarter Theaterhaus wieder einmal sagen musste, dass es bis auf weiteres keine Auftritte geben wird, rutschte ihm die Bemerkung heraus: „Mein Gott, Ihr seht alle aus wie sterbende Schwäne!“ Und Gauthier wäre nicht Gauthier, wenn er daraus nicht umgehend ein Projekt machen würde: „The Dying Swans Project“: 16 Choreograph*innen kreieren je ein Tanzsolo für die 16 Mitglieder von „Gauthier Dance“ zu bei 16 Arrangeuren eigens beauftragter Musik, gefilmt von 16 Filmemachenden. Damit sind 64 Kulturschaffende aus allen Sparten mit einem kreativen Projekt beschäftigt, das auch unter Corona-Bedingungen erarbeitet werden kann. Einen Vorgeschmack hat der Süddeutsche Rundfunk in einem kurzen Filmbeitrag eingefangen. Die Video-Clips werden ab Anfang April auf dem YouTube-Kanal des Theaterhauses Stuttgart und auf dem Instagram-Kanal von Gauthier Dance eingestellt.

Ermutigend auch, wie die Grande Dame des Schweizer Kunsthandels und Stifterin eines der hochkarätigsten Museen der Schweiz, die 89jährige Luzerner Mäzenin Angela Rosengart, ihr Museum im Lockdown über die Runden bringt. Die Neue Zürcher Zeitung hat mit ihr über den Lockdown und ihre Freundschaft mit Pablo Picasso gesprochen.

Ein Orchester wie die Berliner Philharmoniker ist natürlich auch in Lockdown-Zeiten nicht tatenlos, und es ist ein Segen, dass es schon seit Jahren die „Digital Concert Hall“ gibt, wo eine Vielzahl von aktuellen und historischen Konzerten archiviert ist. Im Podcast Steingarts Morning Briefing spricht die Intendantin des Orchesters Andrea Zietzschmann über Öffnungskonzepte und die Sehnsucht nach dem Publikum (Minute 05:53 bis 19:07).

„Beendet den kulturellen Notstand“ appelliert der Historiker René Schlott im Deutschlandfunk an die Politik: „Kunst ist mehr als Unterhaltung.“ Und die Bühne immer noch die Bretter, die die Welt bedeuten und weniger die Bildschirme der digitalen Endgeräte.

Aber nicht nur die Kultur, auch die Klimakrise dürfen wir nicht aus den Augen verlieren. Die Ökonomin Maja Göpel erklärt in einem Podcast der ZEIT, was man vom Kampf gegen das Virus für den Kampf gegen die Klimakrise lernen kann.

Wie wir gerade angesichts von Covid-19 die Zukunft ins Auge fassen können, entwickelt Georg Soldner, Stellvertretender Leiter der Medizinischen Sektion am Goetheanum, im Gespräch mit Wolfgang Held: „Es kommt auf unsere Haltung an, unsere praktische Solidarität, unser sorgfältiges Hinhören, was der andere wahrnimmt, und unser Achten darauf, ob wir selbst als hilfreich wahrgenommen werden. Jede Gesellschaft, die mit dem Virus umgehen will, braucht Gesprächskreise, Bürgerforen, in denen sich die Stimmen der verschiedenen Generationen, der Zivilgesellschaft versammeln und ausführlich beraten, was zu tun ist. Daraus resultiert Vielfalt statt Einfalt.“

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Zum Sehen, Hören, Lesen

Kultur für Herz, Geist und Sinne

Der Frühling lässt noch auf sich warten, und so lange können Sie unsere Kulturtipps gemütlich auf dem Sofa genießen. Aber wenn er dann doch mal kommt, eigenen sie sich auch bestens als Lektüre bzw. Hörerlebnis im Liegestuhl, auf dem Balkon, im Park oder auf der Terrasse!

ZUM ANSCHAUEN und ANHÖREN


Ein Zug macht Musik
Das 2001 gegründete Hamburger Miniatur Wunderland (die größte Modelleisenbahn-Anlage der Welt und eine der touristischen Attraktionen der Hansestadt) war schon immer für verrückte Ideen gut. Beim Weihnachtsgruß 2019 zum Beispiel saß der Weihnachtsmann auf der Tragfläche eines A380 und spielte beim Abheben „Jingle Bells“ ... Jetzt schafften sie den Eintrag ins Guiness Buch der Rekorde: Sie konstruierten (was soll man auch sonst tun im Lockdown?!) die längste Melodie, die ein Modellzug gespielt hat und stellten damit einen Weltrekord auf! Wer genau hinhört, erkennt von den an der Lok befestigten Klöppeln an tausenden angespielten Gläsern Melodien von Wolfgang Amadeus Mozart, Guiseppe Verdi, George Bizet, Johann Sebastian Bach, Ludwig van Beethoven, Johann Strauß, Pjotr Iljitsch Tschaikowsky, Antonio Vivaldi, Johannes Brahms, Richard Wagner, Edvard Grieg, Luigi Boccherini, Georg Friedrich Händel, Felix Mendelssohn-Bartholdy, Giacomo Rossini, Jacques Offenbach, Friedrich Smetana, Maurice Ravel und Johann Pachelbel. Was für eine Leistung! Man mag sich gar nicht ausmalen, wie lange es gedauert hat, bis alle Gläser richtig standen und passend gefüllt waren ... „Wir waren uns als Team trotz Abstandsregeln und räumlicher Distanz so nah wie selten und haben zusammen etwas eigentlich Unmögliches geschafft“, sagt Wunderland-Gründer Frederik Braun im Gespräch mit dem Hamburger Abendblatt. Wie schön, wenn der Lockdown auch mal solche Ergebnisse zeitigt!

Corona – der Film
Der bekannte Dokumentarfilmer Bert Ehgartner, der schon so manchen impfkritischen Film erschuf (z. B. über die Auswirkungen von Aluminium als Wirkstoffverstärker in Impfseren) hat jetzt einen Film zur Corona-Pandemie herausgebracht. Und auch wenn man das eine oder andere daran kritisieren mag, so trägt dieser Film doch viele Gesichtspunkte zusammen, die bisher kaum beachtet wurden, und er legt auch zielgerichtet den Finger in so manche Wunde.  Die Geschehnisse in Bergamo zum Beispiel erscheinen nochmal in einem ganz anderen Licht. Prädikat: sehr sehenswert!

Lasst uns tanzen!
Musiker*innen und Tänzer*innen fanden sich am 4. März 2021 am Pariser Gare du Nord zu einem Flashmob zusammen: „Wir wollen wieder tanzen!“ Es sind Protestaktionen wie diese, die Mut machen und gute Laune, auch wenn sie zwangsläufig nur eine begrenzte Wirkung haben. Aber über YouTube gehen sie doch um die Welt – dieses Video wurde bis heute (7.4.) fast 1 Million Mal angeschaut! Wir brauchen mehr solche Flashmobs!

Ein sehr besonderes Osterkonzert
Der Ungar Laszlo (Leslie) Mandoki, Weltklasse-Musiker und Musikproduzent in Starnberg, hat unter dem Motto „Music is the greatest unifier – bridging the gap around the world“ ein großartiges Jazz-, Rock- und Blueskonzert produziert und bei YouTube eingestellt. Mit dabei sind Musik-Legenden aus aller Welt wie Ian Anderson von Jethro Tull, Al Di Meola, Till Brönner, Peter Maffay, John Helliwell und Jesse Siebenberg von Supertramp und viele andere. Die Stücke basieren auf Themen von Béla Bartók und seiner Sammlung von traditioneller ungarischer Volksmusik. In seiner Einleitung sagt Mandoki: „Wir leben in einer gespaltenen Gesellschaft. Wir leben in einer geteilten Welt. Wir leben in einem Zwischenraum. Wir leben in Echokammern und Newsblasen, diesen Komfortzonen. Aber wir verlieren den Kontakt zur Menschlichkeit. Gier siegt über Bewusstsein. Narrative siegen über Diskussionen. In dieser globalisierten Welt fühlen sich zu viele von uns zurückgelassen. Wir sind verwirrt, wir werden missverstanden. Wozu gehören wir? Wozu gehören wir in diesen herausfordernden Zeiten? Kann Musik die Antwort geben? Ja, Musik ist die Antwort. Musik ist die größte vereinigende Kraft. Wir müssen diese Spaltung überwinden. Deshalb brauchen wir die Musik. Mit diesem Online-Konzert überbrücken wir die Gräben rund um die Welt. Eine globale Krise braucht eine globale Antwort. Die Soulmates bestehen aus Gründungsmitgliedern von ikonischen Rockbands in Großbritannien und den USA wie Jethro Tull und Supertramp und Jazzlegenden aus Los Angeles, New York und London. Aber um auf eine globale Krise eine wirklich globale musikalische Antwort zu geben, haben wir für dieses Konzert auch Künstler*innen von der anderen Seite der Welt eingeladen – aus Shanghai und Beijing in China, aus Tokyo, New Delhi und Moskau, um miteinander Béla Bartóks Vision von einer vereinigten freien Welt zu teilen. Diese musikalische Reise startet in Budapest, wo Béla Bartók geboren wurde.“ Ein großartiges, wunderbares Konzert.

Konzerte in der Anwaltskanzlei
Der Hamburger Strafverteidiger Gerd Strate hat die großzügigen Räume seiner Kanzlei am Holstenwall 7 für Konzerte geöffnet. „Solange wegen Corona ‚Veranstaltungen zu Unterhaltungszwecken‘ (so nennt die Eindämmungsverordnung den Kulturbetrieb) nicht zulässig sind, werden die Konzerte stattfinden, aber ohne Publikum auf Video festgehalten und anschließend im Netz veröffentlicht (Facebook, YouTube, Instagram)“, schreibt Strate auf seiner Homepage, wo die Konzerte eingestellt sind. Bereits zu Gast waren die koreanische Konzertpianistin Seungyeaon Lee und ihr Landsmann, der Konzertpianist Jongdo An. Über den abenteuerlichen Transport und Aufbau des wertvollen Steinway-Konzertflügels hat Strate einen eigenen Film drehen lassen.

Das Rätsel unseres Bewusstseins
Noch bis zum 8. Juni 2021 ist auf arte eine spannende Dokumentation zu sehen, die schon vor sechs Jahren entstanden ist: Was weiß die Wissenschaft heute über unser Bewusstsein? Der Film behandelt neurowissenschaftliche Studien über die Entwicklung des menschlichen Bewusstseins, den Schlaf, den Traum sowie über die Psyche. Dabei geht es auch um die Frage, ab wann sich im Gehirn erste Anzeichen eines Bewusstseins nachweisen lassen, wie sich die Gehirnaktivität im Schlaf verhält, beim Meditieren und im Koma.

