Peinlichkeiten, Pech und Pannen

Die Geduld der Bürger*innen ist erschöpft

 

Fürchte dich nie, nie, niemals davor, das zu tun, was richtig ist, speziell dann, wenn das Wohl eines Menschen oder eines Tieres auf dem Spiel steht. Die Strafe der Gesellschaft ist nichts verglichen mit den Wunden, die wir unserer Seele zufügen, wenn wir wegschauen. (Martin Luther King)

Corona-Spezial März 2021 – Seit nunmehr vier Monaten verharrt die Republik im Lockdown mitsamt allen, teilweise hanebüchenen Maßnahmen (z. B. Maske tragen beim Joggen). Die Einhaltung der Einschränkungen wird zeitweise mit höchst fragwürdigen Methoden überwacht: So jagte z. B. ein Polizeiauto einen Jugendlichen, der sich ohne Maske von seinem Freund verabschiedet hat, mit Blaulicht und Karacho durch den Hamburger Jenischpark; mit dem Hubschrauber kontrolliert die Polizei der Hansestadt, ob Jogger- und Spaziergänger*innen rund um die Alster, in der Innenstadt oder an der Elbe Maske tragen; im Englischen Garten in München messen Beamte mit Zollstöcken nach, ob die Abstände beim Genuss der Frühlingssonne eingehalten werden ... und vieles weitere mehr.

Gleichzeitig hat die CDU/CSU als Regierungspartei ein Amigo-Problem. Der CDU-Politiker Nikolas Löbel, der die ihm gewährte Provision von 250.000 Euro für die Vermittlung von Kaufverträgen für Schutzmasken als „branchenüblich“ bezeichnete (tagesschau.de, 5. März 2021), hat inzwischen auf Druck seiner Parteikolleg*innen seine politische Karriere beendet, sein Bundestagsmandat niedergelegt und ist aus der CDU ausgetreten. Der schon zuvor der Bestechung beschuldigte CSU-Politiker Georg Nüsslein, der für ähnliche Geschäfte satte 660.000 Euro Provision eingestrichen haben soll und dem die WirtschaftsWoche ein „profitables Amigo-Netzwerk“ nachsagt, verlässt die Unionsfraktion und ebenso die CSU mit sofortiger Wirkung und kündigte ebenfalls an, sich aus der Politik zurückzuziehen, wie tagesschau.de berichtet. Dass er dennoch seinen Sitz im Bundestag vorläufig noch bis zum Herbst beibehält, hängt vermutlich mit den zu erwartenden Pensionsansprüchen zusammen ...

Als Reaktion darauf will Bundesgesundheitsminister Jens Spahn jetzt die Namen aller Bundestagsabgeordneten veröffentlichen, die an der Beschaffung von Corona-Schutzmasken beteiligt waren, wie das Deutsche Ärzteblatt berichtet. Aber Spahn steht selbst unter Beschuss. Die ZEIT deckte auf, dass der Minister im Frühjahr 2020 bei der Beauftragung von Transport und Lagerung von Schutzmasken und -kleidung – immerhin ein Geschäft in Milliardenhöhe – keine öffentliche Ausschreibung gemacht, sondern ein CDU-nahes Unternehmen aus dem Münsterland direkt damit betraut hat. Das ist nicht nur nicht üblich, sondern hat auch noch ein Gschmäckle: Spahn ist Stellvertretender Vorsitzender des CDU-Bezirksverbands Münsterland. 

Überdies hat sich der Minister bei den Medien unbeliebt gemacht, weil er nachforschen ließ, wer sich erdreistet hatte, beim Grundbuchamt Berlin-Schöneberg seinen Immobiliengeschäften auf den Grund zu gehen, wie die SZ berichtet. Betroffen waren vor allem Spiegel, Bild, Stern und der Tagesspiegel, aber auch freie Journalisten. Spahns Anwälte sollen das Amtsgericht, zu dem das Grundbuchamt gehört, aufgefordert haben, den gesamten Schriftverkehr mit den Redaktionen und „sämtliche etwaige weitere Presseschreiben mitsamt den Antworten des Grundbuchamtes herauszugeben“. Außerdem sollten die Namen derjenigen benannt werden, die sich nach Spahns Immobiliengeschäften erkundigt hatten. Das Amtsgericht kam dieser Forderung inzwischen nach.

Auf solche inquisitorischen Maßnahmen und jegliche Behinderung von Recherchen reagieren Journalist*innen hochsensibel, denn Grundbuchämter dürfen Journalist*innen grundsätzlich Auskunft geben: „Ein Bundesminister sollte die Pressefreiheit achten“, mahnte der Tagesspiegel, und zitiert den Bundesvorsitzenden des Deutschen Journalisten-Verbandes, Frank Überall: „Beides geht nicht – eine eilfertige Behörde und ein Minister, der peinlich bemüht ist, private Immobiliengeschäfte im siebenstelligen Bereich unter der Decke zu halten.“ Als Mitglied der Bundesregierung und speziell als Chef eines Ministeriums, das wegen der Corona-Pandemie im Fokus der Öffentlichkeit stehe, müsse sich Spahn Recherchen von den Medien gefallen lassen.

Damit nicht genug: Die Kritik an Spahn wächst auch im Hinblick auf das Impf-Chaos, Versäumnisse bei den Schnelltests und dem Masken-Management. War es doch das Spahn'sche Bundesgesundheitsministerium, das 8,5 Millionen FFP2-Masken (FFP = Filtering Face Piece) in Umlauf gebracht hat, die in Qualitätstests durchfielen. Offenbar halten die Dinger nicht, was sie versprechen, und lassen mehr Partikel durch als sie dürften, wie die WELT herausgefunden hat und ein „Prüfchaos“ beklagt, bei dem TÜV, Dekra und andere Unternehmen unterschiedliche Maßstäbe anlegen. Man verlasse sich bei den Prüfungen auf eine Norm, die diesen Namen nicht verdiene (siehe auch focus.de). Auch die Stiftung Warentest hat FFP2-Masken verschiedener Hersteller getestet. Nur eine von zehn Masken erfüllte alle Kriterien.

Ursprünglich waren solche Masken nicht für den Schutz vor Viren vorgesehen, sondern für das Abfiltern von Staub und Rauch, z. B. im Rahmen von Bau-, Mal- und Lackierarbeiten oder bei der Feuerwehr. Viren sind sehr viel kleinere Partikel. „Selbst bei zugelassenen FFP2-Masken atmen Träger durchschnittlich immer noch 20 Prozent der Virenkonzentration aus der Umgebungsluft ein“, zitiert der Bericht den Fachmann Maximilian Weiß, der Geräte herstellt, die feinste Partikel in der Luft messen können. Mindestens ein Drittel der FFP2-Masken, die derzeit im Umlauf sind, bieten deshalb gegen Corona „keine ordentliche Filterleistung“. Betroffen von den mangelhaften Masken sind ausgerechnet Schulen, Pflegeheime, Einrichtungen der Eingliederungs- und Wohnungslosenhilfe sowie Landeseinrichtungen. „Jetzt stehen die Paletten da und warten darauf, wieder abgeholt zu werden“, zitiert der Artikel Bernhard Schneider von der Evangelischen Heimstiftung in Baden-Württemberg. Geschieht das nicht, werden die – nicht gerade billigen – Masken entsorgt.

Der jüngste Beschluss der Bundesregierung und der Ministerpräsident*innen, den Lockdown bis zum Monatsende fortzusetzen und sich weiterhin an Inzidenzwerten zu orientieren, sorgte für Verdruss und schlechte Stimmung allerorten. Der Ärztliche Pandemierat forderte noch vor der Merkel-Ministerpräsident*innen-Runde eine „neue Kennzahl zur Steuerung der Pandemie-Maßnahmen“. Und alle zwölf Berliner Amtsärzte hatten in einem Schreiben an den Berliner Senat vor einem „Inzidenzwahn“ und einer „No-Covid-Strategie“ gewarnt und wollten Lockerungen nicht mehr an generelle Inzidenzwerte knüpfen, weil diese nicht das richtige Infektionsgeschehen abbilden, sondern von Testkapazitäten und dem Testwillen der Menschen abhängig seien. Ihr Plädoyer wurde jedoch schlicht ignoriert.

Stattdessen präsentierte die Regierung einen bürokratisch-verkomplizierten „Lockerungsplan“, der zwar kleingedruckt auf eine Seite passt, in dessen „wenn ... dann“ sich aber kaum jemand zurechtfindet, geschweige denn weiß, was nun konkret möglich ist und was nicht und vor allem warum. Kein Wunder, dass sich die aktuellen Umfragewerte für die Union im Sinkflug befinden.

Und jetzt hat die Regierung trotz vollmundiger Versprechungen auch noch den Start mit den Schnelltests verstolpert – Discounter wie Aldi und Lidl hatten die Tests vor allen anderen im Angebot und waren in Nullkommanichts ausverkauft, Influencer*innen bei Instagram bieten Sonderkonditionen für die Bestellung der Tests im Internet. Dabei weiß kaum jemand, wie sie richtig anzuwenden und wie zuverlässig sie sind – und es gibt kaum Kriterien, anhand derer man sich orientieren kann, welcher etwas taugt.   

Ein Ende dieses Chaos ist vorerst nicht in Sicht. „Die dritte Welle lässt sich nicht mehr aufhalten“, verkündete Karl Lauterbach schon Ende Februar und schob Anfang März, als die Bundesregierung ihren verquasten Lockerungsplan präsentierte, in einem Interview mit n-tv noch einen nach: „ Die Öffnungsschritte werden größtenteils nie kommen, weil die Voraussetzungen dafür – entweder stabile oder gar sinkende Fallzahlen – nie erreicht werden.“

Bis Ende März besteht der jetzige Lockdown mit seinem Öffnungs-Szenario. Anfang April ist Ostern. Und danach folgt der Ramadan. Bei beidem lässt sich trefflich argumentieren, es bestehe die Gefahr, die Kontrolle über das Virus und seine Ausbreitung zu verlieren. Die Menschen sind es aber leid, von einem Lockdown in den anderen zu rutschen – mehr und mehr wird deutlich, dass die pure Orientierung an den Inzidenzwerten keine Lösung ist, und auch die Impfkampagne wird auf lange Sicht nicht ausreichen, um zu einem normalen Leben zurückkehren zu können.

„Deutschland trippelt mit viel Rechenschieberei einem unabsehbaren Ende der Pandemie entgegen“ kommentiert Alexander Kissler in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ): „Die neuen Beschlüsse von Bund und Ländern sind trotz punktuellen Lockerungen ein phantasieloses Weiter-so. Wer seine Politik nur an Inzidenzwerte ausrichtet, hat jeden Gestaltungswillen verloren. (...) Die Verwirrung hat Methode, das Schlingern ist Prinzip, der Inzidenzwert regiert. (...) Ohne Mut, mit wenig Ambition, aber jeder Menge Rechenschieberei zementiert der neue Beschluss einen mittlerweile vertrauen Ausnahmezustand.“ Das meiste bleibe verboten, die Normalität eine Chimäre. „Auf Wiedervorlage bleibt, was schon längst vorliegen sollte: die feste Zusage an zermürbte Bürger, dass die Regierung die Nöte im Lockdown ernst nimmt und einen Weg aus der Krise zeigt. (...) Bund und Länder verharren in einem trübsinnigen Lockdown-Fundamentalismus. So nehmen sie in Kauf, dass die Entfremdung zwischen Gesellschaft und Staat zunimmt und die sozialen wie wirtschaftlichen Kollateralschäden ins Unermessliche wachsen.“

Schon Anfang Februar hatte die Medizinethikerin Christiane Woopen, Vorsitzende des Europäischen Ethikrats für die EU-Kommission, gemahnt: „Es wird zu viel in Lockdown und Impfungen gedacht“. Sie halte es für dringend erforderlich, „eine Perspektive zu eröffnen, statt Durchhalteparolen zu verkünden“. Einer Beunruhigung der Bevölkerung begegne man am besten „mit Transparenz und Glaubwürdigkeit“: „Die Menschen beziehen viel Kraft daraus, ernst genommen zu werden.“

Mittlerweile platzt auch dem Einzelhandel der Kragen: „Klagewelle gegen Lockdown rollt“, meldet der Bayrische Rundfunk am 24. Februar. Viele Händler stehen jetzt schon mit dem Rücken zur Wand und können nicht mehr lange durchhalten: „Es drohen zahlreiche Insolvenzen und Pleiten, das Verschwinden hunderter Handelsunternehmen, die Schließung tausender Geschäfte und der Verlust zigtausender Arbeitsplätze“, warnt Alexander Otto, Chef des Shopping-Center Betreibers ECE. Mehrere Handelsketten haben inzwischen Eilanträge auf Aussetzung der Ladenschließungen eingereicht.

