Der Druck steigt

„Freedom Day“ oder weiterhin Restriktionen?

Es war schon ein ziemlicher Knaller, den der Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, und sein Stellvertreter, Stephan Hofmeister, am 17. September zündeten: Analog dem britischen Vorbild forderten sie in einer Pressemitteilung einen „Freedom Day“ für Deutschland, also nichts weniger als „die Aufhebung aller staatlich veranlassten Restriktionen der Corona-Pandemie“. Wer sich mit einer Impfung schützen wolle, können dies tun. „Jetzt liegt es nicht mehr in der Verantwortung des Staates, sondern in der individuellen Verantwortung jedes und jeder Einzelnen“, sagte Hofmeister auf der Vertreterversammlung der KBV. Es sei „ein Unding, dass dann die, die sich impfen lassen oder genesen sind, in ihren Grundrechten weiterhin eingeschränkt werden. Es muss Schluss sein mit Gruselrhetorik und Panikpolitik.“

Gassen verwies auf das Beispiel Großbritannien, wo schon Mitte Juli die Maßnahmen weitgehend aufgehoben worden seien und entgegen allen Unkenrufen „das Gesundheitssystem nicht kollabiert“ sei. Das müsse Mut machen – schon aufgrund der höheren Leistungsfähigkeit des deutschen Gesundheitswesens. Ohne Ankündigung eines „Freedom Day“ würde sich Deutschland endlos weiter durch die Pandemie schleppen.

Das konnten das Kanzleramt sowie SPD und Grüne natürlich nicht so stehen lassen. „Von einem Freedom Day im Herbst halte ich derzeit nicht viel“, sagte Kanzleramtsminister Helge Braun dem Fernseh-Sender n-tv. 20 Millionen Deutsche hätten immer noch keinen Impfschutz. Dabei hatte Braun im März noch getönt: „Wenn wir jedem in Deutschland ein Impfangebot gemacht haben, dann können wir zur Normalität in allen Bereichen zurückkehren.“

Dass SPD-Politiker Karl Lauterbach Gassens Vorschlag für „ethisch nicht vertretbar“ hält, verwundert nicht. Ihm reichen 80 Prozent Geimpfte unter den Erwachsenen immer noch nicht aus, wie er auf Twitter verkündet: „Trotzdem reicht das nicht für einen Freedom Day. Ein paar Wochen 2G und gute Impfangebote würden helfen.“ Dass es auch Menschen mit natürlicher Immunität aufgrund einer durchgemachten Infektion gibt und schon deshalb kaum noch höhere Impfquote erreichbar sind, scheint der Gesundheitsexperte nicht berücksichtigen zu wollen.

Ins gleiche Horn stößt auch Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen (Bündnis 90/Die Grünen): „Jetzt so zu tun, als sei die Pandemie ein Privatvergnügen und Ungeimpfte letztlich selbst dran Schuld und wir könnten uns jetzt von allen Schutzmaßnahmen verabschieden, das halte ich für zynisch.“

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn verwies auf die Impfquote, die er in Deutschland noch für zu niedrig hält, wie die FAZ berichtet: „Im Nordwesten sind wir fast am Ziel, im Südosten sollten wir noch deutlich höhere Quoten erreichen.“ Spahn zufolge haben knapp zwei Drittel der Deutschen inzwischen vollen Impfschutz, etwas mehr als zwei Drittel erhielten mindestens eine Impfung. Bremen, Schleswig-Holstein, Hamburg und Nordrhein-Westfalen sind mit über 70 Prozent Impfquote Spitzenreiter; Sachsen, Thüringen, Bayern und Baden-Württemberg mit Quoten zwischen 54 und 64 Prozent die „Schlusslichter“.

Die eigentlichen Zahlen dürften jedoch erheblich höher liegen, denn selbst das Robert Koch Institut (RKI), eigentlich zuständig für eine solche Datenerhebung, schätzt die offizielle Impfstatistik als zu niedrig ein“, wie der SPIEGEL berichtet. Laut den Meldedaten seien bislang gut 75 Prozent der Erwachsenen in Deutschland vollständig gegen Corona geimpft. Die tatsächliche Zahl könnte sogar noch höher liegen, meint das RKI.

„Niemand hat den genauen Überblick über die tatsächlichen Impfzahlen“, zitiert DocCheck zwei Ärzt:innen. Das Meldesystem funktioniere „nicht wie gewünscht“, habe sogar das Robert Koch Institut (RKI) zugegeben. „Das Problem: In Deutschland existiert kein zentrales Register, in das alle Impf-Meldungen einfließen.“ So entsteht ein wildes Chaos aus verschiedenen Meldungen, bei dem viele Übertragungsfehler möglich sind. 

Das stößt auf Kritik aus verschiedenen Richtungen. Gerald Gaß, Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft meint, die vom RKI und den Gesundheitsämtern definierten Meldeverfahren seien, wie einem Bericht der WELT zu entnehmen ist, „immer noch unzureichend und einer Pandemie dieses Ausmaßes unangemessen. Auf der Grundlage offenbar falscher und unzureichender Daten werden für Millionen Menschen gravierende Entscheidungen getroffen und Grundrechte eingeschränkt.“

Der Bundesgesundheitsminister meint angesichts der neuen Zahlen, die Impfkampagne sei „noch erfolgreicher als bisher gedacht“, und „aus heutiger Sicht wird es keine weiteren Beschränkungen mehr brauchen“. Aber Vorsicht – Jens Spahn meint damit nicht das, was man daraus herauslesen könnte. Es ist nicht so, dass er jetzt aufgrund der hohen Impfquote alle Einschränkungen aufheben möchte – nein, nein, weit gefehlt! Es sollen lediglich „keine weiteren Beschränkungen“ mehr nötig sein, sprich: Lockdowns oder Ausgangssperren. Alles, was bisher schon angeordnet war – 3G, 2G, Masketragen in Innenräumen und in öffentlichen Verkehrsmitteln usw. – bleibt natürlich bestehen.  

Apropos Ausgangssperre: Die von Markus Söder im März 2020 verhängte hat der Bayerische Verwaltungsgerichtshof gerade für unwirksam und rechtswidrig erklärt, wie die WELT berichtet: „Diese Regelung aus der Bayerischen Infektionsschutzmaßnahmenverordnung habe gegen ‚das Übermaßverbot aus höherrangigem Recht‘ verstoßen und sei deshalb ‚unwirksam‘ gewesen, heißt es in den Entscheidungsgründen. (…) Mit anderen Worten: Söder, der sich in der Corona-Krise als Angehöriger des ‚Teams Vorsicht‘ eingruppiert hat, hat den Leitsatz einer freiheitlichen Demokratie ignoriert, wonach auch der gute Zweck des Gesundheitsschutzes nicht alle Mittel des Freiheitsentzugs heiligt. (…) Die Richter zweifeln nicht nur die ‚Praktikabilität‘ und die ‚Effektivität‘ der Ausgangssperre an, sie bescheinigen der bayerischen Staatsregierung auch ein fragwürdiges Menschenbild, indem sie schreiben: ‚Sollte in dem Verweilen in der Öffentlichkeit eine Gefahr für die Bildung von Ansammlungen gesehen worden sein, weil sich um den Verweilenden sozusagen als Kristallisationspunkt Ansammlungen von Menschen bilden könnten, so unterstellt diese Sichtweise ein rechtswidriges Verhalten der Bürger und setzt dieses sogar voraus.‘“ Eine Revision beim Bundesverwaltungsgericht wurde zugelassen, was „die Möglichkeit zu einer höchstrichterlichen Grundsatzentscheidung eröffnet“.

Einige Medien mahnen trotz der Einwände von Regierungsseite das Aufheben der Restriktionen an: „Die neu ermittelte Impfquote erlaubt endlich mehr Freiheit“, meint Anna Schneider in einem Kommentar für die WELT. „All die beispiellosen Freiheitseinschränkungen, die die Republik im Namen der Pandemiebekämpfung auch dann noch gängelten, als längst jeder sein Impfangebot hatte, entbehren also ihrer zentralen Grundlage: belastbarer Daten. Dass der Staat nicht einmal in der Lage ist, seine Impfkampagne statistisch zu erfassen, ist eine Farce; dass er sich ob seiner Unwissenheit das Recht nimmt, die Freiheit seiner Bürger länger als nötig in längst unerträglichem Maße zu beschneiden, entbehrt jeder Rechtfertigung. Stattdessen spezialisierte man sich darauf, sogenannte ‚Impfverweigerer‘ zu Bürgern zweiter Klasse zu degradieren, moralisch zu ächten und so die Polarisierung der Gesellschaft voranzutreiben.“

Die Berliner Zeitung spiegelte die Kontroverse um den „Freedom Day“ auf ihre Art und gab Milosz Matuschek sowie Elizabeth Rushton die Gelegenheit zu zwei Kommentaren im Sinne von Pro (Matuschek) und Contra (Rushton). Das britische Projekt „Freedom Day“ sei „von Anfang an nicht mehr als ein Marketing-Slogan“ gewesen, meint Elizabeth Rushton: „Es ist kompletter Wahnsinn, auch politisch, solch endgültige Zusagen zu machen, wenn derzeit immer neue Virusvarianten in der Welt auftauchen. Deutschland sollte diesen Weg meiden. (…) Nur mit mehr Impfungen können wir einen Punkt erreichen, an dem jeder wirklich mit diesem Virus als Teil des neuen Alltagslebens leben kann. Bis dahin gibt es keine wirkliche Freiheit vom Coronavirus.“

Das kontert Milosz Matuschek auf seine Art: „Die Politik klammert sich an ein Narrativ. Die Pandemie-Erzählung ist ihre Rettungsinsel. Medizinisch ist die Krise im Griff, wenn sie denn – mit Blick auf die Intensivbetten – je außer Kontrolle war. Das Virus ist inzwischen ein reines Politikum. (…) Das letzte Versprechen lautete: Die Maßnahmen werden aufhören, wenn alle Menschen Impfangebot bekommen haben. Die Realität lautet: Wer das ‚Angebot‘ nicht will, wird mit indirektem Zwang, Ausgrenzung und Diffamierung überzogen, zugleich wird weiter Pandemie-Panik betrieben. Man bedient sich aus dem Inventar totalitärer Staaten. (…) Die neueste Unterscheidung in Geimpfte und Ungeimpfte ist ein weiterer fataler Irrweg. Es gibt dafür keinen sachlichen Grund. Und wenn kein sachlicher Grund gegeben ist, sprechen Juristen von Willkür. (…) Es weht ein Hauch von DDR und Politbüro durch Deutschland. (…) Die Politik braucht die Angst vor der Pandemie, hat aber offenbar weitaus größere Angst vor den vielen offenen Fragen, die jetzt virulent werden. Nicht die vierte Welle ist die Gefahr, sondern die Welle der Ungereimtheiten.“

Die sofortige Aufhebung aller Corona-Maßnahmen forderten auch Ärzt:innen und Therapeut:innen in einem Offenen Brief an die Bundesregierung.

Für das europäische Ausland sind schon niedrige Quoten ausreichend, um die Corona-Maßnahmen deutlich zu lockern. In Schweden z. B. sind ca. 60 Prozent der Bürger:innen geimpft – und dort sind inzwischen laut n-tv nahezu alle Corona-Einschränkungen gefallen. Schweden hat schon im Frühjahr einen Fünf-Stufen-Plan entwickelt, der im Juni mit Stufe 1 begonnen wurde, am 29. September hat Stufe 4 begonnen. Es gibt weder eine Maskenpflicht, noch Massentests noch Hygieneregeln noch Eingangsbeschränkungen, sondern „anfassen, Freude am Lernen, Kind sein dürfen“, wie Henning Rosenbusch auf Twitter schreibt. Dass Schweden den erfolgreichen Weg gegangen ist, bestätigt auch ein Interview des YouTube-Kanals UnHerd mit dem schwedischen Chef-Epidemiologen Anders Tegnell. „Richten Sie über mich in einem Jahr“, hatte er im Sommer 2020 gesagt, als alle über ihn und den „schwedischen Weg“ hergefallen sind. Das Jahr ist vorbei – und das Gespräch mit ihm mehr als sehenswert. Es ist ein Beispiel, wie man eine schwierige Situation angemessen von allen Seiten betrachten kann, um entsprechende Konsequenzen daraus abzuleiten. Und vor allem: Wie man mit diesem Virus gut leben kann, ohne die Bevölkerung ständig zu gängeln.

In Dänemark wurden – wir berichteten – schon Anfang September alle Beschränkungen aufgehoben – und das bei einer Impfquote von 76 Prozent. „Die meisten Corona-Schutzmaßnahmen, die bei uns als selbstverständlich gelten, wurden dort schon vor Monaten abgeschafft“, schreibt Andreas Rosenfelder in einem Kommentar für die WELT. „Auf den Gedanken, die Dänen hätten sich ihre Freiheit lediglich durch das tüchtige Erreichen einer vorgegebenen Impfquote ‚verdient‘, kann man nur in einem Land kommen, dessen Rechtsauffassung sich in anderthalb Jahren depressiver Notstandspolitik bedenklich verfinstert hat – und das die Realität in anderen Ländern nur noch wie durch einen Filter wahrnimmt. (…) Dänemark steht heute in jeder Hinsicht besser da als Deutschland. Insbesondere die Alten, im Gegensatz zu Kindern und Jugendlichen ernsthaft gefährdet, sind fast vollständig geimpft. Ein Staat, der seinen Bürgern vertraut, genießt halt auch im Gegenzug mehr Vertrauen als einer, der die ‚Impfunwilligen‘ durch 2G-Schikanen und Stimmungsmache zu ihrem Glück zu zwingen versucht. Höchste Zeit, von Dänemark zu lernen.“

Andernorts, vor allem „Down under“, in Australien und Neuseeland, werden gerade wieder die Daumenschrauben angezogen und die Lockdowns verschärft bzw. ausgeweitet. Sydney testet sogar ein „Quarantänesystem mit Gesichtserkennung“ für vollständig Geimpfte, die aus dem Ausland einreisen, wie tagesschau.de berichtet: „Die Behörden wollen eine Handy-App mit Gesichtserkennung einsetzen, um die Einhaltung der Vorschriften der rund 175 Test-Personen zu überwachen.“ Wer ins Land kommt, muss derzeit trotz Impfung auf eigene Kosten für zwei Wochen in einem Hotel in Quarantäne. Mit der Gesichtserkennungs-App soll das jetzt auch zuhause möglich sein …

Neuseeland muss inzwischen eingestehen, dass seine „No-Covid“-Strategie gescheitert ist, wie die WELT vermeldet. Trotz wochenlangen Lockdowns habe sich die Delta-Variante dort weiter ausgebreitet, und „ein ehemaliger Regierungschef stellt Vergleiche mit dem nordkoreanischen Regime an“.

In Israel ist dem Gesundheitsminister und der Innenministerin ein peinlicher Lapsus passiert: Vor einer Kabinettssitzung plauderten beide über den in Israel noch obligatorischen Covid-Pass, ohne zu merken, dass die Mikrophone auf dem Tisch vor ihnen bereits offen waren. Und so erfuhr die Öffentlichkeit, wie The Times of Israel berichtet, dass Gesundheitsminister Horowitz meint, es gebe „keine medizinische oder epidemiologische Rechtfertigung für den Covid-Pass, er soll nur Druck auf Ungeimpfte ausüben, sich impfen zu lassen.“

Die deutsche Regierung bleibt – zumindest solange sie noch im Amt ist – stur bei ihrem Kurs. Im Wahlkampf spielte das Thema Corona keine große Rolle. Weshalb der renommierte Medizin-Statistiker Gerd Antes zusammen mit anderen Wissenschaftler:innen schon Anfang September (wir berichteten) einen Offenen Brief an die Parteien im Bundestag richtete. Innerhalb von nicht mal drei Wochen unterzeichneten über 3.500 Menschen diesen Brief, und es werden täglich mehr. Von den angeschriebenen Parteien hat lediglich die FDP geantwortet – Christian Lindner schrieb persönlich und sehr ausführlich. Sein Schlusssatz: „Die epidemische Notlage von nationaler Tragweite sollte sofort beendet werden.“ 

In einem Interview mit der Berliner Zeitung sagte Antes: „Die politischen Parteien vermeiden seit anderthalb Jahren, sich festzulegen. Das können wir uns aber bei einer solch wichtigen Frage nicht leisten. (…) Politik, Wissenschaft und Medien haben Panik und Alarmismus verbreitet. (…) Der Chef des Robert Koch Instituts (RKI), Lothar Wieler, ist ein Angestellter des Bundesgesundheitsministeriums. Er kann nicht gleichzeitig als Wissenschaftler auftreten und so tun, als würde er unabhängig forschen. Dasselbe gilt für den Infektionsmodellierer Dirk Brockmann. Er tritt oft als Wissenschaftler der Humboldt-Universität auf, diese Professur wird jedoch vom RKI finanziert. (…) Die fachliche Auswahl der Experten war immer wieder völlig unangemessen, um für die schwierige Situation geeignete Entscheidungsgrundlagen zu schaffen. In einer Beratersitzung der Bundeskanzlerin saßen zwei Physiker und nur ein Kliniker, der Patienten sieht. (…) Die nun wieder aufkommende Panikmache ist unangebracht. Die Ankündigung von Herrn Wieler, wir müssten uns auf eine „fulminante“ vierte Welle einstellen, halte ich für unhaltbar.“

Die Wissenschaft, so Antes, habe „von der ersten Minute an nicht gemacht, was sie hätte machen müssen, dasselbe gilt für die Politik. Vor allem das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat eine klägliche Rolle gespielt. Man hat der Charité 150 Millionen Euro gegeben mit dem Auftrag, die Zusammenarbeit in einem Universitätsnetzwerk zu koordinieren. Der relevante Output ist gemessen daran alles andere als beeindruckend.“

Antes steht damit nicht allein. Der deutschen Corona-Forschung wurde ganz offiziell ein „miserables Zeugnis“ ausgestellt, wie die FAZ berichtet: „Verzagt, versagt, verloren: Deutschlands klinische Forschung zu Corona war im ersten Jahr offenbar ein einziges Desaster. Das legt eine Studie zur Forschungsbilanz nahe.“ Wissenschaftler:innen aus der Schweiz und Deutschland hatten die Studienlage analysiert: „Weltweit wurden 2020 rund 3000 Corona-Studien mit evidenzbasiertem Protokoll registriert. Darunter befanden sich 65, die in Deutschland oder mit deutscher Beteiligung vorgenommen werden sollten. Alle 65 Forschungsvorhaben verfolgten das Ziel, eine neue Therapie oder einen Impfstoff gegen die Covid-19-Erkrankung zu finden. Dagegen gab es keine Untersuchungen zu nicht-pharmakologischen Fragestellungen, etwa, wie sich das Virus verbreitet und wie hilfreich so einschneidende Regelungen wie Ausgangsbeschränkungen sind. Auch Einrichtungen wie Schulen, Kindergärten und Pflegeheime wurden in den Studien nicht berücksichtigt.“ Elf der 65 Studien wurden dabei noch gar nicht begonnen und werden auch nicht mehr aufgelegt, nur 14 wurden zu Ende geführt. So fragt man sich, wo die 1,5 Milliarden Euro eigentlich geblieben sind, die der Bund insgesamt für die öffentlich finanzierte Corona-Forschung zur Verfügung gestellt hat.

Einen bemerkenswerten „Kommentar aus Sicht der Evidenzbasierten Medizin“ (EbM) zum Stichwort „Wissenschaftsleugnung“ hat Ingrid Mühlhauser, emeritierte Professorin für Gesundheitswissenschaften, für das Ärzteblatt Sachsen verfasst. Darin liest sie den Medien und ebenso so manch bekanntem Namen – von Lauterbach bis Drosten – die Leviten: „Das Anliegen der EbM bleiben in der medialen Berichterstattung weitgehend unberücksichtigt. Das Konzept des NDR-Podcasts zur Corona-Pandemie ermöglicht akademisch gebildeten Zuhörern einen Einblick in die Welt der Virologie. Wenn es jedoch um Fragen von Wirksamkeit, Nutzen und Schaden (präventiver) medizinischer Maßnahmen geht, dann widerspricht die Befragung eines einzelnen Virologen zu einere Vielzahl von Themen aus den unterschiedlichsten Disziplinen grundlegend den Ansprüchen an eine evidenzbasierte Wissenschaftskommunikation. Auch der von vielen Medien praktizierte Faktencheck ist wenig geeignet, den aktuellen Wissensstand zu Nutzen und Schaden medizinischer Verfahren verlässlich zu eruieren. Beim Faktencheck zu COVID-19 wurde vielfach die suspekte Aussage lediglich mit der Meinung eines (anderen) Experten abgeglichen. Wer Experte ist, entscheidet die Redaktion. (…) Gerade die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie fragmentarisch unser Wissen oft ist. Dann geht es vorrangig um die Interpretation von unsicheren wissenschaftlichen Daten und die Implikationen, die sich daraus ableiten. Ein solcher Aushandlungsprozess müsste Vertreter aller betroffenen Wissenschaftsdisziplinen und Gesellschaftsgruppen beteiligen.“

Wie die Pandemie die Normen der Wissenschaft verändert hat, zeigt auch ein Artikel des US-Epidemiologen John P. A. Ioannidis im Online-Magazin Tablet. Die Corona-Krise habe zwar weltweit das Interesse der Bevölkerung an der Wissenschaft geweckt, aber die Wissenschaft selbst habe gerade durch die Pandemie ihre Glaubwürdigkeit verloren und an Qualität eingebüßt. Zuvor sei die Wissenschaft einer „hierarchisch orientierten Elite“ vorbehalten gewesen. Das kostenfreie Teilen von Wissen war begrenzt und die Wissenschaft schwebte in ihren eigenen Sphären. Eine offenere Berichterstattung in der Pandemie hätte mehr Klarheit vermitteln können. Stattdessen habe Corona dazu geführt, dass neben neuen, guten Studien unzählige qualitativ schlechte Forschungsarbeiten veröffentlicht wurden. Aufgrund polarisierender Ergebnisse oder über den Einfluss von Politik und Wirtschaft wurde die Arbeit von etablierten unabhängigen Wissenschaftlern unterdrückt und als widersprüchlich und unglaubwürdig dargestellt. Die breite mediale Öffentlichkeit konzentriere sich, so Ioannidis, eher auf die Übertreibung von Forschungsergebnissen anstatt darauf, über die Methodik sowie über die Unsicherheit und eine begrenzte Aussagekraft zu berichten.

„In Krisenzeiten gedeihen die Mächtigen, und die Schwachen werden noch mehr benachteiligt“, schreibt Ioannidis in seinem Resümee. „Inmitten der pandemischen Verwirrung wurden die Mächtigen und Widersprüchlichen noch mächtiger und widersprüchlich, während Millionen von benachteiligten Menschen starben und Milliarden litten. Ich befürchte, dass die Wissenschaft und ihre Standards das Schicksal der Benachteiligten teilen. Das ist schade, denn die Wissenschaft kann immer noch allen helfen. Die Wissenschaft bleibt das Beste, was den Menschen passieren kann, vorausgesetzt, sie kann sowohl tolerant sein als auch toleriert werden.“

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Steigende Inzidenzen

Anlass zur Besorgnis oder neue Normalität?

Noch vor wenigen Monaten hatte der damalige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn die Corona-Inzidenz als Maßstab für die Gefahr, die von Corona-Infektionen ausgeht, als überholt erklärt. Künftig sollte die Belegung der Krankenhäuser das Maß der Dinge sein. Davon ist derzeit allerdings nicht viel zu spüren. Allerorten werden die Inzidenzen als besonders bedrohlich dargestellt – dass sie ansteigen würden, war allerdings zu erwarten. So hatte die Physikerin und Modelliererin Viola Priesemann schon im August für den Winter drei Szenarien errechnet, wie der SPIEGEL berichtet. Und darin spielt die Inzidenz dann eben doch eine beträchtliche Rolle, denn: „Je höher die Inzidenz, desto eher beschränken Menschen ihre Kontakte freiwillig und lassen sich impfen“, so Priesemann. Werden weniger eingreifende Maßnahmen erlassen, infizieren sich zwar mehr Menschen, was wiederum die Bereitwilligkeit zum Impfen fördere und im Frühjahr zu einer höheren Anzahl von Genesenen führe. Enge man den Spielraum für die Bevölkerung stärker ein, komme die Quittung womöglich im Frühjahr mit einer dann umso größeren Infektionswelle, wenn die Beschränkungen aufgehoben werden. Eine hohe Impfquote hält Priesemann in beiden Szenarien für entscheidend dafür, dass wir den Winter gut überstehen.

Ob solche Modellierungen wirklich aussagefähig sind, sei dahingestellt – umso mehr, als ein namhafter Physiker, Prof. Dr. Bernhard Müller von der Monash University in Australien, eine geschliffene Streitschrift dazu verfasst hat. Sie versteht sich als Addendum zum Thesenpapier 8.0 der Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Matthias Schrappe und wurde beim Monitor Versorgungsforschung veröffentlicht. Darin spricht er von einem „weitgehenden Blindflug der Pandemiemodellierung“ und fragt: „Wo war die umfassende Lagefeststellung zum Stand der Dinge, wo war der Digest, der den mathematisch weniger versierten Entscheidungsträgern über die Untiefen der Modellierung aufklären hätte können? Wo waren die Vorträge, in denen nicht die eigene Arbeit vermarktet, sondern das Publikum von den Grundlagen weg an den Stand der Forschung hingeführt wurde? Wenigstens von den regierungsnahen Modellierern in Deutschland vernahm man nicht die Botschaft, dass sie erst um sich geschaut hatten, bevor sie nach vorne stürmten. Man gewann nicht den Eindruck, dass sie angesichts der Krisensituation mehr zu sein versuchten als Wissenschaftler und Lobbyisten in eigener Sache. (…) Wie konnte man auf der Basis höchst vereinfachter Simulationen ernsthaft mit dem Gedanken spielen, mit ein paar Wochen harter Maßnahmen im Sinne von ‚No Covid‘ ans Ziel zu gelangen?“

Die Frage ist, ob bei hohen Inzidenzen das Gesundheitssystem an seine Grenzen gerät oder nicht. Denn die Tatsache allein, dass mehr Menschen an Covid-19 erkranken, heißt ja noch nicht viel. Wichtig ist, wie schwer sie erkranken und ob sie zur Behandlung ins Krankenhaus oder gar auf die Intensivstation müssen – „Hospitalisierungsinzidenz“ heißt der Fachbegriff dafür, die jedoch die Auslastung für die Normal- und Intensivbetten zusammenfassend misst, was das Ergebnis für die Intensivstationen dann wieder nicht so recht aussagefähig macht, denn alle Häuser haben mehr Normal- als Intensivbetten.

Einige Kliniken melden derzeit bereits eine Komplett-Auslastung auf den Intensivstationen, in Sachsen heißt es sogar, man stehe in Sachen Corona „vor einer Tsunami-Welle“, wie Focus online berichtet. Geplant sind ab 8. November landesweit verpflichtende 2G-Regeln im Rahmen einer neuen Corona-Schutzverordnung, schreibt der MDR. Sie gelten u.a. für die Innengastronomie, Veranstaltungen in Freizeit- und Kultureinrichtungen, Fußballspiele, Weihnachtsmärkte, Clubs und Bars. Im Öffentlichen Nahverkehr sollen FFP2-Masken verpflichtend werden. Sachsen hat neben Thüringen eine eher niedrige Impfquote – allerdings sind es auch dort bei den über 60-Jährigen bereits 78,6 Prozent, bei den 18- bis 59-Jährigen immer noch 57,4 Prozent, wie aus einem Bericht des SPIEGEL hervorgeht. Dort ist auch eine Tabelle über die Impfquote in den anderen Bundesländern eingestellt – und wenn man sie betrachtet, fragt man sich einmal mehr, wie hoch die Impfquote eigentlich noch gesteigert werden soll. Im Bundesdurchschnitt liegt sie schon jetzt bei 85,3 Prozent für die über 60-Jährigen und bei 73,1 Prozent für die 18- bis 59-Jährigen.

„Testen, impfen,mehr Kontrolle – Spahns Plan für den Corona-Winter" meldet die WELT aus der Bundespressekonferenz, wobei ja nicht einmal klar ist, ob Jens Spahn im Winter überhaupt noch viel zu sagen hat – als Gesundheitsminister sind seine Tage ja gezählt. Nichtsdestotrotz und entgegen der allgemeinen Erkenntnis hält Spahn immer noch daran fest, dass wir es mit einer "Pandemie der Ungeimpften" zu tun hätten – die Realität auf den Intensivstationen sieht indes anders aus, wie sich aus einer Statistik erkennen lässt, die der Kinder- und Jugendarzt Steffen Rabe auf seiner Homepage ständig aktualisiert. Demnach sind Impfdurchbrüche derzeit eher ein Problem. Spahns Dreipunkte-Programm umfasst 1. 3G und AHA-Regeln konsequent umsetzen und ggf. durch 2G-Konzept verschärfen: "2G habe nichts mit 'Impfmobbing' zu tun, es gehe darum, lokale Überlastungen des Gesundheitssystems zu vermeiden."  2. Verpflichtende Testkonzepte für Pflegeheime, inklusive Testungen für Geimpfte und Genesene. 3. Eine umfangreiche Kampagne für Auffrischimpfungen in der Bevölkerung. Denn das derzeitige Tempo beim Boostern reiche nicht. Das Beispiel Israel zeige, wie wichtig das sei (siehe dazu auch den Abschnitt "2G und Boostern: Impfen als alleinige Rettung?"). 

Das Impfziel des Robert Koch Instituts (RKI) einer deutschlandweiten Impfquote von mindestens 80 Prozent halten viele Amtsärzt:innen für illusorisch, wie die WELT schreibt. Nicolai Savaskan, Leiter des Gesundheitsamtes im Berliner Bezirk Neukölln plädiert darin für 70 Prozent als neue Zielmarke. Denn „die eigentliche Immunität“ sei „sowieso deutlich höher“, weil die fünf Prozentpunkte, die das RKI kürzlich mit Verweis auf eine statistische Untererfassung auswies, noch dazukämen – plus sieben Prozentpunkte Genesene. „Wir brauchen auch in den Gesundheitsämtern eine Rückkehr zur Normalität“, so Savaskan. „Wir liegen kurz vor einer Immunität von 80 Prozent, die uns erlaubt, die Kontaktnachverfolgung nur noch bei vulnerablen Gruppen sowie medizinischen Einrichtungen wie Pflegeheimen und Kliniken durchzuführen.“ Mit dem Impfstoff und verbesserten Therapien schrumpfe Covid-19 „zu einer gesellschaftlich kontrollierbaren Infektionserkrankung. Maskenpflicht und Abstandsregeln könnten dann ebenfalls fallen.“ Auch der Leiter des Gesundheitsamtes Dortmund, Frank Renken, befürwortet eine Rückkehr zur Normalität: „Wir müssen an den Punkt kommen, an dem nicht mehr der Staat über die Gesundheitsämter die Bevölkerung schützt, sondern wieder jeder Mensch diese Verantwortung selbst trägt.“ Viel mehr als 70 Prozent Impfquote werde man im Gesamtquerschnitt der Bevölkerung nicht erreichen. „Da können Sie noch so viele niedrigschwellige Angebote machen, wie Sie wollen. Die Politik sollte mit ihrem Wunschdenken aufhören und in der Realität ankommen.“  Die Corona-Zeit habe „bei vielen Kindern und Jugendlichen dramatische Schäden angerichtet. Sie schwänzen die Schule, haben starke Lernrückstände, Verhaltensauffälligkeiten oder erleben Missbrauch zu Hause.“ Er will die zehn zusätzlichen Vollzeitstellen, die ihm aufgrund des „Paktes für den öffentlichen Gesundheitsdienst“ zwischen Bund und Ländern zugestanden wurden, nicht für die Corona-Nachverfolgung nutzen, sondern in der Prävention sowie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Denn: „Der Corona-Ausnahmezustand ist vorbei, jetzt müssen wir die Folgen aufarbeiten.“

In Baden-Württemberg dagegen gilt schon seit Mittwoch die „Corona-Warnstufe“, wie die Badische Zeitung meldet. Sie zieht einschneidende Nachteile für Ungeimpfte nach sich: Diese dürfen sich privat nur noch mit fünf weiteren Personen treffen, müssen für den Zugang zu 3G-Bereichen (Gastronomie, Theater, Kino, Sportveranstaltungen, Friseure, Museen, Sauna u.a.) einen (teuren) negativen PCR-Test nachweisen, ein Schnelltest genügt nicht mehr. Ungeimpft kommt man in Clubs oder Diskotheken gar nicht mehr rein. Ausgenommen davon sind nur Jugendliche bis 17 Jahre und Personen, die nicht geimpft werden können oder für die es keine Impfempfehlung der STIKO gibt. Außerdem gilt in 2G-Bereichen nun wieder eine Maskenpflicht. 

 „Was passiert, wenn die Kliniken volllaufen?“ fragt die WELT und richtet den Blick dabei eher aufs Ausland, wo überall die Zahl der Neuinfektionen steigt – mit oder ohne Maskenpflicht, mit oder ohne Einschränkungen wie 2G oder 3G. Großbritannien z. B. kehrt trotz fast 50.000 täglichen Neuinfektionen nicht zu Maßnahmen zurück, wie die WELT berichtet. Dagegen plant Österreich in einem 5-Stufenplan als ultima ratio gar einen Lockdown für Ungeimpfte, ohne allerdings einen Plan dafür zu haben, wie so etwas umgesetzt werden soll. Auch Angela Merkel prophezeite im Rahmen einer Sitzung des CDU-Bundesvorstands: „Es wird starke Einschränkungen für Ungeimpfte geben“, wie n-tv berichtet. Tests am Arbeitsplatz seien für Ungeimpfte „nicht ausgeschlossen“, auch könnten die Maßnahmen „über das 2G-Modell hinausgehen“.

Dass die Kliniken schon wieder so schnell am Anschlag sind, hat allerdings ganz andere Gründe als Corona. Denn auf den Intensivstationen stehen im Vergleich zu 2020 rund 4.500 Betten weniger zur Verfügung, wie das Intensivregister der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI)  ausweist und wie der WELT-Journalist Tim Röhn auf Twitter anschaulich zeigt. „Die Intensivstationen waren vor der Pandemie schon sehr belastet“, sagt der Präsident der DIVI, Gernot Marx, in einem Interview mit der WELT. „Corona hat die Arbeit in den letzten anderthalb Jahren aber so massiv erschwert, dass viele Pfleger ihre Arbeitszeit reduziert haben, also etwa von 100 auf 80 Prozent gegangen sind. Einige haben den Beruf auch ganz verlassen. Das führt dazu, dass ein Teil der Betten gesperrt werden musste. Da steht dann das Beatmungsgerät mit der ganzen Technik, aber das Pflegepersonal fehlt, um es zu bedienen. (…) Auf den Stationen herrschte eine große Ernüchterung. Wissen Sie, die Menschen lieben diesen Beruf. Sie brennen dafür. Das wirft man nicht so einfach über Nacht weg. Aber wenn man gar nicht mehr kann, dann muss man halt weniger arbeiten.“

Die Gesamtzahl der freien Betten nimmt also nicht etwa ab, weil so viele Covid-19-Patient:innen behandelt werden müssen, sondern weil es an Pflegenden mangelt. Dies umso mehr, als die Krankenhäuser seit Februar 2021 neue Personaluntergrenzen berücksichtigen müssen: Tagsüber dürfen die Pflegenden auf Intensivstationen für maximal zwei, nachts für drei Patient:innen zuständig sein. Lässt sich das nicht gewährleisten, müssen Betten zurückgezogen werden. An dem Pflegenotstand, der seit Jahren bekannt ist, hat sich nie wirklich etwas geändert. Die Belastung ist unangemessen hoch und die Bezahlung entspricht nach wie vor nicht der Verantwortung, in der die Pflegenden stehen (lesen Sie dazu auch ein ausführliches Interview mit zwei Pflegenden aus Berlin in der neuen Ausgabe unseres Magazins, das Sie hier vorbestellen können). Solange sich an diesem Zustand nichts ändert, wird die Lage auch bei einer noch viel höheren Durchimpfungsrate für Covid-19 immer kritisch bleiben.

Und nach wie vor ist die Datenlage in Deutschland äußerst mau. Gerade erst hat eine Recherche des Online-Magazins multipolar ergeben, dass nur jeder zweite als Corona-Patient gemeldete Fall tatsächlich wegen des Verdachts auf Covid-19 im Krankenhaus war. Das Magazin hatte die Abrechnungsdaten der Krankenhäuser mit den Krankenkassen für die Jahre 2019, 2020 und die ersten fünf Monate dieses Jahres analysiert. „Die Abrechnungsdaten fördern noch weitere brisante Erkenntnisse zutage“, schreibt das Magazin. „So stieg im Vergleich zu 2019 die Zahl der intensivmedizinisch behandelten Fälle abseits von akuten Atemwegserkrankungen – insbesondere Schlaganfälle, Krebserkrankungen und Herzinfarkte – nach dem ersten Lockdown ungewöhnlich stark an. Dies deutet auf die Folgen verschobener Behandlungen und verzögerter Vorsorgeuntersuchungen wegen des ersten Lockdowns hin.“

Zu einem ähnlichen Schluss kommt auch eine Umfrage des ARD-Politikmagazins „Report Mainz“ im SWR bei den jeweils 20 patientenstärksten Kliniken für Lungenkrebs, Diabetes und chronische Schmerzen. Ergebnis: „Die Zahl der schweren Fälle bei Lungenkrebs-, Diabetes- und Schmerzpatienten hat seit Beginn der Corona-Pandemie zugenommen. Der Grund sind ausgefallene Arzt- und Krankenhausbesuche aus Angst der Patienten, sich mit dem Virus anzustecken.“ Die Überlebenschancen der betroffenen Patienten seien dadurch gesunken, bei Diabetes habe die Zahl der Fußwunden deutlich zugenommen, nicht selten wurden Amputationen nötig, die eigentlich hätten vermieden werden können. Es sind Zahlen, die bisher kaum erhoben werden und die auch nicht als „Kollateralschäden“ in die Bilanz der Corona-Politik eingeflossen sind. 

Derweil hört man aus den Koalitionsgesprächen in Sachen Corona nicht viel. „Wo bleibt denn nun die Überprüfung der Corona-Politik?“ fragt deshalb Susanne Gaschke in der WELT nicht ohne Grund. Zwar hat man vollmundig die „epidemische Lage von nationaler Tragweite“ inzwischen zum 25. November für beendet erklärt. Was danach folgt, ist jedoch keine wesentliche Änderung des Status quo. Denn die Maßnahmen bleiben uns erhalten – sie gehen jetzt eben von den Ländern aus. Weshalb sich auch Karl Lauterbach laut n-tv damit anfreunden konnte, allerdings gleichzeitig zum zweifelhaften Propheten wird: „Klar ist, dass die meisten Ungeimpften von heute bis dahin (gemeint ist der 20. März, d. Red.) entweder geimpft, genesen oder leider verstorben sind, denn das Infektionsgeschehen mit schweren Verläufen betrifft vor allem Impfverweigerer.“

 „Der 25. November markiert eine gefährliche Verschiebung“, kommentiert Andreas Rosenfelder, Ressortleiter Feuilleton bei der WELT, diesen Kompromiss zwischen den Ampel-Parteien. Denn „fast alle Corona-Maßnahmen, die auf Grundlage dieses Notstands verhängt wurden und jetzt noch in Kraft sind, sollen trotzdem weiterlaufen können“ – mindestens bis zum 22. März 2022. Damit stehe die Gefahr im Raum, dass „all die Grundrechtseingriffe in Zukunft auch bei jeder Grippewelle greifen könnten“. Denn Corona und Grippe seien, wie RKI-Chef Lothar Wieler und Spahn auf ihrer Pressekonferenz Anfang Oktober betont hätten, „in ihrer Gefährlichkeit längst vergleichbar“. Damit bekäme „ein Gesundheitsstaat, der zum Zweck des Infektionsschutzes jederzeit und überall Grundrechte einschränken kann, eine Rechtsgrundlage“. Mit „jenen Werten, die die FDP als Partei der Freiheit und der Bürgerrechte vertritt“, habe das „nichts mehr zu tun“.