 

ZUM LESEN


Innenansichten einer Pandemie
Katja Gloger und ihr Mann Georg Mascolo sind große Namen im deutschen Journalismus. Katja Gloger war Anfang der 1990er Jahre Korrespondentin für den STERN in Moskau, später auch in den USA. Mascolo begann beim SPIEGEL, wo er zum Ressortleiter aufstieg, von 2008 bis 2013 leitete er das Magazin als Chefredakteur. Seit 2014 leitet er das Rechercheteam von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung. Beide hatten schon früh erkannt, dass sich im Februar/März 2020 etwas Besonderes ereignet, als dieses obskure Virus aus Wuhan sich in Europa ausbreitete. Sie führten hunderte von Gesprächen mit Politiker*innen, Krisenstäben, Beamt*innen und Ärzt*innen, erhielten Einsicht in interne Dokumente und Notizen – und machten aus allen Erkenntnissen ein Buch, das nochmal einen ganz anderen Blick eröffnet auf das Corona-Geschehen. Spannend wie ein Krimi, präzise wie eine Dokumentation. Ein wichtiges Buch in dieser Zeit
Katja Gloger, Georg Mascolo: Ausbruch. Innenansichten einer Pandemie. Piper Verlag, 336 Seiten, 22 Euro

Hinter den Kulissen der Pflege
Es gibt schon einige Bücher über den Pflegenotstand, dieses ist sicher eines der wichtigsten. Maximiliane Schaffrath, ausgebildete Krankenschwester, nimmt kein Blatt vor den Mund: „Ich möchte für meine Entscheidung, einen Beruf zu erlernen, der mich tagtäglich mit Kotze, Scheiße, Blut, ansteckenden Krankheiten, Schmerz, Leid und Tod konfrontiert, besser behandelt werden“, schreibt sie im Klappentext. „Hier bin ich in der puren Realität angekommen, in der Realität des Pflegenotstands und der zahlreichen Studiengänge, die jungen Menschen häufiger als die bessere Alternative erscheinen. Es ist schlimm, dass sie mir in den drei Jahren auch immer wieder unterstellen, ich würde nur Wartesemester für ein Medizinstudium sammeln wollen. Das tut weh. Als ob ich kein Recht dazu hätte, hier zu sein. Als ob ich verrückt sei, wenn ich dies freiwillig tue.“ In 15 Kapiteln beschreibt Schaffrath ihre Erlebnisse in verschiedenen Abteilungen eines Krankenhauses und erlaubt damit einen tiefen Blick in die Abgründe des Gesundheitswesens. Es ist ein Buch, das man am liebsten Jens Spahn und Angela Merkel auf den Nachtisch legen möchte.
Maximiliane Schaffrath: Systemrelevant. Hinter den Kulissen der Pflege. Hirzel Verlag, 240 Seiten, 18 Euro

Neue Ziele im eigenen Land
Reisen in andere Länder werden auf absehbare Zeit nicht so einfach sein. Was also liegt näher, als sich mal genauer im eigenen Land umzuschauen? Pia Volk hat das getan und daraus einen sehr speziellen Reiseführer erstellt. Da geht es um Ausflüge zur Bräutigamseiche oder zum Nonnenchor im Kloster Wienhausen, zum Emilianusstollen oder zum Gottesacker, zur Stinksteinwand am Hohen Meißner oder zum Bohrloch 1004 und sogar zu einem Kronleuchtersaal in der Kölner Kanalisation – Hauptsache ungewöhnlich! Die Reiseziele sind in verschiedene Kategorien eingeteilt: in obskure Objekte, bizarre Landschaften, Vorstellungswelten, verplante Flächen, Enklaven und Exklaven, verschwundene Gebiete und Orte, die bewegen. Deutschland zeigt sich hier noch einmal von einer ganz anderen Seite als man es bisher kennt.
Pia Volk: Deutschlands schrägste Orte. Ein Fremdenführer für Einheimische. C. H. Beck Verlag, 256 Seiten, 20 Euro

Neue Ziele im fremden Land
Marco Maurer, freier Autor und Reporter, hat etwas gemacht, wovon wir eigentlich doch alle schon einmal geträumt haben: Er kaufte sich in Sizilien einen alten Fiat 500 („vier kleine Reifen, ein Lenker und nicht mal 20 PS“) und fuhr zusammen mit dem Fotografen und Pulitzer-Preisträger Daniel Etter damit quer durch Bella Italia nach Hause in Hamburg. Über all das, was er dabei erlebt hat, schrieb er – wie könnt‘ es anders sein?! – ein Buch. Und das so gekonnt und so lebendig und anschaulich und einfach begeisternd, dass man sich subito auf eine ebensolche Reise begeben möchte. Er besuchte Oliven- und Safranbauern, Ordensschwestern und Pastahersteller, Cafébesitzerinnen und Pizzabäcker, Köchinnen und Mechaniker, Großväter und Mütter. Er beschreibt Tiefgründiges und Vordergründiges, Lustiges und Trauriges, er lässt uns teilhaben an seiner Reise nicht nur durch ein wunderbares Land, zu wunderbaren Menschen, sondern auch zu sich selbst. Und ganz nebenbei hat er zwischen den vielen Seiten des Buches köstliche Rezepte versteckt. Es ist eine Liebeserklärung nicht nur an Italien und die Leichtigkeit des Seins, sondern auch an das Leben selbst.
Marco Maurer: Meine italienische Reise – oder wie ich mir in Sizilien einen uralten Cinquecento kaufte und einfach nach Hause fuhr. Mit Fotos von Daniel Etter. Prestel Verlag, 240 Seiten, 26 Euro

Beim Essen die Welt verbessern
Lea Elci ist Waldorfschülerin aus Hamburg, Friday-for-Future-Aktivistin und Tochter eines türkischen Kochs. Und wenn der Papa auch noch Gründer der „Kitchen Guerilla“ ist und die Mutter Zuckerbäckerin – was liegt da näher als selbst ein Kochbuch zu schreiben, bei dem man zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt: lecker essen und die Welt retten? „Ich habe Angst“, schreibt Lea im Vorwort. „Ich habe Angst, wenn ich sehe, wie wir mit der Welt umgehen. Ich habe Angst vor dem, was passiert, wenn wir nichts ändern. Aber ich will keine Angst haben – sondern etwas bewegen!“ So wurde aus einem Schulprojekt ein Buch, das bei einem der renommiertesten Verlage erschienen ist – in kreativer Aufmachung, mit leicht nachzukochenden klimafreundlichen Rezepten. Denn, um es mit Lea zu sagen: „die Taten Einzelner können eben doch – selbst wenn es sich nicht immer so anfühlt – in der Summe Großes bewegen.“
Lea Elci: Umessen. Das Kochbuch für eine bessere Welt. Brandstätter Verlag, 168 Seiten, 20 Euro

Zum Sehen, Hören, Lesen

Kultur für Herz, Geist und Sinne

Auch wenn die ersten wärmenden Sonnenstrahlen vermehrt nach draußen locken, so ist der Winter doch noch nicht vorbei und bietet noch Anlass genug, sich abends mit einem guten Buch oder Film vom Corona-Stress abzulenken. Hier sind einige Tipps dafür.

ZUM ANSCHAUEN

WOMAN – FRAUEN DER WELT
Am 8. März war Internationaler Frauentag – einen berührenden Einblick, wie sich die Lage der Frauen heute weltweit darstellt, biete dieser Film. Er verleiht 2000 Frauen aus fünfzig Ländern eine Stimme und macht Mut, nicht nur Rechte einzufordern und Ungleichheit anzuprangern, sondern vor allem Frauen endlich nicht mehr als das „schwächere Geschlecht“ zu betrachten. „WOMAN“ zeigt, was es in unserer Welt heute bedeutet, eine Frau zu sein. Corona-bedingt konnte der Film bisher nicht im Kino gezeigt werden, aber sobald es möglich ist, wird das geschehen. Bis dahin kann er online ausgeliehen oder gekauft werden.


ZUM ANHÖREN

„AUS GEISTESTIEFEN LEUCHTEND“ – RUDOLF STEINER IN MÜNCHEN
Anlässlich des 160. Geburtstags von Rudolf Steiner am 27. Februar hat der Bayrische Rundfunk einen knapp einstündigen Radiobeitrag online gestellt, der das Wirken vom Rudolf Steiner in München Anfang des 20. Jahrhunderts spiegelt. Ein spannender Einblick in das Leben des Begründers der Anthroposophie und ein wunderbares Beispiel dafür, wie guter Radio-Journalismus geht.


ZUM LESEN

ALLES, WAS MAN ÜBER DAS IMPFEN WISSEN SOLLTE
Einer der kritischsten Wissenschaftler unserer Zeit, Begründer und langjährige Leiter des skandinavischen Cochrane-Zentrums, der Däne Peter Gøtzsche, hat ein Buch über Für und Wider des Impfens geschrieben. Mit dem bezeichnenden Untertitel: „Die Wahrheit über unsere Impfstoffe und ihre Zulassung.“ Er greift sich vor allem die Impfungen gegen Masern, Influenza, HPV (humanes Papillomavirus), japanische Enzephalitis sowie die Impfprogramme für Kinder heraus. Speziell bei HPV kennt Gøtzsche sich gut aus – er wurde wegen seiner kritischen Stellungnahme aus dem Amt gemobbt. Schonungslos zeigt er auf, wie groß die Interessenkonflikte sind, gerade bei Organisationen, die Impfungen empfehlen. Natürlich alles peinlich genau mit Quellen belegt.

Ein ganzes Kapitel hat Gøtzsche Corona gewidmet. Auf 60 Seiten stellt er die Dimension der Pandemie und auch die Tests und Impfstoffe so dar, wie man es selten liest: sachlich, nüchtern und mit dem Finger voll in den Wunden. So widmet sich ein ganzer Abschnitt in diesem Kapitel dem Thema „Habgier – Korruption – und unethische und rechtswidrige Vorgehensweisen“.

