Massive Zweifel

Der Shutdown provozierte viel Gegenwind – auf allen Kanälen

 

Ganz generell gab es – anders als bei dem Lockdown im Frühjahr – jetzt massiven Widerspruch. Und das von verschiedenen Seiten und seitens der Medien auf breiter Front. Anders als bisher kamen hier viele kritische Stimmen zu Wort, die erhebliche Zweifel anmeldeten, ob die beschlossenen Maßnahmen von Erfolg gekrönt sein würden.

Ungewohnt deutliche Worte fand z. B. Thomas Tuma, stellvertretender Chefredakteur des Handelsblatt und forderte einen Lockdown der anderen Art: „Was wäre, wenn Teile der Regierung, der „Experten“ aller Art, aber auch mancher Medien in eine Art freiwillige Corona-Schweigeklausur gingen? Sagen wir: zwei Wochen? Um die akute Welle der Hysterie, Panikmache und Untergangs-Menetekel zu brechen? Wäre das nicht ein spannendes Experiment – und vergleichsweise harmlos im Vergleich zu all den Operationen am offenen Herzen einer Gesellschaft im Ausnahmezustand, wie wir sie in den vergangenen Monaten erleben mussten? Hilfreich wäre es zum Beispiel, wenn der SPD-‚Gesundheitsexperte‘ Karl Lauterbach und andere apokalyptische Reiter sich selbst mal ein bisschen Talkshow-Abstinenz verordnen würden. Wenn Politiker wie Markus Söder wenigstens einen Herbsturlaub lang damit aufhören könnten, sich einen Wettlauf mit Konkurrenten zu liefern über die Frage, wer der härteste Corona-Bekämpfer im Land ist.“ Söder hatte im Nachgang zu Merkels Verfügungen erwogen, in Bayern den Katastrophenfall auszurufen und hielt an seinen noch schärferen Regeln fest. Die sei notwendig, um auf „die dramatische Entwicklung besser reagieren“ zu können.

Stefan Willich, Direktor des Instituts für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie der Charité in Berlin, kritisierte in der Berliner Zeitung, der neuerliche Lockdown sei „in seiner Allgemeinheit überzogen“. Es sei nicht sinnvoll, auf „dramatische Breitbandrestriktionen“ zu setzen und „alles über einen Kamm zu scheren“. Die Belastung des Gesundheitswesens werde eher noch zunehmen: „Wir sehen jetzt schon die Folgen im psychiatrischen Bereich, wie Angststörungen oder Depressionen“, verschobene Operationen, Existenzängste, Armut und die daraus folgenden gesundheitlichen Probleme. Willich plädierte stattdessen dafür, die Hochrisikogruppen bestmöglich zu schützen und die Gesundheitsämter personell besser auszustatten, um eine konsequente Kontaktnachverfolgung zu gewährleisten. Ähnlich äußerte sich der Wissenschaftler am 1. November auch bei Anne Will: Die Sterblichkeit für Covid-19 liege bei 0,2 bis 0,3 Prozent, was deutlich niedriger sei als das, was in der Öffentlichkeit immer kolportiert werde. Willich forderte, die Maßnahmen „regional zu adjustieren“. Denn was für Berlin gelte, träfe für Mecklenburg-Vorpommern und andere Regionen nicht zu.

In einem Interview mit ZEIT Online kritisierte der Demokratieforscher Wolfgang Merkel (nicht verwandt oder verschwägert mit der Kanzlerin) einen „Alarmismus der Regierenden und die Zurückhaltung des Parlaments“: „Was wir seit Beginn der Corona-Krise beobachten, ist ein Überbietungswettbewerb im Verbieten. Ein Wettlauf um die härteste Linie. Umfragen belohnen diejenigen, die die meisten Verbote fordern. (...) Ich nenne das Regieren durch Angst.“ Die Epidemiologie arbeite mit Hochrechnungen über den Pandemieverlauf, eingeteilt in ‚harmlos‘ bis ‚besonders schlimm‘. Die Politik orientiere sich jedoch immer am ‚worst case‘, weil sie diesen unbedingt verhindern müsse, aus humanitären Gründen und um wiedergewählt zu werden: „Deshalb ist den Regierungen auch nicht der Virologe Hendrik Streeck, der eher für moderate Eingriffe ist, die wissenschaftliche Referenz, sondern der pessimistischere Christian Drosten. Mit dessen Sichtweise lassen sich harte Eingriffe viel besser begründen. Aus dieser Spirale ergibt sich eine Übervorsicht, eine Tendenz, die Freiheit lieber einmal zu viel einzuschränken aus Angst, die Sicherheit sonst zu gefährden.“ Eine solche Apokalyptik lasse sich aber nicht auf Dauer durchhalten. Die Bevölkerung werde dessen müde. Die Politiker*innen sollten „endlich aufhören, nur über den alarmistischsten Indikator zu reden: die Infektionszahlen. Viele Experten sagen schon lange, dass das völlig unzureichend ist. Aber überall, in jeder Tagesschau, geht es fast nur um diese Infektionszahlen, die dann noch nicht mal ins Verhältnis zur gestiegenen Anzahl der Tests gestellt werden. Das rüttelt am Seriösen.“

Merkel las auch der Opposition die Leviten: „Die Corona-Gesetze müssten klassische ‚Sunset Laws‘ sein, Gesetze, die von allein wieder auslaufen, werden sie nicht nach einer erneuten ordentlichen parlamentarischen Debatte beschlossen. Der Parteivorsitzende der Grünen, Robert Habeck, hat den bemerkenswerten Satz gesagt, das sei jetzt nicht die Stunde der Opposition, sondern die der Verantwortung. Als Demokratieforscher sage ich: Es wäre die Verantwortung der Opposition, auch in der Krise nicht zu verschwinden. Sie muss die Regierung im Parlament kontrollieren und mögliche Politikalternativen einbringen. Wenn sie ihre Rolle nicht wahrnimmt, räumt sie das Feld für die Verschwörungsgläubigen und obskuren Rechtspopulisten innerhalb und außerhalb der Parlamente, die die Rolle dann gern übernehmen.“ Er finde es merkwürdig, dass „gerade jene, die sich sonst besonders für die Demokratisierung der Demokratie einsetzen, für Deliberation, Mitbestimmung und Bürgerbeteiligung, unter dem Druck der Krise plötzlich zu leidenschaftlichen Exekutivbefürwortern geworden sind.“ Das Parlament habe den ganzen Sommer über Zeit gehabt, „darüber zu streiten, welche Grundrechtseinschränkungen wirklich nötig sind und was man machen sollte, wenn die Zahlen, wie es jetzt der Fall ist, wieder steigen. Das ist einfach nicht passiert. Jetzt rutscht man wieder in einen Zeitdruck hinein, in dem das Parlament der Exekutive nur hinterherlaufen kann. Zu oft darf man in einer Demokratie Grundrechte nicht suspendieren.“

Zweifel an der Aussagekraft der Sieben-Tage-Inzidenz als Indikator für die Dynamik des Geschehens, meldete die Stadt Rosenheim an. Das Robert-Koch-Institut (RKI) hatte dort für Mittwoch, den 28. Oktober, 254,9 positive Testergebnisse pro 100.000 Einwohner verzeichnet. Aber: „Wir haben null Patienten mit Corona auf Intensiv, und wir haben null Corona-Patienten an einem Beatmungsgerät“, sagte der Pressesprecher des Klinikverbundes der Region in einem Gespräch mit dem Online-Medium rosenheim24.de. Die Einschätzung der tatsächlichen Lage durch die Medien sei „völlig verdreht“. Rosenheim erreiche relativ schnell den Schwellenwert von 50, weil die Fallzahlen in Relation zu 100.000 Einwohnern gesetzt werden. Dabei erhalte jeder positiv Getestete einen Multiplikator von 1,6: „Bei uns reichen schon 32 positive Fälle innerhalb einer Woche, dass wir über 50 sind.“ Auch der Rosenheimer Oberbürgermeister hatte diesen „irreführenden Alarmismus“ kritisiert, der nur die Bevölkerung verunsichere und negative Folgen nach sich ziehe.

Die Zahlen der bayerischen Staatsregierung standen auch andernorts in der Kritik. So meldete der Bayerische Rundfunk ein „Durcheinander bei Corona-Zahlen“: „Es werden nur halb so viele Corona-Patienten beatmet, wie offiziell angegeben. Die Ursache hierfür liegt in unterschiedlichen Statistiken und einer fehlerhaften Interpretation.“

Der Chefarzt der Inneren Medizin II der Rottal-Inn-Kliniken, Christian Gleißner, schrieb, wie Radio Trausnitz berichtet, auf Facebook zu den Zahlen des Kreises Rottal-Inn: „Was die Politik sieht: bundesdeutscher Spitzenreiter in der 7-Tage-Inzidenz SARS-CoV-2-positiver PCRs (ein wesentlicher Grund: intensive Nachverfolgung von Kontakten). Konsequenz: Seit 27.10.2020 Lockdown im gesamten Landkreis, Schulen und Kindergärten geschlossen, Gastronomie dicht. Was die Medizin sieht: Unsere Klinik ist für einen November normal belegt. Seit ca. 3 Wochen liegen 3 Patienten mit COVID-19 intubiert auf der Intensivstation. Keine Anzeichen für ein Dekompensieren der medizinischen Versorgung. Konsequenz: business as usual, aufmerksames umsichtiges Arbeiten, keine Panik. Wann versteht unsere Politik, dass die Fixierung auf die PCR der falsche Weg ist? Wer schützt uns Bürger vor den parlamentarisch nicht gedeckten Fehlentscheidungen unserer Politiker?“

Heribert Prantl, Jurist, langjähriger Leiter des Ressorts Innenpolitik und acht Jahre lang auch Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, heute dort altersbedingt als scharfzüngiger Kolumnist und Autor tätig, erkannte in einem Video-Kommentar in den jetzigen Corona-Maßnahmen die „Grenzen des Erträglichen“ und hielt ein Plädoyer „wider die Katastrophalisierung der Katastrophe“. Es handele sich um das „Gegenteil von ruhig-entschlossener Pandemiebekämpfung“ und einen „Shutdown der Verhältnismäßigkeit“. Speziell Karl Lauterbach habe „abgehoben und den Kontakt zu den Grundrechten verloren“, insbesondere mit seiner Forderung, die Kontaktbeschränkungen von der Polizei in Privatwohnungen überwachen und kontrollieren zu lassen: „Das ist verfassungsjuristischer und gesellschaftspolitischer Wahnsinn. Das ist wie eine Aufforderung zum Selbstmord aus Angst vor dem Tod.“ Es sei gefährlich, wenn aufgrund solcher Äußerungen „eine Stimmung entsteht, die Grundrechte in Krisenzeiten als Ballast betrachtet.“ Grundrechte seien gerade für Notzeiten da: „Wenn sie dann weggeschoben werden, sind sie nichts wert. Dann kann man sie vergessen. Das wäre, das ist eine Katastrophe.“

Nicht gegen die Maßnahmen der deutschen Kanzlerin, wohl aber gegen die nicht viel anders gearteten Verordnungen in der Schweiz, wandte sich der Schweizer Startup-Gründer Josip Sunic in einem bemerkenswerten Gastbeitrag für Die Ostschweiz. Unter der Überschrift „Corona-Religion und das Schweigen der Lämmer“ schreibt er: „Die Maßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus bezeichnet man verharmlost als fragwürdig. Ich nenne sie ein Verbrechen an Menschen, die um ihre Existenz kämpfen. Von einem exponentiellen Anstieg der Infizierten ist aktuell die Rede. Man sollte es sich auf der Zunge zergehen lassen wie zartschmelzendes Karamell, wenn Experten und Akademiker von einem exponentiellen Anstieg der Ansteckungszahlen reden. Ein Stirnrunzeln verursacht bei mir der exponentielle Anstieg von selbstdeklarierten Experten. Wohin man auch blickt, was man auch liest, es scheint ein ungeschriebenes Gesetz, dass sich alle Experten in einer Hinsicht einig sind: je paradoxer die Aussagen, je weiter die einzelnen Meinungen auseinandergehen, desto einiger scheint man sich, dass Mutmaßungen und Behauptungen zum Fakt emporsteigen. (...) Was derzeit nachweislich und rapide wächst, ist die Unsicherheit und Angst in der Bevölkerung, über ein gesichertes Einkommen zu verfügen. (...) Eines steht bei dem ganzen Corona-Spektakel, das zur Heiligen Messe verkommt, fest: Mit Wissenschaft hat dies längst nichts mehr zu tun. Die Anzahl positiv Getesteter ist eine vollkommen irrelevante Zahl, da weder die Tests verifiziert noch die Statistiken seriös geführt werden. (...) Ich fordere daher von unseren Politikern, dass sie sich zur Wehr setzen. Sie müssen wieder das Volk vertreten, von dem sie gewählt wurden. (...) Wir erschaffen für unsere Kinder, die gerade erst am Anfang ihres Lebens stehen, ein Horror- und Angstszenario sondergleichen, welches sie das gesamte Leben lang prägen wird. Ich bezweifle stark, dass sich Großeltern, für welche all diese Maßnahmen erfolgen, ein solches Leben für Ihre Enkelkinder wünschen und ein solches Vorgehen von unseren Volksvertretern billigen.“

Der Berlin-Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (die oft Vorreiter ist für eine kritische Berichterstattung), Alexander Kissler, schrieb in einem Gastbeitrag für die WELT (Bezahlschranke) einen bemerkenswerten Beitrag unter der Überschrift „Deutschland ist zur infantilen Republik geworden“. Angela Merkel spreche im Bundestag wie zu Kleinkindern: „Wenn wir uns das gefallen lassen, enden wir im geistigen Laufstall“. Kissler bezieht sich vor allem auf einen fiktiven Dialog zwischen ‚dem Virus‘ und der Menschheit, den die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim in die Welt gesetzt hatte. So etwas habe „womöglich im Kinderfernsehen seinen Platz“. Der Bundestag jedoch tauge „nicht für Lach- und Sachgeschichten mit der Maus. Zumal wenn im Lockdown Tausende von Existenzen auf dem Spiel stehen. Wahr ist aber auch: Das Virus der Infantilisierung macht sich breit, in der Politik und der Kultur, der Wirtschaft und den Kirchen. Deutschland ist zu infantilen Republik geworden.“

Die Neue Zürcher Zeitung kommentiert die Ereignisse in Deutschland mit „Weniger Drama bitte: Ausgerechnet Angela Merkel setzt in der Pandemie auf emotionale Überwältigung – eine Strategie wäre besser.“ Auf die entscheidenden Fragen habe die Kanzlerin keine oder nur sehr kleine Antworten. Der neuerliche „Lockdown“ sperre niemanden ein, wohl aber Selbständige und Unternehmen von Märkten aus. Eine „uckermärkische Kassandra“ sei sie eher nicht. Dass die Pandemie eine ernste Bedrohung darstelle, stehe außer Frage. Aber: „Zweifelhaft ist, ob die Sprache der emotionalen Überwältigung noch funktioniert.“ Die Bevölkerung nehme das Virus durchaus ernst, übe Rücksicht, trage Maske und halte Abstand. „Statt Durchhalteappellen und Beschwörungen von Ausnahmezuständen wünscht sich die Mehrheit letztlich nur eines. Eine Strategie, die über mehr als nur die nächsten Wochen hinausgeht.“ Die aber habe die Kanzlerin nicht parat.

Scharfe Worte findet auch Dagmar Rosenfeld, Chefredakteurin der WELT in einem Kommentar zum neuerlichen Lockdown: „Politiker sollten sich nicht wie Erziehungsberechtigte aufführen.“ Ihr penetrantes Ermahnen und Drohen sei „noch nerviger als das Corona-Virus“. Dass man „beim Bürger die Zügel anziehen“ müsse, sei eine der „unsäglichen Metaphern, die Einzug in die politische Sprache gefunden hat. Wer aber von hinten an den Zügeln zieht, der kann dem Bürger nicht von vorne auf Augenhöhe begegnen.“

Auch die Berliner Zeitung kritisiert: „So viele Bürger wie nie zuvor zweifeln an den Maßnahmen der Politik. Von Lockdown zu Lockdown – so geht es nicht weiter.“ Das Vertrauen in die Regierung gehe verloren: „Seit langem fragt man sich, warum es keine Offensive zur Ausbildung von Pflegekräften und medizinischen Spezialisten gegeben hat in diesem Sommer. Rätselhaft ist, warum die Regierung den Empfehlungen einiger Experten folgt, anderen aber nicht. (...) Warum ist das so? Es ist nicht zu verstehen. Es fehlt an Information und Debatte. (...) Es wird nicht frühzeitig gestaltet, sondern am Ende befohlen: Bleibt zuhause. Und das nicht mal ausreichend erklärt. Das hinterlässt ein Gefühl wie bei Kindern, denen Eltern ungerechte Strafen geben: Widerstand. (...) So wie jetzt kann es nicht weitergehen. Wir brauchen eine größere Debatte über den Kurs in dieser Pandemie. Wir brauchen Bürgerdialoge und eine Regierung, die sich dem stellt. Wir wollen mehr Eigenverantwortung und Nachhaltigkeit.“

Und der STERN schreibt: „Muttis Corona-Keule zieht nicht mehr: Die Bundeskanzlerin warnt mit immer düstereren Szenarien vor den Folgen der Corona-Epidemie. Die Deutschen scheint das kaum mehr zu schocken, die Zahlen steigen. Zeit, die politische Pädagogik zu überdenken.“ Merkel agiere wie „eine strenge Mutter, die immer wieder die ‚Wenn-dann‘-Keule gegen ihre Schutzbefohlenen erhebt. Sobald die Infektionszahlen steigen, baut sie neue Angstszenarien auf.“ Aus den Erziehungswissenschaften wisse man aber, dass die ‚Wenn-dann‘-Keule bei Kindern nie lange funktioniere. Sie stellen das eigenverantwortliche Handeln dann einfach ein. Bei Erwachsenen sei das ähnlich: angedrohte Strafen werden egal. So erfülle sich bei Corona Muttis Prophezeiung von selbst: Es werde alles noch schlimmer. Verhärtete Fronten seien die Folge: „Erwachsene blenden Dauermahner irgendwann aus – oder machen sie zum Gespött. SPD-Mann Karl Lauterbach, der Alt-Epidemiologe, der sich in den Medien die Pole Position als Corona-Chefschwarzmaler gesichert hat, ist inzwischen als sein eigenes Zerrbild Protagonist in einer erfolgreichen WDR-Comedy. Und in den sozialen Netzen wird er mit Spottnamen wie „Panik-Kalle“ verulkt.“ Übrigens: Auch #Apokarlypse geistert als Hashtag durchs Internet.