„Nach bald zwei Jahren Covid-19 sitzt uns die Angst im Nacken. Wie bekommen wir sie da wieder weg?“ fragt die Neue Zürcher Zeitung (NZZ): „Die Angst ist ein klebriger Kumpan. Hockt sie einem im Nacken, wird man sie so leicht nicht wieder los. Vernunft hilft da wenig, und sie vermag umso weniger dagegen auszurichten, als die Gefahr zwar unsichtbar bleibt, aber in bald zwei Jahre dauernder Einübung zur hartnäckigen Begleiterin wurde. (…) Gemäß einem im Wissenschaftsmagazin „Lancet“ unlängst veröffentlichten Bericht sollen in den letzten zwölf Monaten Depressionen und Angststörungen weltweit um mehr als 25 Prozent zugenommen haben. Dabei sind Frauen und jüngere Menschen zwischen 20 und 35 Jahren am stärksten betroffen von der Zunahme. Als hauptsächliche Risikofaktoren für eine Erkrankung wurden einerseits die täglich kommunizierten Infektionsraten sowie die Einschränkungen der Mobilität genannt. So hat der Lockdown zwar einerseits Infektionen verhindert und damit auch schwere Verläufe und Todesfälle. Andererseits aber hat er neue Risiken geschaffen und zu psychischen Erkrankungen geführt. Diese Kollateralschäden einer rigorosen Gesundheitspolitik tauchten bisher in keiner Kosten-Nutzen-Rechnung auf. Sie dürften aber auch schwer zu beziffern und kaum aussagekräftig in Relation mit den mutmaßlich abgewendeten Schäden zu setzen sein. Und dennoch muss die Zunahme der depressiven Erkrankungen und Angststörungen zu denken geben. Sie gehen einerseits nicht spurlos an den Betroffenen vorüber. Andererseits sind sie lediglich die manifesten Folgen einer Politik, die auch dort anhaltende Wirkungen hervorbringt, wo sie sich nicht unmittelbar als Krankheitssymptome bemerkbar machen.“

Dabei hat es in Deutschland 2020 durch Covid-19 keine erhöhte Sterberate gegeben, wie eine Studie der Universität Duisburg-Essen ermittelte, die in den Medien jedoch keine Beachtung fand. Die Forscher:innen hatten „die Zahl der Sterbefälle in Deutschland, Spanien und Schweden der Jahre 2016 bis 2020 analysiert. Das Ergebnis: 2020 gab es keine Übersterblichkeit in Deutschland, auch wenn es etwa 34.000 Todesfälle gab, die mit Covid-19 assoziiert werden“, heißt es in einer Pressemitteilung der Universität.

Ein konstruktiver Vorschlag, wie die Zukunft mit Corona zu gestalten sei, kommt von Hendrik Streeck, Direktor des Instituts für Virologie an der Uniklinik Bonn „Meine acht Punkte zur Überwindung der Corona-Pandemie“ schreibt er in der WELT: 1. Infektionsgeschehen kennen. 2. Daten zentral sammeln. 3. Impflücke schließen. 4. Neue Medikamente konsequent einsetzen. 5. Reform des Gesundheitssystems. 6. Korrekte Kommunikation. 7. Genesenenstatus nachjustieren. 8. Mut und Vernunft. Sein Fazit: „Wir brauchen ein Gremium, das die nächsten Schritte der Pandemieplanung begleitet und die junge, neue Regierung unterstützt. Ein Expertenrat oder Pandemierat, der auf Bundesebene tagt, den haben wir immer noch nicht. Die Kakofonie der verschiedensten Experten- und Nichtexpertenmeinungen hat in der jetzigen Pandemie die Bürger nur verwirrt, Ängste und Misstrauen geschürt.“

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2G breitet sich aus

Impfpflicht durch die Vordertür

Währenddessen greift die 2G-Strategie immer weiter Raum. In Hamburg lässt die Staatsoper ab 1. November nur noch Geimpfte und Genesene in die Vorstellungen, die Szene der privaten Theater und viele Clubs haben das schon seit geraumer Zeit zum Prinzip erhoben, allerdings vorwiegend aus wirtschaftlichen Erwägungen, denn wenn sie den Laden nicht vollmachen können, können sie kaum überleben. Auch das berühmte „Berghain“ in Berlin hat mit 2G seit vergangenem Wochenende wieder die Sau rauslassen dürfen, wie t-online genüsslich berichtet. Und in den meisten Bundesländern gibt es inzwischen 2G-Regeln für dies und das im öffentlichen Leben. Was im Mai 2020 noch als krude Verschwörungstheorie abgetan wurde, ist inzwischen Realität, wie ein ZDF-Faktencheck aus dieser Zeit offenbart – wie so manches, was man dereinst als Schwurbelei von Aluhüten diskreditiert hat. 

Der Ausschluss Ungeimpfter sei „billiger als ein Lockdown“, rechnet eine Studie des Leibnitz-Instituts vor – er würde viermal so hohe finanzielle Schäden verursachen, wie n-tv berichtet.

„Mehr Härten für die Ungeimpften“ fordert die Süddeutsche Zeitung (SZ) und lobt die Initiative des grün regierten Nachbarlandes Baden-Württemberg. Denn dort ist die Inzidenz trotz 3G weiterhin gestiegen, vor allem bei den Ungeimpften. Wird ein gewisser Schwellenwert überschritten, genügt für 3G kein Schnelltest mehr, sondern nur noch der sehr viel teurere PCR-Test. Und steigt die Inzidenz dennoch weiter, gilt automatisch 2G für öffentliche Einrichtungen wie Kinos, Restaurants und andere. „Die grobe Richtung stimmt“, meint die SZ dazu. „Sollte ein neuer Lockdown notwendig werden, um eine vierte Infektionswelle zu brechen, dann müsste sich dieser auf Ungeimpfte beschränken.“ Ministerpräsident Winfried Kretschmann sagt, wie der Spiegel berichtet, diese strengeren Maßnahmen für Ungeimpfte seien „keine Strafen“, sondern würden nur „zu deren eigenem Schutz ergriffen und verhinderten neue Extremsituationen auf den Intensivstationen.“

Doch damit nicht genug. Inzwischen schließen auch mehr und mehr Ärzt:innen Ungeimpfte bzw. Ungetestete von einer Diagnostik oder Therapie aus. So diskutierten die Gastroenterologen Mitte September auf ihrem Jahreskongress die Möglichkeit, endoskopische Untersuchungen wie eine Magen- oder Darmspiegelung nur noch unter 2G/3G-Bedingungen zuzulassen, schreibt die WELT. Vielerorts geschieht das bereits und greift weiter um sich. Die Sprecherin der niedergelassenen Magen-Darm-Ärzte, Katja Klugewitz, meint: „Da nur die wenigsten Untersuchungen wirklich dringend erfolgen müssen, sollte man von den Patienten und Patientinnen erwarten dürfen, dass sie ihren Anteil zur Sicherheit in der Praxis beitragen. Eine Impfung im Vorfeld erscheint mir durchaus zumutbar.“

Und offenbar sind solche Zutrittsbeschränkungen bereits weiter verbreitet als gedacht: „Keine Behandlung ohne Test?“ fragt tagesschau.de und berichtet über Arztpraxen, in denen 2G und 3G inzwischen gang und gäbe ist. Ob das mit dem hippokratischen Eid bzw. dem Genfer Gelöbnis vereinbar ist??

Sogar im Einzelhandel scheint 2G üblich zu werden. Das Verwaltungsgericht Frankfurt am Main hat jetzt einer Kauffrau Recht gegeben, die gegen die Ungleichbehandlung geklagt hatte, schreibt die WELT. Sie wollte, dass der Einzelhandel mit Hotels, Gaststätten, Clubs und Diskotheken gleichgestellt werden und ebenfalls 2G einführen darf. Das Gericht erlaubte der Händlerin, Kund:innen, die nur getestet sind, den Zutritt zu verwehren. Abstands- und Maskenpflicht im Verkaufsraum sowie Kapazitätsgrenzen können dafür entfallen.

Hohe Wellen geschlagen hat eine Forderung des „Verhaltensökonomen“ Marcus Schreiber in einem Interview mit dem SPIEGEL: „Wenn wir über die positiven Anreize (beim Impfen, d. Red.) nicht weiterkommen, bin ich sehr wohl dafür, massiv zwischen Geimpften und Nichtgeimpften zu diskriminieren. Ungleiches gleichzumachen ist keine Form der Gerechtigkeit. Es gibt einen objektiven Grund, warum Leute unterschiedlich behandelt werden – und sie haben es auch noch selbst in der Hand, gleich zu sein. Ich glaube bloß, dass wir noch viel Potenzial mit positiven Signalen haben. Die Keule sollten wir erst später auspacken.“ Und auf die Frage, wie eine solche Keule aussehen könnte, antwortet Schreiber: „Wenn Sie sagen: Ab dem 1. Dezember gilt eine klare Triage-Regelung in unseren Krankenhäusern: Wenn die Krankenhäuser voll sind, gibt es Vorfahrt für Geimpfte. Das wäre eine Keule, mit der viele Zögerer wohl zu einer Entscheidung gezwungen werden könnten.“ Und die Virologin Melanie Brinkmann, die zweite Interviewpartnerin, assistiert: „Ich glaube, es gibt eine Art Beißhemmung, Regeln auszusprechen. Weil man Angst hat vor einem Sturm der Ungeimpften. Das führt zu unverhältnismäßigen Zuständen.“

Als „ekelhafte Forderung“ bezeichnete Frédéric Schwilden in der WELT Schreibers Vorstoß, kranke Ungeimpfte ihrem Schicksal zu überlassen. Schreiber und Brinkmann sollten „Respekt vor mündigen Entscheidungen haben, so unreflektiert sie ihnen auch erscheinen mögen“, schreibt Schwilden. „Auch Menschen, die glauben, dass ein ehemaliger Zimmermann über Wasser gehen konnte und für sie an einem Kreuz gestorben ist, dürfen wählen. Brinkmann und Schreiber müssen – auch wenn ihnen Menschenwürde und Selbstbestimmung aus virologischer oder verhaltensökonomischer Sicht vielleicht nur als Viren erscheinen – akzeptieren, dass eine Pandemie eine Pandemie ist, und die Menschenwürde eben die Menschenwürde. Wer das nicht akzeptiert, spricht Menschen das Menschsein ab und wandert auf düsteren Spuren in eine ekelhafte Zukunft. Und noch einmal zur Erinnerung: Eine Pandemie ist gefährlich. Die Menschenwürde ist unantastbar."

„Die Diskriminierung von Ungeimpften ist ein Irrweg“, schreibt auch Andreas Rosenfelder in einem Kommentar für die WELT. „Immer schamloser wird gefordert, jenem Rest der Gesellschaft, der sich noch nicht zu einer Impfung gegen Corona entschlossen hat, elementare Rechte wie die medizinische Grundversorgung zu entziehen. Das will man dann aber bitte nicht als Diskriminierung oder gar Erpressung verstanden wissen, sondern lediglich als freundliche Überzeugungskunst.“ Der zweitwichtigste Grund, sich nicht impfen zu lassen, gleich nach den Zweifeln an der Sicherheit der Impfstoffe, sei der Trotz. Zwei Drittel der Impfverweigerer fühlen sich von den Erwartungen des Staates oder der Gesellschaft unter Druck gesetzt und verweigern den Gehorsam. Das ändere sich auch nicht durch kostenpflichtige Tests oder 2G-Regeln: „Der deutsche Sonderweg, die Impfbereitschaft durch Kollektivzwang und 2G-Ausgrenzung zu erhöhen, muss nach diesen neuen Erkenntnissen als gescheitert gelten“, meint Rosenfelder. „Ein Staat, der Missgunst und Zwietracht sät, wird Trotz ernten.“

Das bestätigt auch ein Bericht im SPIEGEL: „Trotz gehört mittlerweile zu den Hauptgründen, sich nicht impfen zu lassen“ und referiert dabei Daten aus dem 8. European Covid Survey von September 2021.

Die um sich greifenden 2G-Regeln lassen allerdings jetzt endlich namhafte Staats- und Verfassungsjuristen den Mund aufmachen. Der Verein „Initiative freie Impfentscheidung e. V.“ (IFI) hat bei dem Freiburger Staatsrechtler Dietrich Murswiek ein Rechtsgutachten (auf der Webseite von IFI sind auch eine Kurzzusammenfassung und ein Fazit des 111 Seiten umfassenden Gutachtens eingestellt) in Auftrag gegeben, das die Freiheitseinschränkungen für Ungeimpfte im Hinblick auf ihre Verfassungsgemäßheit oder -widrigkeit untersuchen sollte. Murswiek kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: „Alle Benachteiligungen Ungeimpfter sind verfassungswidrig.“ Das heißt: Sowohl die 2G- als auch die 3G-Regel UND die Vorenthaltung der Verdienstausfallentschädigung im Falle einer coronabedingten Quarantäne sind mit dem Grundgesetz unvereinbar und verstoßen gegen die Grundrechte der Betroffenen.

Auch die „Ärztinnen und Ärzte für individuelle Impfentscheidung“(ÄFI) unterstützen Klagen gegen die 2G-Regeln bis hin zur Verfassungsbeschwerde, wie aus einem Video des Vorstands deutlich wird. Der Verein hatte bereits die Aktion #2Ggehtgarnicht losgetreten, die mittlerweile über 1.000 Statements zusammengetragen hat.

Das „Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Staates und die Rationalität seiner Entscheidungen“ sei im Laufe der Zeit erschüttert worden, konstatiert auch der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Hans-Jürgen Papier, in einem Gespräch mit der WELT: „Es wurde nicht generell, aber doch teilweise ziemlich irrational, widersprüchlich, kopflos und im Übermaß reagiert. Manche Entscheidungen waren fast absurd oder schlicht nicht durchsetzbar, nehmen Sie nur die unkontrollierbaren Aufenthaltsbeschränkungen in Privatwohnungen. Wenn das Recht aber nur auf dem Papier steht und gar nicht durchsetzbar ist, ist das Gift für einen freiheitlichen Rechtsstaat.“ Die „Erosion unserer Freiheitsrechte“ habe nicht erst mit Corona begonnen, sondern „wurde durch die Pandemie lediglich erheblich beschleunigt“. Es müsse „wieder klarer werden, dass der gute Zweck in einem freiheitlichen Rechtsstaat nicht jedes Mittel heiligt. ‚Not kennt kein Gebot‘, dieser Satz darf nicht Raum greifen.“ Auch das allgemein legitime Ziel, die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen, rechtfertige „nicht jeden Grundrechtseingriff. Nutzen und Schaden müssen stets in einem angemessenen Verhältnis stehen, und die Beweislast für das Vorliegen der Verhältnismäßigkeit trägt der Staat. Schwerwiegende Freiheitsbeschränkungen aus bloßer Vorsorge sollte es künftig nicht mehr geben. Wir müssen uns rechtsstaatlich wappnen – das waren wir diesmal lange Zeit nicht.“  

„Freiheit in Gefahr – warum unsere Freiheitsrechte bedroht sind und wie wir sie schützen können" heißt deshalb ein gerade erschienenes Buch von Hans-Jürgen Papier (Heyne Verlag, 288 Seiten, 22 Euro), in dem er ausführlich Stellung nimmt zu den verschiedenen Fragen, die die Regierungs-Maßnahmen während der Corona-Krise aufgeworfen haben. Papier schildert darin auch seine eigenen Erfahrungen mit der Freiheit, die seinen Lebensweg und vor allem seine berufliche Karriere geprägt haben. Sein Fazit: „Um unsere Freiheit auch gegenüber zukünftigen Herausforderungen abzusichern, bedarf es der permanenten gemeinsamen Anstrengung des Staates, der Gesellschaft und jedes Einzelnen. Gesetzgebung und Politik, aber auch die für die Demokratie schlechthin konstitutiven freien Medien sind hier in erster Linie gefragt, allen autoritären und paternalistischen Bestrebungen eine klare Absage zu erteilen. Verantwortung zu übernehmen bedeutet für die an Entscheidungen Beteiligten, die Karten auf den Tisch zu legen, für Transparenz hinsichtlich bestehender und kommender Problemstellungen zu sorgen und bei Lösungsvorschlägen, die sie unterbreiten, auf Nachhaltigkeit zu setzen. Darüber hinaus gilt es, Anreize für die Bürgerinnen und Bürger zu schaffen, sich ebenfalls wieder mehr in die Sache des Gemeinwesens einzubringen. Der Idee vom Staat als Vollversicherer für alle Lebenslagen muss entschieden entgegengetreten werden."  

Nach der Lektüre wünscht man sich, Papier wäre nicht emeritiert, sondern immer noch an der Spitze dieses Gerichts, das so wichtig ist für die Wahrung unserer Grundrechte und von dem man seit Monaten gerade dazu nichts hört. Und man fragt sich, ob das vielleicht mit einem inzwischen reichlich umstrittenen Treffen der Bundesregierung mit Vertreter:innen des Bundesverfassungsgerichts am 30. Juni 2021 zusammenhängen könnte. Was in normalen Zeiten dem Meinungsaustausch durchaus dienlich sein kann, hatte unter Corona-Bedingungen einen „haut goût“, ein Gschmäckle, wie man in Karlsruhe sagen würde. Denn bei dem gemeinsamen Abendessen hielt Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) einen Vortrag zum Thema „Entscheidung unter Unsicherheiten“, wie die WELT berichtet (einer der Autoren, Tim Röhn, informiert darüber auch bei Twitter), und warb darin „um Verständnis für politische Entscheidungen in Sachen Corona“. Nun sind beim Bundesverfassungsgericht allerdings zahllose Beschwerden gegen das Vierte Bevölkerungsschutzgesetz, die „Bundesnotbremse“, anhängig – laufende Verfahren mithin. Auch Susanne Baer, Richterin des Ersten Senats und Berichterstatterin in zahlreichen Verfahren gegen dieses Gesetz, trug beim Abendessen vor – was genau, das weiß man nicht. Dass die Corona-Politik jedoch überhaupt besprochen wurde, verleiht diesem Treffen schon ein gewisses Etwas. Honi soit qui mal y pense (ein Schelm, der Böses dabei denkt) … Die Rechtsanwälte, die die Freien Wähler in einem dieser Verfahren gegen die Bundesnotbremse vertreten, haben jetzt erstmal Ablehnungsgesuche wegen Befangenheit gegen Stephan Harbarth und Susanne Baer eingereicht, wie Niko Härting auf Twitter berichtet.

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Verfassungsrichter in der Kritik

Ist der Rechtsstaat in Gefahr?

Im Corona-Spezial von Oktober berichteten wir über ein Treffen der Richter:innen des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) mit der Bundesregierung am 30. Juni 2021. Die WELT hatte dazu mehrere Enthüllungsberichte gebracht, die zeigten, dass hier durchaus über Themen gesprochen wurde, über die gerade mehrere Klagen beim BVerfG anhängig sind. Dazu zählt auch die „Bundesnotbremse“ und die damit verbundenen Einschränkungen der Grundrechte. Speziell gegen den Präsidenten des BVerfG, Stephan Harbarth, und eine der Richterinnen, Susanne Baer, war ein Ablehnungsantrag auf Befangenheit gestellt worden.

Inzwischen hatte die WELT noch weitere Details zu dem sommerlichen Treffen veröffentlicht. „Der Ablauf des Dinners sorgte für Kritik, weil er nach Ansicht einiger Juristen den Eindruck der Einflussnahme der Regierung auf das oberste deutsche Gericht erwecken könnte.“ Das Kanzleramt selbst habe „die Brisanz des Anliegens“ erkannt, aber dennoch den Vorträgen zugestimmt. Denn offenbar hatte das Verfassungsgericht selbst den Anstoß für die Corona-Rede beim Kanzlerinnen-Dinner gegeben. Harbarth persönlich habe sich dafür eingesetzt, „kurzfristig die Tagesordnung zu ändern“: „Zur Vorbereitung auf den Abend nordete Harbarth Merkel und ihre Minister ein“, heißt es in einem weiteren Bericht der WELT. „Kann es sein, dass Harbarth an diesem Abend weniger das Grundgesetz im Auge hatte, dafür mehr die Anliegen seiner ehemaligen Chefin?“ fragen Elke Bodderas und Tim Röhn in ihrem Artikel. Denn Harbarth war von 2009 bis 2018 CDU-Abgeordneter im Bundestag und ab 2016 einer der stellvertretenden Vorsitzenden der CDU/CSU-Fraktion. Mit der Kanzlerin ist er per Du. „Offenbar gab Harbarth die Fragen vor, die in den Vorträgen beim Abendessen besprochen werden sollten: ‚Welche Beurteilungsspielräume verbleiben den Gewalten bei tatsächlichen Unklarheiten? Wie viel Überprüfbarkeit verbleibt dem BVerfG? Wie kann Sicherheit gewonnen werden? Welche Evaluierungspflichten sind dabei zu berücksichtigen?‘“ In einem weiteren Bericht der WELT heißt es: „Harbarth hatte sich in einem Schreiben bereits gegen die Vorwürfe verteidigt. Er schrieb: ‚Ich hielt und halte diese Themen für einen Gedanken- und Erfahrungsaustausch zwischen Verfassungsorganen für geeignet, weil sie abstrakte und zeitlose Fragestellungen betreffen, die sich in den vergangenen Jahrzehnten auch in zahlreichen Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts niedergeschlagen haben.‘ Die besprochenen Themen ließen sich, so Harbarth‚ ohne konkreten Bezug zu anhängigen Verfahren‘ erörtern.“

Das Dinner im Kanzleramt sei „geeignet, den guten Ruf des Bundesverfassungsgerichts zu schädigen“, schreibt Thorsten Jungholt in einem Kommentar für die WELT unter der Überschrift „Die Richter und die Macht“: „Verfassungsrichter, die im Kanzleramt speisen, wenn über die Corona-Politik der Bundesregierung gesprochen wird? Mit den Verhaltensregeln des Gerichts ist das nicht vereinbar. (…) Über Jahrzehnte hat Karlsruhe es geschafft, sich ein großes Vertrauenskapital bei den Bürgern aufzubauen. Das zu erhalten, muss oberste Priorität haben. Harbarths Sozialisation vom Politiker zum Richter ist offenbar noch nicht abgeschlossen. Womöglich sollte er sich im Verfahren zur Bundesnotbremse selbst aus dem Spiel nehmen.“

Inzwischen haben auch namhafte Juristen den Vorwurf der versuchten Einflussnahme durch die Bundesregierung auf die Verfassungsrichter erhoben, darunter der Staatsrechtler Kyrill-Alexander Schwarz und mit Gerhard Strate einer der bekanntesten Strafverteidiger Deutschlands, der auch Mitglied des Verfassungsrechtsausschusses der Bundesrechtsanwaltskammer ist.

Das BVerfG wies das von sich und lehnte den Befangenheitsantrag trotz der erdrückenden Beweislage ab (Aktenzeichen 1BvR 781/21, Pressemitteilung vom 12. Oktober 2021). „Fehlendes Gespür“ attestierte ihm dafür Frank Bräutigam von der ARD-Rechtsredaktion in einem Kommentar für die Tagesschau: „Mich lässt dieses Treffen samt Vor- und Nachspiel mit Stirnrunzeln zurück. (…) Mich stört nicht per se, dass sich Verfassungsorgane in regelmäßigen Abständen zum Austausch treffen. Das hat eine lange Tradition. (…) Andere Dinge stören mich aber. Zum Beispiel die Auswahl der Gesprächsthemen für das turnusmäßige Treffen und wie es dazu kam. (…) Der Themenwechsel wirkt auch für Beobachter so, dass ausgerechnet zwei rechtlich sehr umstrittene Themen aktiv vorgeschlagen werden. Das ist für mich unsensibel. (…) Ich glaube auf keinen Fall, dass an diesem Abend im Kanzleramt Corona-Urteile ausgekungelt wurden. Doch dieser Termin hat dazu geführt, dass sich die Beschwerdeführer der Corona-Verfahren sowie Bürgerinnen und Bürger Fragen stellen und ins Grübeln kommen. Was machen die da genau? Worüber reden die eigentlich? (…) Ich wünsche mir deshalb für die Zukunft mehr Gespür dafür, was für ein sensibles Thema das Verhältnis von Justiz und Politik ist. Bei dem die Bürgerinnen und Bürger zu Recht genau hinschauen.“

Die Sache ist damit jedoch noch nicht abgeschlossen. „Am Freitag (22.10.21, Anm. d. Red.) reichte jener Kläger, der bereits Harbarths Befangenheit vermutete, einen neuen Antrag ein. Begründung: Dessen Richterkollegen hätten die Argumente des ersten Antrags ignoriert oder falsch verstanden“, heißt es in einem Bericht von Tim Röhn in der WELT über ein weiteres Abendessen mit CDU-Politikern und Unternehmern, bei dem Harbarth einen Vortrag hielt.

Das höchste Gericht müsse „dem Grundgesetz zu seiner Geltung verhelfen“, fordert Michael Maier in einem Kommentar für die Berliner Zeitung. „Knapp 10.000 Personen haben 281 Verfassungsbeschwerden und mehrere Anträge eingereicht. Über einige wird nun entschieden. (…) Nach Angaben des Deutschen Richterbundes gab es allein im Jahr 2020 mehr als 10.000 Gerichtsverfahren wegen Corona. (…) Der Grundsatzentscheidung aus Karlsruhe kommt eine zentrale Bedeutung zu, weil die meisten Gerichte mit der aktuellen Rechtslage überfordert sind: Gesetze und Verordnungen werden in rasch wechselnder Folge geändert. Vorschriften sind detailreich, unklar oder widersprüchlich. Es gibt große lokale und regionale Unterschiede bei Maßnahmen. Die Beweisführung ist schwierig: Soeben hat ein Strafgericht in Bayern die körperliche Untersuchung einer Beschuldigten angeordnet, die sich auf eine ärztlich ausgestellte Maskenbefreiung berief. (…) Von Stephan Harbarth und seinen Kollegen muss verlangt werden, dass sie sich als unbestechliche und unabhängige Richter erweisen. Die deutschen Gerichte warten auf einen Spruch aus Karlsruhe schon sehr, sehr lange. Die Bevölkerung ist verunsichert und frustriert. Das Bundesverfassungsgericht hat sich zu lange weggeduckt. (…) Die Aufgabe des Bundesverfassungsgerichts ist die Beendigung des juristischen Ausnahmezustands, um das friedliche und freiheitliche Zusammenleben in diesem Land dauerhaft zu sichern.“

„Noch nie hat das Bundesverfassungsgericht so versagt“, meint auch Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung (SZ). Es habe „zu den Lockdowns, der Notbremse, den Ups und Downs der Beschränkungen mehr oder minder geschwiegen“ und sei nun „in einer fatalen Lage“: „Es hat nicht versagt, weil es eine falsche Entscheidung getroffen hätte. Es hat versagt, weil es bisher dazu, 19 Monate lang, keine substanzielle Entscheidung getroffen hat und weil es vor der nun bevorstehenden Entscheidung ärgerliche Fehler macht. Das Gericht verweigert sich einer mündlichen Verhandlung, es missachtet ein sensibles rechtliches Gehör, es manövriert sich in die Befangenheit. (…) Das höchste Gericht, das sich in den vergangenen Jahrzehnten allerhöchste Verdienste erworben hat, hat unter seinem neuen Präsidenten und Vorsitzenden des zuständigen Ersten Senats, dem ehemaligen CDU-Bundestagsabgeordneten und Wirtschaftsanwalt Stephan Harbarth, Anträge auf einstweiligen Rechtsschutz mit 08/15-Begründungen abgewimmelt. In der Abwimmelentscheidung zum Bundesnotbremsen-Gesetz hat es fundamentale Rechtsfragen ignoriert. (…) Seine summarischen Eilentscheidungen hat es damit begründet, dass eine Abwägung zwischen dem Lebensschutz einerseits und den Freiheitsrechten andererseits auf die Schnelle zu schwierig sei.“ Dem Treffen mit der Bundesregierung hafte „etwas von Mauschelei an“, und „mit der bloßen Behauptung, unvoreingenommen zu sein“, sei „die Besorgnis der Befangenheit nicht aus der Welt zu schaffen. Hinzu kommt, dass Präsident Harbarth sich mit wenig Zurückhaltung zu Corona geäußert hat: Die Bewältigung der Pandemie vollziehe sich ja, sagte er im FAZ-Interview, ‚in den Bahnen des Rechts‘. Genau dies zu prüfen, ist aber Aufgabe seines Gerichts.“

In die Diskussion über die Rechtmäßigkeit der deutschen Corona-Politik hat sich inzwischen auch der 92-jährige Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas eingeschaltet, wie Andreas Rosenfelder in der WELT unter der Überschrift „Die Habermas-Diktatur“ berichtet. Habermas hatte in der September-Ausgabe der „Blätter für deutsche und internationale Politik“ den Aufsatz „Corona und der Schutz des Lebens – zur Grundrechtsdebatte in der pandemischen Ausnahmesituation“ veröffentlicht. Habermas verfolge die Hypothese, „dass der Staat gerade dann die Verfassung missachtet, wenn er nicht mit aller Konsequenz gegen Corona kämpft“. Die Politik dürfe keine Maßnahme unterlassen, wenn diese dazu geeignet sei, auch nur eine einzige Corona-Infektion zu verhindern. „Diese These ist eine Bombe“, schreibt Rosenfelder, „und dass sie noch nicht hochgegangen ist, kann man sich nur mit dem staubtrockenen, sparsam ironischen Stil erklären, für den Jürgen Habermas berühmt ist. Habermas entwirft in den „Blättern“, einst das Leitmedium der 1968er-Bewegung, nicht weniger als den totalen Corona-Staat – ein rechtliches Monstrum, das in seiner Allgewalt, wenn man Habermas beim Wort nimmt, jedes No-Covid-Regime von China bis Australien in den Schatten stellt. (…)  Wenn man voraussetzt, dass jeder Staat, den wir aus Geschichte und Gegenwart kennen, immerzu und fast überall zahllose Infektionen – und auch die daraus resultierenden Todesfälle – in Kauf nimmt, dann kommt diese Forderung einer Revolution des Staatsbegriffs gleich. (…) Die Ahnungslosigkeit, die Habermas bei der konkreten Materie seines Aufsatzes an den Tag legt, ist frappierend. So behauptet er, der ‚Kampf‘ Europas ‚gegen das Virus als gemeinsamen Gegner‘ dauere ‚bis zum Zeitpunkt der – letztlich nur durch Impfung erreichbaren – Herdenimmunität‘. Wer im September 2021 noch annimmt, eine Herdenimmunität sei durch Impfung zu erreichen, hat im Sommer wohl nicht gründlich Zeitungen gelesen – sonst hätte er davon Kenntnis nehmen können, dass die hohe Zahl von Impfdurchbrüchen in Israel, England oder den Vereinigten Staaten diese Idee längst diskreditiert hat. Leider sorgt diese grobe Fehlannahme für einen vielsagenden Kollateralschaden im Theoriegebäude: Ein pandemischer Kriegszustand, der erst mit einer durch Impfung erreichten Herdenimmunität endet, muss ewig währen.“ Andreas Rosenfelder geht mit Habermas auf brillante Weise noch weiter ins Gericht – sein Fazit am Schluss: „Jürgen Habermas, einst ein Meisterdenker der liberalen Öffentlichkeit, malt in seinem Elfenbeinturm einen Staat an die Wand, der sogar die Fantasien der teuflischsten Corona-Leugner verblassen lässt. Sein biopolitischer Leviathan kann zum Zweck der Infektionskontrolle jedwede Freiheit einschränken, immer und überall, ohne Bedingungen und ohne Maß. Wer darin nicht den Schattenriss der Diktatur erkennt, der ist wohl nicht mehr zu retten.“

Deutlich im Kontrast dazu steht die Stellungnahme eines weiteren Philosophen. In der Berliner Zeitung fordert Michael Andrick die Einrichtung eines ‚Untersuchungsausschusses Corona‘ und dessen kritische öffentliche Begleitung. Nur dadurch ließe sich die Gewaltenteilung in Deutschland rehabilitieren, denn: „Obwohl es von Anfang an fachkundige Stimmen gab, die für Deutschland auf Mäßigung und weitgehende Entwarnung drangen, wurde die deutsche Pandemiepolitik auf Angstmache und somit auf Betäubung der Reflektionsfähigkeit gebaut. Diese Politik war von Beginn an im Wortsinne unverantwortbar. (…) Wussten wir wirklich nicht, dass Kinder missbräuchlicher Eltern diesen bei Schulschließungen schutzlos ausgeliefert sind? Dass das Ausschalten der Mimik durch Masken auf Kinderseelen deprimierend wirkt? Das wussten wir, und ich war fassungslos ob dieser staatlichen Kindswohlschädigung und ihrer breiten Hinnahme als angeblich ‚notwendig‘. Wussten wir wirklich nicht, dass die Isolierung Hochbetagter auch gegen ihren Willen ein Menschenrechtsverstoß und oft lebensverkürzend ist? Wir wussten das, und ich war fassungslos ob dieser staatlichen Brutalität und ihrer breiten Hinnahme als angeblich ‚notwendig‘. Wussten wir wirklich nicht, dass der Kundenstamm vieler Freiberufler einfach weg ist nach monatelangem Berufsverbot – die wirtschaftliche Existenz vernichtet, das Lebenswerk zerstört, die Depression quasi abonniert? (…) Das alles und mehr wussten wir, niemand kann ehrlich auf Ahnungslosigkeit plädieren. Nur im Trommelfeuer der Angstpropaganda, die unser Staat bis heute auf löchrig-inkonsistenter Datengrundlage betreibt und die von den Leitmedien lange unkritisch durchgereicht wurde, konnten wir so einfache Tatschen jemals ‚vergessen‘. Nur unter der Angstglocke konnten wir nicht vor uns selbst erschrecken.“

Komme der von ihm geforderte Untersuchungsausschuss nicht, „hätten wir als Bürger eine bittere Lektion zu lernen: Wir müssten dann erkennen, in unserer aktuellen Ordnung einem Netzwerk von Parteifunktionären und regierungshörigen Leitmedien ausgeliefert zu sein. (…) Es gibt für uns kein Leben in Würde ohne diese Pflicht der Regierung, ohne diese kollektive Bemühung um Wahrhaftigkeit.“

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#allesaufdentisch

Neue Informationsoffensive von Künstler:innen

Es war ein perfektes Timing: Wenige Tage nach der Wahl gingen über 50 Videos mit Gesprächen zwischen Künstler:innen und Wissenschaftler:innen online. #allesaufdentisch heißt diese Informationsoffensive von Künstler:innen, gewissermaßen eine Nachfolgeaktion der aufsehenerregenden, ironisch angelegten Aktion #allesdichtmachen. Jeweils ein:e Künstler:in unterhält sich darin mit einer/einem Wissenschaftler:in über ein bestimmtes Thema: Volker Bruch z. B. mit dem Medienwissenschaftler Michael Meyen über Faktenchecker, Nina Proll mit der Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot über Demokratie und Eigenverantwortung, Miriam Stein mit den Arzt Matthias Schrappe über Evidenzbasierte Medizin oder Alexa Rodrian mit dem Kinder- und Jugendarzt Steffen Rabe über die Corona-Schutzimpfung bei Kindern. Es sind Interviews, die deutlich machen sollen, was alles NICHT auf den Tisch gekommen ist in diesen Corona-Zeiten, und die einen „breitgefächerten, faktenbasierten, offenen und sachlichen Diskurs“ und auch eine ebensolche Auseinandersetzung mit den Videos einfordern.

Mit am interessantesten bei der Aktion sind die schwarz gebliebenen Felder auf der Homepage – dort steht, wer abgesagt oder auf die Anfrage für ein Gespräch gar nicht erst geantwortet hat. Und das sind bekannte Persönlichkeiten: u.a. Mai Thi Nguyen-Kim (Wissenschaftsjournalistin), Harald Lesch (Wissenschaftsjournalist, Astrophysiker), Richard David Precht (Philosoph), Alena Buyx (Vorsitzende des Deutschen Ethikrats), Lothar Wieler (Präsident des Robert Koch Institus), Markus Söder (CSU-Vorsitzender, Bayerischer Ministerpräsident), Jens Spahn (Bundesgesundheitsminister), Christian Drosten (Chef-Virologe der Charité und Berater der Kanzlerin), Ugur Sahin (Chef von BioNTech und Mitentwickler des Covid-19-Impfstoffs „Comirnaty“), Sandra Ciesek (Virologin), Karl Lauterbach (SPD-Gesundheitsexperte), Helge Braun (Kanzleramtsminister).

„Es ist Zeit für den Runden Tisch“, heißt die Petition, die die Künstler:innen gleichzeitig ins Leben gerufen haben. Gefordert wird darin ein „regelmäßig stattfindender Runder Tisch für das Corona-Krisenmanagement, an dem Wissenschafter:innen verschiedener Disziplinen mit unterschiedlichen Standpunkten interdisziplinär und evidenzbasiert diskutieren und anschließend die Politik beraten. Wichtig ist, dass in diesem Gremium auch Wissenschaftler:innen gehört werden, die nicht in institutioneller staatlicher Abhängigkeit stehen. Sämtliche Ergebnisse und daraus resultierende Maßnahmen sollen transparent mit allen Bürger:innen kommuniziert werden.“

In einem ausführlichen Interview mit der Berliner Zeitung äußert sich Schauspieler Volker Bruch (bekannt als Gereon Rath aus „Babylon Berlin“), einer der Initiatoren der Aktion, zu seinen Beweggründen: „Wenn ich Missstände sehe und sie nicht benenne, dann stimme ich zu und akzeptiere sie. Das möchte ich nicht. (…) Aktuell zum Beispiel wird massiver Druck auf Ungeimpfte ausgeübt, obwohl die Datenlage sagt, dass eine Impfung nur einen selbst vor einem schweren Verlauf schützt. Eine Herdenimmunität, welche ja als Argument für die Impfung aus Solidarität genommen wird, wird es nicht geben. Also warum lassen wir nicht einfach jeden frei entscheiden, ob er eine Impfung für sich möchte oder nicht. (…) Wir haben als Künstler, als Menschen, die wir sind, Wissenschaftlern Fragen gestellt, die Journalisten aktuell zu wenig stellen.“

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Die Causa Kimmich

Ein Bekenntnis und seine Folgen

Es war wieder mal die BILD, die als erste wusste, dass der Fußball-Nationalspieler Joshua Kimmich vom FC Bayern München nicht gegen Corona geimpft ist, wie die SZ berichtet. In einem Interview mit dem Fernsehsender Sky nach dem Bundesliga-Spiel am 23. Oktober hatte er das dann auch offiziell bestätigt. Deshalb sei er weder Corona-Leugner noch Impfgegner, er halte sich auch an die Hygieneregeln und teste sich regelmäßig. Er habe einfach „persönlich noch ein paar Bedenken, gerade was fehlende Langzeitstudien betrifft“. Dass er sich später noch impfen lasse, schloss er nicht aus.