Die WELT hat als eine der wenigen überregionalen Zeitungen den Bedenken der Juristen, vor allem im Hinblick auf den anhaltenden Entzug der Grundrechte, eine Bühne geboten: „Die Politik hat in ihrem Corona-Furor jedes Maß verloren“ wettert der Rechtswissenschaftler Dietrich Murswiek in einem Gastbeitrag für die WELT am 26. Februar. Ein weiterer Lockdown – wie er jetzt beschlossen wurde – sei verfassungswidrig. Die größte Gefahr für unsere freiheitliche Demokratie resultiere nicht aus den aktuellen Corona-Restriktionen, sondern daraus, dass sie zur ‚neuen Normalität‘ werden: „Die Politik ist dabei, die freiheitliche Verfassungsordnung in ein unfreiheitliches Pandemieregime zu verwandeln.“ Um „ganz sicherzugehen, dass das Infektionsgeschehen nicht wieder aufflammt“, werde dann wohl „eine Nullinzidenz zur Voraussetzung für die Rückgabe der Grundrechte“ gemacht: „Die Beweislast wird umgedreht: Nicht mehr der Staat muss beweisen, dass die Grundrechtseinschränkungen notwendig sind, sondern die Bürger können erst dann damit rechnen, von der Obrigkeit stückweise ‚neue Freiheiten‘ (Merkel) zugeteilt zu bekommen, wenn aus Sicht der Regierung feststeht, dass keine Corona-Gefahr mehr besteht. Hinnerk Wißmann (ein deutscher Staatsrechtler, d. Red.) hat das treffend kommentiert: ‚Freiheit, die ihre Ungefährlichkeit beweisen muss, ist abgeschafft.‘ (...) Die Politik legt der ganzen Bevölkerung den Lockdown auf, weil irgendwo zwischen den 99,9 Prozent nicht infektiösen Menschen auch noch weniger als 0,1 Prozent Menschen herumlaufen, die für ein paar Tage das SARS-CoV-2-Virus weitergeben können. Eine derartige massenhafte Freiheitsbeschränkung für Menschen, von denen keinerlei Gefahr ausgehe, ist historisch ohne Vorbild. (...) In einer Situation, in der die Überlastung des Gesundheitssystems nicht mehr zu befürchten ist, ist der Lockdown nicht mehr verhältnismäßig. Die von der Bundesregierung jetzt verfolgte Inzidenzpolitik ist irrational und verfassungswidrig. (...) Kein Richter, der sich nicht als Büttel der Regierung versteht, kann die Rechtfertigung des Lockdowns mit der Überschreitung eines Inzidenzwertes akzeptieren. Der Inzidenzwertfetischismus der Regierung muss jetzt abdanken.“

 „Die Gerichte hätten viel früher einschreiten müssen“, schreibt Politik-Redakteurin Ricarda Breyton am 15. Februar: „Je länger der Ausnahmezustand andauert, desto größer werden verfassungsrechtliche Zweifel. (...) Warum greifen Gerichte und Parlamente nicht stärker ein? Staatsrechtler haben inzwischen erhebliche Bedenken an der Pauschalstrategie.“ Und die Journalistin Susanne Gaschke kommentiert am 21. Februar: „In der Krise müssen die Verfassungsexperten endlich das Wort ergreifen: Warum hört man in der unheimlichsten Verfassungskrise, die unsere Bundesrepublik je erlebt hat, eigentlich so wenig von den Verfassungsjuristen? Der eine oder andere äußert sich besorgt, das stimmt, aber wo ist der Aufstand gegen einen Ausnahmezustand, dessen Begründungen immer fadenscheiniger und dessen Gewöhnungseffekte immer gefährlicher werden? Wo sind die Konferenzen, die offenen Briefe, die Anzeigenkampagnen? (...) Sind die berühmten deutschen ‚Staatsrechtslehrer‘ vielleicht einfach zu verblüfft von der schneidigen Unverfrorenheit der neuen Exekutivmacht?“

„Deutschland verschiebt die Freiheit auf unbestimmt“ schreibt Gaschke zwei Wochen später in einem Gastkommentar für die Neue Zürcher Zeitung am 5. März: „Wenn sich Ministerpräsidenten oder Parlamentarier nicht endlich ermannen, kann Angela Merkel die Suspendierung der Grundrechte mit immer schlampigeren Begründungen bis zur Bundestagswahl im September fortsetzen. (...) Die Landesparlamente und der Bundestag haben sich von Anfang an in ihre Entmächtigung ergeben – Debatten werden, wenn überhaupt, nur widerwillig und nach den Beschlüssen der Exekutivebene geführt.“

Die Süddeutsche Zeitung, einst das Flaggschiff einer engagierten, objektiven Berichterstattung, versteigt sich in einem Gastbeitrag des Schriftstellers Thomas Brussig zu der Überschrift „Mehr Diktatur wagen“: „Man sollte die Corona-Leugner endlich beim Wort nehmen: Die Pandemie erfordert den Ausnahmezustand.“ Die „coronabedingte Ohnmachtserfahrung“ wurzele darin, „dass wir die Corona-Krise mit den Mitteln der Demokratie bewältigen müssen. (...) Wie mit dem Coronavirus umzugehen ist, ist Behau der Wissenschaft und nur der Wissenschaft. (...) ‚Mehr Diktatur wagen!‘ wäre das Gebot der Stunde.“

„Corona hat geschafft, was die Weltkriege nicht geschafft haben“, konstatiert Heribert Prantl, Jurist. Publizist und Kolumnist der SZ, in einem Beitrag für die WELT, der seinem gerade erschienenen und höchst lesenswerten Buch Not und Gebot – Grundrechte in Quarantäne“ (C.H. Beck Verlag, 18 Euro) entnommen ist: „Selbst die Kirchen wurden geschlossen, Hochzeiten und Taufen fielen aus, Firmungen wurden abgesagt und Konfirmationen, Beerdigungen durften nur noch im kleinsten Kreis stattfinden. Der Ausnahmezustand lugte nicht mehr nur um die Ecke, er war da. Und es herrschte eine allgemeine Stille, auch darüber. (...) Wir haben erlebt, dass (...) Grundrechte als Ballast und als Gefahr gelten im Kampf gegen Covid-19. Was eigentlich Irrsinn ist, galt und gilt, wenn es um Corona-Prävention geht, als sinnhaft, als geboten, als alternativlos, als absolut notwendig, als noch lang nicht ausreichend.“ Man müsse der Eigenverantwortlichkeit des einzelnen mehr vertrauen, plädiert Prantl in einem Interview mit dem SWR1. Die pauschalen Regelungen der Regierung und der Ministerpräsident*innen seien zu generalisierend gewesen. Prantl bricht in seinem Buch auch eine Lanze für den Optimismus, den der Pfarrer und Widerstandskämpfer gegen die Nazis Dietrich Bonhoeffer dereinst als „die Gesundheit des Lebens“ bezeichnete: „Diese Gesundheit des Lebens für die Zeit in und nach Corona wünsche ich uns: dass die Menschen wieder miteinander reden können, dass die angstbesetzte Polarität der Reaktionen auf Corona einem zuhörenden und diskutierenden Miteinander Platz macht. Hoffnung ist der Wille zur Zukunft. Diese Hoffnung muss wieder Atem bekommen.“

Schon mehrfach meldete sich der frühere Verfassungsrichter Hans-Jürgen Papier zu Wort. Jetzt hat er es wieder getan: „Die Menschen dieses Landes sind keine Untertanen“ sagte er in einem Gespräch mit der WELT. „Grundrechte kann man nicht beliebig entziehen und neu vergeben.“ Schon vor der Pandemie konstatierte er eine „fortschreitende Aushöhlung des Rechtsstaats“: „Die Werteordnung unserer Verfassung war schon vor der Pandemie einer partiellen, schleichenden Erosion ausgesetzt, es waren Diskrepanzen zwischen Verfassung und politischer wie gesellschaftlicher Wirklichkeit zu verzeichnen. (...) Ich habe neulich eine Formulierung gehört, die etwa lautete: Wenn die epidemiologische Lage so bleibt, wie sie jetzt ist, dann kann es keine neuen Freiheiten geben. (...) Darin kommt die irrige Vorstellung zum Ausdruck, dass Freiheiten den Menschen gewissermaßen vom Staat gewährt werden, wenn und solange es mit den Zielen der Politik vereinbar ist. Nein, es ist umgekehrt!“ (...) Es wäre zu begrüßen, wenn jeder Bürger sich seines Wertes der Freiheit, immer verbunden mit der Verantwortung gegenüber dem Gemeinwesen, dem anderen und auch gegenüber sich selbst, bewusst wäre. Seit der Zeit der Aufklärung wurde die Verfassungsstaatlichkeit in Europa mühsam erkämpft. Wir sollten sie nicht zugunsten eines paternalistischen Fürsorgestaates aufgeben.“

Tatsächlich mehren sich die Stimmen, die die ständigen Verlängerungen der Lockdowns nicht mehr hinzunehmen bereit sind: „Es reicht, Herr Spahn! Zu wenig Masken, zu wenig Impfstoff, zu späte Schnelltests: Die Krisenpolitik wird zur Farce. Das muss Konsequenzen haben.“, schreibt Dirk Kurbjuweit, Leiter des Hauptstadtbüros und Stellvertretender Chefredakteur des SPIEGEL in seinem Leitartikel am 5. März 2021 und fordert Spahns und Merkels Rücktritt: „Der Staat versagt und bricht seine Versprechen.“ Die Regierung habe vor allem auf der technisch-organisatorischen Seite der Krisenpolitik versagt, die Hauptverantwortung dafür trage die Kanzlerin; Spahn sei für die Pleiten mitverantwortlich, zeige sich der Lage persönlich nicht gewachsen und habe durch sein Verhalten jedes Vertrauen verspielt: „Eigentlich wären jetzt zwei Rücktritte fällig.“

Auch der Chefredakteur der WELT, Ulf Poschardt, bläst in dieses Horn: „Frau Bundeskanzlerin, Deutschlands Geduld ist am Ende“, schreibt er am 3. März in einem Offenen Brief an Merkel (Bezahlschranke). Merkel halte an der Politik des kaum enden wollenden Lockdowns fest: „Die apokalyptischen Reiter in Gestalt lustvoll pessimistischer Naturwissenschaftler machen Angst, wo Perspektiven wichtig wären.“ Und der STERN bezeichnet Spahn in einem ausführlichen Portrait gar als „Gesicht des Desasters".

Der Amtsrichter Thorsten Schleif aus Dinslaken ermutigt als erster deutscher Richter die Bürger*innen, sich gegen Corona-Bußgelder zu wehren: „Bürger sollten vor Gericht ziehen, wenn der Staat ihre Freiheiten auf ‚rechtswidrige Weise‘ einschränke“, schreibt focus.de. „Jeder Bürger hat das garantierte Recht, die Gerichte anzurufen, wenn seine durch das Grundgesetz geschützten Freiheiten – mitunter in offensichtlich rechtswidriger Weise – durch die öffentliche Gewalt eingeschränkt werden“, sagt Schleif. „Viele scheinen vergessen zu haben, dass der Bürger der alleinige Souverän dieses Landes ist. Regierung, Gesetzgebung und Rechtsprechung sind nur die Diener dieses Souveräns.“ Vielen Menschen sei gar nicht bewusst, dass sie gegen eine Corona-Auflage verstoßen haben, „weil die Vorschriften so unverständlich und dilettantisch formuliert sind“, so Schleif. Wer gegen Auflagen des Infektionsschutzgesetzes verstößt, muss mit einem Bußgeld rechnen, das je nach Vergehen und Bundesland zwischen 150 und 25.000 Euro schwanken kann. In Berlin sind dazu im Januar und Februar bereits 291 Verfahren anhängig, fast genauso viele wie im ganzen Jahr 2020.

Und gerade hat ein anderer Amtsrichter in Ludwigsburg geurteilt, dass ein Bußgeldbescheid gemäß Corona-Verordnung rechts- und faktenwidrig war und daher einen Freispruch verkündet, wie Peter F. Mayer in seinem Blog tp berichtet: „Damit bezeichnet ein weiteres Gericht Corona-Maßnahmen als verfassungswidrig. Das Urteil zerpflückt nicht nur die rechtliche Seite, sondern befasst sich auch ausführlich damit, was der öffentliche Raum ist, wie die Nähe und der Abstand von Personen festzustellen ist und was davon geregelt werden kann und darf. Die Verordnungen kommen dabei gar nicht gut weg."

Wie die Menschen in Deutschland generell auf die Corona-Maßnahmen blicken, hat die Bertelsmann-Stiftung untersuchen lassen: „Die Freiheit und das Gemeinwohl: Wie Corona Deutschland spaltet und auch eint“. Dabei zeigen sich sieben verschiedene Wertemilieus mit deutlichen Unterschieden bei der Abwägung zwischen Gemeinwohl und individueller Freiheit. Das gilt auch für die Impfbereitschaft. Einigkeit herrscht dagegen beim Wunsch nach gesellschaftlicher Veränderung.

Die braucht auch dringend unser Gesundheitswesen, denn zwischen Anfang April und Juli 2020 haben über 9.000 Pflegekräfte in Krankenhäusern und in der Altenpflege während der Pandemie ihren Job hingeschmissen. Das geht aus bislang unveröffentlichten Zahlen der Bundesarbeitsagentur hervor, wie die WELT berichtet.

Nur selten wird auch darauf hingewiesen, dass Corona Arme härter trifft als Reiche. Dabei gibt es in Deutschland „ausgezeichnete soziologische Forschungen zu den Folgen der Pandemie“, sagt der Soziologie-Professor Oliver Nachtwey in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. „Aber auf staatlicher Seite weiß und kommuniziert man viel zu wenig über die Sozialstruktur der Infektionen. Schließlich müsste an dann ja zugeben, dass Deutschland eine Klassengesellschaft ist und Menschen aus der Unterklasse ein höheres Infektionsrisiko haben. (...) Täglich hören wir das Mantra ‚Corona trifft uns alle gleich.‘ Nein, wir sitzen nicht im selben Boot. (...) Die Risiken sind dramatisch ungleich verteilt.“ Migranten arbeiten häufier in Jobs, „in denen die Infektionsgefahr schlicht höher ist: DHL, Amazon ... Und wenn man mit mehreren Personen auf 38 Quadratmetern ohne Balkon lebt, ist ebenfalls klar, dass die Infektionszahlen steigen. Aber dann geht das Geschimpfe los, dass ‚die‘ sich nicht an die Regeln halten. Da mischen sich Rassismus und Klassenverachtung.“

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Ängste, Depressionen, Drogen

Das große Leid der Kinder

 

„Sind so kleine Hände, winz’ge Finger dran. Darf man nie drauf schlagen, die zerbrechen dann. Sind so kleine Füße, mit so kleinen Zeh’n. Darf man nie drauf treten, könn‘ sie sonst nicht geh’n. Sind so kleine Ohren, scharf und ihr erlaubt. Darf man nie zerbrüllen, werden davon taub. Sind so schöne Münder, sprechen alles aus. Darf man nie verbieten, kommt sonst nichts mehr raus. Sind so klare Augen, die noch alles seh’n. Darf man nie verbinden, könn‘ sie nichts versteh’n. Sind so kleine Seelen, offen und ganz frei. Darf man niemals quälen, geh’n kaputt dabei. Ist so’n kleines Rückgrat, sieht man fast noch nicht. Darf man niemals beugen, weil es sonst zerbricht. Grade, klare Menschen wär’n ein schönes Ziel. Leute ohne Rückgrat hab’n wir schon zu viel.“

Corona-Spezial März 2021 – Dieses Lied hat Bettina Wegner Mitte der 1970er Jahre geschrieben – und es ist heute aktueller denn je. Denn es sind vor allem die Kinder, die unter den Corona-Maßnahmen leiden und noch lange leiden werden. Neue Studien zeigen dieses Leid augenfällig auf, berichtet rp-online: „verpasste Entwicklungschancen, Ängste, Depressionen,  Bewegungsmangel, familiärer Stress“.