In der WELT (Bezahlschranke) meint deren politischer Korrespondent Thomas Vitzthum: „Dieser Lockdown funktioniert nur, wenn die Deutschen das logische Denken sein lassen – und zu Hause bleiben.“ Er treffe viele Branchen zu Unrecht, die neuen Regeln seien für die Bürger schlichtweg nicht logisch nachvollziehbar. Die größte Herausforderung für sie liege nicht nur in der Einhaltung der neuen Regeln, sondern darin, ihre Widersprüchlichkeit zu akzeptieren. Sichere Branchen und Sektoren würden für andere, weniger sichere, mitverhaftet, nur weil sie dem Freizeitleben angehören: „Die Kanzlerin und ihr Amtschef Helge Braun (CDU) haben das Freizeitverhalten als den entscheidenden Treiber der Infektionen identifiziert. Es geht ihnen dabei nicht um Logik und Nachvollziehbarkeit, es geht noch nicht einmal um wissenschaftliche Evidenz.“ Ähnlich wie bei der Debatte über das Beherbergungsverbot könne dies zu einer „Erosion der Zustimmung zu den Maßnahmen“ führen.

Und wiederum in der WELT (Bezahlschranke) übt der Epidemiologe Klaus Stöhr heftige Kritik an der Strategie der Bundesregierung: „Vier Wochen Lockdown, und dann wird alles gut? Das ist nicht der Fall.“ Natürlich sei es richtig zu handeln, aber es fehle eine Langzeitstrategie und die richtige Kommunikation: „Es gibt Leute, die sagen, jetzt noch die vier Wochen Lockdown, und dann wird Weihnachten alles gut. Das ist nicht der Fall. Es dauert noch einen weiteren Winter. Das steht außer Frage.“

Auch Kurt Kister, bis vor kurzem Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, stellt in einem Kommentar in der SZ fest: „Die Zustimmung bröckelt“. Zwar erkenne die Mehrheit der Deutschen die Notwendigkeit der beschlossenen Kontaktbeschränkungen. Doch Einsicht bedeute nicht unbedingt Akzeptanz: „Zu viele Menschen haben nicht mehr den Eindruck, dass alle in einem Boot sitzen.“ Angela Merkel habe in ihrer Regierungserklärung die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen nicht ausreichend begründet: „Warum muss eine Gaststätte mit einem Hygienekonzept schließen, der Friseursalon aber darf offen bleiben? Der FC Bayern darf Fußball spielen, die Amateure auf dem Dorf aber dürfen ihren Platz nicht mehr betreten? Und wieso ist ein geschlossenes Theater die Kompensation dafür, dass eine Schule offen bleibt? Diese zum Teil willkürlich anmutende Politik der Bevorzugung und Benachteiligung einzelner Gruppen oder Branchen verringert bei vielen die Akzeptanz des neuen Katalogs, bei manchen beschädigt es auch die Einsicht in die gesamte Unternehmung.“ 

Von einem „Corona-Panikorchester“ sprach der Medienwissenschaftler Stephan Russ-Mohl in einem Gastbeitrag in der Süddeutschen Zeitung: „Der Overkill an Berichterstattung über die Pandemie verzerrt die Maßstäbe dafür, was alles relevant ist. So verbreitet sich eine gefährliche Angst.“ An manchen Tagen hätten sich bis zu 70 Prozent der Berichte um Corona gedreht. Und „obendrein überschütten uns die Medien im tagtäglichen Kampf um Aufmerksamkeit ziemlich hemmungslos mit Statistiken zu Corona-Infizierten und -Toten. Es ist weithin offengeblieben, ob letztere am oder nur mit dem Coronavirus verstarben. Aber Angst, angesteckt zu werden, haben vermutlich wir alle bekommen.“ Es seien weithin „dieselben Experten, die vor die Kamera geholt werden. Was Virologen, Epidemiologen, Pressesprecher regierungsnaher Forschungsinstitute zuliefern, kann nicht angemessen hinterfragt werden, denn in vielen Redaktionen gibt es zu wenige Wissenschaftsjournalisten, sprich: Mediziner und Naturwissenschaftler, die für Vielfalt der Quellen sorgen und diese einordnen können.“ Es werde schwierig werden, aus der Nummer wieder herauszukommen. Gefragt wären mehr Demut vor der Unberechenbarkeit des Virus und mehr Vertrauen in die Mündigkeit der Bürgerinnen und Bürger statt staatlicher Bevormundung. 

Die Politik spiele energisches Durchgreifen nur vor, sie handele inkonsequent, meint auch der Tagesspiegel und fordert: „Statt ‚Lockdown-Light‘ brauchen wir Schweden-Light“. Hinter der Unklarheit in den Formulierungen führender Politiker stecke mindestens so viel Unklarheit im Denken. Das gelte auch für die Virologen, die zwar Experten auf ihrem Gebiet sein mögen, aber nicht auf dem der Pandemieeingrenzung. Man müsse einerseits die Eigenverantwortung der Länder und der Bürger in den Ländern für ihr Leben betonen und andererseits die Risikogruppen schützen: „Das klingt wie das Gegenteil von Regierungspädagogik, die immer mehr Menschen inzwischen als Bevormundung ablehnen. Das klingt wie: mehr Schweden wagen. Allerdings ohne die Fehler der ersten Welle, mit mehr und effektivem Schutz der Risikogruppen, mit allen Testmöglichkeiten, den sichersten Masken, mit praktikablen Umgangsregeln und Zugangsbestimmungen zu den Heimen. Sich auf einen solchen Weg zu verständigen, wird angesichts der Lage und der Ängste in der Politik aber höchstwahrscheinlich zu schwierig.“

Der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki rief in der Rheinischen Post (Bezahlschranke) gar dazu auf, gegen die Corona-Maßnahmen zu klagen. Es dürfte in der Geschichte der Bundesrepublik ein ziemlich einmaliger Vorgang sein, dass so eine Aufforderung von einem Vizepräsidenten des Deutschen Bundestages kommt.

Einen sehr pfiffigen Vorschlag machte die Schriftstellerin Juli Zeh in der ZEIT (Bezahlschranke), wo neun Autor*innen (darunter auch der frühere Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Peter Darbrock und der Dirigent Daniel Barenboim) unter der Überschrift "Alternativlos gibt's nicht" Ideen entwickeln, wie wir den gegenwärtigen Herausforderungen besser begegnen können. Juli Zeh plädiert dafür, „den AHA-Regeln (Abstand halten, Hygiene, Alltagsmaske) drei SOS-Regeln zur Seite stellen: Sensibilität im Umgang mit fremden Ängsten, Offenheit für abweichende Positionen, Sorgfalt beim Formulieren der eigenen Ansichten. Unsere Chancen, gut durch die Krise zu kommen, werden rapide steigen."

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Der Wind dreht sich ein wenig

Kritische Stimmen kommen mehr zu Wort

 

Corona-Spezial Oktober 2020 – Nach all den Meldungen über alarmierend ansteigende Infektionszahlen und düsteren Prognosen wie „Die Pandemie wird jetzt erst richtig losgehen, auch bei uns“ (so der Virologe Christian Drosten am 23. September in einem Doppel-Interview mit Prof. Dr. Detlev Ganten im Vorfeld des „World Health Summit in Berlin“, der vom 25. bis 27. Oktober in Berlin stattfinden wird) mochte man seinen Augen und Ohren kaum trauen, was da im ARD-Extra am 5. Oktober gleich nach der Tagesschau, mithin also zur besten Sendezeit, ab Minute 11:40 über den Bildschirm flimmerte: Da sagt der Bonner Virologe Prof. Dr. Hendrik Streeck unverblümt, dass eben diese Zahlen „nur bedingt etwas aussagen“, nur ein geringer Anteil der Betroffenen benötige eine medizinische Versorgung. Und weiter, unter Bezugnahme auf die von der Bundeskanzlerin für Dezember prognostizierten möglichen Infektionszahlen: „20.000 Neuinfektionen pro Tag – das klingt erstmal nach Apokalypse. Das sind enorme Zahlen, aber im Grunde sollte uns das keine Angst machen, weil ein milder Verlauf oder ein Verlauf ohne Symptome nicht so stark zum Infektionsgeschehen beiträgt. (…) Wir müssen eine Normalität finden, eine achtsame Normalität, dass jemand, der einen schweren Verlauf hat, die bestmögliche Versorgung erhält. Dieses Virus wird nicht mehr aus dem Menschen ausgetrieben werden können, wir können es nicht mehr eradizieren, und wir müssen eben anfangen, mit dem Virus zu leben.“

Nicht minder deutlich äußert sich Prof. Dr. Torsten Bauer, Chefarzt der Lungenklinik am Helios Klinikum Emil von Behring in Berlin in eben dieser Sondersendung: „Wir sollten versuchen, von dieser Zahl wegzukommen.“ Seit zwei Wochen stehe seine Covid-19-Station nahezu leer, wie auch in vielen anderen Krankenhäusern in Deutschland. „Ich als Mediziner hätte ganz gern dagegen gespiegelt die Zahl der Krankenhausaufnahmen, weil die absolute Infektionszahl für Mediziner ja nur sagt, wie viele haben sich infiziert, aber nicht, wie viele waren krank. Und wir müssen wissen, worauf müssen wir uns im Krankenhaus einstellen.“

ARD-Extra benennt die Fakten:

  • In den ca. 30.000 Intensivbetten in Deutschland liegen derzeit nur 447 Infizierte.
  • 9.534 Menschen sind seit März bis Anfang Oktober an oder mit Corona gestorben. Klingt dramatisch. ABER: In Deutschland sterben normalerweise jede Woche 16.000 bis 20.000 Menschen. 2020 starben bis Mitte März weniger Menschen als im Durchschnitt der Vorjahre, im April durch Corona für wenige Wochen deutlich mehr, ab Ende April jedoch waren es nicht mehr als üblich. Mitte August gab es noch einen kleinen Anstieg – der war der Hitze geschuldet, nicht Corona.
  • Auch der Anstieg im April hielt sich in engen Grenzen: Von den 20.479 Toten waren 1.736 an oder mit Corona verstorben. Seither starben nur noch sehr wenige Menschen an oder mit Corona.
  • Im August waren von 19.450 Toten nur 27 mit Corona infiziert. Ob diese Menschen an oder mit Corona starben, ist unklar.

Der ebenfalls interviewte Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, findet dafür klare Worte: „In Deutschland gibt es keine Übersterblichkeit. Das heißt verkürzt: Es sterben nicht mehr Menschen als in jedem normalen Jahr ohne Corona.“

Und Prof. Dr. Ursel Heudorf, Fachärztin für öffentliches Gesundheitswesen in Frankfurt am Main, sagte ARD Extra: „Wir haben zwar viele Fälle, aber wenig Krankenhauseinweisungen und wenig Todesfälle. Wir müssen die Bevölkerung differenziert informieren, nicht nur über die Zahl der positiv Getesteten oder Infizierten, sondern tatsächlich über die Zahl der schweren Fälle. Es wird leider zu wenig in der Allgemeinbevölkerung darüber berichtet. (...) Von den 9.500 Todesfällen insgesamt an oder mit Corona Verstorben sind 9.000 vor Juli verstorben, und in den vergangenen drei Monaten, obwohl wir einen Anstieg von 100.000 positiv Getesteten haben, nur 500. Da hat eine große Entkoppelung stattgefunden und die muss mehr kommuniziert werden.“ 

Auch diverse andere Medien räumten in den vergangenen Wochen kritischen Stimmen mehr Raum ein. In einem Interview mit der WELT vom 30. September (Bezahlschranke) sagte der Schriftsteller Daniel Kehlmann: „Wir wären weiter, wenn wir das Hygienetheater lassen würden.“ Im Einzelnen seien viele Maßnahmen lächerlich gewesen und zu weit gegangen. Es erschrecke ihn, dass „über die Auswüchse, die wir erlebt haben, gar nicht gesprochen wird. Dass etwa einfach hingenommen wurde, dass die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern nicht in ihre Zweithäuser durften. Das ist ein Skandal und ein Vorgang, der in keiner Weise rechtlich gedeckt ist.“ Kehlmann spricht darin auch die Situation in den USA an: „In Amerika habe ich erlebt, dass mir und meiner Familie auf der Fifth Avenue nachgeschrien wurde, wir sollten Masken tragen. Es war im Freien, neun Uhr abends, die Straße war leer. Allein dadurch, dass die Republikaner gegen das Maskentragen sind, ist die Maske in jeder Situation für die demokratische Seite ein Mittel geworden, sich als rationaler Mensch darzustellen. Diese extreme Polarisierung haben wir zum Glück nicht.“

Der Leiter des Gesundheitsamtes in Frankfurt am Main, René Gottschalk, forderte in zwei Artikeln, die auf der Seite der Landesärztekammer Hessen veröffentlicht wurden, zusammen mit seiner Kollegin Prof. Dr. Ursel Heudorf: „Die Bevölkerung muss sachgerecht informiert werden.“ Eine Übersterblichkeit sei, so Gottschalk, „weder in der Gesamtbevölkerung noch in der Gruppe der Hochrisikopatienten (Bewohner von Altenpflegeheimen) zu verzeichnen. Die Sterbestatistik (tägliche Sterbefälle) zeigt im ersten Halbjahr 2020 keine Auffälligkeiten – im Gegensatz zu der erkennbar höheren Sterbezahl während der Influenza-Zeiten 2017 und 2018 sowie während der Hitzeperiode im Juli 2018.“

Die teilweise sehr einschneidenden Maßnahmen seien von politisch Verantwortlichen angeordnet worden, „ohne dass Erfahrungen früherer Pandemien ausreichen berücksichtigt wurden. Ein Problem hierbei war (und ist), dass überwiegend virologische Fachexpertise zur Beratung genutzt wurde, um die. Maßnahmen zu beschließen; Fachärzte für Öffentliches Gesundheitswesen, die für solche Situationen eine lange, aufwendige Weiterbildung absolvieren müssen, waren nur selten involviert. Auch jetzt muss man feststellen, dass man von den (richtigen) Strategien ‚Containment‘ (Eindämmungsstrategie), ‚Protection‘ (Schutzstrategie für vulnerable Gruppen) und ‚Mitigation‘ (Folgenminderungsstrategie), die im nationalen Pandemieplan des Robert Koch-Institutes (RKI) beschrieben sind, komplett abweicht und derzeit ausschließlich „Containment“ betreibt, was angesichts der Fallzahlen dringend überdacht werden sollte.“ Die Schule sei kein „Hochrisikoarbeitsplatz". Diagnostik werde vor Prävention gesetzt. Der Blick auf Impfstoffe als Problemlöser sei „in der näheren Zukunft nicht zielführend“. Auch sei die derzeit geführte Diskussion der Übertragungsmöglichkeit durch Aerosole „von der Realität weit entfernt: Wäre dies ein wichtiger Übertragungsweg, hätten wir eine gänzlich andere epidemiologische Ausbreitung“, so die beiden Experten. „Angesichts des Verlaufs und der Ausprägung der Pandemie sowie der bisher vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse und praktischen Erfahrungen bedarf es dringend einer breiten öffentlichen Diskussion zu den Zielen und Mitteln der Pandemie-Bekämpfung. Diese Diskussion muss, über rein virologische Fragen hinaus, ethische Aspekte sowie rechtliche Fragen zum legitimen Zweck, der Geeignetheit, Erforderlichkeit und Angemessenheit der Maßnahmen umfassen.“

Über die inzwischen massenhaft vorgenommenen PCR-Tests wurde schon viel gestritten – jetzt hat das Recherche-Team der ARD die Thematik vor allem im Hinblick auf die Gesundheitsämter gründlich aufgearbeitet und führt das derzeitige Chaos in einem Faktencheck auf tagesschau.de anschaulich vor Augen. 

In einem Interview mit der Zeitschrift info3 (Oktober-Ausgabe) sagte Prof. Dr. Harald Matthes, Ärztlicher Direktor des Gemeinschaftskrankenhauses Havelhöhe in Berlin, das schon früh eine Corona-Ambulanz einrichtete und selbst viele betroffene Patient*innen auf der Intensivstation betreute: „Gegenwärtig liegt das Letalitätsrisiko bei nur noch 0,2 bis 0,3 Prozent, und wir wissen inzwischen, dass das ganze Geschehen nicht so sehr durch das Virus bestimmt ist, sondern durch den jeweiligen Wirt, den das Virus befällt. Da ist es aus meiner Sicht völlig unverständlich, warum Virologen, die ja das Virus untersuchen, immer noch die wesentlichen politischen Maßgaben bestimmen, während ja die klinische Einschätzung das Entscheidende ist: Wie viele Menschen werden tatsächlich krank?“ Es bestehe derzeit keinen Anlass zu großer Besorgnis, da es trotz der Zunahme an positiven Testergebnissen nur sehr wenige schwer Erkrankte oder Todesfälle gebe. Matthes kritisiert vor allem, dass die Maßnahmen für alle Bevölkerungsteile gleichermaßen gelten sollen: „Wenn ich zum Beispiel weiß, dass Kinder unter neun Jahren so gut wie nie einen schweren Verlauf haben und dass es auch keinen Beleg dafür gibt, dass sie ihre Lehrer anstecken – dann muss ich für diese Altersgruppe nicht die gleichen Maßnahmen ergreifen, als wenn ich im Altenheim einen Covid-19-Ausbruch verhindern will.“ Corona sei im Hinblick auf die Kapazität der Intensivbetten keine Bedrohung mehr, weshalb sich die Corona-Maßnahmen in der jetzigen Pauschalität „nicht mehr rechtfertigen“ ließen. Die Politik sei derzeit „wenig lernend und risikostratifizierend unterwegs“. Was die wirtschaftlichen Folgen angehe, richte man derzeit „weit mehr Schaden an als infektionsvorbeugend nötig ist“.