Kimmich trat damit eine Lawine an Kommentaren los, die allesamt zum Ziel hatten, den vorbildlichen Fußball-Star zu demontieren, unglaubwürdig zu machen, in die Ecke zu stellen, zu erziehen, zu ermahnen, zu umschmeicheln – in jedem Fall aber: zum Impfen zu bewegen. Hier eine kleine Auswahl: „Als Botschaft fatal“ schrieb die SZ, er sei ein „Trittbrettfahrer“ und agiere „auf Kosten seiner Teamkollegen – denn wenn er positiv ist, muss er 14 Tage lang in Quarantäne“ und vor einem schweren Verlauf sei auch er nicht gefeit; „Es ist nicht gut, dass er nicht geimpft ist“, monierte Karl Lauterbach im SPIEGEL; „Es wäre besser, wenn Kimmich geimpft wäre“, zitiert die WELT den früheren Bayern München-Chef und Nationalspieler Karl-Heinz Rummenigge. Fußball-Legende Paul Breitner hat „null Verständnis“ für Kimmich, schreibt der SPIEGEL: „Für mich gibt es nur die Richtung, sich impfen zu lassen.“ Und interpretierte gleich noch die Äußerung von Fußball-Trainer Jürgen Klopp, der gesagt hatte, die Verweigerung der Corona-Impfung sei wie sich alkoholisiert ans Steuer zu setzen: „Er meinte damit und hätte vielleicht auch sagen können: Sich nicht impfen zu lassen ist potenzielle, vorsätzliche Körperverletzung.“ Der Deutschlandfunk kommentiert: „Statt Vorbild für eine solidarische Jugend zu sein“, habe Kimmich „sich für die Seite der Wissenschaftsleugner entschieden“. Er stehe „im Kulturkampf ums Impfen auf der falschen Seite“. Und der frühere Chefredakteur und Leiter des ARD-Hauptstadtstudios Berlin Ulrich Deppendorf schreibt auf Twitter: „Warum spielt der ungeimpfte Joshua Kimmich eigentlich noch in der Mannschaft von Bayern München? Bis zur Impfung sollte er nicht mehr aufgestellt werden. Was ist den Bayern-Verantwortlichen wichtiger, Vorbild oder Profit? Eher wohl letzteres.“

Auch die Politik mischte sich ein. Bundestagspräsidentin Bärbel Bas bot Kimmich an, sich mal auf einen Kaffee zu treffen, damit sie ihm persönlich sagen könne: „Trotz millionenfacher Impfungen gibt es keine Hinweise, die auf Langzeitschäden hindeuten.“ Kimmich sei „schlecht beraten“ worden und „einer Falschinformation aufgesessen“, sagte Ethikrats-Vorsitzende Alena Buyx dem ZDF. Skeptiker könnten seine Aussagen benutzen, um „Zweifel über die Impfung zu streuen“. Es sei ein „Irrglaube“, dass es nach einer Corona-Impfung zu Langzeitfolgen kommen könne. Und: „Die Pandemie ist noch nicht vorbei und Kimmich als jemand, der im Rampenlicht steht, ist dabei wichtig.“ Sollte er sich doch impfen lassen, könne das „einen Ruck geben“. Kimmich war Thema auf der Bundespressekonferenz, und selbst Angela Merkel persönlich fühlte sich berufen, etwas zur Causa Kimmich zu sagen. Im Rahmen eines Interviews mit der FAZ meinte sie, es gebe „ja sehr gute Sachargumente, die allgemein verfügbar sind. Vielleicht macht sich Joshua Kimmich darüber ja auch noch Gedanken.“

Zum wichtigsten Argument Kimmichs – fehlende Langzeitstudien – fahren die Medien als Gegenpart namhafte Wissenschaftler auf. Die SZ zitiert den Chef des Paul Ehrlich-Instituts (PEI) Klaus Cichutek, der sagt, dass „Langzeitnebenwirkungen, die erst nach Jahren auftreten, bei Impfstoffen generell nicht bekannt“ sind. Obwohl bei den Corona-Impfstoffen naturgemäß Langzeitdaten fehlen, seien „Langzeitfolgen nicht zu befürchten“, meint das Nachrichtenportal t-online.de, denn, so PEI-Sprecherin Susanne Stöcker, „häufig werde mit ‚Langzeitfolgen‘ bezeichnet, was eigentlich sehr seltene Nebenwirkungen seien.“ Und im ZDF-Interview legte Stöcker noch nach: „Langzeitnebenwirkungen, die erst nach Jahren auftreten, sind bei Impfstoffen generell nicht bekannt.“ Kimmichs Annahme beruhe „auf einem Missverständnis“ schreibt der SPIEGEL und zitiert noch einmal Cichutek: Man wisse „aus jahrzehntelanger Erfahrung, dass die meisten Nebenwirkungen innerhalb von Stunden oder Tagen auftreten“. Und holt zusätzlich noch den Würzburger Virologen Lars Dölken mit ins Boot, der sagt: „Alles, was jetzt noch entdeckt werden sollte, muss wirklich extrem selten sein und spielt im Vergleich zu den Risiken von Corona einfach keine Rolle. (…) Von den mRNA-Impfstoffen von Biontech und Moderna ist sechs Monate nach Impfung ganz sicher kein einziges Molekül mehr im Körper vorhanden. Probleme durch die Impfung, die dann noch neu auftreten, wären also quasi homöopathische Nebenwirkungen.“ In der WELT kommt der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Carsten Watzl, zu Wort: „Was offensichtlich viele Menschen unter Langzeitfolgen verstehen, nämlich dass heute geimpft werde und nächstes Jahr eine Nebenwirkung auftritt, das gibt es nicht, hat es noch nie gegeben und wird auch bei der Covid-19-Impfung nicht auftreten.“ Vielleicht sollten sie alle erst einmal das Video des Kinder- und Jugendarztes und ausgewiesenen Impfexperten Steffen Rabe anschauen: „Langzeitnebenwirkungen – ein Einwurf vom Spielfeldrand“.

Eines der wenigen Medien, die Öl auf die Wogen der Empörung gossen, war wieder mal die NZZ. Marc Felix Serrao, Chefredakteur der NZZ Deutschland, kommentierte dort über den Wandel von Kimmich vom Vorbild zum „nationalen Sorgenkind“: „Es ist wichtig, was Virologen und Pharmakologen über die Corona-Impfung sagen. Es ist egal, was der Fußballspieler Kimmich dazu sagt. (…) Schlecht beraten sind politisch bestellte Ethik-Erklärer und Regierungssprecher, die sich anmaßen, Privatpersonen für privateste Entscheidungen öffentlich zu rüffeln.“

Anna Schneider kommentiert in der WELT: „Was sich dieser Tage rund um die Entscheidung des Fußball-Nationalspielers Joshua Kimmich, sich (noch) nicht impfen zu lassen, in der öffentlichen Debatte abgespielt hat, ist gelinde gesagt unerträglich. Der Körper eines Menschen gehört niemandem außer diesem selbst. Diese Linie ist dunkelrot. Um es mit Jesus zu sagen: noli me tangere. Oder auch: Fass mich nicht an. (…) Das Ablehnen der individuellen Freiheit in diesem Zusammenhang und das Heraufbeschwören des pseudo-erhabenen Begriffs der Haltung ist sogar noch ein bisschen falscher als der Rest, denn nichts kann die individuelle Freiheit mehr betreffen als ein körperlicher Eingriff, nichts ist an dieser Stelle unpassender als die Moralkeule der Haltung zu schwingen, um mündige Entscheidungen abzuqualifizieren und so ins Abseits zu stellen. (…) Das Private ist eben nicht politisch, das Private ist privat, sonst bedürfte es auch keiner unterschiedlichen Begriffe. Wer das negiert, übersieht zwangsläufig, dass diese Politisierung der innersten Privatsphäre einzelner Bürger eine Lust an der Übergriffigkeit von Seiten des Staates und Teilen der Gesellschaft offenbart, die einer liberalen Demokratie unwürdig ist.“

Die Berliner Zeitung machte zu dem Thema ein ausführliches Pro und Contra. Darin meint Milosz Matuschek: „Joshua Kimmich steht am Pranger wie im Mittelalter!“: „Was hier an Kimmich durchexerziert wird, ist verachtenswert und widerlich. Es ist der nächste Tiefpunkt eines freidrehenden Covid-Kultes, der sich als ‚Team Vorsicht‘ tarnt und ein kollektives Gruppenkuscheln als Gesundheitsschutz ausgibt.“ Demgegenüber sagt Sören Kittel: „Regt Euch ab: Joshua Kimmich steht nicht am Pranger, er soll bloß nachdenken“: „Niemand wird hier ‚gecancelt‘. Im Gegenteil, hier wird viel zu viel Platz eingeräumt für eine Position, die mit falschen Zahlen arbeitet, aber mit Ängsten spielt. (…) Er (Kimmich) wolle nur Fragen stellen, heißt es. Er hat nun Antwort bekommen – und sollte danach handeln.“

Aber Kimmich steht nicht allein im Kreuzfeuer. Jede:r Prominente, die/der sich dazu bekennt, mit dem Impfen erstmal noch abwarten zu wollen, wird heftig in die Mangel genommen. Das musste jüngst Sahra Wagenknecht erfahren, die bei Anne Will saß und sich nicht gegen das Impfen aussprach, aber doch für sich in Anspruch nahm, sich erstmal nicht impfen zu lassen – jedenfalls nicht mit einem der Impfstoffe, die bisher zur Verfügung stehen. Das musste auch Richard David Precht erleben, der in seinem (übrigens sehr hörenswerten) Podcast mit Markus Lanz bekannt hatte, er würde „Kinder niemals impfen lassen“ (gemeint war nur die Impfung gegen Covid-19): „Ein im Aufbau befindliches Immunsystem mit diesem Impfstoff zu bearbeiten – das würde ich nicht tun. Der Staat habe kein Recht, eine Impfung einzufordern. Jeder müsse das selbst entscheiden können, „ohne dass ein gesellschaftlicher Druck aufgebaut wird. (…) Es ist nicht Aufgabe des Staates, jedermanns Krankheitsrisiko auszuschließen.“ Das verleitete Marco Evers, Redakteur im Wissenschaftsressort des SPIEGEL zu der Frage: „Wer ist Dr. Wirrkopf und wenn ja, wie viele wirklich?“ (in Anspielung auf Prechts Bestseller „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“). Precht sei „intellektuell abgestürzt und schwadroniert nun beim Coronathema auf ‚Querdenker‘-Niveau. Weil viele Menschen ihn für klug halten, ist das eine Gefahr.“ Der „fesche TV-Star“ und „intellektuelle Scheinriese“ erzähle „inzwischen gedanklich ungefilterten Unsinn, der nicht nur ärgerlich sein kann, sondern sogar gefährlich.“

Dagegen wendet sich die WELT und schreibt: Noch sei die Meinungsfreiheit gegeben – solange sowohl Wagenknecht als auch Kimmich und Precht sich überhaupt offen äußern können, herrsche Meinungsvielfalt. Aber man müsse sogleich hinzufügen: „Noch ist das so. Die Meinungsfreiheit, auch das zeigen die letzten Tage, ist in Gefahr wie nie zuvor. (…) Das Problem ist, dass in diesen Diskussionen immer unverhohlener gefordert wird, Meinungen, die einer Corona-Schutzimpfung in irgendeiner Weise kritisch gegenüberstehen, aus der öffentlichen Diskussion auszuschließen. Kai Gehring, grüner Bundestagsabgeordneter, fragt etwa nach einer angeblichen Mitverantwortung von Anne Will, weil sie ‚Wagenknecht wieder mal ein Forum in ihrer Sendung bietet‘ und selbst die FDP-Landtagsabgeordnete Franziska Müller-Rech fragt: ‚Warum kriegt Sahra #Wagenknecht bei @AnneWillTalk so viel Schwurbelbühne?!‘ (…) Für die Meinungsfreiheit ist wichtig, dass jede Meinung geäußert werden kann, egal, wie gut sie mit wissenschaftlichen Fakten übereinstimmt. Wissenschaft muss mit Argumenten und Beobachtungen überzeugen, sie darf nicht als Waffe zum Ausschluss abweichender Ansichten missbraucht werden.“

Auch Paul Ronzheimer forderte in der BILD: „Schluss mit dem Impf-Mobbing!“ Es müsse „einem angst und bange werden um die Meinungsfreiheit in Deutschland“: „Wer Kimmich, Precht oder Wagenknecht in den sozialen Medien verteidigt, wird als Impf-Gegner und Corona-Leugner beschimpft. Jeder muss sich vorm Mob rechtfertigen, ob er selbst denn geimpft sei (ja, bin ich – und jetzt?). (…) Die Ampel-Parteien stellen zwar noch nicht die Regierung, haben aber die Mehrheit im Bundestag. Sie müssen die Diskriminierung der Ungeimpften beenden, die aus dem Kanzleramt betrieben wird.“

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Auffrischen oder nicht?

Das Chaos ist perfekt

In den USA wurde den über 65-Jährigen bereits eine Corona-Auffrischimpfung mit dem BioNTech/Pfizer-Impfstoff empfohlen, ob das auch für den Moderna-Impfstoff gilt, ist noch unklar. Jetzt hat die Europäische Arzneimittelbehörde EMA nachgezogen und eine Auffrischimpfung „für Menschen mit stark beeinträchtigtem Immunsystem“ mit beiden Impfstoffen (BioNTech und Moderna) empfohlen. Die Studien hätten gezeigt, so meint die Behörde, dass eine zusätzliche Impfstoff-Dosis bei Menschen nach einer Organtransplantation dazu geführt habe, dass mehr Antikörper gegen SARS-CoV-2 gebildet wurden. Auch bei normalem Immunsystem könne bei über 18-Jährigen eine Auffrischimpfung ab sechs Monate nach der zweiten Dosis erwogen werden. Die Sicherheitsdaten zu den Booster-Impfungen seien jedoch „noch begrenzt“ und das „Risiko von entzündlichen Herzerkrankungen oder anderen sehr seltenen Nebenwirkungen nach einer Auffrischimpfung nicht bekannt“, wie die WELT berichtet. Mit dieser Empfehlung hat die EMA ihre Befugnisse deutlich überschritten. Eigentlich darf sie Arzneimittel lediglich zulassen und überwachen, nicht aber Empfehlungen aussprechen, wie es aus der Tätigkeitsbeschreibung der Europäischen Union hervorgeht. 

In Deutschland hatte die Gesundheitsministerkonferenz bereits Anfang September beschlossen, eine dritte Impfung sechs Monate nach der zweiten Dosis zu empfehlen. Die STIKO zog kurz darauf nach, schränkte die Empfehlung aber auf Personen mit geschwächtem Immunsystem bzw. seit 7. Oktober 2021 auch auf Menschen über 70 Jahre ein, wie aus ihrer Pressemitteilung hervorgeht.

Die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA hatte die dritte Impfung nur älteren Menschen und Risikogruppen empfohlen, nicht jedoch allgemein, wie die Ärzte-Zeitung berichtet. US-Präsident Biden hatte den Booster für alle gefordert, bei denen die Impfung länger als acht Monate zurückliegt. „Die bisherige Studienlage zeigt keine Notwendigkeit, in Bevölkerungsgruppen mit wirksamer, vollständiger Impfung Booster auf breiter Front zu verabreichen“, konterten Forscher im Fachblatt „The Lancet“.

Und damit das Impfchaos perfekt wird, musste das RKI jetzt auch noch die Angaben zur Wirksamkeit der Impfstoffe korrigieren. Bei den über 60-Jährigen senke die Impfung das Risiko von schweren Verläufen nicht mehr – wie früher angegeben – um 95 Prozent, sondern nur noch um 89 Prozent, bei den tödlichen Verläufen ging es von 93 auf 88 Prozent zurück, wie der SPIEGEL berichtet.

Es ist auch noch längst nicht erwiesen, dass eine dritte Dosis völlig unbedenklich ist, kann doch schon die erste oder zweite Dosis erhebliche Probleme nach sich ziehen. Aufsehen erregte der Fall der Berliner Opernsängerin Bettina Ranch, die nach der Impfung Lähmungserscheinungen erlitt und seither nicht mehr auftreten kann, wie die Berliner Zeitung berichtet. Ob sie vollständig genesen wird und ihren Beruf weiterhin ausüben kann, ist unklar. Ranch plädiert für einen offenen Umgang mit den Nebenwirkungen der Impfungen, vor allem, weil der Neurologe, bei dem sie zuerst in Behandlung war, sich geweigert habe, den Verdacht auf eine Impfnebenwirkung zu melden, wie die Berliner Zeitung in einem zweiten Bericht schreibt: „Er habe ihr gesagt: ‚Wenn ich das alles melden sollte, könnte ich die Praxis zumachen. Dafür habe ich keine Zeit.‘ Sie solle sich selber beim Gesundheitsamt darum kümmern.“

„Als ärztliche Mitarbeiterin eines Gesundheitsamtes wundert mich die Schilderung von Frau Ranch nicht“, schreibt Antje Greve, ärztliche Mitarbeiterin des Gesundheitsamtes Karlsruhe zum Fall der Sängerin in einer Zuschrift an die Berliner Zeitung. Es bestehe keine Kontrolle darüber, ob eine Impfkomplikation gemeldet werde oder nicht. „Ich gehe von einer erheblichen Untererfassung von Impfkomplikationen, inklusive Todesfolge, nach Impfung aus. Bei deutlich sinkenden Todeszahlen durch Covid nähern sich die Todesraten von Covid-Toten und Impftoten weiter an, und es wäre fatal, wenn eines Tages Gleichstand oder ein Überhang von Impftoten herrschte, ohne dass diese Tatsache anhand der Untererfassung überhaupt bemerkt würde.“ 

In den überregionalen Medien schlugen sich diese Erkenntnisse bisher nicht nieder, schon gar nicht im öffentlich-rechtlichen deutschen Fernsehen. „Ich kann nicht mehr“, gestand der ARD-Mitarbeiter Ole Skambraks, Redakteur bei SWR2, jetzt in einem ausführlichen Offenen Brief, der beim Internet-Magazin Multipolar veröffentlicht wurde: Ich kann nicht mehr schweigen. Ich kann nicht mehr wortlos hinnehmen, was seit nunmehr anderthalb Jahren bei meinem Arbeitgeber, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk passiert. In den Statuten und Medienstaatsverträgen sind Dinge wie ‚Ausgewogenheit‘, ‚gesellschaftlicher Zusammenhalt‘ und ‚Diversität‘ in der Berichterstattung verankert. Praktiziert wird das genaue Gegenteil. Einen wahrhaftigen Diskurs und Austausch, in dem sich alle Teile der Gesellschaft wiederfinden, gibt es nicht. (…) Anstelle eines offenen Meinungsaustausches wurde ein ‚wissenschaftlicher Konsens‘ proklamiert, den es zu verteidigen gilt. Wer diesen anzweifelt und eine multidimensionale Perspektive auf die Pandemie einfordert, erntet Empörung und Häme. (…) Lange Zeit konnte ich mit Stolz und Freude sagen, dass ich beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk arbeite. Viele herausragende Recherchen, Formate und Inhalte kommen von ARD, ZDF und dem Deutschlandradio. Die Qualitätsstandards sind extrem hoch und tausende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter leisten auch unter erhöhtem Kostendruck und Sparvorgaben hervorragende Arbeit. Doch bei Corona ist etwas schiefgelaufen. Plötzlich nehme ich einen Tunnelblick und Scheuklappen wahr und einen vermeintlichen Konsens, der nicht mehr hinterfragt wird. (…)

So gut wie alle Bereiche unseres Lebens befinden sich in einer Transformation. Wie diese verläuft, liegt maßgeblich an unserer Fähigkeit der Kooperation, des Mitgefühls und des Bewusstseins von uns selbst und unseren Worten und Taten. Für unsere geistige Gesundheit täten wir gut daran, den Debattenraum zu öffnen – in Achtsamkeit, Respekt und Verständnis für unterschiedliche Perspektiven. (…) Diese Zeilen schreibend komme ich mir vor wie ein Ketzer; jemand, der Hochverrat begeht und mit Strafe rechnen muss. Vielleicht ist es gar nicht so. Vielleicht riskiere ich hiermit gar nicht meinen Job, und Meinungsfreiheit und Pluralismus sind nicht gefährdet. Ich wünsche es mir sehr und freue mich über einen konstruktiven Austausch mit Kolleginnen und Kollegen.“

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2G und Boostern

Das Impfen als alleinige Rettung?

Währenddessen greift 2G immer weiter Raum. Der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, plädiert im ZDF-Morgenmagazin „für 2G in größeren Teilen gemeinsamen Lebens, z. B. im Museum oder in der Gastronomie, und für 3G am Arbeitsplatz“ und verspricht sich davon „einen zusätzlichen Impfanreiz.“ Angesichts steigender Corona-Inzidenzen fordere auch Angela Merkel „stärkere Kontrollen der sogenannten 3G-Regelung und hält weitere Einschränkungen für Nicht-Geimpfte für denkbar“, meldet die WELT. Regierungssprecher Steffen Seibert habe in der Bundespressekonferenz mitgeteilt, „wenn sich die pandemische Lage weiter zuspitze, seien weitere Beschränkungen nur bei Nicht-Geimpften möglich. ‚Das führt dann logisch zur 2G-Regel‘, sagte Seibert. Einige Bundesländer würden über diese Ausweitung nachdenken, das habe eine gewisse Logik, sagte Seibert.“

Die meisten Theater und Konzerthäuser haben 2G ohnehin schon zur Regel gemacht, wogegen sich das Netzwerk Musik in Freiheit mit einem eindrücklichen Manifest wendet. Darin heißt es u.a.: „Unser Schaffen als Musiker basiert auf universellen und grundlegenden Werten wie gegenseitigem Respekt, Empathie, Mitgefühl und Toleranz. Wir sehen jeden Menschen als einzigartiges Individuum, das auf Grundlage seiner Lebenserfahrung eigenverantwortliche Entscheidungen trifft. Musik kann ihre Kraft nur dann entfalten, wenn alle Menschen freien Zugang zu Konzertveranstaltungen haben, unabhängig von Bedingungen und Einschränkungen; jeder Einzelne frei entscheiden kann, unter welchen Umständen ein Konzertbesuch verantwortungsvoll möglich ist; Künstler ihre Kunst ungehindert ausüben können. (...) Mit den aktuellen Maßnahmen und Regeln verbreitet sich darüber hinaus in unseren Augen ein Menschenbild, das jeden Mitmenschen als einen potenziellen Gefährder ansieht. Dieser Angriff auf die Würde des Menschen ist gesellschaftszersetzend – nicht nur räumlich, sondern auch rechtlich, persönlich und emotional. (...) Wir Musiker fordern hiermit, der Musik und der Kunst im direkten Austausch mit allen Menschen ihren dringend notwendigen, gewohnten, diskriminierungsfreien und freiheitlichen Raum zurückzugeben. Wir erkennen, dass uns allen eine der wichtigsten Quellen für Lebenskraft genommen wird. Wir Musiker stehen ein für Musik in Freiheit!"

Inzwischen gehen auch Arzt- und Therapiepraxen mehr und mehr dazu über, ungeimpfte Patient:innen abzuweisen, wie die WELT berichtet. Da nutzt es auch wenig, wenn das Bundesgesundheitsministerium betont: „Vertragsärzte sind verpflichtet, Patientinnen und Patienten zu behandeln. Die Behandlung dürfen sie nicht von der Einhaltung der 3G-Regel abhängig machen.“ Das berge „rechtliche Gefahren“, meldet auch die Ärztezeitung: „Die Behandlung gesetzlich Versicherter kann rechtssicher nicht davon abhängig gemacht werden, dass sie 3G einhalten. Bei Unterlassung einer Untersuchung oder Behandlung drohen neben disziplinarrechtlichen auch strafrechtliche Konsequenzen – etwa als unterlassene Hilfeleistung (§ 232c StGB) – und danach auch Schadensersatzansprüche. Vertretbar dürfte es jedoch sein, Patienten, die 3G nicht erfüllen, gesonderte Sprechzeiten anzubieten und im Übrigen an der bereits praktizierten Strategie festzuhalten, Tests anzubieten. Hierbei dürfte die Erreichbarkeit gemäß Versorgungsauftrag durch ausreichend Sprechstunden sicherzustellen sein.“

Auch in Firmen und im öffentlichen Raum greift eine Art Impf-Apartheid um sich: „Bayer trennt Geimpfte von Ungeimpften“ und führt „Extra-Bereiche in der Kantine“ ein, wie n-tv meldet. Firmenintern trennen sich beim Leverkusener Chemiekonzern inzwischen Mitarbeiter:innen von selbst bei Arbeitsgruppen oder Meetings in Geimpfte und Ungeimpfte.

Berlins Noch-Bürgermeister Michael Müller prüfe derzeit ein neues Corona-Regime, schreibt Thomas Vitzthum in der WELT: Bei bestimmten Anlässen – Clubnächte, volle Stadien, Großveranstaltungen – sollen sich auch Geimpfte und Genesene verpflichten testen lassen müssen. Ein „Modell 2G-plus“ gewissermaßen: „Heißt eigentlich auch: Doppelt oder bald dreifach geimpfte Besucher der Berliner Philharmoniker – immerhin passen in die Philharmonie 2250 Besucher – müssten vorher zu einem Testzentrum, um dann unter Aufrechterhaltung der Maskenpflicht am Platz Musik hören zu können. Dann will man es wohl lieber ganz lassen – und es hat den Anschein, als sei das das Ziel der Berliner Politik.“ Der 2G-Plus-Plan sei ein Skandal und „entlarvt alle Versprechungen, wonach mit dem Impfen die Freiheit zurückkehrt, wonach Geimpfte keine Einschränkungen mehr hinzunehmen haben, als Lüge. Er desavouiert damit das Vertrauen der Geimpften und Genesenen in den Staat. Reicht es nicht, dass viel Ungeimpfte mit dem Staat hadern? (…) Man müsste schon eine Art Kondom gegen Corona entwickeln, um den Maßnahmen-Katalog noch substanziell zu erweitern. Und selbst Kondome schützen nicht zu 100 Prozent gegen HIV, das tat lange nur die Enthaltsamkeit. Bei Corona wäre das die Einsamkeit. (…) Test sind keine Lappalie, auch Masken und Abstand sind es nicht. Es sind substanzielle Eingriffe in die Freiheit, in den menschlichen Wunsch nach Spontaneität, nach Wiedererkennbarkeit, nach Nähe. Wer dies wie der Berliner Senat mit 2G-Plus negiert, der gibt der Corona-Pandemie eine Ewigkeitsgarantie, der reduziert das Jahr auf ein paar schöne Monate zwischen Mai und September. Denn der nächste Winter kommt immer verlässlich – und damit die nächste Corona-Welle.“

Die Uni Hannover hat ihre eigenen Verhaltensanweisungen für die Benutzung von Treppenhäusern erlassen, wie aus einem Tweet von Christian von Coelln hervorgeht, der das fotografisch dokumentiert hat. Auf dem Schild ist zu lesen: „Der Treppenaufgang darf in beide Richtungen genutzt werden, eine Absprache der Anwesenden ist notwendig. Das aneinander vorbeigehen muss auf dem Podest stattfinden. Eine Person stellt sich dicht in eine Ecke, Gesicht zur Wand, die andere Person geht eng am Geländer vorbei.“

„Auch Ungeimpfte haben Grundrechte“ meint der Chirurg und Publizist Bernd Hontschik in der Frankfurter Rundschau (FR): „Ungeimpfte werden auf dem Weg zur Herdenimmunität inzwischen mit allen Mitteln ins Impfgatter getrieben, mit 2G statt 3G, mit dem Ende kostenloser Tests, mit der Verweigerung von Arztterminen, mit der Abschaffung der Quarantäne-Lohnfortzahlung, mit dem Impfzwang an immer mehr Arbeitsplätzen. Berichte über erschöpftes Pflegepersonal, das zunehmend aggressiv auf Ungeimpfte reagiert, tun ein Übriges – auch wenn das eher mit der katastrophalen Personalnot zusammenhängt als nur mit der Schwere der Arbeit.“ Wenn man „Ungeimpfte, also ‚Ungehorsame‘, ihrem Schicksal“ überlasse, „ohne medizinischen Beistand“, sei das „ein Angriff auf die Grundlagen unseres Zusammenlebens. Und es ist eine Attacke auf die Menschenwürde.“

Das erscheint umso bedeutsamer, als „G nicht gleich G“ zu sein scheint, wie Elke Bodderas in der WELT berichtet. Gemeint sind damit die Genesenen, über die ohnehin kaum jemand spricht: „Es sind mehr als 4,3 Millionen, das RKI zählt gegenwärtig exakt 4.310.273 Männer und Frauen. Das ist die offizielle, gesicherte Ziffer. Tatsächlich dürfte es sich mit Dunkelziffer um mindestens acht Millionen in Deutschland handeln, die unter einer Pandemie-Schikane leiden, deren Ursprung Ängstlichkeit ist, Achselzucken oder irgendetwas zwischen Unwissenheit und Ignoranz. (…) Gegen jede politische Logik und gegen alle wissenschaftliche Erkenntnis sehen sich Corona-Genesene benachteiligt. Ihre Corona-Maßnahmen, ihre gekürzten Privilegien sehen danach aus, als handele es sich im Vergleich zur Impfung um eine Immunität zweiter Klasse. (…) Das volle Programm an Privilegien, Freiheiten, Erleichterungen, das Geimpften gebührt, enthalten Behörden und politische Entscheider den Genesenen vor. Das beginnt damit, dass viele Genesene Mühe haben, ihren Status zu beweisen – und es endet mit einer Verordnung, die die Immunität nach sechs Monaten aberkennt. Danach bleibt nur noch ein Schwabenstreich: Die immunologisch denkbar Bestgeschützten müssen sich impfen lassen. Wissenschaftlich begründet ist die Verordnung nicht.“ Trotzdem laufe „alle politische Strategie für Genesene auf einen nachdrücklichen Schubs zum Impfarzt hinaus.“ Denn anders als bei jeder anderen Infektion wie Masern, Röteln oder Mumps, reiche ein Antikörpertest nicht aus, um als genesen zu gelten: „Laut ‚Covid-19-Schutzmaßnahmenverordnung‘ vom 8. Mai 2021 muss der Nachweis durch einen PCR-Test zum Zeitpunkt der Infektion erfolgen, so das Gesundheitsministerium. Wer diesen Zeitpunkt verpasst, hat Pech gehabt.“ Dafür brauchen Genesene mit durch PCR-Test nachgewiesener Infektion nach einem halben Jahr nur eine Impfung (nicht zwei), um als „geimpft“ zu gelten. Ob diese Impfung tatsächlich etwas nützt, ist allerdings nicht erwiesen. 

Dafür wird jetzt umso mehr für die Booster-Impfungen geworben. „Booster-Impfung bringt hohen Schutz“ wirbt der SPIEGEL. „Der Schutz steigt um weitere 95 Prozent.“ Auch aerzteblatt.de schreibt: „Dritte Impfung von Biontech zeigt laut Studie hohe Wirksamkeit.“ Es sind Angaben, die lediglich auf einer Pressemitteilung von Biontech/Pfizer beruhen, nicht auf einer überprüfbaren Studien-Veröffentlichung. Vielleicht geschieht das nicht ohne Grund, denn ein Whistleblower hat jetzt offenbart, dass es bei den Zulassungsstudien nicht immer ganz sauber zugegangen ist, wie das angesehene Fachblatt British Medical Journal (BMJ) berichtet. Darin heißt es: „Die Enthüllungen über mangelhafte Praktiken bei einem Auftragsforschungsunternehmen, das an der Durchführung der entscheidenden Covid-19-Impfstoffstudie von Pfizer beteiligt war, werfen Fragen zur Datenintegrität und behördlichen Aufsicht auf. Ein Regionaldirektor, der bei der Forschungsorganisation Ventavia Research Group beschäftigt war, hat gegenüber BMJ erklärt, das Unternehmen habe Daten gefälscht, Patienten entblindet, unzureichend geschulte Impfärzte eingesetzt und unerwünschte Ereignisse, die im Rahmen der zulassungsrelevanten Phase-III-Studie von Pfizer gemeldet wurden, nur zögerlich verfolgt.“ Es habe gravierende Mängel gegeben, z. B. seien Studienteilnehmer nicht überwacht, unerwünschte Wirkungen nicht weiterverfolgt, Protokollabweichungen nicht gemeldet, Laborproben falsch etikettiert, Impfstoffe nicht sachgerecht gelagert und Mitarbeiter, die diese Probleme meldeten, gezielt angegriffen worden. Das hat jetzt die Pharmazeutische Zeitung aufgegriffen und meldet „Schlamperei bei Comirnaty-Zulassungsstudie“ und schreibt in einem Kommentar, das Signal, das von diesem Bericht ausgehe, sei „sehr ungut“. „Zwar richten sich die Vorwürfe nicht gegen Pfizer und Biontech direkt, sondern gegen den Subunternehmer Ventavia. Doch muss die Art und Weise, wie mit der immerhin offiziell an die FDA gerichteten Beschwerde Jacksons (nicht) umgegangen wurde, nachdenklich stimmen.“

All dieser Dinge ungeachtet möchte Noch-Gesundheitsminister Jens Spahn „möglichst viele Menschen von einer Auffrischimpfung überzeugen“ und dafür die Impfzentren wieder öffnen, wie die WELT berichtet. Aus den Bundesländern gab es dagegen massiven Widerspruch – denn so einfach lässt es sich nicht gestalten, die gerade erst geschlossenen Impfzentren wiederzubeleben. Auch wehren sich die Hausärzte dagegen, dass ihnen das Impfen jetzt wieder aus der Hand genommen wird: „Die aktuelle ‚Freibier-Stimmung’ überrascht mich doch sehr“, sagt der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt. „Alle Impfzentren aufmachen, Booster-Impfungen ohne Altersbeschränkung – wissenschaftliche und medizinische Kenntnisse und die Erfahrungen der vergangenen Monate werden dabei vom Tisch gewischt. Er sehe keinen Grund, warum die Praxen, die ‚schließlich den Impfturbo gezündet haben‘, die Booster-Impfungen nicht leisten können sollten – wenn ihnen keine Steine in den Weg gelegt werden.“

Auch die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) hisst in Sachen Booster-Impfungen die rote Flagge, wie Reuters berichtet – zumindest was den Impfstoff von Johnson&Johnson betrifft.  

Dass Drittimpfungen sinnvoll seien, hält der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, in einem Interview mit dem Weser-Kurier „für bisher durch die Datenlage nicht gedeckt“. Man solle sich stattdessen an die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) halten, die eine Booster-Impfung derzeit bei über 70-Jährigen, Vorerkrankten und mit ihnen in Kontakt kommenden Gesundheitsberufe empfiehlt. Für die Normalbevölkerung sei die dritte Impfung nach jetziger Lage dagegen nicht erforderlich. Für die Booster-Impfungen seien „die Praxen der richtige Ort“. Und in der Bundespressekonferenz fügte Gassen, wie die WELT  berichtet, noch hinzu: „Wir würden einfach ganz gerne unsere Arbeit machen, ohne Bauchevidenz in der Politik. Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht.“ Man werde nicht jeden individuellen Tod beispielsweise in Pflegeheimen verhindern können. „Die Antwort muss man auch mal geben. Es werden so oder so auch Menschen an Corona sterben, auch wenn manchmal ein anderer Eindruck erweckt wird.“

Dass der Schutz vor schweren Verläufen mit der Zeit nachlässt, ist allerdings nicht mehr von der Hand zu weisen, wie eine Studie aus Israel zeigt, die im New England Journal of Medicine publiziert wurde. Dabei spielt offenbar der Abstand zur zweiten Impfdosis eine Rolle, der vor allem bei den über 40-Jährigen offenbar kürzer ist, wenn zwischen erster und zweiter Impfung nur drei statt – wie hierzulande üblich – sechs Wochen liegen. Für die 16- bis 39-Jährigen ließ sich das nicht bestätigen. Und auch eine schwedische Studie, die als Preprint im Fachblatt The Lancet veröffentlicht wurde, findet bei Älteren, Vorerkrankten und Männern eine nachlassende Schutzwirkung für schwere Verläufe, wenn die zweite Impfung mehr als neun Monate zurückliegt.

Und auch in Israel selbst regt sich Widerspruch gegen die dortige Corona-Politik, die längst nicht so erfolgreich zu sein scheint, wie sie immer dargestellt wird. So berichtet Israel heute über Raya Liebowitz, Leiterin der Onkologie am Shamir Medical Center und Mitglied der Medizinischen Fakultät an der Universität Tel Aviv. Sie sagt, das der Pfizer-Impfstoff weder die vierte Corona-Welle gestoppt und auch der "grüne Pass" – in Israel Nachweis des Geimpftseins und somit die Eintrittskarte für das öffentliche Leben – die Ausbreitung nicht verhindert habe, weil eben auch Geimpfte das Virus verbreiten: „Wenn überhaupt, dann haben diese Maßnahmen die Krise verschlimmert. (...) Die Ärztin wies darauf hin, dass der Covid-19-Impfstoff die mit Coronavirus-Infektionen verbundenen schweren Nebenwirkungen verringern kann und daher älteren Menschen und Personen mit Vorerkrankungen verabreicht werden sollte. Sie betonte jedoch, das 'das Toxizitäts-Nutzen-Verhältnis bei jungen Erwachsenen noch nicht geklärt ist und Menschen nicht unter Druck gesetzt werden sollten, den Impfstoff zu nehmen, geschweige denn sich dazu gezwungen fühlen sollten.' Das Programm des Grünen Passes zielt jedoch genau darauf ab, die Israelis zur Impfung zu zwingen." 

Währenddessen hat die Uniklinik Münster die Auffrischimpfungen für die dort Beschäftigten gestoppt, wie Antenne Münster am 29. Oktober meldet, denn es habe „ungewöhnlich viele Impfreaktionen“ gegeben: „Erst heute morgen hatte das UKM mitgeteilt, dass allen 11.000 Mitarbeitenden bis Ende des Jahres ein Angebot für die sogenannte Booster-Impfung gemacht werde. Das sei auch weiterhin das Ziel, so die Sprecherin. Der vorübergehende Stopp gelte insbesondere dem Pflegepersonal der Intensivstationen. Man habe befürchten müssen, dass wegen der Impfreaktionen jetzt am langen Wochenende mehr Personal ausfalle als die Dienstpläne vertragen.“

Gerade bei jungen Menschen ist weiterhin Vorsicht geboten, denn es gibt neue Daten zu Herzmuskelentzündungen bei jungen Männern, wie das Arznei-Telegramm berichtet. Das Risiko dafür liege „für 16- bis 17-jährige junge Männer bei 1:5.000“ und sei damit „fast dreimal so hoch wie die aus Verdachtsberichten nach der zweiten Dosis abgeleitete Melderate von 1:14.000.“ Das Arzneitelegramm bezieht sich auf eine Studie aus Israel: „Klinisch werden die Erkrankungen bei 95% als mild eingestuft. Bei sieben Betroffenen (5%) wird der Verlauf als kompliziert beschrieben (…), darunter ein 22-jähriger Patient (Geschlecht nicht angegeben), der einen Tag nach Diagnose an fulminanter Myokarditis stirbt.“

Dass die Sorge vor unerwünschten Wirkungen auch bei Frauen nicht unbegründet ist, zeigt ein Bericht des britischen Health Advisory and Recovery Teams, der HART-Group. Sie kritisiert, dass die Belange von Frauen im gebärfähigen Alter „beiseite geschoben“ werden. Menschen, die Sicherheitsbedenken geäußert haben, seien verunglimpft und Warnungen vor Nebenwirkungen seien ignoriert worden: „Die Bedenken von Frauen im Zusammenhang mit der Menstruation wurden beiseite geschoben, und erst im letzten Monat wurde Geld für eine klinische Studie zugesagt, die untersuchen soll, wie lange es dauert, bis sich die Menstruation von Teenagern nach der Impfung wieder normalisiert.“ Befunde, die „nicht in das Narrativ von ‚sicher und wirksam‘ passen“, seien „einfach spurlos aus allen Medien und Forschungskanälen verschwunden.“ Und weiter heißt es in dem Papier: „Diese Zensur wissenschaftlicher Untersuchungen bei der Einführung einer brandneuen Biotechnologie ist ein sehr gefährliches Spiel. Wenn es der pharmazeutischen Industrie gelungen ist, sowohl die Medien als auch die Regulierungsbehörden in ihren Bann zu ziehen und über 18 Monate lang unerbittliche Propaganda zu betreiben, wer ist dann letztendlich für die Schäden verantwortlich, die dadurch verursacht werden können? Sicherlich nicht die Impfstoffhersteller, denen eine gesetzliche Entschädigung gewährt wurde. Mediziner in aller Welt sollten wegen des völligen Fehlens angemessener Sicherheitsstudien Alarm schlagen.“

Das erscheint umso begründeter, als gerade jüngst bekannt wurde, dass ein Kind aus dem Landkreis Cuxhaven zwei Tage nach der Impfung gestorben sei. „Erste Erkenntnisse deuten darauf hin, dass der Tod mit der Impfung zusammenhängen könnte“, meldet der NDR. „Weil in den sozialen Medien Gerüchte aufgekommen seien, mache der Landkreis den Fall jetzt öffentlich, sagte eine Sprecherin.“ Das Kind wurde jetzt im Rechtsmedizinischen Institut am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf obduziert. Der abschließende Bericht steht noch aus.