Das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) hat Mitte Februar die Ergebnisse aus der zweiten Copsy-Studie vorgestellt (Copsy = Corona und Psyche). Dabei wurden mehr als 1.000 Kinder und Jugendliche und über 1.600 Eltern von Mitte Dezember 2020 bis Mitte Januar 2021 mittels Online-Fragebogen befragt. Fast die Hälfte der Kinder empfinden ihre Schulsituation mit Online-Unterricht als anstrengender als im ersten Lockdown. Sieben von zehn sprechen von einer „geminderten Lebensqualität“, 85 Prozent sagen, dass sie die Corona-Krise als „äußerst oder ziemlich belastend“ empfinden. Fast jedes dritte Kind leidet unter psychischen Auffälligkeiten. Sorgen und Ängste nahmen zu, depressive Symptome und psychosomatische Beschwerden wurden verstärkt beobachtet. Sie essen zu viel Süßigkeiten, machen kaum noch Sport und verbringen noch mehr Zeit an Handy, Tablet und Spielekonsole.

Fragt man die Kinder und Jugendlichen selbst, wird die Situation noch deutlicher. Eine Schülerin hatte die Idee, ihren Freund*innen nur zwei Fragen zu stellen: „Wie geht es mir?“ Und: „Was können die Schule, die Lehrer*innen oder auch wir verändern, damit es uns besser geht?“ Die Antworten wurden auf einer digitalen Pinnwand gesammelt, die örtliche Presse berichtete (Tagesspiegel und Berliner Zeitung). Es ist ein erschütterndes Dokument. Umso mehr, als es „allesamt gute Schüler*innen waren, die sich zu Wort gemeldet“ hatten. Jetzt seien sie „am Ende“. Wie mag es dann wohl erst den anderen gehen? Die Zahlen der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung sprechen eine deutliche Sprache: Die Anfragen für Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen sind Anfang 2021 im Vergleich zum Vorjahr um durchschnittlich 60 Prozent gestiegen.

Mit dem komplizierten Stufenplan der Bundesregierung wird sich die Situation kaum ändern: „Ihr habt die Kinder vergessen – schon wieder!“ schimpft die WELT: „Auf 13 Seiten bekommen Fahr- und Flugschulen eine klare und bundesweit einheitliche Öffnungsperspektive, genauso wie Kosmetikbetriebe und Opernhäuser, Galerien und botanische Gärten. Nach ähnlichen Aussichten für Millionen von Schul- und Kitakinder, die seit Mitte Dezember zuhause sitzen, sucht man vergeblich.“

Schaut man über den Tellerrand des eigenen Landes, wird die Situation noch drastischer: Mehr als 168 Millionen Kinder sind seit fast einem Jahr wegen der Corona-Maßnahmen vom Schulunterricht ausgeschlossen, berichtet Unicef und fordert, der Wiedereröffnung von Schulen Priorität einzuräumen.

„Nach der Pandemie werden wir feststellen: Wir haben unseren Kindern und Jugendlichen zu viel zugemutet“, meint Alex Rühle in der SZ und fragt: „War je ein Jugendpsychiater oder Kinderarzt mit am Tisch im Kanzleramt, als es um die Corona-Maßnahmen ging? (...) Egal, welche Studie man sich ansieht, den Kindern und Jugendlichen geht es mittlerweile wirklich sehr schlecht. (...) Kürzlich schickte Julia Asbrand, Psychologin und Wissenschaftlerin an der Humboldt-Universität, im Namen von 173 Kolleginnen und Kollegen einen offenen Brief an die Bundesregierung, in dem sie schrieb, dass Kinder- und Jugendpsychiater sowie Psychotherapeuten bei jugendlichen Patienten vermehrt Aggressionen, Schlafstörungen, Schulängste, Essstörungen, Depressionen und Drogenmissbrauch wahrnehmen. (...) Bei den unter Sechsjährigen kam es in den vergangenen Monaten zu einer Verdoppelung von schweren Stoffwechselentgleisungen bei Diabetes mellitus. Man kann daran sterben. (...) Die Milliardenschulden, die gerade auflaufen, werden die heutigen Kinder und Jugendlichen auch noch abzahlen müssen, wenn wir alle uns längst vom Lebensacker gemacht haben.“ 

„Das Vorenthalten von Schule ist ein Verbrechen am Kind“, sagt der Erziehungswissenschaftler Heinz-Elmar Tenorth in einem Interview mit dem SPIEGEL. „Die Pandemie wirft uns ins frühe 19. Jahrhundert zurück. (...) Die Nachteile und Privilegien der sozialen Herkunft werden wieder in Kraft gesetzt, Eltern müssen als Büttel des Staates die Rolle erfüllen, die sich Lehrer in fünf Jahren Studium aneignen.“

Diese Bilanz ist umso erschreckender, als die Schließung der Schulen und Kitas nicht dazu beiträgt, die Infektionszahlen zu senken. Das zeigt Frankreich, wo die Schulen und Kindergärten auch im Lockdown offenblieben und die Zahlen sogar sanken. Und das zeigt sogar Schweden, dessen Übersterblichkeit 2020 deutlich unter der von Deutschland liegt.  

Seit dem 8. März dürfen die Kinder nun wieder in die Schule. Gut vorbereitet ist dieser Neustart allerdings nicht. „Was sich in den Klassenzimmern zeigt, macht fassungslos“, klagt Nando Sommerfeldt, Leitender Redakteur der WELT. In den drei zurückliegenden Monaten des Stillstands wurden weder Filteranlagen installiert noch ausreichend Schnelltests bereitgestellt. Man verfällt in Aktionismus oder wurschtelt einfach weiter wie bisher.

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Eine Kette von Fehlern

Die Impfkampagne erstickt an der Bürokratie

 

Corona-Spezial März 2021 – Am 25. Februar 2021 veranstaltete GESUNDHEIT AKTIV online einen Live-Talk unter dem Motto „Corona-Impfung: Hilfen zur Entscheidung“. Der Kinder- und Jugendarzt und Impfexperte Dr. Steffen Rabe, Sprecher des Vorstands der „Ärzte für individuelle Impfentscheidung“, und der Virologe und Epidemiologe Prof. Dr. Klaus Stöhr gaben einen aktuellen Überblick über die aktuellen Impfstoffe – den Vortrag von Steffen Rabe können Sie hier ansehen  – und beantworteten die vielen Fragen der über 2.500 Teilnehmer*innen.

Stöhr entdeckte das SARS-CoV-1-Virus und war ehemaliger Leiter des Global Influenza Programms der Weltgesundheitsorganisation WHO und verfügt somit über eine langjährige Expertise in der Bekämpfung von Pandemien. Zusammen mit anderen Fachleuten gründete er die interdisziplinäre Arbeitsgruppe Covid-Strategie und forderte einen umfassenden Stufenplan und neue Erfolgskriterien mit Priorität bei Kitas, Schulen und Einzelhandel. Stöhr kritisiert vor allem, dass „die politischen Entscheidungen auf der Grundlage der Risikobewertung von einzelnen Vertretern weniger Fachgebiete getroffen worden seien“. Das sei unzureichend und habe zur Polarisierung in der Pandemiebekämpfung beigetragen.

Leider tragen die großen Medien wenig dazu bei, diese Linie zu unterstützen. Allen voran scheint es dem SPIEGEL mehr darum zu gehen, die Wissenschaftler in verschiedene Schubladen zu packen – die einen sagen angeblich die Wahrheit über die Pandemie, die anderen gelten als „Propheten auf dem Irrweg“, wie Recherchen der WELT zeigen. Da hat die Wissenschaftsredaktion des SPIEGEL dem Virologen Prof. Dr. Hendrik Streeck offenbar einen 15 Fragen umfassenden Katalog vorgelegt, zu beantworten innerhalb von 24 Stunden. Die WELT nennt einige Beispiele: „Haben Sie Ihre Position als Wissenschaftler missbraucht, um Politik zu machen?“ – „Wie stehen Sie zu dem Vorwurf, Sie hätten die Gefahren der Pandemie verharmlost?“ – „Sehen Sie sich in der Mitverantwortung für die getroffenen oder auch unterlassenen Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung? Und in diesem Zusammenhang auch für viele Menschen, die gestorben sind?“ – „Bereuen Sie diese mehrfach öffentlich geäußerte Fehleinschätzung?“ Neben Streeck hat sich der SPIEGEL auch auf Jonas Schmidt-Chanasit, Matthias Schrappe und Klaus Stöhr eingeschossen, allesamt Wissenschaftler, die sich kritisch zu den Maßnahmen der Regierung positioniert haben.

Klaus Stöhr betont jedoch zu Recht immer wieder – auch im Live-Talk von GESUNDHEIT AKTIV –, es bedürfe eines breiten wissenschaftlichen Diskurses: „Wir müssen das gute Wissen zusammenführen. Deutschland hat so viel tiefes Wissen. Das muss in der Pandemiebekämpfung dringend abgerufen werden, um die Auswirkungen der Pandemie zu mildern.“ Der Erfolg orientiere sich vor allem daran, die gesundheitlichen Auswirkungen zu minimieren: „Bei der Bekämpfungsstrategie muss man das Ende im Auge haben, wenn die Pandemie beginnt“, sagte er. „Und das Ende wird sein, wenn alle Menschen Antikörper gegen SARS-CoV-2 gebildet haben – entweder über eine Impfung oder durch die Erkrankung selbst. Und das wird noch eine ganze Weile dauern.“

Man müsse sich klar machen, dass kein Impfstoff die Re-Infektion verhindern kann: „Wie stark die Re-Infektionen ausfallen, lässt sich heute noch nicht sagen. Es gibt generell nur ganz wenige Impfstoffe, die eine ‚sterile Immunität‘ hervorrufen: Gelbfieber, Pocken, Polio. Das bedeutet, dass man sich mit dem Erreger nicht mehr infizieren kann und auch kein Virus mehr ausscheidet und damit andere ansteckt. Deshalb kann man Krankheiten auch nur selten wirklich ausrotten. Bei dem Corona-Virus wird das nicht gelingen. Irgendwann wird sich jeder damit infizieren, daran geht kein Weg vorbei.“ Schon jetzt zeichne sich ab, dass es eine saisonale Häufung im Winter geben werde – wie auch bei der Grippe und anderen Infekten der Atemwege. Stöhr ist kein Anhänger der Orientierung an einer Inzidenz von 50 oder darunter oder gar einer „No-Covid-Strategie“: „Ich halte es für realitätsfern, bei der Inzidenz auf Zahlen unter 50 zu kommen, und für illusorisch, diese dann auf diesem Level zu halten. Man müsste die Maßnahmen dann ständig aufrechterhalten. In anderen Ländern hat man sich entschieden, mit mehr Fällen umzugehen – in Österreich, in Frankreich, in der Schweiz. Man kann auch dann ein exponentielles Wachstum verhindern. Man hat sich dort für einen anderen Kompromisspunkt entschieden zwischen Freiheit, Gesundheit und Wirtschaft. Das ist eine politische Entscheidung. Das geht offensichtlich auch.“

Mit den Impfungen sei erstmal ein wichtiger Schritt getan, so Stöhr. Den gelte es auszubauen. Allerdings glänzen Bund und Länder auch hier mit Inkompetenz und einem fatalen Festhalten an Bürokratie – schließlich muss alles seine Ordnung haben ... Anstatt die Impfdosen frei zu verteilen und die Impfwilligen bestmöglich zu kanalisieren, wird an einem starren Schema festgehalten, das zu kuriosen Situationen führt (z. B. werden Ehepaare oder ältere Menschen in einem Haushalt nicht gleichzeitig geimpft, was dazu führt, dass ein Geimpfter die anderen unter Umständen anstecken kann ...). Dafür ist dann im Sommer mit einem Überschuss an Impfstoffen zu rechnen, denn: „Jetzt rollt eine Impfstoff-Welle auf Deutschland zu“, prophezeit die WELT. Dabei liegen jetzt schon mehr als 2,5 Millionen Impf-Dosen auf Halde, weil es mit der Impferei einfach nicht schnell genug klappt.