Eine Lanze für mehr Freizügigkeit in den Schulen brach auch der Hamburger Virologe Prof. Dr. Jonas Schmidt-Chanasit in einem Interview mit den Tagesthemen am 30. September (ab Minute 13:15). Alles deute darauf hin, „dass Schulen und Kitas eben nicht die Hauptinfektionsherde sind. Die meisten Infektionen wurden von außen in die Schulen und Kitas getragen. Und was auch bestätigt wurde, ist, dass die Infektion oftmals asymptomatisch verlaufen, das heißt, wir haben keine schweren Verläufe, und das sind sehr gute Nachrichten.“ Auf die Nachfrage von Tagesthemen-Moderatorin Pinar Atalay, wann man die Schulen doch wieder dicht machen müsse, weil auch Lüften nicht mehr helfe, sagte Schmidt-Chanasit: „An dem Punkt sind wir noch lange nicht. Es gibt keine Hinweise darauf, dass wir so ein Szenario jetzt umsetzen müssten.“

Prof. Dr. Gerd Antes, Experte für Biometrie und Statistik und engagierter Verfechter für eine evidenzbasierte Medizin (er leitete lange das deutsche Cochrane-Zentrum in Freiburg), fordert in einem Interview mit focus-online: „Wir müssen uns mehr trauen“ und findet sehr kritische Worte für Politik und Wissenschaft. Der Satz, Corona sei die Lupe, die alle Defizite, die es schon gab, noch deutlicher erscheinen lasse, gelte auch für die Wissenschaft. Weltweit gäbe es „eine unglaubliche Anzahl an Studien zu Corona“, vielfach von erschreckend schlechter Qualität, „zum großen Teil geboren aus dem Egoismus des Wissenschaftsbetriebs“. Es handele sich um „eine wilde Mischung aus ‚Etwas gegen die Bedrohung tun wollen‘ einerseits, andererseits aber auch den schädlichen Bedingungen des Wissenschaftsbetriebs zu gehorchen – schnell an Fördergelder zu kommen oder einen Medienplatz zu ergattern. Die Egoismen spielen verrückt.“ Es gebe „nach wie vor keine zielgerichtete Forschung“. Die Virologen „liefern der Politik das Alibi, sich nicht ernsthaft allen wissenschaftlichen Herausforderungen zu stellen. Die Deutungshoheit durch Virologen statt der Forderung nach einer interdisziplinären Task Force dient der Sache nicht. (…) Die Menschen, die aktuell auf die Straße gehen und sich übergangen fühlen, müssen ernstgenommen werden.“ Antes geht auch mit der Regierung hart ins Gericht: „Diese Drohungen mit Frankreich oder Spanien, die Merkel und Minister aussprechen, sind völlig ungeeignet.“ Es gebe Erklärungsversuche, warum Deutschland es besser gemacht habe als diese Länder und Italien, z. B. dass man früher reagiert habe. Er glaube aber nicht, dass das der einzige Grund sei, sondern dass noch mehr dahinterstecke, was man immer noch nicht verstehe. Auch habe man durchaus einiges falsch gemacht: „Die Krankenhäuser selbst sind Teil der Täterschaft. Hygienisch sind sie schlechter aufgestellt, sie haben Probleme mit Antibiotikaresistenzen, weil sie sehr viel mit Antibiotika behandeln. In Italien und wohl auch in Spanen wurde schon vor Corona das Gesundheitssystem kaputtgespart.“

In einem Interview mit der WELT (Bezahlschranke) beklagt auch der Infektiologe Prof. Dr. Gerd Fätkenheuer, Leiter der Infektiologie am Uni-Klinikum Köln, dass der geringste Teil der Vorschriften wissenschaftlich belegbar ist, wie das sonst zu Recht gefordert werde.

Virologe Prof. Dr. Hendrik Streeck hat Ende September einer ganzen Reihe von Medien Interviews gegeben, so z. B. t-online.de, dem Handelsblatt, der WELT (Bezahlschranke, Video) und web.de, in denen er nicht müde wurde, einen Strategiewechsel zu empfehlen und vor Alarmismus und Panikmache zu warnen. Auch er plädiert dafür, der Anzahl der positiven Tests nicht zu viel Bedeutung beizumessen und hält es überdies nicht für sinnvoll, Maske zu tragen, wenn Abstand gehalten werden könne: „Wir müssen von einer Verbotskultur in eine Gebotskultur kommen.“

Heftige Kritik kommt auch vom Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg, Walter Plassmann, der in einem Gastbeitrag für das Hamburger Abendblatt (Bezahlschranke) am 14. September mehr Gelassenheit einfordert (ein Bericht darüber findet sich bei focus online). Die Diskussion werde von Medizinern bestimmt, die „nicht mit dem ganzheitlichen Menschen arbeiten (…) Das wahre Leben kommt im beruflichen Alltag der Drostens, Lauterbachs und Brauns (Helge Braun ist Chef des Bundeskanzleramts, d. Red.) nicht vor.“ Äußerungen wie die von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder von einer derzeitigen „Corona-Schockwelle“ seien wenig hilfreich: „Wer die Gesellschaft mit immer neuen Hiobsbotschaften auf immer höhere Bäume treibt, der macht die Gesellschaft krank.“ Gelassenheit sei angebracht, „auch wenn das eine Schockwelle für Söder sein sollte“.

In einem Interview mit focus online bekräftigte Plassmann erneut seine Position: „Wir müssen uns von dieser vollkommenen Fixierung auf Infektionszahlen lösen. (…) Wenn die Infektionszahlen hochgehen, aber es sind nicht mehr Menschen krank oder sterben, dann ist das nicht schlimm.“ Von den AHA-Regeln (Abstand, Hygiene, Alltagsmaske) sei die Maskenpflicht die unwichtigste: „Ungeschützt anderthalb Meter Abstand halten bietet mehr Schutz als eine Maske. (…) Wir sollten mehr Vernunft walten lassen. Haltet Abstand und wenn das nicht geht, setzt eine Maske auf. In Schweden ist es so geregelt worden, und dort hat es funktioniert.“ 

Eine sehr aufschlussreiche Darstellung eines in Stockholm tätigen Arztes über die Situation in Schweden und die Frage der Herdenimmunität findet sich bei heise.de (23. September).

Schon seit einiger Zeit fällt die differenzierte Berichterstattung bei der „Neuen Zürcher Zeitung“ auf. Einen bemerkenswerten Kommentar hat der Berlin-Korrespondent dieser Schweizer Tageszeitung, Alexander Kissler, am 25. September unter der Überschrift „Aus Bürgern dürfen keine Hilfssheriffs werden“ abgegeben: „Von Angst getrieben sind die immer neuen Szenarien eines pandemisch zugespitzten Winters, von einem Angstfuror getragen sind die wahrlich einschneidenden Neudefinitionen des öffentlichen Raumes. Privat soll künftig nur derjenige Zustand sein, in dem die Maskenpflicht entfällt. So lautet die Summe aus den rapide zunehmenden Regeln und Empfehlungen für die ‚neue Normalität‘. Auf diese Weise entsteht schleichend nicht nur eine Angst-, sondern auch eine Kontrollgesellschaft. Je mehr Angst im Leben herrscht, desto mehr braucht es Kontrolle über dieses Leben. (…) Der „Geist des Denunziantentums“ ist aus der Flasche.“

Besonders bemerkenswert ist aber die „Great Barrington Declaration“, die anlässlich einer internationalen Konferenz von führenden Epidemiolog*innen, Wissenschaftler*innen im Bereich des öffentlichen Gesundheitswesens und Journalist*innen entstand, die auf Einladung des American Institute for Economic Research vom 1. bis 4. Oktober 2020 in Great Barrington (USA) zusammengekommen sind. Sie wurde (Stand 9.10.2020, 12:00 Uhr) von 5.443 Wissenschaftler*innen aus dem Gesundheitsbereich, 10.978 Ärzt*innen und 150.882 Personen aus dem öffentlichen Leben unterzeichnet. Darin wird festgestellt, dass die „derzeitige Abriegelungspolitik verheerende Auswirkungen auf die kurz- und langfristige öffentliche Gesundheit“ hat, was in den kommenden Jahren zu einer höheren Übersterblichkeit führen und vor allem die arbeitende Bevölkerung und junge Menschen treffen werde. Schüler*innen von der Schule fernzuhalten, sei „eine schwerwiegende Ungerechtigkeit“. Und weiter: „Diese Maßnahmen so lange aufrechtzuerhalten, bis ein Impfstoff zur Verfügung steht, wird irreparablen Schaden verursachen, wobei die Unterprivilegierten unverhältnismäßig stark geschädigt werden.“

Die Wissenschaftler*innen sprechen sich für einen „fokussierten Schutz“ aus, bei dem diejenigen mit minimalem Sterberisiko ein normales Leben führen können, während die am höchsten gefährdeten Menschen besser geschützt werden. Dazu gehört z. B. der Einsatz von Pflegepersonal mit bereits erworbener Immunität in Alten- und Pflegeheimen, häufige PCR-Tests bei Besucher*innen dieser Einrichtungen, bessere Belieferung von Alten und Kranken im häuslichen Umfeld und ähnliches mehr. Ansonsten könne das Leben weitergehen wie in Vor-Corona-Zeiten mit unbegrenzten kulturellen Aktivitäten, Sport, Musik, offenen Kindergärten, Schulen und Universitäten. Die Erklärung schließt mit dem Satz: „Menschen, die stärker gefährdet sind, können, wenn sie es wünschen, daran teilnehmen, während die Gesellschaft als Ganzes den Schutz genießt, der den Schwachen durch diejenigen gewährt wird, die Herdenimmunität aufgebaut haben.“

Und ein weiteres Mal ist es die Neue Zürcher Zeitung, die den Finger in die Wunde legt. Unter der Überschrift „In der Pandemie zeigt sich die moderne Angst vor der Freiheit“ fragt der Freiburger Philosoph Rudolf Brandner in einem Gastkommentar am 8. Oktober: „Wo bleibt der nachdenkliche, abwägende und gebildete Mensch, der nach seinem Gewissen Entscheidungen fällt?“ Zum modernen Freiheitsbegriff gehöre die Selbst- bzw. Eigenverantwortung: „Es ist Sache des Einzelnen, wie er sich ernährt, ob er raucht oder trinkt und womit er seine Freizeit verbringt.“ Mit Corona habe sich das grundlegend verändert: „Das staatliche Handeln greift via Infektionsschutz auf das eigenverantwortliche Handeln seiner Bürger über und maßt sich damit eine Schutzfunktion an, die einzig und allein in der Freiheit und Selbstverantwortung des Einzelnen liegt.“ Es seien weniger die harten wissenschaftlichen Daten gewesen als „ihre digitale Modellierung“, die „eine suggestive Wirkkraft auf die politisch Handelnden“ ausgeübt habe.

Es fehle an der „personal übernommenen Verantwortlichkeit des Handelns“ unter verstärktem technologischem Druck: „Wie schon in der Digitalisierung der Finanzwirtschaft mehrt sich auch in anderen Bereichen der Zug zur Entäußerung personalen Menschseins an digital kodierte Algorithmen. Diese lösen automatisierte Entscheidungs- und Handlungsketten aus, ohne dass unsere Entscheidungen – Nachdenken, Besinnung, Abwägen – als Störfaktoren dazwischentreten könnten. (...) Angesichts von Todesangst und Massenpanik lässt sich endlich wieder ungeniert frei von der Leber weg befehlen, was das Ohnmachtsgefühl demokratischer Entscheidungsprozesse und ihrer elenden Kompromisse kompensiert.“ Dies sei nur möglich, weil es auf eine „Unterwerfungslust der Massen“ treffe, „endlich wieder gesagt zu bekommen, wo’s lang geht. (...) Was sich die Menschen angesichts der Dramatisierung öffentlichen Lebens an absurden Regellungen, widersprüchlichen Verordnungen und puren Schikanen gefallen lassen, ist schon erstaunlich. Es ist die moderne Angst vor der Freiheit, die alle Selbstverantwortung von sich abwirft und auf anonyme Kollektive und Instanzen überträgt, in denen der nachdenkliche, besinnliche, abwägende und gebildete Mensch, der im Angesicht seines Wissens und Gewissens Entscheidungen fällt, fehlt. Wenn nur ein einziger politischer Entscheidungsträger den Mut zur evidenzbasierten Vernunft und selbstverantwortlichen Besinnung hätte und entsprechend alle Corona-Maßnahmen mit sofortiger Wirkung aufhöbe: dann wäre der ganze Spuk im Nu vorbei. Aber genau dafür möchte keiner die Verantwortung übernehmen; und für die Kollateralschäden der Maßnahmen gilt ja: Verantwortungsdiffusion. Wie bei Agatha Christie.“

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Die Leidtragenden

Kulturschaffende, Sportvereine, Gastronomie, Mini-Jobber

 

Es liegt auf der Hand: Wenn man Kindergärten und Schulen, Betriebe, Ämter, den Nah- und Fernverkehr sowie den Groß- und Einzelhandel aus wirtschaftlichen Gründen unangetastet lassen will, dann bleibt bei den Kontaktbeschränkungen eben nur eines: der Freizeitbereich. Und dazu gehören sowohl Gastronomie als auch Fitness-Clubs, Sportvereine, Schwimmbäder, Kosmetikstudios, Bordelle, Kinos und der gesamte Bereich der Kultur mit Schauspiel, Oper, Ballett und Musik im großen und kleinen Rahmen.

Der Punkt ist nur: Gerade der Kulturbereich ist ein riesiger Wirtschaftsfaktor mit geschätzten 170 Milliarden Euro Gesamtumsatz und 1,8 Millionen Erwerbstätigen, wie der Jazztrompeter Till Brönner in einer fulminanten, auf Instagram veröffentlichten Brandrede ausführte. Sie fand ein so großes Echo, so dass ihn sogar Anne Will in ihre sonntägliche Talkshow einlud. Gerade mal drei Konzerte habe er seit März gegeben, unzählige Auftritte hätten abgesagt werden müssen, berichtet Brönner: „Wir haben den absoluten Voll-Lockdown seit sieben Monaten.“ All die Menschen in der Veranstaltungsbranche seien am Ende: „Die sind gerade Hartz IV.“ Und an Kanzleramtsminister Helge Braun gewandt sagte Brönner: „Opfern Sie eine ganze Branche, die Sie als nicht so wichtig definiert haben, Herr Braun?“ Natürlich freue man sich über die Zusage von Olaf Scholz, dass alle, die jetzt vom „Lockdown Light“ betroffen seien, eine finanzielle Zuwendung erhalten. Es habe aber erst der Kabarettist Helge Schneider kommen müssen, um auf einen gravierenden Fehler des Angebots von Finanzminister Olaf Scholz hinzuweisen, der mit einer 11-Milliarden-Bazooka den jetzt vom „Wellenbrecher-Lockdown" Betroffenen 75 Prozent des Vorjahresverdienstes erstatten wollte. Helge Schneider hatte auf Facebook und Twitter einen mit einer alten Schreibmaschine getippten Zettel gepostet, auf dem stand: „Hallo Olaf (Scholz – Vizekanzler). Ich hoffe, Du bekommst diese Nachricht irgendwie über Freunde oder Verwandte. Ich wollte Deine Adresse nicht suchen im Telefonbuch. Bei der Unterstützung für Künstler ist Dir ein Fehler unterlaufen: Ich habe im November 2019 gar kein Geld verdient, also kann man dafür ja auch keine 75% ausrechnen. Bitte mache das anders. Zum Beispiel nehme den JAHRESMONATSDURCHSCHNITT. Danke! Helge Schneider.“

Die Antwort von Wolfgang Schmidt, Staatssekretär im Finanzministerium, folgte prompt: „So machen wir es. Soloselbständige können wählen: entweder Vorjahresmonatsumsatz (welch Wort) November 2019 oder Durchschnitt des Jahresumsatzes 2019. Davon dann 75% als Zuschuss. Für die fixen Kosten. Alles Gute!“ Es ist wohl ein bislang einmaliger Vorgang, dass solche Vereinbarungen via soziale Medien getroffen werden.

Brönner wies darauf hin, dass die Kriterien, nach denen solche Zuschüsse ausgezahlt werden, für die meisten Soloselbständigen allerdings gar nicht zutreffen, weshalb sie wieder leer ausgehen werden: „Man hat fast den Eindruck, dass unsere kulturelle DNA, die weltweit geachtet wird, von der eigenen Regierung nicht verstanden wird.“ Soloselbständige – nicht nur im Kulturbereich – haben keine Chance, wie gefordert, Betriebskosten geltend zu machen. Ganz einfach, weil sie keine haben. Die meisten verfügen nicht über Büro, keineSekretärin, Auto. Wer jedoch keine Betriebskosten angeben kann, fällt durch den Rost und geht leer aus. „Mir ist kein Unternehmen weltweit bekannt, das es sich leisten könnte, ein Jahr lang die Arbeit einzustellen, ohne danach pleite zu sein. Wir dürfen nicht mit ansehen, wie die Kultur stirbt“, sagte Brönner. 

Kulturschaffende haben eben nicht wie die Automobil-, Chemie- und Pharmaindustrie oder die Fluggesellschaften eine schlagkräftige Organisation geschweige denn Lobbyisten, die bei den Ministerien vorstellig werden. Kultur gilt bei uns immer noch als Luxus und nicht als systemrelevant. Weshalb es die Künstler*innen ebenso wie die Gastronomie als besonders aberwitzig empfanden, dass ausgerechnet sie nach Hause geschickt wurden, obwohl sie ausgefeilte Hygienekonzepte erarbeitet hatten, und obwohl nie nachgewiesen werden konnte, dass ein Restaurant, eine Oper, ein Konzertsaal oder eine andere Bühne zum Ausgangspunkt für ein Corona-Cluster oder ein Superspreading-Event wurde. In vorauseilendem Gehorsam hatte Markus Söder in Bayern aber schon am 26. Oktober 2020 verfügt, dass Theater und Konzertsäle nur noch von maximal 50 Zuschauer*innen bestückt werden dürfen (und das in Sälen, die teilweise 1.500 bis 2.000 Leute fassen), was den renommierten Musikkritiker Reinhard J. Brembeck in der Süddeutschen Zeitung (Bezahlschranke) zu einem geharnischten Protest veranlasste: „Söder wird zum Totengräber der Kultur“, er betreibe „reine Symbolpolitik“.

Sogar Werner Bartens vom Wissenschaftsressort der SZ forderte: „Lasst die Gaststätten offen“ und meinte: „Verbote für die Gastronomie sind kein geeignetes Mittel, um die Infektionen einzudämmen.“ Wenigstens – so wurde inzwischen bekannt – dürfen die Wirte den Erlös aus den Take-away-Gerichten behalten: Er wird nicht mit den Zuwendungen des Finanzministeriums verrechnet ...

Zu den „größten Corona-Verlierern“ gehören, so das Deutsche Ärzteblatt, die Minijobber, deren Zahl von 2003 bis 2019 um 43 Prozent auf 7,6 Millionen angewachsen ist. Das entspricht fast einem Fünftel aller Arbeitnehmer*innen. Gerade sie werden am ehesten vor die Tür gesetzt und haben keinen Anspruch auf Kurzarbeitergeld.

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Die Politik zieht die Daumenschrauben an

Wird der Ausnahme- zum Dauerzustand?