„Die Dunkelziffer bei den Impfschäden ist enorm hoch“, meint auch der Berliner Arzt Erich Freisleben in einem Interview mit Cicero online. Er plädiert dafür, die Frage, ob geimpft wird oder nicht, individuell abzuwägen: „Die Politisierung der Wissenschaft, wie wir sie derzeit erleben, bei der sehr viel Druck ausgeübt wird und bei der immer dieselben Wissenschaftler als Zeugen aufgerufen und Andersmeinende ins Aus gestellt werden – das alles wird einen gewaltigen Flurschaden hinterlassen, weil es letztendlich auf Dauer das Vertrauen der Menschen in die Wissenschaft, vor allem in Bezug auf Impfungen, massiv erschüttern wird. Mir liegt sehr daran, dass man die Wahrheit auf den Tisch legt. Selbst dann gibt es immer noch genügend gute Argumente für eine Impfung, aber Zweifel können durchaus berechtigt sein. (…) Ich habe bisher ungefähr 300 Covid-Fälle in meiner Praxis erlebt, habe durch schwere Krankheitsverläufe sechs Patienten verloren und in vier Fällen ein Monate währendes Long-Covid-Syndrom diagnostizieren müssen. Als Folge der umfangreicheren Anzahl von Corona-Impfungen starb ein zuvor weitgehend gesunder 62-Jähriger an einer Sinusvenenthrombose, verfolgte ich drei Lungenembolien, ein Guillain-Barré-Syndrom und registrierte 25 Fälle mit teils erheblichen, über Wochen bestehenden Nebenwirkungen. Symptome, die sehr häufig sind, sind etwa eine ungeheure Müdigkeit, untypische starke Kopfschmerzen bis hin zu neurologischen Phänomenen wie Nervenschmerzen, Lähmungen, Geschmacksstörungen, Lichtempfindlichkeit, oft Dinge, die auf eine Gehirnbeteiligung hinweisen. Die Beschwerden führten zwar nicht zwingend zu einem Krankenhaus-Aufenthalt, sie beeinträchtigten aber das Leben der Betroffenen oftmals stark. Die besagten fast 30 Fälle sind in Relation zu der Anzahl von 2.500 Patienten, die pro Quartal in meiner Praxis von zwei Ärzten behandelt werden und von denen vielleicht 60 Prozent geimpft sind, eine erstaunlich hohe Zahl.“ Er selbst melde alle Verdachtsfälle, aber das Verfahren sei aufwendig und zeitintensiv und lasse sich nur in der Freizeit erledigen. Die Dunkelziffer sei deshalb „enorm hoch“. Man hätte einen Großteil der Menschen auf Antikörper gegen endemische Corona-Viren testen lassen können. Ihr Vorhandensein gebe zwar keinen hundertprozentigen Schutz, mache aber schwere Krankheitsverläufe durch Covid-19 unwahrscheinlicher. „Diese Testmöglichkeit hätte man besonders jüngeren Menschen anbieten können und die Impfung vorrangig denen geben sollen, die weitgehend ungeschützt und insgesamt verletzlich sind. Der Bevölkerung wäre mit solch einem gezielteren, aber entspannteren Umgang ein Großteil der Ängste erspart geblieben. Dann wären wir, wie Schweden, schon längst aus der Pandemie draußen.“

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Kinder und Corona

Der Druck auf die Jugendlichen wächst

 

Nicht erst seit die STIKO eingeknickt ist und die Impfung jetzt auch für Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren empfohlen hat, stehen Teenager unter massivem Druck, sich impfen zu lassen. Entgegen allen Ankündigungen, für Nichtgeimpfte dürfe es keine Nachteile geben, verlangen einzelne Schulen inzwischen für die Teilnahme z. B. an Schülerfreizeiten einen Impfnachweis.

Als ginge es darum, viele, viele bunte Smarties zu verteilen, werden die Jugendlichen mit Bussen zum „kleinen Pieks“ geschafft, kommt der Impfbus auf den Schulhof oder steht beim Festival, vor dem Fußballstadion, in Parks und auf Amüsiermeilen. Nicht überall stößt das auf Zustimmung. Als die Berliner Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci die über 12-Jährigen direkt und persönlich angeschrieben hatte, um sie von einer Impfung zu überzeugen, protestierten Eltern mit einem Offenen Brief dagegen: „Wir Eltern fordern Sie auf, darzulegen, auf welcher Wissensgrundlage Sie unsere Kinder zum Impfen gegen das Coronavirus drängen. Denn Ihrem Schreiben fehlen sämtliche Ansätze für eine verantwortungsvolle und fürsorgliche gesundheitliche Aufklärung.“ Es sei „ein fragwürdiger Stil, die Erziehungs- und Sorgeberechtigten einfach zu umgehen“. Die Senatorin versuche, „Druck aufzubauen, nach dem Motto, Ihr dürft erst wieder Spaß haben, Sport machen und lernen, wenn Ihr alle durchgeimpft seid!“

Und das, obwohl feststeht, dass eine Corona-Infektion bei Kindern und Jugendlichen nur extrem selten einen schweren Verlauf hat, wie das Deutsche Ärzteblatt schreibt, und dass vor allem eine natürliche Infektion einen viel länger anhaltenden, zuverlässigeren Immunschutz bewirkt als jede Impfung, wie das RND berichtet: „Eine Studie aus Israel legt nahe, dass jemand, der sich mit dem Virus angesteckt hat, sogar besser vor der Delta-Mutante geschützt ist als jemand, der zwei Dosen des Corona-Impfstoffs von BioNTech/Pfizer erhalten hat – also vollständig geimpft ist“, heißt es dort. Das bedeute nicht, dass die Impfung nicht wirksam sei, betonen die Wissenschaftler, und man wolle damit auch nicht „Corona-Partys“ Vorschub leisten. Denn die Studie beziehe sich nur auf die Immunität, sie berücksichtige nicht die Probleme, die mit einer Corona-Infektion auch einhergehen können (Herzrhythmusstörungen, tiefe Venenthrombosen, Long Covid).

Ihr Immunsystem schütze Kinder auf doppelte Weise, berichtet „Spektrum der Wissenschaft“: Ihr angeborenes Immunsystem in den Schleimhäuten ihrer Atemwege sei viel aktiver als bei Erwachsenen und reagiere schneller auf Viren, denen es noch nie begegnet ist. Die Kinder seien dadurch auch sehr viel besser vor einem schweren Verlauf geschützt. Nur wenn dieses System gestört ist, z. B. durch einen erblichen Defekt, verschwinde dieser Schutzeffekt.

Dessen ungeachtet malt Karl Lauterbach (SPD) wieder einmal den Teufel an die Wand: „Wir laufen auf eine Durchseuchung der Kinder zu“, warnt er in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. Dabei ist schon die Wortwahl alarmierend: Wer möchte schon gerne „durchseucht“ werden …? Lauterbach besorgt „die Zahl der Kinder, die erkranken, denn das ist ja keine Kleinigkeit, wenn Kinder an Covid erkranken.“ Es stimme zwar, dass „in der Regel die Krankheit harmlos“ verlaufe. Aber: „Niemand von uns weiß genau, was die langfristigen Schäden von Covid bei Kindern sind. (…) Wir sollten da jede denkbare Erkrankung vermeiden.“

Anders als die STIKO hat die britische Impfkommission sich gegen eine Impfung bei 12- bis 15-Jährigen ausgesprochen, berichtet der SPIEGEL. Den Nutzen für gesunde Kinder stuft die Kommission als „wahrscheinlich gering“ ein. Man wolle erstmal die langfristigen Auswirkungen der bei jungen Menschen häufiger vorkommenden Herzmuskelentzündung als Nebenwirkung der Impfung mit BioNTech/Pfizer untersuchen, sagen die Briten. Stand 20. August 2021 verzeichnete das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) bei 24 Jugendlichen (22 Männer, zwei Frauen) eine solche Myokarditis. Das waren mehr Fälle als statistisch zu erwarten gewesen seien, schreibt die WELT. Insgesamt seien bis dahin 1,3 Millionen Impfdosen an Jugendliche abgegeben worden.

„Die Kinderimpfung wird die Pandemie nicht aufhalten“, meint der Chef der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie, Tobias Tenenbaum, in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). Auch Tenenbaum warnt davor, die Herzmuskelentzündungen auf die leichte Schulter zu nehmen: „Die gibt es bei Minderjährigen sonst so gut wie nie. Das muss man sehr ernst nehmen und kann es nicht einfach so abtun.“ Es sei jedoch eine extrem seltene Nebenwirkung und gut zu beherrschen. Die Impfung könne „die Virusausbreitung allerdings nicht signifikant aufhalten oder die Hospitalisierungszahlen drücken“, sagt Tenenbaum. „Kinder erkranken auch ohne Impfung kaum an Covid-19 und verbreiten die Infektion auch weniger als Erwachsene. Das ist durch wissenschaftliche Daten belegt. Man darf ihnen nicht die Verantwortung für den Pandemieverlauf aufbürden. Das haben vor allem wir Erwachsenen in der Hand.“

Dass Kinder meist gut mit einer Corona-Infektion zurechtkommen, zeigt auch die Tatsache, dass neun von zehn Corona-infizierten Kindern, die im Krankenhaus behandelt werden, wegen anderer Diagnosen dort sind (z. B. Knochenbrüche, Blinddarmentzündung), wie Jörg Dötsch anlässlich eines Pressebriefing des Science Media Centers erklärte (Bericht in der WELT). Gefährdet für einen schweren Verlauf seien nur Kinder mit bestimmten chronischen Vorerkrankungen oder starkem Übergewicht. In den Monaten August und September hätten lediglich drei Kinder in ganz Deutschland wegen Covid-19 intensivmedizinisch behandelt werden müssen. Fast alle der bisher 23 Verstorbenen unter 20 Jahren hatten schwere Vorerkrankungen gehabt.

Um die Lücke der Corona-Impfung bei Kindern unter 12 Jahren zu stopfen, streben sowohl BioNTech/Pfizer als auch Moderna inzwischen die Zulassung für die Corona-Impfung von Säuglingen ab sechs Monaten noch für dieses Jahr an, berichtet das Handelsblatt. Die Studien dazu sollen im September und Oktober abgeschlossen sein. Danach könnte es eine „zügige Zulassung durch die europäische Arzneibehörde EMA geben, wie es auch schon bei den anderen Altersklassen der Fall war.“ Cuba hat mit den Covid-19-Impfungen bei Kleinkindern bereits begonnen, wie der SPIEGEL berichtet.

Kinderärzte sehen Coronaimpfungen bei unter 12-Jährigen jedoch kritisch – auch bei Kindern mit Vorerkrankungen, schreibt der SPIEGEL. „Auf gar keinen Fall sind wir für eine ‚Off-Label-Impfung‘“, sagte Jörg Dötsch, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin an der Uniklinik Köln. ‚Off label‘ bedeutet, ein Medikament zu geben, das für diesen Einsatz keine Zulassung hat. Allerdings passiert es schon jetzt, dass einzelne Ärztinnen und Ärzte Kinder unter 12 Jahren impfen.

In einem Offenen Brief an die Kanzlerkandidat:innen und die Kultus- und Familienminister:innen fordert die Initiative Familien „Bildungsgarantie und Normalität für Kinder und Jugendliche – Jetzt!" Schulschließungen und Einschränkungen für Kinder und Jugendliche seien weder gerechtfertigt noch eine Vorsorge, sondern „eine Hochrisikostrategie mit schwerwiegenden Folgen für Kinder, Jugendliche und ihre Familien, die wir uns nicht länger leisten können.“ Die jetzigen Hygiene- und Quarantäneregeln müssten „auf den Prüfstand“. Man solle sich ein Beispiel nehmen an den europäischen Nachbarländern wie Dänemark, Schweden, Norwegen, England und die Schweiz. Die extrem kostenintensiven und belastenden Tests bei asymptomatischen Kindern ohne konkreten Anlass müssten ein Ende haben. Auch dürfe der Zugang von Kindern und Jugendlichen zur Teilhabe an Bildung, Kultur und anderen Aktivitäten des sozialen Lebens nicht vom Vorliegen einer Impfung abhängig gemacht werden. Unterzeichnet haben diesen Offenen Brief auch einige Landeselternbeiräte sowie namhafte Kinderärzt:innen, Wissenschaftler:innen und andere Fachleute (insgesamt sind es – Stand 7. September – 5.665 Unterschriften).    

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Zum Sehen, Hören, Lesen

Kultur für Herz, Geist und Sinne

November … Es wird kalt und nass und grau draußen. Dafür können wir es uns drinnen gemütlich machen – Zeit für wichtige Filme und gute Bücher. Hier ist eine Auswahl von Titeln, die wir Ihnen weiterempfehlen wollen.  

ZUM SEHEN

Ein Bett für die letzten guten Tage
„Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben“ – das ist das Motto, unter dem die englische Krankenschwester und Ärztin Cicely Saunders (1918-2005) die moderne Hospizbewegung und die Palliativmedizin begründet hat. Jetzt haben Caroline Haertel und Mirjana Momirovic für das ZDF und die Reihe „37 Grad“ eine sehr sehenswerte halbstündige Dokumentation über die Palliativmedizin gedreht. Denn der Satz, den Schwerstkranke so häufig hören, „Wir können leider nichts mehr für Sie tun“, den akzeptiert man in der Palliativmedizin nicht. Und das ist gut so. Der Film zeigt augenfällig, wie viel man für Menschen in ihren letzten Lebenstagen tun kann. Gedreht wurde auf der Palliativstation von Philipp von Trott im Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe in Berlin und bei der niedergelassenen Landärztin Sabine Drengenberg und ihrem ambulanten Palliative-Care-Team in Schleswig-Holstein. Ein berührender und gleichzeitig ermutigender Film. 
Die letzten guten Tage: Wie Palliativärzt:innen helfen, ZDF (bis 26. Oktober 2026 in der Mediathek)

Frauen in der Wissenschaft
Wie sehr „MeToo“ auch auf Frauen in der Wissenschaft zutrifft, ist noch ein gut gehütetes Tabu. Frauen werden von Männern auf Exkursionen bedrängt oder gemobbt, im Labor angetascht oder bei Beförderungen einfach übergangen. Nur selten wagen sich Frauen aus der Deckung und stellen den belästigenden Mann zur Rede oder melden die Vorkommnisse den entsprechenden Stellen (die dann meist auch von Männern besetzt sind) – bringen sie damit doch meist ihre akademische Karriere in Gefahr. Ein Film bringt das jetzt am Beispiel einer Biologin, einer Chemikerin und einer Geologin anschaulich zutage – und er zeigt auch, dass es wichtig ist, sich zur Wehr zu setzen. Ein wichtiger Beitrag für mehr Menschlichkeit und Respekt, für mehr Anerkennung und Gleichberechtigung in Wissenschaft und Forschung.
Picture a Scientist. Frauen in der Wissenschaft. Ab 12. November als DVD erhältlich, 18,90 Euro

Wenn Menschen zusammen ein Dorf gründen …
Es war eine bestechend gute Idee: Auf einem weitflächigen, brachliegenden Gelände ein Dorf zu errichten – mitten im Wendland am Rande von Hitzacker, in einem der strukturschwächsten Gebiete Deutschlands. Ein Modelldorf für die Zukunft Europas mit insgesamt 300 Leuten: 100 Alte, 100 Geflüchtete und 100 Junge. Ein Mehrgenerationendorf, ein Multikultidorf, ein Ökodorf. Ein Mammutprojekt. Die Filmemacherinnen Antonia Traulsen und Claire Roggan haben die Gemeinschaft von Anfang an fast vier Jahre lang begleitet. Sie zeigen das Auf und Ab, das sich zwangsläufig einstellt, wenn ein so kunterbunt gemischter Haufen Menschen zusammen ein solches Projekt stemmen will – und dafür auch noch von der Nachbarschaft angefeindet wird. Wie sie es doch noch geschafft haben, ihre Vision Wirklichkeit werden zu lassen, das zeigt dieser Film, der im Rahmen der ARD-Themenwoche „Stadt.Land.Wandel – Wo ist die Zukunft zuhause?“ am 2. November im NDR ausgestrahlt wurde und jetzt in der Mediathek steht. 
Wir alle. Das Dorf. ARD-Mediathek, abrufbar bis 3. Februar 2022

ZUM LESEN

Licht bringen in ein dunkles Kapitel der Medizin
Die Rolle der Medizin in Nazideutschland ist immer noch ein dunkles, weitgehend gemiedenes Kapitel. Jetzt hat Peter Selg, Leiter des Ita Wegman Instituts in Arlesheim, im Rahmen seiner Lehrtätigkeit an der Universität Witten-Herdecke beim Integrierten Begleitstudium Anthroposophische Medizin (IBAM) ein Buch dazu herausgebracht. Es steht als Band 4 in der Reihe „Ideengeschichte der Medizin und ärztliche Bewusstseinsbildung“. Peter Selg veranstaltet seit 10 Jahren in Auschwitz-Birkenau zusammen mit polnischen Historiker:innen Seminare zur Medizinethik mit den Studierenden, dieses Buch ist das Kondensat davon. Es gliedert sich in drei große Abschnitte: 1. Überleben nach Auschwitz. Primo Levi und die Hoffnung auf Veränderung. 2. Medizin ohne Menschlichkeit. Alexander Mitscherlich und die Kräfte der Beharrung. 3. „Wissende Menschlichkeit“. Gefährdung und Zukunft der Humanmedizin. Ein ungemein wichtiges Buch, das jede:r Ärzt:in und jede:r Medizinstudierende gelesen haben sollte. Es wird das eigene Berufsverständnis nachhaltig beeinflussen.
Peter Selg: Nach Auschwitz. Auseinandersetzungen um die Zukunft der Medizin. Verlag des Ita Wegman Instituts, Arlesheim, 344 Seiten, 23 Euro

Die Folgen des Lockdowns bei Kindern
Es ist ein kleines Buch mit einem großen Inhalt: Der Pastor Bernd Siggelkow, Gründer des 1995 entstandenen christlichen Kinder- und Jugendwerks „Die Arche“ in Berlin-Hellersdorf, schildert darin seine Erlebnisse mit Kindern und Jugendlichen im Lockdown. Es ist ein Büchlein, das gerade durch seine Kürze so eindrucksvoll ist. Es gehört auf den Schreibtisch eines jeden Politikers und einer jeden Politikerin. Als Mahnung für ihre zukünftige Arbeit.
Bernd Siggelkow: Kindheit am Rande der Verzweiflung. Die fatalen Folgen von Lockdown und Isolation. Claudius Verlag, 112 Seiten, 14 Euro

Die Hintergründe von Hochwasser, Hitzewellen und Taifunen
Wir haben es dieses Jahr erlebt: die Flutkatastrophe im Ahrtal, das Hochwasser in Bayern, die Hitzewellen in Südeuropa und im Westen der USA, den Wirbelsturm in Kiel, bei dem ein Taifun über den Hafen fegte. Wettereignisse wie diese häufen sich, und man fragt sich: Wo kommt das eigentlich her? Gab es solche Wetterphänomene nicht schon immer? Oder ist das jetzt der Klimawandel? Die Physikerin Friederike Otto hat eine Methode entwickelt, mit der sie berechnen kann, welche Einflüsse menschengemacht sind und welche nicht. Sie trägt damit dazu bei, dass auch die Verursacher besser dafür haftbar gemacht werden können. Denn wer die Ursachen kennt, kann auch handeln. Nach der Lektüre dieses Buches sieht man das Wetter mit anderen Augen.
Friederike Otto unter Mitarbeit von Benjamin von Brackel: Wütendes Wetter. Auf der Suche nach den Schuldigen für Hitzewellen, Hochwasser und Stürme. Ullstein Buchverlage, 240 Seiten, 18 Euro

Ein Manifest für eine bessere Zukunft
Und noch ein Buch, das sich der Frage widmet, wie wir die Zukunft so gestalten können, dass sie sowohl die menschlichen wie auch die ökologischen Bedürfnisse in einer globalisierten Welt berücksichtigt. Der Biologe und Professor für Naturschutz an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde, Pierre Ibisch, und der Politikwissenschaftler und Journalist Jörg Sommer, Vorstandsvorsitzender der 1982 gegründeten Deutschen Umweltstiftung, gehen in diesem Buch den aktuellen Problemen auf den Grund und entwickeln neue Ideen zu ihrer Bewältigung. Die Natur steht dabei stets im Mittelpunkt. Ein mutmachendes Buch, das viele Anregungen gibt, das Leben neu zu denken.
Pierre Ibisch, Jörg Sommer: Das ökohumanistische Manifest. Hirzel Verlag, 173 Seiten, 15 Euro

Zwei Frauen, eine Familie
Es zeugt schon von Mut, die Schicksale zweier so unterschiedlicher Frauen in einem Buch zusammenzufassen – Constanze Neumann ist das hier aufs Feinste gelungen. Sie schildert die Geschichte von Anna Reichenheim und der von ihr nicht akzeptierten Schwiegertochter Marie. Anna entzweit sich mit ihrem ältesten Sohn Heinrich, in den sie große Hoffnungen gesetzt hatte, weil dieser sich lieber im Berliner Nachtleben des frühen 20. Jahrhunderts tummelt und sich den Pflichten und Konventionen einer großbürgerlichen Familie widersetzt. Er heiratet Marie, eine ganz normale junge Frau und übersteht mit ihr den Ersten Weltkrieg ebenso wie Weltwirtschaftskrise, bis schließlich der Nationalsozialismus ihnen noch einmal ganz andere Opfer abfordert. Constanze Neumann hat ein wunderbares Buch über unsere Mütter und Großmütter geschrieben, über eine Generation, die ein Jahrhundert geprägt hat und umgekehrt.
Constanze Neumann: Wellenflug. Ullstein Verlag, 336 Seiten, 22 Euro

Die Pionierin des modernen Tanzes
Isadora Duncan (1877-1927) war eine der Frauen, die dem modernen Tanz zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Weg geebnet haben. Sie brach radikal mit den Traditionen des Tutus und des Spitzentanzes. Sie tanzte barfuß und in locker fließenden Seidengewändern, die einer griechischen Tunika nachempfunden waren, während um sie herum die Damen noch in Korsetts geschnürt wurden. Sie pfiff auf bürgerliche Konventionen und zog tanzend durch die Salons der Welt. Sie war die Erste, die nicht ausdrücklich fürs Ballett komponierte Musik für ihre Darbietungen einsetzte – Schubert, Chopin, Skrjabin. Aber das Leben meinte es auch nicht immer gut mit ihr: Sie verlor ihre beiden leiblichen Kindern durch einen Autounfall in Paris – sie ertranken in der Seine. Und sie selbst kam bei einer Autofahrt im Cabrio um, weil sich ihr langer Seidenschal in den Speichen der Räder verfing und sie strangulierte. Jetzt hat Michaela Karl dieser außergewöhnlichen Frau mit ihrer Biographie ein würdiges Denkmal gesetzt.
Michaela Karl: Lasst uns tanzen und Champagner trinken trotz alledem! Isadora Duncan. Eine Biografie. btb Verlag, 448 Seiten, 24 Euro

Ein Familienroman
Wenn Ellen Sandberg ein neues Buch herausbringt, ist das fast schon die Garantie für einen Platz auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. So auch bei ihrem jüngsten Werk, das es auch Anhieb dorthin geschafft hat. Ihre Spezialität ist die Schilderung von Frauen- und Familienschicksalen. Und das macht sie so spannend, so glaubwürdig, so realitätsnah, dass es einen einfach kaum noch loslässt. Sie spielt dabei mit Gegenwart und Vergangenheit, vor allem aber mit den Fragen nach Schuld und Vergebung, die alle Nachkriegsgenerationen mit sich herumtragen. Denn: „Die Zeit heilt alle Wunden. Doch das Gewissen heilt sie nicht.“ – so steht es auf der Rückseite des Buchumschlags. Und damit ist eigentlich alles umrissen, worum es in diesem Buch geht. Und was uns, die wir die „Gnade der späten Geburt“ haben, wie Helmut Kohl es mal genannt hat, bis heute nicht loslässt.
Ellen Sandberg. Das Geheimnis. Penguin Verlag, 432 Seiten, 20 Euro

Mediterranes auf den Tisch
Und wenn es draußen schon so unwirtlich wird, holt man sich den Sommer, das Licht, die Aromen und die Farben eben auf den Tisch! Kaum etwas eignet sich dafür besser als dieses Buch von Claudia Roden, der Grande Dame der mediterranen Küche.  Es ist weit mehr als nur ein Kochbuch, es ist das Buch einer Lebensphilosophie – ebenso einfach wie überzeugend. Es ist auch die Essenz einer lebenslangen Leidenschaft für gutes Essen und Tischkultur, die ja immer auch eine zwischenmenschliche Begegnung ist. Die beste Zeit, sich dessen anzunehmen, ist jetzt!
Claudia Roden: Mittelmeerküche. Ein Kochbuch. DK Verlag, 320 Seiten, über 250 Fotos (nicht nur von den Gerichten), 29,95 Euro
Der Verlag hat mit Claudia Roden ein wunderschönes Video gedreht, das diese außergewöhnliche Frau und ihr Buch noch etwas näherbringt. Es ist auf der Verlagsseite und bei YouTube eingestellt.

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Impfdurchbrüche

Auffrischimpfungen – ja oder nein?

 

Vermehrt gibt es in letzter Zeit Berichte über Impfdurchbrüche, das heißt: Auch Geimpfte können an Corona erkranken. Seit Beginn der Impfungen seien es laut Robert Koch Institut (RKI) bereits über 10.000 solche Impfdurchbrüche, wie RND berichtet. Allerdings mussten deshalb nur zwei Prozent der unter 60-Jährigen und jeder vierte der Älteren deshalb ins Krankenhaus. Das RKI fordert deshalb, auch bei Geimpften im Verdachtsfall einen PCR-Test zu machen.

Nichtsdestotrotz hat die amerikanische Arzneimittelbehörde Food and Drug Administration (FDA) inzwischen dem BioNTech/Pfizer-Impfstoff als erstem die volle Zulassung erteilt. Peter Doshi, Mitherausgeber des angesehenen Fachblatts British Medical Journal, sieht das mit großer Skepsis. In einem Editorial am 23. August schreibt er: „Meint die FDA, dass diese Daten die erste vollständige Zulassung eines Covid-19-Impfstoffs rechtfertigen?“ Die FDA sollte besser erstmal angemessene, kontrollierte Studien mit langfristiger Nachbeobachtung fordern und die Daten öffentlich zugänglich machen. Solche Studien fehlen nämlich bislang. Zu viele Fragen zu den Impfstoffen seien weiterhin offen, als dass man ihnen schon jetzt eine offizielle Zulassung derart überstürzt erteilen könne: „Slow down and get the science right“ (frei übersetzt: macht mal halblang und erledigt erstmal eure wissenschaftlichen Hausaufgaben).

Inzwischen wird aber schon die nächste Sau durchs Land getrieben: Noch ohne dass die STIKO sich dazu geäußert hat, haben die Gesundheitsminister von Bund und Ländern am 6. September bereits eine Auffrisch-Impfung für die über 60-Jährigen beschlossen, wie Business Insider berichtet. „Für diese Altersgruppe ist das Risiko einer Covid-19-Erkrankung signifikant erhöht, entsprechend gibt es für den Nutzen einer vorsorglichen Auffrischimpfung eine hinreichend belegte Evidenz“, heißt es in dem Beschlussentwurf. Auch die Bewohner und das Personal in Pflege- und Gesundheitseinrichtungen sollen ein Angebot für eine dritte Impfung erhalten. In der STIKO gebe es derzeit „eine hitzige Debatte“ über die Frage, wann und für wen eine dritte Impfung überhaupt nötig sein könnte.

Denn so klar ist das mit der Evidenz keineswegs. „Hier handelt es sich um eine politische Vorsorgemaßnahme ohne ausreichende medizinische Evidenz“ sagte der STIKO-Vorsitzende Thomas Mertens, wie das Deutsche Ärzteblatt berichtet, und weiß sich damit auch mit den Laborärzten einig. „Der Aktionismus der Politik verunsichert die Menschen.“ Es gebe bisher kaum wissenschaftliche Daten zu möglichen Nebenwirkungen von Drittimpfungen: „Es fehlt eine große Studie, aus der tatsächlich hervorgeht, dass die Drittimpfung bei den betroffenen Personen keine Nebenwirkungen hat.“

In Berlin, Hessen, Thüringen und ebenso in Nordrhein-Westfalen haben die Booster-Impfungen dennoch bereits begonnen, schreibt das Deutsche Ärzteblatt. Dass das so problemlos nicht zu sein scheint, zeigen die Erfahrungen aus einem Seniorenheim in Oberhausen, über die der WDR berichtet. Drei Bewohner des Altenheims mussten wenige Tage nach der Auffrischimpfung wiederbelebt werden, weshalb der Vorstand der Kreisstelle der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein die niedergelassenen Ärzt:innen über die Vorfälle unterrichtet hat. In dem Schreiben heißt es: „Ich würde Sie bitten, selber ärztlich zu entscheiden, ob Sie auf eine Empfehlung durch die STIKO bzw. EMA warten, oder ob die dritten Impfungen nun zeitlich bei Ihren eigenen Patienten so dringlich sind, dass Sie diese ohne Empfehlung durchführen müssen.“ Das Problem wird damit vorerst auf die Schultern der Ärzt:innen verlagert.

Der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, kritisierte Bund und Länder für ihr Vorpreschen scharf, wie das RND meldet: „Nach bisherigem Kenntnisstand und Auffassung namhafter Experten ist sie (die Auffrischimpfung, d. Red.) für die meisten Geimpften nicht sofort nötig.“ Insgesamt fehlen noch aussagekräftige Studien, wann eine Boosterimpfung angezeigt sei. „Ich halte es deshalb für einen Fehler, dass Bund und Ländern in der Breite Auffrischimpfungen angekündigt haben, ohne eine entsprechende Empfehlung der STIKO abzuwarten.“ Von der Politik werde damit bei den Menschen „eine Erwartungshaltung geschürt“, die viele Ärzt:innen „ohne eine wissenschaftlich fundierte Impfempfehlung nicht bedienen wollen“.

Auch Christian Drosten hält die Drittimpfungen derzeit nicht für vordringlich: „Die Schutzwirkung der Corona-Vakzine ist viel besser als beispielsweise bei den Influenza-Wirkstoffen“, sagte er der Deutschen Presseagentur, wie die SZ berichtet. Nur in Sonderfällen sei eine Auffrischung denkbar. Im Herbst komme es darauf an, „überhaupt erst einmal die Impflücken bei den über 60-Jährigen zu schließen“. Drosten rechnet auch nicht damit, dass sich bald schon eine neue Virusvariante zeige, die eine Anpassung des Impfstoffs erforderlich mache.

Derweil haben Pfizer/BioNTech in den USA bereits die Zulassung für die dritte Impfdosis beantragt, wie das Deutsche Ärzteblatt meldet. Pfizer hat die dritte Dosis an 23 (!) Probanden testen lassen, deren zweite Dosis länger als sechs Monate zurücklag. Zwar geht man davon aus, dass der über die Impfung vermittelte Immunschutz nach sechs Monaten deutlich abnimmt, in welchem Maße das passiert, ist jedoch unklar, schreibt die NZZ. Unklar sei auch, wie viele Antikörper überhaupt für einen ausreichenden Impfschutz benötigt werden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) halte ebenso wie „Ärzte ohne Grenzen“ und weitere Organisationen dritte Impfungen in den Industrieländern zum jetzigen Zeitpunkt für unethisch: „Viele bekämen damit einen Überschutz, während weltweit Millionen Menschen, unter ihnen Vulnerable oder auch Mitarbeiter im Gesundheitswesen, immer noch auf eine erste Impfung warteten.“ Die WHO hat deshalb gefordert, Drittimpfungen bis Ende September auszusetzen, damit bis dahin wenigstens 10 Prozent der Weltbevölkerung geimpft werden können.

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Zum Sehen, Hören, Lesen

Kultur für Herz, Geist und Sinne

 

Die letzten lauen Sommerabende locken in Parks, in die Gärten, auf Terrassen und Balkone – aber der Herbst ist absehbar, demnächst ist Tag- und Nachtgleiche, und dann werden die Tage wieder kürzer und die Nächte länger. Zeit für gute Filme, gute Musik und gute Bücher.   

Zum Sehen

Das Filmprojekt „Eine andere Freiheit“
Die von „Lockdown Kinderrechte“ bekannte Dokumentarfilmerin Patricia Marchart hat sich erneut eines spannenden Themas angenommen: „Eine andere Freiheit“ befragt engagierte Menschen aus Kunst und Kultur: Nina Proll, Miriam Stein, Til Schweiger, Nina Adlon, Felix Adlon, Eva Herzig, Christine Sommer, Dietrich Brüggemann, Leo Himmelbauer, Jess Oberbeil, Helmuth Thoma, sowie Medizin und Wissenschaft: David Martin, Katrin Skala, Ulrike Guérot, Martin Hirte, Christine Saahs, Reinhold Kerbl, Corinna Wilken, Martin Sprenger, Christian Schubert, Steffen Rabe, Christian Fiala, Veronika Himmelbauer, Andreas Sönnichsen, Eva Horvatic und Peter Kampits.

„Wieder reisen, chillen, sich mit Freunden treffen, keine Angst mehr haben, die Oma zu umarmen, ohne Maske in die Schule gehen, damit das Distance Learning vorbei ist, endlich wieder ganz normal auf der Uni studieren, Reisen- in die ganze Welt, Partys feiern und Nächte durchtanzen, das verspricht die Politik seit Wochen Kindern und Jugendlichen, wenn sie sich gegen Sars-CoV-2 impfen lassen. Der Umgang mit der Corona Krise hat viele Spuren hinterlassen, besonders bei Kindern und Jugendlichen, die von der Covid19-Erkrankung selbst kaum betroffen sind. 

Ist das fair? Wie geht es den Jugendlichen, die sich ab 14 Jahren ohne Einwilligung der Eltern für eine Impfung entscheiden können? Was ist, wenn ich mich nicht impfen will?

Ist Impfen eine Lösung für das Ende der Pandemie? Was sind die Nebenwirkungen der Impfung bei Kindern und Jugendlichen? Was sagen die Studien und Experten? Muss ich mich impfen, wenn ich schon Corona hatte?

In diesem Film geht es um alles: Um unsere Kinder und deren Leben im Hier und Jetzt und in der Zukunft; Diesen Film haben Menschen gemacht, die dafür Verantwortung übernehmen.

Noch ist der Film nicht gestartet. Aber schon jetzt hat eine Äußerung von Til Schweiger (57) darin Furore gemacht. Der Vater von vier Kindern sagte unmissverständlich: Kinder gegen Corona zu impfen, finde er „entsetzlich“. Was für entsprechende Aufregung sorgte und natürlich sofort einen „Faktencheck“ aufs Tapet rief mit entsprechenden Gegenpositionen.

Übrigens: Der Film wurde ausschließlich über Spenden finanziert.

Auf der Suche nach der Wahrheit
Der österreichische Sender Servus-TV zeichnet sich dadurch aus, dass er keine Konfrontation scheut und auch kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn es um Corona geht. Jetzt hat er eine zweiteilige Dokumentation aufgelegt, in der sich der Linzer Virologe Professor Martin Haditsch auf eine Reise um die Welt begibt, um mit führenden Wissenschaftler:innen zu sprechen. Er will die Wahrheit herausfinden über Corona und alles, was mit dieser weltweiten Krise zusammenhängt. Es sind zwei jeweils 90-minütige höchst spannende Filme geworden, die man gesehen haben muss, wenn man sich ein eigenes Bild machen möchte.

Corona – auf der Suche nach der Wahrheit, Teil 1
Corona – auf der Suche nach der Wahrheit, Teil 2

Zum Hören  

Akustische Tagebücher einer Pubertät im Lockdown
Ein spannendes, knapp einstündiges Feature für Deutschlandfunk Kultur haben Eva-Maria Baumeister und Nina Rühmeier unter dem Titel „I feel stupid and contagious“ auf den Weg gebracht. Gesendet wird es am 10. September um 20:05, ist aber schon jetzt online abrufbar.

In der Beschreibung heißt es: „Kinder und Jugendliche sollten an erster Stelle stehen. So hatten es Ministerinnen und Minister sowie Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten im Sommer 2020 versprochen. Doch kaum rollte die zweite Infektionswelle durch das Land, waren alle Bekenntnisse vergessen. Im Schuljahr 2020/2021 haben viele Kinder und Jugendliche ihre Schule kaum von innen gesehen. Sie haben Monate mit ihren Eltern und Geschwistern auf engstem Raum verbracht oder waren zu Hause die meiste Zeit auf sich gestellt.

Wie erlebten Jugendliche die Einschränkungen? Was bedeutet es, in einer Pandemie erwachsen zu werden? Das Feature „I FEEL STUPID AND CONTAGIOUS” begleitet neun junge Menschen durch das Frühjahr 2021. Sie leben in München oder Meißen, auf dem Land, in der Stadt oder auf einer Insel, sind Einzelkinder oder wachsen mit Geschwistern auf, mit beiden Eltern oder bei der Großmutter. Sie müssen ihre Tage strukturieren und verlieren dabei manchmal jedes Zeitgefühl.

Der Sound einer Pubertät hinter verschlossenen Türen.“

Unbedingt anhören!

In memoriam Mikis Theodorakis
Im hohen Alter von 96 Jahren ist Mikis Theodorakis am 2. September in Athen gestorben. Viele von uns sind mit seiner Musik groß geworden, haben den „Canto General“ gehört (oder sogar selbst aufgeführt) und Sirtaki getanzt nach den unwiderstehlichen Rhythmen von „Zorba the Greek“, der Musik, die ihn weltberühmt gemacht hat (und den Film mit Anthony Quinn, Alan Bates und Irene Papas ebenso). Theodorakis hat ein ungeheures Werk von über 1.000 Kompositionen hinterlassen, zahllose Lieder, aber auch Oratorien, Messen, Opern, Ballette, Filmmusik (z. B. für „Z“ von Costa Gavras mit Yves Montand). Zeitlebens war Theodorakis ein „Homo politicus“, er mischte sich ein, er machte den Mund auf, und mehrfach bezahlte er seinen Mut mit Folter, Gefangenschaft und Exil (in Paris). Griechenland hat für diese im ganzen Land beliebten Volkshelden eine dreitägige Staatstrauer angeordnet, auf der Akropolis wehte die Flagge auf Halbmast. In seiner Musik lebt Mikis, wie ihn die Griechen immer nur nannten, weiter.

Auf YouTube finden sich zahllose Beiträge, in denen er lebendig bleibt:

Die NZZ hat einen sehr schönen, würdigen Nachruf publiziert.