Dass die derzeit in Deutschland verfügbaren Impfstoffe von Biontech/Pfizer, Moderna und AstraZeneca bei weitem nicht die einzige Möglichkeit darstellen, die Menschen gegen das Corona-Virus zu immunisieren, ist bekannt. Wie merkwürdig sich Behörden wie das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) jedoch anstellen, wenn es um andere Ansätze geht als die großer Pharma-Multis, hat die Journalistin Gudrun Altrogge von SPIEGEL TV recherchiert. Sie berichtet über den Mediziner Winfried Stöcker, der in seiner Firma Euroimmun in Groß Grönau (Schleswig-Holstein), einem Unternehmen für medizinische Labordiagnostika, ein Antigen gegen SARS-CoV-2 hergestellt hat: Es bewirke im menschlichen Organismus, dass dieser neutralisierende Antikörper gegen das Corona-Virus herstellt – und das ganz ohne Virus-Vektoren, m-RNA und Nanotechnologie. Preisgünstig. Leicht in großen Mengen herzustellen. Ohne Kühlkette zu lagern. Ohne Spezialkenntnisse beim Hausarzt zur verimpfen. Es seien lediglich drei Injektionen innerhalb eines Vierteljahres notwendig. Auffrischimpfungen seien problemlos möglich, falls der Schutz nachlässt. Tauchten neue Mutanten auf, lasse sich der Antigen-Impfstoff leicht anpassen.

Stöcker hat im Selbstversuch sich und seine Familie sowie 100 Freiwillige damit geimpft. Er sagt, 97 Prozent von ihnen hätten Antikörper entwickelt und seien damit vor SARS-CoV-2 geschützt. Daraufhin wandte er sich an das PEI und bat darum, seinen Impfstoff im größeren Maßstab im Rahmen wissenschaftlicher Studien an Freiwilligen genauer zu überprüfen. Das PEI jedoch informierte als erstes den Staatsanwalt und erstattete Anzeigen gegen Stöcker. Er habe ohne die erforderliche Erlaubnis und Genehmigungen ein SARS-CoV-2-Antigen hergestellt und anderen verabreicht. Das Landesamt für Soziale Dienste, dem Stöckers Versuche ebenfalls gemeldet wurden, unterstützte die Klage, es sei Gefahr im Verzug, denn es könne „nicht ausgeschlossen werden, dass weitere Herstellungen und Impfungen evtl. die Gesundheit der Probanden schwer gefährden können“. Streng formal gesehen ist das PEI im Recht – aber unabhängig davon, ob es strafrechtlich relevant war, was Stöcker gemacht hat, wäre es sinnvoll, seinen Erkenntnissen nachzugehen. Die Strukturformel des Antigens hat er ebenso wie alle weiteren Informationen auf seiner Webseite frei zugänglich eingestellt.

In Sachen Impfnachweis gibt Jens Spahn jetzt allerdings Gas: Gerade hat er den 3-Millionen-Auftrag, einen solchen digitalen Impfpass zu entwickeln, an ein Konsortium unter Führung des US-Konzerns IBM vergeben, wie das Redaktionsnetzwerk Deutschland berichtet: „Die App soll schnell und sicher über eine Impfung Auskunft geben, um Reisen oder Restaurantbesuche zu ermöglichen.“ Für die technische Umsetzung, die App an 410 Impfzentren und 55.000 ärztliche Praxen anzuschließen, werden drei Monate veranschlagt.

Bislang hatten Politiker*innen einen solchen Impfpass immer abgelehnt, weil damit eine Zwei-Klassen-Gesellschaft entstünde, was mit dem Grundgesetz nicht vereinbar sei. Erst jüngst hatte sich der CDU-Vorsitzende und Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet, in einem Interview mit der WELT deutlich gegen einen Impfnachweis als Freibrief für die Rückgabe von Grundrechten positioniert: „Grundrechte sind keine Privilegien. (...) Ein Mensch, der sich nicht impfen lassen will, muss in Deutschland trotzdem seine Grundrechte wahrnehmen können. Grundrechte dürfen nicht von Impfungen abhängen.“

Auch Hans Henri Kluge, Europadirektor der WHO, lehnt in einem Interview mit der WELT einen Europäischen Impfpass ab: „Das ist keine Empfehlung der WHO. (...) Wir verstehen, dass Regierungen mit der politischen Realität konfrontiert sind. Trotzdem gibt es ernste Bedenken. Wir wissen nicht, wie lange die Immunität nach der Covid-19-Impfung anhält. Sie verhindert den schweren Krankheitserlauf, aber nicht unbedingt die Ansteckung anderer Menschen. Zudem verschärft der Impfpass die Ungleichheit.“ Focus-online befürchtet gar, dass 23 Millionen Deutsche – so viele wollen sich nicht impfen lassen – zu „Bürgern zweiter Klasse“ werden.

Aber offenbar ist das alles schon wieder Makulatur. Denn das Szenario wird bereits geprüft, wie Business-Insider berichtet. „EU-Impfpass soll bis Sommer kommen“ prophezeit die Süddeutsche Zeitung; der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther hält einen solchen Nachweis sogar für Inlandsreisen für vorstellbar; der Bürgermeister von Sylt möchte Gäste nur noch mit PCR-Test oder einem Schnelltest auf die Insel lassen. Der bayrische Ministerpräsident Markus Söder meint in der Landshuter Zeitung: „Ein europäischer Impfpass ist sehr zu begrüßen. Es ist doch einfach: Ein kleiner Piks und die Freiheit ist da. Impfen ist die einzige Langzeitstrategie.“

Söder plädiert auch dafür, schnellstmöglich Kinder und Jugendliche zu impfen: „Diese Impfungen sind eine große Chance. Deshalb bin ich auch dafür, die Hersteller in die Pflicht zu nehmen, dass sie rasch Impfstoffe für Kinder und Jugendliche entwickeln. Schulimpfungen wären eine schnelle Variante, um in den wichtigen Bereichen Familie und Schule eine Entlastung zu bewirken. So wie früher, als der Schularzt alle geimpft hat.“

Zu der Frage der Impfungen an Kindern und Jugendlichen sowie an Schwangeren und Stillenden und ebenso zur Frage einer Impfpflicht und eines Impfnachweises als Freibrief für die Rückgewinnung von Grundrechten haben die „Ärzte für individuelle Impfentscheidung“ ihr Positionspapier aktualisiert.

Eine Standortbestimmung zur Anthroposophischen Medizin in der COVID-19-Pandemie findet sich auf der Homepage der Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte in Deutschland (GAÄD) veröffentlicht.

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Die große Unsicherheit

Wie geht es weiter?

 

Corona-Spezial Februar 2021 – Seit dem Januar-Corona-Spezial ist nur wenig Zeit vergangen, und es zeichnet sich immer mehr ab, dass die Regierung das Vertrauen der Bevölkerung mehr und mehr einbüßt. Wut und Protest von Friseur*innen und Einzelhändler*innen bekommen auf Facebook, Twitter und Instagram zigtausende von Likes und werden vielfach geteilt und weiterverbreitet. Die Menschen sind mürbe, die Maßnahmen werden immer unverständlicher: Warum sollen Friseur-, Mode- oder Schuhgeschäfte, Restaurants und Museen mit ihren ausgefeilten Hygienekonzepten, über die sie den Publikumsstrom perfekt steuern können, nicht öffnen dürfen, während sich nebenan im Supermarkt die Menschen vor den Regalen und Kassen oder auch teilweise im ÖPNV drängen? Immer mehr Landkreise fallen bei der Inzidenz unter die magische Marke von 50 Fällen pro 100.000 Einwohnern – Konsequenzen hat das bisher nicht.

Die Medien sehen Merkels Kurs inzwischen zunehmend kritisch: „Verlängerter Lockdown: Merkel auf Geleitzugfahrt ins Ungewisse“, kommentiert die Neue Zürcher Zeitung am 20. Januar. Die Krisenmanager würden „im Ungefähren operieren“ und damit „Geduld und Einsicht der Bürger auf eine harte Probe“ stellen. „Müde und mürbe“ wirkten Merkel, Söder und Müller nach ihrer jüngsten Lockdown-Verlängerung. Der politische Umgang mit der Pandemie schwanke „immer noch zwischen Hoffnung und Verzweiflung“. Vorwiegend regiere der Konjunktiv: „Hielten sich die Bürger brav an alle Vorgaben, nähme – womöglich – auch die Zahl der Infektionen ab.“ In dem „Geleitzug“ der Kanzlerin, hätten alle bis ans Ende der Pandemie widerspruchslos mitzuschippern: „Wann das sein soll und wie lange vor allem der Lockdown noch dauern soll, konnte sie auf Nachfrage nicht sagen. Ein Kurs ohne Ziel und ohne Ankunftszeit macht aber nicht nur Politiker müde. Die Bürger sind es längst.“

„Merkel, Kurz und Mutationen: Politik am Volk vorbei“ hieß das Motto beim „Talk im Hangar 7“ des österreichischen Servus-TV am 21. Januar 2021, in der das RTL-Urgestein Helmut Thoma, die Publizistin Cora Stephan und der SZ-Kolumnist Heribert Prantl klare Worte fanden. Für die zigtausende von Grippe- oder Krebs-Toten habe man nie ein Denkmal errichtet, jetzt soll für Corona-Opfer ein Gedenktag etabliert werden, äußerte Thoma sein Unverständnis. Er sei schon für ein Denkmal, sagte Prantl, aber für ein ganz anderes als die Gedenkfeier, das der Bundespräsident jetzt für den 18. April vorgesehen hat: „Mein Denkmal bestünde darin, die Mindestlöhne für die Pflegekräfte wirklich kräftig hochzusetzen um 50 Prozent. Mein Denkmal bestünde darin, die Situation in den Pflege- und Altenheimen intensiv zu verbessern, die Personalschlüssel zu verändern und zu sagen, da kümmert sich die Gesellschaft jetzt wirklich um diejenigen, die für diese Gesellschaft jahrzehntelang gearbeitet haben.“  

Als „Kanzlerin der unterlassenen Hilfeleistung“ bezeichnete Markus Feldenkirchen Angela Merkel in einem Essay im SPIEGEL (Bezahlschranke). Ihr Führungsstil werde in der Pandemie zum Problem: „Es fehlen Kreativität, Elan und Ambition. Das hat gravierende Folgen fürs Land.“ Bei Anne Will am 31. Januar hatte Wirtschaftsminister Peter Altmaier eingestanden, die Regierung wisse nicht, welche Pharma-Werke in Deutschland für eine Impfstoffproduktion genutzt werden könnten. Das sei, so Feldenkirchen, „in diesem Stadium der Krise eine Bankrotterklärung“. Es sei auch „das Dokument einer für die Ära Merkel nicht untypischen Bräsigkeit.“ Kritik an Merkel werde immer noch als unschicklich empfunden. Nach Gerhard Schröders „Führungsstil der ruppigen Hemdsärmeligkeit“ habe das Volk ein Bedürfnis nach einer bescheiden-geerdeten Art, nach unprätentiöser Nüchternheit: „Angela Merkel wusste dieses Bedürfnis zu bedienen. Nach fast 16 Jahren ist auch ihr Führungsstil nicht mehr zeitgemäß.“

„Das ‚Vorsorgeprinzip‘ der Bundeskanzlerin wird immer unglaubhafter“, schreibt die WELT (Bezahlschranke) am 27. Januar, denn wenn die Zahlen sinken, dürfte es schwer sein, die Drohkulisse aufrechtzuerhalten. Kein Wunder also, wenn das „Einverständnis mit dem Corona-Krisenmanagement auf neuem Tiefststand ist“, wie die WELT am 4. Februar aufgrund einer Umfrage von Infratest Dimap konstatiert. Nur noch die Hälfte der Bürger*innen sei mit dem Kurs von Bund und Ländern „zufrieden“ oder „sehr zufrieden“. Die Menschen seien verärgert über den schleppenden Verlauf der Impfungen und das Vorgehen der Europäischen Kommission beim Einkauf der Impfstoffe. Ging die Impfkampagne anfangs nur der Hälfte der Befragten nicht schnell genug, waren es im Februar schon 68 Prozent.

Dass das Vertrauen so nachlässt, hängt auch mit der Kommunikationsstrategie der Regierung zusammen. „Sicherlich sind die Verantwortlichen überzeugt, nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt zu haben und meinen, dass man ihnen deshalb keinen Vorwurf machen kann. Vielleicht denken sie aber auch, dass zu viel Ehrlichkeit nicht gut ankommen würde“, sagt der Gießener Rechtswissenschaftler Steffen Augsberg, der auch dem Deutschen Ethikrat angehört, in einem Interview mit der WELT am 5. Februar (Bezahlschranke). Er wünsche sich „mehr Offenheit und Selbstkritik im Sinne der demokratischen Debatte, aber auch zur Verbesserung des Infektionsschutzes“. Am traurigsten sei, dass sich die Parlamente weitgehend selbst entmachtet“ hätten: „Ein Pluralismus der Meinungen einschließlich vielleicht scharfer, aber produktiver Kritik – das ist es doch, was die parlamentarische Demokratie auszeichnet und stark macht.“

Aber wenn etwas lange versäumt wurde, lässt sich nicht innerhalb weniger Tage mit einer Kommunikationsoffensive einfangen, schon gar nicht, wenn man sich um klare Worte herumdrückt, wie Alexander Kissler in der NZZ kommentiert: „In der Krise tut Angela Merkel, was ihr am schwersten fällt: sie kommuniziert. Das macht die Lage nur noch schlimmer.“ Merkel finde keine Worte dafür, Kritik anzunehmen und Zweifel zu zerstreuen. Und tatsächlich sind Sätze wie die am 5. Februar im Interview mit RTL geäußerten nicht dazu angetan, den Menschen Hoffnung zu machen oder Zuversicht zu verbreiten: „Wir müssen jetzt ganz, ganz vorsichtig sein, damit auf den letzten Metern nicht so viele Menschen noch sterben.“ Wie gern würde sie „auch etwas Gutes verkünden, aber es hat ja keinen Sinn, wir dürfen ja auch keine falschen Hoffnungen wecken.“ Die Welt werde erst wieder „ganz normal“, wenn alle Menschen weltweit die Chance zur Impfung erhalten haben ...