 

Corona-Spezial Oktober 2020 – Gleichzeitig wird aber weiterhin Panik geschürt: Regierungssprecher Steffen Seibert warnte am 7. Oktober vor „sprunghaft ansteigenden Zahlen, insbesondere in Großstädten, auch in der Hauptstadt“, wodurch es „zu einer weiteren diffusen Ausbreitung des Virus kommen“ könne. Bundeskanzlerin Merkel sah schon Ende September  in ihrer Ansprache „Grund zur Beunruhigung“ (WELT, 29.9.2020) und kündigte eine Reihe von verschärfenden Maßnahmen an. Was Gabor Steingart, früher Chefredakteur beim „Handelsblatt“, jetzt Herausgeber von „ThePioneer“ in seinem „Morning-Briefing“ am 29. September zu einem bitterbösen Fazit veranlasste: „Bürgerproteste und die Mahnungen vieler Ökonomen vor beschleunigten Wohlstandsverlusten finden im Bundeskanzleramt derzeit kein Gehör. Beide Ohren der Angela Merkel gehören den Virologen. Links flüstert Professor Drosten, rechts souffliert das RKI.“

„Die Angst der Deutschen vor Corona-Infektion nimmt deutlich zu“ meldet die WELT am 1. Oktober folgerichtig und bezieht sich dabei auch auf Merkels Ansprache. Die Angst innerhalb der Bevölkerung, sich mit Corona zu infizieren, ist einer Umfrage von Infratest Dimap zufolge innerhalb eines Monats stark angestiegen: 36 Prozent machen sich darüber sehr große bis große Sorgen (Anstieg um 10 Prozent), bei 64 Prozent ist die Angst weniger groß oder klein (Abnahme um 9 Prozent). 53 Prozent befürchten Langzeitschäden, 45 Prozent stehen diesem Problem eher gelassen gegenüber. Eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung begrüßt die Maßnahmen der Regierung im Hinblick auf die Ausweitung der Maskenpflicht (63 Prozent gegenüber 34 Prozent, die das falsch finden) und einer Obergrenze für private Feiern (85 versus 13 Prozent). 78 Prozent der Befragten wünschen sich dabei ein bundesweit einheitliches Vorgehen. Alle Naslang werden neue Risikogebiete ausgerufen, was an der relativ willkürlich gesetzten Grenze von 50 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner liegt. Wird diese Zahl überschritten, gilt eine Region, eine Stadt oder ein Quartier als „Hotspot“.

Fragt sich nur, wie aussagekräftig dieser Grenzwert für die Lage tatsächlich ist. Er wurde im Mai zwischen Kanzleramt und den Bundesländern als „rote Linie“ ausgehandelt – um die Entwicklung angesichts der gerade beschlossenen Lockerungen nicht aus dem Auge zu verlieren. Ist dieser Wert aber auch heute wirklich geeignet, um das Geschehen ins richtige Fahrwasser zu steuern? Die oben im ersten Abschnitt geschilderten Meinungen der verschiedenen Expert*innen fließen da jedenfalls nicht mit ein. „Der starre Blick auf die Neuinfektionen“, so schreibt n-tv am 7. Oktober, „scheinen keine besonders gute Orientierung auf dem Weg durch die Corona-Krise zu sein.“ Es werde weder die Altersstruktur berücksichtigt noch die Infrastruktur einer Region noch werde der aktuelle Stand der Wissenschaft einbezogen.

Nichtsdestotrotz ist die Mehrheit der Bundesländer inzwischen dazu übergegangen, Menschen, die aus solchen „Risikogebieten“ kommen, die Übernachtung in Hotels und Ferienwohnungen zu verweigern, es sei denn, sie können einen negativen Corona-Test vorweisen, der nicht älter als 48 Stunden sein darf (ausgenommen Familienbesuche und Pendelverkehr). Niedersachsen hat angekündigt, eine entsprechende Verordnung auf den Weg zu bringen. Nur Nordrhein-Westfalen, Bremen, Berlin, Mecklenburg-Vorpommer und Thüringen machen (noch) nicht mit.

Nur Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow bezeichnete diese Maßnahme im ZDF am 7. Oktober als „Unsinn“, die Lage in den Bundesländern sei zu unterschiedlich. In ganz Thüringen gebe nicht einmal 4.500 Infizierte, nur sehr wenige von ihnen seien schwer erkrankt: „Ich beteilige mich nicht an politischen Entscheidungen, die einer rechtsstaatlichen Prüfung nicht mehr standhalten.“

Kanzleramtsminister Helge Braun sieht Deutschland „an der Schwelle einer zweiten Welle“ (WELT Live-Ticker, 8.10.2020, 09:29 Uhr), und die Leiterin der Abteilung Infektiologie des Uniklinikums Gießen, Susanne Herold, warnt vor „neuen Engpässen in deutschen Krankenhäusern“ (ebenda, 10:21 Uhr). Wieder ist die Rede davon, dass planbare Operationen verschoben werden müssen, wieder sollen „Räume für neue Patienten geschaffen“ werden. Die Basis für all diese Aussagen sind aber nicht etwa volle Intensivstationen, sondern einzig und allein die positiven Tests, die weiter angestiegen sind.

Und RKI-Chef Lothar Wieler sagt es noch drastischer: „Es ist möglich, dass wir 10.000 neue Fälle pro Tag sehen“, verkündete er am 8. Oktober in der Bundespressekonferenz (WELT, 8.10.2020) und übertraf damit noch die von Bundeskanzlerin Merkel für die Weihnachtszeit prognostizierten 19.200 Neuinfektionen pro Tag, was Olaf Gersemann, Ressortleiter Wirtschaft, Finanzen, Immobilien der WELT, zur Schlagzeile veranlasste: „Die Corona-Realität ist jetzt schon schlimmer als Merkels 19.200-Szenario“ (Bezahlschranke).

Kein Wunder, dass die Berliner Gesundheitssenatorin am 7. Oktober verschärfte Corona-Regeln für die Hauptstadt einführte. Ab sofort bis mindestens 31. Oktober gilt jetzt eine Sperrstunde zwischen 23 und 6 Uhr für Gastronomie und Kioske, und im Freien dürfen sich maximal fünf Menschen treffen. Wer sich nicht daran hält, wird mit empfindlichen Strafen bis zu 10.000 Euro belegt.

Baden-Württemberg zündete Stufe 2 eines dreistufigen Alarmsystems, die eintritt, wenn die landesweite 7-Tage-Inzidenz von nur 10 Fällen pro 100.000 überschritten wird oder sich die landesweiten Fallzahlen innerhalb von zwei Wochen verdoppeln, wie die Badische Zeitung am 6. Oktober berichtet. Am 5. Oktober lag die Sieben-Tage-Inzidenz bei 16,4.

In Hamburg wurden ebenfalls am 7. Oktober schärfere Kontrollen und weitere Maßnahmen angekündigt, wenn die 7-Tage-Inzidenz an drei aufeinanderfolgenden Tagen den Wert von 35 überschreite, wie es in einer Pressemitteilung der Hamburger Sozialbehörde vom 8. Oktober heißt. Konkret sollen dann folgende Maßnahmen greifen:

  • Maskenpflicht für alle Personen in Gastronomie und Einzelhandel, auch für das Personal (das bisher nicht dazu gezwungen war).
  • Maskenpflicht bei allen Veranstaltungen in geschlossenen Räumen und in Gebäuden mit Publikumsverkehr.
  • Maskenpflicht an besonderen öffentlichen Plätzen, wo es regelhaft zu größeren Ansammlungen und Enge kommt.
  • Verbot von Gesichtsvisieren als ausreichende Mund-Nasen-Bedeckung; diese sind nur noch ausnahmsweise zulässig, wenn besondere Gründe vorliegen (z. B. bei Menschen mit Behinderungen).
  • Werden die Auflagen in der Gastronomie zu Maskenpflicht und Abstand nicht eingehalten, wird der Senat ein generelles Verbot von Stehplätzen in der Gastronomie einführen.

Wie so oft schießt aber Bayern den Vogel ab, wenn es darum geht, die Anordnungen durchzusetzen. Im morgendlichen Newsletter "Tagesanbruch" von t-online.de beschreibt der stellvertretende Chefredakteur Florian Wichert am 9. Oktober, wie vorbildlich der Freistaat die steigenden Fallzahlen bekämpft: „Mit strenger Maskenpflicht, zum Teil auch auf öffentlichen Plätzen, mit Bußgeldern, patrouillierenden Polizisten, Kontrollen und Alkoholverbot. Selbst ein Polizeihubschrauber kam über der Isarvorstadt zum Einsatz. Sogenannte USK-Einheiten, also Spezialkräfte der bayerischen Polizei mit Sonderaufgaben (Unterstützungskommando) in Vollmontur und Mannschaftsstärke räumten die Party-Hotspots am Baldeplatz an der Isar und am Gärtnerplatz. Auch wenn es Ärger mit Umweltschützern gibt und der Kampf gegen das Virus auch in München seine Tücken hat – zumindest genießt er Priorität." 

Schon am 23. September hatte SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach eine bundesweite Maskenpflicht auf öffentlichen Plätzen gefordert, wie aerzteblatt.de berichtet. Lautes Sprechen erhöhe das Risiko für eine Ansteckung auch im Freien, so Lauterbach, der für den Winter mit einer zweiten Infektionswelle rechnet. Italien hat am 7. Oktober eine landesweite Maskenpflicht im Freien beschlossen, nur wenn man weit und breit alleine sei sowie beim Sport und in privaten Räumen kann die Maske abgelegt werden. Ausgenommen sind Kinder unter sechs Jahren und Menschen, die an einer Krankheit leiden, die sich mit dem Tragen einer Maske nicht vereinbaren lässt.

Und auch der Deutsche Bundestag bildet keine Ausnahme mehr: Aus der Empfehlung, im Gebäude Maske zu tragen, ist auf Anordnung von Parlamentspräsident Schäuble bis mindestens 17. Januar 2021 eine Pflicht geworden, wie die Tagesschau am 5. Oktober berichtet. Nur am Platz oder für einen Redebeitrag darf die Maske abgelegt werden. Viele Firmen und Institutionen haben jetzt auch im Büro eine Maskenpflicht angeordnet. 

Masken, Masken also allerorten. Angesichts dessen, dass die Schutzwirkung der Masken wissenschaftlich weiterhin in Frage steht, erscheinen diese Maßnahmen in ihrer Effizienz zumindest fragwürdig. Den wichtigsten und gänzlich nüchtern-sachlichen Beitrag zu diesem Thema lieferte die Passauer Fachärztin für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie und Leiterin der Klinikhygiene am Klinikum Passau, Prof. Dr. Ines Kappstein, die auch Fachärztin für Hygiene und Umweltmedizin ist, in der Zeitschrift Krankenhaushygiene up to date unter der Überschrift „Mund-Nasen-Schutz in der Öffentlichkeit: Keine Hinweise für eine Wirksamkeit“. Ihr Fazit:

„Bei Auswertung der vom RKI für dessen ‚Neubewertung‘ von Masken im öffentlichen Raum angeführten Publikationen zeigt sich, dass es keine wissenschaftliche Grundlage gibt, mit der der Gebrauch von Masken (gleich welcher Art) in der Öffentlichkeit bei nahezu der gesamten Bevölkerung von Deutschland (abzüglich der Kinder bis 6 Jahre ca. 80 Millionen Menschen) gerechtfertigt werden kann, und aktuelle Untersuchungen zeigen das Gleiche. Im Gegenteil kann eine Maskenpflicht für viele Millionen Menschen im öffentlichen Raum sogar zu einem Infektionsrisiko werden, weil die erforderliche Händehygiene nicht eingehalten werden kann. (...) Bei der Übertragung respiratorischer (über die Atemwege eindringende, d. Red.) Viren spielt ein enger (unter 1 m) Face-to-Face-Kontakt die entscheidende Rolle, der zudem mindestens über eine gewisse Zeit (über 15 Minuten) bestehen muss, damit sich ein Übertragungsrisiko überhaupt verwirklichen kann. Abstand halten bei Gesprächen schützt vor direkten Erregerkontakten und macht das Tragen von Masken überflüssig.“

Bisher wurde diese sehr ausführliche und genaue Analyse dieser Expertin noch in keinem großen Medium gewürdigt, ebenso wenig ihre sehr ausführliche (ca. einstündige) auf YouTube eingestellte Erläuterung der vom RKI als Beleg benannten und von ihr unter die Lupe genommenen Studien.

Dass aus dem Ausnahmezustand womöglich ein Dauerzustand werden könnte, legen Äußerungen von Christian Drosten in einem Interview mit ZEIT online am 6. Oktober nahe. Auf die Frage, ob sich die Strategie zu sehr auf einen Impfstoff stütze, der ja noch einige Zeit auf sich warten lassen wird und dessen Wirksamkeit von Expert*innen höchst unterschiedlich eingeschätzt wird, antwortet Drosten: „Sie stützt sich darauf, aber mehr auch nicht. Sie hängt nicht davon ab. Auch wenn wir sehen würden, dass aus einem völlig unerfindlichen Grund die Entwicklung eines Impfstoffs nicht gelingt, würde man auf Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen setzen. Das Virus würde andernfalls wieder harte Gegenmaßnahmen erzwingen, einfach weil es nicht tragbar ist, in einer Gesellschaft mit unserem Altersprofil diese Krankheit durchlaufen zu lassen. Die vergangenen und derzeitigen Maßnahmen stehen daher nicht infrage.“

Andreas Rosenfelder, Ressortleiter Feuilleton bei der Tageszeitung DIE WELT hat das zu einem drastischen Kommentar veranlasst (Newsletter aus dem Newsroom der WELT vom 7. Oktober). Drosten gebe hier „keine wissenschaftlichen Erkenntnisse durch“, sondern formuliere „eine coronapolitische Ethik“„Elementarste Rechte dürfen nicht nur, sie müssen sogar auf Dauer ausgesetzt werden, wenn es eine virologische Bedrohung gibt – sei es durch Corona, sei es, wie man schlussfolgern darf, durch jedes andere Virus mit ähnlicher Mortalität und Infektiosität. Das ist eine ehrliche Aussage. Ein weitgehend freies, möglichst ungestörtes Leben mit dem Virus, wie Schweden es anstrebt, ist ‚nicht tragbar‘ – ein dauerhaftes Leben in einer kontaktbeschränkten, verängstigten, unfreien Gesellschaft hingegen schon, mit allen fatalen Folgen für Kinder und Familien, Selbständige und Künstler, Jugendliche und Einsame. Die Grundrechte einer offenen Gesellschaft – sie gelten demnach nur bedingt, im konkreten Fall: in Abhängigkeit vom Erfolg einer Impfung gegen das Corona-Virus. Über diese düstere Botschaft sollte man sogar dann nachdenken, wenn man Drostens Optimismus im Hinblick auf die Impfung teilt und nicht den Pessimismus seines Kollegen Hendrik Streeck. Wie lang soll das alles so weitergehen? Drosten hat diese Frage für sich beantwortet: Im Zweifel für immer. Es ist höchste Zeit, dass auch die deutsche Politik sich traut, den Bürgern ihre Antwort auf diese existenzielle Frage mitzuteilen.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

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Die eigentlichen Probleme bleiben ungelöst

Pflegekräftemangel und Ökonomisierung der Kliniken

 

Sollten Engpässe auf den Intensivstationen oder in den Kliniken auftreten, liegt es weder am Platz noch an fehlenden Geräten. Das Hauptproblem ist der Mangel an qualifizierten Pflegekräften. In der Intensivpflege würden „Probleme wegen Personalmangels“ erwartet, schreibt das Deutsche Ärzteblatt. 93 Prozent der Mitarbeiter*innen auf Intensivstationen befürchten für die kommenden Monate sogar noch eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen auf den Intensivstationen. Nur 24 Prozent berichteten, dass ihnen Pläne bekannt seien, die im Krisenfall ein Aufstocken der Pflegenden vorsehen.

„Es wird düster“ überschrieb also nicht ohne Grund die Krankenschwester Jarka Kubsova im SPIEGEL (Bezahlschranke) ihren Beitrag zum Personalmangel in Krankenhäusern. Schon im Frühjahr hätten alle ihr Bestes gegeben. Dann aber sei ein Tritt in den Hintern dem nächsten gefolgt. Dass es keine Horrorszenarien in den Kliniken gegeben hätte, sei für viele „Anlass für Häme und Verharmlosung“ gewesen. Unwürdig sei auch das kleinliche Gefeilsche um den Pflegebonus gewesen, den nur wenige in voller Höhe, die meisten nur anteilig oder gar nicht erhalten hätten. Grundlegend geändert habe sich nichts. Viele ihrer Kolleg*innen habe das endgültig demoralisiert. Und das bei mehr als 50.000 offenen Stellen, die nicht besetzt werden können, weil „der Markt leergefegt“ sei. Das System kranke „an der Gewinnorientierung, der die meisten Kliniken unterworfen sind. Es werde am Personal gespart, die Schlagzahl an Patienten erhöht, das Material knappgehalten, der Arbeitsdruck erhöht. Niemand wagt sich an dieses grundlegende Problem.“

Damit legt Kubsova den Finger in die Wunde. Die Regierung hat es versäumt, gerade an diesen wichtigen Stellschrauben zu drehen, mit der auch eine Corona-Pandemie besser zu managen wäre. Hieß es noch im Sommer vollmundig (z. B. von Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig), das System der Fallpauschalen (DRGs) gehöre auf den Prüfstand, ist davon inzwischen nichts mehr zu hören.

Dass es an ausgebildeten Pflegekräften mangelt, ist seit Jahren bekannt. Warum also hat Jens Spahn kein Programm aufgelegt, das finanziell wie vom Image her so attraktiv ist, dass Pflegekräfte, die ihren Beruf aus Frust aufgegeben hatten, gerne wieder zurückkommen? Warum hat er nicht eine Taskforce gebildet, die Modelle erarbeitet, wie die DRGs schrittweise ersetzt und in ein adäquates und der notwendigen Daseinsfürsorge entsprechendes Vergütungssystem umgewandelt werden können? 