Zum Lesen  

Hoffnungsmacher
Der Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx hat sich schon früh mit den Auswirkungen der Corona-Krise auseinandergesetzt. Jetzt hat er eine neues Buch vorgelegt, das sich mit der „Hoffung nach der Krise“ beschäftigt, mit der Frage, wohin sich die Gesellschaft jetzt entwickelt – national und international. Es ist ein kleiner Hoffnungsmacher, dieses Buch, weil es nicht nachlässt, in all dem Schlamassel auch das Positive zu sehen und auszugraben.
Matthias Horx: Die Hoffnung nach der Krise. Wohin die Welt jetzt geht oder wie Zukunft sich immer neu erfindet. Econ Verlag, 160 Seiten, 15 Euro

Lang nachwirkendes Erbe
Im Jahr 2016 kommt Laura M. Fabrycky als Ehefrau des amerikanischen Botschafters nach Berlin. Gleichzeitig verändert sich ihre Heimat – mit einem unsäglichen Präsidenten an der Spitze. In Berlin stößt Fabrycky zufällig auf das Elternhaus von Dietrich Bonhoeffer, in dem dieser bis zu seiner Verhaftung gelebt hat. Sie wird sofort in Bann geschlagen von der Geschichte, die sich damit verbindet und beschäftigt sich intensiv mit Bonhoeffers Leben. Schließlich wird sie sogar Fremdenführerin für englischsprachige Gruppen, die das Haus besuchen. In diesem Buch beschreibt sie, wie die Auseinandersetzung mit Dietrich Bonhoeffer und seinem Schicksal ihr Leben verändert hat, wie er ihr noch einmal einen ganz neuen Blick auf ihr eigenes Leben ermöglichte, das sie inzwischen nach Brüssel geführt hat. Ein wichtiges Buch in einer turbulenten Zeit.
Laura M. Fabrycky: Schlüssel zu Bonhoeffers Haus. Wie ich Welt und Weg Dietrich Bonhoeffers entdeckte. Gütersloher Verlagshaus, 320 Seiten, 22 Euro

Back to the roots
Es ist einer der schönsten Romane über Frauenschicksale, die in den vergangenen Jahren erschienen sind. Jarka Kubsova erzählt die Geschichte von drei Generationen, die in Südtirol einen Bergbauernhof auf 1670 m Höhe betreiben, zwischen 1944 und heute. Es stellt die Frage nach dem großen Ob und Wie – kann ein kleiner Hof mit wenig Gästen heute noch mit ihrer Ursprünglichkeit überleben, ohne Internet und WLAN? Es ist ein Buch, das uns an die Ursprünglichkeit zurückführt, die wir heute so nötig haben.
Jarka Kubsova: Bergland. Wunderraum Verlag, 288 Seiten, 20 Euro

Ein Blick ins Innere der Macht
Jürgen Neffe, langjähriger und vielfach ausgezeichneter Autor bei GEO und Autor wichtiger Biographien wie der über Albert Einstein oder Karl Marx, war in den 1990er Jahren – zu Zeiten der Präsidentschaft von Bill Clinton – mehrere Jahre lang Korrespondent für den SPIEGEL in New York. Dort traf er mehrfach Donald Trump, der damals mit seinen Immobilien noch der „König von New York“ war. Aus dem, was Neffe mit Trump so erlebt hat, baute er einen Roman. Es ist eine Geschichte über Paranoia und Angst, über Wahrheit und Lüge, Fakten und Fakes. Und hinterlässt einen mit der bangen Frage: Wem, um alles in der Welt, soll man noch glauben?
Jürgen Neffe: Das Ding. Der Tag, an dem ich Donald Trump bestahl. Europa Verlag, 240 Seiten, 20 Euro

Ein Mannsbild
Oliver Sacks (1933–2015), britischer Neurologe und Schriftsteller, wurde bekannt durch seine Bücher über Migräne oder den „Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ (mit Fallgeschichten über Hirnverletzungen) oder „Bewusstseinsdämmerungen“, die „Zeit des Erwachsens“, wie der gleichnamige Film heißt. Jetzt gibt es ein Buch, das sich mit ihm selbst beschäftigt, mit seiner Arbeit als Arzt, aber auch als Reisender und neugieriger, rastloser Geist, der ein empathischer Menschenfreund und Seelenforscher war. Es ist ein persönliches Portrait eines gestandenen Mannsbilds, das zum Glück nie aufgehört hat, Kind zu sein.
Lawrence Weschler: Oliver Sacks. Ein persönliches Portrait. Rowohlt Verlag, 480 Seiten, 25 Euro

Die Brot-Bibel
Wer immer sich daran versuchen möchte, Brot zu backen – und inzwischen tun das viele, weil sie die aufgeblasene Fließband-Ware satt haben (nicht jede:r hat die Brotpuristen um die Ecke …) – wird an diesem Buch nicht vorbeikommen. Es wurde verfasst von dem Brotback-Papst schlechthin: Lutz Geißler, der mit seinem Plötzblog zahllose Menschen in die Geheimnisse von Hefe und Sauerteig eingeweiht hat und bis heute nicht müde wird, für ein ehrliches, sauberes Brot zu werben. Natürlich hat er sein Wissen auch in Buchform gepresst. Das wichtigste davon sei hier vorgestellt, denn Geißler hat die Corona-Krise massiv getroffen. Keiner seiner vielgefragten Kurse konnte stattfinden – und online lässt sich nur schwer vermitteln, wie sich der Teig anfühlen muss, damit ein ordentliches Baguette (oder was es sonst noch an Brotsorten gibt) aus dem Ofen kommt. Geißler hat dieses Buch deshalb allen Menschen gewidmet, die ihm während der Corona-Krise geholfen haben. In Kürze wird er übrigens seine eigene Backstube in Hamburg-Sasel eröffnen. Und die wenigen Kurse für 2022 sind schon jetzt allesamt restlos ausgebucht …
Lutz Geißler: Krume und Kruste. Brot backen in Perfektion. Becker Joest Volk Verlag, 336 Seiten, 29,95 Euro

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Vierte Welle

Epidemische Lage nochmal verlängert

 

Zum fünften Mal hat die große Koalition mit Zustimmung des Bundestags die „epidemische Lage von nationaler Tragweite“ über den 11. September hinaus bis zum 24. November verlängert. Damit kann die Bundesregierung weiterhin Verordnungen zum Infektionsschutz erlassen – direkt und ohne Zustimmung von Bundestag und Bundesrat. Gerade erst sind einige Änderungen im Infektionsschutzgesetz dazu verabschiedet worden, z. B. zum Auskunftsrecht eines Arbeitsgebers bezüglich des Impfstatus‘ seiner Mitarbeiter:innen, der Aufnahme der Hospitalisierungsrate zusätzlich zur Inzidenz als Kriterium für Corona-Maßnahmen sowie Bestimmungen für Reisen (siehe dazu den Bericht im SPIEGEL).

Die Verlängerung der „epidemischen Lage“ war in der CDU durchaus nicht unumstritten, wie die WELT berichtet. So sagte z. B. der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses, Erwin Rüddel (CDU): „Aus meiner Sicht gibt es dann (wenn bis Ende September alle diejenigen, die dies wollen, geimpft wurden, Anm. d. Red.) keinen Grund mehr, die epidemische Lage, die für viele Menschen eine große Belastung darstellt, noch weiter zu verlängern.“

Die CDU-Abgeordnete Saskia Ludwig schrieb sogar eine „Persönliche Erklärung nach §31 der Geschäftsordnung des Deutschen Bundestages“ und begründete darin, warum sie der Verlängerung des Gesetzes nicht zustimmt: „Wie oft haben wir versprochen, dass die Beschränkungen ein Ende haben? Wie oft haben wir das Einführen harter Maßnahmen, von 'Wellenbrechern', 'Lockdown lights' und 'Notbremsen' damit gerechtfertigt, dass danach zur Normalität zurückgekehrt werden kann? Wir haben versprochen, dass es keine Impfpflicht geben wird. Wir haben versprochen, dass Kinder wieder ohne Maske in die Schule gehen können. Wir haben nichts davon gehalten. (…) Vor diesen Hintergrund und als Ergebnis meiner eigenen Bewertungen kann ich diese erneute Änderung nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren und werde deshalb der Änderung des Infektionsschutzgesetzes nicht zustimmen.“

Andere Unionspolitiker meinen, angesichts der vierten Welle und der hochansteckenden Delta-Variante müsse man weiterhin rasch und flexibel reagieren können. Auch die SPD war geschlossen für eine Verlängerung. Nur die Opposition verweigerte die Zustimmung dazu, wie die WELT berichtet: „Die Voraussetzung für die Feststellung einer epidemischen Lage ist nicht mehr gegeben“, sagte z. B. die FDP-Abgeordnete Christine Aschenberg-Dugnus. „Eine Überlastung des Gesundheitssystems liegt nicht vor.“ Auch Linke, Grüne und AfD stimmten gegen die Verlängerung.

„Längst wurde das Versprechen kassiert, wenn jeder ein Impfangebot erhalten habe, gebe es keine Grundlage mehr für massive Freiheitsbeschränkungen“, schreibt Alexander Kissler in der NZZ und fordert, die epidemische Notlage müsse jetzt ein Ende haben. „Für die öffentliche Gesundheit zentral ist die Gesundheit des öffentlichen Lebens. Und Leben heißt, frei nach Erich Fromm, Unsicherheit zu tolerieren und Freiheit auszuhalten. Wer die epidemische Lage stetig weiter verlängert, zeigt nur, wie wenig er von der Freiheit hält und wie sehr er den Bürgern misstraut.“

„Die Politik ist immer noch im Panikmodus“, kommentiert Susanne Gaschke in der WELT. Unter Bezug auf Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der anlässlich des 60. Jahrestag des Mauerbaus am 13. August 2021 gesagt hatte, Freiheit und Demokratie seien nicht naturgegeben, sondern müssten erkämpft, dann aber auch geschützt, verteidigt und erhalten werden, schreibt Susanne Gaschke: „Es wäre großartig, wenn Steinmeier solche Wahrheiten nicht nur zu historischen Jahrestagen verkünden, sondern auch gelegentlich auf unsere aktuelle Verfassungswirklichkeit anwenden würde. Die ist nämlich surreal.“ Schon seit Monaten existiere keine der Voraussetzungen mehr die Einschränkungen aufgrund der epidemischen Lage nationaler Tragweite. „Freiwillig Ungeimpfte müssen ihr Risiko selbst einschätzen – wie alle mündigen Bürgerinnen und Bürger in vielen anderen Situationen auch. Der Staat kann und darf nicht jedes Lebensrisiko ausmerzen, wenn er nicht total Kontrolle ausüben will. Doch die Bundesregierung hält fest an einer Politik der Panikmache (4. Welle!), der Verbote und Beschränkungen, der verfassungswidrigen Suspendierung von Grundrechten auf Vorrat.“

Dass es längst nicht nur „Querdenker“ sind, die einer Impfung skeptisch gegenüberstehen, sondern dass für viele ganz normale Bürger:innen aus unterschiedlichen Gründen viele Fragen weiterhin offen sind, zeigt ein Artikel in der Berliner Zeitung: „Zu viele Fragen: Outing einer Nicht-Geimpften“. Aufgrund einer ganzen Tirade von Tweets, die die Aussagen im Artikel anzweifelten, hat die BZ den Artikel wieder vom Netz genommen (er ist nur über Umwege noch einzusehen). „Die Grenzen des Fragbaren haben sich rasant verschoben: Eine Frage, die früher nicht gestellt wurde, weil sie in den Bereich des Privaten, Höchstpersönlichen gehörte, fällt seit einigen Monaten einer gesellschaftlichen Maschinerie anheim, die schonungslos den Offenbarungseid verlangt“, schreibt die Autorin und bezieht sich auf die allgegenwärtige Frage: „Sind Sie geimpft?“ Das „hohe Lied der Impfung“ werde als „einzig denkbares Heilsversprechen (urbi et orbi)“ gesungen: „Menschen wie mich, die nicht verschworen sind und Corona nicht leugnen und sich dennoch nicht sofort und mit Begeisterung impfen lassen, gibt es offiziell in unserem Land nicht. Bestenfalls gelte ich als jemand, der bisher zu faul war, der nur mal seine Trägheit bzw. seinen ‚inneren Schweinehund‘, wie Robert Habeck sich ausdrückte, überwinden muss, um zur einzig richtigen und einzig akzeptablen Tat zu schreiten. Dass ich – nach gründlichem und immer neuem Nachdenken – sehr viele gut begründete Vorbehalte in mir habe, kommt in der medialen und politischen Berichterstattung über ‚Impfverweigerer‘ wie mich nicht vor. (…) Ich glaube, mit gutem Gewissen behaupten zu können, dass ich recht gut Bescheid weiß. Je mehr ich höre und je mehr ich lese, desto rätselhafter wird in meinen Augen das derzeitige Geschehen. Wie kann es etwa sein, dass die Veröffentlichung eines Wissenschaftlers oder einer Wissenschaftlerin in einer weltweit angesehenen medizinischen Fachzeitschrift in der öffentlichen Diskussion so gar nicht auftaucht? (…) Da haben sich anerkannte Fachleute sehr mutig und engagiert mit der unbestreitbaren Tatsache auseinandergesetzt, dass niemand weiß, auf welche Weise unser Körper aufgrund seiner ungeheuren Komplexität auf im Labor hergestellte, künstliche RNA reagieren könnte. (…) Wenn ich mich einfach impfen lassen würde, hier und jetzt, würde ich mir eine Menge Stress ersparen. Wenn ich mich weniger fundiert informiert hätte, wäre es vielleicht dazu gekommen. Ich habe mich informiert, weil ich mich von Corona weniger bedroht gefühlt habe als von einem neuen, rasend schnell entwickelten gentechnologischen Impfstoff.“

„Die Balance von Freiheit und Gesundheitsschutz gerät ins Wanken“, meint Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) in einem Gastbeitrag für die WELT. An die Stelle einer gründlichen Prüfung, ob überhaupt noch eine epidemische Lage nationaler Tragweite bestehe, rücke „eine Erwägung praktisch-administrativer Art“: „Welche Maßnahmen, die auf hunderten Seiten von Corona-Verordnungen der Länder fein säuberlich aufgegliedert sind, können wir aufrechterhalten, wenn der Bundestag dafür die Grundlage entzieht? Die Antwort lautet: nahezu keine. Ohne Rechtsgrundlage sind die zahlreichen Pflichten, Verbote und Verhaltensregeln, also die „erprobten Instrumente“, weitgehend Makulatur.“ Als Voraussetzung für die Verlängerung gelte, dass ein „dynamische Ausbreitung einer bedrohlichen übertragbaren Krankheit über mehrere Länder in der Bundesrepublik Deutschland“ drohe oder stattfinde: „Ob angesichts des Impffortschritts und des vorhandenen Impfangebotes eine solche Situation gegeben ist, darf man als strittig bezeichnen.“ Es spreche mehr gegen eine Verlängerung als dafür. Selbst Christian Drosten, der nun wahrlich nicht als Corona-Verharmloser durchgehe, habe in seinem Podcast vorgerechnet, „dass eine Corona-Infektion für Menschen unter 45 ungefähr so gefährlich ist wie eine Infektion mit der Influenza.“ Da die Älteren fast alle durch die Impfung geschützt seien, stelle sich die Frage: „Wenn das Risiko der Influenza nie in der Geschichte der Republik Anlass war, über eine epidemische Lage nationaler Tragweite auch nur zu diskutieren, warum sollte es jetzt angesichts eines durch die Impfungen auf ein vergleichbares Maß reduzierten Risikos ganz anders sein?“ Wenn die Risikogruppen weitgehend geimpft sind, sei eine Überlastung des Gesundheitssystems mit heutiger Erkenntnis nicht zu erwarten. Er halte den Weg, den Deutschland geht, „für bedenklich“, schreibt Palmer: „Es fehlt an der Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen. Schon beim heutigen Impfstand ist Corona nicht mehr wesentlich gefährlicher für das Gesundheitssystem als eine heftige Influenzawelle im Winter. Wenn der Staat zu völlig neuartigen Maßnahmen greift und sich im Vergleich mit anderen Risiken keine guten Gründe mehr dafür finden lassen, ist das gefährlich für die freiheitliche Grundordnung, in der wir leben. Ein Staat, der so weitgehende Freiheitseingriffe vornimmt, ohne dafür eine überzeugende Begründung vorzulegen, könnte auf eine schiefe Ebene geraten.“

Diese Forderungen scheinen umso berechtigter, als das europäische Ausland teilweise ganz andere Wege geht. Dänemark zum Beispiel hob am 3. September sämtliche Coronabeschränkungen auf, wie der SPIEGEL berichtet: „Schon jetzt dürfen die Dänen ohne Maske wieder Bahn fahren und ungetestet in Cafés sitzen. Corona gilt nicht länger als ‚für die Gesellschaft kritische Krankheit.‘ Große Menschenansammlungen und Veranstaltungen ohne Auflagen sind ab diesem Zeitpunkt kein Problem mehr. Klubs und Fußballstadien dürfen wie früher öffnen, der ‚Coronapass‘ genannte Impfausweis muss nirgendwo mehr vorgezeigt werden. Selbst bei steigenden Zahlen soll es nicht mehr automatisch zu neuen Einschränkungen kommen. Die Pandemie gilt in Dänemark damit faktisch als beendet.“ Hintergrund für diese Maßnahmen ist, dass in unserem nördlichen Nachbarland mehr als 80 Prozent der Bevölkerung über 12 Jahren inzwischen doppelt geimpft sind. Trotz der bereits seit Monaten bestehenden Lockerungen (schon im Juni fiel die Maskenpflicht) sind die Infektionszahlen nicht höher als anderswo. In dänischen Schulen sind Tests und Schließungen nur noch bei größeren Ausbrüchen geplant. Wenn einzelne Kinder positiv getestet werden, kann der Großteil der Mitschüler:innen dennoch weiterhin normal unterrichtet werden.

Auch auf den Kanarischen Inseln hat der Oberste Gerichtshof die Einschränkungen für Ungeimpfte und die 3G-Regeln aufgehoben, wie tkp.at berichtet. Trotz des guten Willens, der dem Erlass zugrunde liegen mag, berge die Anordnung das Risiko, „dass eine unbestimmte Anzahl von Bürgern von allen Möglichkeiten, die ihnen ihre verfassungsmäßig verankerte Freiheit bietet, ausgeschlossen wird, und zwar aufgrund der bloßen Entscheidung, sich nicht impfen zu lassen, was rechtmäßig ist, da die Impfung gegen Covid-19 freiwillig ist.“

Und in Spanien verbot der Oberste Gerichtshof in Madrid die Einführung eines „Covid-Passports“ und bestätigte damit ein entsprechendes Urteil des höchsten Gerichts in Andalusien, wie die WELT berichtet. Eine Impfung oder einen Test für den Besuch einer Bar verpflichtend zu machen, sei „diskriminierend und verletze die Privatsphäre der Spanier“. Im Hinblick auf die epidemiologische Lage sei es „nicht verhältnismäßig, für eine gesamte Region eine solche Regel zu verhängen. Dabei hat Spanien sogar weniger als Drittel so viele Intensivbetten pro Kopf als Deutschland. Schon im Juni wurde auch in Spanien die Maskenpflicht im Freien abgeschafft. Eine direkte oder indirekte Impfpflicht gibt es nicht, die Quoten sind trotzdem hoch.

Dagegen malt Christian Drosten hierzulande bereits den nächsten Lockdown an die Wand: „Mit dieser Impfquote können wir nicht in den Herbst gehen“, sagte er in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. „Wir werden gegen Anfang Oktober eine 10-prozentige Kontaktreduzierung und gegen Anfang November eine 30-prozentige nochmalige Kontaktreduktion brauchen, angesichts der erwartbaren Lage in den Krankenhäusern. Damit rechne ich fest. Damit rechnet auch das RKI fest. Auch im Coronavirus-Update auf NDR info vom 3. September bekräftigte Drosten seine Forderung nach einer höheren Durchimpfungsrate: Wir müssen unbedingt gesamtgesellschaftlich an der Impfquote arbeiten.“ Man könne sich „aus der Pandemie herausimpfen“. Die aktuelle Impfquote von über 60 Prozent reiche dafür aber nicht aus. Deshalb gehe er davon aus, dass die Politik die Kontaktmaßnahmen im Herbst wieder verschärfen wird. Sein eigenes, persönliches Ziel sei: „Ich will eine Impfimmunität haben und darauf aufsattelnd will ich dann aber durchaus meine erste Allgemeininfektion und die zweite und auch die dritte haben. Dann weiß ich, bin ich langhaltig belastbar immun und werde nur noch alle paar Jahre überhaupt mal dieses Virus sehen.“

Andere Wissenschaftler, z. B. der Direktor des Hygienezentrums Bioscientia, Dr. Georg-Christian Zinn, sehen das eher kritisch: „Wir haben dazu noch keine Studien. Man weiß aus der Vergangenheit, dass eine Infektion auf eine Impfung drauf meistens unbewusst zu einer Boosterung der Antikörperbildung führt“, sagte er RTL. Dass man das bewusst mache, sei „eher unüblich“. Man habe dazu keine Daten. Stattdessen solle man lieber eine Auffrischimpfung machen.

Im Frühjahr sollte die Pandemie ohnehin vorbei sein, sagt Virologe Klaus Stöhr in einem Interview mit dem Merkur: „Ab dem Frühjahr werden wir eine dramatische Entspannung der Situation erleben. Die Pandemie ist dann vorbei. Im Sommer wird trotz einiger Infektionen wieder absoluter Normalzustand herrschen. Vor dem Winter 2022 wird sich dann die Frage stellen, ob man die über 60-Jährigen noch einmal impfen muss. Alle anderen werden sehr wahrscheinlich keine weitere Impfung mehr brauchen.“

Inzwischen hat auch die Arbeitsgruppe um Matthias Schrappe ihr 8. Thesenpapier vorgelegt. Es beschäftigt sich mit der Pandemie als komplexes System, mit der Steuerung der Epidemie durch Indikatoren-Sets, mit Kindern und Jugendlichen in der Corona-Pandemie und mit der Politik und Demokratie unter Pandemie-Bedingungen. Bund und Länder kommen darin nicht gut weg: „Es fehlt jegliche Perspektive für die Bevölkerung, es fehlt jegliche Perspektive für die Mitarbeiter im Gesundheitswesen, und die Schäden für das demokratische System sind unabsehbar.“ Vor allem mit den Maßnahmen bei Kindern und Jugendlichen gehen die Wissenschaftler schwer ins Gericht: „Die besonderen Hygienemaßnahmen in Kindergärten und Schulen (Reihentestungen, Quarantäne, Maskenpflicht) entbehren der wissenschaftlichen Evidenz und sind hinsichtlich der Risiko-, Aufwand- und Nutzenbewertung weder geeignet noch verhältnismäßig. Gleiches gilt für mobile Luftreinigungsgeräte. Dass der auf den Jugendlichen lastende psychosoziale Druck durch die neue Impfempfehlung geringer wird, muss bezweifelt werden. Der Druck wird nämlich nicht durch eine Infektion hervorgerufen, die in aller Regel mild verläuft, sondern durch eine Politik, die den Lebensalltag der Heranwachsenden in einem unverhältnismäßigen Ausmaß einschränkt.“ In der Rolle der Patienten im Behandlungssystem habe sich in der Corona-Epidemie wieder „auf der ganzen Linie ein autoritär-paternalistisches Verständnis durchgesetzt“. Die „für die Organisationen des Gesundheitswesens typische Form der Expertenorganisation wurde zu klassischen hierarchischen Strukturen rückentwickelt.“ Fazit: In der Summe dränge sich „der Eindruck eines ‚Großen Zurück‘ auf: Lineare, hierarchische, gut messbar-biologistische, ins Paternalistische reichende, letztlich einfache Erklärungs- und Steuerungsansätze haben komplexe Sichtweisen und Handlungsansätze überrollt, obwohl gerade diese die Kompetenz einer entwickelten Gesellschaft repräsentieren.“

So wundert der Kommentar des Autors Tim Röhn nicht sonderlich: „Ich erkenne Deutschland nicht wieder“ schreibt er in einem Gastbeitrag für die WELT: Jede „noch so abstruse Maßnahme“ werde „schulterzuckend hingenommen“. „Wo sind die Reportagen vom Lungenkrebstod in deutschen Kliniken, die vom Sterben an Krankenhauskeimen? Rauchen und Alkohol – müsste man beides nicht konsequenterweise verbieten, damit jene, die deswegen krank werden, nicht irgendein freies Bett blockieren, das andernfalls ein Asket belegen könnte? (…) Wie lange will das Bundesverfassungsgericht eigentlich noch darüber beraten, ob diese Maßnahme (die Ausgangssperre, d. Red.) als Teil der „Bundesnotbremse“ nun angemessen war oder nicht? (…) Wann wurde es politisch korrekt, wegen Covid-19 in Panik zu verfallen und alle Restriktionen der Politik gutzuheißen? Warum ist es plötzlich so in Mode, den Mächtigen jedes Wort zu glauben? Was ist falsch daran, Lockdowns zu kritisieren? (…) Warum ist es verpönt, in der Debatte auf Schweden zu verweisen? Es gab keinen Lockdown in Schweden – und die Zahlen sind trotzdem besser als im EU-Durchschnitt. Und die Regierung – jetzt wird es ganz bitter für die Lagerdenker – ist nicht einmal rechts, sondern sozialdemokratisch. Der schwedische Weg, mittlerweile auch der Schweizer, der niederländische, der belgische und der britische – sie alle zeichnen sich dadurch aus, dass intensiv für die Rückkehr zur Normalität gekämpft wird. Währenddessen werden bei uns immer weitere drastische Ideen diskutiert. (…) Ich sehe vor allem die ‚German Angst‘ und den tiefen Wunsch, von Vater Staat immer neue Anweisungen zur Bewältigung der als hochdramatisch bewerteten Lage zu bekommen.“

Derselbe Autor hat noch ein weiteres heißes Eisen angepackt: „Der leise Zweifel impfender Ärzte“ hat er seine Recherche für die WELT über Ärzt:innen überschrieben, die Zweifel an der Sicherheit der Impfungen äußern. Die meisten ziehen ihre Statements rasch wieder zurück, löschen Beiträge auf Twitter oder anderen Medien. So berichtet Röhn über einen Arzt, der sich entschieden hat, in seiner Praxis nicht mehr zu impfen, weil er zu viele Nebenwirkungen gesehen hat: „Fieber, Schmerzen, Übelkeit, Hautausschläge, Lymphknotenschwellungen, Gefühlsstörungen, Autoimmunerkrankungen“. Röhn zitiert in diesem Zusammenhang Olaf Scholz, der für die Impfung mit den Worten warb: „50 Millionen sind jetzt zweimal geimpft. Wir waren ja alle die Versuchskaninchen für diejenigen, die bisher abgewartet haben. Deshalb sage ich als einer dieser 50 Millionen: Es ist gut gegangen! Bitte macht mit!“ (siehe dazu auch den Bericht in der BZ). Versuchskaninchen also. Das heißt ja aber doch: Nichts Genaues weiß man nicht über diese Impfstoffe, sonst wäre man ja kein „Versuchskaninchen“. Dieses Statement und auch die Impf-Verweigerung des Arztes (und er ist nicht der einzige im Land) offenbaren, so Röhn, „die angeschlagene Psyche eines hochnervösen Landes, das sich gespalten hat – in bewusst Geimpfte und bewusst Ungeimpfte.“ Röhn hat mit mehreren Ärzt:innen gesprochen, die sich ihrer ärztlichen Ethik verpflichtet fühlen („Primum non nocere“ – zuerst einmal nicht schaden) und deshalb aus dem Impfen ausgestiegen sind. Es sind Äußerungen, die man nicht einfach abtun kann. Gustavo Baretton, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pathologie, sagte, wie die Tim Röhn berichtet, er habe „schon im Frühjahr Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) schriftlich gebeten, mehr finanzielle Mittel für die Obduktion Impfgeschädigter zur Verfügung zu stellen. Er habe keine Antwort erhalten. ‚Wir haben keine gute Datenlage‘, sagt Baretton. Das Ministerium müsste einen anderen Drive haben.“

Ob das Gesundheitsministerium unter einer neuen Regierung einen anderen „Drive“ hat, sei dahingestellt. Mit den heißesten Anwärtern auf diesen Posten – Karl Lauterbach (SPD) oder Janosch Dahmen (Grüne) – wird das sicher nicht der Fall sein. Sie gelten in Sachen Corona als absolute Hardliner.

Die Corona-Politik spielt im Wahlkampf bisher allerdings kaum eine Rolle. Was rund 100 namhafte Ärzt:innen, Jurist:innen, Wissenschaftler:innen und Unternehmer:innen (darunter der Medizinstatistiker Gerd Antes, Epidemiologe und Virologe Klaus Stöhr, WDR-Moderator Jörg Thadeusz, Rechtsanwalt Niko Härting, ehemaliger Richter am Bundesgerichtshof Stefan Leupertz, Musikproduzent Paul van Dyk, Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot, Gesundheitsökonom Gerd Glaeske) dazu veranlasst hat, einen Offenen Brief an die Parteivorsitzenden von CDU/CSU, SPD, FDP, Linke und Bündnis 90/Die Grünen zu publizieren. Darin heißt es: „Kurz vor der Bundestagswahl gewinnen wir den Eindruck, dass Corona im Wahlkampf kein Thema ist. In den Parteiprogrammen vermissen wir Konkretes. Als Wählerinnen und Wähler dürfen wir von den Parteien Konzepte für die zukünftige Corona-Politik einer Bundesregierung erwarten. (…) Wir erwarten von den Parteien Antworten auf die drängendsten Fragen der Corona-Politik (Wahlprüfsteine).“ Und dann folgt eine Aufzählung von wichtigen Stichworten: Expertenrat, Institutionen (STIKO, RKI), Enquetekommission (zur Untersuchung der Versäumnisse), Politik nach Inzidenzen, Stufenplan, Entschädigung, Kultur, Bürgerrechte …

Natürlich haben die großen Medien darüber nicht berichtet. Neben dem Focus kam lediglich die Berliner Zeitung ihrer Chronistenpflicht nach und veröffentlichte den Offenen Brief im Wortlaut. 

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1G, 2G, 3G

Die Spaltung der Gesellschaft schreitet voran

 

Die Freie (!) und Hansestadt Hamburg hat es vorgemacht: Kulturelle Einrichtungen, Hotels, Restaurants, Sportveranstalter, Museen, Kirchen und Clubs können sich dafür entscheiden, nur noch Geimpfte und Genesene zuzulassen, wie der NDR berichtet. Sie können dann auf die sonst in Innenräumen geltenden Corona-Schutzmaßnahmen wie z. B. die Maskenpflicht verzichten, brauchen die Besucher:innen nicht mehr „auf Lücke“ bzw. Abstand zu setzen, sondern können das Haus wieder vollmachen wie eh und je. Ungeimpfte müssen draußen bleiben und können auch nicht über einen Test Zugang erhalten. Für Jugendliche ab 12 Jahren gilt noch eine Zeitlang eine sechswöchige Übergangsregelung, weil sich noch nicht alle haben impfen lassen können. Später bleiben nur noch Kinder unter 12 Jahren von der Nachweispflicht (geimpft oder genesen) ausgenommen. Die Entscheidung ob 2G (nur Genesene und Geimpfte) oder 3G (Genesene, Geimpfte und Getestete) treffen die Wirt:innen bzw. Veranstalter:innen oder Inhaber:innen.

Unter der Überschrift „Wenn Kneipenbesitzer Ungeimpften den Zugang verwehren dürfen“ meldet die Neue Zürcher Zeitung Skepsis an, ob das Modell tatsächlich erfolgreich sein wird. Der Hamburger FDP-Bundestagsabgeordnete Michael Kruse habe auf Twitter bereits vor einer Zwei-Klassen-Gesellschaft gewarnt und die Regelung als verfassungswidrig erklärt. Dieser Vorwurf sei falsch, meint Alexander Neubacher, Reporter im Hauptstadtbüro des SPIEGEL in einem Kommentar unter der Überschrift „Große Freiheit Hamburg“ (mit Anspielung auf die gleichnamige Amüsiermeile auf St. Pauli neben der Reeperbahn): Das 2G-Modell „differenziert anhand objektiver medizinischer Kriterien. Geimpfte und Ungeimpfte sind ungleich anfällig für das Virus. Sie haben ein unterschiedlich großes Risiko, sich zu infizieren, zu erkranken, an Corona zu sterben. Sie sind unterschiedlich gefährlich für Dritte, weil Ungeimpfte das Virus leichter übertragen. Für die einen sind wilde Partys lustig, für die anderen womöglich tödlich. (…) Wer sich hier über eine angebliche Zweiklassengesellschaft beschwert, redet in Wahrheit einer Gleichheit im Elend das Wort. Gerade aus liberaler Sicht ist es richtig, Geimpfte und Genesene von Vorschriften zu befreien, für die es in ihrem Fall keine medizinische Begründung mehr gibt. (…) Es gibt ein Recht auf Unvernunft. Doch es gibt keinen Anspruch darauf, den anderen die Party zu verderben.“

„Abrakadabra – volle Theater?“ schreibt die Süddeutsche Zeitung (SZ) schon am 19. August, denn Markus Söder hat die 2G-Regel auch für Bayern ins Kalkül gezogen, um noch mehr Menschen zum Impfen zu bewegen.

In der Hamburger Szene sind die Meinungen geteilt. Allerdings schwenken derzeit mehr und mehr Einrichtungen aus wirtschaftlichen Erwägungen auf die 2G-Regelung ein – 540 Betriebe haben sich ihr bis zum 6. September angeschlossen. Für viele Clubs, Restaurants, private Theater und Kultureinrichtungen ist sie ebenso verlockend wie eine Rettung in der Not, denn bei einem stark eingeschränkten Platzangebot kommen die meisten finanziell nicht über die Runden. Und so erscheint gerade die 2G-Regel für viele als besonders attraktiv und ein gangbarer Weg zurück zu Normalzuständen und „full house“. Voraussetzung ist allerdings, dass sowohl auf als auch hinter der Bühne ebenfalls alle geimpft oder genesen sind.

Bundesweit sieht es zumindest für Restaurants und Hotellerie anders aus: „Nicht einmal ein Drittel der Gastronomen und Hoteliers will die 2G-Regel einführen“, schreibt Business-Insider und bezieht sich dabei auf eine Umfrage des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga, an der 5.600 Betriebe aus ganz Deutschland teilnahmen. Schon die 3G-Regel für die Innengastronomie sehen viele Betriebe als Zumutung wegen des bürokratischen und zeitlichen Aufwands und zunehmender Auseinandersetzungen mit den Gästen.

Inzwischen fordert auch der Deutsche Städtetag von Armin Laschet in seiner Eigenschaft als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen die 2G-Regel für den Freizeitbereich. Das Infektionsgeschehen könne sonst in den Städten „teilweise außer Kontrolle geraten“. Nur für den Einkauf, den Einzelhandel und alle weiteren Bereiche der Daseinsvorsorge solle weiterhin ein negativer Test ausreichend bleiben.

Mittlerweile ordnen sogar schon Kindertagesstätten 2G an, wie aus einem Beitrag auf Twitter hervorgeht. Demnach dürfen einem Schreiben eines Landrats aus Unterfranken gemäß „alle externen Personen (Eltern, mobile Fachkräfte, Lieferanten usw.) die Einrichtung nur betreten, wenn sie geimpft oder genesen sind (2G-Regelung). Die 2G-Regelung gilt auch für Eingewöhnungseltern.“

Hamburg war die erste Großstadt, die das 2G-Modell eingeführt hat. Bereits mehrere hundert Einrichtungen beteiligen sich daran. Bewährt sich das, wird es bundesweit Schule machen. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) hat es für bestimmte Bereiche in Aussicht gestellt, wie das Deutsche Ärzteblatt schreibt. Damit wäre Artikel 3 Grundgesetz hinfällig: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“ Geimpfte und Genesene (und auch sie nur für ein halbes Jahr nach dem PCR-Nachweis ihrer Infektion) sind dann noch etwas gleicher.

Demgegenüber meint der Virologe und Epidemiologe Alexander Kekulé auf Focus Online, die 2G-Regel sei „Unsinn, weil sie auf einer vollkommen falschen RKI-Behauptung“ beruhe: Geimpfte seien vor einer Ansteckung nicht zu 100 Prozent gefeit, sondern sogar eher nur zu durchschnittlich 50 Prozent. Auch ließen sich bei Geimpften ähnlich hohe Virusmengen nachweisen wie bei Ungeimpften. Zudem sei „die relative Benachteiligung der Genesenen nicht wissenschaftlich begründet“. Nach aktueller Datenlage halte die Immunität nach einer durchgemachten Corona-Infektion wesentlich länger an als sechs Monate und schütze womöglich besser gegen die aggressive Delta-Variante als ein Impfstoff: „Während die häufig proklamierte ‚Welle der Ungeimpften‘ anhand der Tests und Krankenhauseinweisungen sichtbar und berechenbar ist, rauscht die Welle der Geimpften wie ein Tarnkappenbomber durch die Bevölkerung.“ Das 2G-Modell schütze deshalb Ungeimpfte nicht, sondern setze sie im Gegenteil durch steigende Inzidenzen einem höheren Infektionsrisiko aus. „Wenn sich das Virus dann massiv unter Kindern und Jugendlichen ausbreitet, sind Schulschließungen vorprogrammiert. Für die große Freiheit der Großen zahlen am Ende die Kleinen.“

Kollege Karl Lauterbach von der SPD indes meint gegenüber dem Portal „Business Insider“, wie der Newsticker der WELT am 4. September berichtet (nicht mehr online einsehbar): „Wenn die Zahlen weiter so steigen, müssen wir vermehrt 2G einführen – je früher, desto besser. Die einzige Frage ist, wann und wo kommt 2G. Anders kriegt man die Zahlen nicht nach unten.“

Ebenso fordert Janosch Dahmen von den Grünen, es seien „flächendeckend 2G-Maßnahmen nötig“, um die Fallzahlen und Hospitalisierungen zu drücken. 3G sei viel zu lasch gehandhabt worden: „Bis heute ist 3G eine politische Fiktion, die kaum effektiv kontrolliert wird. So lässt sich die vierte Welle nicht bremsen.“ Bei einer Inzidenz über 50 müsse automatisch 2G gelten und auch kontrolliert werden. Am Arbeitsplatz sowie in Bussen, Zügen, Flugzeugen müsse verbindlich 3G gelten. „Zudem müssen Grenzwerte definiert werden, wann zu 2G übergegangen wird. In NRW wäre das längst angezeigt“, schrieb Dahmen in mehreren Tweets. Mittlerweile gibt es auch Ärzte, die nur noch Geimpfte behandeln, wie die BILD berichtet.

Dass damit eine Impfpflicht durch die Hintertür etabliert wird, kann die Ethikrats-Vorsitzende Alena Buyx nicht erkennen, wie sie in einem Interview mit dem NDR betont: „Eine Pflicht ist etwas, dem man sich nicht entziehen kann.“ Das sei bei 2G nicht der Fall. Stattdessen werde „Druck aufgebaut, um es attraktiver zu machen, sich und andere zu schützen.“ Aus ethischer Sicht sei zwar das 3G-Modell besser, weil es „mehr Teilhabe“ biete. Wenn sich die Situation aber weiter verschlechtere, sei 2G „vertretbar“, sofern damit „maßvoll umgegangen“ werde: „Man sollte vorher alles ausgeschöpft haben.“ Zu bedenken sei auch, dass „eine Disco nicht der Sportverein und auch nicht eine Behörde“ sei.