Am 10. Februar – also kurz nach Erscheinen dieses Corona-Spezials – werden sich Regierung und Ministerpräsident*innen erneut treffen, um über das weitere Vorgehen zu entscheiden. Sie stehen dabei auch zwischen den Fronten der Wissenschaftler*innen, die unterschiedliche Strategien verfolgen. Da ist zum einen die Gruppe der 17 Wissenschaftler*innen um Melanie Brinkmann, Sandra Ciesek, Isabella Eckerle und Viola Priesemann, die im renommierten Fachblatt The Lancet einen Vier-Punkte-Aktionsplan für eine „No-Covid“-Strategie vorgelegt haben, womit auch die neuen SARS-CoV-2-Mutanten bekämpft werden sollen:

1. Erreichen und Erhalten niedriger Fallzahlen mit einer klaren Präventionsstrategie, Definition der Ziele und deren Kommunikation, frühes Handeln, scharfe Kontaktreduzierung (Homeoffice und Online-Unterricht) sowie AHA-Maßnahmen.

2. Verfolgen der Virusausbreitung und seiner Mutationen mit „test, trace, isolate, support“ (testen, verfolgen, isolieren, unterstützen).

3. Das Virus an den Grenzen stoppen und die Verletzlichen schützen. Reduktion von Reisen inner- und außerhalb der Landesgrenzen, Test- und Quarantäne-Routinen für Grenzgänger. Verbesserung des Schutzes der Alten und Verletzlichen. Förderung des innereuropäischen Austauschs über erfolgreiche Strategien und Maßnahmen, um die Prozesse zu beschleunigen.

4. Die Wirksamkeit und das Tempo der Impfungen steigern. Beobachten von Infektionen bei Geimpften, um mögliche Reinfektionen mit neuen Virusvarianten zu entdecken oder ein Nachlassen der Impfwirkung schnell aufzudecken. Drängende Fragen durch internationale Kooperation beantworten, bessere Impfschemata erforschen, um die Logistik zu verbessern; die Impfbereitschaft steigern durch Daten aus verschiedenen Ländern.

  1. Diese „No-Covid“-Initiative unterscheidet sich von der „Zero-Covid“-Strategie anderer Wissenschaftler*innen vor allem dadurch, dass sie einen klugen, kurzen und effizienten Lockdown fordert anstelle eines langen und ausgedehnten, weil die Folgen für die Wirtschaft dann gravierend sein würden. Die Gruppe plädiert deshalb nicht für Grenzschließungen, sondern für mehr Tests vor und nach dem Grenzübertritt sowie für Kontaktbeschränkungen mit kleinen, sozialen „Bubbles“ anstelle ständig wechselnder Kontakte. Um Ausbrüche frühzeitig zu erkennen, soll vermehrt auch an Schulen und Arbeitsplätzen getestet werden.

Melanie Brinkmann, die zum Beraterstab der Bundesregierung und der Ministerpräsident*innen gehört und einen massiven Lockdown mit dem Ziel einer „No-Covid“-Strategie vertritt, hält in einem Spiegel-Interview (Bezahlschranke) mit ihrem Frust und ihrer Empörung, dass diese Strategie nicht befolgt wird, nicht hinterm Berg: „Der Wettlauf ist längst verloren. Es wird kommen wie in England“. Sie und ihre Mitstreiter*innen glauben „nicht an die Strategie, dass man mit dem Virus irgendwie leben kann, sondern dass man es besiegen muss“. Man könne das Virus auch bei einer Inzidenz von unter 50 nicht im Zaum halten, mit diesem Kurs habe man keine Chance. Es brauche eine „konsequent durchgesetzte Kontaktvermeidungsstrategie“, um die 7-Tage-Inzidenz unter 10 zu drücken. Dann könnten die Gesundheitsämter wieder die Infektionsketten nachverfolgen, und „wir alle bekämen unser Leben zurück, zumindest ein Leben so ähnlich wie im Sommer 2020.“ Das „Larifari des ‚hier ein bisschen Homeoffice, dort ein improvisiertes Hygienekonzept‘“ müsse aufhören. „Die Pandemie wird uns auch noch 2022 beschäftigen – wahrscheinlich darüber hinaus.“

Auf der anderen Seite steht das Plädoyer des Bonner Virologen Hendrik Streeck, der in einem Interview mit der WELT am 30. Januar (Bezahlschranke) sagte: „Wir dürfen unser Leben nicht von Viren bestimmen lassen“ und in einem gerade erschienenen Buch („Hotspot. Leben mit dem neuen Coronavirus“, Piper Verlag, 192 Seiten, 18 Euro) seine Strategie auf der Grundlage seiner Erfahrungen mit der Heinsberg-Studie (die im Buch auch ausführlich dargestellt wird) näher erläutert. Er setzt auf Hygienekonzepte und kreative Lösungen sowie auf Langzeitstrategien für Schutz, Sicherheit und wieder mehr Leben. Für Streeck heißt das vor allem: die vulnerablen Gruppen in Alten- und Pflegeheimen schützen. Das geschehe immer noch nicht ausreichend, beklagte er auch in einer sehenswerten Gesprächsrunde von Markus Lanz am 3. Februar. Wie das gehe, zeigen die Erfahrungen aus Münster, Tübingen (siehe dazu auch das Interview in der NZZ mit Lisa Federle, der Ärztin hinter dem „Tübinger Weg“, die früh auf eine umfassende Teststrategie gesetzt hat,) und Rostock, die jeweils niedrige Inzidenzraten und Todesfälle haben. Bei Lanz kommt dazu der Oberbürgermeister von Rostock, der Däne Claus Ruhe Madsen, ausführlich zu Wort und schilderte seine Strategie und Entscheidungen, mit denen er zum Teil gegen den Strom schwamm.

Streeck geht davon aus, dass SARS-CoV-2 in Deutschland heimisch werde, ebenso wie andere Corona-Viren es wurden, mit denen wir bisher schon zu tun hatten. Er nimmt auch an, dass einige Teile der Bevölkerung bereits eine Immunität durch Kontakt mit eben diesen anderen Corona-Viren erworben haben und deshalb nicht erkranken oder nur einen milden Verlauf haben. Es sei in Studien bereits beobachtet worden, dass die Gedächtniszellen des Immunsystems bereits eine Immunantwort gespeichert haben, die im Kontakt mit SARS-CoV-2 wieder aufgerufen werden könne. Es sei davon auszugehen, dass SARS-CoV-2 alljährlich im Herbst wieder aufwache und es dann zu einer neuen Welle komme – so wie auch die Influenza-Viren in dieser Zeit immer wieder Saison haben.

Eine „klare, planbare, einfache Strategie“ fordert die Erfurter Psychologie-Professorin Cornelia Betsch in einem Interview mit ZEIT online. Das würde die Menschen wieder motivieren: „Wenn man weiß, was zu tun ist und es umsetzen kann, stärkt das die Selbstwirksamkeit, man spürt, dass man durch die eigene Handlung etwas erreicht.“ Die Regierung allein werde es aber nicht richten: „Wir brauchen eine viel breitere gesellschaftliche Basis mit vielen Akteuren. (...) Es braucht gesellschaftliche, gemeinsame Power, die auch zu kommunizieren und auf gemeinsame Ziele hinzuarbeiten.“ Aus Angst, sich angreifbar zu machen, tue die Politik sich oft schwer, konkret und alltagsnah zu werden und klar zu sagen, was man im Alltag tun soll.

Stufenpläne und einen interdisziplinären Austausch fordern Wissenschaftler*innen, die der Epidemiologe Klaus Stöhr um sich geschart hat, und haben dafür eine Arbeitsgruppe Covid-Strategie gebildet. Ihr gehören u.a. der Hamburger Virologe Jonas Schmidt-Chanasit an sowie der Freiburger Medizinstatistiker Gerd Antes (der lange Jahre die deutsche Cochrane Collaboration Arbeitsgruppe leitete), Dr. René Gottschalk vom Gesundheitsamt Frankfurt/Main sowie Matthias Schrappe und Hedwig François-Kettner von der Autor*innengruppe, die schon mehrere Thesenpapiere zur Corona-Pandemie verfasst hat. 

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Zur Ermutigung

Vergessen Sie das Leben nicht

 

Corona-Spezial März 2021 – Nach über einem Jahr mit Corona und den nicht mehr enden wollenden Hiobsbotschaften ist es schwer, sich positiv zu motivieren. Und doch gibt es gerade jetzt kaum etwas Sinnvolleres, als sich an dem zu orientieren, was gut ist in unserem Leben, was uns Freude macht, die Gesundheit stärkt und damit auch das Immunsystem. Auch dazu lässt sich einiges in den Medien finden.

Es gelte, „in sich selbst das Lebendige zu suchen“, sagt die Psychologin Verena Kast in einem Interview mit der ZEIT: Schritt für Schritt durch die Krise kommen und gleichzeitig auf etwas Gutes hoffen, das sei ein Trick, den ältere Menschen oft besser beherrschen als junge. Sie beschreibt, wie wir uns trotz aller Schwierigkeiten immer weiter zum Positiven verändern können.

Eine Ermutigung, auch negative Gefühle zuzulassen und sie nicht in sich hineinzufressen, veröffentlichte das ZEIT-Magazin: „Beschwert Euch!“ Denn viele trauen sich nicht, ihren Frust zuzulassen – anderen gehe es ja noch viel schlechter. „Dabei würde es allen helfen, ihre Gefühle rauszulassen“, meint die Autorin Carla Baum.

Der Neurobiologe Gerald Hüther spricht bei Gunnar Kaiser über Machbarkeitswahn und Kontrolldenken, das Unterdrücken von vitalen Bedürfnissen und fixen Ideen sowie den Einfluss der Angst auf unser Denken und Fühlen und darüber, dass Lieblosigkeit krank macht. Darüber hat er auch ein Buch mit dem Untertitel "Was unsere Selbstheilungskräfte stärkt und wie wir endlich gesünder und glücklicher werden" geschrieben (Verlag Herder, 176 Seiten, 18 Euro) Es ist eine Einladung zu einem liebevollen Umgang mit sich selbst, der nie angebrachter war als heute, weshalb Hüther die Initiative „liebevoll.jetzt“ gegründet hat.

Das SZ-Magazin über den Trauerredner Carl Achleitner, der mehr als 2.500 Beerdigungen begleitet und nun ein Buch darüber geschrieben hat, warum die Liebe für ein erfülltes Leben so wichtig und Geld so unwichtig ist: „Letztendlich geht es beim Abschiednehmen immer um die Frage: Wie war es mit der Liebe? Hat die verstorbene Person Liebe bekommen, und konnte sie Liebe weitergeben? Bleibt etwas von diesem Menschen übrig, was man als Spuren seiner Liebe bezeichnen könnte?“ Denn eines ist sicher: Wir alle müssen irgendwann gehen. Die Liebe bleibt. Und deshalb lohnt es sich, sich jeden Tag von Neuem zu fragen: Habe ich heute schon genug geliebt? Und es den Geliebten auch gesagt?

Wie wichtig dabei auch die Berührung ist, zeigt eine Themenwoche bei arte, wobei vor allem die Dokumentation „Die Macht der sanften Berührung“ über neue, erstaunliche Forschungsergebnisse berichtet (in der Mediathek bis 31. Mai 2021).

Die Liebe spielt gerade in der Kultur eine große Rolle – ist sie doch in all ihren Facetten und Schattierungen eines der zentralen Themen in Theater, Konzert, Tanz und Schauspiel. Und kaum ein Bereich unserer Gesellschaft hat unter den Corona-Maßnahmen so zu leiden wie die Kulturschaffenden. „Fällt die Kultur ins Haushaltsloch?“ fragt der Deutschlandfunk in einem Gespräch mit Klaus Hebborn, der beim Deutschen Städtetag für das Dezernat Bildung, Kultur, Sport und Gleichstellung zuständig ist. Die Frage ist nur zu berechtigt, denn der Umsatzverlust der Kreativwirtschaft beläuft sich allein für das Jahr 2020 auf 22,4 Milliarden Euro.

Holen wir uns also die Kultur ins Haus, wo wir nur können: zum Beispiel mit dem Tänzer und Choreographen Eric Gauthier, der aus der Not eine Tugend gemacht hat. Als er seiner Kompagnie „Gauthier Dance“ im Stuttgarter Theaterhaus wieder einmal sagen musste, dass es bis auf weiteres keine Auftritte geben wird, rutschte ihm die Bemerkung heraus: „Mein Gott, Ihr seht alle aus wie sterbende Schwäne!“ Und Gauthier wäre nicht Gauthier, wenn er daraus nicht umgehend ein Projekt machen würde: „The Dying Swans Project“: 16 Choreograph*innen kreieren je ein Tanzsolo für die 16 Mitglieder von „Gauthier Dance“ zu bei 16 Arrangeuren eigens beauftragter Musik, gefilmt von 16 Filmemachenden. Damit sind 64 Kulturschaffende aus allen Sparten mit einem kreativen Projekt beschäftigt, das auch unter Corona-Bedingungen erarbeitet werden kann. Einen Vorgeschmack hat der Süddeutsche Rundfunk in einem kurzen Filmbeitrag eingefangen. Die Video-Clips werden ab Anfang April auf dem YouTube-Kanal des Theaterhauses Stuttgart und auf dem Instagram-Kanal von Gauthier Dance eingestellt.

Ermutigend auch, wie die Grande Dame des Schweizer Kunsthandels und Stifterin eines der hochkarätigsten Museen der Schweiz, die 89jährige Luzerner Mäzenin Angela Rosengart, ihr Museum im Lockdown über die Runden bringt. Die Neue Zürcher Zeitung hat mit ihr über den Lockdown und ihre Freundschaft mit Pablo Picasso gesprochen.