An keiner Stelle spricht Gøtzsche sich pauschal gegen Impfungen aus. Im Gegenteil. Wohl aber verlangt er, „dass Fragen zu Impfstoffen offen und ohne Einschüchterungsversuche diskutiert werden können. (...) Jeder, der eine Führungsposition im Gesundheitswesen bekleidet, weiß, was von ihm erwartet wird, wenn er bei den Politikern beliebt sein will. Man macht sich nicht beliebt, wenn man kritische Fragen zu Impfstoffen aufwirft.“
Peter C. Gøtzsche: Impfen. Für und Wider. Die Wahrheit über unsere Impfstoffe und ihre Zulassung. Riva Verlag, München, 336 Seiten, 19,99 Euro


EIN FAKTENREICHER ÜBERBLICK
Die Darstellung der Pandemie in den Medien wird sicher noch Gegenstand von Master- und Doktorarbeiten sein. Einen kleinen Beitrag dazu hat jetzt Walter von Rossum mit diesem Buch geleistet. Es fächert detailgenau auf, wie sich die Berichterstattung vor allem im Netz und im Podcast von Christian Drosten entwickelt hat. Auch wenn manches darin ein bisschen überzogen erscheint, so regt dieser Überblick doch noch einmal an, über so manches genauer nachzudenken.
Walter van Rossum: Meine Pandemie mit Professor Drosten. Vom Tod der Aufklärung unter Laborbedingungen, rubikon Verlag, 264 Seiten, 20 Euro 


IN NEUEM LICHT
Sophie Scholl ist kein Name, den man lange erklären muss. Und doch gibt es jetzt zwei Bücher, die nach der schon 2010 erschienenen Biographie von Barbara Beuys ein neues Licht auf das Leben dieser mutigen jungen Frau werfen. Der evangelische Theologe und Historiker der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“, Robert M. Zoske, hat jetzt auf der Basis von bislang noch unveröffentlichtem Quellenmaterial das „Portrait einer Widerständigen“ geschrieben und ein Bild der jungen Frau gezeichnet, das weniger heldinnenhaft als menschlich ist und sie uns dadurch umso näherbringt.

Auch der Theologe und Philosoph Werner Milstein hat sich jetzt anlässlich des 100. Geburtstags der Widerstandskämpferin am 9. Mai 2021 in das Leben von Sophie Scholl vertieft. Ähnlich wie Zoske beschäftigte auch ihn die Frage, wer die junge Frau hinter dem Mythos ist, wie sie ihr kurzes Leben verbrachte und wie sie zur „Weißen Rose“ kam.

Heute mehr denn je ist die Biographie Sophie Scholls dazu angetan, jungen Menschen ein Vorbild zu sein, wie man sich selbst treu bleiben kann.
Robert M. Zoske: Sophie Scholl: Es reut mich nichts. Portrait einer Widerständigen. Propyläen-Verlag, 448 Seiten, 24 Euro
Werner Milstein: Einer muss doch anfangen. Das Leben der Sophie Scholl. Gütersloher Verlagshaus, 208 Seiten, 15 Euro (erhältlich ab 22. März)


NEUE STÄRKEN ERKENNEN
Zu scheitern gilt nicht unbedingt als anstrebenswert, und doch sind es gerade die Fehler, aus denen wir am meisten lernen. In Japan hat man schon seit Urzeiten eine Kunst daraus gemacht, Krisen als Chance zu begreifen, mehr noch: als Geschenk des Lebens. Sinnbild dafür ist, dass Macken an einem Geschirr zum Beispiel nicht kaschiert, sondern betont werden – allerdings häufig dann eben künstlerisch gestaltet: mit einem Goldrand, einer Farbe, womit der Gegenstand zu neuer Schönheit erblüht. „Kintsugi“ heißt diese Kunst, zu reparieren, was zerbrochen ist und damit neue Kunstwerke zu schaffen, die noch kostbarer sind als die ursprünglichen Gegenstände.

In Zeiten wie diesen erscheint ein Buch über diese Kunst umso wichtiger. Es vermittelt uns, dass auch schwierige Zeiten neue Stärken vermitteln können und dass aus Niederlagen Erfolge erwachsen können.
Andrea Löhndorf: Kintsugi. Die Kunst, schwierige Zeiten in Gold zu verwandeln. Scorpio Verlag, 152 Seiten, 16 Euro


BERÜHRENDE GESPRÄCHE
Dass unser aller Leben endlich ist und der Tod zum Leben gehört, ist eine der Lehren, auf die uns die Corona-Krise mit Macht hinweist. Alte Leute setzen sich naturgemäß mehr mit den damit verbundenen Fragen auseinander und schauen auf ihr Leben zurück. Die erst 31-jährige Mena Kost und die Fotografin Annette Boutellier haben dazu 15 alte Menschen aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten befragt, von der Hebamme und der Bergbäuerin bis zum Architekten und Nobelpreisträger, und daraus ein wunderbares Buch gemacht.
Mena Kost, Annette Boutellier: Ausleben. Gedanken an den Tod verschiebt man gern auf später. Christoph Merian Verlag, 196 Seiten, 28 Euro


SELBST GEBACKEN SCHMECKT BESSER
In Lockdown-Zeiten sind viele Familien dazu übergegangen, ihr Brot selbst zu backen. Auch ist das Bewusstsein darüber gestiegen, dass Backtriebmittel aus der Retorte den Geschmack eines Brotes nicht unbedingt verbessern. Ganz davon abgesehen, dass die hochgezüchteten Getreidesorten oft für Unverträglichkeitsreaktionen bis hin zur Zöliakie verantwortlich sind. Höchste Zeit für gute Brotbackbücher also, die auch Ungeübten beibringen, wie leicht sich ein lecker-luftiges Brot aus Mehl, Wasser und Hefe oder – noch besser – Sauerteig backen lässt. Zwei davon haben sich als besonders geeignet herausgestellt:

Mit Brot im Topf – einfach backen mit Sauerteig (Dorling Kindersley Verlag, 160 Seiten, 16,95 Euro) zeigt Ilona Chocancova, dass ein knuspriges Sauerteigbrot aus dem eigenen Herd kein Hexenwerk ist, noch weniger, weil es sich in einem normalen Kochtopf backen lässt. Die gut fotografierten Schritt-für-Schritt-Anleitungen sorgen dafür, dass nichts schiefgeht.

Genauso anschaulich das schön aufgemachte Buch der jungen Food-Bloggerin Judith Erdin: Dein bestes Brot. Backen wie ein Profi (at Verlag, 192 Seiten, 29,90 Euro). Vom Dinkel-Frühstücksbrötchen bis zum Sonntagszopf, Baguette und Grissini ist darin alles narrensicher rezeptiert. Wetten, dass Sie danach nie wieder ein Brot beim Discounter kaufen?!


DIE NATUR NEU ENTDECKEN
Johanna Romberg war über 30 Jahre lang Redakteurin und Autorin bei GEO und stach schon in dieser Zeit mit ihren geschliffen formulierten, sorgfältig recherchierten Reportagen heraus. Ihr Liebe galt schon immer den Vögeln und der unberührten Natur. Nach „Federnlesen“ hat sie jetzt ihr zweites Buch vorgelegt, und es ist ihr fast noch besser gelungen. In neun Kapiteln und acht Kurzausflügen führt sie ihre Leser*innen an einen neuen Blick auf die Natur und ihre noch heilen Refugien heran – in die Eifel zu den Uhus, in die südliche Heide zu den Flussperlmuscheln, in Moore und zu Schmetterlingen, in Wattenmeer und zu den Bibern und natürlich zu dem Braunen Bär, dem Nachtfalter, der dem Buch zu seinem großartigen Titel verholfen hat. Es ist eine wunderbare Ermutigung, sich gerade in diesen Zeiten von der Natur zum Staunen verleiten zu lassen und alles dafür zu tun, sie in ihrer Ursprünglichkeit und Vielfalt zu bewahren.
Johanna Romberg: Der Braune Bär fliegt erst nach Mitternacht. Unsere Naturschätze. Wie wir sie wiederentdecken und retten können. Quadriga Verlag, 288 Seiten, 28 Euro

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Umstritten

Das neue Infektionsschutzgesetz

Es war eine turbulente Sitzung und eine kontroverse Debatte im Deutschen Bundestag, aber am Schluss wurde mit dem neuen Infektionsschutzgesetz eine Norm verabschiedet, die in ihrer Wirkung einmalig ist: Ab sofort und bislang befristet auf 30. Juni 2021 gelten verschärfte Bestimmungen inklusive nächtlicher Ausgangssperren von 22 bis 5 Uhr bei Überschreiten einer 7-Tage-Inzidenz von 100 an drei aufeinanderfolgenden Tagen. Schulen müssen auf Homeschooling umschwenken, wenn die Inzidenz über 165 liegt. Ab 150 dürfen Einzelhändler keine Kund*innen mehr im Laden bedienen (Ausnahme: Lebensmittelgeschäfte, Apotheken, Drogerien).

Schon im Vorfeld hatte sich gegen dieses Gesetzesvorhaben massiver Widerstand geregt. Mehr als 200 Verfassungsbeschwerden sind dazu beim Bundesverfassungsgericht eingegangen – eine stammt von der FDP (die Eilanträge gegen die nächtlichen Ausgangsbeschränkungen wurden vom Gericht inzwischen abgelehnt). In einem Interview mit der WELT machte Wolfgang Kubicki aus seiner Ablehnung keinen Hehl: Die im Gesetz festgeschriebene, vom RKI ermittelte Inzidenz als Maß aller Dinge habe „gar keinen Aussagewert, was die reale Abbildung des Pandemiegeschehens“ angehe. „Dennoch steht sie als einziger Maßstab im Gesetz.“

Auch andere Jurist*innen positionierten sich gegen das Gesetz, z. B. das Netzwerk Kritische Richter und Staatsanwälte oder die Anwältin Jessica Hamed in der Berliner Zeitung, die den ehemaligen Vorsitzenden des Deutschen Richterbundes und Direktor des Amtsgerichts Bielefeld, Jens Gnisa, zitiert, der „entsetzt“ sei darüber und dazu aufruft, „dem in Gesetz gegossenen ‚Dauerlockdown‘ nicht zuzustimmen“.