Die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot widerspricht dem in einem Gastbeitrag für WELT entschieden. Es würden „Kontrollinstrumente geschaffen, um Ungeimpfte vom öffentlichen Leben auszuschließen“: „Ein politisches System hat sich verselbständigt und findet nicht mehr aus den Argumenten heraus, in denen es sich verheddert hat. (…) Seit rund 16 Monaten ist eine permanente Zielverschiebung dessen, was im Rahmen der Pandemie-Bekämpfung erreicht werden soll, zu beobachten. Das muss – zumal in einer Demokratie – ein Ende haben.“ Das politische System „schlittert von einer unplausiblen Maßnahme in eine andere – und rast wie eine Seifenkiste auf abschüssigem, immer undemokratischerem Boden. Das Schweigen des Bundesverfassungsgerichts, auf dessen Tischen sich die Klagen türmen, ist hierbei zunehmend unerträglich.“ Blicke man nüchtern auf die empirische Lage, sei Corona „inzwischen auf ein natürliches Lebensrisiko reduziert, das in einer freien Gesellschaft jeder mündige Bürger für sich allein tragen kann und muss. Ein Blick nach Dänemark, Schweden oder Finnland zeigt, dass Öffnung und Eigenverantwortung der Bürger ohne untragbares Risiko (und drastisch erhöhte Sterblichkeit) möglich sind.“ Es stelle sich die Frage, „ob es wirklich nur noch um Gesundheit geht oder ob sich – zumal unter dem Druck von Wahlen – ein politisches System in einem undemokratischen Krisenmodus mit Blick auf Ausgrenzung und Kontrolle von Bürgern verselbständigt und die Exit-Tür nicht mehr findet?“ Sie wünsche sich eine Diskussion „um das einzige G, das wirklich zählt: Gesundheit – und die Frage, was das eigentlich ist.“

3G – also der Nachweis, entweder geimpft, genesen oder getestet zu sein – breitet sich jedoch immer mehr im Alltagsleben aus. Inzwischen wird erwogen, 3G für Arbeitnehmer:innen verpflichtend zu machen, wie die WELT berichtet, oder für Bahn-Reisende, wie das Deutsche Ärzteblatt und der SPIEGEL melden. Auch wenn das Verkehrs-, Innen- und Gesundheitsministerium unisono meinen, das sei „praktisch nicht durchführbar“, hält Regierungssprecher Steffen Seibert es weiterhin im Namen der Kanzlerin für eine „mögliche und sinnvolle Maßnahme“. Wenn die Schaffner:innen dann also künftig die Fahrkarten kontrollieren (was ja in den ICEs inzwischen gar nicht mehr nötig ist dank „Komfort-Check-in“), wird man künftig womöglich den Impfpass, ein Testergebnis oder ein ärztliches Attest vorweisen müssen … Was passiert, wenn Leute sich dem verweigern, ist noch unklar. „Hält man dann auf freier Strecke und wirft sie raus? Werden sie im Zug kaserniert?“, fragt Thomas Vitzthum in einem Kommentar für die WELT. Denn Verstöße können nur mit Unterstützung der Bundespolizei und/oder des Sicherheitspersonals der Bahn geahndet werden. Weshalb Jens Spahn eine solche Verordnung „nicht kommen“ sieht. Im Gegensatz dazu meinte Kanzlerkandidat Olaf Scholz (SPD) beim „Triell“ auf RLT und ntv jedoch: „Der Wunsch von mir und der Kanzlerin ist, dass es klappen soll.“

Bayern schreitet auch hier voran: Seit Anfang September gilt dort in Seilbahnen die 3G-Regel, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, was den Verband Deutscher Seilbahnen allerdings wenig freut: „Abgesehen von den Kosten für einen erhöhten Personalaufwand wird sich durch die Kontrollen die Wartezeit an den Kassen erhöhen, und es werden sich größere Menschengruppen bilden.“

Von einer „Pandemie der Ungeimpften“ spricht die SZ, denn inzwischen weisen einige Bundesländer die Inzidenz getrennt für Geimpfte und Ungeimpfte aus. Und natürlich liegen die Zahlen für Letztere deutlich höher (Geimpfte werden bislang auch kaum getestet). Das grün regierte Baden-Württemberg erwägt bereits Kontaktbeschränkungen und Verbote für Ungeimpfte. Und in Österreich kann sich Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne) sogar vorstellen, ab Oktober „bei Veranstaltungen nur noch Geimpfte einzulassen und damit auf eine 1G-Regel umzusteigen“, wie das ORF meldet.

Im Arbeitsleben streiten Wirtschaft und Politik darüber, ob Unternehmen von ihren Beschäftigten verlangen dürfen, ihren Impfstatus offenzulegen, schreibt das Deutsche Ärzteblatt. Der WELT sagte der Bonner Arbeitsrechtsprofessor Gregor Thüsing: „Der Arbeitgeber und die Kollegen haben ein legitimes Interesse zu erfahren, wie hoch das Ansteckungsrisiko eines Mitarbeiters ist.“ Auch CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet meint: „Der Arbeitgeber muss wissen, wer im Betrieb geimpft ist, um Schutzmaßnahmen ergreifen zu können“, schreibt die WELT. Allerdings dürften Nichtgeimpfte nicht diskriminiert werden: „Man muss das behutsam machen.“

Auch Gesundheitsminister Spahn findet diese Auskunftspflicht richtig, wie er in der ARD-Sendung hart aber fair am 30. August darlegte. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) dagegen sagt: „Ein generelles Auskunftsrecht des Arbeitgebers wird es nicht geben können, das Arbeitsrecht gibt das nicht her“, schreibt das RND. Sogar die Bayerische Staatsregierung erklärte die Impfabfrage bei pädagogischem Personal für grundrechtswidrig, wie aus einer Antwort auf die Anfrage eines grünen Landtagsabgeordneten hervorgeht: „Durch den Freistaat Bayern als Dienstherrn und Arbeitgeber von Lehrkräften erfolgt auch keine Abfrage des Impfstatus der beim Freistaat beschäftigten Lehrkräfte. Eine solche Abfrage würde einen Eingriff in das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung darstellen, das Ausprägung des allgemeinen Persönlichkeitsrechts aus Art. 2 Abs.1 i.V.m. Art.1 Grundgesetz ist. Bei Informationen über den Impfstatus handelt es sich um sensible Gesundheitsdaten. Bei einer anonymen Abfrage bestünde für die Lehrkräfte weder eine Pflicht zur Teilnahme noch zur wahrheitsgemäßen Beantwortung, sodass von einer solchen Abfrage keine belastbaren Zahlen zu erwarten wären.«

Von Seiten des Datenschutzbeauftragten Ulrich Kelber gibt es keine Bedenken, dass Firmen den Impfstatus ihrer Mitarbeiter:innen erfragen dürfen. Er fordert dafür einen „Corona-Sonderweg“ und spricht sich dafür aus, die SARS-CoV-2-Arbeitsschutzverordnung entsprechend anzupassen, wie das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) berichtet. Auch die Stiftung Patientenschutz schließt sich an und fordert, dass das Personal „in bestimmten Einrichtungen Auskunft über seine Corona-Schutzimpfung gibt“, wie das RND berichtet: „Zum Schutz der Pflegebedürftigen und Kranken braucht es Transparenz darüber, wie viele Mitarbeiter geimpft oder genesen sind.“ Inzwischen hat es einen Kompromiss gegeben: Beschäftigte in Kitas, Schulen und Pflegeheimen sollen voraussichtlich Auskunft geben, ob sie geimpft oder genesen sind. Eine generelle Auskunftspflicht soll es – vorläufig – nicht geben, wie die NZZ berichtet.

Inzwischen erwägen Experten allerdings bereits Strafen für Ungeimpfte, wie aus einem Interview mit dem Immunologen und Kinderarzt Dr. Stephan Borte vom Leipziger St.Georg-Klinikum bei t-online.de hervorgeht: „Man kann durchaus auch mal über Strafen für Ungeimpfte nachdenken“, heißt es da. „Ich sage nicht, dass die kommen müssen, aber restriktivere Maßnahmen könnten auch erwogen werden. Wenn Autofahrer 15 Euro fürs Falschparken in einer Halteverbotszone zahlen, deren Wirksamkeit oft nicht nachvollziehbar ist, wird das auch akzeptiert. Hier geht es aber um etwas viel Wichtigeres: das Einstehen in der Gesellschaft füreinander. Wer sich dem verweigert, der kann auch mit restriktiven Maßnahmen angegangen werden. Denn: Dass eine Mehrheit – nämlich die der Geimpften – Rücksicht auf eine Minderheit nehmen soll, kann auch irgendwann zum gesellschaftlichen Problem werden.“

Um dem Protest, der sich gegen die 2G/3G-Maßnahmen regt, eine Stimme und ein Gesicht zu geben, hat der Verein „Ärztinnen und Ärzte für individuelle Impfentscheidung“ die Aktion #2Ggehtgarnicht gestartet.

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Zum Sehen, Hören, Lesen

Kultur für Herz, Geist und Sinne

Die Tage werden kürzer, die Nächte länger – Zeit für gemütliche Abend am Ofen oder Kamin! Hier sind wieder unsere Tipps für interessante Filmbeiträge, spannende Gespräche und anregende Lektüre.

 

Zum Sehen

ÜBER DAS GLÜCKLICHWERDEN
Irvin Yalom, der große Psychoanalytiker, Psychiater, Psychotherapeut und Schriftsteller hat schon 2014 dem Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) ein ausführliches Interview gegeben über die Angst vor dem Tod und das Glücklichsein. Es ist ein Gespräch, das auch sieben Jahre später noch ebenso bewegend wie gültig ist. "Yaloms Anleitung zum Glücklichsein" gibt es auch als DVD

GRUNDELEMENT DES LEBENS
Einen grandiosen Film über eine unserer wichtigsten Vitalfunktionen hat Sandra Klösges für das ZDF und arte gedreht: das Atmen. Es begleitet uns von der Geburt zum Tod, es ist der erste Atemzug, der uns zum Leben auf der Erde befähigt, und mit dem letzten hauchen wir eben dieses physische Leben aus. Gerade in Zeiten von Corona hat das Atmen noch einmal einen ganz neuen Stellenwert erfahren. Und beim Betrachten dieses Films wird es so manchen Aha-Moment geben – wetten, dass Sie das, was so selbstverständlich ist, das Ein- und Ausatmen, noch nie so gesehen haben? Der Film ist noch bis zum 16. Dezember 2021 in der arte-Mediathek abrufbar.

ORGANISCHE ARCHITEKTUR LIVE
Wer schon mal in Dornach auf dem Hügel war, wo das Goetheanum steht, wird sich über die vielen seltsamen Gebäude gewundert haben, von Lästermäulern gerne als „Schlumpfhäuser“ verspottet. Und doch üben gerade diese Bauwerke mit ihren eigenartigen Formen eine unwiderstehliche Anziehungskraft und Neugierde aus. Wer in Dornach vor Ort ist, kann den „Architekturpfad“ selbst erlaufen oder im Rahmen einer Führung erkunden. Einen Vorgeschmack darauf gibt ein kleiner Film, der auf YouTube eingestellt ist.

TEACHERS FOR LIFE – LERNEN AUS VERBUNDENHEIT
So lautet der Titel eines Films von Kathrin Höckel und Julian Wildgruber, der außergewöhnliche Lehrkräfte bei der Arbeit zeigt: Richard Dunne aus England, der mit seinen Schüler:innen in die Berge geht, um sie lebensprägende Erfahrungen machen zu lassen; Helle Jensen aus Dänemark, Co-Autorin von Jesper Juhl; Lisa Viehoff aus Berlin; und Philippe Bretaud, der in Frankreich die Nachwuchselite des Fußballs trainiert (für die Spezis: Kylian Mbappé und Marcus Thuram sind bei ihm in die Lehre gegangen). Es ist ein Film, der ermutigt, eigene Wege zu gehen im Unterricht von jungen Menschen und sich nicht zu scheuen, sich selbst und die eigene Persönlichkeit dabei ganz mit einzubringen. Es ist ein Film über das Lehren und Lernen aus Leidenschaft, den beileibe nicht nur für Lehrer:innen, sondern für Eltern, für Großeltern – für uns alle.

Teachers for Life. Zu beziehen als Stream für 4,50 Euro oder zum Kaufen für 10,50 Euro bei Vimeo, als Stream bei Amazon, iTunes oder Microsoft sowie als Lizenz zur Vorführung in Schulen, Seminaren oder im öffentlichen Raum.

EIN NEUES WALDERLEBNIS
Seit Anfang Oktober in den Kinos bringt uns ein Film über den „Wilden Wald“ den Nationalpark Bayerischer Wald auf ganz eigene Art nahe. Was war dieser Nationalpark zu Beginn umkämpft, was mussten die Initiatoren aushalten an Schmähungen aus der Bevölkerung, vor allem, als ein Orkan die Bäume knickte wie Streichhölzer … Entgegen allen Anfeindungen ist es gelungen, der Natur ihren Lauf zu lassen und eben nicht einzugreifen, wo es so nahe lag, all das Knickholz abzufahren und den Wald von Menschenhand einzuhegen. Dass es richtig war, genau das nicht zu tun, sondern die Natur Natur sein zu lassen, das bringt dieser Film auf wunderbare Art nahe und zeigt: Wir brauchen mehr wilde Wälder. Wir brauchen noch viel, viel mehr davon.

SPANNEND WIE EIN KRIMI
Gerade haben die Enthüllungen von Frances Haugen vor dem US-Senat über die Machenschaften von Facebook Furore gemacht, jetzt lässt sich das alles live und in Farbe bei YouTube nachverfolgen – dreieinhalb Stunden lang. Es sind Vorwürfe, die es in sich haben, wie eine Zusammenfassung der Neuen Zürcher Zeitung zeigt. Wer jetzt noch bei Facebook ist, ist selber schuld …

In diesem Zusammenhang sei noch auf eine Dokumentation von Netflix hingewiesen: Das Dilemma mit den sozialen Medien. Darin schlagen sogar die Erfinder selbst Alarm …

 

Zum Hören

HINTER DEN KULISSEN DER WHO
Das Feature ist zwar schon drei Jahre alt, aber sicher immer noch von hohem Informationswert: Das Dilemma der WHO beim Deutschlandfunk Kultur. Es wirft die Frage auf: Wie unabhängig ist die Weltgesundheitsorganisation? Höchst aufschlussreich!

PLÄDOYER FÜR EINE FREIE IMPFENTSCHEIDUNG
Ein Podcast der Wochenschrift „Das Goetheanum“ hat ein Gespräch mit dem Kinder- und Jugendarzt Georg Soldner geführt, in dem dieser ein bewegendes Plädoyer hält für die freie Impfentscheidung – ganz besonders bei Kindern, aber ebenso bei Erwachsenen. „Wir gehen auf eine Impfpflicht zu, die sich nicht mal ehrlich zu erkennen gibt und damit auch gerichtlich überprüfbar wäre. Eine freie Impfentscheidung ist heute nicht mehr gegeben.“ Hörenswert!

MENSCHENRECHTE UND AUFKLÄRUNG
Im Jahr 2017 sollte der Göttinger Staatsrechtler Werner Heun einen Vortrag halten über „Menschenrechte und Aufklärung“. Das war ihm krankheitsbedingt – er starb im September 2017 – schon nicht mehr möglich, weshalb sein Kollege Hans Erich Bödecker für ihn sein Manuskript vortrug. Es ist, auch vier Jahre später, aktueller denn je. Gut, dass es bei YouTube eingestellt ist.

 

Zum Lesen

BEDEUTSAME VIELFALT
Sie bevölkern millionenfach unseren Verdauungstrakt, und ihre Vielfalt ist ausschlaggebend für unsere Gesundheit und auch ein schlagkräftiges Abwehrsystem: Mikroorganismen wie Bakterien und Viren. Jetzt hat Chirurg und Thomas Hardtmuth, der sich schon seit vielen Jahren intensiv mit der Welt der Mikroorganismen auseinandersetzt sein Wissen in ein Buch gepackt. Leider wenig lesefreundlich gesetzt (breit über die ganze Seite, in sehr engem Zeilenabstand und vergleichsweise kleiner Schrift, ohne optische Elemente) bringt es uns die vielfältigen Einflüsse nahe, die diese noch weitgehend unerforschte Innenwelt für uns mit sich bringt. Und es zeigt einmal mehr, dass die ganz überwiegende Mehrheit der Viren und Bakterien nicht unserer Feinde sind, sondern unsere Freunde. Und dass sie uns nur dann zur Bedrohung werden, wenn wir sie selbst oder äußere Einflüsse sie aus dem Gleichgewicht bringen.
Thomas Hardtmuth: Mikrobiom und Mensch. Die Bedeutung der Mikroorganismen und Viren in Medizin, Evolution und Ökologie. Wege zu einer systemischen Perspektive. Salumed Verlag, 236 Seiten, 38 Euro

ÜBER DIE VERGÄNGLICHKEIT
Der Herbst ist ja immer auch die Zeit, in der uns die fallenden Blätter an die eigene Vergänglichkeit erinnern. Zeit für ein Buch, in dem eine Tochter über die letzten vier Wochen mit ihrer Mutter erzählt, die sich entschieden hat, selbstbestimmt aus dem Leben zu gehen. Es ist ein Buch über das Abschiednehmen und den Neubeginn und ein Buch über die Suche nach den eigenen Gründen und Abgründen. „Ich schreibe, weil ich nicht aufhören kann, mich an dich zu erinnern“, sagt die Autorin über ihr Werk. Gibt es eine schönere Liebeserklärung an eine Mutter?
Ariela Sarbacher: Der Sommer im Garten meiner Mutter. Bilger Verlag, 160 Seiten, 22 Euro

ERINNERUNGEN AN DIE FÜNFZIGER JAHRE
Sie sind die Wiege des Wohlstands unserer Zeit, und sie haben nicht nur eine Generation geprägt: die 1950er Jahre. Carmen Korn hat daraus eine Familiensaga gewoben, wie sie charakteristischer nicht sein könnte. Sie verwebt damit Schicksale an drei Orten: Köln, Hamburg und San Remo. Sie bringt die Verlogenheit und Spießigkeit dieser Zeit ebenso nahe wie die Aufbruchstimmung, die Lebensfreude und Unbändigkeit. Band 1 ist bereits erschienen, Band 2 noch in Vorbereitung.
Carmen Korn: Und die Welt war jung. Kindler Verlag, 636 Seiten, 22 Euro

IN 80 TAGEN UM DIE WELT
Die „Vendée Globe“ ist sicher die größte Herausforderung, der sich ein:e Segler:in stellen kann. Sie wird alle vier Jahre ausgetragen und führt über den Atlantik um das Kap der guten Hoffnung herum an Südafrika vorbei durch den Pazifik und über das gefürchtete Kap Hoorn an der Südspitze Südamerikas an der Ostküste Brasiliens entlang wieder zum Ausgangspunkt zurück – einmal rund um die Welt, nonstop. Am 8. November 2020 startete die Vendée Globe mit 33 Yachten in Les Sables-d’Olonne an der französischen Westküste, nicht alle kamen dort wieder an. Hierzulande fieberten viele Menschen mit Boris Herrmann, der mit der „Seaexplorer“ als erster Deutscher an dieser waghalsigen Regatta teilnahm. Jetzt hat er zusammen mit dem Journalisten Andreas Wolfers, selbst ein begeisterter Segler, seine Erlebnisse in einem Buch zusammengefasst. Wenn man es einmal angefangen hat, legt man es kaum noch aus der Hand – so spannend ist es. Und klar – Boris Herrmann bereitet schon die nächste Vendée Globe vor. Vorher aber noch einiges andere …
Boris Herrmann mit Andreas Wolfers: Allein zwischen Himmel und Meer. Meine 80 Tage beim härtesten Segelrennen der Welt. 320 Seiten, 24 Euro

NACHDENKLICHES
Es gibt viele Ansätze, um sich den Rätseln und Fragen zu nähern, die die Corona-Krise mit sich gebracht hat. Jetzt hat der Verlag am Goetheanum elf Vorträge verschriftlicht, die im Herbst 2020 in Dornach gehalten wurden. Sie beschäftigen sich mit den wesentlichen Charakteristika dieser Zeit, die von einem Virus ebenso geprägt wurde wie von den mehr oder weniger nachvollziehbaren Reaktionen, die es in unserer Gesellschaft hervorgerufen hat. Elf nachdenkliche Essays über wichtige Fragen unserer Zeit.
Ueli Hurter, Justus Wittich (Hrsg.): Coronazeit. Zur geistigen Signatur der Gegenwart. Verlag am Goetheanum, 288 Seiten, 15 Euro

DER KLEINE UNTERSCHIED …
… und seine großen Folgen – so hieß ein Buch von Alice Schwarzer, das 1975 für Furore gesorgt hat und bis heute kaum etwas von seiner Gültigkeit verloren hat. Während Alice Schwarzer vor allem die gesellschaftlichen Aspekte im Blick hat, widmet sich das Buch, um das es hier gehen soll, den medizinischen Unterschieden zwischen Mann und Frau. Und sie sind eben oft sehr viel größer und bedeutsamer, als man das landläufig vermuten würde. „Gender-Medizin“ ist ein noch vernachlässigtes, kleines Fach an unseren Universitäten und hat doch so große Folgen, vor allem in der alltäglichen medizinischen Praxis. Gut, dass dieses Buch Licht bringt ins Dunkel der immer noch männerdominierten Lehre. Denn dieses Buch kann Leben verlängern. Frauenleben. Und deshalb sollte es Pflichtlektüre sein für alle Medizinstudierenden und die schon approbierten Ärzt:innen sowieso.
Annegret und Rolf Hofmann: Frauenmedizin. Männermedizin. Der kleine Unterschied ist größer als gedacht. Revolutionäres Wissen, warum Frauen und Männer gesundheitlich unterschiedlich ticken. Goldegg Verlag, 206 Seiten, 17 Euro

KOCHEN, ESSEN, LEBEN
Für viele Menschen war das das Motto in den dunklen Monaten des Lockdowns und der Ausgangsbeschränkungen. Viele haben in dieser Zeit das Kochen neu für sich entdeckt. Ihnen wird ein Buch aus dem Herzen sprechen, das die britische Autorin und Fernsehköchin Nigella Lawson gerade herausgebracht hat. Es beinhaltet nicht nur Rezepte, sondern auch Geschichten rund ums Essen und die eigenen Erfahrungen. Sie gibt Einblick in ihre ganz persönlichen Kocherlebnisse, vor allem aber in die unbändige Lebensfreude, die gutes Essen mit sich bringt. Und man muss überhaupt kein:e Meisterköch:in sein, um all die leckeren Dinge nachkochen zu können, die Nigella Lawson da vor uns ausbreitet. Guten Appetit!
Nigella Lawson: Kochen, essen, leben. Küchengeschichten und Kochgeheimnisse. Mit über 100 Rezepten. Dorling Kindersley Verlag, 352 Seiten, 26,95 Euro

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Impfung für unter 12-Jährige?

Jugendliche haben viel gravierende Probleme als Corona

Dass der Impfstoff von BioNTech/Pfizer bereits an unter 12-jährigen Kindern bis hinab zum Alter von sechs Monate alten Säuglingen erprobt wird, ist bereits bekannt. Jetzt hat die Firma ihre Studienergebnisse für den Einsatz bei Kindern zwischen fünf und elf Jahren veröffentlicht. Natürlich hat sich der Impfstoff als „gut verträglich“ erwiesen, heißt es in einer Pressemitteilung von BioNTech/Pfizer. Überprüfbare Fakten sind darin jedoch nicht enthalten. 

In den USA haben BioNTech/Pfizer gerade die Notfallzulassung für die Impfung bei 5- bis 11-Jährigen eingereicht, wie der SPIEGEL berichtet. „Zu Thanksgiving sollte der Impfstoff verfügbar sein“, meint ein Sprecher des Weißen Hauses, wie die Nachrichtenagentur Reuters schreibt. Die Firma kündigte bereits an, in Kürze auch bei der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA die Zulassungsunterlagen einzureichen.

Steffen Rabe, Kinder- und Jugendarzt in München und Sprecher des Vorstands der „Ärztinnen und Ärzte für individuelle Impfentscheidung“ (ÄFI) kommentiert dazu in seinem Blog coronoia.info: „Die behauptete ‚Wirksamkeit‘ wird hier nicht einmal wie in den schon schlechten Zulassungsstudien bei Erwachsenen mit dem Schutz vor Covid-Erkrankungen oder gar schweren Verläufen nachgewiesen, sondern ausschließlich mit der Bildung von Antikörpern gegen das Originalvirus (!). Ob hier tatsächlich ein – für Kinder dieser Altersgruppe unnötiger – Schutz vor schweren Erkrankungen unter der Delta-Variante entsteht, der Impfstoff also klinisch relevant wirksam ist, bleibt völlig offen. Dies wird angesichts der extrem seltenen schweren Erkrankungen bei Kindern mutmaßlich auch kaum nachzuweisen sein. Und wenn das ‚Sicherheitsprofil‘ des Impfstoffs in dieser Altersgruppe, wie in der Pressemitteilung behauptet, dem in ‚in anderen älteren Bevölkerungsgruppen‘ entspricht, ist es für Kinder angesichts ihres minimalen Komplikationsrisikos bei der Erkrankung und des bei älteren Jugendlichen erheblichen Komplikationsrisikos der Impfstoffe völlig inakzeptabel.“ Rabes Fazit: Kinder brauchen keine Covid-Impfstoffe! 

Dies erscheint umso begründeter, als eine Herzmuskelentzündung bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen nach einer Impfung mit mRNA-Impfstoffen weitaus häufiger vorkommt als bisher angenommen, wie das arznei-telegramm berichtet. Die neuen Daten waren wenige Wochen nach der STIKO-Empfehlung der Impfung für Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren bekanntgeworden. Die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA hatte eigene Analysen von Krankenversicherungsdaten bei Jugendlichen ab 16 Jahre vorgenommen. Dabei wurde das Risiko der am stärksten gefährdeten Gruppe, den 16 und 17 Jahre alten Jungen, auf 200 zusätzliche Erkrankungen pro 1 Millionen Geimpfter geschätzt. Das entspricht einem Risiko von 1:5.000. Es liegt damit deutlich höher als die bisher kommunizierten Zahlen von 1:15.000 nach der zweiten Dosis, wie auch ein Bericht im Ärzteblatt darlegt.  

Dänemark und Schweden haben deshalb seit Anfang Oktober die Impfungen mit dem Moderna-Impfstoff bei den nach 1991 Geborenen ausgesetzt, wie Reuters berichtet. Inzwischen hat auch Finnland nachgezogen.

Damit nicht genug: Wer sich mit dem Vektor-Impfstoff von Johnson & Johnson hat impfen lassen, bei dem eine einmalige Injektion genügte, wiegt sich womöglich in falscher Sicherheit. Der Impfschutz sei „ungenügend“ befand die STIKO und verweist auf zahllose Impfdurchbrüche nach diesem Impfstoff, wie tagesschau.de meldet. Man solle sich ab vier Wochen nach der Impfung mit einem mRNA-Impfstoff nachimpfen lassen …

Kein Wunder, dass STIKO-Chef Thomas Mertens angesichts solcher Meldungen die Impfempfehlung für unter 12-Jährige skeptisch sieht. Kein Kind unter 17 sei bisher an Covid-19 gestorben, sagt er im Deutschen Ärzteblatt. Die Krankheitslast sei schon bei den 12- bis 17-Jährigen so gering gewesen, dass die Entscheidung zur Impfung bei der Nutzen-Schaden-Abwägung schwierig gewesen sei: „Bei den Jüngeren wird das noch schwieriger sein.“ Mertens erwartet zugleich erneut eine „Welle politischen Drucks. Druck ist in dem Zusammenhang aber schlecht. Ganz besonders auch, weil die Kinder herhalten sollen, um die Impfmüdigkeit der 18- bis 59-Jährigen auszugleichen. Das ist absurd.“

Bei Säuglingen und Kleinkindern gibt es derzeit ein ganz anderes Problem: Da gibt es in den Krankenhäusern eine regelrechte Notlage – allerdings nicht aufgrund von Corona-Erkrankungen, sondern aufgrund des Pflegemangels und rapide gestiegener Atemwegsinfektionen anderer Ursachen, wie der Tagesspiegel meldet: „Wir steuern auf eine Katastrophe zu!“ Wegen Überlastung der Berliner Kliniken werden Kinder bereits nach Brandenburg verlegt: „Derzeit müssen für den Herbstbeginn ungewöhnlich viele Kinder in Krankenhäusern behandelt werden. Ursache der Überlastung ist der akute Pflegemangel.“ Covid-19 spielt bei den Kindern so gut wie keine Rolle.

„Ungewöhnlich viele Kinder haben Atemwegsinfekte“, meldet auch der SPIEGEL. Erkältungen, die eigentlich erst im Winter dran sind, brechen schon jetzt aus und verlaufen teilweise schwerer als sonst, vor allem bei den Sechsjährigen. Aufgrund der Kita-Schließungen und anderer Coronamaßnahmen im vergangenen Winter und Frühjahr seien die Kinder nicht in Kontakt mit bestimmten Erregern gekommen. Diese Infekte würden jetzt nachgeholt. Vor alem das Respiratorische Synzytial-Virus, abgekürzt RSV, macht den Kindern zu schaffen. „Da wir das RS-Virus im vergangenen Winter nur bei ganz wenigen Kindern gesehen haben, gibt es wahrscheinlich eine ganze Geburtskohorte, die keinerlei Erstimmunität entwickelt hat“, zitiert der SPIEGEL die Epidemiologin Berit Lange vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Die Kinder überstehen den Infekt meist gut, Säuglinge und Kleinkinder, vor allem Jungen, müssen jedoch auch manchmal in der Klinik behandelt werden.

Da ist es nur folgerichtig, dass der Berufsverband der Kinderärzte (BVKJ) jetzt eine Aufhebung der Maskenpflicht an Schulen fordert. Das Saarland sowie Bayern und Berlin haben das bereits getan (in Berlin gilt das nur für die Klassen 1-6). Der Sprecher des BVKJ, Jakob Maske, begrüßte diese Entscheidung in einem Interview mit dem Deutschlandfunk ausdrücklich. Kinder würden „großen Schaden erleiden“, weil sie nicht mehr völlig angstfrei und ohne Maske sein dürfen. „Diese Zeit muss nun vorbei sein.“ Zwar würden durch den Wegfall der Maske Viren nun schneller verbreitet. Wenn jedoch die Lehrer und Eltern geimpft seien, seien die Kinder gut geschützt und die Erwachsenen ebenso: „Wir sind wenig besorgt, weil Kinder sehr selten schwer erkranken oder gar extrem schwer. Corona ist für diese Altersgruppe relativ harmlos. (…) Wir quälen Kinder mit Maske, wir quälen sie mit Testen. Das ist die einzige Gruppe, die sich das gefallen lassen muss, weil sie sich nicht selber wehren kann.“ Corona sei für Kinder ein harmloser Infekt, man müsse jetzt zur Normalität zurückkommen. Dies umso mehr, als viele Erwachsene ohne Maske Partys feiern dürfen und sich nicht mehrfach in der Woche testen müssen wie die Kinder.

Das rief sofort die Virologin Melanie Brinkmann auf den Plan, die in einem Interview mit der Rheinischen Post sagte: „Bei der hohen Anzahl an Nicht-Geimpften, und hierzu zählen die Kinder, halte ich diese Entscheidung für verfrüht – und ehrlich gesagt auch für ziemlich dumm.“ Was den Chef des BVKJ, Thomas Fischbach, zu einer Entgegnung veranlasste: „Ich wundere mich über den Stil von Frau Brinkmann. Uns Kinder- und Jugendärzte und den Präsidenten der Bundesärztekammer für ‚dumm‘ zu erklären, ist empörend.“ Brinkmann sehe nur ihre Viren und nicht die Menschen dahinter.

Ein anderes, sehr viel gravierenderes Thema steht bei den Jugendlichen deutlich mehr im Vordergrund als Corona: „Suizidale Krisen, wie aus dem Nichts“, wie in einem Interview mit dem Kinder- und Jugendpsychiater Olive Dierssen im SPIEGEL deutlich wird. Den Jugendlichen fehle „der hoffnungsvolle Blick in die Zukunft“. Depressionen und Suizidgedanken hätten massiv zugenommen: „Eine depressive oder auch suizidale Entwicklung vollzieht sich vor allem in einem Mangel – einem Mangel an Hoffnung, Freude, Lebendigkeit, Antrieb. Es fehlt oft eine Zukunftsperspektive. (…) Wir leben in einer Zeit, in der für eine ganze Weile gar keine greifbare Zukunft angeboten wurde. Niemand wusste, wie lang die Pandemie dauert und ob unser Leben hinterher wirklich noch mal so sein wird wie vorher. All das spielt sich außerdem noch vor dem Hintergrund der Klimakrise ab, die viele Jugendliche verstört und ihnen den Nährboden nimmt, sich in eine Zukunft hineinzudenken, auf die es sich zu freuen lohnt.“ Begonnen habe das schon im Herbst 2020 und halte seither an: „Eine solche fundamentale Erfahrung von Hilflosigkeit, Ausgeliefertsein und Isolation lässt sich nicht ungeschehen machen. (…) Das sind lebensprägende Erfahrungen.“ Er sehe weiterhin eine ungewöhnlich hohe Zahl an jungen Patienten, die mit schweren depressiven und suizidalen Symptomen zu kämpfen haben. Zurzeit wachse eine Generation heran, „die früh die prägende Erfahrung macht, dass die eigenen Interessen von den Älteren überhaupt nicht berücksichtigt werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das noch lange gut geht. Das ist ein undemokratischer Prozess, dem wir gerade beiwohnen: dass eine Generation der Älteren und Ältesten Entscheidungen trifft, von denen sie später gar nicht mehr betroffen sein wird. Und die Jüngeren müssen tatenlos und zum Teil ohne Stimmrecht zusehen und diese Entscheidungen einfach annehmen. Solche Erfahrungen können das Demokratieverständnis einer ganzen Generation erschüttern.“

Auch der Virologe Klaus Stöhr forderte in einem Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung „das Ende aller Corona-Maßnahmen und einen sofortigen Freedom Day für Kinder“. Masken und Tests sollten verschwinden, Geimpfte Erwachsene nicht mehr in Quarantäne müssen. Bei den Tests werde „einfach nur sinnlos Geld verbrannt, das für wirklich wichtige Dinge viel dringender benötigt wird“.

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Impfpflicht durch die Hintertür?

Massiver Druck auf Ungeimpfte

Nichtsdestotrotz wird weiterhin massiv Druck ausgeübt, um auch noch die letzten Zögerlichen von der Impfung zu überzeugen, insbesondere die jüngere Generation. „Für Ungeimpfte könnte es unbequem werden“, titelt die Süddeutsche Zeitung. „Wer nicht geimpft ist, für den wird der Alltag ziemlich mühsam.“ In ihrem Kommentar hält SZ-Wissenschaftsredakteurin Christina Berndt eine Ungleichbehandlung von Geimpften und Ungeimpften für durchaus „legitim“: „Mehr und mehr werde es sich für Geimpfte „so anfühlen, als gäbe es gar keine Pandemie mehr. Das Leben der Ungeimpften hingegen bleibt kompliziert und wird angesichts der wachsenden Inzidenzen noch komplizierter werden. (…) Die Ungleichbehandlung von Geimpften und Nichtgeimpften kommt tatsächlich faktisch einer Impfpflicht gleich, sie lässt jedenfalls immer weniger Raum für ein Nein.“ Das sei trotzdem legitim, „denn nur so lässt sich die Pandemie beenden. (…) Weil Geimpfte das Virus nur sehr selten weitertragen“, werde die vierte Welle „zum allergrößten Teil von den Ungeimpften getrieben. Und nur mithilfe einer stattlichen Impfquote lässt sich verhindern, dass sie zerstörerische Ausmaße annimmt.“ Und offenbar sitzt Berndt immer noch der Mär von der Herdenimmunität auf, wenn sie schreibt: „Eines Tages wird es keine Rolle mehr spielen, ob sich noch Menschen impfen lassen. Dann wird es genug sein. Dann ist der Tag gekommen, an dem alle Maßnahmen fallen können. Auch die Ungeimpften können dann unter dem Schutzschirm, den die Geimpften zusammen aufgebaut haben, wieder ein normales Leben führen. Jeder Ungeimpfte kann sich entscheiden, bis dahin zu warten. Aber er muss es dann eben auch.“

 „Ohne Impfen keine Freiheit“, verkündete Bayerns Ministerpräsident Markus Söder am 14. Juli im Bayerischen Rundfunk. Schon jetzt lassen z. B. Kreuzfahrtschiffe nur Geimpfte zu, Reiseveranstalter und Hotels kündigen an, ab dem späten Herbst keine Ungeimpften mehr aufzunehmen, Malta droht damit, die Grenzen nur noch für vollständig Geimpfte zu öffnen, und gerade erst hat die Bundesregierung alle im Ausland Urlaubenden dazu verdonnert, bei der Einreise entweder eine doppelte Impfung (wobei die zweite zwei Wochen her sein muss) vorzuweisen oder einen negativen Test. Kanzleramtsminister Helge Braun kündigte schon jetzt in der BILD an: „Geimpfte werden mehr Freiheiten haben als Ungeimpfte“ und will generell nur noch voll Geimpften den Zutritt zu Restaurants, Kinos oder Stadien erlauben.  

Inzwischen hat Jens Spahn seine Pläne für den Herbst bekanntgemacht (das Originalpapier zum Download): Die kostenlosen Tests sollen zum 11. oder 18. Oktober beendet werden, der Besuch von Innengastronomie, Hotels, Kosmetik und Fitness, Veranstaltungen in Innenräumen oder Großveranstaltungen (innen und außen) nur für die 3G (Geimpfte, Genesene, Getestete) möglich sein, bei bestimmten Grenzwerten sollen Ungeimpfte auch bei negativem Test keinen Zutritt mehr haben.. Die Maskenpflicht in Einzelhandel und im öffentlichen Nah- und Fernverkehr wird weiterhin aufrechterhalten.

„Die Ankündigung, in Zukunft Ungeimpfte vom Gastronomiebesuch ausschließen zu wollen, ist der dreisteste und verheerendste Wortbruch dieser Bundesregierung, die wiederholt Stein und Bein geschworen hat, es werde keine Impfpflicht in Deutschland geben“, schimpft Wolfgang Kubicki (FDP) in der BILD: „Man muss Jens Spahn wegwählen.“ Spahn tue alles, „um die Auseinandersetzung über die Corona-Maßnahmen zur Glaubensfrage zu machen.“ Das Ganze sei „nicht infektionsrechtlich begründet, sondern erziehungstechnisch auf den Weg gebracht“ worden. Eine recht hitzige Diskussion dazu findet sich bei Markus Lanz vom 4. August. 

„Jens Spahn geht mit seinen Plänen für Ungeimpfte zu weit“, meint auch Christian Grimm in der Augsburger Allgemeinen. „Dass zukünftig negativ Getesteten der Besuch im Wirtshaus verwehrt werden soll, geht zu weit. Schließlich verlässt sich der Staat auch in den Schulen auf die Aussagekraft der Tests. Jens Spahn hat mit seinem Konzept den schmalen Grat zwischen Freiheit und Sicherheit verlassen.“

Um die Impfquote zu erhöhen, gibt es inzwischen diverse Lockangebote. Edeka Nord z. B. spendiert seinen Mitarbeiter:innen einen 50-Gutschein, Fans des Chemnitzer FC erhielten Freikarten für das Spiel ihres Vereins, wenn sie sich zuvor im Bus vor dem Stadion impfen ließen, wie die WELT berichtet. Außerdem gibt es einen 10-Euro-Gutschein für das Shopping-Center, wenn man zuvor im Impfbus einkehrt. Das Thüringer Städtchen Sonneberg gibt Impfwilligen immer freitags eine Bratwurst aus, was die Impfbereitschaft sofort drastisch ansteigen ließ. Zusätzlich hat Thüringen unter dem Motto „Sommer, Sonne, Impftermin“ eine 400.000 Euro teure Kampagne aufgelegt, um die Leute für das Impfen zu gewinnen. Die Stadt Attendorn in NRW lud Impfwillige zum Cocktail samt Musik mit einem Top-DJ ein, was natürlich vor allem die Jugend ansprechen sollte. Auch Wuppertal will vor Clubs impfen, Berlin plant zusammen mit der Club-Szene eine „lange Nacht des Impfens“, die damit verbundenen kostenlosen Getränke sind dann allerdings alkoholfrei. Bei IKEA in Berlin-Lichtenberg kann man sich via Drive-In oder Walk-in vor den Köttbullar noch fix die Spritze geben lassen, Kulmbach wartet mit einem 20-Euro-Essensgutschein auf.