Ein Orchester wie die Berliner Philharmoniker ist natürlich auch in Lockdown-Zeiten nicht tatenlos, und es ist ein Segen, dass es schon seit Jahren die „Digital Concert Hall“ gibt, wo eine Vielzahl von aktuellen und historischen Konzerten archiviert ist. Im Podcast Steingarts Morning Briefing spricht die Intendantin des Orchesters Andrea Zietzschmann über Öffnungskonzepte und die Sehnsucht nach dem Publikum (Minute 05:53 bis 19:07).

„Beendet den kulturellen Notstand“ appelliert der Historiker René Schlott im Deutschlandfunk an die Politik: „Kunst ist mehr als Unterhaltung.“ Und die Bühne immer noch die Bretter, die die Welt bedeuten und weniger die Bildschirme der digitalen Endgeräte.

Aber nicht nur die Kultur, auch die Klimakrise dürfen wir nicht aus den Augen verlieren. Die Ökonomin Maja Göpel erklärt in einem Podcast der ZEIT, was man vom Kampf gegen das Virus für den Kampf gegen die Klimakrise lernen kann.

Wie wir gerade angesichts von Covid-19 die Zukunft ins Auge fassen können, entwickelt Georg Soldner, Stellvertretender Leiter der Medizinischen Sektion am Goetheanum, im Gespräch mit Wolfgang Held: „Es kommt auf unsere Haltung an, unsere praktische Solidarität, unser sorgfältiges Hinhören, was der andere wahrnimmt, und unser Achten darauf, ob wir selbst als hilfreich wahrgenommen werden. Jede Gesellschaft, die mit dem Virus umgehen will, braucht Gesprächskreise, Bürgerforen, in denen sich die Stimmen der verschiedenen Generationen, der Zivilgesellschaft versammeln und ausführlich beraten, was zu tun ist. Daraus resultiert Vielfalt statt Einfalt.“

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Jahr 2 der Corona-Pandemie

Wir brauchen endlich eine mehrgleisige Strategie!

 

Neujahrslied
(Johann Peter Hebel)

Mit der Freude zieht der Schmerz
traulich durch die Zeiten.
Schwere Stürme, milde Weste,
bange Sorgen, frohe Feste
wandeln sich zur Seiten.
 
Und wo eine Träne fällt,
blüht auch eine Rose.
Schon gemischt, noch eh wir's bitten,
ist für Thronen und für Hütten
Schmerz und Lust im Lose.
 
War's nicht so im alten Jahr?
Wird's im neuen enden?
Sonnen wallen auf und nieder,
Wolken gehn und kommen wieder,
und kein Mensch wird's wenden.

Gebe denn, der über uns
wägt mit rechter Waage,
jedem Sinn für seine Freuden,
jedem Mut für seine Leiden
in die neuen Tage,
 
jedem auf des Lebens Pfad
einen Freund zur Seite,
ein zufriedenes Gemüte
und zu stiller Herzensgüte
Hoffnung ins Geleite!

aus: Johann Peter Hebel, Gesammelte Werke,
Wallstein Verlag. 69 Euro

Corona-Spezial Januar 2021 – Das Jahr 1 der globalen Corona-Pandemie liegt hinter uns, das Jahr 2 hat gerade begonnen. Und es erscheint angesichts der tiefgreifenden Veränderungen, die wir in unserem gesellschaftlichen, kulturellen, sozialen, beruflichen und privaten Leben erleben, nicht vermessen, die Zeitrechnung künftig in eine Vor-, eine Mittendrin- und eine Nach-Corona-Zeit einzuteilen. Grund genug also, um einen Blick zurück und ebenso nach vorne zu wagen.

Das Jahr 2020 hat das Leben für uns auf den Kopf gestellt. Waren wir je mit einer so unberechenbaren Situation konfrontiert? Im März wusste noch niemand, was uns mit SARS-CoV-2 ins Haus stehen würde. Seither ist viel Zeit vergangen, und wir wissen deutlich mehr über das Virus und seine Ausbreitung, seine Gefährlichkeit und seine Folgen. Summa summarum ist COVID-19 zwar keine Grippe, aber es ist auch nicht die Pest, wie Markus Söder auf dem CDU-Neujahrsempfang sagte.

Mit Lockdowns und auch mit Impfkampagnen allein lässt sich dieser Krise aber wohl nicht beikommen. „Das Virus in die Flasche zurückdrücken“, wie es die Virologin Melanie Brinkmann bei Anne Will am 10. Januar salopp formulierte, und somit die Infektionsraten auf Null zu reduzieren, das werden auch noch so viele Lockdowns und ebenso die Impfung auf absehbare Zeit nicht schaffen. Wir werden mit SARS-CoV-2 und seinen diversen Mutationen (die jüngst in Großbritannien, Südafrika und Japan entdeckten werden nicht die letzten sein) künftig leben müssen, so, wie wir auch mit anderen Krankheitserregern leben. Es geht darum, sie bestmöglich in Schach zu halten, und ebenso darum, diejenigen, die daran erkranken, bestmöglich zu behandeln. Das setzt ausreichend Kapazität in den Krankenhäusern und ebenso bei den Pflegenden voraus. Deshalb liegt darin eine der wichtigsten Stellschrauben für den Kampf gegen die Pandemie.

Eines der größten Probleme ist der Mangel an Pflegekräften und deren hoffnungslose Überlastung, vor allem auf den Intensivstationen. Das zeigt sich auch an einer Studie der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) in Hamburg, die zwischen 31. Oktober 2020 und 5. Januar 2021 1.000 Pflegende in Deutschland befragt hat, was sie in der aktuellen Phase der Pandemie besonders belastet. Die Ergebnisse wurden vorab für das Politikmagazin „Panorama“ des NDR ausgewertet. 88 Prozent der Befragten geben an, dass sie durch die Corona-Pandemie mehr Arbeit haben als sonst und die Pflegebedürftigen nicht mehr adäquat versorgen können. Bei den Intensivpflegenden sagen 75 Prozent, dass sie ihre Patient*innen nicht mehr so versorgen können, wie es sein sollte. 66 Prozent geben an, dass sie in einem emotionalen Dilemma stecken zwischen ihrer beruflichen Aufgabe und ihrer Angst, sich selbst anzustecken (von den anderen Pflegenden benennen 70 Prozent diesen Konflikt).

Viele Pflegende ärgert sehr, dass ihre Hilferufe „weder vor der Pandemie noch während oder zwischen den zwei Wellen gehört wurden“. Zudem, so sagen sie, hätten viele Kollegen gekündigt, „weil sie die Situation nicht mehr ertragen“. Das spiegelt sich auch in den Zahlen wider: 17 Prozent der Befragten haben keine Motivation mehr für ihren Job. Das ist jede sechste Pflegekraft. Diese 17 Prozent sind laut Studienleiterin stark gefährdet, komplett aus dem Beruf auszusteigen. Was muss noch passieren, damit die Politik endlich aufwacht und die Pflege als Beruf sowohl sozial als auch finanziell endlich aufwertet?

Was wir brauchen, ist eine mehrgleisige Strategie, wie wir es in unserem Corona-Manifest im Sommer 2020 formuliert haben (das Sie weiterhin unterzeichnen können), eine Strategie, die sich den brennenden Problemen unserer Zeit widmet.

Der bekannte Mediziner und Qualitätsexperte Matthias Schrappe, der zusammen mit sechs weiteren Expert*innen das nunmehr siebte Thesenpapier vorgelegt hat (siehe dazu auch den Abschnitt „Fraglich wirksam“) schlägt mit seinen Mitautor*innen eine plausible Strategie vor: Die Impfung bzw. Impfkampagne sollte „gemeinsam mit nicht-pharmakologischen Präventionsmaßnahmen zunächst spezifischer (zielgruppenorientierter), später allgemeiner Natur“ erfolgen. COVID-19 sei keine Erkrankung, die man ausrotten könne. Wir als Gesellschaft müssten letztlich „lernen, mit dem Virus zu leben“. Um dies aber verantwortlich bewerkstelligen zu können, müssten differenziert unterschiedliche Instrumente „in zeitlicher und zielgruppenbezogener Staffelung“ zum Tragen kommen: „Bei Verfügbarkeit mehrerer Impfstoffe würde auch die Auswahl der Präparate differenziert vorgenommen. Die nicht-pharmakologische Prävention speziell in ihrer spezifischen Ausprägung behielte ihre große Bedeutung bei, wäre jedoch bei ausreichender Impfung der jeweils aktuellen vulnerablen Gruppen sofort auf die nächste Risikogruppe auszudehnen“.

Wie wichtig es wäre, einen breit aufgestellten gesellschaftlichen Diskurs zu führen, zeigt auch ein sehr umfangreicher (lang, aber lohnend zu lesen!) Beitrag des Soziologie-Professors Wolfgang Streeck (nicht verwandt mit dem Virologen) in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (Bezahlschranke).

GESUNDHEIT AKTIV wird sich nach Kräften weiterhin daran beteiligen, eine solche mehrgleisige Strategie einzufordern und konstruktive Ideen dafür zu entwickeln. Schreiben Sie uns gern Ihre Ideen und Vorschläge dafür per E-Mail – wir greifen das dann in unserem Newsletter und ggf. auch in der nächsten Ausgabe von GESUNDHEIT AKTIV – DAS MAGAZIN auf.

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Ziemlich verstolpert

Die Impfkampagne – was bringt sie wirklich? 

 

Corona-Spezial Februar 2021 – Es ist schon recht offensichtlich, dass Jens Spahn die Impfkampagne gegen Corona ziemlich verstolpert hat. Riesige Impfzentren errichten, aber nicht für genügend Impfstoff sorgen, die Verantwortung immer wieder auf andere schieben, Nebenwirkungen herunterspielen, auffällig gehäufte Todesfälle nach Impfungen in Alten- und Pflegeheimen nicht zügig aufklären und keine engmaschige wissenschaftliche Begleitung der Impfungen etablieren – wie soll die Bevölkerung da Vertrauen entwickeln?

Immer noch ist vieles unklar im Hinblick auf Wirkung und Wirksamkeit des bisher vorwiegend eingesetzten m-RNA-Impfstoffs von Biontech/Pfizer und Moderna. Man weiß nicht, ob die Geimpften andere anstecken können, wie lange sie selbst vor einer Ansteckung geschützt sind oder ggf. einen milderen Krankheitsverlauf haben. Was man bisher über alle in der Entwicklung befindlichen Impfstoffe weiß, hat der Kinderarzt Dr. Steffen Rabe in seinem Blog als Überblick zusammengefasst.

Zu den Nebenwirkungen erstellt das Paul-Ehrlich-Institut regelmäßig einen „Sicherheitsbericht“. Der neueste fasst die Erkenntnisse bis zum 31. Januar zusammen. Aus Norwegen kamen alarmierende Meldungen über schwere Nebenwirkungen gerade bei alten und kranken Menschen, wie die Berliner Zeitung berichtet. Die Schweiz hat den AstraZeneca-Impfstoff gar nicht erst zugelassen, sie will abwarten, bis weitere Daten vorliegen, wie die Neue Zürcher Zeitung berichtet. Die europäische Zulassungsbehörde EMA dagegen gab grünes Licht, und zwar für alle Erwachsenen, obwohl es für Personen über 55 Jahre keine aussagekräftigen Studien gibt. Man erwarte eine ausreichende Wirkung, ließ die Zulassungsbehörde mitteilen. „Ein fragwürdiger Entscheid“, kommentierte die Neue Zürcher Zeitung. Denn Vertrauen schafft das natürlich nicht gerade, ebensowenig die Zahlenspielereien bei der Interpretation der Studienergebnisse. Folgerichtig riet die Ständige Impfkommission deshalb von einem Einsatz bei Personen über 65 Jahre ab.

Aufgrund der Mutationen will Spahn die Impfverordnung bereits wieder ändern, berichtet die WELT, denn, so RKI-Chef Wieler: „SARS-CoV-2 ist gefährlicher geworden, die Varianten haben dem Virus einen Boost gegeben. Es gibt erste Hinweise, dass B.1.17 (die britische Variante, d. Red.) vermehrt auch zu schweren Krankheitsverläufen führt.“ Spahn möchte aufgrund der inzwischen erfolgten Zulassung des AstraZeneca-Impfstoffs zügig auch Personen von 18 bis 64 Jahren damit impfen lassen.

Aber: „Je mehr wir impfen, desto mehr Varianten werden auftreten“, so Wieler bei einer der Pressekonferenzen Ende Januar. Und so beißt sich die Katze in den Schwanz, denn es ist völlig unklar, ob die jetzt eingesetzten Impfstoffe auch gegen die zu erwartenden vielen verschiedenen Mutationen des Virus wirken werden – es gehört nun mal zu den prägenden Eigenschaften gerade der Corona-Viren, sich ständig zu verändern. Die „Financial Times“ berichtete am 2. Februar, dass Antikörper, die aus dem Blut von Personen extrahiert wurden, die den Biontech/Pfizer-Impfstoff erhalten hatten, gegen die britische Mutation nur eine Effektivität von 10 Prozent hatten.

Dass die Impfung nicht gegen die neueren Mutationen schützt, scheint auch ein erneuter Corona-Ausbruch in einem Alten- und Pflegeheim in Belm im Landkreis Osnabrück zu bestätigen, wie die WELT berichtet. Dort ist bei 14 Senior*innen die britische Variante nachgewiesen worden, obwohl alle Bewohner*innen am 25. Januar zum zweiten Mal geimpft worden sind. Aufgefallen sei die neuerliche Infektion bei den täglichen Schnelltests der Mitarbeiter*innen.