Stattdessen wird – zum Beispiel in Niedersachsen – die maximale Arbeitszeit für die Pflege aufgrund der Corona-Krise auf 60 Stunden erhöht, das sind 12 Stunden pro Werktag. „Die Regierung sollte sich schämen“, empört sich zu Recht die niedersächsische Pflegekammer-Präsidentin Nadya Klarmann. Vielerorts arbeiten Krankenschwestern und -pfleger sogar dann, wenn sie selbst mit SARS-CoV-2 infiziert sind. Was Pflegekräfte leisten, schildert Alexander Jorde, der 2017 durch seinen beherzten Auftritt in der ARD-Wahlarena bekannt wurde, als er Angela Merkel zur Rede stellte, in einem Gastbeitrag für die ZEIT. Denn: „Wenn es in der öffentlichen und politischen Debatte um Pflege geht, scheinen viele immer noch nicht zu verstehen, was wir Pflegekräfte leisten.“ Viele würden immer noch glauben, Pflege beschränke sich auf das Beseitigen von Ausscheidungen. Daran habe auch Corona nicht viel geändert. Der Applaus, den die Abgeordneten des Deutschen Bundestages Ende März gespendet hätten, als Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble den Ärzten, Pflegekräften und Beschäftigten der Gesundheitsbehörden seinen Dank aussprach, sei für ihn „keine Geste des Dankes“ gewesen: „Es war blanker Zynismus. Denn im Gegensatz zu den Menschen, die auf den Balkonen applaudierten, haben die Abgeordneten die Macht, etwas zu verändern. Sie hätten beispielsweise eine dauerhafte Corona-Stundenzulage beschließen können, die sich nach der Pandemie in Tarife integrieren ließe, um neue Pflegekräfte zu werben. (...) Ich habe wenig Hoffnung, dass die Politik radikale Veränderungen wagt, die den Herausforderungen wirklich gerecht werden. Es gab sie in den letzten 30 Jahren und auch unter Angela Merkel kaum. Zu oft musste das Gesundheitswesen herhalten, wenn die Politik sparen wollte. (...) Nicht wir sind es, die Streiks forcieren. Es sind private Klinikkonzerne, die ihre Rendite steigern, oder kommunale Träger, die schwarze Zahlen schreiben wollen – und deshalb an Pflegekräften sparen.“

Die Corona-Krise biete die Chance, das Augenmerk mehr auf die eigentlichen Probleme zu richten, die für schwere Verläufe und Todesfälle durch Covid-19 sorgen, schreibt René Rüegg, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Berner Fachhochschule Soziale Arbeit, in der NZZ (Bezahlschranke) unter der Überschrift „Die Risiken eines technologischen Gesundheitsverständnisses". Denn die überwiegende Mehrzahl der an oder mit SARS-CoV-2 Verstorbenen hatte gravierende Vorerkrankungen. Dabei handelt es sich aber genau um diejenigen Erkrankungen, die durch einen gesunden Lebensstil besser zu vermeiden oder zu behandeln sind als mit Medikamenten: Bluthochdruck, Diabetes, koronare Herzkrankheit, Herzinsuffizienz, Übergewicht. „Die Herstellung von Vakzinen ist teuer, ihr Einsatz riskant und im Ergebnis womöglich wenig effizient. Weit effizienter wäre es, die Resilienz der Bevölkerung systematisch zu stärken. (...) Von den 1.276.000 Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen 4 und 19 Jahren (in der Schweiz, d. Red.) waren 2019 ungefähr 217 000 übergewichtig oder adipös. Jedes vierte Kind der Oberstufe war übergewichtig oder adipös. Es ist Zeit, dass wir uns überlegen, wie bizarr eine Politik ist, die eine Besteuerung von Süßgetränken und eine konsequente Kennzeichnung von Lebensmittelverpackungen ablehnt, aggressives Marketing für hochverarbeitete Kinderesswaren toleriert, zur Pandemie-Eindämmung diverse Sportaktivitäten einschränkt und gleichzeitig Milliardenbeträge für den Schutz und die Behandlung von mehrheitlich über 65-jährigen Corona-Patienten ausgibt." Das dürfte für Deutschland in gleicher Weise gelten. 

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Die wahren Leidtragenden

Es drohen gewaltige Hungersnöte

 

Corona-Spezial Oktober 2020 – Die eigentliche Bedrohung spielt sich jedoch ganz woanders ab, wenn man sich die Situation in anderen Ländern der Welt betrachtet, vor allem in Ländern mit großer Armut. Wegen der Corona-Krise werden nach Einschätzung der Weltbank noch in diesem Jahr bis zu 115 Millionen Menschen in extreme Armut stürzen, berichtet aerzteblatt.de am 8. Oktober anlässlich der Veröffentlichung des neuen Weltarmutsberichtes der Weltbank, der am 7. Oktober in Washington veröffentlicht wurde. Seit 1990 war die Zahl der Armen von 1,9 Milliarden Menschen um fast zwei Drittel gesunken, trotz eines Anstiegs der Weltbevölkerung um 2,2 Milliarden Menschen. Die Armutsrate ist damit von 36 auf 9 Prozent gefallen.

Durch die Auswirkungen der Corona-Maßnahmen wird sich der Trend jetzt jedoch drastisch ins Gegenteil verkehren. „Wir erleben eine globale Rezession von historischem Ausmaß“, sagte der Präsident der Weltbank, David Malpass. „Die menschlichen Kosten von Covid-19 sind immens. Die Pandemie und die globale Rezession könnten dafür sorgen, dass 1,4 Prozent der Weltbevölkerung in extreme Armut fallen.“ Das heißt, sie müssen von weniger als 1,90 US-Dollar täglich leben. Konkret bedeutet das, dass Ende 2020 zwischen 60 und 87 Millionen mehr Menschen zu dieser Gruppe gehören werden als noch 2019, wie die WELT berichtet.

Um das Schlimmste abzuwenden, hat Entwicklungsminister Müller (CSU) ein 3 Milliarden-Euro-Corona-Sofortprogramm aufgelegt. Es soll die Ernährung der Ärmsten der Armen sichern, die Menschen in Flucht- und Krisenregionen unterstützen, die Gesundheitssysteme stärken sowie Jobs und Unternehmen sichern, insbesondere in Indien, Bangladesh, Jordanien, Tunesien und Malawi. Fast die Hälfte der extrem armen Menschen lebt jedoch in Afrika: Nigeria, Kongo, Tansania, Äthiopien und Madagaskar.

Dass aber auch gerade die Ärmsten der Armen in Europa besonders von Corona betroffen sind, zeigt eine Studie der Ärzte ohne Grenzen aus Frankreich. Sie hat die Situation von 818 Menschen erfasst, die zwischen dem 23. Juni und 2. Juli an 14 Orten in der französischen Ile-de-France (der ist die Gegend rund um Paris) in überfüllten Notunterkünften und Arbeiterwohnheimen lebten und von „Médecins sans Frontières“ medizinisch betreut wurden. „Die Ergebnisse bestätigen, dass sich das Virus besonders aktiv ausbreitet, wenn sich mehrere Personen ein Zimmer, eine Dusche und eine Küche teilen müssen“, sagt Thomas Roederer, der die Studie leitete.

Wir werden diese Situation im nächsten Magazin von GESUNDHEIT AKTIV (erscheint Anfang November) noch genauer beleuchten. Am besten bestellen Sie das Magazin jetzt schon vor per E-Mail an magazin(at)gesundheit-aktiv.de 

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Was uns ins Haus steht

Verschärfte Kontrollen und Denunziation

 

Vor wenigen Tagen wurde der Entwurf eines Dritten Gesetzes zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite veröffentlicht und dem Bundesrat vorgelegt. Er enthält eine Fülle von Ermächtigungen und Einschränkungen. Am interessanten ist dabei der Punkt C „Alternativen“, wo nur ein einziges Wort steht: „Keine.“

Schon Mitte Oktober hatte Gesundheitsminister Spahn bekanntgegeben, in einem Eilverfahren seine Sonderrechte in der Corona-Bekämpfung über den 31. März 2021 hinaus verlängern und ausbauen zu wollen, wie n-tv berichtete. Dabei geht es um weitreichende Grundrechtseingriffe. So kann der Minister z. B. nach eigenem Ermessen den internationalen und nationalen Reiseverkehr kontrollieren und Vorschriften für Flug- und Seehäfen erlassen, um nur eine Maßnahme zu nennen.

Generell nutzen die Regierungen in aller Welt die Pandemie als Vorwand, um die Rechte von Bürger*innen einzuschränken: „Im Rückblick werden wir Covid-19 genau wie den 11. September 2001 als Zeitpunkt sehen, an dem Regierungen neue, aufdringliche Mittel zur Kontrolle ihrer Bürger dazugewonnen haben“, schreibt der Co-Autor einer Studie, die von der US-Organisation Freedom House zum Stand der „Internetfreiheit“ erstellt wurde, wie heise.de berichtet. Ein hoher Anteil der weltweit verbreiteten Corona-Apps könne zur Überwachung missbraucht werden. Die in Indien etwa 50 Millionen mal installierte App „Aarogya Setu“ schicke Bluetooth- und GPS-Daten an Server der Regierung. Eine andere App sammele Symptomdaten von Millionen von Bürger*innen und stelle sie ohne Zugriffsschutz auf Server. Singapur verpflichte Migrant*innen dazu, Kontakt-Tracing-Apps zu benutzen.

Auch in Deutschland steht der Datenschutz zunehmend unter Beschuss, weil er die Kontaktnachverfolgung durch die Gesundheitsämter behindere. Immer wieder wird gefordert, die Corona-Warn-App solle direkt mit Laboren und Ämtern verknüpft werden, um eine schnellere Kontrolle zu gewährleisten. Auch Boris Palmer, seines Zeichens Tübinger Oberbürgermeister und prominentes GRÜNEN-Mitglied, hat in einem Kommentar in der WELT (Bezahlschranke) schon vorgeschlagen, den „Lockdown im Denken“ zu überwinden und sich an Taiwan und Südkorea zu orientieren, wo man dank konsequenter Kontaktverfolgung die Pandemie im Griff habe: „Es gibt Gesellschaften auf dieser Welt, die nicht mit den Methoden des Mittelalters, sondern mit den modernsten Waffen gegen Corona vorgehen und damit erfolgreich sind. (...) Das Geheimnis ist modernste Technik in der Kontaktverfolgung. (...) Genutzt werden – sprechen wir es ganz offen an – Instrumente des Überwachungsstaates. Quarantäne wird durch GPS-Verfolgung kontrolliert. Für die Kontaktermittlung sind Handydaten genauso offensiv im Einsatz wie die von Kreditkarten. Die deutsche Corona-App schützt im scharfen Kontrast dazu zwar unsere Daten, aber nicht vor dem Virus.“ Wer den vollen Einsatz der technischen Möglichkeiten weiter ablehne, könne nicht behaupten, er handele verantwortlich und schütze die Bürger vor der tödlichen Gefahr durch Corona.

Der Bremer CDU-Chef Thomas Röwekamp möchte gar jeden Bürger verpflichten, die Corona-Warn-App auf sein Handy zu laden. Wer das verweigere, solle mit einem Bußgeld belegt werden, berichtet das regionale Fernseh-Magazin buten un binnen. In der jetzigen Situation gehe „Gesundheit vor Datenschutz“.

Dass all das nicht in den Bereich der Verschwörungsmärchen gehört, zeigt auch ein hochspannender Beitrag von Sebastian Friebel, dem ehemaligen parlamentarischen Berater des Deutschen Bundestages. Sie erinnern sich vielleicht an ihn – er hatte im Frühjahr anonym ein internes Papier aus dem Bundesinnenministerium geleakt (wir hatten in unserem Corona-Spezial im Mai darüber berichtet) und wurde daraufhin erwartungsgemäß vom Dienst suspendiert. Friebel hat inzwischen die Plattform Wie soll es weitergehen? ins Leben gerufen und ein umfangreiches Dossier publiziert, in dem er aufblättert, wie die Corona-Krise von Digitalkonzernen und Regierungen instrumentalisiert wird. Teile daraus hat Gunnar Kaiser bei YouTube eingesprochen, so dass man sich das auch anhören kann.

Der Journalist Milosz Matuszek schreibt dazu in seinem Blog„Wir müssen der Realität ins Auge sehen: die Parlamente sind außer Kraft gesetzt, wir erleben einen beispiellosen Einschnitt in zentrale Grundrechte, die Berichterstattung zu den aktuellen Maßnahmen ist fast auf die offizielle Linie eingeschmolzen, Videos auf YouTube werden gelöscht, Kanäle gesperrt. Ein Geist der Spaltung, der Angst, des Denunziantentums ist in der Welt. Die Polizei kontrolliert die Einhaltung der Maskenpflicht, Militär sitzt in den Gesundheitsämtern, Politiker überbieten sich in Kraftrhetorik, bringen selbst Kontrollen in Privatwohnungen ins Spiel. Man spricht von einer „neuen Normalität“, die uns erwartet. Diese neue Normalität trägt bereits totalitäre Züge. Stellen Sie sich auf mehr Ausgangsverbote, mehr Überwachung, mehr Zwang hin zu tugendhaftem Verhalten im Dienste der Gesundheit ein. Die CDU/CSU-Fraktion schlägt aktuell in einem Gesetzesentwurf (vom 3.11.) einen neuen Paragraphen 28 a des Infektionsschutzgesetzes vor, der die aktuellen Maßnahmen in Gesetzesform gießt, solange eine epidemische Lage von nationaler Tragweite besteht, also Maßnahmen, wie Maskenpflicht, Untersagung von Kultur- und Sportveranstaltungen etc. (S. 10 des Gesetzesentwurfs). Die Situation ist ernst, aber nicht aussichtslos, sie ist veränderbar, durch jede eigene Stimme. Die Justiz reagiert inzwischen auch deutlicher, ein erstes Gericht hält die Corona-Regelung ohne gesetzliche Grundlage für rechtswidrig. In unserer Demokratie gilt der Gesetzesvorbehalt und das Wesentlichkeitsprinzip: die wesentlichen, die Grundrechte betreffenden Entscheidungen brauchen eine gesetzliche Ermächtigungsgrundlage in Form eines formellen Parlamentsgesetzes. Daran fehlt es bisher, so ein Dortmunder RichterBeobachten Sie die Lage nüchtern und besonnen. Suchen Sie Kontakt zu Gleichgesinnten, bauen Sie Netzwerke des Vertrauens auf. Vor allem analog. Lassen Sie sich nicht auf das Spiel von Angst und Verwirrung ein und achten Sie auf den Subtext in der Nachrichtenlage. Niemand leugnet die Existenz von Covid. Auch ich nicht. Doch ich gehöre zu denen, die auf Ungereimtheiten hinweisen, auf die Unverhältnismäßigkeit der Maßnahmen und auf die extreme Verengung des Meinungskorridors.“

All das liest sich zum Teil wie ein Science Fiction-Roman und man reibt sich verwundert die Augen: Stimmt das wirklich? Ist das glaubwürdig? Dass es sich mitnichten um irgendwelche Phantastereien von irgendwelchen Spinnern handelt, sondern dass das alles längst Realität ist, vorangetrieben und propagiert von höchsten Regierungs- und Wirtschaftsinstitutionen, zeigt das Projekt „The Great Reset“ (der große Neustart), das, wie schon im Juni angekündigt, im Januar 2021 auf dem Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos diskutiert werden soll. Die ersten Bücher dazu sind bereits auf dem Markt und das US-Magazin TIME hat das Thema als Titelgeschichte dokumentiert.

„Die größte Gefahr von Covid-19 liegt im wirtschaftlichen und politischen Bereich, nicht im medizinischen“ sagt der Menschheitshistoriker Yuval Noah Harari (Autor von „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ und „Homo Deus“) in einem Interview mit der WELT (Bezahlschranke). „Die Folgen der Pandemie könnten katastrophal sein, und das über einen langen Zeitraum hinweg. Sie könnten ganze Regionen zusammenbrechen lassen, etwa Südamerika, und neue Überwachungstechnologien begünstigen. Länder, die an sich über die Rechte ihrer Bürger wachen, legalisieren jetzt ihren Gebruach. Es könnte sein, dass man sich in 50 Jahren weniger an das Virus erinnert als an den Moment, als die Überwachung aller durch die Regierung begann. (...) Die Regierungen und die Konzerne werden in der Lage sein, uns besser zu kennen als wir selbst, sie werden unsere Emotionen und Gedanken verstehen können und unsere Persönlichkeit. Es ist die Art sozialer Kontrolle, von der totalitäre Regimes immer geträumt haben.“

YouTube hat bereits eine Richtlinie zu medizinischen Fehlinformationen über COVID-19 erlassen. Darin heißt es: „Auf YouTube sind keine Inhalte erlaubt, die medizinische Fehlinformationen verbreiten, die im Widerspruch zu medizinischen Informationen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) oder lokaler Gesundheitsbehörden zu COVID-19 stehen. Dies beschränkt sich auf Inhalte, die den Informationen der WHO oder lokaler Gesundheitsbehörden zu folgenden Themen widersprechen: Behandlung, Prävention, Diagnose, Übertragung.“ Was darunter zu verstehen ist, wird in den Abschnitten darunter genauer ausgeführt. Das Recht auf freie Meinungsäußerung wird damit massiv eingeschränkt, denn was jetzt „nur“ für Corona in Anspruch genommen wird, lässt sich unschwer auf andere Themen ausdehnen – man denke nur an das Thema Masernimpfpflicht.

Wie weit wir schon sind, zeigt die Tatsache, dass eine Firma inzwischen eine automatisierte Zutrittskontrolle mit Messung der Körpertemperatur und Maskenerkennung mit Wärmebildkamera entwickelt hat. Damit lassen sich „innerhalb eines Vorgangs potentiell erkrankte Personen, z. B. an Covid-19, Influenza etc., erkennen. Diesen wird dann nicht nur der Zutritt verwehrt, gleichzeitig und in Echtzeit werden auch relevante Stellen über den Vorgang informiert.“ Diese könnten dann „umgehend passende Maßnahmen einleiten“. Das System eigne sich „besonders für kritische Umgebungen wie Krankenhäuser, Altenheime, Bildungseinrichtungen oder öffentliche Institutionen, aber auch für Bürogebäude, industrielle oder gewerbliche Anwendungen.“

Eine Politik der Einschüchterung erfahren auch zunehmend Ärzte im Öffentlichen Gesundheitsdienst, die sich erlauben, selbst zu denken. Jüngstes Opfer ist hier der Chef des Gesundheitsamts Aichach-Friedberg und Epidemiologe Friedrich Pürner. Er hatte sich kritisch zu den Maßnahmen in Bayern geäußert, z. B. zur Maskenpflicht an Schulen und Kindergärten oder zu Reihentests, weshalb ihn das Gesundheitsministerium zu einem „fachlichen Austausch“ vorlud. Das Ergebnis war wie erwartet: Pürner wird an das Bayrische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit strafversetzt. Eine Chronologie der Ereignisse findet sich auf merkur.de, auch die Süddeutsche Zeitung hat berichtet. Die beiden Kinder- und Jugendärzte Dr. Steffen Rabe und Dr. Martin Hirte haben einen Offenen Brief an die Bayerische Staatsregierung formuliert, der von Ärzt*innen und Wissenschaftler*innen gezeichnet werden kann – und bitten auch die Öffentlichkeit um entsprechende Protestnoten an die Staatskanzlei. 

Ärzte, die ihre Zweifel am Sinn des Maskentragens äußern oder dies gar für gesundheitsschädlich halten, müssen ebenfalls befürchten, vor ihre Standesvertretung vorgeladen zu werden, wie der WDR berichtet. Der Ärztekammer Nordrhein seien bereits 17 Fälle bekannt, in denen „Mediziner das Coronavirus verharmlosen oder gar leugnen“. Die gewissenhafte Ausübung des Berufs erfordere jedoch neben der fachlichen Qualifikation die Beachtung des anerkannten Standes der medizinischen Erkenntnisse. Und die Sprecherin der Ärztekammer hält Patienten sogar zu Spitzeldiensten an: „Wer eine Arztpraxis betrete, solle sich umschauen und ein Auge darauf haben, ob die allgemeinen Hygiene-Vorschriften eingehalten werden. Tragen alle Masken? Gibt es eine Plexiglaswand am Empfangstisch? Wird auf genügend Abstand geachtet, auch im Wartezimmer? Bei Abweichungen: Unbedingt das Praxisteam ansprechen. Und dem Arzt widersprechen, falls er alles als harmlos hinstellt. Hinweise über entsprechende Fälle bitte der zuständigen Ärztekammer melden.“ Man gehe der Sache dann nach.