Wer sich (noch) nicht impfen lassen will, steht allerdings schnell am Pranger. Kaum jemand weiß das besser als der bayerische Wirtschaftsminister und Spitzenkandidat der Freien Wähler für die Bundestagswahl, Hubert Aiwanger. Er hatte in der FAZ vor einer „Apartheidsdiskussion beim Impfen“ gewarnt, das Impfen „muss eine private Entscheidung des Einzelnen bleiben. (…) Die Frage ist, können wir Corona so managen, dass nicht die einzige Antwort darauf ist, jeden jedes halbe Jahr zu impfen.“ Druck auf den Einzelnen sei „nur dann gerechtfertigt, wenn Ungeimpfte in nachweisbarer und nicht zumutbarer Weise Geimpfte gefährden“. In einem Interview mit der Augsburger Allgemeinen begründete Aiwanger seine Haltung: „Wir hatten schon Impfstoffe, die für bestimmte Altersgruppen wieder zurückgezogen worden sind, nachdem sie vorher beworben wurden. Wenn wir kein Nachdenken mehr zulassen, verlieren wir Vertrauen. (…) Ich bin einer von ungefähr 30 Prozent. (…) Das letzte Wort über seinen Körper muss der einzelne Bürger haben. Wenn wir diese rote Linie bei den Impfungen überschreiten, dann fallen mir, ohne groß nachzudenken, zehn weitere Fälle ein, wo es im Gefährlichen endet, wenn der Staat das letzte Wort über den Körper des Einzelnen hat. (…) Wenn der soziale Druck auf den Einzelnen zu groß wird, dann führt das zur Spaltung der Gesellschaft. Das will ich verhindern. Sozialer Druck kann grausam sein. (…) Wir müssen schon aufpassen, dass wir Corona nicht zu einer Psycho-Nummer entwickeln. (…) Wenn wir weitere Lockdowns verhängen müssen, dann bitte wissenschaftlich fundierter als zuletzt. Der Staat muss genau begründen können, warum er eine Branche dichtmacht. Die Branche muss nicht umgekehrt beweisen, dass sie ‚clean‘ ist.“ In einem weiteren Interview mit dem Deutschlandfunk (der das gleich entsprechend polte: „Impfen lassen nach Gutdünken?“) sagte Aiwanger auch noch: „Ich gehe davon aus, dass neue Impfstoffe, vielleicht sogar bessere, kommen und die jetzigen in einiger Zeit noch anders bewertet werden.“ Er habe in seinem persönlichen Umfeld immer wieder erlebt, dass die Impfungen doch erhebliche Nebenwirkungen hatten, „da bleibt einem schon das eine oder andere Mal die Spucke weg, und darüber sollte man reden, um ein Gesamtbild zu kriegen.“ Die Verantwortung für ihn als Politiker liege vielleicht darin, „nicht alles zu tun, was die Mehrheit fordert und das politische Establishment von mir erwartet, sondern die Verantwortung liegt vielleicht auch darin, in einer solch sensiblen Debatte auch mal die Stimme derer zu sein, die den Weg noch nicht mitgehen, und nicht zu sagen, die Mehrheit ist der Meinung, jetzt wird die Minderheit in eine Richtung frisiert, in die sie nicht gehen will. (…) An der Stelle bin ich vielleicht Vorbild für die Verteidigung selbstverständlicher Bürgerrechte.“

Das trug Aiwanger natürlich prompt eine scharfe Rüge seines Ministerpräsidenten ein, der seine Aussagen „verstörend“ fand, die eines stellverstretenden Ministerpräsidenten unangemessen seien, wie die WELT berichtet. Und ebenso prompt spießten die großen Medien Aiwangers Aussagen auf und kommentierten sie mehr oder weniger süffisant: „Die Haltung des bayerischen Ministerpräsidenten ist kontraproduktiv“ schreibt die WELT, „Aiwanger will sich immer noch nicht impfen lassen“, moniert der Spiegel, „Impf und Schande: Szenen einer Ehe“, lästert die SZ und setzt mit einer Befragung der Freien Wähler-Parteifreunde und -Basis noch einen drauf: „Kontraproduktiv, ärgerlich, fatal, unglücklich“. Damit nicht genug: „Aiwanger will sich immer noch nicht impfen lassen“, empört sich der SPIEGEL, und bedient sich genüsslich eines Anrufs bei Söder, der prompt liefert: „Unabhängig davon, dass es in der Sache falsch ist, verstört der Sound der Argumente. (…) Wir stehen auf der höchsten Stufe menschlicher Zivilisation und sind beim Impfen zum Teil mit Argumenten aus dem Mittelalter konfrontiert. Wer meint, in einem solchen Becken fischen zu könen, der riskiert, darin zu ertrinken.“  die WELT zitiert den CSU-Generalsekretär Markus Blume: „Er (Aiwanger, d. Red.) nähert sich in gefährlicher Weise den Kreisen von AfD und Querdenkern an – und muss aufpassen, dass er nicht selbst zum Querdenker wird.“ Söder wiederum meinte beim ZDF-Sommerinterview auf großväterlich-überhebliche Art, er mache sich „a bissl“ Sorge um Aiwanger, wie t-online berichtet: „Meine Sorge ist, dass er sich in eine Ecke manövriert, aus der er selber nicht mehr herauskommt.“ Jo mei, der Bub … Das will Aiwanger allerdings nicht auf sich sitzen lassen und kontert: „Es ist eine Unverschämtheit, mich als ‚Querdenker‘ abstempeln zu wollen, weil ich gegen die Impfpflicht bin und mehr Sensibilität einfordere beim Thema Impfen von unter 12-Jährigen, was auch die Stiko bisher nicht empfiehlt.“

„Klappe halten, impfen lassen“, empfahl Armin Falk von der Universität Bonn, einer der „weltweit führenden Verhaltensökonomen“ und Mitglied der Leopoldina, Hubert Aiwanger daraufhin in einem Interview mit der FAZ: „Im Fall des Impfens bin ich für eine Impfverpflichtung. (…) Sich nicht impfen zu lassen, hat nichts mit Rationalität zu tun, sondern einfach nur mit Eigennutz. Die Allgemeinheit muss hier zahlen für die Trägheit und Dummheit der Impfgegner. (…) Es gibt ja schon Impfzwänge, zum Beispiel bei Säuglingen. Weil die Gesellschaft aus jahrhundertelanger Erfahrung verstanden hat, dass es für sie selbst am besten ist, wenn der Staat hier Zwang ausübt. (…) Sogenannte Opt-out-Modelle, bei denen jeder geimpft wird, falls er nicht widerspricht, finde ich absolut sinnvoll.“ Er verstehe nicht, dass der Bundesgesundheitsminister das nicht – wie bei der Organspende – auch für das Impfen erwogen habe. Auch solle der Impfstatus bei einer Triage berücksichtigt werden, wenn Beatmungsgeräte knapp werden.

„Falk hat mit diesen verbalen Entgleisungen nicht nur eine Fülle an Unwissen, sondern auch ein zutiefst bedenkliches Menschenbild offenbart“, meint die Rechtsanwältin Jessica Hamed auf ihrem Linked-in-Profil. Das Interview sei für sie „definitiv einer der traurigsten und erschütterndsten Tiefpunkte in der Krise.“

Aber Falk steht nicht allein: Auch Wolfram Henn, Humangenetiker und Mitglied des Deutschen Ethikrates, plädiert in einem Gastbeitrag für die Augsburger Allgemeine für eine Impfpflicht: „Für Personen in besonderer beruflicher Verantwortung endet das Recht auf individuelle Unvernunft am Anspruch der ihnen anvertrauten Menschen auf Schutz.“ Das gelte für Lehrer:innen ebenso wie für das Personal in Medizin und Pflege oder Taxifahrer:innen. Zwar sind die meisten dort schon geimpft, „aber eine kleine Minderheit kann eine tödliche Gefahr für alte und vorerkrankte Menschen sogar trotz deren Impfung darstellen.“ Jede:r müsse auf Nachfrage seinen Impfstatus offenlegen: „Es darf nicht sein, dass eine hochgefährdete Patientin nicht erfährt, ob die zu ihr ins Haus kommende Pflegeperson ihre Impf-Verantwortung wahrgenommen hat oder als ambulanter Superspreader unterwegs ist. Patientenschutz muss hier vor Datenschutz gehen, mit Stigmatisierung hat das nichts zu tun.“ 

Dass die Politik dennoch weiterhin standhaft behauptet, es werde keine Impfpflicht geben, hängt auch damit zusammen, dass sie einfach Bedingungen schafft, die kaum noch einen anderen Ausweg zulassen. Dazu gehört z. B., ab Herbst die Schnell- und PCR-Tests kostenpflichtig zu machen, wie es die baden-württembergische Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) im Südwestrundfunk forderte und Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther schon zum 20. September eingeführt sehen möchte, wie die WELT berichtet. Was natürlich schon von den Kosten her ein höchst effektives Druckmittel darstellt: Ein Schnelltest schlägt mit mindestens 12-15 Euro zu Buche, ein PCR-Test mit mindestens 35 Euro, meist wird das Doppelte angesetzt. Da dürfte der Etat eines jungen Menschen mit geringem Einkommen, von Schüler:innen, Auszubildenden oder Studierenden rasch erschöpft sein. Die SZ findet das gut, denn „Druck tut not, um Impfmuffel zu überzeugen“.

„Vierte Welle“

Vom Sinn und Unsinn der Inzidenzwerte

Was für ein Hin und Her in Sachen Corona-Maßnahmen haben wir in den vergangenen Wochen hinter uns … Nur kurz wurde die Diskussion darüber verdrängt von den Schrecken der Hochwasser-Katastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Mitten in der Urlaubszeit beschwor RKI-Chef Lothar Wieler das nächste Unheil herauf: „Die vierte Welle hat begonnen“ und präsentierte bei einer Schaltkonferenz zwischen dem Kanzleramt und den Chefs der Staatskanzleien der Länder ein – wie die BILD es bezeichnete – „Panik-Papier“. Darin betonte er ein weiteres Mal die Bedeutung des Inzidenzwerts:

„Inzidenz ist Leitindikator für Infektionsdynamik (hohe Inzidenzen haben zahlreiche Auswirkungen). Generell gilt: Je mehr Fälle auftreten, desto mehr schwere Verläufe (Krankenhauseinweisungen/ITS) und Todesfälle werden – mit etwas Zeitverzug – registriert, desto höhere Belastung des Gesundheitssystems. Bei sehr hohen Inzidenzen steigt auch die Zahl dieser Beeinträchtigungen sowie die Zahl der schweren Verläufe, die im Krankenhaus oder auf der Intensivstation behandelt werden müssen. Dazu kommen immer mehr Kontaktpersonen, die unter Quarantäne gestellt werden und damit am Arbeitsplatz fehlen. Eine steigende 7-Tage-Inzidenz geht dieser Entwicklung voraus, sie ist und bleibt der früheste aller Indikatoren. Die 7-Tage-Inzidenz bleibt daher wichtig, um die Situation in Deutschland zu bewerten und frühzeitig Maßnahmen zur Kontrolle zu initiieren. Hohe Impfquoten allein sind nicht ausreichend, die vierte Welle flach zu halten. Daher sind zusätzliche Basisschutz-Maßnahmen (AHA+A+L) notwendig, um die vierte Welle so zu senken, dass die Patientenzahlen in Krankenhäusern nicht zu hoch werden (Reduktion Kontakte, Reduktion Mobilität).“

In einem Interview mit BILD kommentiert der Virologe und Epidemiologe Klaus Stöhr dazu: „Wenn man das so machen wollte, würde man nie in die Normalität kommen. (…) Wir sehen nicht mehr Einweisungen auf die Intensivstationen. Alle Fälle vermeiden zu wollen, geht an der Realität vorbei. Wenn man die gesamte Gesellschaft wieder lahmlegen will wegen Atemwegserkrankungen bei Jugendlichen, die viel milder verlaufen, dann muss man einen Plan auf den Tisch legen, welche Parameter man dann dafür verwenden will.“

Wieler brach mit seinem Festhalten am Inzidenzwert auch einen Streit mit Jens Spahn vom Zaun, der gerne weitere Faktoren mit heranziehen möchte, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet. „Mit steigender Impfrate verliere die Inzidenz an Aussagekraft“, meint der Gesundheitsminister und möchte künftig auch die Zahl der Corona-Patienten in den Krankenhäusern mit heranziehen, um die Lage zu beurteilen.

Auch namhafte Wissenschaftler zeigten Unverständnis für Wielers Haltung, denn angesichts der Durchimpfungsrate von inzwischen weit über 50 Prozent der deutschen Bevölkerung, niedriger Covid-bedingter Krankenhauseinweisungen und ebenso leerer Intensivstationen vermag man nicht mehr nachzuvollziehen, warum eine hohe Inzidenz für die Bevölkerung gefährlich sein soll. So begrüßte der Medizinstatistiker Gerd Antes in einem Interview mit dem Deutschlandfunk die Forderungen der Deutschen Krankenhaus-Gesellschaft (DKG), zur Bewertung der Corona-Lage neben der Inzidenz auch andere Kennzahlen heranzuziehen. Bei allen Datenerhebungen sei vor allem das Alter zu berücksichtigen, weil das Alter zu den größten Risikofaktoren gehöre. 

Die DKG hatte vorgeschlagen, von der Sieben-Tage-Inzidenz der Corona-Neuansteckungen abzurücken und forderte für die Beurteilung der Lage weitere konkrete Kennzahlen: „Dazu gehören die Hospitalisierungsrate, eine altersstratifizierte Impfquote, die Belegung von Intensivkapazitäten, die Positivrate an Tests und die Steigerungsquoten, sowohl der Inzidenz als auch der Hospitalisierungsraten.“ Es sei „zwingend erforderlich, diese Kennzahlen transparent und öffentlich dazustellen, um die notwendige Akzeptanz für bevorstehende politische Entscheidungen zu erreichen.“ Alle dafür nötigen Daten lägen bereits vor, würden aber bisher „nicht transparent zugänglich gemacht und öffentlich dargestellt“ – was eine deutliche Kritik am RKI bedeutet.

Antes meinte in dem Interview mit dem DLF am 31. Juli (hier die Audio-Version), das Gleichsetzen von Geimpften und Getesteten sei „nicht einmal ansatzweise“ berechtigt: „Das Testen selbst ist dermaßen unkontrolliert und nicht begriffen. (…) Wir haben gegenwärtig 545 zugelassene Tests, wobei der Begriff ‚zugelassen‘ eher sarkastisch zu benutzen ist, so dass diese Gleichsetzung ein völliger Fehlgriff ist.“ Man brauche dringend eine Studie, die untersucht, wie diese Tests unter Realbedingungen funktionieren, denn man übersehe damit mittlerweile jeden zweiten Infizierten. „Der gegenwärtige Zustand, zu glauben, dass uns die Testerei den Rücken freihält, die wird uns ganz schwer auf die Füße fallen im Herbst.“ Das RKI sitze auf Zahlen, die nicht weitergegeben werden, ebenso die Gesundheitsämter, und weitere Daten werden derzeit nicht erhoben, obwohl man sie dringend brauche. Es sei „extrem peinlich für das RKI“, dass es gerade in dieser Woche das Gegenteil behauptet hat. Die Ministerpräsidenten befänden sich „permanent, geradezu chronisch, im Bereich ihrer eigenen Inkompetenz“. Er habe „nicht das Gefühl, dass die Landesministerpräsidenten und das Bundeskanzleramt ernsthaft daran interessiert“ seien, die Daten so zu erheben und auszuwerten, wie es nötig sei. Interessenkonflikte und Fremdinteressen seien eine Erklärung, warum es keine Stufenpläne und keine offene Diskussion über die Lage gäbe, einer der größten Störfaktoren sei die Bundestagswahl. Die „völlige Konfusion und Irritation in der Bevölkerung“ sei „mehr als bedenklich“.

Das Festhalten an den Inzidenzen werde „jetzt schon zum Problem“, berichtet die WELT: „In den ersten Landkreisen liegen die Werte bereits über 50 – und es drohen Schließungen, etwa von Fitness-Studios und Innengastronomie. Doch diese Grenzmarke stammt aus Zeiten vor den Massenimpfungen. Über das weitere Vorgehen herrscht in der Politik große Unklarheit.“ In NRW wurde daraufhin erstmal die Schutzverordnung geändert – Restriktionen gibt es jetzt erst, wenn die Sieben-Tage-Inzidenz nicht mehr drei, sondern volle acht Tage über 50 liegt. Angesichts der hohen Infektiosität der Delta-Variante kann das aber schnell erreicht sein. Weshalb Gesundheitsminister Spahn flugs verkündete: „200 ist das neue 50“

„Labordaten allein sollten nicht unser Handeln bestimmen“ fordert in einem Gespräch mit der WELT auch der Infektionsepidemiologe Gérard Krause, der 14 Jahre am RKI tätig war und heute die Abteilung Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung leitet: Wenn man die Fallzahlen „zum alleinigen Richtwert aller Maßnahmen macht, führt das zu falschen Schwerpunkten und vermeidbaren Nebenwirkungen. (…) Wirklich bedeutsam ist die Krankheitslast. (…) Als Arzt habe ich gelernt, dass eine Diagnose nicht allein auf Laborbefunden beruhen darf und erst recht nicht die Therapie. In der Epidemiologie, in der quasi die Bevölkerung den Patienten darstellt, gilt das gleiche.“

Die ausschließliche Orientierung auf Corona hat, so Krause, auch noch weitere Nachteile: „Würde man mit jedem Nasenabstrich auch auf die gängigen fünf oder zehn anderen Atemwegsinfektionen testen, könnte rasch der Eindruck entstehen, wir hätten zusätzliche enorme Epidemien.“ Wenn man die Fallzahlen so lange klein halten wolle, bis auch Kinder und Jugendliche geimpft seien, müsste man die Kindergärten über Jahre oder Jahrzehnte schließen, bis es eine Impfung gegen RSV gäbe, das „respiratorische Synzytial-Virus“, weil dieses Virus für Kinder viel gefährlicher sei als SARS-CoV-2. Auch bei den Krankenhauseinweisungen plädiert Krause für ein differenziertes Hinsehen, zumal es pro Tag in Deutschland zu über 50.000 Einweisungen kommt. Dagegen ist die Zahl von 213 neuen Klinikeinweisungen, die das RKI am 22. Juli gemeldet hat, ein Klacks. Die Hauptfrage sei, so Krause: „Ab welcher Krankheitslage rechtfertigen sich gesamtgesellschaftliche Einschränkungen in Mobilität, Kontaktverhalten, Erziehung, Bildung, Kultur und Wirtschaft?“ Diese Frage müssten Politik und Gesellschaft „dringend angehen“. Die bisherigen Beratungen der Politik seien „etwas eindimensional geführt“ worden, „sie wurden stark von Vertretern weniger Disziplinen dominiert.“ Fachleute aus den Sozialwissenschaften, der Epidemiologie und Public Health und selbst der klassischen Infektionsmedizin seien bei den Beratungen „nur am Rande eingebunden“ gewesen.

„Wir müssen endlich aufhören, nur über die Inzidenzen zu diskutieren“, forderte auch Francesco De Meo, Chef des Krankenhaus-Konzerns Helios-Health mit 89 Kliniken und Vater von zehn Kindern, in einem Interview mit der WELT. Er selbst hatte nach der Erstimpfung gegen Covid eine Embolie entwickelt und musste intensivmedizinisch behandelt werden. Beim Blick auf die Zukunft mache ihm Sorgen, „was 2020 auf der Strecke geblieben ist: die Kinder, denen wir zu viel zugemutet haben. Die Wirtschaftlichkeit im Gesundheitssektor, denn es wurden enorme Schulden angehäuft. Und die Bereitschaft, offen zu sagen, was man denkt. Wir müssen endlich aufhören nur über Inzidenzen zu diskutieren, sondern das gesamte Bild betrachten. Dafür brauchen wir andere Bewertungsmaßstäbe und, ehrlich gesagt, auch andere wissenschaftliche Ansätze. Dann wird Corona ähnlich wie eine Grippewelle sein: gut in den Griff zu bekommen.“ Schon im Oktober 2020 hatte De Meo sich in einem Blogbeitrag Gedanken über „Covid-20“ gemacht. So nennt er „eine Krankheit der Gesellschaft, die durch den Umgang mit Covid-19 verursacht“ wird: „Covid-20 ist allgegenwärtig. Die Menschen achten auf Infektionszahlen wie früher auf das Wetter. Und sie haben Angst.“

Und noch ein Epidemiologe, der Schweizer Christian Althaus, empfiehlt laut einem Bericht der WELT, künftig nicht mehr auf die Inzidenz zu schauen, sondern auf die Hospitalisierungen pro Tag. Der Schwellenwert dafür liege bei 1.200.

Wie weit wir davon derzeit entfernt sind, zeigt der neueste CODAG-Bericht der Ludwig-Maximilians-Universität München (CODAG = Covid-19 Data Analysis Group). Darin heißt es: „Auf den ersten Blick ist bereits ersichtlich, dass sich die Lage in den Intensivstationen komplett entspannt hat und die Prognosen im niedrigen einstelligen Bereich sind, teilweise bei Null liegen. (…) Anders als bei den Meldeinzidenzen ist bei den Hospitalisierungen keine Dynamik in den letzten Wochen zu erkennen – in keiner der ausgewiesenen Altersgruppen. (…) Die Todeszahlen bleiben stabil auf sehr niedrigem Niveau.“

Dass man mit höheren Inzidenzen gut leben kann und auch keine weitreichenden Freiheitsbeschränkungen braucht, zeigen einige unserer europäischen Nachbarländer. Großbritannien feierte schon am 19. Juli den „Freedom Day“ mit einer wilden Party auf den Straßen Londons. An diesem Tag wurden sämtliche Coronamaßnahmen aufgehoben – trotz drastisch steigender Inzidenz. Keine Masken mehr, keine Abstandsregeln mehr, keine zahlenmäßigen Beschränkungen mehr bei Veranstaltungen, wie u.a. das Deutsche Ärzteblatt berichtet. Die Impfrate liegt im Land bei 88 Prozent für die Erstimpfung bei Erwachsenen und bei 68 Prozent für die Zweitimpfung. Und entgegen allen Unkenrufen sinkt seit diesem Tag die Zahl der Neuinfektionen, wie die WELT und die NZZ berichten.

Ein solcher „Freiheitstag“ scheine in Deutschland „undenkbar“, kommentiert Anna Schneider in der WELT: „Die Angst vor der Wiederherstellung des Normalzustandes, der Autonomie und Freiheit aller, ist besorgniserregend. Virusvarianten müssen beobachtet und studiert, Impfungen an sie angepasst werden – das ist selbstverständlich. Doch es obliegt nicht dem Staat, jegliches Risiko auszumerzen: Das Leben ist kein ‚safe space‘, kann es nie sein.“ Es gehe um die grundlegende Idee der Freiheit, die darin bestehe, dass jeder über sein Leben selbst bestimmen kann. Daran dürfe auch Corona nichts ändern.

Ein ähnlicher Trend wie in Großbritannien ist auch in den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schweden festzustellen, auch dort gehen die Zahlen zurück (in Holland z. B. um 44 Prozent, die Sieben-Tage-Inzidenz liegt dort bei 121, in Deutschland bei knapp 18, Stand 3.8.21) – und das sind alles Länder, die weitaus großzügiger waren bei den Corona-Maßnahmen. In allen diesen Ländern gibt es schon lange keine Maskenpflicht mehr (außer in öffentlichen Verkehrsmitteln oder wenn kein Abstand gehalten werden kann, was de facto aber auch nicht sehr streng beachtet wird). „Deutschland hat keinen Plan, andere schon“, meint Gregor Schwung in der WELT am 29. Juli, zum Beispiel Dänemark: Derzeit liege die Inzidenz bei 95, aber die Dänen denken gar nicht daran, von ihrer Öffnungsstrategie abzuweichen. „Zu keinem Zeitpunkt gab es in Dänemark einen signifikanten Anstieg der Todeszahlen. Relativ zur Bevölkerung starben dort sogar weniger Menschen als in Deutschland, das viel verhaltener gelockert hatte. (…) Angesichts einer Impfquote von 51 Prozent vollständig immunisierter Bürger plant man weiter die vollständige Rückkehr zur Normalität.“ Seit Mitte Juni muss dort niemand mehr eine Maske tragen, selbst in öffentlichen Verkehrsmitteln ist das nur eine Empfehlung, denn „wer Unbehagen verspürt, kann sie abnehmen“, heißt es auf der Webseite des Gesundheitsamtes. Für den Restaurantbesuch in Innenräumen braucht man zurzeit noch die „3 G“ (geimpft, genesen oder getestet), aber das soll ab Oktober dann auch womöglich entfallen. Grundlage dafür ist die relativ hohe Impfbereitschaft, weil „die Regierung bei diesem Thema immer nachvollziehbar gehandelt hat“. Kaum noch jemand stirbt bei unseren nördlichen Nachbarn an Corona – trotz der höheren Inzidenzen: „Es ist die grundsätzliche politische Entscheidung, wie man ab einem bestimmten Punkt der Impfkampagne priorisiert: Ab wann ist der Punkt erreicht, an dem die Öffnung im Vordergrund steht – und nicht mehr die Beschränkungen.“

„Dänemark macht einen spektakulären Fehler“, hatte Karl Lauterbach dagegen noch im März auf Twitter gewarnt und prophezeit, dass viele ungeimpfte Ältere erkranken würden. Folge Deutschland dieser Politik, „würden über 60.000 Menschen sterben“ und „Jüngere mit Long Covid Schäden erleiden, die sie vielleicht den Rest ihres Lebens begleiten. Für das MECFS, eine die Lebensqualität stark einschränkende Störung des Denkens, Merkens und der Konzentrationsfähigkeit, haben wir bisher keine Therapie. Es gibt als unheilbar.“ Nichts davon ist eingetreten.  

Schweden hat eine Maskenpflicht nie angeordnet, Schulen und Kindergärten blieben offen, Restaurants und Einzelhandel ebenso. Was wurde diese Politik des schwedischen Chef-Epidemiologen Anders Tegnell an den Pranger gestellt … Heute zeigt sich: Sie hat sich bewährt. Die Todesfälle sanken in Schweden sogar auf Null, wie die Foundation for Economic Education meldet.

Apropos Todesfälle: In den großen Medien kaum beachtet, zeigt eine Analyse des Bayerischen Rundfunks, wie manipulativ zu Beginn der Corona-Krise mit Fotos gearbeitet wurde. Das Stichwort „Bergamo“ löst heute noch bei allen Gänsehaut-Gruseln aus – und jede:r hat sofort den Militär-Konvoi vor Augen, den angeblichen Massen-Abtransport von Särgen mit an Covid-19 Verstorbenen am 18. April 2020. Was aber zeigt dieses Foto wirklich? Die Recherche des BR hat ergeben: „In Wahrheit war das Militär nicht etwa eingesetzt worden, weil Berge von Leichen nicht anders hätten transportiert werden können. Die Anzahl der Verstorbenen war nicht höher als bei manchen Grippewellen in Italien. Es war die Angst vor dem im Frühjahr letzten Jahres noch ‚Killervirus‘ genannten Erreger. Um Fakten zu schaffen, beschloss man die sofortige Einäscherung der an COVID Verstorbenen. Normalerweise werden in Italien aber nur die Hälfte aller Verstorbenen eingeäschert. Deshalb reichten die Kapazitäten des Krematoriums in Bergamo nicht aus und die Leichen mussten in umliegende Orte transportiert werden.“

Impfungen bei Kindern und Jugendlichen

Die Politik setzt sich über die STIKO hinweg

Am 2. August haben die Gesundheitsminister:innen von Bund und Ländern einstimmig ein Impf-Angebot für alle Kinder und Jugendlichen ab zwölf Jahren – das sind insgesamt etwa 4,5 Millionen – beschlossen. Zugelassen dafür sind die mRNA-Impfstoffe von BioNTech/Pfizer und Moderna. Stand 1. August 2021 sind bundesweit bereits ein Fünftel der 12- bis 17-Jährigen geimpft worden, jede:r Zehnte bereits zweimal. In dem Beschluss, den die BILD-Zeitung zum Download eingestellt hat, heißt es: „Es werden nunmehr alle Länder Impfungen für 12- bis 17-Jährige auch in Impfzentren oder mit anderen niedrigschwelligen Angeboten anbieten. Dabei ist eine entsprechende ärztliche Aufklärung erforderlich sowie eine ggf. notwendige Zustimmung der Sorgeberechtigten einzuholen.“

Zu beachten ist hier das Kürzel „ggf.“ – gegebenenfalls. Zwingend wird die Einwilligung der Eltern also nicht vorgeschrieben. Diese Möglichkeit wird bereits in Anschreiben an Eltern in Schleswig-Holstein, wo Kinder ab 12 Jahren an den Schulen geimpft werden sollen, direkt kommuniziert: „Das mobile Impfteam kann ein Kind unter 14 Jahren impfen, wenn die Erziehungsberechtigten in die Impfung eingewilligt haben. Es reicht dabei aus, wenn ein Elternteil den Einwilligungsbogen unterschrieben hat. Bei Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren ist es ausreichend, wenn diese die Dokumente selber ausgefüllt und unterschrieben haben; Eltern können in Absprache mit ihrem Kind die Dokumente auch weiterhin unterschreiben“ (das Schreiben liegt der Newsletter-Redaktion vor). Ob dieses Vorgehen rechtlich wirklich haltbar ist, werden vermutlich die Gerichte entscheiden.

Die Politik setzt sich damit über den Rat der STIKO hinweg, die für diese Altersgruppe keine generelle Impfempfehlung aussprechen wollte, weil die Datenlage dafür zu schwach ist. „Ein schwarzer Tag für die Politik und ebenso für die Wissenschaft“, kommentiert Kinder- und Jugendarzt Steffen Rabe, Sprecher des Vorstands der „Ärzte für individuelle Impfentscheidung e. V.": „Eine Gruppe von Bankkaufleuten, Volkswirten, Politologen, Juristen und anderen, der Medizin Wesens- und Sachfremden entscheidet über ein unter Experten international hoch umstrittenes Thema: die Covid-Impfung für Kinder und Jugendliche.“ Sie setzen sich damit über den Rat der eigenen Fachleute hinweg, weil diese sich weigern, das gewünschte politische Narrativ zu bedienen. „Wo bleibt das Lamento Christian Drostens, dass die Politik der Wissenschaft in so schwierigen Zeiten die Gefolgschaft aufgekündigt hat? (…) Zukünftig entscheiden nicht mehr Wissenschaft, Evidenz und Ethik über de facto jetzt schon erzwungene Schutzimpfungen, sondern politisches Kalkül, Machtstreben und Wahlkampftaktik. Das Vertrauen in Impfungen und Impfempfehlungen hat irreversiblen Schaden genommen.“

Schon seit Wochen steht diese Haltung unter Beschuss: „Corona-Impfung ab 12 Jahren: Söder erhöht Druck auf STIKO“, meldet der Bayerische Rundfunk am 14. Juli. Darin spricht Söder der STIKO indirekt die wissenschaftliche Qualifikation ab: „Wir schätzen die STIKO, aber das ist eine ehrenamtliche Organisation. Die EMA – die Europäische Zulassungsbehörde – das sind die Profis. Die haben entscheiden: Ja, der Impfstoff ist zugelassen. (…) Wir wären, wenn wir das Impftempo von Juni fortsetzen würden, in 90 Tagen durch, alle über 12 zu impfen in Bayern. Dann hätten wir die Herdenimmunität erreicht, und dann könnten wir in den Herbst bzw. Winter doch relativ unbeschwert gehen. Fakt ist, dass das nicht stattfindet.“ Er wolle der STIKO keine Vorwürfe machen, sondern nur Feststellungen treffen.

 „Wir müssen alles dafür tun, um die Schulen offen zu lassen“, betonte die Brandenburgische Bildungsministerin Britta Ernst (SPD, Frau von Olaf Scholz) in einem Interview mit dem rbb-Inforadio, und appellierte darin an die STIKO, endlich eine allgemeine Impfempfehlung für 12- bis 17-Jährige auszusprechen. Auch Bettina Martin (SPD), die Bildungsministerin von Mecklenburg-Vorpommern, hofft auf eine Impfempfehlung für Jugendliche ab 12 Jahren, wie sie in einer Presseerklärung mitteilen lässt. 

 „Amtsärzte plädieren für Coronaimpfung von Kindern ab zwölf Jahren“, berichtet das Deutsche Ärzteblatt am 28. Juli und „Amtsärzte plädieren für Reform der STIKO“, meldet die Süddeutsche Zeitung am 31. Juli: „Angesichts des politischen Drucks auf die STIKO regt der Verband der Amtsärzte an, die Unabhängigkeit der wissenschaftlichen Einrichtung neu zu organisieren.“ Am 30. Juli hatte die Sächsische Impfkommission SIKO generelle Coronaimpfungen für Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren empfohlen und setzte sich damit gegen die STIKO ab, wie das Deutsche Ärzteblatt schreibt (interessant dazu der Kommentar von Kinder- und Jugendarzt Steffen Rabe). Am gleichen Tag drängt Bundesratspräsident Wolfgang Schäuble die STIKO zu einer entsprechenden generellen Empfehlung für alle Kinder, wie dpa und Ärzteblatt melden. Er wünsche sich als Großvater, dass seine Enkel möglichst bald geimpft werden können, weil „die Coronarisiken auch für Kinder um ein Vielfaches höher“ seien als die einer Impfung. „Jeder, der geschützt werden kann, muss geschützt werden“, zitiert ZEIT-Online eine Hamburger Ärztin: „Viele Hausärzte sträuben sich, Kinder gegen Corona zu impfen. Völlig unverständlich, findet eine Hamburger Ärztin. Vor Anfragen kann sie sich kaum retten.“ Der Verband Bildung und Erziehung warnt in der WELT vor einer „Durchseuchung“ der Kinder und Jugendlichen: „Die Politik darf nicht außer Acht lassen, dass auch Kinder schwere Verläufe und ‚Long Covid‘ bekommen können. Den Unterricht nach den Ferien fortzusetzen, als wäre nichts, ist unterlassene Hilfeleistung.“ Priorität eins müsse das Erreichen von Herdenimmunität haben: „Es ist eine gesellschaftliche Aufgabe, dass diejenigen, die können, sich impfen lassen, um die zu schützen, die sich noch nicht impfen lassen dürfen.“ Und Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, warnt: „Wer jetzt verspricht, dass es im nächsten Jahr auf jeden Fall vollständigen Präsenzunterricht geben wird, begibt sich auf dünnes Eis. Niemand kann ausschließen, dass wir wegen der Delta-Variante und mangelnden Impfquoten eine enorme vierte Welle bekommen, in der dann auch wieder Wechselunterricht nötig wird.“

In Frankreich müssen ungeimpfte Schüler:innen in der Mittel- und Oberstufe zu Hause bleiben, wenn es einen Corona-Fall in der Klasse geben sollte. Die geimpften dürfen weiterhin zum Unterricht kommen, wie die FAZ berichtet. Diese neuen Regeln sollen „ein starker Anreiz zu Impfungen“ sein, wie Bildungsminister Jean-Michel Blanquer sagt. In Frankreich ist etwa ein Drittel der 12- bis 17-Jährigen erstgeimpft, jede:r Zehnte vollständig. Nur geimpfte Schüler:innen dürfen an Klassenausflügen in Museen, ins Kino oder Theater teilnehmen. „Die Organisation für ungeimpfte Schüler sei zu kompliziert, deshalb blieben diese von den extraschulischen Akvitäten vorerst ausgeschlossen“, schreibt die FAZ. 16- und 17-Jährige dürfen sich auch ohne das Einverständnis der Eltern impfen lassen.

Ein deutsches Ärztenetzwerk impft sogar schon heimlich Kinder unter zwölf Jahren, wie Tagesspiegel und Focus berichten. Für diese Altersgruppe sind die Impfstoffe jedoch gar nicht zugelassen. Trotzdem reisen Eltern aus ganz Deutschland in die Praxis eines Arztes in Brandenburg. „Kinder aus Sorge um ihre Sicherheit diesem Virus einfach auszusetzen, das sind für mich die falschen Prioritäten“, begründet der Arzt sein Handeln. Die STIKO könne „nur normales Leben, Pandemie kann sie nicht.“

Und pünktlich zur Konferenz der Gesundheitsminister von Bund und Ländern legte auch SPD-Politiker Karl Lauterbach in einem Interview mit dem Deutschlandfunk noch einmal nach (und wurde damit in mehreren großen Medien zitiert): Die ablehnende Haltung der STIKO sei „nicht länger nachvollziehbar“. Sie befinde sich mit ihrer Haltung in einer „Außenseiterposition“. Wichtige Studien hätten ergeben, dass „eine Durchseuchung mit der Delta-Variante viel gefährlicher“ sei als das Impfen von Kindern. Die STIKO habe sich „ein bisschen zu früh festgelegt und verrannt“.

Natürlich verwahrt sich die STIKO gegen derlei Darstellungen, und ihr Vorsitzender, der Virologe Thomas Mertens, blieb standhaft bei seiner Haltung, dass einfach noch nicht genügend Daten vorliegen. „Wenn man ehrlich ist, gibt es noch sehr wenig Studien, es handelt sich ja jetzt um Anwendungsbeobachtungen“, sagte Mertens in einem Interview mit NDRinfo. „Man weiß zwar inzwischen relativ genau, wie häufig eine Myokarditis (Herzmuskelentzündung, d. Red.) bei Jugendlichen auftritt, was wir aber bislang immer noch nur sehr unscharf wissen, ist, welche klinischen Konsequenzen das haben kann.“ Es werde zwar angegeben, dass die Verläufe meistens gutartig sind, aber man wisse nichts über die wirklichen gesundheitlichen Folgen. Daran hätte auch die erste Veröffentlichung dazu aus den USA, die am 9. Juli erschienen ist, nichts geändert. Dass in den USA schon so viele Jugendliche geimpft seien, sei Folge höherer Anteile an Mangelernährung, Übergewicht und Diabetes in dieser Altersgruppe, sagte Mertens in einem weiteren Interview mit dem Südwestrundfunk. Die Entscheidung der Politik, das Impfangebot jetzt für Kinder über 12 Jahre auszuweiten, basiere nicht auf wissenschaftlicher Evidenz.