Eines scheint jedoch sicher zu sein: Vergünstigungen für Geimpfte wird es auf absehbare Zeit nicht geben. In diesem Sinne hat sich der Deutsche Ethikrat in seiner Ad-hoc-Empfehlung, die er am 4. Februar vorstellte, geäußert. „Die Wirksamkeit einer Impfung bedeutet, dass der Geimpfte selbst nicht schwer an COVID-19 erkranken kann. In welchem Maße er noch andere mit dem SARS-CoV-2 Virus anstecken kann, wissen wir noch nicht“, erklärte Alena Buyx, Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, bei der Pressekonferenz. Sonderrechte könne es nur geben, wenn gesichert wäre, dass Geimpfte das Virus nicht weiter verteilen würden – was aber nicht der Fall sei: „Eine vollständige Unterdrückung der Ansteckungsgefahr durch Impfstoffe ist nicht gegeben.“ Sigrid Graumann, Sprecherin der AG Pandemie des Ethikrats ergänzte: „Das Virus wird auch mit der Impfung nicht verschwinden, Infektionen wird es trotzdem weiterhin geben. Das sollte klar kommuniziert werden. Besondere Regelungen für Geimpfte machen keinen Sinn und wären auch ungerecht, weil noch nicht alle Menschen ein Impfangebot erhalten können“, erklärte auch Sigrid. „Wir brauchen eine vorsichtige Rücknahme der Kontaktbeschränkungen für alle, keine Sonderrechte für Geimpfte.“

Die Stellungnahme hat in den Medien kritische Kommentare provoziert. „Wer drankommt, sollte mehr dürfen“, meint z. B. Stefan Ulrich in der Süddeutschen Zeitung. Wer als Geimpfter das Gesundheitssystem nicht mehr belaste und andere deutlich weniger gefährde, könne verlangen, seine Rechte zumindest in Teilen zurückzuerlangen. Dazu seien Impfpässe nötig und das könne auch Impfskeptiker beeinflussen. Beides sei „im Interesse der Freiheitsrechte“ hinzunehmen. Das Diskriminierungsverbot greife hier nicht. Es erlaube Ungleichbehandlung, wenn ein sachlicher Grund bestehe. Ein Impfschutz könne ein solcher sein. Auch der Gegenwartsphilosoph Markus Gabriel forderte in einem Interview in der WELT (Bezahlschranke): „Geimpfte müssen unverzüglich ihre Grundrechte zurückerhalten.“ Das sei eine „moralische Pflicht“ und „ein Akt der Solidarität“.

Um eine Orientierungshilfe zur Impfung und den verschiedenen Impfstoffen zu geben, haben wir Dr. Steffen Rabe und den Virologen und Epidemiologen Klaus Stöhr zu einem Live-Talk am 25. Februar eingeladen. Seien Sie mit dabei!

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Zum Sehen, Hören, Lesen

Kultur für Herz, Geist und Sinne

Auch wenn die ersten wärmenden Sonnenstrahlen vermehrt nach draußen locken, so ist der Winter doch noch nicht vorbei und bietet noch Anlass genug, sich abends mit einem guten Buch oder Film vom Corona-Stress abzulenken. Hier sind einige Tipps dafür.

ZUM ANSCHAUEN

WOMAN – FRAUEN DER WELT
Am 8. März war Internationaler Frauentag – einen berührenden Einblick, wie sich die Lage der Frauen heute weltweit darstellt, biete dieser Film. Er verleiht 2000 Frauen aus fünfzig Ländern eine Stimme und macht Mut, nicht nur Rechte einzufordern und Ungleichheit anzuprangern, sondern vor allem Frauen endlich nicht mehr als das „schwächere Geschlecht“ zu betrachten. „WOMAN“ zeigt, was es in unserer Welt heute bedeutet, eine Frau zu sein. Corona-bedingt konnte der Film bisher nicht im Kino gezeigt werden, aber sobald es möglich ist, wird das geschehen. Bis dahin kann er online ausgeliehen oder gekauft werden.


ZUM ANHÖREN

„AUS GEISTESTIEFEN LEUCHTEND“ – RUDOLF STEINER IN MÜNCHEN
Anlässlich des 160. Geburtstags von Rudolf Steiner am 27. Februar hat der Bayrische Rundfunk einen knapp einstündigen Radiobeitrag online gestellt, der das Wirken vom Rudolf Steiner in München Anfang des 20. Jahrhunderts spiegelt. Ein spannender Einblick in das Leben des Begründers der Anthroposophie und ein wunderbares Beispiel dafür, wie guter Radio-Journalismus geht.


ZUM LESEN

ALLES, WAS MAN ÜBER DAS IMPFEN WISSEN SOLLTE
Einer der kritischsten Wissenschaftler unserer Zeit, Begründer und langjährige Leiter des skandinavischen Cochrane-Zentrums, der Däne Peter Gøtzsche, hat ein Buch über Für und Wider des Impfens geschrieben. Mit dem bezeichnenden Untertitel: „Die Wahrheit über unsere Impfstoffe und ihre Zulassung.“ Er greift sich vor allem die Impfungen gegen Masern, Influenza, HPV (humanes Papillomavirus), japanische Enzephalitis sowie die Impfprogramme für Kinder heraus. Speziell bei HPV kennt Gøtzsche sich gut aus – er wurde wegen seiner kritischen Stellungnahme aus dem Amt gemobbt. Schonungslos zeigt er auf, wie groß die Interessenkonflikte sind, gerade bei Organisationen, die Impfungen empfehlen. Natürlich alles peinlich genau mit Quellen belegt.

Ein ganzes Kapitel hat Gøtzsche Corona gewidmet. Auf 60 Seiten stellt er die Dimension der Pandemie und auch die Tests und Impfstoffe so dar, wie man es selten liest: sachlich, nüchtern und mit dem Finger voll in den Wunden. So widmet sich ein ganzer Abschnitt in diesem Kapitel dem Thema „Habgier – Korruption – und unethische und rechtswidrige Vorgehensweisen“.

An keiner Stelle spricht Gøtzsche sich pauschal gegen Impfungen aus. Im Gegenteil. Wohl aber verlangt er, „dass Fragen zu Impfstoffen offen und ohne Einschüchterungsversuche diskutiert werden können. (...) Jeder, der eine Führungsposition im Gesundheitswesen bekleidet, weiß, was von ihm erwartet wird, wenn er bei den Politikern beliebt sein will. Man macht sich nicht beliebt, wenn man kritische Fragen zu Impfstoffen aufwirft.“
Peter C. Gøtzsche: Impfen. Für und Wider. Die Wahrheit über unsere Impfstoffe und ihre Zulassung. Riva Verlag, München, 336 Seiten, 19,99 Euro


EIN FAKTENREICHER ÜBERBLICK
Die Darstellung der Pandemie in den Medien wird sicher noch Gegenstand von Master- und Doktorarbeiten sein. Einen kleinen Beitrag dazu hat jetzt Walter von Rossum mit diesem Buch geleistet. Es fächert detailgenau auf, wie sich die Berichterstattung vor allem im Netz und im Podcast von Christian Drosten entwickelt hat. Auch wenn manches darin ein bisschen überzogen erscheint, so regt dieser Überblick doch noch einmal an, über so manches genauer nachzudenken.
Walter van Rossum: Meine Pandemie mit Professor Drosten. Vom Tod der Aufklärung unter Laborbedingungen, rubikon Verlag, 264 Seiten, 20 Euro 


IN NEUEM LICHT
Sophie Scholl ist kein Name, den man lange erklären muss. Und doch gibt es jetzt zwei Bücher, die nach der schon 2010 erschienenen Biographie von Barbara Beuys ein neues Licht auf das Leben dieser mutigen jungen Frau werfen. Der evangelische Theologe und Historiker der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“, Robert M. Zoske, hat jetzt auf der Basis von bislang noch unveröffentlichtem Quellenmaterial das „Portrait einer Widerständigen“ geschrieben und ein Bild der jungen Frau gezeichnet, das weniger heldinnenhaft als menschlich ist und sie uns dadurch umso näherbringt.

Auch der Theologe und Philosoph Werner Milstein hat sich jetzt anlässlich des 100. Geburtstags der Widerstandskämpferin am 9. Mai 2021 in das Leben von Sophie Scholl vertieft. Ähnlich wie Zoske beschäftigte auch ihn die Frage, wer die junge Frau hinter dem Mythos ist, wie sie ihr kurzes Leben verbrachte und wie sie zur „Weißen Rose“ kam.

Heute mehr denn je ist die Biographie Sophie Scholls dazu angetan, jungen Menschen ein Vorbild zu sein, wie man sich selbst treu bleiben kann.
Robert M. Zoske: Sophie Scholl: Es reut mich nichts. Portrait einer Widerständigen. Propyläen-Verlag, 448 Seiten, 24 Euro
Werner Milstein: Einer muss doch anfangen. Das Leben der Sophie Scholl. Gütersloher Verlagshaus, 208 Seiten, 15 Euro (erhältlich ab 22. März)


NEUE STÄRKEN ERKENNEN
Zu scheitern gilt nicht unbedingt als anstrebenswert, und doch sind es gerade die Fehler, aus denen wir am meisten lernen. In Japan hat man schon seit Urzeiten eine Kunst daraus gemacht, Krisen als Chance zu begreifen, mehr noch: als Geschenk des Lebens. Sinnbild dafür ist, dass Macken an einem Geschirr zum Beispiel nicht kaschiert, sondern betont werden – allerdings häufig dann eben künstlerisch gestaltet: mit einem Goldrand, einer Farbe, womit der Gegenstand zu neuer Schönheit erblüht. „Kintsugi“ heißt diese Kunst, zu reparieren, was zerbrochen ist und damit neue Kunstwerke zu schaffen, die noch kostbarer sind als die ursprünglichen Gegenstände.

In Zeiten wie diesen erscheint ein Buch über diese Kunst umso wichtiger. Es vermittelt uns, dass auch schwierige Zeiten neue Stärken vermitteln können und dass aus Niederlagen Erfolge erwachsen können.
Andrea Löhndorf: Kintsugi. Die Kunst, schwierige Zeiten in Gold zu verwandeln. Scorpio Verlag, 152 Seiten, 16 Euro


BERÜHRENDE GESPRÄCHE
Dass unser aller Leben endlich ist und der Tod zum Leben gehört, ist eine der Lehren, auf die uns die Corona-Krise mit Macht hinweist. Alte Leute setzen sich naturgemäß mehr mit den damit verbundenen Fragen auseinander und schauen auf ihr Leben zurück. Die erst 31-jährige Mena Kost und die Fotografin Annette Boutellier haben dazu 15 alte Menschen aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten befragt, von der Hebamme und der Bergbäuerin bis zum Architekten und Nobelpreisträger, und daraus ein wunderbares Buch gemacht.
Mena Kost, Annette Boutellier: Ausleben. Gedanken an den Tod verschiebt man gern auf später. Christoph Merian Verlag, 196 Seiten, 28 Euro


SELBST GEBACKEN SCHMECKT BESSER
In Lockdown-Zeiten sind viele Familien dazu übergegangen, ihr Brot selbst zu backen. Auch ist das Bewusstsein darüber gestiegen, dass Backtriebmittel aus der Retorte den Geschmack eines Brotes nicht unbedingt verbessern. Ganz davon abgesehen, dass die hochgezüchteten Getreidesorten oft für Unverträglichkeitsreaktionen bis hin zur Zöliakie verantwortlich sind. Höchste Zeit für gute Brotbackbücher also, die auch Ungeübten beibringen, wie leicht sich ein lecker-luftiges Brot aus Mehl, Wasser und Hefe oder – noch besser – Sauerteig backen lässt. Zwei davon haben sich als besonders geeignet herausgestellt:

Mit Brot im Topf – einfach backen mit Sauerteig (Dorling Kindersley Verlag, 160 Seiten, 16,95 Euro) zeigt Ilona Chocancova, dass ein knuspriges Sauerteigbrot aus dem eigenen Herd kein Hexenwerk ist, noch weniger, weil es sich in einem normalen Kochtopf backen lässt. Die gut fotografierten Schritt-für-Schritt-Anleitungen sorgen dafür, dass nichts schiefgeht.

Genauso anschaulich das schön aufgemachte Buch der jungen Food-Bloggerin Judith Erdin: Dein bestes Brot. Backen wie ein Profi (at Verlag, 192 Seiten, 29,90 Euro). Vom Dinkel-Frühstücksbrötchen bis zum Sonntagszopf, Baguette und Grissini ist darin alles narrensicher rezeptiert. Wetten, dass Sie danach nie wieder ein Brot beim Discounter kaufen?!


DIE NATUR NEU ENTDECKEN
Johanna Romberg war über 30 Jahre lang Redakteurin und Autorin bei GEO und stach schon in dieser Zeit mit ihren geschliffen formulierten, sorgfältig recherchierten Reportagen heraus. Ihr Liebe galt schon immer den Vögeln und der unberührten Natur. Nach „Federnlesen“ hat sie jetzt ihr zweites Buch vorgelegt, und es ist ihr fast noch besser gelungen. In neun Kapiteln und acht Kurzausflügen führt sie ihre Leser*innen an einen neuen Blick auf die Natur und ihre noch heilen Refugien heran – in die Eifel zu den Uhus, in die südliche Heide zu den Flussperlmuscheln, in Moore und zu Schmetterlingen, in Wattenmeer und zu den Bibern und natürlich zu dem Braunen Bär, dem Nachtfalter, der dem Buch zu seinem großartigen Titel verholfen hat. Es ist eine wunderbare Ermutigung, sich gerade in diesen Zeiten von der Natur zum Staunen verleiten zu lassen und alles dafür zu tun, sie in ihrer Ursprünglichkeit und Vielfalt zu bewahren.
Johanna Romberg: Der Braune Bär fliegt erst nach Mitternacht. Unsere Naturschätze. Wie wir sie wiederentdecken und retten können. Quadriga Verlag, 288 Seiten, 28 Euro

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Fraglich wirksam

Der zweite Lockdown

 

Corona-Spezial Januar 2021 – Gleich zu Jahresbeginn verlängerte die Regierung den schon im November und Dezember verhängten Lockdown, und wir wissen noch nicht, wie lange er anhalten wird. Wir wissen auch nicht, ob die Maßnahmen überhaupt Erfolg haben werden – Zweifel daran sind durchaus berechtigt. Schon der im November beschlossene Lockdown „Light“ und ebenso seine Verlängerungen und Intensivierungen standen, was die Evidenz betrifft, auf tönernen Füßen. Die Regierung folgte dabei im Dezember im Wesentlichen einer Empfehlung der 7. Ad-hoc-Stellungnahme von 34 Wissenschaftlern der Leopoldina, die auf knappen viereinhalb Seiten gerade mal zwei Verweise auf wissenschaftliche Studien enthält.