„Das geht zu weit!“ schreibt Ingo Krampen, Rechtsanwalt, Mediator und Notar a. D. in Bochum, in einer Stellungnahme zur „Notbremse“ der Regierung. „Damit ist eine Grenze überschritten, die wir als Jurist*innen nicht mehr widerspruchslos hinnehmen können.“ Er wolle „nicht von Inzidenzzahlen regiert“ werden: „Das ist gespenstisch und ‚Big Brother‘ in Reinkultur. Wenn diese Art von Gesetzgebung Schule macht, wird demnächst von Luftschadstoffwerten bestimmt, wann ich autofahren oder spazierengehen darf, von meinem Intelligenzquotient, welche Fortbildungen ich besuchen darf, von meinen Blutdruckwerten, welche Unternehmungen ich machen darf und welche nicht.“ 

Heribert Prantl, ebenfalls Jurist und Autor der Süddeutschen Zeitung, sagte in einem Interview für Telepolis auf heise.de: „Dieses Infektionsschutzgesetz liegt mir wie ein Stein im Magen. Ich habe große Zweifel daran, dass ein Rechtsstaat das verdauen kann.Es schränkte fast alle Grundrechte ein: „die Bewegungsfreiheit, die Glaubens- und Religionsfreiheit, den Schutz der Familie, die Versammlungsfreiheit, die Vereinigungs- und Koalitionsfreiheit, die Freizügigkeit, die Berufs- und Berufsausübungsfreiheit, die Gewerbefreiheit, den Schutz des Eigentums etc. etc.“ Man müsse sich „heute schon fragen lassen, wenn man die Grundrechte verteidigt, ob man schon ein Querdenker geworden ist. Solches Gerede gibt mir jedes Mal einen Stich. Was ist da passiert, dass das Verfassungs- und Grundrechteverständnis so porös geworden ist?“

Aufsehen erregte ein Offener Brief des ehemaligen Leiters des Instituts für Virologie der Charité, Prof. Dr. Detlev H. Krüger, und des ehemaligen Leiters des Globalen Influenza- und Pandemievorbereitungsprogramms der WHO, Prof. Dr. Klaus Stöhr. Beide Wissenschaftler greifen vor allem die Orientierung an der 7-Tages-Inzidenz an. Diese differenziere nicht, in welchen Altersgruppen, Lebensräumen und Bevölkerungsgruppen Infektionen auftreten: „Eine gleich hohe Inzidenz kann dramatisch unterschiedliche Bedeutung haben, je nachdem, ob sie z. B. bei primär gesunden Studierenden, bei schwer erreichbaren Bevölkerungsgruppen, bei besonders vulnerablen Menschen, oder diffus in der Gesamtbevölkerung verteilt gemessen wird. (...) Eine gleich hohe 7-Tages-Inzidenz kann in einem Szenario (z. B. Verschlechterung der Lage in Nachbarregionen) eine Verschärfung der Maßnahmen erfordern, während sie in einem anderen Szenario (z. B. stark sinkender Trend) gar eine Lockerung erlauben könnte.“ Als alternative Orientierungsgröße schlagen Krüger und Stöhr „die tägliche Anzahl der Covid-bedingten intensivstationären Neuaufnahmen“ (nicht zu verwechseln mit der intensivmedizinischen Belegungsstatistik!, Anm. d. Red.) vor, „differenziert nach Landkreis des Patientenwohnortes, Alter und Geschlecht mit Berücksichtigung diesbezüglicher zeitlicher Trends“.

Auch Gérard Krause, Leiter der Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig, wollte diesen Offenen Brief ebenfalls zeichnen, durfte aber offenbar nicht – sein Arbeitgeber verbot es ihm, wie Gregor Amlung in einem Gastbeitrag bei Boris Reitschuster berichtet: „Helmholtz-Forscher sollen sich ‚seriös und neutral‘ äußern, ‚ohne sich dabei in irgendeiner Weise politisch oder anderweitig vereinnahmen zu lassen‘, so die Begründung.“

Der ehemalige stellvertretende Vorsitzende des Sachverständigenrats Gesundheit, Prof. Dr. Matthias Schrappe, gab der von ihm zusammen mit neun weiteren Fachleuten verfassten 2. Ad-hoc-Stellungnahme die Überschrift: „Zentralisierte Willkür: Über den Entwurf eines 4. Bevölkerungsschutzgesetzes“. Darin heißt es: „Die Pandemie sollte nicht der Ausgangspunkt für staatsorganisatorische Interventionen/Veränderungen sein. Der Gedanke an eine neue Notstandsverfassung im Gesundheitsbereich drängt sich auf.“

In den Medien gab es – endlich! – eine Vielzahl kritischer Berichte zu diesem neuen Gesetz, die vorwiegend die Verfassungsgemäßheit anzweifelten, z. B. in der WELT gleich mehrfach („Ein Angriff auf die Vernunft“, „Der Gesundheitsminister als Herr über die Grundrechte? Lieber nicht“, „Die Ministerpräsidenten animieren ihre Polizei zur Dienstverweigerung“, „Diese Daten entlarven die Ausgangssperre als politischen Irrtum“), in der Neuen Zürcher Zeitung („Störung im System: Statt Ausgangssperren wäre eine Notbremse für staatliche Vernunft geboten“), in der Süddeutschen Zeitung („Ein sinnloser Eingriff in die persönliche Freiheit“).

Welche absurden Blüten dieses Gesetz treibt, wird am Beispiel Helgoland deutlich. Die Insel in der Nordsee gehört verwaltungstechnisch zum Landkreis Pinneberg und hat eine Corona-Inzidenz von Null. Mehr als ein Drittel der Einheimischen ist bereits geimpft. Gäste dürfen zurzeit ohnehin nicht kommen (berufliche Besucher ausgenommen). Trotzdem gilt für die 1.300 Bewohner*innen die Ausgangssperre, weil das Gesetz eben für alle bindend ist ...  

„Es macht keinen Sinn, Menschen zur normalen Schlafenszeit am Betreten der Straße oder sogar ihres Gartens zu hindern, nur um sie dann morgens in vollen Bahnen und Bussen zu ihren Großraumbüros zu karren, wo sie sich seltsamerweise aber auch nicht in Massen mit Corona anstecken“, schreibt der Journalist Milosz Matuschek in einem Beitrag für die Berliner Zeitung, den er auch in seinem Newsletter abdruckte. „Wie man es dreht und wendet: Es ergibt keinen Sinn. Angela Merkel hat Recht: Wir sind in einer ‚neuen Pandemie‘. Aber nicht wegen irgendeiner Mutante. Wir sind in einer Pandemie der willkürlichen Panik-Politik.“

Vor „symbolischen Coronamaßnahmen“ warnen auch namhafte deutsche Aerosolforscher die Politik und kritisierten die Ausgangssperren: „Die heimlichen Treffen in Innenräumen werden damit nicht verhindert, sondern lediglich die Motivation erhöht, sich den staatlichen Anordnungen noch mehr zu entziehen. In der Fußgängerzone eine Maske zu tragen, um anschließend im eigenen Wohnzimmer eine Kaffeetafel ohne Maske zu veranstalten, ist nicht das, was wir als Experten unter Infektionsvermeidung verstehen. (...) Wenn wir die Pandemie in den Griff bekommen wollen, müssen wir die Menschen sensibilisieren, dass drinnen die Gefahr lauert“, schreiben sie in einem Brief an die Landesregierungen und das Bundeskabinett, wie das Deutsche Ärzteblatt berichtet: „Leider werden bis heute wesentliche Erkenntnisse unserer Forschungsarbeit nicht in praktisches Handeln übersetzt.“ Die Forscher plädieren dafür, Raumluftfilter überall dort zu installieren, wo sich Menschen längere Zeit in geschlossenen Räumen aufhalten müssen – in Pflegeheimen, Büros, Schulen.

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung erklärt Christof Asbach, Präsident der Gesellschaft für Aerosolforschung, warum er Ausgangssperren und Maskenpflicht beim Joggen für falsche Signale hält: „Mit solchen Maßnahmen wird ein falscher Fokus gesetzt.“

Wie es in Frankreich und Spanien aussieht, einem Land mit und einem ohne Ausgangssperre, schildert Alexander Oetker in einem Bericht für n-tv: „Une Ausgangssperre? Mais non ...“ Er schreibt, die Ausgangssperre in Frankreich „bringt gar nichts, vielleicht sogar noch das Gegenteil von dem, was sie erreichen soll.“ Die Zahlen bestätigen das, die Inzidenz ist trotz Ausgangssperre hoch. Dass es trotz hoher Zahlen auch anders geht, zeigt Spanien, wo zu diesem Zeitpunkt (Anfang April) Bars, Cafés, Restaurants bis 20 Uhr innen und außen geöffnet sind, und das schon seit Januar. Trotzdem explodieren die Zahlen nicht. Die Inzidenz liegt im Baskenland bei 150, landesweit bei 90, in Galizien bei 33, obwohl alles offen ist, auch der Einzelhandel. „Vielleicht wäre es ja doch mal eine gute Idee, über den Tellerrand zu blicken“, schreibt Oetker, „und von denen zu lernen, die die Zahlen gesenkt haben. Deutschland aber will es derzeit den Ländern nachmachen, die trotz strenger Lockdowns immer noch viel zu große Probleme haben.“

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„Wir wissen nicht genau, was wir tun“

Die Politik stochert im Nebel

In einem Interview mit dem heute journal des ZDF kritisierte der Medizinstatistiker Prof. Dr. Gerd Antes (Freiburg), dass die Corona-Maßnahmen der Regierung auf einer denkbar schlechten Datenlage beruhen. Man habe versäumt, die wichtigen Informationen zu erfassen, wo und wann und wer am meisten von Corona-Infektionen betroffen ist: „Man glaubt es kaum, aber es ist wirklich so. Es fehlt an Vertrauen in die Wissenschaft. Die Politik hat gegenwärtig mehr Vertrauen in sich selbst, die Dinge auch ohne die entsprechenden Zahlen zu regeln, und deshalb sind diese ganzen Unterlassungssünden über die letzten 10, 11, 12 Monate aus meiner Sicht nur darüber zu erklären.“ Man bräuchte eine grundlegende Bestandsaufnahme:  1. Wo sind die Herde für Infektionen? „Schwierige Wohngebiete“ seien zu Recht inzwischen zum Thema geworden. 2. Wie bewerten wir diese Maßnahmen? Es sei immer noch völlig unklar, ob die Ausgangssperre oder andere Maßnahmen des Lockdown überhaupt die Wirkung zeigen, die man sich von ihnen erhofft. 3. Man müsse endlich eine große Studie mit einer repräsentativen Auswahl von 30-50.000 Bundesbürgern auflegen, die über die Zeit hinweg begleitet werden, so dass man weiß, was geschieht. Antes: „Eines der großen Probleme ist noch die Dunkelziffer. Wir wissen nicht genau, wie viele wirklich infiziert werden.“ Die Schulen sind für Antes nachweislich „nicht der große Treiber – das wird fatal überdramatisiert.“

Dabei könnten schon einfache Verbesserungen für mehr Erkenntnis sorgen. „Wir müssen die Ergebnisse der PCR-Tests genauer auswerten“, fordert z. B. die WELT. Denn der Test allein ist weder gleichbedeutend mit einer Corona-Erkrankung noch mit einer hohen Infektiosität. Um beides zu erkennen, kommt es auf den Ct-Wert an. Er zeigt an, wie viele Zyklen notwendig waren, bis die Virus-Bruchstücke erkannt wurden. Bei einer hohen Viruslast geschieht das schon nach wenigen Durchläufen (unter 20). Je mehr Zyklen erforderlich sind, desto geringer ist die Viruslast und damit auch die Infektiosität. So ist bei einem Ct-Wert von über 30 eine Ansteckungsgefahr ziemlich ausgeschlossen. „Eine Debatte über die Aussagekraft der PCR-Testung wird hierzulande so gut wie nicht geführt“, heißt es in dem Artikel. Ganz anders in Spanien: „Dort nimmt die Regionalregierung die Ct-Werte seit Monaten genau unter die Lupe und lässt sie mit in die Entscheidungen über die Verschärfung oder Lockerung von Maßnahmen einfließen; jüngst lag der Ct-Wert der positiven PCR-Tests in rund 50 Prozent der Fälle bei über 30.“ Das heißt: Geringe oder gar keine Infektiosität trotz positiver Testes. „In Deutschland dagegen spielt der Ct-Wert kaum eine Rolle – und die Politik macht keine Anstalten, daran etwas zu ändern. (...) Längst haben es sich die Entscheider bequem gemacht mit ihren Inzidenzwerten und Positivtests – ein realistischer Überblick über das Erkrankungsgeschehen lässt sich so nicht bekommen.“

Entgegen der Prognosen und Ankündigungen sind die Sterbefälle deutlich zurückgegangen, im März lagen sie sogar um 11 Prozent unter denen der Vorjahre, wie das Statistische Bundesamt mitteilt. Allerdings zweifeln Rechtsmediziner an der Zahl der Corona-Toten, wie der Nordkurier berichtet. Es werde zu wenig obduziert, um besser auseinanderhalten zu können, ob jemand AN oder MIT Corona gestorben ist. Es werde „eine viel höhere Sterberate assoziiert, als sie wirklich ist“, sagte der Direktor der Rechtsmedizin an der Universität Rostock, Andreas Büttner.