Das sieht auch der Hamburger Kinderkardiologe Stefan Renz so: „Offenbar gibt es 1 von 15.600 Fällen Entzündungen am Herzen, vor allem bei Jungen, dieses Risiko müssen wir erst noch genauer analysieren“ sagt er in einem Interview mit der ZEIT. „Es heißt überall, die Herzentzündungen bei den Jungen nach der Impfung seien nur ‚leicht‘. Als Kardiologe muss ich da trotzdem warnen. So wie es keine leichte Narkose gibt, gibt es auch keine leichte Myokarditis. Es besteht immer die Möglichkeit, dass Vernarbungen zurückbleiben – die dann später einen plötzlichen Herztod verursachen. Das Risiko finde ich einfach zu hoch.“

Mertens und die STIKO wissen sich in ihrer Einschätzung einig mit namhaften Wissenschaftler:innen und Ärzt:innen, darunter auch dem Vorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen: „Impfungen von gesunden Kindern und Jugendlichen sind nach heutiger Studienlage offensichtlich in der Risiko- und Nutzenabwägung noch mit zu vielen Unwägbarkeiten behaftet, um eine generelle Impfempfehlung für alle gesunden Kinder auszusprechen“, sagte Gassen der WELT. „Leider wälzt die Politik ihr Versäumnis, andere Schutzmaßnahmen zu ergreifen, um etwa Präsenzunterricht nach den Sommerferien wieder zu ermöglichen, jetzt auf Kinder und Jugendliche und deren Eltern ab, indem ein erheblicher Impfdruck aufgebaut wird. Ich sehe es zudem sehr kritisch, dass von politischer Seite großer Druck auf die STIKO ausgeübt wird. Letztlich handelt es sich doch um eine medizinische Frage, wann jemand geimpft werden sollte. Sie solle medizinisch, nicht politisch beantwortet werden.“

Auch Ärzteverbände beklagen die ‚Demontage‘ der STIKO, z. B. der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte sowie der Virchowbund (ein Verband für niedergelassene Ärzt:innen): „Bei aller berechtigten Kritik an der Transparenz der Entscheidungen, der Kommunikation und Geschwindigkeit der STIKO lehnen wir den gestrigen faktischen Eingriff in die wissenschaftliche Unabhängigkeit ab und weisen ihn zurück“, heißt es in einer Meldung auf der Webseite des SPIEGEL (am 3.8.21 um 19:38 Uhr). Die STIKO sei eine „bewährte Institution“ und werde durch dieses Vorgehen geschwächt.

„Wer glaubt, dass es eine gute Idee ist, in dieser Frage (des Impfens von Kindern und Jugendlichen, d. Red.) auf Politiker zu hören, kann sich auch von seinem Gesundheitsminister den Blinddarm operieren lassen“, sagt Jakob Maske, Bundessprecher des Verbands der Kinder- und Jugendärzte in der BILD. Und der Berliner Kinderarzt Martin Karsten ergänzt: „Durch die aktuelle Situation besteht die Gefahr, dass die Kinder anfangen, aufeinander Druck zu machen.“ Dadurch könne ein „regelrechter Impfwettbewerb“ entstehen: „Mit dem Ergebnis, dass die oder der nicht dabei sein oder irgendetwas nicht mitmachen kann, weil er nicht geimpft ist. Wir müssen aufpassen, dass Klassen dadurch nicht geteilt werden.“

Wie dünn die Basis ist, auf der die Politik jetzt jede wissenschaftlich basierte Empfehlung negiert, zeigt ein Artikel in der SZ, aus dem klar hervorgeht: „Covid-19 richtet bei Kindern sehr wenig Schaden an. Bei knapp 190 000 Kindern und Jugendlichen unter 17 Jahren ist eine gesicherte Infektion mit Sars-CoV-2 in Deutschland dokumentiert, allerdings sind viele davon zufällig entdeckt worden, weil die Kinder aus anderen Gründen in einer Klinik waren und dort getestet wurden. Knapp ein Prozent davon, etwa 1800, wurden in einer Klinik behandelt. Davon wiederum wurden 18 Kinder, also ein Prozent, intensivmedizinisch betreut. Zwei Kinder starben, das entspricht 0,001 Prozent. Beide Todesfälle betrafen Kinder, die durch Vorerkrankungen zuvor bereits schwer beeinträchtigt waren.“ Es gibt, wie Thomas Mertens nicht müde wird zu betonen, keine relevante Krankheitslast, die es rechtfertigen würde, die Kinder einem derart unbekannten Impfstoff auszusetzen, dessen langfristige Auswirkungen auf das Immunsystem in keiner Weise erforscht sind. Die unklaren Risiken einer Impfung überwiegen den Nutzen also bei weitem.

Durchbruch-Infektionen

Auch Geimpfte können das Virus weitergeben

Es war eine Nachricht, die geraume Zeit unter dem Deckel gehalten wurde: Auch Geimpfte können weiterhin an Covid-19 erkranken und das Virus weiterverbreiten, sind aber dennoch vor schweren Verläufen geschützt. Die Daten dazu waren dem Center for Disease Control (CDC) in den USA zwar bekannt und waren auch im Rahmen einer Präsentation vorgestellt worden, sie wurden jedoch erst veröffentlicht, als sie an die Presse durchgestochen wurden – und CNN sowie die Washington Post berichteten. Die Delta-Variante des Corona-Virus sei, „so ansteckend wie die Windpocken“, heißt es darin. Und sie könne eben in nennenswertem Umfang auch von Geimpften weitergegeben werden. Tödlicher als die bisherigen SARS-CoV-2-Varianten ist die Delta-Mutante jedoch keineswegs, sie ist lediglich infektiöser, wie Reuters berichtet. Rochelle Walensky, die Chefin der CDC, begründet damit einer Meldung der Tagesschau zufolge die Empfehlung, dass in den USA selbst zweimal Geimpfte wieder Masken tragen sollen, nachdem sie Maskenpflicht vielerorts komplett aufgehoben worden war.

Auch aus Israel wurden solche Durchbruch-Infektionen gemeldet, wie das Deutsche Ärzteblatt schreibt, und gemäß Eurosurveillance ebenso in Bayern. Geimpfte könnten somit sogar zu „Superspreadern“ werden, wie der Spiegel meint, vor allem wegen der hochinfektiösen Delta-Variante, die für 90 Prozent der Durchbruch-Infektionen verantwortlich ist.

Damit bestätigt sich, was viele Ärzt:innen und Wissenschaftler:innen schon lange vertreten: Die Corona-Impfungen können zwar vor einem schweren Krankheitsverlauf schützen, sie führen aber nicht zu der vielbeschworenen Herdenimmunität, wie ein Video des Kinder- und Jugendarztes Steffen Rabe anschaulich erklärt. Damit ist ein Gutteil der einseitigen auf Impfung setzenden Strategie zur Bekämpfung von Covid-19 Makulatur – wie inzwischen sogar Artikel in wissenschaftlichen Fachzeitschriften wie dem British Medical Journal zugeben. Wer geimpft ist, kann das Virus trotzdem weiterverbreiten – es ist nur unklar, in welchem Maße. Die qualitativ hochwertigsten Studien dazu lassen den Schluss zu, dass das Risiko sich um maximal 50 Prozent verringern lässt. Die Daten aus den USA legen jetzt nahe, dass Geimpfte sogar eine genauso hohe Viruslast in Nase und Rachen tragen können wie Ungeimpfte. Und es ist schon bemerkenswert, dass die deutschen Medien diese Tatsachen doch weitgehend ignorieren, z. B. Christina Berndt von der Süddeutschen Zeitung bei Markus Lanz am 29. Juli, wo immer noch die Impfung propagiert wird, weil man damit ja eine Herdenimmunität erreichen könne.

Eben diese sei „in Deutschland nicht erreichbar“, gibt das Deutsche Ärzteblatt zu und zitiert dabei den Saarbrücker Pharmazie-Professor Thorsten Lehr. Dieser begründet seine Meinung allerdings mit „zu wenig Impfungen und einer zu geringen Impfbereitschaft“. Die bereits angelaufene „vierte Welle“ könne nur mit mehr Impfungen gebrochen werden, weil sich die Inzidenz sonst vervielfache. Schon jetzt rechnet Lehr mit einem erneuten Anstieg der Krankenhausbelegungen mit Covid-Patienten und versteigt sich sogar zu der Prognose, dass es „unter den jüngeren Patienten mehr Todesopfer geben“ werde.

Ganz anders dagegen die Begründung von Virologe Hendrik Streeck: „Mit diesen Impfstoffen werden wir keine Herdenimmunität erreichen“, erklärte er im Gespräch mit der WELT (kostenpflichtiges Video, ein Bericht darüber findet sich beim Redaktionsnetzwerk Deutschland). „Der Schutz durch den Impfstoff wird überschätzt. Bei immer mehr Menschen, die geimpft sind, können wir im Rachen das Virus nachweisen.“ Das heißt, sie können es dann auch übertragen. Eine Impfung sei dennoch sinnvoll und notwendig, um sich vor einem schweren Krankheitsverlauf zu schützen.

Auch Klaus Stöhr, Virologe und Epidemiologe und langjähriger Forschungskoordinator für SARS-Viren, betont in einem Interview mit dem Schweizer Internet-Medium infosperber: „Es wird keine Herdenimmunität geben.“ Eine solche sei nur bedeutsam, wenn ein Erreger eliminiert werden könne. Das könne bei SARS-CoV-2 jedoch nicht gelingen. Die Impfung sei trotzdem sinnvoll, weil „99,9 Prozent der Todesfälle in unserer Region bei Über-50-Jährigen auftreten. Darauf sollte sich eine Impfkampagne konzentrieren, die die Krankheitslast im Visier hat. Die darunter liegenden Altersgruppen können auch noch profitieren. Aber: Je jünger, desto näher bewegt man sich an die Grenze, wo das Risiko der Impfung den Nutzen überwiegt.“

Stöhr kritisierte in diesem Zusammenhang ein weiteres Mal das RKI: „Idealerweise hätte man Studien aufgleisen sollen, um ab Impfbeginn den Verlauf der Antikörperspiegel bei verschiedenen Personengruppen zu verfolgen. Dann wüssten wir vor diesem Herbst, bei welchen Personen er so tief abgesunken ist, dass sie eine Auffrischimpfung benötigen. Stattdessen schießt man jetzt vermutlich ‚aus der Hüfte‘ und impft alle über 50- oder über 60-Jährigen ein drittes Mal.“

Genau das haben die Gesundheitsminister von Bund und Ländern am 2. August einstimmig beschlossen: „Zweimal geimpfte ältere Menschen können dritte Impfung bekommen“, schreibt BILD. Damit sollen, wie Spahn meint, „besonders gefährdete Gruppen im Herbst und Winter bestmöglich geschützt“ werden: „Für sie ist das Risiko eines nachlassenden Impfschutzes am größten.“

Für solche Auffrischimpfungen ist die Datenlage jedoch noch nicht ausreichend, weshalb die STIKO eine dritte Impfung noch nicht empfiehlt, wie die Tagesschau berichtet. Das Kriterium dafür ist zum einen die Frage, ob die Immunantwort nachlässt (soweit das durch Laboruntersuchungen messbar ist), und ob bei Geimpften vermehrt Infektionen auftreten. Die STIKO ist sich in dieser Einschätzung einig mit den Gesundheitsexperten der USA, die eine dritte Impfung aufgrund möglicher schwerer Nebenwirkungen nicht für nötig erachten, wie die Nachrichtenagentur Reuters meldet (ein weiterer Reuters-Bericht dazu findet sich hier). Nichtsdestotrotz bereitet das RKI bereits solche „Booster-Impfungen“ vor, wie aus einem Papier zur „Vorbereitung auf den Herbst/Winter 2021/22“ hervorgeht.

Das scheint umso riskanter, als es längst noch nicht bewiesen ist, dass die Impfung gerade bei den Älteren völlig ungefährlich ist. Immer wieder werden Todesfälle in zeitlicher Nähe zur Impfung gemeldet. Dem wird aber meist nicht genauer nachgegangen. Der österreichische Neurowissenschaftler, Psychiater und Psychotherapeut Raphael Bonelli hat deshalb auf YouTube einen Aufruf gestartet. Er wollte wissen: Wie viele Menschen, die an oder mit Corona gestorben sind, kennen die Leute? Und wie viele Menschen, die an oder mit einer Corona-Impfung gestorben sind, sind ihnen aus ihrem unmittelbaren Umfeld bekannt? Daraufhin kamen innerhalb von zwei Tagen über 5.000 Kommentare, und das Video wurde von YouTube umgehend gelöscht – vermutlich weniger wegen der „medizinischen Falschaussagen“, wie behauptet wurde, sondern wegen dieser Kommentare. Der größte Teil der Kommentare konnte jedoch noch rechtzeitig gespeichert werden. AKTUALISIERUNG 5.8.2021, 20 Uhr: Das Video wurde inzwischen wieder freigeschaltet, mitsamlt der inzwischen fast 6.500 Kommentare. 

Dass die Nachfrage Bonellis nicht aus der Luft gegriffen oder komplett unbegründet ist, zeigt jetzt die Forderung von Peter Schirmacher, Chef-Pathologe der Universität Heidelberg und seit 2012 Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, der darauf drängt, verstorbene Geimpfte häufiger zu obduzieren, wenn der Tod in zeitlicher Nähe zur Impfung steht, wie das Deutsche Ärzteblatt berichtet: „Der Direktor des Pathologischen Instituts in Heidelberg warnt vor einer hohen Dunkelziffer an Impftoten und beklagt: Von den meisten Patienten, die nach und möglicherweise an einer Impfung sterben, bekämen die Pathologen gar nichts mit.“ In Baden-Württemberg gibt es zwar eine von der Landesregierung geförderte Covid-19-Obduktionsforschung der Universitäts-Pathologien. Das Problem besteht für Schirmacher jedoch darin, dass Geimpfte meist nicht unter klinischer Beobachtung sterben: „Der leichenschauende Arzt stellt keinen Kontext mit der Impfung her, bescheinigt einen natürlichen Tod, und der Patient wird beerdigt. Oder er bescheinigt eine unklare Todesart und die Staatsanwaltschaft sieht kein Fremdverschulden und gibt die Leiche zur Bestattung frei.“ Mehr als 40 Menschen habe man bereits obduziert, die binnen zwei Wochen nach der Impfung verstarben. Schirmacher geht davon aus, dass bei 30 bis 40 Prozent die Impfung dafür ausschlaggebend war (siehe zu diesem Thema auch unseren Hörtipp zum Buch von Klaus Püschel). Die Häufigkeit tödlicher Impffolgen wird seiner Meinung nach unterschätzt – „eine politisch brisante Aussage“, wie das Ärzteblatt schreibt. Weshalb Schirmacher auch Widerspruch vom RKI und dem Paul-Ehrlich-Institut erntet – seine Aussage sei nicht nachvollziehbar.

Auch der Bundesverband Deutscher Pathologen dringt auf mehr Obduktionen von Geimpften. Es werde noch zu wenig obduziert, meint Johannes Friemann, der Leiter der Arbeitsgruppe Obduktion des Verbandes: „Man weiß noch gar nichts.“ Schon im März hatte der Verband in einem Schreiben an Jens Spahn gefordert, die Hausärzte für das Thema zu sensibilieren und die Gesundheitsämter anzuweisen, vor Ort Obduktionen anzuordnen. Der Brief, so Friemann, sei unbeantwortet geblieben.

Impfpflicht-Szenarien

Widerspruch und konstruktive Ideen

„Mein Körper, meine Entscheidung!“ meint Pflege-Bloggerin Sabrina und stellt sich damit entschieden gegen jede Impfpflicht: „Wir aus der Pflege können es gut beurteilen, wie Covid-Infektionen verlaufen, denn wir sehen sowohl leichte, wie auch deutlich seltenere schwere Verläufe. (…) Ich halte es für menschenunwürdig und menschenverachtend, als völlig gesunder Mensch so behandelt zu werden, als wäre ich ‚Störer‘ und ‚Gefährder‘ und als hätte ich eine gefährliche, ansteckende Krankheit. (…) Ich lehne jede Fremdbestimmung entschieden ab.“

„Wer eine Impfpflicht zulässt, missachtet die Freiheit“, meint Ulf Poschardt, Chefredakteur der WELT in einer Replik auf die Gegenposition von Olaf Gersemann, Ressortleiter Wirtschaft bei derselben Zeitung, der eine Impfpflicht befürwortet: „Den freien Willen zu verteidigen, heißt, für die Demokratie kämpfen“, schreibt Poschardt. „Die Corona-Maßnahmen haben ein Feuerwerk antifreiheitlicher Reflexe entfacht und die Liebe zum Verbot, zu Regulierung und Kontrolle in einem Ausmaß verschärft, das auch liberale Skeptiker und Pessimisten erschüttert. Einer Mehrheit der Deutschen ist Freiheit vollkommen egal, einige verachten sie ganz offen.“ Ein „derart gravierender Eingriff in die Freiheitsrechte des Einzelnen“ könne „durch nichts gerechtfertigt werden. (…) Der mündige Bürger ist ein Ideal der Aufklärung, und dieses Ideal verpflichtet die liberalen Demokratien, die Übergriffigkeiten des Staates auf ein Mindestmaß zurückzuführen. Davon kann in der Bundesrepublik schon lange nicht mehr die Rede sein. Aber Menschen zur Impfung zu zwingen, würde die sowieso gereizte Stimmung in der Gesellschaft ins Vorbürgerkriegliche kippen lassen. Alleine darüber nachzudenken ist gespenstisch. (…) Auch der latent erpresserische Sound, die Kinder zu Geiseln unserer Impfmüdigkeit zu machen, hat wenig mit den Standards aufgeklärter Debatten zu tun. Schulschließungen, Wechselunterricht und Homeschooling müssen ausgeschlossen werden. (…) Die einzige Pflicht, über die nicht diskutiert werden sollte, ist die Schulpflicht – und im Zweifel auch die Verpflichtung des Staates, diese mit sozialer und nicht digitaler Interaktion auszuleben.“

„Mehr Mut zur Normalität“ fordert Benjamin Knaack in einem Kommentar im SPIEGEL: „Irgendwann kommt der Punkt, an dem man abwägen muss, ob die Gefahr all das rechtfertigt: die Grundrechtseinschränkungen, die Bildungsmisere, das stille Leid der Kinder, die Verwüstung ganzer Wirtschaftszweige, die Radikalisierung eines Teils der Bevölkerung angesichts der mehr oder weniger offenen Androhung einer zumindest indirekten Impfpflicht. Man sollte sich fragen, ob nicht zu viel kaputtgeht in dem feingesponnenen Netz unserer Gesellschaft. Ob der Wille der meisten Bürger zur Befolgung der Regeln nicht überstrapaziert wird, wenn zu lange zu viel verlangt wird. Statt in Richtung Normalität zu steuern, intensiviert sich der Trend, immer neue Sündenböcke durchs Land zu treiben. (…) Nun also hat man die nächsten Sündenböcke identifiziert: Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen. (…) Will man den Zusammenhalt in der Gesellschaft nicht weiter verwüsten, sollte die Regierung Anreize schaffen und überzeugen, um die Impfquote nach oben zu treiben, anstatt einem Teil der Bevölkerung zu drohen. Vor allem aber sollte sie sich fragen, ob das Risiko, mehr Schritte in Richtung der alten Normalität zu gehen, wirklich größer ist, als sich von ihr zu entfernen.“

„Impfpflicht ist übergriffig“, konstatiert die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot, die ab Herbst an der Universität Bonn lehren wird und vorher an der Donau-Universität Krems bei Wien tätig war, in einem Interview mit dem Deutschlandfunk: „Bisher war Impfen Privatsache – und das sollte es auch bleiben.“ Die Diskriminierung durch eine Impfpflicht oder auch Zwang und Aufforderung zum Impfen seien einer Rechtsakte des Europarats zufolge verwerflich, weil sie mit dem Recht auf körperliche Integrität brechen. Jede:r, der will, soll sich impfen lassen; jede:r, der nicht will, dürfe davon keine Nachteile haben. Es gebe in Frankreich bereits die Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen, und in Deutschland herrsche ein „impliziter Konformitätsdruck“. Die Bevölkerung werde geteilt in diejenigen, die Rechte bekommen, und die anderen, die sie nicht bekommen: „Da kann ich als Politikwissenschaftlerin nur sagen: Das ist die Erosion der Demokratie. In einer Demokratie haben alle Rechte, und Rechte sind unkonditionierbar (mit keinen Bedingungen verbunden, d. Red.).“ Man müsse nicht etwas beweisen, z. B. dass man gesund sei, um Rechte zu haben, sondern „alle haben in einer Demokratie Rechte“. Allein die Tatsache, dass das jetzt so geframed werde, zeige, dass uns etwas entglitten ist. Ihr fehle „die Unschuldsvermutung, dass ein gesunder Mensch erstmal nicht ein potentieller Gefährder“ sei. Gesunde Menschen seien einfach gesund und hätten Rechte, wir würden aber nur noch diskutieren, wer „GGG“ ist – geimpft, genesen, getestet: „Das allein ist schon eine Verschiebung der Diskussion.“ Die ‚Guten‘ seien die Geimpften, und die ‚nicht Guten‘ die nicht Geimpften, die dann verantwortlich gemacht werden für die vierte Welle. Das sei eine eindeutige Ausgrenzung von nicht geimpften Personen. „In einer Demokratie muss aber jeder die persönliche Risikoabschätzung haben, ob er sich impfen lassen will oder nicht. (…) Ich bin nicht gegen die Impfung, ich bin gegen Impfzwang und gegen Impfpässe, weil ich eine Spaltung der Bevölkerung vermeiden möchte. Jeder, der will, soll sich impfen lassen, und jeder der nicht will, soll sich nicht impfen lassen können, ohne Diskriminierungen befürchten zu müssen.“

Ihre differenzierte Position kann Ulrike Guérot noch sehr viel besser in einem höchst hörenswerten Gespräch mit Radio multicult.fm entwickeln, das auch den früheren Berliner Ärztekammer-Präsidenten und heutigen Vorstand des Berufsverbands der Präventologen, Ellis Huber, mit einbezieht. Guérot und Huber haben zusammen mit 14 weiteren Staatsbürger:innen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen und wissenschaftlichen Disziplinen das Positionspapier „Covid-19 ins Verhältnis setzen. Alternativen zu Lockdown und Laufenlassen“ (Hashtag #coronaaussoehnung) geschrieben, über das die Berliner Zeitung berichtet. Darin gehe es, so Ulrike Guérot, um „eine Bestandsaufnahme der bisherigen Corona-Politik mit dem Ziel, den Blick in die Zukunft zu richten“: „Wir müssen verhindern, dass wir im Herbst wieder in eine Situation schlittern, in der hektisch und ohne Differenzierung Maßnahmen beschlossen werden, die zu einem gesellschaftlichen Ausnahmezustand führen. (…) Wenn wir Andersdenkenden grundsätzlich unterstellen, dass sie von niederen Motiven geleitet seien, dann bewegen wir uns auf eine para-autoritäre Gesellschaft zu.“

Das Papier will einen Beitrag dazu leisten, die Spaltung der Gesellschaft zu überwinden und eine Kurskorrektur anstoßen. „Freundschaften, Familien, Organisationen wurden in der Corona-Diskussion entzweit, Erfahrungen und Einschätzungen stehen einander unversöhnlich gegenüber“, heißt es im Vorwort des Papiers. „Die gesamte Gesellschaft scheint gespalten. Das Virus ist daran unserer Meinung aber nicht schuld. Wir glauben vielmehr, dass es der historisch nie dagewesene und einzigartige Umgang mit SARS CoV-2 ist. Wäre die öffentliche Diskussion plural, sachlich und wertschätzend und die Maßnahmen evidenzbasiert und verhältnismäßig, dann würde Covid-19 die Gesellschaft genauso wenig spalten wie bisherige Pandemien. Mit diesem Text wollen wir einen Beitrag dazu leisten, die Verhältnisse herzustellen, um die aktuelle gesellschaftliche Spaltung zu überwinden und einen Modus Vivendi mit dem Coronavirus zu finden.“

Das Fazit aus den über 60 Seiten Analysen und Überlegungen lautet:

  • Es wird zu viel Aufmerksamkeit auf Covid-19 gelenkt und zu viel Angst davor geschürt.
  • Dadurch werden andere, ähnlich große Gesundheitsgefahren nicht annähernd im Verhältnis wahrgenommen.
  • Dasselbe gilt für die Gefahren, die von den Maßnahmen ausgehen.
  • Die Krise und die Maßnahmen haben überproportional negative Auswirkungen auf Menschen, die bereits vor der Krise benachteiligt und marginalisiert waren: Frauen, Migrant*innen, Menschen mit geringem Einkommen, Arbeitende im informellen Sektor im globalen Süden; gesellschaftliche Ungleichheit wird dadurch auf vielen Ebenen verstärkt.
  • Über Vermeidung von Pandemien und die Abschwächung ihrer Wirkung wird im Verhältnis zu Symptombehandlungen kaum gesprochen.
  • Die Rolle des menschlichen Immunsystems kommt ebenso zu kurz wie soziale, ökologische, technologische und ökonomische Faktoren.
  • Menschen, die Zwangsmaßnahmen kritisch gegenüberstehen und auf deren Folgen hinweisen; aber auch Menschen, die eigenverantwortlich solidarisch handeln wollen; Menschen, die Begegnung, Beziehung, Berührung und Nähe wünschen, werden häufig als „unverantwortlich“ oder „unsolidarisch“ bezeichnet, pauschal etikettiert und diffamiert und müssen um ihre soziale Zugehörigkeit und berufliche Existenz fürchten.

Die 16 Autor:innen empfehlen folgende Maßnahmen als Alternativen zu „Lockdown“ und „Laufenlassen“ vor:

  • Ganzheitliche Aufklärung und echte Komplexität.
  • Vertrauen in und Unterstützung der Bürger:innen.
  • Maßnahmen auf Eigenverantwortung und Gesundheitskompetenz gründen.
  • Vielfalt in der Krisenbewältigung fördern.
  • Gezielter Schutz von Risikopersonen und ihren Helfer:innen.
  • Größtmögliche Freiheit für die Kinder.
  • Immunsystem stärken.
  • Leben mit dem Virus.
  • Leben mit dem Tod.
  • Vorbeugen und Verringern anderer Gefahren.

Nach dem Einarbeiten der durch die Veröffentlichung ausgelösten öffentlichen Diskussion soll sich dieses Papier „zu einem Manifest konkretisieren“. Weiteren Aufschluss über die Initiative „Corona-Aussöhnung“ gibt auch ein Interview des MDR mit Christian Felber, Publizist und Sozialwissenschaftler, der ebenfalls zum Autor:innenkreis gehört.

Zum Sehen, Hören, Lesen

Kultur für Herz, Geist und Sinne

Der Sommer ist noch nicht vorbei, und in den südlichen Bundesländern haben die Ferien gerade erst begonnen. Hier sind ein paar Tipps zum Sehen, Hören und Lesen – auf der Reise, am Ferienort oder auch einfach zuhause auf dem Sofa! 

 

Zum Sehen

Magische Stimmen
Gerade hat er zusammen mit den Musiker:innen von „musicAeterna“ bei den Salzburger Festspielen mit „Don Giovanni“ Triumphe gefeiert: Teodor Currentzis, der Shootingstar unter den Dirigenten. Der Fernsehsender arte hat ein ganz anderes Kleinod von ihm in der Mediathek, das Labsal ist in diesen unruhigen Zeiten: „Currentzis in der Sainte Chapelle in Paris“ (verfügbar bis 9. November 2021). Dort dirigiert Currentzis zwei von ihm gegründete Chöre: den musicAeterna byzantina und den Kammerchor musicAeterna, die beide vorwiegend a capella singen. Magisch. 

Geheimnisvolles Geflecht unter der Haut
Es ist ein Film, der schon 2017 von arte und ZDF produziert wurde, aber er ist immer noch aktuell und hat nichts von seiner Faszination verloren: „Faszien – geheimnisvolle Welt unter der Haut“ (noch bis 22. August 2021). Er zeigt, dass es sich mitnichten um irgendwelches bindegewebige Hüllmaterial handelt, sondern um ein hochkomplexes Organ, das maßgeblichen Einfluss auf unsere Gesundheit hat.

Monatelange Hängepartie
Die Suche nach einem Therapieplatz kann für psychisch Erkrankte zu einer monatelangen Hängepartie werden. Die Wartelisten für die Aufnahme in eine der einschlägigen Kliniken werden derzeit immer länger. Oft vergeht ein halbes Jahr, bis es endlich soweit ist. Gerade bei psychischen Störungen, bei akuten Erschöpfungszuständen, Depressionen oder Burnout – die alle in Corona-Zeiten massiv zugenommen haben – kommt es aber darauf an, schnell zu handeln. Der MDR hat sich dieses Themas angenommen und mit Betroffenen gesprochen: „Psyche auf der Warteliste – Hängepartie Therapieplatz“ heißt der Film, der noch bis 28. Juli 2022 in der ARD-Mediathek abrufbar ist.

Streiten will gelernt sein
Das österreichische Online Netzwerk oe24 hat ein bemerkenswertes Streitgespräch veranstaltet zwischen dem Polit-Aktivisten Sebastian Bohrn Mena und dem Polit-Blogger Gerald Grosz. Beide vertreten höchst gegensätzliche Positionen zur Corona-Politik in unserem Nachbarland. Das gut einstündige Hickhack wird kaum moderiert, und so gehen die beiden mehr oder weniger gepflegt aufeinander los und werfen sich diverse Unfreundlichkeiten an den Hals. Das ist Realsatire pur.

Etwas gesitteter, aber hart in der Sache geht es bei BILD Live zu, wo der Stellvertretende Chefredakteur Paul Ronzheimer ein gut einstündiges „Corona-Duell“ zwischen Wolfgang Kubicki und Karl Lauterbach moderiert. 

 

Zum Hören

Von den Toten lernen
Klaus Püschel, bis September 2020 Leiter des Instituts für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, war der erste, der zu Beginn der Corona-Krise darauf gedrungen hat, die an oder mit Corona Verstorbenen zu obduzieren und setzte sich damit über eine Anordnung des RKI hinweg. Zum Glück, denn auf seine Untersuchungen ist es zurückzuführen, dass rasch erkannt wurde, dass Covid-19 weniger eine Lungen- als eine Herz-Kreislauferkrankung ist, bei der das Gerinnungssystem aktiviert wird, mit der Folge, dass sich häufig Blutgerinnsel bilden, die die Adern blockieren.
Jetzt hat Püschel ein Buch geschrieben, das auch ungekürzt als Hörbuch vorliegt und anschaulich erklärt, warum die Rechtsmedizin der Schlüssel ist, um Krankheitsprozesse richtig zu verstehen und therapeutische Maßnahmen abzuleiten. Das Buch beschäftigt sich bei weitem nicht nur mit Covid-19, widmet dieser Problematik aber einen großen Abschnitt, bei dem nochmal vieles ans Licht kommt, was schon wieder in Vergessenheit geraten ist.
Wie aktuell gerade heute Püschels Plädoyer für die Obduktion immer noch ist, zeigt die oben im Abschnitt „Durchbruch-Infektionen: Geben auch Geimpfte das Virus weiter?“ berichtete Forderung des Heidelberger Pathologen Peter Schirmacher, zeitnah mit einer Covid-Impfung Verstorbene häufiger zu obduzieren. In seinem Buch hält Püschel auch nicht hinterm Berg mit seiner Ansicht, dass der Staat im Rahmen der Corona-Krise zu viel eingreift und zu wenig Vertrauen in die Bürger:innen hat. Für ihn kommt es darauf an, eine gute Balance zu finden zwischen dem Schutz vor Krankheitskeimen einerseits und der Freiheit und den Grundrechten andererseits. Gerade als Hörbuch ist dieses Buch besonders spannend. Und ebenso informativ ein Interview mit ihm auf NDR-Kultur.

Klaus Püschel: Die Toten können uns retten. Wie die Rechtsmedizin hilft, Krankheiten zu erforschen und das Sterben zu verhindern. Quadriga Verlag, 255 Seiten, 20 Euro (Hardcover), 16,99 Euro (Hörbuch).

 

Zum Lesen

Einmal herzhaft lachen …
… können Sie bei der Lektüre dieser nicht ganz ernst gemeinten Meldung auf dem Internet-Portal Univadis über eine „neue eigenständige psychische Erkrankung“: die „Covid-19-isolierte akademische Logorrhoe“ (CIAL), eine Geschwätzigkeit also im Hinblick auf Covid-19.  Sie zeichne sich aus durch „anhaltende Schwierigkeiten, beim Denken, Sprechen oder Schreiben nicht Covid-19 zu erwähnen“ … Die Störung „verursacht klinisch relevanten Stress und beeinträchtigt das soziale und berufliche Leben der Betroffenen, auch ihre Glaubwürdigkeit als Akademiker leidet“ … Uneinsichtige Patienten hätten Wahnvorstellungen und seien „davon überzeugt, dass die störungsbezogene Aktivität trotz gegenteiliger Beweise nicht problematisch ist; und höchstwahrscheinlich sind sie viel zitierte Autoren zum Thema Covid-19“. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen scheinen nicht ausgeschlossen …

… und eher was zum Weinen
…ist ein Artikel aus der Neuen Zürcher Zeitung, deren Japan-Korrespondent Remo Geisser über die in diesem Land besonders weit verbreitete Plastiksucht berichtet, die geradezu wahnhafte Blüten treibt: „Lesen Sie diesen Text nicht Ihren Kindern vor!“ Aus Gründen: In japanischen Hotels hängt – natürlich in Plastik verpackt – ein „Überlebenssack“ aus Plastik an der Tür, den man sich im Fall des Falles über den Kopf stülpen soll … Ein gruseliger Text über eine gruselige Entwicklung, die umso gravierender erscheint, als jüngst Heribert Prantl, Kolumnist der Süddeutschen Zeitung, in seinem sonntäglichen Newsletter „Prantls Blick“ apokalyptische Zahlen meldete: „Seit Anfang der 1950er Jahre wurden weltweit neun Milliarden Tonnen Kunststoff hergestellt; über 75 Prozent sind heute Müll. (…) 2050 wird der Kunststoffmüll in den Ozeanen mehr wiegen als alle Fische zusammen. Nach Schätzungen der Umweltorganisation WWF kommen auf einen Quadratkilometer Meer bis zu 46.000 Teile Plastikmüll.“ Auf Platz Nummer 2 der weltgrößten Plastik-Exporteure steht gleich nach den USA übrigens … Deutschland. 

Die Corona-Politik und der Missbrauch der Wissenschaft
Auf die klugen Ausführungen des Wissenschaftsphilosophen Michael Esfeld haben wir schon mehrfach hingewiesen. Jetzt hat er zusammen mit dem Wirtschaftsethiker Christoph Lütge ein sehr lesenswertes Buch herausgebracht, in dem er ein weiteres Mal betont, dass es keine gesicherten Erkenntnisse gibt, mit denen die drastischen Corona-Maßnahmen gerechtfertigt werden könnten. Es sei ein Mythos, wenn behauptet werde, das sei alles evidenzbasiert. Zugleich weist dieses Buch aber auch Wege auf, wie diese und künftige Krisen besser bewältigt werden könnten, und es fordert die Rückkehr zur Freiheit.
Christoph Lütge, Michael Esfeld: Und die Freiheit? Wie die Corona-Politik und der Missbrauch der Wissenschaft unsere offene Gesellschaft bedrohen. Riva Verlag, 128 Seiten, 10 Euro  

Lehren aus 100 Jahren Leben
Benjamin Ferencz wurde 1920 in Transsilvanien geboren, studierte Jura in Harvard und beteiligte sich dann 1944 am D-Day, der Landung der Alliierten in der Normandie. Er war einer der Chefankläger bei den Nürnberger Prozessen und nahm an den Reparationsverhandlungen zwischen der BRD und Israel teil. Es ist ein Leben mit vielen Aufs und Abs und vor allem einem riesigen zivilgesellschaftlichen Engagement, ein Leben, von dem man viel lernen kann. Wie gut, dass Benjamin Ferencz jetzt seine Erfahrungen mit Unterstützung von Nadia Khomami in einem Buch zusammengefasst hat, und wie gut, dass sich schon so viele Menschen dafür interessiert haben – es stand einige Zeit auf der SPIEGEL Bestsellerliste. Sein wichtigstes Fazit lautet – und das erscheint gerade in dieser Zeit besonders wichtig: „Sag immer Deine Wahrheit“.
Benjamin Ferencz: Sag immer Deine Wahrheit. Was mich 100 Jahre Leben gelehrt haben. Heyne Verlag, 160 Seiten, 17 Euro

Von den Bäumen lernen
Als Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz vom Hochwasser heimgesucht wurden, stand unter anderem die Waldwirtschaft am Pranger: Zu viele Fichten, generell zu viel Nadelholz, zu wenig Mischwälder, zu wenig Laubbäume. Ein Laubbaum, so hieß es, könne 50mal mehr Wasser binden als Nadelhölzer. Schon seit der Förster Peter Wohlleben 2015 seinen Bestseller „Das geheime Leben der Bäume“ publizierte, wissen wir, dass Bäume sehr viel mehr sind als Holzlieferanten. Jetzt hat Wohlleben ein neues Buch publiziert, das zeigt, wie sich Bäume an das Klima anpassen können, und in welchem Maße wieder einmal der Mensch den Wald bedroht, der so wichtig ist für eine saubere und gesunde Umwelt. Es zeigt aber auch, was notwendig ist, um das Blatt zu wenden und den rücksichtslosen Raubbau zu stoppen. Wetten, dass das erneut ein Bestseller wird? Auf Platz 23 steht es jetzt schon …
Peter Wohlleben: Der lange Atem der Bäume. Wie Bäume lernen, mit dem Klimawandel umzugehen – und warum der Wald uns retten wird, wenn wir es zulassen. Ludwig Verlag, 256 Seiten, 22 Euro

Die Droge aus dem Arzneischrank
Fentanyl ist ein hochpotentes Schmerzmittel (es wirkt 100mal stärker als Morphin), das weithin eingesetzt wird. So wirksam es gegen schwere Schmerzzustände ist, so gefährlich ist es auch, weil es eine schwere Abhängigkeit auslösen kann – es wirkt 50mal stärker als Heroin, schon 2 Milligramm können tödlich sein. Viele Menschen sind ihm bereits zum Opfer gefallen sind – vor allem in den USA, in Europa, und inzwischen auch in Deutschland. „Fentanyl ist die tödlichste Droge in Amerika“, sagte 2018die amerikanische Gesundheitsbehörde. Mit Fentanyl wird heute im großen Maßstab gedealt. Der Investigativjournalist Ben Westhoff hat die Geschichte dieser Substanz recherchiert und aufgeschrieben. Herausgekommen ist ein erschütterndes Dokument, wie skrupellos ein an sich segensreicher Arzneistoff missbraucht wird. Bei Fentanyl handele es sich, so schreibt Westhoff in seinem Vorwort, „um eine Geschichte über den Amoklauf des globalen Kapitalismus.“ Hochspannend. Hochaktuell.
Ben Westhoff: Fentanyl. Neue Drogenkartelle und die tödliche Welle der Opioidkrise. Hirzel Verlag, 264 Seiten, 28 Euro

Der Mann am Klavier
Er ist bekannt als der Tausendsassa der Tasten: Joja Wendt. Jetzt hat er seine Biographie geschrieben, und es ist spannend zu lesen, wie Joja Wendt trotz eines schweren Unfalls in seiner Jugend, der ihn fast die Beweglichkeit der linken Hand gekostet hätte, zu einem Pianisten der Sonderklasse geworden ist, der ebenso in der Klassik wie im Boogie-Woogie, Blues und Jazz zuhause ist (auf YouTube finden sich zahlreiche Beispiele seiner Virtuosität). Er beschreibt seine Kindheit in der Türkei (der Vater war Arzt), seinen Weg zum Klavier und der Musik, die Zeit in den Clubs und Kneipen Hamburgs mit den Blues-Legenden wie Abi Wallenstein, und wie ihm dann überraschend Joe Cocker die Chance seines Lebens bot … Es ist ein ebenso unterhaltsames wie melancholisches und nachdenkliches Buch über ein spannendes Künstlerleben, das immer von der Aufrichtigkeit zur Musik getragen war und ist.
Joja Wendt: Spiel doch mal leiser! Warum es gut war, dass ich darauf nicht gehört habe. Nullviernull Tonproduktion und Verlag, 248 Seiten, 20 Euro