Der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) ruft die Bürger*innen sogar ganz offen zur Denunziation auf. Verstöße gegen die Corona-Maßnahmen sollen an die Behörden gemeldet werden, wie die Hessische/Niedersächsische Allgemeine (HNA) berichtet. Das mache zwar keiner gerne, weil schnell der Gedanke aufkomme, man sei „eine Petze oder ein Denunziant", aber „ehrlich gesagt: im Moment geht es um richtig viel“, sagte Weil in einem Interview mit dem NDR. Mithilfe aus der Bevölkerung könne man „in der Corona-Lage gut gebrauchen": „Jetzt haben wir es mit Infektionsschutz zu tun, und da ist es einfach auch richtig, wenn wir alle mitwirken.“ Das Anschwärzen von Bürger*innen, die sich nicht an die Regeln halten, fällt für Weil offenbar unter ein solches „Mitwirken“. In Hannover jedenfalls (und in vielen anderen Städten Deutschlands ebenso) patrouilliert jetzt Polizei durch die Innenstadt. Es habe bereits mehr als 1.300 „Gefährderansprachen“ (!) gegeben, berichtet die Hannoversche Allgemeine Zeitung am 4. November. Jeder Dritte in der Fußgängerzone habe keine Maske getragen. Kontrolliert werden auch verstärkt Geschäfte und Friseursalons sowie Bushaltestellen.

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Lesenswert

Lektüre für Herz, Geist und Sinne

 

Corona-Spezial Oktober 2020 – Die Nächte werden länger, die Tage kälter – Zeit für erbauliche Literatur, nicht nur, aber auch rund um die Corona-Krise:

Unsere Welt nach der Pandemie
Eines ist klar: Nach dieser Krise wird die Welt eine andere sein. Und wir sind Zeugen und Mitgestalter*innen dieser umwälzenden Veränderungen. In diesem Buch haben sich insgesamt 32 renommierte Wissenschaftler*innen der Frage angenommen, wie das Leben nach Corona aussehen könnte – in Familie, Arbeit, Schule, Wirtschaft, Politik, Kultur und Wissenschaft. Spannend!

Zu diesem Buch gibt es auch ein Blog.

Bernd Kortmann/Günther G. Schulze (Hrsg.): Jenseits von Corona. Unsere Welt nach der Pandemie – Perspektiven aus der Wissenschaft. Transcript Verlag, 320 Seiten, 22,50 Euro

 

Irrtum oder Chance?
Noch ein Buch, das sich der Frage annimmt, welche Auswirkungen Corona auf unser künftiges Leben haben wird und wie sich das vor dem Hintergrund bereits überstandener Pandemien in der Menschheitsgeschichte darstellt. Es ist ein Buch, das nicht nur zum Nachdenken anregt, sondern auch auffordert, den Wandel mitzugestalten und die Chancen zu nutzen, die sich gerade jetzt bieten. Corona als Türöffner – mal ein anderer Blick auf die Krise.

Christian Knittl: Corona – großer Irrtum, große Chance. Von den Pandemien der Vergangenheit über Corona zu einem gesunden Wandel der Gesellschaft. Verlag tredition, 240 Seiten, 16,90 Euro

 

Perspektiven und Initiativen
Justus Wittich, Vorstand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und deren Schatzmeister, sowie Ueli Hurter, Landwirt und Co-Leiter der Sektion für Landwirtschaft am Goetheanum, haben sich als Herausgeber die Aufgabe gesetzt, Beiträge zur Einschätzung der Corona-Krise aus dem Spektrum der Anthroposophie zusammenzutragen. Und so ist dieses Buch eine ebenso abwechslungsreiche wie tiefschürfende Betrachtung aus der Sicht der Anthroposophie auf eine der wichtigsten Krisen unserer Zeit. Es entstand während der Schließung des Goetheanums in einer intensiven gemeinsamen Klausurarbeit. Es gehe nicht darum, so schreiben Hurter und Wittich im Vorwort, „Lösungen für die Corona-Krise“ zu entwickeln. Wohl aber zeige sich in den Beiträgen „der Versuch eines inneren wie äußeren Erkenntnisweges, bei dem die verschiedenen fachlichen Blicke auf das Covid-19-Problem die Gefährdungen, aber auch Richtungen einer notwendigen Bewusstseins- und Lebensstil-Änderung aufzeigen, um zukünftigen Pandemien und ihrer medizinischen wie sozialen und politischen Folgen entgegenzuwirken.“

Justus Wittich, Ueli Hurter (Hrsg.): Perspektiven und Initiativen zur Coronazeit. Verlag am Goetheanum, 240 Seiten, 10 Euro

 

Balsam für die Seele
Viele Menschen belastet die Corona-Krise psychisch in hohem Maße. Für alle, die ihrer Seele etwas Gutes tun wollen, sei dieses Buch empfohlen. Geschrieben hat es Manfred Lütz, Psychiater und Theologe in Köln und ebenso bekannt für seine hohe fachliche Kompetenz wie für sein loses rheinisches Mundwerk, seine Empathie, seinen Verstand und sein großes Herz. Lütz hat im Januar 2020 den bekannten Psychiater und Psychoanalytiker Otto Kernberg über sein Leben ausgefragt. Kernberg, geb. 1928, musste sein Heimatland Österreich 1939 aufgrund seiner jüdischen Herkunft verlassen und emigrierte zuerst nach Chile, seit 1961 lebt er in New York. Was sich in diesem Buch entfaltet, ist nicht nur das faszinierende Kaleidoskop eines Menschenlebens, sondern vor allem auch ein wunderbares Zwiegespräch zwischen zwei klugen Menschen. Dass es nie abgehoben wird, liegt an den beiden Männern selbst. Lütz schreibt dazu in seinem Vorwort: „Da das deutsche Publikum von einem anständigen Buch immer ein gewisses Maß an Unverständlichkeit erwartet, könnte hier ein Problem auftreten. Denn ich habe Otto Kernberg immer wieder gebeten, für einen gebildeten Metzger verständlich zu reden, und das hat er dann tatsächlich getan. Wer so etwas niveaulos findet und sich nach Fremdwörtern und Zitaten sehnt, dem seien die zahlreichen Fachbücher empfohlen, die Otto Kernberg publiziert (veröffentlicht) hat. Allerdings entgeht ihm dann vielleicht doch das Wesentliche, denn das Wesentliche ist letztlich einfach, und es ist meine feste Überzeugung, dass all das, was ein Metzger nicht versteht, nicht wichtig ist im Leben. Natürlich braucht man eine Fachsprache, um Fachdiskussionen zu führen, aber was an einer solchen Diskussion am Ende relevant ist, das muss man auch in normalem Deutsch sagen können. Tatsächlich ist es oft intellektuell viel herausfordernder, das Wesentliche einfach und verständlich zu sagen, als mit wohlbekannten Fremdwörtern um sich zu werfen. Und wenn Otto Kernberg tiefe Weisheiten einfach und allgemeinverständlich von sich gab, dann leuchteten seine Augen besonders hell auf, dann war er ganz bei sich und ganz bei den Menschen, denen er etwas sagen will. Dann war er bei Ihnen, liebe Leserinnen und Leser.“ Mehr braucht es kaum als Seelennahrung.

Manfred Lütz: Was hilft Psychotherapie, Herr Kernberg? Erfahrungen eines berühmten Psychotherapeuten. Herder Verlag, 192 Seiten, 20 Euro

 

Wärme nicht nur für den Bauch
Die Kochbücher des Briten Nigel Slater sind keineswegs nur eine Ansammlung von Rezepten, sondern vielmehr eine sprachgewaltige Fundgrube für Lebensweisheiten und Sinnlichkeit, Augenöffner für die ganz simple Kunst der guten Ernährung. Und deshalb sind sie gerade in Corona-Zeiten eigentlich eine Pflichtlektüre. Zumal es jetzt zwei Bücher von Nigel Slater gibt, die einen übers ganze Jahr begleiten: in Frühling und Sommer, in Herbst und Winter. Noch dazu mit lauter vegetarischen Rezepten, denn die sind für das Immunsystem ohnehin gesünder als fleischreiche Kost. Greenfeast, das heißt so viel wie „grünes Gelage“. Und so geht es auch zu – üppig, lukullisch, sinnlich. Slaters Anforderungen an die Qualität der Zutaten sind ebenso hoch wie seine Rezepte einfach und für jedermann und jedefrau leicht zuzubereiten. Ganz abgesehen davon, dass der Verlag ihnen eine wunderschöne Aufmachung spendiert hat. Also ran an die Buletten, pardon: Bratlinge!

Nigel Slater: Greenfeast Frühling/Sommer (auch in der kälteren Jahreszeit anwendbar) und Greenfeast Herbst/Winter (auch in der wärmeren Jahrezeit machbar), Dumont Verlag, 336 und 320 Seiten, jeweils 28 Euro

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Der „Wellenbrecher-Lockdown“  

Was sind die Hintergründe?

Nicht nur die Präsidenten-Wahl in den USA war in den vergangenen Tagen ein Auf und Ab an Gefühlen, sondern auch die erste Woche des „Wellenbrecher“-Lockdowns gab Anlass zu so manchem Wechselbad. Was sich schon seit geraumer Zeit abzeichnete, wird immer offenkundiger: Die Corona-Debatte hat unser Land gespalten. Auf der einen Seite die Shutdown-Befürworter, allen voran Christian Drosten, Karl Lauterbach, Markus Söder, Helge Braun, Jens Spahn und Angela Merkel, auf der anderen Seite die den Maßnahmen eher skeptisch gegenüberstehenden Virologen Hendrik Streeck und Jonas Schmidt-Chanasit, Andreas Gassen (Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung), das Deutsche Netzwerk Evidenzbasierte Medizin und diverse andere. Am 18. Oktober hatten verschiedene Ärzte und Wissenschaftler*innen um Matthias Schrappe ein Ad-hoc-Thesenpapier veröffentlicht. Bereits Anfang Oktober hatte Schrappe in einem Interview bei heise.de das Test-getriebene Vorgehen der Regierung scharf angegriffen: „Corona wird insbesondere die soziale Spaltung weiter vertiefen.“

Die Kritik am „Corona-Kabinett“ und an den Beschlüssen der Regierung hat sich deutlich gesteigert, der Protest ist vernehmlich geworden, nicht nur bei den Kulturschaffenden und Gastronomen. Die tagesschau vermeldet bereits eine „Klagewelle“ bei den Gerichten, die mit Eilanträgen von Fitness-Studios, Bar-, Restaurant- und Hotelbetrieben, Tanzschulen, Bordellen, Schwimmbädern, Spielhallen, Kosmetikstudios sowie Konzertveranstaltern gegen die Schließung ihrer Betriebe überzogen werden.

Allein dass Angela Merkel nicht nur eine ausführliche Pressekonferenz nach der Ministerpräsident*innenrunde angesetzt hatte, sondern auch noch einen Tag später unerwartet bei der Bundespressekonferenz erschien, zeigt, unter welchem Druck sie steht, sich und ihre Maßnahmen zu erklären. Im Mittelpunkt stand dabei immer wieder die Forderung, die Kontakte um drei Viertel zu reduzieren, weil „die Wissenschaft“ das einhellig so gefordert hatte. „Die Wissenschaft“, das sind in diesem Fall neben dem Beraterkreis der Regierung die Fachgesellschaften Leopoldina, Helmholtz-, Leibniz- und Fraunhofer-Gesellschaft, die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Max-Planck-Institute. Was Markus Söder bei Anne Will am 1. November zu dem bewundernden Ausruf veranlasste, es handele sich um „das breiteste Wissenschafts-Statement, das es je in Deutschland gegeben hat.“

Welche Mittel die richtigen sind, um diese Verringerung an Kontakten zu erreichen, sagten die Fachgesellschaften allerdings nicht. Weshalb dem Beraterkreis des Corona-Kabinetts wiederum eine besondere Aufgabe zukam. Und hier schlug die Stunde des Karl Lauterbach, seines Zeichens gesundheitspolitischer Sprecher der SPD, der den Begriff des „Wellenbrecher-Lockdown“ aus der Taufe hob. Um dessen Notwendigkeit zu untermauern, verwies Lauterbach, wie der Berliner Tagesspiegel berichtet, gleich morgens am 28. Oktober, also unmittelbar vor Beginn der Beratungen der Kanzlerin mit den Ministerpräsident*innen, auf eine vorveröffentlichte (also noch nicht fachlich begutachtete) Studie des Imperial College London mit 85.000 Patient*innen. Bei ihnen habe man festgestellt, dass bei einem schweren Verlauf von Covid-19 der Intelligenz-Quotient der Betroffenen um durchschnittlich 8,5 Punkte sinke. Das Gehirn altere also vorschnell um zehn Jahre. Am Abend dann bei Markus Lanz, wo Lauterbach Dauergast ist, musste die Studie ein weiteres Mal als Beweis für die Gefährlichkeit des Virus‘ herhalten. Die Botschaft verfing: Alle wogen bedächtig die Köpfe und setzten besorgte Mienen auf.

Lauterbach zeigte sich auf Twitter denn auch höchst zufrieden mit den beschlossenen Maßnahmen, schließlich war die Kanzlerin weitgehend seinen Vorschlägen gefolgt: „Die Beschlüsse von heute sind ein grosser Erfolg und ein Meilenstein gegen das Coronavirus in Deutschland. Mit dem Wellenbrecher Shutdown werden wir die 2. Welle der Pandemie brechen und aus exponentiellen Wachstum heraus kommen. Die Vernunft hat gesiegt. (...) Als Epidemiologe und Gesundheitspolitiker bin ich dankbar für dieses Ergebnis“ (unkorrigierte Fassung, d. Red.).

Auch Christian Drosten dürfte Ministerpräsident*innen und Kanzlerin mit seinen Szenarien beeindruckt und das Gruseln gelehrt haben, steht doch anzunehmen, dass er dort ebenso wie zwei Tage später bei einem Vortrag im heimatlichen Emsland (Drosten stammt aus Lingen) vor allem das Schreckgespenst der Triage auf Intensivstationen heraufbeschwor. Die Charité allein verfüge über 400 Intensiv-Betten, rechnete er vor, davon seien derzeit (Stand 30.10.2020) 160 mit Covid-19-Patient*innen belegt. Für die erste Novemberwoche rechne Berlin mit 300 intensivpflichtigen Patient*innen, es sei also absehbar, wann eine Triage bevorstehe. Dafür brachte Drosten gleich ein anschauliches Beispiel: Da liege ein älterer Patient beatmet auf der vollbelegten Station. Er habe eine Überlebenschance von ca. 30 bis 50 Prozent. Wenn nun ein 35-jähriger Corona-Patient, ein Familienvater mit drei kleinen Kindern, mit einem schweren Verlauf komme und ebenfalls beatmungspflichtig werde, müssten die Ärzte entscheiden, wem sie das Beatmungsgerät geben. Denn wenn man den Familienvater nicht gleich an die Maschine nehme, sei er übermorgen tot, das wisse man als Intensivmediziner. Was also tun? Drosten: „Sie müssen einen der älteren Patienten (von der Beatmung, d. Red.) abmachen. Das ist es, was Triage bedeutet.“ Aus diesem Grund habe „die Bundesregierung beschlossen, in die Maßnahmen einzutreten, die wir jetzt haben“.

Drosten geht noch weiter: Wir haben jetzt eine andere Situation: Es läuft langsam und drückend und mit brutaler Gewalt, weil das Virus von überallher kommt. Das ist das Problem, mit dem wir umgehen müssen.“ Aber ebenso mit „Störgrößen“ in der Kommunikation. Es gelte, gegen einen „Irrglauben“ anzukämpfen. Zum Beispiel gegen „die Irrlehre“, dass die Fallzahlen schon vor dem ersten Lockdown gesunken seien. Es seien Professoren, die so etwas sagen, empört sich Drosten, ein Wirtschaftswissenschaftler aus Hannover beispielsweise propagiere „diese Irrlehre unter Ignorierung aller wissenschaftlicher Fakten“. Erst vor einer Woche habe er das von einem anderen Wissenschaftler, der auch kein Naturwissenschaftler sei, wieder gehört: „Diese fundamentalen, brachialen Fehlinformationen sind in der Öffentlichkeit und stören den Zusammenhalt der Gesellschaft.“ 

Und in Anspielung auf die am 28. Oktober kurz vor der Sitzung der Kanzlerin mit den Ministerpräsident*innen publizierte Positionspapier von Andreas Gassen (Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung) und den Virologen Hendrik Streeck und Jonas Schmidt-Chanasit (das in einer Online-Pressekonferenz vorgestellt wurde), sprach Drosten von „Kollegen, die ihre Privatmeinung vertreten, ohne den Rückhalt der Fachgesellschaft.“ Es sei nicht gut, wenn „irgendein Berufsverband von Ärzten, der nicht theoretisch hier verwurzelt ist, einfach mal aus dem hohlen Bauch sagt, wenn alle nur Maske tragen und sich voneinander entfernt halten und guter Dinge sind, dann kriegen wir das auch so in den Griff. Nein, wir werden das nicht so in den Griff kriegen. Die Mathematik spricht dagegen. Wir haben das gerechnet.“

Während der ganzen Rede war auf dem Monitor neben ihm ein Artikel von ZEIT Online zu sehen, deren Verfasser Drosten als „zwei ganz ausgezeichnete Wissenschaftsjournalisten“ lobte. Klar – sie hatten das Papier von Gassen, Streeck und Schmidt-Chanasit als „Gegenplan, der keiner ist“ geschmäht.