Immer wieder in der Diskussion ist die Belegung der Intensivstationen. Was die Zahlen dazu aussagen oder auch nicht, zeigt eine interessante Dokumentation, die leider etwas reißerisch angekündigt wird, aber inhaltlich viele wichtige Informationen liefert.

Mehr ins Blickfeld gerückt sind jetzt endlich sozial schwache Menschen sowie Menschen mit Migrationshintergrund. Denn Armut und beengte Wohn- und Lebensverhältnisse sind Risikofaktoren in der Pandemie. Studien zeigen, dass sozial benachteiligte Menschen ein deutlich höheres Infektions- und auch Sterberisiko durch Covid-19 haben. Ärzt*innen und Pflegende auf Intensivstationen beobachten schon seit langem, dass Migrant*innen dort einen wachsenden Anteil unter der Covid-Patient*innen stellen. Aber auch da fehlen konkrete Zahlen – eine sozioökonomische Statistik wird nicht geführt. Schätzungen belaufen sich auf 30 bis 60 Prozent und mehr, heißt es in einem Bericht der WELT über dieses Problem. „Je länger die Pandemie andauert, desto klarer wird, dass sie sich vor allem dort ausbreitet, wo die Bevölkerung in prekären Verhältnissen lebt, sprich: wo Menschen schlecht ausgebildet sind und arm. Menschen mit Migrationshintergrund sind das im Schnitt öfter als die, die hier geboren wurden.“ Wo man sich die Mühe macht, die Zahlen zu erfassen, wird das Ausmaß der Problematik deutlich. So haben z. B., wie die Landrätin des Kreises Bad Kreuznach festgestellt hat, „zwei Drittel bis drei Viertel der Infizierten einen Migrationshintergrund. Diese Aussagen sind nicht populär. Aber die Häufung von Corona-Fällen bei bestimmten Bevölkerungsgruppen muss angesprochen werden, damit man etwas dagegen tun kann.“ So wird jetzt z.B. überlegt, Menschen aus sozial schwachen Stadtteilen bevorzugt zu impfen und dort auch die Aufklärungsmaßnahmen zu verstärken, wie man sich vor einer Ansteckung schützen kann, wie der STERN berichtet.

Das erscheint umso notwendiger, als RKI-Präsident Lothar Wieler, wie die WELT berichtet, am 30. April 2021 in der Bundespressekonferenz den bemerkenswerten Satz sprach: „Wir werden bis Ende 2022 voll in der Pandemie stecken.“ Vor allem mit Blick auf Indien sei es wichtig, dass die Menschen weltweit Zugang zu den Impfstoffen bekommen können: „Wir sind nur sicher, wenn alle sicher sind.“ Weshalb Bundesgesundheitsminister Spahn auch gleich die Kinder mitimpfen lassen möchte, BionTech/Pfizer hat die Zulassung für den Einsatz ihres Impfstoffs für Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren bereits beantragt. Studien mit Schwangeren und Kindern ab sechs Monaten laufen bereits (siehe dazu „Stop! Keine Massenimpfungen bei Kindern!“).

In einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung sagte der Virologe Hendrik Streeck, die These, man könne SARS-CoV-2 eines Tages durch Impfstoffe aus der Welt schaffen, sei „leider illusorisch“: „Selbst wenn alle Menschen der Welt geimpft wären, was nie der Fall sein wird, würde das Virus immer noch im Tierreich weiter existieren. Viele Katzen sind infiziert, auch Marder, Fledermäuse. Und mit den Mutationen können jederzeit neue Tierwirte hinzukommen.“ Auch Resistenzen gegen Impfstoffe seien möglich und angesichts der Impfkampagnen sogar wahrscheinlicher. Sie helfen allerdings, eine Teilimmunität zu erreichen. Prognosen, wann die Pandemie damit kontrollierbar wird, seien jedoch „nicht seriös“. Um eine vernünftige Politik zu entwickeln, brauche es alle: „Virologen, Epidemiologen, Soziologinnen, Philosophen, Politiker und natürlich: Bürgerinnen und Bürger. (...) Wir werden das Problem nicht lösen, wenn wir jetzt einfach die drastischsten Maßnahmen mit Polizeigewalt durchdrücken – es braucht ein Abwägen, Augenmaß, einen gesamtgesellschaftlichen Konsens. (...) Virologen sollten nicht die Macht übernehmen, und die Politiker sollten sich nicht hinter den Virologen verstecken.“

Aus epidemiologischer Sicht müssten die entzogenen Rechte sehr bald komplett zurückgegeben werden, meint auch der Epidemiologe Klaus Stöhr, und zwar nicht nur an die Geimpften und Genesenen, sondern an alle, wie er in einem ausführlichen Post auf Twitter ausführt. SARS-CoV-2 werde „ständig weiter zirkulieren: saisonal in der nördlichen/südlichen Hemisphäre und dauernd auf niedrigem Niveau in der Äquatorialregion.“ Warum? Weil eine Immunität nach einer Impfung oder einem Infekt nicht zu 100 Prozent vor Reinfektion und Virus-Ausscheidung schütze. Es werde „keine Herdenimmunität im klassischen Sinn geben; auch wenn alle immun sind, können sich einige doch noch infizieren“. Es gebe wie bei den aller-, allermeisten anderen Infektionserkrankungen leider auch keine sterile Immunität nach einer Impfung oder einem Infekt.

Nach einer Erstinfektion werden Reinfektionen allerdings sehr viel milder verlaufen – in allen Altersgruppen. Falls neue Varianten auftreten, könne es durch den verminderten Immunschutz aus vorherigen Infektionen zu einem „Coronajahr“ mit vermehrten Fällen kommen – ähnlich wie bei der Influenza. Die Impfempfehlungen werde man aber aus praktischen Gründen solchen Schwankungen nicht anpassen können. Ob ab 2022 überhaupt noch eine Impfung notwendig sein werde, hänge davon ab, wie schwer Reinfektionen bei den Älteren verlaufen. Falls vergleichbar mit den anderen vier endemischen Corona-Viren: keine Impfung mehr. Falls wie bei Influenza: nur die Älteren.

Bei den weltweit jährlich ca. 100 Millionen neugeborenen Kindern verlaufe die Erstinfektion mit SARS-CoV-2 mild oder asymptomatisch. Alle ca. fünf bis zehn Jahre erfolge eine Reinfektion mit Auffrischung des Immunschutzes.

Dennoch hat das Bundeskabinett Lockerungen für Geimpfte bereits beschlossen, Bundestag und -rat müssen noch zustimmen, womit aber zu rechnen ist. Ausgangssperren und Kontaktverbote sind für zweimal Geimpfte damit passé, sie können auch ohne Schnelltest wieder shoppen oder zum Friseur, und sie müssen bei Reisen keine Quarantäneregeln mehr beachten. Maskenpflicht und Abstandsgebot bleiben jedoch auch für sie bindend. In Deutschland sind bislang etwas mehr als 28 Prozent der Menschen mindestens einmal geimpft, zwei Impfungen haben deutlich weniger erhalten. Markus Söder hat für Bayern bereits weitere Öffnungen angekündigt.

Und entgegen aller Beteuerungen bringt Jens Spahn jetzt mit Hochdruck einen digitalen Impfpass auf den Weg, wie der Spiegel berichtet – die EU will es ja so, damit das Reisen innerhalb Europas leichter wird. Mit dem digitalen Impfausweis soll den jetzt schon kursierenden Fälschungen ein Ende gemacht werden – denn das gelbe Papierdokument lässt sich leicht fälschen, bei der digitalen Version dürfte das nicht ganz so einfach sein. Dass Spahn noch vor einigen Monaten Stein und Bein geschworen hat, es werde keinen solchen Impfpass geben, muss man an dieser Stelle wirklich nicht nochmal hervorheben.  

Der deutsch-schweizerische Philosoph Prof. Dr. Michael Esfeld hat zu diesem Thema in der Zeitschrift Das Goetheanum einen Essay unter der Überschrift „Impfpass – ein Weg in die Freiheit oder in die geschlossene Gesellschaft?“ geschrieben. Darin heißt es: „Es geht nicht um einen Weg zurück zu Freiheit und Rechtsstaat, sondern um einen Weg hin zu einer ‚neuen Normalität‘. Das ist ein Weg in eine geschlossene Gesellschaft, der irreführend als Ausweg in die Freiheit dargestellt wird. Tatsächlich handelt es sich um die Zementierung der Freiheitsberaubung – nur nicht mehr durchgesetzt durch die Gewalt von Lockdowns, sondern durch die süße Versuchung sozialer Zertifikate in Form von Impfpässen. (...) Man wusste von Anfang an und hat die Bestätigung durch zahlreiche Studien, dass die gesundheitlichen, sozialen und wirtschaftlichen Schäden der sogenannten Corona-Schutzmaßnahmen deren Nutzen bei Weitem übersteigen werden. (...) Wir stehen heute vor einer Weichenstellung zwischen einer offenen und einer geschlossenen Gesellschaft. Die offene erkennt jeden Menschen in seiner Würde an. (...) Die geschlossene Gesellschaft zeichnet sich hingegen dadurch aus, dass sie ein bestimmtes Gut – wie heute Gesundheitsschutz oder Klimaschutz – in dem Sinne absolut setzt, dass sie es über Grundrechte und Menschenwürde stellt. Die Gewährung von Grundrechten und der Respekt der Menschenwürde zur individuellen Lebensgestaltung werden von Bedingungen abhängig gemacht, die eine Allianz von Experten, Politikerinnen und Wirtschaftsführern zusammen mit den Mainstreammedien festsetzt als angeblich erforderlich, um dieses Gut zu schützen.“