Zum Glück, so Drosten, höre Angela Merkel ja auf Wissenschaftler, die solche gerechneten Theorien verstehen und passende Modellrechnungen anstellen könnten. Es gebe eine theoretische Grundlage für das, was jetzt veranlasst worden sei, das reiche aber noch lange nicht aus. Und er plauderte noch ein bisschen aus dem Nähkästchen, als er verriet, worüber man gerade brüte in den Beratergremien:

1. Über eine Veränderung in der Strategie im Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD). Schon im August habe er in einem Artikel in der ZEIT vorgeschlagen, eine bessere Cluster-Kontrolle zu betreiben, vor allem über ein Kontakttagebuch. Die Quellcluster seien die Orte, wo die Infektiosität „köchelt“, die jungen Leute hätten milde Symptome und gingen damit nicht zum Arzt, seien aber gerade dann hochinfektiös. Von diesen Leuten würden die Infektionsketten starten. Genau das sei das Problem: „Wir müssen einen Paradigmenwechsel hinkriegen in der Fallverfolgung im Öffentlichen Gesundheitsdienst, und das ist extrem schwierig, denn da sind gesetzliche Hürden am Werk.“ Ein hochinfektiöses Cluster könne man nicht erstmal testen, es dauere zu lange, bis Ergebnisse da sind: „Wir müssen auf Verdacht diese ganze Gruppe in Heimquarantäne setzen. Und dafür gibt es im Moment keine gesetzliche Grundlage. Das müsste man ändern. Das sind die Schwierigkeiten, vor denen wir hier stehen: keine infektiologisch-technischen Schwierigkeiten, sondern regulative Schwierigkeiten, die wir dennoch stemmen müssen. Und das bei all dem politischen Gegenwind. Das ist gar kein Wissenschaftlerproblem, das ist ein reines Politikproblem, aber bis in die kleinsten Verästelungen des Föderalsystems.“ Ob das Problem gelöst werde, sei abhängig vom Mut des Leiters des Gesundheitsamtes und der einzelnen Amtsärzte.

2. Eine wichtige Rolle spielen künftig die Antigen-Soforttests, mit denen sich vorhersagen lasse, ob jemand infektiös ist. Das sei das zweite, worüber sie nachdenken. Diese Tests funktionieren wie ein Schwangerschaftstest, nur nicht mit Urin, sondern mit Sekret aus der Nase. „Überlegen Sie sich, was man damit alles machen kann!“ Man könne dieses Tests an der Zugangstür des Altenpflegeheims machen. Oder direkt in der Familie, wo ein Amts- oder Hausarzt eine Cluster-Untersuchung vornimmt. Oder in Firmen und Büros bei einer Gruppe von jungen Mitarbeitern, dem „Kern der Arbeitskraft“, die alle keine schweren Symptome haben, die schon vier Tage in Isolation waren und mit dem Test „freigetestet“ werden können, um nicht mehr zuhause isoliert werden zu müssen, sondern dem Arbeitgeber wieder zur Verfügung zu stehen. „Wirtschaft versus Gesundheit“ sei die schwierige gesellschaftliche Abwägung: „Da müssen wir hin. Das ist in den nächsten Wochen während des Wellenbrecher-Lockdowns das, was wir in den Beratungsgremien inkubieren. Wir müssen aus dem Kurzzeit-Lockdown anders rauskommen, als wir reingegangen sind, nämlich mit besseren Methoden und einer veränderten Strategie und an einigen Stellen einer Öffnung von Regulation, und wenn es nur zeitweise ist, und wenn es das brutale Instrument eines Ministerialerlasses braucht hier und da. Das muss möglicherweise passieren.“

Drosten nahm auch Stellung zu der Frage, ob aus den Schulen und Kindergärten Gefahr drohe. Dabei kanzelte er wiederum alle „Fehlauffassungen“ ab (ob auch die neue Studie seiner Podcast-Co-Autorin Sandra Ciesek dazugehört, die bei Kita-Kindern keinen einzigen positiven Test fand und deshalb den Kitas „keine Infektionsgefahr“ bescheinigt, wie die ZEIT berichtet [Bezahlschranke]?). „Gewisse Medien“ hätten das so darstellt, dass das Thema Schulen nicht relevant sei, was zum Teil von der Politik verstärkt worden sei, denn aus „bestimmten Kultusministerien“ sei die Information verbreitet worden, „dass Schüler gerade Bremser des Geschehens“ seien, was eine „vollkommene Fehlauffassung“ darstelle, die „auf keiner wissenschaftlichen Datengrundlage“ stehe. Dass bei kleinen Kindern weniger Viruskonzentration im Hals festgestellt werde, sei infektionsbiologisch aber nicht relevant: „Ich als jemand, der im Labor verwurzelt ist, weiß, dass man bei einem Kleinkind nicht mit so einem Abstrichtupfer arbeiten kann, den man für einen Erwachsenen nimmt.“ Selbst die viel dünneren Kinder-Abstrichtupfer bekäme man bei kleinen Kindern auch nicht in die Nase, „die wehren sich und hauen“. Man nehme den Abstrich also aus dem Rachen, und dort sei weniger Virus vorhanden als in der Nase. Der Erwachsenentupfer habe fünf- bis sechsmal soviel Volumen und trage deshalb auch sehr viel mehr Virus als ein Kinderabstrichtupfer. „Alleine das könnte schon erklären, warum Kinder scheinbar weniger Virus haben. Das wissen aber nur Leute, die in der Praxis verwurzelt sind, die wissen, wie man bei einem Kind einen Abstrich macht und wie diese Abstriche dann im Labor ankommen. Da ist einfach weniger Virus dran. Und deshalb wird auch weniger Virus gemessen im Labortest. (...) Es könnte also sein, dass selbst diese kleinen Unterschiede in der Viruskonzentration, die wir sehen, eine reine Verzerrung der Realität sind, und dass wir das sehen, was wir erwarten: dass alle Menschen gleich sind für dieses Virus und das Virus sich überall gleich verbreitet.“

Das kleinere Lungenvolumen bei Kindern spiele ebenfalls keine Rolle, weil sie „mehr schreien und näher aneinander dran sind". Fazit: „Nach meiner Auffassung gibt es keine vernünftigen Gründe zu denken, dass Kinder weniger infektiös sind und dass das Infektionsgeschehen in Kitas und Schulen weniger ist als anderswo.“

Und weiter: „Viele Leute, die so strukturiert sind wie ich, die also im Labor verwurzelt sind und Virologen sind, die sagen das genau wie ich auch und sehen das in ihren Studien genauso. Und wenn die Studien machen in Schulen und Kitas, sehen sie die gleiche Häufigkeit bei Kindern wie bei Erwachsenen.“ Wenn ein Virologe eine Studie bei Kleinkindern mache, würde er immer einen Analabstrich vornehmen. Der sei viel leichter zu gewinnen, und im Stuhl sei genauso viel Virus wie im Hals. „Da würde aber jemand, der rein theoretisch verwurzelt ist, nicht drauf kommen, und die machen eben häufig solche größeren Studien und die haben relativ lückenbehaftete Daten noch aus der Zeit der ersten Welle gesammelt und über den Sommer, da waren Ferien. Mit einer vernünftigen Auffassung, die viele mit mir teilen, und die wir auch in die Politikberatung einfließen lassen, müssen wir eben sagen: Das ist eine gesellschaftliche Situation, die man vergleichen muss mit anderen gesellschaftlichen Situationen, und da muss man einfach Prioritäten setzen.“ Man könne nur hoffen, dass das jetzt auch in Schulen weitverbreitete Maskentragen die Infektion durchbreche, und ebenso die verminderten Freizeitaktivitäten nach der Schule.

Auch die Verfügbarkeit eines Impfstoffs, so Drosten, sei „ein realistischer Pfeiler“ im Kampf gegen das Virus: „Man hat keine andere Wahl. Manche sagen, man muss mit dem Virus leben lernen, aber das ist kompletter Unsinn, solange man dahinter keine quantitativen Vorstellungen hat.“ Er sei kein Freund von „solchen Sonntagsreden, die ohne Inhalt sind“. Mit dem Virus leben könnten wir erst, wenn „in Deutschland 50 bis 60 Millionen Leute infiziert sind, entweder über eine Impfung oder über das Tolerieren von Infektionen, solange sie nicht aus dem Ruder laufen".

Warum schildern wir das alles hier so ausführlich? Weil es zeigt, wohin die Reise geht. Christian Drosten ist nicht irgendwer. Er ist einer der engsten Berater der Kanzlerin, über seinen Podcast und seine Tweets erreicht er ein Millionenpublikum. Bisher hält er sich für über jede Kritik erhaben und beansprucht – wie sich in diesem Vortrag zeigt – ebenso wie Karl Lauterbach die absolute Deutungshoheit über das, was richtig und falsch ist im Vorgehen gegen die Pandemie. Alle, die Einwände vorbringen, auch die Kolleg*innen aus der eigenen Zunft, werden runtergemacht und abqualifiziert, ganz gleich, wie viel Erfahrung und wissenschaftliche Kompetenz sie aufzuweisen haben. Offenbar kann nur einer Germanys Top-Virologe sein ...

Gegen Drostens Triage-Spekulationen verwahrte sich der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, Prof. Dr. Uwe Janssens, in der Rheinischen Post dann aber doch mit deutlichen Worten: „Herr Drosten ist ein erstklassiger Virologe und einer der wichtigsten Experten, die wir derzeit bei der Pandemiebekämpfung haben. Seine Äußerungen zu einer möglicherweise drohenden Triage in Deutschland kann ich jedoch nicht nachvollziehen und halte sie für unverantwortlich. Indem er auf diese Weise davor warnt, macht er den Menschen unnötige Angst. Herr Drosten sollte sich aus der Diskussion um Kapazitätsengpässe auf Intensivstationen heraushalten.“

Inzwischen sind einige Krankenhäuser dazu übergegangen, die Auslastung ihrer Intensivstationen im Internet zu dokumentieren, z. B. die Helios-Kliniken. Und ZEIT Online bringt dazu eine tagesaktualisierte bundesweite Übersicht.

Auch Karl Lauterbach bekam kräftigen Gegenwind. Allerdings hatten sich weder die großen Medien noch die Faktenchecker von „correctiv“ die Mühe gemacht, die Studie des Imperial College genauer zu studieren, um herauszufinden, ob das, was Lauterbach da vollmundig behauptet hatte, überhaupt durch die Studie belegt war. Dieses Verdienst gebührt der vergleichsweise kleinen Internetplattform achgut.com. Ihr Fazit: „Karl Lauterbach hatte die Schreckensmeldung vom Blödmacher-Covid innerhalb eines Tages effizient und wirkmächtig verbreitet. (...) Es gibt nur ein klitzekleines Problemchen mit seiner Story. So ziemlich alles daran ist falsch.“ In der Welt ist es trotzdem. Und hat offenbar verfangen.

Nicht ohne Grund hatte die Kanzlerin die jetzigen Maßnahmen wiederholt als „geeignet, erforderlich und verhältnismäßig“ bezeichnet. Es ist eine Formulierung, die vor allem darauf abzielt, die Maßnahmen juristisch wasserdicht zu machen. Dies umso mehr, als Ferdinand Kirchhof, bis 2018 Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts, in der Welt (Bezahlschranke) am 20. Oktober unmissverständlich darauf hingewiesen hatte, dass er einen zweiten Lockdown mit pauschalen Maßnahmen wie im Frühjahr für rechtswidrig halte.

Die Einschätzung der Kanzlerin fußt – neben den Empfehlungen ihres Beraterstabs aus der Wissenschaft – auf einem „Lagebild“, das der Krisenstab von Innen- und Gesundheitsministerium zusammenstellt. Die jetzige Version umfasst 43 Seiten und ist damit sehr viel ausführlicher als der 13-seitige Bericht im Frühjahr. Die in diesem Dossier zusammengestellten Daten wurden allerdings zur Verschlusssache erklärt („Nur für den Dienstgebrauch“), was das Vertrauen in sie nicht unbedingt erhöht. Dankenswerterweise hat die Online-Plattform fragdenstaat.de das Dokument veröffentlicht, so dass sich jede*r selbst eine Meinung bilden kann.

Von der wissenschaftlichen Evidenz her steht die „drohende Gesundheitslage“ allerdings auf wackeligen Füßen, wie eine ausführliche Analyse von Christof Kuhbandner, der an der Universität Regensburg Pädagogische Psychologie lehrt, nahelegt. Sein Fazit: „Das einzige, was gestiegen ist, ist die Anzahl der Personen mit positiven SARS-CoV-2 Testergebnissen, was angesichts der sich häufenden Meldungen von falsch-positiven Testergebnissen daran liegen könnte, dass viele Labore Single-Target-Tests oder Bestätigungstest einsetzen, so dass die erhaltenen positiven Testergebnisse womöglich zum Teil eher den üblichen saisonal bedingten Anstieg harmloserer Coronaviren widerspiegeln als einen dramatischen Anstieg von SARS-CoV-2-Infektionen. Da die zentrale Begründung für den drohenden ‚Lockdown 2.0‘ ein Anstieg der SARS-CoV-2-Fallzahlen und eine drohende Überlastung des Gesundheitssystems ist, wäre die politische Entscheidung zur Verordnung des Lockdowns fundamental zu hinterfragen.“

Es steht allerdings zu befürchten, dass sich die Befürworter*innen der jetzigen Corona-Politik in vier Wochen selbst auf die Schulter klopfen und in ihren Maßnahmen bestätigt fühlen werden. Seit dieser Woche nämlich wurden die PCR-Tests zum Nachweis des Virus drastisch heruntergefahren. Sie werden nicht mehr bei jedem gemacht, der Kopfschmerzen und Halskratzen verspürt und auch nicht bei symptomlosen Menschen im Rahmen der Kontaktverfolgung, sondern nur noch bei denen, die hohes Fieber haben und nicht mehr gut schmecken und riechen können – typische Zeichen für eine Infektion mit dem Corona-Virus. Sinkt die Anzahl der Tests, wird sich die Kurve der positiven jedoch ganz von allein abflachen und nicht etwa als Folge der erzwungenermaßen auf Null gesetzten Theater-, Konzert- und Restaurantbesuche der Bevölkerung. Man kann es aber wunderbar als solches verkaufen. Ein Schelm, der Böses dabei denkt ...

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Große Resonanz

Reaktionen auf den September-Corona-Kompass

 

Corona-Spezial Oktober 2020 – Auf den vorigen Corona-Kompass und ebenso auf den Sondernewsletter von GESUNDHEIT AKTIV anlässlich der Stellungnahme des Netzwerks evidenzbasierte Medizin (EbM) haben uns viele Leser*innenbriefe erreicht – zustimmende ebenso wie kritische. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken, spiegelt dieses Echo doch, dass es richtig war, diese Fragen in den Diskurs mit einzubringen, der weder in der Gesellschaft noch in den Medien wirklich geführt wird. Gerade darüber müssen wir aber miteinander ins Gespräch kommen – wertschätzend, freilassend, tolerant. Deshalb zeigen wir hier auszugsweise einige Stellungnahmen und ebenso einen Teil unserer Erwiderungen.


Ich stehe nicht zu diesem EbM Bericht. Das wissen wir schon die ganze Zeit, das ältere und Vorbelastete am meisten sterben. Das ist keine neue Nachricht. Ich bin alt (77), vorbelastet, berufstätig, sehr aktiv, sehr geliebt von meinen Enkelkindern, und ich möchte erhalten bleiben bis ich, wie alle meine Vorfahren, über 90 bin. Mein Mann genauso, und er ist 84. Er spielte bis vor kurzem Fußball in einer Mannschaft. Bisher hat man uns mit den Corona-Regelungen geachtet.

Wenn man Vorsichtsmaßnahmen abschafft, können alle in andere Länder fahren und die Krankheit mitbringen. Nur Deutschland hat es so gut. (…) Ich hoffe, dass Lockerungen bald möglich sind, aber jetzt nicht.

M.R.


Sie mögen Recht haben, was die Gefahr für den Rechtsstaat angeht, allerdings muss man wohl bedenken, dass die Exekutive dafür Sorge tragen muss, dass die Bürger nicht in Gefahr gebracht werden. 

Die Organisatoren der Demo in Berlin waren wohl mehr als naiv zu denken, dass viele mitmachen würden, die ganz andere Interessen verfolgen als die Organisatoren. Ich vermisse sehr Ideen bzgl. der intensiven Tierhaltung und die Gefahr, die daraus resultiert. Eine Demo gegen die Praktiken in der Tierhaltung erscheint mir viel sinnvoller als etwaige Demos gegen Masken. 

J.A.


Euer Newsletter und Eure Arbeit sind so außerordentlich gut, dass ich in den letzten Jahren ein echter "Fan" geworden bin, alles aufmerksam lese und eure Aktionen verfolge. (…) Aber den einen Satz nehme ich jetzt schwer übel, da ich hierzu (anscheinend) bessere Kenntnis habe als Ihr: „Die meisten von ihnen (den Demonstranten) haben allerdings nicht bedacht, dass sie ungebetene Gäste von rechts an ihrer Seite hatten. Sie haben wohl auch die Organisatoren der Demonstration nicht kritisch genug hinterfragt und in Kauf genommen, mit Neonazis identifiziert zu werden. Das Ganze ist nun so eskaliert, dass sich mittlerweile zwei Lager scheinbar unversöhnlich gegenüberstehen.“ Überall dieselben Lügen, Unkenntnisse, Verzerrungen, Verleumdungen, ja Propaganda – ich kann es nicht mehr hören und lesen. (…)

Ich war am 29. August den ganzen Tag dabei, ich habe all die wunderbaren Menschen gesehen, Hunderttausende (ja, waren es, wenn nicht über 1 Million, ich kenne die ganz genauen Zahlen noch nicht) in Meditation und Gebet, über uns zeitweise eine Halo der Sonne, das große Gandhi-Bild mitten unter uns, alle Bühnenredner von hoher Qualität und in sorgsamster Weise ausgewählt aus Bereichen wie Medizin, Politik, Kirche, Sport, Philosophie usw. Ich habe die unglaubliche Gewalt und die Rechtsbrüche der Polizei erlebt, habe die angemeldete und erlaubte (!) Demo (vor der Kundgebung) an der Friedrichstraße miterlebt, die auf geradezu faschistische Weise hintertrieben wurde (erst Menschenmassen zusammendrücken durch Einkesseln, Sperren aller Querstraßen, Verhindern des Losgehens – und dann wegen Abstandsmangel auflösen nach vielen Stunden), dort auch die unglaubliche, fast stoische Geduld und Friedfertigkeit der Menschen bewundert, habe viele Gespräche mit fremden Menschen dort geführt. (…) Da ist NICHTS, aber auch gar nichts „rechts“! Und die Menschen, die zur Demo und zur Kundgebung an diesem Tag gegangen sind, ebenso wie am 1. August schon, wussten GANZ GENAU, mit wem sie gehen, warum sie gehen und wer die Organisatoren sind, bis hin zu persönlicher Bekanntschaft und Freundschaft. Es ist eine herabwürdigende Aussage in euerm Text, ihnen diese Kenntnis „einfach mal so aus der Luft heraus“ abzusprechen. Woher wollt ihr das überhaupt wissen, was diese Menschen wissen oder nicht wissen?(…)

Mir blutet das Herz (ja, ich bin hier theatralisch), wenn ich sehe und täglich erlebe, was geschieht. Wie die Besten einknicken, die Kirchen schweigen, die Anthroposophen sich winden oder sogar selbst zu Verleumdern werden und überwiegend KEINE Ahnung haben. Sie werden gerade von anderem Denken und Handeln überholt, zumindest, was Menschlichkeit, Wahrhaftigkeit und Friedfertigkeit betrifft … Dessen bin ich mir sicher!