Der Deutsche Ethikrat hat seine bisherige Linie zur Rückgabe von Grundrechten an Geimpfte und Genesene bereits verlassen und ist auf die Regierungspolitik eingeschwenkt. Noch im September hatte er darauf bestanden, dass eine „Immunitätsbescheinigung“, mit der maßgebliche Grundrecht wieder zurückgegeben werden, einen „zuverlässigen Nachweis über den Grad und die Dauer der Immunität, also den Schutz der betreffenden Person vor einer Infektion und ihre Nichtinfektiosität“ voraussetzen müsse. Ansonsten bestehe „die Gefahr einer Zwei-Klassen-Gesellschaft, wenn etwa der Zugang zum Kaufhaus oder zu Kultur- und Sportveranstaltungen, die Reisefreiheit oder auch der Abschluss eines Arbeitsvertrags nur Personen mit Immunitätsbescheinigung gewährt würde.“

Inzwischen lässt die Ethikrat-Vorsitzende Alena Buyx anderes verlauten: Die individuellen Freiheitsbeschränkungen, die die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung allen Bürger*innen auferlegen, seien „für Geimpfte nicht haltbar und rechtlich schwierig durchzusetzen“, erklärte Buyx in einem Interview mit dem Deutschlandfunk am 12. April 2021. Die geplanten Lockerungen für Geimpfte, Genesene und negativ Getestete begrüße sie deshalb ausdrücklich: „Es gibt jetzt eine neue Situation. Denn Geimpfte scheinen nicht mehr ansteckend und können das Virus nicht mehr übertragen.“ Die derzeitige Studienlage gibt das allerdings nicht her – auch Geimpfte und Genesene können das Virus noch in relevantem Maße weiterverbreiten. 

Dennoch wird unermüdlich das Impfen als alleiniger Ausweg aus dem Lockdown und der Pandemie gepredigt. Jetzt sollen auch Schwangere und Stillende „priorisiert mit mRNA-basiertem Impfstoff gegen Covid-19 geimpft werden“, empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe zusammen mit zehn weiteren deutschen Fachgesellschaften. Die Studien dazu laufen bereits, wie das Deutsche Ärzteblatt berichtet. Es seien bisher keine Hinweise für vermehrte Komplikationen gefunden worden (z. B. Fehl-, Früh- oder Totgeburt, Wachstumsstörungen beim Ungeboren, Fehlbildungen) und auch keine Anzeichen für ein vermehrtes Krankheits- oder Sterberisiko. Nach derzeitigem Kenntnisstand gebe es keine Unterschiede im Nebenwirkungsprofil im Vergleich zu Nicht-Schwangeren. Möglicherweise könnten die gebildeten Antikörper sogar das Ungeborene schützen. Schwangere seien jedoch besonders gefährdet für einen schweren Verlauf, wenn sie sich mit SARS-CoV-2 infizieren.

Ebenso sollen jetzt Jugendliche und Kinder geimpft werden – bis hinab ins Säuglingsalter. Biontech/Pfizer hat bei der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA bereits eine Zulassung für den Einsatz ihres Impfstoffs bei Jugendlichen ab 12 Jahre beantragt (für Jugendliche ab 16 Jahren ist er als bislang einziger bereits zugelassen). „Biontech-Impfstoff ab Juni für ältere Kinder, für alle ab September“, meldet der Spiegel prompt vorauseilend, denn das die EMA die Zulassung erteilt, scheint schon jetzt selbstverständlich. „Auch die zweite klinische Studie mit knapp 4.600 jüngeren Kindern ist bereits weit fortgeschritten. Geimpft wird nach absteigendem Alter: Wenn die Zehnjährigen die Vakzine gut vertragen, sind danach die Neunjährigen an der Reihe. Die Biontech-Forscher sind inzwischen bei der jüngsten Altersklasse angelangt: Kinder ab sechs Monaten.“ Und die Spiegel-Autor*innen Veronika Hackenbroch und Thomas Schulz schlussfolgern: „Würden schon in wenigen Wochen die 12- bis 17-Jährigen und dann ab Herbst auch jüngere Kinder geimpft werden, könnten Schulen und Kindergärten sehr viel schneller wieder regulär laufen. Vorausgesetzt, die Kinder müssen sich beim Impfen nicht ganz hinten anstellen.“

Der 124. Deutsche Ärztetag hat gerade eine Erklärung verabschiedet, mit der er die Bundesregierung auffordert, „unverzüglich eine Corona-Impfstrategie für Kinder und Jugendliche“ zu entwickeln. Darin heißt es, das Recht auf Bildung“ könne „im Winter 2021/22 nur mit einer rechtzeitigen Corona-Impfung gesichert werden.“

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Ärzte-Aktion

STOP! Keine Massenimpfungen bei Kindern!  

Die Ärzte für individuelle Impfentscheidung e. V. haben sich dazu ganz klar positioniert: Sie fordern einen sofortigen Stopp solcher geplanter Massenimpfungen bei Kindern. Denn, so erläutert der Sprecher des Vereins, der Kinder- und Jugendarzt Dr. Steffen Rabe (München) in einem Videobeitrag: 

  • Kinder sind durch Covid-19 deutlich weniger gefährdet als Erwachsene. Sie erkranken nur selten schwer an Covid-19, und noch seltener sterben sie daran. Evidenzbasiert gibt es bei ihnen keine Risikogruppen für schwere Covid-19-Verläufe. Von einer massenhaften Impfung würden nur ganz wenige einzelne Kinder profitieren – die Risiken jedoch tragen Millionen von ihnen.
  • Kinder spielen für die Verbreitung von Covid-19 keine wesentliche Rolle. Das gilt auch für das ohnehin nur minimale Übertragungsrisiko in Schulen und KiTas – was sogar das Robert-Koch-Institut bestätigt. Eine Massenimpfung von Kindern und Jugendlichen kann deshalb die Weiterverbreitung von Covid-19 nicht wesentlich verringern. Schulen und KiTas können und müssen auch ohne Kinderimpfungen wieder geöffnet werden.
  • Kinder zu impfen wird die Herdenimmunität nicht fördern. Es ist zum jetzigen Zeitpunkt völlig unklar, ob Covid-19-Impfstoffe überhaupt zu einer nachhaltigen Herdenimmunität beitragen können. Selbst die optimistischsten Studien geben zu, dass die Impfung das Risiko, andere anzustecken, nicht einmal um die Hälfte verringert – das ist zu wenig, um eine Herdenimmunität durch die Impfung herbeizuführen. Außerdem wissen wir derzeit nicht, wie lange eine Impf-Immunität überhaupt vorhält. Und wir wissen auch nicht, gegen welche Mutationen von SARS-CoV-2 die derzeitigen Impfungen zuverlässig schützen.
  • Kinder sind durch die Nebenwirkungen der Impfstoffe besonders gefährdet. In allen bisherigen Studien zu den Covid-19-Impfstoffen betrafen die schweren und schwersten Nebenwirkungen vor allem jüngere Menschen. Mittel- und langfristige Impffolgen sind zurzeit noch nicht abzuschätzen, ihr Risiko wiegt aber bei Kindern und Jugendlichen besonders schwer. Die bisher begonnenen Impfstoff-Studien an Kindern und Jugendlichen sind viel zu klein und ihre Beobachtungsdauer ist viel zu kurz, um die bei Kindern und Jugendlichen besonders hohen Anforderungen an die Sicherheit der Impfstoffe zu erfüllen.

Diese Statements liegen auch in Plakatform bzw. als Handzettel vor. Eine druckfähige Fassung davon können Sie auf der Homepage des Vereins in Din A 3 oder Din A 4 herunterladen. 

Diese Stellungnahme erscheint umso dringender, als es bereits massive Bestrebungen gibt, Massenimpfungen an Kindern vorzunehmen. So sagte z. B. Jörg Dötsch, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin und Direktor der Kinderklinik an der Uniklinik Köln, in einem Interview mit der WELT: „Mit Impfungen können wir Kindern ihr Recht auf Schule, auf Zusammensein wiedergeben. (...) Wollen wir die Pandemie beenden, so kommen wir an der Impfung von Kindern und Jugendlichen nicht vorbei.“ Nur wenn auch Kinder und Jugendliche geimpft seien, könne man die Pandemie zum Stillstand bringen.

Martin Terhardt, Kinder- und Jugendarzt in Berlin und Mitglied der Arbeitsgruppe Covid-19-Impfung bei der Ständigen Impfkommission (STIKO), erklärte in einem Interview mit dem Spiegel, wie das am besten zu bewerkstelligen sein könnte: „Ein Konzept könnte sein, dass wir auch in den Schulen impfen, in großen, gemeinsamen Aktionen mit niedergelassenen Ärzten, Gesundheitsämtern und anderen helfenden Händen. So könnte man dann nach und nach ganze Schulen durchimpfen.“

Bundeskanzlerin Angela Merkel stieß beim „Impfgipfel“ der Bundesregierung mit den Ministerpräsidenten in das gleiche Horn, wenn sie sagt, wie n-tv berichtet, es werde „noch sehr, sehr lange dauern“, bis es einen Impfstoff für Kinder unter 12 Jahren geben werde: „Und mit sehr lange meine ich, nicht vor Frühjahr 2022. Wir werden also im Herbst eine schwierige Situation an den Grundschulen haben. Dort müssen wir uns auf den Betrieb mit ungeimpften Kindern einstellen.“ Und Markus Söder assistierte in bewährter Art: Die Infektionszahlen bei den Jüngeren würden „dramatisch steigen“, bei den 15- bis 19-Jährigen in Bayern gebe es fast eine 300er-Inzidenz ...

„Der Politik verrutschen sämtliche Maßstäbe“, kommentierte daraufhin Andreas Rosenfelder in der WELT: „Kaum haben sich die Familien resigniert darauf eingestellt, dass erst im kommenden Schuljahr wieder ein Unterricht stattfindet, der diesen Namen verdient – da denkt die Kanzlerin offenbar darüber nach, mit welcher Begründung man diesen für Kinder katastrophalen Zustand ins Unendliche verlängern könnte. (...) Jetzt stellt Merkel plötzlich den Gedanken in den Raum, selbst kleine Kinder müssten durchgeimpft werden, bevor an den Schulen wieder Normalität einkehrt?“ Damit habe die Kanzlerin „eine rote Linie überschritten“: „Selbstverständlich müssen alle Schulen spätestens dann wieder im Regelbetrieb öffnen, wenn jeder Erwachsene die Chance hatte, sich impfen zu lassen – so macht es ja auch jedes andere Land nach erfolgreicher Impfkampagne, Israel zum Beispiel. Eine Impfung von kleinen Kindern ist nicht nur medizinisch bis auf Weiteres unmöglich, sie ist auch unnötig.“ Eltern und Kindern bleibe „nach diesem neuen Schlag in die Magengrube nur die Zuversicht, dass kurz nach dem Beginn des neuen Schuljahres jemand ins Kanzleramt einzieht, der Kinder als das betrachtet, was sie sind: unsere Hoffnung und unsere Zukunft.“

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Eine mutige Aktion

#allesdichtmachen und die Folgen

Es hat mittlerweile die Runde gemacht, dass Ende April über 50 Schauspieler*innen die Aktion #allesdichtmachen gestartet haben (die ungekürzte Version ist immer noch auf YouTube zu sehen und wurde fast 300.000mal aufgerufen). Mit beißender Ironie nehmen sie dort die Lockdown-Politik der Bundesregierung aufs Korn. Das Echo war gewaltig – im Positiven wie im Negativen.