Ich bin Zeugin für eine andere Wahrheit, was den 29.8. betrifft und für vieles mehr, was ich erlebte und erlebe an Gewalt, Ignoranz und Diktatur. DAFÜR bin ich 89 in Leipzig nicht auf die Straße gegangen. Es wurde eben zu viel versäumt seitdem, das holt uns nun alle ein … Dabei gibt es z.B. einen Verfassungsentwurf des Runden Tisches, der bis heute niemanden interessiert und der immer noch hundertmal moderner und besser ist als das Grundgesetz.

A.H.

Antwort von Stefan Schmidt-Troschke:

Vielen Dank für die Kritik. Solche Reaktionen brauchen wir! Auch hier im Team gab es sehr unterschiedliche Sichtweisen auf das Geschehen: Im Ansatz so heterogen, wie wir das kennen aus den Medien bzw. den alternativen Medien. Die Antworten auf unseren Kompass waren genauso heterogen. Auch die andere Seite hat sich empört, ein Mitglied ist ausgetreten, viele ältere Mitglieder haben uns gesagt, dass sie uns nicht mehr verstehen, weil auch wir uns zu wenig abgegrenzt hätten …

Wer sagt, dass keiner von uns auf der Demo war? Ich mindestens war dort und habe einen Kollegen getroffen, der demonstriert hat. Selber konnte ich mich nicht wirklich identifizieren mit vielen der Aktiven: Weder mit Robert Kennedy, dessen extreme Auffassungen zum Impfen ich nicht teile, noch mit Stephan Bergmann, dessen völkische Aktivitäten ich verfolgt hatte und den man sich nicht zu blöd war, auch noch zum Pressesprecher zu machen. Ich war nicht schlecht erstaunt, mit meinem Fahrrad plötzlich inmitten einer ca. 100 Menschen starken Gruppe mit Reichsflaggen unterwegs zu sein, die sich auf er Straße des 17. Juni in Richtung Brandenburger Tor bewegten. Sehr friedlich, ja, aber doch ausgesprochen verstörend. Daneben trommelnde Menschen, teilweise singend, teilweise irgendwie wie in Trance wirkend, andererseits aber auch sehr vernünftig erscheinende Menschen. Warum brauchen wir JETZT auf einmal eine neue Verfassung? Warum wird alles plötzlich in Frage gestellt auf die Gefahr hin, dass sich ganz andere Kräfte einmischen? (…)

Mich befremden vereinseitigende und nicht gut substanziierte Aussagen zur Polizei oder einer angeblich eingefädelten Aktion vor dem Reichstag genauso. Warum werden auch noch diese AfDler vor dem Reichstag in Schutz genommen? Da rate ich zur Vorsicht, und ich fand es in gewisser Weise verwerflich, dass „Querdenken“ sich nicht viel, viel deutlicher abgegrenzt hat im Vorfeld. Naivität kann hier sehr schaden.

Ich habe nicht in Leipzig gestanden. Aber ich bedaure außerordentlich, dass Deutschland die historische Chance zur gemeinsamen Erarbeitung einer Verfassung 1989 verpasst hat. Das rächt sich, nicht erst jetzt. Aber ich bin nicht der Meinung, dass wir jetzt eine Verfassungsdiskussion brauchen. Denn unsere Verfassung ist ausdrücklich NICHT das Problem.


Ich bin wirklich extrem bestürzt darüber, wie lässig und wenig abgrenzend Ihr mit dem Fakt umgeht, dass man in Berlin bei Demonstrationen gegen Corona-Maßnahmen gemeinsam mit Nazis auf die Straße gegangen ist! 

Ihr beklagt einen fehlenden „abgewogenen und offenen Diskurs darüber, was erforderlich ist“ und informiert selbst nicht darüber, dass sich Rechtsextreme von Qannon über den 3.Weg bis zu Identitären unter die Demonstranten mischen und die Demonstration für ihre eigene Agenda nutzen. Ja, bis hin zu Rednern, die den Qannon Slogan von der Bühne rufen?

Ihr erweist damit der Bewegung alternativer Heilmethoden, Homöopathie und nicht zuletzt der Waldorfschulbewegung einen unglaublichen Bärendienst!

Euren Text beginnt ihr zudem mit dem Satz: „Die Zivilgesellschaft ist erwacht“. Ganz ehrlich, das ist eine äußerst belastete Terminologie! Bitte gerne mal googeln wer zuletzt „Deutschland erwache“ gefordert hat. 

Zu den Infektionszahlen und dem Umgang der Medien darüber, bitte auch gerne mal über den Tellerrand schauen, u. a. nach Frankreich und dort gerne dann auch zum Thema Hospitalisation. Diese Zahlen sehen vollkommen anders aus als in Deutschland.

Und noch etwas, das ich überhaupt nicht verstehe: Weltweit sterben besonders viele Menschen aus Gesundheit- und Pflegeberufen an Covid, z. B. in New York. Ich weiß aus meinem persönlichen Umfeld allein von zwei Ärzten, die im Dienst gegen Covid in New Yorker Krankenhäusern gestorben sind. Das dürfte Ihnen doch auch bewusst sein, oder schauen Sie nur nach Deutschland?

Y.W.

Antwort von Stefan Schmidt-Troschke:

Es ist bezeichnend, dass wir derzeit sehr viele E-Mails erhalten, deren Inhalt in die Richtung des von Ihnen Gemeinten geht, andererseits aber auch von Menschen, die ihre Mitgliedschaft bei uns kündigen, weil wir zu wenig offene Kritik an den Corona-Maßnahmen geübt hätten…. Der Zwischenraum, von uns ganz bewusst gesucht, ist schwer auszuhalten.

Es ist völlig ohne Frage, dass wir uns von jeglicher Form des Rassismus und der rechtsextremen Vereinnahmung abgrenzen und insbesondere auch kritisieren, dass die Veranstalter der Demonstration dies nicht ausreichend getan haben. Offensichtlich gibt es auch bei den „Querdenkern“ eine Unterwanderungsbewegung, die so manche Demo-Teilnehmer eher verdrängt haben, um es wohlwollend zu sagen.

Ich kann an dieser Stelle keine inhaltliche Diskussion mit Ihnen über die Corona-Maßnahmen führen. Dazu haben wir berichtet und auch jüngst noch das Papier des EbM-Netzwerkes herumgesendet. Die auch in dieser Stellungnahme beklagte mangelnde Offenheit in der Risiko-Kommunikation allerdings macht mir große Sorgen. Ich frage mich, wenn Sie uns indirekt unterstellen, die Covid-19-Pandemie zu verharmlosen, wo und wie wir in dieser Gesellschaft überhaupt noch einen offenen Diskurs über die wohl einschneidendsten Maßnahmen einer Regierung gegenüber ihrer Bevölkerung seit dem Zweiten Weltkrieg führen können. Wenn wir uns als NGO nun auch noch in Selbstzensur üben sollen, so wie es die Leitmedien seit geraumer Zeit tun, was ist dann überhaupt noch unsere Aufgabe?

Ja, auch die Anthroposophische Medizin hat zwei namhafte Kollegen verloren, die an Covid-19 erkrankt waren. Wir haben nicht behauptet, dass all dies harmlos ist. Als Arzt habe ich aber auch vor Covid-19 Patienten verloren, die an einer Lungenentzündung verstorben sind. Leider widerfährt auch das immer wieder Kolleginnen und Kollegen, die einfach ihre Arbeit machen. Erfahren wir diese Zahlen in einer realistischen medialen Aufarbeitung? Werden die Covid-Zahlen in ein realistisches Verhältnis zur Morbidität und Mortalität in den jeweiligen Bevölkerungen gesetzt? Werden die sozioökonomischen Bedingungen in New York, die katastrophale soziale Situation vieler Menschen und des dortigen Gesundheitswesens, das ich aus eigener Anschauung gut kenne, in irgendein realistisches Verhältnis gesetzt?

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Es gibt auch Lichtblicke

Die Zuversicht und den Humor nicht verlieren!

 

Aber trotz aller Hiobsbotschaften und Einschränkungen dürfen wir die Zuversicht und den Mut nicht verlieren. Vor allem dürfen wir nicht vergessen, worauf es ankommt: auf unser gemeinsames zivilgesellschaftliches Engagement. Deshalb begrüßen wir es, dass die Initiative Mehr Demokratie ähnlich wie GESUNDHEIT AKTIV mit dem Corona-Manifest (haben Sie schon unterzeichnet?) einen neun Punkte umfassenden Forderungskatalog aufgestellt hat:

  • Die Parlamente müssen die grundlegenden Entscheidungen treffen.
  • Erst Ziele diskutieren, dann Zahlen kontextualisieren.
  • Verhältnismäßigkeit wahren, Verordnungen und Gesetze befristen.
  • Beratungsgremien breit besetzen.
  • Bürger*innen einbinden.
  • Entscheidungen und deren Grundlagen müssen nachvollziehbar sein.
  • Wahlen nicht einschränken.
  • Weltweit solidarisch sein.
  • Den Umgang mit der Krise evaluieren.

Das können wir alles nur wärmstens unterstützen!

Ein Mutmacher in diesen schwierigen Zeiten ist auch der Beitrag Zur gesellschaftlichen Dimension der Covid-19-Pandemie von Gerald Häfner, Mitbegründer der GRÜNEN und von „Mehr Demokratie“, langjähriger Abgeordneter im Deutschen Bundestag und Europaparlament, heute Leiter der Sozialwissenschaftlichen Sektion in der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft am Goetheanum in Dornach (Schweiz). Darin schreibt er: „Ich glaube, dass die Zeit nach Corona die politischste sein wird, die wir je erlebt haben werden. ‚Politisch‘ meine ich hier im besten Sinne. Denn es geht um unsere Polis, um das Gemeinwesen. Es werden fundamentale Entscheidungen anstehen und gefällt werden müssen. Und ich hoffe, Sie sind dabei! Denn die Zeit ist vorbei, in der fundamentale Entscheidungen für das Ganze hinter verschlossenen Türen von einer Handvoll Menschen gefällt werden konnten. Wir brauchen für all die anstehenden Fragen eine transparente und öffentliche Debatte, das Abwägen unterschiedlicher Wege und am Ende die größtmögliche Beteiligung der Menschen an den Entscheidungen selbst. Das wird nicht von selbst kommen. Vielmehr muss man dafür kämpfen. Bereiten Sie sich gerne schon einmal darauf vor.“

Auch für mehr Evidenz in der Wissenschaft ist künftig gesorgt: Die Cochrane Collaboration Deutschland hat ein neues Evidenz-Ökosystem für bessere Entscheidungen zu COVID-19 ins Leben gerufen, ein bundesweites Expert*innen-Netzwerk aus 21 Universitäten und vier außeruniversitären Partnern, darunter auch Cochrane Deutschland und Frankreich. Das Projekt wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 4,5 Millionen Euro gefördert. Es soll „neue wissenschaftliche Erkenntnisse zur Bewältigung der Pandemie schnellstmöglich auf ihre Qualität überprüfen und Anwendern, Entscheidungsträgern und Bürgern zur Verfügung stellen“.

Und über all dem Ernst der Lage sollten wir nicht den Humor verlieren. Wie zum Beispiel die Bewohnerin eines Dortmunder Altenheims, die sich dort ebenso sicher wie wohl fühlt. Sie kann der Krise sogar noch durchaus Positives abgewinnen: „Wir Heimbewohner sind oft kranke Menschen, die ohnehin nicht mehr so aktiv und leistungsstark sind wie Gesunde. 80 Prozent sind dement. Die bekommen von der Corona-Krise gar nichts mit. Darüber hinaus gibt es hier für jeden gute Angebote. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Sozialen Dienstes bespaßen uns. Warum soll ich da schlecht gelaunt sein? (...) Es geht mir hier besser, als wenn ich krank in meiner eigenen Wohnung wäre. Wer würde mir helfen, wenn ich stürze? Und wie würde ich mit Corona umgehen, wenn ich allein wäre?“ Auch die eingeschränkten Besuche von Angehörigen seien auszuhalten gewesen, schließlich gebe es Telefon und Skype: „Die Verwandten kommen doch auch sonst nicht jeden Tag angetippelt.“

Dass man mit 30 Quietscheentchen auf anschauliche Weise erklären kann, was es mit der Corona-Krise in den vergangenen Monaten so auf sich hatte, zeigt der Schauspieler und Puppenspieler Michael Hatzius mit seiner „Echse“, die in den WDR Mitternachtsspitzen zu Gast war. Selten so gelacht!

Und klar, dass bei Corona, wo die Viren ja bekanntermaßen über Aerole, mithin also über kleinste Tröpfchen, die vor allem beim Sprechen und Singen, Niesen und Husten versprüht werden, die Expert*innen für Sprache gefordert sind, Schutzkonzepte auszuarbeiten. Was Sie dabei beachten müssen, erfahren Sie mit dem phonetischen Vier-Wochen-Plan der Akademie für Sprache. Viel Erfolg! 

Aber was könnte besser für Entspannung sorgen als Musik? Wie begeisternd Wolfgang Amadeus Mozarts Ouvertüre zur Oper „Hochzeit des Figaro“ sein kann, beweisen Devid Striesow und Moderator Axel Ranisch auf Deutschlandradio Kultur anhand einer Aufnahme mit dem legendären Teodor Currentzis und Musica aeterna aus Perm. Da wird man doch gleich fröhlich!

Last but not least wollen wir Sie in eigener Sache auf zweierlei aufmerksam machen. Zum einen waren wir als Patient*innenvertretung um eine Stellungnahme zu den Besuchsverboten in Pflegeheimen gebeten worden. Unsere Mitarbeiterin, die Psychologin Verena Pförtner, konnte das am 22. Oktober 2020 mit einem Statement eindrucksvoll tun. Sie ist im ZDF in den heute-Nachrichten zu sehen und zu hören (ab Minute 04:00) – ein kleiner, aber wichtiger Beitrag!

Zum anderen ist gerade unsere neue Ausgabe von GESUNDHEIT AKTIV - DAS MAGAZIN erschienen, in dem Sie viele wichtige Beiträge, nicht nur, aber auch zur Corona-Krise lesen können. Am besten gleich bestellen!

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Lesenswert

Lektüre für Herz, Geist und Sinne

Die Nächte werden länger, die Tage kälter – Zeit für erbauliche Literatur, nicht nur, aber auch rund um die Corona-Krise.

Gesund durch den Winter
Auch in Zeiten von Corona bleiben sie nicht aus, die saisonalen Erkältungen durch Rhino- und andere Viren. Was gegen Schnupfen, Husten, Heiserkeit ganzheitlich hilft, hat der Arzt Markus Sommer in der Neuausgabe seines bereits vor Jahren erschienenen Ratgebers zusammengestellt. Besonderen Wert legt der Autor dabei auf die Bedeutung des Fiebers, das bekanntlich das wirksamste Mittel ist, um mit Viren aller Art am schnellsten und besten fertig zu werden. Ein eigenes Kapitel widmet sich jeweils dem Unterschied von Grippe (Influenza) und grippalem Infekt sowie der kritischen Betrachtung der Grippe-Impfung.
Markus Sommer: Grippe und Erkältungskrankheiten ganzheitlich behandeln. Vorbeugen, behandeln, auskurieren. Reihe Aethera im Verlag Urachhaus, 208 Seiten, 24 Euro

Krankes System
Es gibt schon eine ganze Reihe von Büchern, die Fehlentwicklungen in unserem Gesundheitswesen anprangern. Eines der aktuellsten hat der Facharzt für Orthopädie, Dr. Marin Marianowicz, jetzt geschrieben. Er hat sieben Krankheitssymptome für das deutsche Gesundheitssystem ausgemacht: Übertherapie, zu viel Gerätediagnostik, zu viele Krankenhäuser und Betten, ein rigides Vergütungssystem, zu viel Lobbyismus, zu teure Verwaltung sowie Innovationsfeindlichkeit. Man mag zu seinen Thesen und „Behandlungsideen“ stehen, wie man will, interessant sind sie allemal – und eine gute Anregung zur Diskussion.
Martin Marianowicz: Die Gesundheitslüge. Risiken und Nebenwirkungen eines kranken Systems. Gräfe und Unzer, 192 Seiten, 19,99 Euro

Rettet die Äcker!
Dass Pestizide in Zusammenhang mit Monokulturen unsere Erde zerstören, wissen wir. Was es aber genau damit auf sich hat, ist ein Krimi für sich, den Mathias Forster und Christopher Schümann als Herausgeber jetzt in einem Buch zusammengetragen haben. Sie bleiben aber nicht beim Anprangern stehen, sondern entwickeln auch Konzepte, wie Ackerkrume, Bäche und Flüsse gerettet und neu belebt werden können. Ein Buch, das uns das Staunen lehrt und das bei allem Entsetzen, was unserem Globus bereits angetan wurde, auch Mut macht für Veränderung und neue Konzepte.
Mathias Forster, Christopher Schümann (Hrsg.): Das Gift und wir. Wie der Tod über die Äcker kam und wie wir das Leben zurückbringen können. Westend Verlag, 448 Seiten, 29,95 Euro

Auf den Spuren einer Grenze
Bis 1989 war die innerdeutsche Grenze zwischen der BRD und der DDR ein berüchtigter Todesstreifen mit ihrem meterhohen Stacheldrahtzaun, den Tretminen und Selbstschussanlagen und in regelmäßigen Abständen aufgestellten Wachtürmen. Und doch breitete sich gerade dort vielfältiges Leben aus, wurde die Natur doch weitgehend in Ruhe gelassen. Auf 1.393 Kilometern haben sich viele gefährdete Tier- und Pflanzenarten etabliert. Seit der Öffnung der Grenze engagiert sich der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND) für den Erhalt dieses „Grünen Bandes“. Mario Goldstein ist diese Strecke mit seiner weißen Schäferhündin von Süd nach Nord in 100 Tagen abgelaufen und hat seine Erlebnisse in diesem Buch zusammengestellt. Gerade in Corona-Zeiten, wo die Bewegung in der freien Natur für uns eine so wichtiger Kraftquelle darstellt, ist dieses Buch Anregung und Inspiration zugleich, ist Mario Goldstein doch unzähligen spannenden Menschen begegnet, über die er berichtet. Man braucht das „Grüne Band“ ja nicht gleich von Ebmath an der tschechischen Grenze bis zur Ostsee abzuwandern, sondern kann sich einzelne Etappen herauspicken – je nach Wohnortnähe. Dann wird das so etwas Ähnliches wie der deutsche Jacobsweg ...
Mario Goldstein: Abenteuer Grünes Band. 100 Tage zu Fuß entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Knesebeck Verlag, 288 Seiten 192 Seiten, 35 Euro

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