„98 Prozent sagen ‚Danke‘“, berichtete die WELT. „Den deutschen Schauspielern platzt in der Pandemie die Hutschnur“, schrieb die Neue Zürcher Zeitung. Die BILD-Zeitung organisierte sofort einen über zweieinhalbstündigen Live-Beitrag mit Interviews und Stellungnahmen unter dem Motto „Promi-Aufstand gegen Merkels Corona-Politik“. Ärztinnen organisierten kurze Video-Clips unter dem Motto „DANKE #allesdichtmachen“. 

Aber die Woge der Kritik und der Ablehnung war noch deutlich größer, und unter dem Druck des Shitstorms, der über ihnen niederging, zog gut ein Drittel der beteiligten Schauspieler*innen ihre Beiträge wieder zurück. Außer den im vorigen Absatz Zitierten gab es so gut wie kein Medium, das die Aktion nicht verdammte.  „Die einen wüten, die anderen schaudern“, schreibt Janis El-Bira in seiner Analyse für die Nachtkritik. Die Aktion sei „eine Verhöhnung der Corona-Toten“, meinte das Redaktionsnetzwerk Deutschland: „Die AfD und andere Schwurbler jubeln. Dabei zeigt die ironisch gemeinte Aktion nur eines: Ruhm und Erfolg schützen nicht vor Pech beim Denken.“ Der Tagesspiegel konstatierte, #allesdichtmachen sei „so schäbig, dass es weh tut“: „Prominente deutsche Schauspieler verhöhnen Corona-Maßnahmen. Gegenvorschläge haben sie keine.“ In der „aktuellen Stunde“ des WDR machte Moderator Martin von Mauschwitz seiner Empörung schon zu Beginn Luft: „Ich will ehrlich sein, Herr Liefers, wir haben uns heute über Sie geärgert. Seit 14 Monaten arbeitet hier ein Riesenteam mit vielen guten Leuten bis zur Erschöpfung, um die Menschen im Land über die Pandemie möglichst gut zu informieren. Heute kommen Sie, ein WDR-Kollege, und sagen: Alles gleichgeschaltet und alarmistisch. Wie kommen Sie dazu?“ Und auch er hielt Liefers vor, er bediene „exakt das Narrativ der Corona-Leugner, der Rechtsextremen und ‚Lügenpresse‘-Schreihälse“. Die Aktion verhöhne die vielen Menschen, die hart arbeiten und Opfer bringen in der Pandemie. Liefers kam kaum dazu, auf diese Unterstellungen einzugehen, weil der Moderator ihn immer wieder unterbrach.

Der SPD-Rundfunkrat Garrelt Duin verstieg sich in einem Tweet gar zu der Forderung, die öffentlich-rechtlichen Sender müssten die Zusammenarbeit mit Jan-Josef Liefers und Ulrich Tukur „schnellstens beenden“. Den Tweet hat Duin dann schnell wieder gelöscht, aber er war nicht allein mit seiner Forderung nach einem Berufsverbot für die Beteiligten. Der Physiker und Befürworter eines konsequenten Lockdowns, Cornelius Roemer, rief z. B. dazu auf, „detaillierte Listen über die Schauspieler und deren Follower anzulegen“, wie die Berliner Zeitung berichtet. Damit wolle er herausfinden, „ob jemand mit viel Geld“ hinter der Aktion stecke.

Folgerichtig setzte der Tagesspiegel seine Rechercheure auf die Aktion an und suchte nachangeblichen Verbindungen zu „Querdenkern“ und Rechtsradikalen. Und da wird dann jedes Interview, jede Äußerung daraufhin geprüft, ob sie regierungskonform ist. Und wenn nicht – ist die Zuordnung klar: „Die Spur führt ins Querdenker-Milieu.“ Selbst die NZZ sieht allein in der Tatsache, dass Volker Bruch (Hauptdarsteller in „Babylon Berlin“) einen Aufnahmeantrag bei der Corona-Protest-Partei „Die Basis“ gestellt hat, eine Nähe zu Querdenkern.

Dass es so einfach nicht geht, zeigt eine hochinteressante, ausführliche Analyse in der WELT. Darin heißt es: „Dass es dem „Tagesspiegel“ trotz Unterstützung einer nah am Rufmord agierenden, netzaktivistischen Recherche-Einheit nicht gelingt, ein adäquates Bild des politischen Umfelds desjenigen zu zeichnen, den sie als düsteren Spiritus Rector hinter #allesdichtmachen ausmachen, enttäuscht. Man muss sich ansehen, auf welche Evidenzen sich der „Tagesspiegel“-Artikel im Weiteren stützt, nachdem der Topos „Elitenverschwörung“ an Glaubwürdigkeit eingebüßt hat. Hat man es mit mehr zu tun als mit der Aneinanderreihung von Zufällen, die durch das wacklige Konstrukt der Kontaktschuld zusammengehalten werden? (...) Wenn es um #allesdichtmachen und seine wirklichen oder auch nur angenommenen Protagonisten geht, scheint beim „Tagesspiegel“ eine gewisse Fluidität darin zu herrschen, was geschrieben wird. (...) Der Nachweis soll geführt werden, dass man es bei Positionen und Meinungen, wie sie in der Aktion #allesdichtmachen an die Öffentlichkeit getreten sind, eben nicht mit Positionen und Meinungen zu tun hat, die sich im demokratischen Normalbereich verorten lassen. Dass es nicht Positionen und Meinungen sind, die sich Leute bilden, mal besser oder schlechter informiert durch die Medien, aber basierend auf eigenem Denken, eigenen Überzeugungen und eigener Urteilskraft. Nicht manipuliert, übers Ohr gehauen oder verführt. Und trotzdem möglicherweise auch falsch. Wer aber ständig auf die Möglichkeit verweist, es gäbe dunkle Interessen und Drahtzieher hinter diesen Positionen und Meinungen, wird dabei fast zwangsläufig eines ausklammern: Das ist die inhaltliche Auseinandersetzung." 

Aber es gab auch einige Versuche der konstruktiven Auseinandersetzung. So lud Maybrit Illner Jan Josef Liefers in ihre Talkshow ein, Steffen Hallaschka von stern tv brachte den Regisseur und Mit-Initiator von #allesdichtmachen Dietrich Brüggemann mit der Notärztin Carola Holzner („Doc Caro“) zusammen, die die Aktion auf Instagram mit dem Hashtag #allemalneschichtmachen kommentiert hatte, und die ZEIT organisierte kurzerhand ein Streitgespräch zwischen Jan Josef Liefers und Jens Spahn.

„Wie #allesdichtmachen uns den Spiegel vorhält“, kommentierte Andreas Rosenfelder, Ressortleiter Feuilleton in der WELT: „Deutschlands Meinungseliten drehen durch, weil fünfzig Schauspieler die Corona-Politik persiflieren. Die hysterische Reaktion zeigt, dass #allesdichtmachen den Nerv unserer Zeit getroffen hat. Denn die Satire entlarvt auch die Rolle der Medien in der Pandemie.“

Auch Ulf Poschardt, Chefredakteur der WELT, stellt in einem Kommentar unter der Überschrift „Der verlorene Kulturkampf“ fest: „In Schulen, Universitäten, Medien und Kulturinstituten schwindet die Freiheit, der Anpassungsdruck wächst – und damit der Opportunismus. (...) Wer die Corona-Maßnahmen, die hoffentlich vom Bundesverfassungsgericht kassiert werden, kritisiert, verhöhne die Toten, die Kranken, die Ärzte und Pfleger – so kommentieren nicht nur Betroffene, ein Außenminister und Moraldarsteller in unterschiedlich exponierten Funktionen des Kulturbetriebs, sondern auch WDR-Journalisten, die Initiator Jan Josef Liefers vor laufenden Kameras zur Beichte nötigen: ausschließlich mit Moral wütend, ohne einen Gedanken. (...) Die bürgerliche Welt von Freiheit und Eigenverantwortung hat den Kulturkampf verloren. Auch, weil sie ihn nie angenommen hat. Die öffentlich-rechtlichen Medien, der vorpolitische Raum, die steuerfinanzierten Institute und NGOs, die Universitäten und die subventionierten Kulturbetriebe haben sich in den vergangenen Jahren zu einer perfekt geölten Maschinerie entwickelt.“ 

Dass einige Schauspieler*innen ihre Beiträge aufgrund des Shitstorms wieder zurückgezogen haben, erinnere an die Debatte um die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann aus der DDR im November 1976, schreibt WELT-Herausgeber Stefan Aust: „Verblüffend sind einige Parallelen im öffentlichen Umgang mit dem Künstlerprotest. Damals wie heute wird er von den Medien nahezu geschlossen verurteilt. Abermals werden Verbandsfunktionäre aufgeboten, die sich von dem unverantwortlichen Verhalten ihrer Mitglieder distanzieren. (...) Damals wie heute wird nicht argumentiert, sondern moralisiert. Biermann wurde vorgeworfen, er habe sich nicht um das Schicksal von Arbeitslosen gesorgt. Den Künstlern heute wird gar Schuld an den Corona-Toten unterstellt – dabei liegt die doch bei der von ihnen kritisierten Bundesregierung, die versagt hat: bei der Impfkampagne, der Nachverfolgung von Infektionen, der Beschaffung von Luftfilteranlagen für die Schulen … (...) Künstler, zumal weniger bekannte und betuchte, werden sich in Zukunft zweimal überlegen, ob sie die Regierung öffentlich kritisieren. Denn Berufsverbote und Existenzvernichtung sind für sie nicht nur eine Drohung, sondern schon mehr als ein Jahr Realität: Seit März 2020 sind in Deutschland fast alle Theater und Konzertsäle geschlossen.

Ulrich Tukur, sicher einer der profiliertesten Schauspieler, die an der Aktion beteiligt waren, wollte auf das Angebot eines Interviews mit der Neuen Züricher Zeitung nicht eingehen, erlaubte aber, seine Begründung dafür abzudrucken. Und die ist bemerkenswert:

„Wenn ich dieser Tage überhaupt mit einem Medium kommunizierte, dann mit einer ausländischen Zeitung wie der Ihren. Aber haben Sie bitte Verständnis, dass ich auch das unterlasse. Es befeuert nur die weitere Überhitzung einer Diskussion, die nach einer satirischen Einlassung wie der unseren (das verstand man noch zu Tucholskys Zeiten) nach Berufsverbot und in den Netzwerken sogar nach physischer Bestrafung ruft.

Kunst kann kein Arzneimittel sein, sie muss schmerzen. Es ist seit alters her das Privileg des Gauklers, dem Herrscher einen Spiegel vorzuhalten und in seiner (überspitzten) Art auf Missstände aufmerksam zu machen. Man muss das nicht kommentieren. Meine Kollegen und ich wollten lediglich ein Fenster in diesem trägen Haus aufreißen und frische Luft hereinlassen. Und jetzt gehen sich alle gegenseitig an die Gurgel. Schade. Ich hätte mir eine offene Diskussion um diese erratische und kontraproduktive Corona-Politik gewünscht, die ohne Not so viele Existenzen ruiniert. Dass eine Pandemie existiert und Menschen Not leiden und Angst haben und keiner der politisch Verantwortlichen Böses will, steht für mich außer Frage. Es steht für mich allerdings auch ausser Frage, dass es besser ist, sich zurückzuziehen, wenn eine vernünftige Auseinandersetzung, von mir aus auch ein zünftiger Streit, nicht mehr möglich sind.

So haben wir immerhin gezeigt, dass sich unsere Gesellschaft in einer erschreckenden Schieflage befindet und politische Inkompetenz wie ein Spaltkeil wirken kann. Darf die Satire nicht mehr alles, und schlimmer noch, wird sie überhaupt nicht mehr verstanden, muss der Hofnarr schweigen.“

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Zum Sehen, Hören, Lesen

Kultur für Herz, Geist und Sinne

Da es immer noch nicht so richtig Frühling geworden ist, und auch weil die vielerorts weiterhin bestehenden Ausgangssperren uns weiterhin zuhause halten, gibt es hier wieder einige Tipps für Lesens-, Hörens- und Sehenswertes.

Zum Anschauen und Anhören


Über den Missbrauch der Wissenschaft durch die Politik
Der Autor Gunnar Kaiser hat mit dem deutsch-schweizerischen Philosophen Prof. Dr. Michael Esfeld, der u.a. Mitglied der Leopoldina ist, ein ausführliches Gespräch geführt, das sich anzuschauen und anzuhören wirklich lohnt. Esfeld beklagt darin den Missbrauch der Wissenschaft durch die Politik und begründet das anschaulich, auch anhand seiner eigenen Erfahrungen.

Kinder und Corona
In München-Gräfelfing fang am 24. April 2021 eine Diskussionsveranstaltung zum Thema „Kinder und Corona“ statt. Mit dabei waren die Regisseurin des Dokumentarfilms „Lockdown Kinderrechte“, Dr. Patricia Marchart, der Kinder- und Jugendarzt Dr. Steffen Rabe, der Leiter des Labors für Psychoneuroimmunologie an der Universitätsklinik für Medizinische Psychologie Innsbruck, Prof. Dr. Dr. Christian Schubert sowie der Leiter der Abteilung für Allgemein- und Familienmedizin, Zentrum für Public Health an der Medizinischen Universität in Wien, Prof. Dr. Andreas Sönnichsen. Die Veranstaltung fand im Freien statt. 

Neue Dokumentation
Der Österreichische Sender SERVUS TV hat eine anderthalbstündige Dokumentation erstellt unter dem Titel „Corona – auf der Suche nach der Wahrheit“. Der Linzer Virologe hat sich weltweit umgesehen und nach Antworten auf drängende Fragen gesucht. Ein spannender Film, der viele Denkanstöße gibt.

Eyes wide open
Unter diesem Motto startet in diesen Tagen das 36. Dokumentarfilmfestival München – wie schon im vergangenen Jahr online auf einer digitalen Leinwand. 131 Filme aus 43 Ländern werden zu sehen sein, darunter 90 Premieren, 28 davon sind Weltpremieren. Insgesamt 16 Preise werden verliehen, 
Unter den besonders sehenswerten Filmen ist sicher Hinter den Schlagzeilen. Der Film begleitet die beiden Investigativreporter der Süddeutschen Zeitung, Frederik Obermaier und Bastian Obermayer, bei ihrer Recherche zur "Ibiza-Affäre" um den österreichischen Politiker Heinz-Christian Strache, die 2019 zum Bruch der Regierungskoalition und Neuwahlen geführt hat. Weitere Highlights sind Der wilde Wald, der uns in den wirklich noch wilden Bayrischen Wald entführt, oder auch ein Portrait des großen, inzwischen 99-jährigen Journalisten Georg Stefan Troller. Oder auch Ein Clown, ein Leben – ein Film über Bernhard Paul und den Circus Roncalli, sowie Die Rossellinis – ein Portrait der Familie des legendären Regisseurs Roberto Rossellini, dem Mann der nicht minder legendären Ingrid Bergman und Vater der Schauspielerin Isabella Rossellini. 
Alle Filme sind vom 6. bis 23. Mai unter dokfest-muenchen.de zu sehen. Tickets kosten 6 Euro, der Film kann damit 48 Stunden lang abgerufen werden. Es gibt auch einen Festivalpass für 70 Euro, über den alle auf dem Festival gezeigten Filme verfügbar sind. 

 

Zum Lesen


Spannende Informationen zu Corona-Impfstoffen
Schon mit seinem ersten Buch „Wir können es besser: Wie Umweltzerstörung die Corona-Pandemie auslöste und warum ökologische Medizin unserer Rettung ist“ hat der österreichische Biologe Clemens Arvay einen Bestseller gelandet, mit seinem neuen Buch über die Corona-Impfstoffe ist das nicht anders. Sachlich, nüchtern, in gut verständlicher Sprache und mit zahlreichen Quellen belegt beantwortet Arvay die wichtigsten Fragen, immer mit dem Ziel, den Leser*innen eine eigene, freie und individuelle Entscheidung zu ermöglichen. Ein Buch, das in diesen Zeiten in keinem Haushalt fehlen sollte.
Clemens G. Arvay: Corona-Impfstoffe: Rettung oder Risiko? Wirkungsweisen, Schutz und Nebenwirkungen der Hoffnungsträger. Quadriga Verlag, 144 Seiten, 10 Euro

Ein Arzt als Patient
Wenn ein Intensivmediziner selbst schwer erkrankt und zum Patient wird, ändert sich oft die Perspektive. Prof. Dr. Thomas Bein, der am Universitäts-Klinikum Regensburg eine Intensivstation leitet, ist das widerfahren: Er erkrankte an Knochenmark-Krebs. Er durchlebt alles, was Patient*innen auf dem Weg durch so eine Krankheit erleben: die Krebsdiagnose als Schock, die Leiden im Rahmen der Chemotherapie, die Hilfsbedürftigkeit, das Angewiesensein auf andere. Danach hat er auf vieles einen anderen Blick. Ein lehrreiches Buch – nicht nur, aber vor allem für Ärzt*innen.
Prof. Dr. Thomas Bein: Ins Mark getroffen. Was meine Krebserkrankung für mich als Intensivmediziner bedeutet. Droemer Knaur Verlag, 224 Seiten, 18 Euro

Wenn Kinder zu viel zocken
Es dürfte für viele Eltern gerade in Corona-Zeiten ein großes Problem darstellen, ihre Sprösslinge vom Computer auch mal wieder loszueisen. Wie rasant schnell ein Kind spielsüchtig werden kann und wie sich die Sucht überwinden lässt, schildert Ulrike Wolpers in ihrem Buch. Als Mutter von drei Kindern und Multimedia-Redakteurin bei der ARD und Beraterin im Bereich „Wissenschaftskommunikation und Forschungsmarketing“ weiß sie, wovon sie spricht. Es berührt, wie sie erzählt, wie ihr jüngster Sohn in den Bann eines Computerspiels gerät und wie sich die ganze Familie gezwungermaßen mit den Mechanismen der Spiele-Industrie auseinandersetzen muss. Eindrucksvoll der Weg, über den das Kind aus der Sucht herausfindet und ebenso, wie die Familie einen anderen Umgang mit den Medien lernt. Ein wichtiges Buch, nicht nur für Eltern.
Ulrike Wolpers: Mein fremdes Kind. Wie wir die Computerspielsucht unseres Sohnes überwanden. Über Vertrauen und Wege aus der Abhängigkeit. Benevento Verlag, 304 Seiten, 18 Euro

Wenn die Uhr tickt ...
Alex ist 30 Jahre alt, als er von seinem Arzt eine tödliche Diagnose erhält. Zwei Monate hat er – statistisch gesehen – noch zu leben. Die will er so gut wie möglich verbringen – in einem Hospiz. Doch es kommt ziemlich anders als gedacht, und was da kommt und welche Wandlung Alex erlebt, das ist eine wunderbar geschriebene Geschichte, ein Roman, der aber genauso gut Abbild der Wirklichkeit sein könnte und sich vielleicht sogar irgendwo tatsächlich so zugetragen hat. Ein Buch über das Leben und die Kunst, es zu genießen.
Fabian Neidhardt: Immer noch wach. Haymon Verlag, 268 Seiten, 22,90 Euro

Auf Spurensuche
Dieses Buch erzählt die Geschichte einer Familie über mehrere Generationen hinweg. Menschen, die am Fuße eines Leuchtturms in der DDR aufwachsen, fliehen, um schließlich zurückzukehren in dieses Haus, wo unter einem Dielenbrett ein altes Tagebuch versteckt war, das ein ganz neues Licht auf die Familiengeschichte wirft. Eine wunderbare Lektüre für verregnete Tage oder gemütliche Urlaubstage.
Kathleen Freitag: Das Haus des Leuchtturmwärters. Verlagsgruppe HarperCollings, 320 Seiten, 15 Euro

Zum 100. Geburtstag von Joseph Beuys
Am 12. Mai wäre Joseph Beuys hundert Jahre alt geworden – Anlass genug, um ihm auf besondere Weise die Referenz zu erweisen. Zum Beispiel mit diesem Buch von Rüdiger Sünner, der im Leben von Beuys auf Spurensuche gegangen ist zu dessen Kunst und Spiritualität. Er setzt sich gerade mit dem auseinander, was im umfangreichen Werk von Beuys oft so verrätselt und unzugänglich erscheint und eröffnet damit einen neuen Blick auf eine der bedeutendsten Künstlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts.
Rüdiger Sünner: Zeige deine Wunde. Kunst und Spiritualität bei Joseph Beuys. Europa Verlag, 224 Seiten, 18 Euro