In einer brillanten Analyse nahm der Regensburger Professor für Psychologie Christof Kuhbandner schon am 18. Dezember 2020 die Aussagen in diesem Ad-hoc-Papier auseinander. Sein Fazit: Es gebe „keine belastbare wissenschaftliche Evidenz, welche die Wirksamkeit von Lockdowns nachweisen würde“. Im Gegenteil: Studien würden sogar eher auf die Unwirksamkeit von Lockdowns hinweisen. Auch die vielfach zitierten epidemiologischen Modellierungsstudien würden oft versagen und ihre Fehler mit COVID-19 „immer deutlicher“. Es sei überraschend, so Kuhbandner, „dass epidemiologische Modellierungsstudien angesichts ihrer zweifelhaften Erfolgsbilanz unter Entscheidungsträgern nach wie vor eine hohe Glaubwürdigkeit besitzen. (...) Vorhersagen können in ‚idealen‘, isolierten Gemeinschaften mit homogenen Populationen funktionieren, nicht aber in der komplexen gegenwärtigen globalen Welt.“

In einem zweiten Teil befasst sich Kuhbandner mit den „ignorierten Kollateralschäden von Lockdowns“ – verzögerten Behandlungen anderer Krankheiten (Herzinfarkte, Schlaganfälle, Krebserkrankungen), soziale Isolation, zunehmende familiäre Gewalt und Misshandlungen, eingeschränkte Schulbildung, steigender Alkoholkonsum, Zunahme der Suchterkrankungen, Bewegungsmangel – und kommt zu dem Schluss: „Dass in einer Empfehlung einer großen wissenschaftlichen Fachgesellschaft (gemeint ist die Ad-hoc-Stellungnahme der Leopoldina, Anm. d. Red.) zum Ergreifen von Maßnahmen die Kollateralschäden mit keiner Silbe erwähnt werden, ist dementsprechend als skandalös zu bewerten.“

Und in einem dritten Teil „Von fragwürdigen und fehlinterpretierten Corona-Zahlen“ befasst sich Kuhbandner mit den Ängsten, die durch immer neue Schreckensszenarien geschürt werden („Rein rechnerisch stirbt etwa alle 1,5 Minuten ein Corona-positiver Mensch“, „Es ist fünf nach zwölf“, „Wir stehen vor einem medizinischen Notstand“ – Rainald Becker in den Tagesthemen, 16.12.2020) und ebenfalls als Begründung herhalten mussten, um den Lockdown zu verlängern und zu verschärfen. Er fragt: „Ist eine Angst in dieser Größenordnung, wie sie von der Regierung, vielen Medien und manchen Wissenschaftlern vermittelt wird, überhaupt der aktuellen Sachlage angemessen? Oder müssen wir vielleicht gar nicht solche extremen Ängste haben?“ Kuhbander analysiert die Zahl der Neuinfektionen ebenso wie die der COVID-19 zugeschriebenen Todesfälle. Wie fragwürdig vor allem die Todesfall-Statistiken sind, zeigt sich schon an der Tatsache, dass das RKI alle Verstorbenen als COVID-19-Tote rechnet, die einen positiven PCR-Test aufweisen, auch wenn dieser schon länger zurücklag oder erst im Rahmen einer Leichenschau vorgenommen wurde. Zudem lässt sich, so Kuhbandner, weiterhin keine Übersterblichkeit feststellen. Sein Fazit: „Anders als von vielen Medien, in Regierungserklärungen und von manchen Wissenschaftlern der Anschein erweckt wird, gibt es keinen Grund, außergewöhnliche Ängste zu haben und bisher nie dagewesene Maßnahmen zu ergreifen.“

Auch seitens anderer Wissenschaftler regte sich Widerspruch zu der Stellungnahme der Leopoldina. So nahm Prof. Dr. Michael Esfeld vom Lehrstuhl Wissenschaftsphilosophie der Universität Lausanne und seit 2010 Mitglied der Leopoldina, das Ad-hoc-Papier „mit Bestürzung zur Kenntnis“, wie es aus seinem öffentlich zugänglichen Protestschreiben hervorgeht. Es verletze „die Prinzipien wissenschaftlicher und ethischer Redlichkeit, auf denen eine Akademie wie die Leopoldina“ basiere: „Es gibt in Bezug auf den Umgang mit der Ausbreitung des Coronavirus keine  wissenschaftlichen  Erkenntnisse,  die bestimmte politische Handlungsempfehlungen wie die eines Lockdowns rechtfertigen.“ Schon im engen Kreis der Virologen und Epidemiologen sei die Strategie zum Umgang mit der Ausbreitung des Coronavirus umstritten, noch mehr im weiteren wissenschaftlichen Umfeld. Ethisch gebe es „genügend Gründe, grundlegende Freiheitsrechte und die Würde des Menschen auch in der gegenwärtigen Situation für unantastbar zu halten“. Zur Würde des Menschen gehöre „insbesondere die Freiheit, selbst entscheiden zu dürfen, was die jeweilige Person als ein für sie würdiges Leben erachtet und welche Risiken sie für diesen Lebensinhalt einzugehen bereit ist in der Gestaltung ihrer sozialen Kontakte.“ Die Leopoldina sollte „in einer solchen Situation wissenschaftlicher und ethischer Kontroverse ihre Autorität nicht dazu verwenden, einseitige Stellungnahmen zu verfassen, die vorgeben, eine bestimmte politische Position wissenschaftlich zu untermauern“. Esfeld bittet deshalb darum, diese Stellungnahme der Leopoldina umgehend zurückzuziehen.

Der Tübinger Geologie-Professor Thomas Aigner, ebenfalls Mitglied der Leopoldina und darüber hinaus der Mainzer Akademie der Wissenschaften, adressierte einen Offenen Brief an seine Kolleg*innen, er habe die Ad-hoc-Stellungnahme „mit größtem Erstaunen, mit tiefster Sorge, ja Fassungslosigkeit zur Kenntnis genommen. Nach meiner Auffassung ist dieses Papier einer ehrlichen, kritisch-abwägenden, am Dienst und am Wohle des Menschen orientierten Wissenschaft nicht würdig.“ In seinem Schreiben kritisiert Aigner auch, dass die von einer Gruppe von 22 international ausgewiesenen Expert*innen vorgebrachten Zweifel und Kritikpunkte am PCR-Test von Christian Drosten, der „die Basis der Rechtfertigung zur Ausrufung einer ‚Pandemie‘ darstellt“, weder die Leopoldina noch andere Akademien bisher nicht dazu veranlasst haben, den Vorwürfen nachzugehen und die offenen Fragen wissenschaftlich sauber zu klären. Aigner wirft seinen Kolleg*innen auch vor, dass sie die Kritik anderer Wissenschaftler am Lockdown ignorieren und schreibt: „Ich hatte gehofft, dass gerade die Akademie der Wissenschaften und Literatur in Mainz als wichtige Schwester-Organisation der Nationalen Akademie der Wissenschaften sich kritisch zu der Leopoldina-Stellungnahme äußert. Dies ist bislang bedauerlicherweise nicht geschehen. Sind die Akademien nicht die Hüter der reinen Wissenschaft und auch der Freiheit der Wissenschaften?“ Als Ausdruck seines persönlichen Protests trat Aigner aus der Mainzer Akademie der Wissenschaften aus: „Ich kann es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, ein Teil dieser Art von Wissenschaft zu sein. Ich möchte einer Wissenschaft dienen, die einer Fakten-basierten Aufrichtigkeit, einer ausgewogenen Transparenz, und einer umfassenden Menschlichkeit verpflichtet ist.“

Starke Worte. Leider blieben auch sie in der medialen Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet. Es gibt kaum eine Quelle, in der man von den Stellungnahmen Esfelds und Aigners liest oder hört – kein einziges der sogenannten „deutschen Leitmedien“ berichtete darüber.

Zum Lockdown selbst regt sich inzwischen jedoch in manchen Medien durchaus Widerspruch, und die kritischen Anmerkungen nehmen zu. Unter der Überschrift „Das Leopoldina-Desaster“ schreibt am 11. Dezember Jörg Phil Friedrich in der WELT (Bezahlschranke), dem Dokument mangele es an Schwerkraft der Argumente, es handele sich lediglich um „ein Sammelsurium von sorgenvollen Aussagen“: „Der wissenschaftliche Gehalt ist so gering, dass wohl jede aufmerksame Zeitungsleserin, jeder „Tagesschau“-Zuschauer und jede internetaffine Gymnasiallehrerin den Text hätte verfassen können. (...) Wenn Wissenschaft derzeit meint, in Ad-hoc-Stellungnahmen der Gesellschaft Vorschriften machen zu können, ohne wenigstens andeutungsweise zu zeigen, wie sie ihre ‚letzten Warnungen‘ begründen und hinsichtlich der Wirksamkeit belegen kann, verrät sie ihren eigenen Anspruch an wissenschaftliches Arbeiten. (...) Da ‚die Wissenschaft‘ nicht einfach sagen kann: ‚Wir haben eigentlich keine Ahnung, was hier wirklich passiert, wir können nicht erklären, warum in Sachsen die Infektionszahlen steigen und in Rheinland-Pfalz nicht‘, müssen die Bürger selbst zu Schuldigen erklärt werden. Der Schaden, den die Funktionäre der Wissenschaft damit anrichten, ihre eigene Unwissenheit in der Zeit der Pandemie nicht offen einzugestehen, ist unermesslich – gerade mit Ausblick auf die weiteren großen Herausforderungen, vor denen die Gesellschaft steht.“

In einem Video für die Süddeutsche Zeitung (Bezahlschranke) attestiert der frühere Chefredakteur und heutige Kolumnist Heribert Prantl der Regierung „Brutale Phantasielosigkeit“. Bei den Anti-Corona-Maßnahmen sei immer nur von Verboten und noch mehr Verboten die Rede. Das genüge nicht: „Die Menschen brauchen auch Hoffnung.“ Harsche Worte findet Prantl auch im Podcast des Journalisten Gabor Steingart „Steingarts Morning Briefing“: „Wenn jetzt Markus Söder davon spricht, dass Corona so schlimm sei wie die Pest – solche Worte sollte man ihm in den Mund zurückstopfen. Die machen den Leuten noch mehr Angst, als sie ohnehin schon haben.“ Die Corona-Politik der Bundesregierung sei „für viele Menschen und Betriebe existenzgefährdend. (...) Es geht nicht darum, dass man Grundrechte dem Virus wie einer archaischen Gottheit opfert, die man durch symbolhafte Opfergaben und Verzichtsgehorsam befriedigen muss.“

Auch Andreas Gassen, Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, meint in einem Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland: „Ein Lockdown ist keine langfristige Strategie, um die Zahl der Todesfälle deutlich zu senken.“ Gassen fordert stattdessen „mehr Anstrengungen, um die Risikogruppen zu schützen“. Wer die politischen Entscheidungen kritisiere, auf den werde „gleich verbal eingeprügelt – offenbar auch deshalb, weil die Befürworter selbst wissen, dass das alles nicht der Weisheit letzter Schluss ist“. So dürfe es nicht weitergehen.

Zu denjenigen, die noch nie sonderlich viel von Lockdowns gehalten haben, gehört die Arbeitsgruppe um den Kölner Medizinprofessor Matthias Schrappe (viele Jahre lang Mitglied im Sachverständigenrat des Bundesgesundheitsministeriums und im Vorstand des Deutschen Netzwerks Versorgungsforschung, von 2009 bis 2011 leitete er das Institut für Patientensicherheit der Universität Bonn). Am 10. Januar hat diese Arbeitsgruppe das siebte Thesenpapier veröffentlicht und weist akribisch nach, dass gerade diejenigen, die am meisten gefährdet sind, an COVID-19 zu erkranken – die Alten und Hochbetagten, durch die Lockdown-Maßnahmen keineswegs geschützt wurden. Im Gegenteil, die Sterberate ist ausgerechnet bei ihnen unverändert hoch. Speziell für die vulnerablen Gruppen sei die Lockdown-Politik wirkungslos. „Es ist paradox“, zitiert die WELT Matthias Schrappe. „Hier wird eine mit hohen gesellschaftlichen Kosten verbundene Lockdown-Politik durchgesetzt, ohne andere Optionen in Betracht zu ziehen oder über einen Strategiewechsel überhaupt nur nachzudenken.“ Schrappe und sein Team fordern – und dies jetzt zum wiederholten Male – gezielte Schutzkonzepte für die Risikogruppen, ohne die alleinlebenden Senior*innen und Bewohner*innen von Alten- und Pflegeheimen abzuschotten. Sinnvoller seien vermehrtes Testen, speziell geschultes Personal und eine direkte Ansprache.

Immer nur auf die Inzidenz und die magische Zahl nicht mehr als 50 Fälle pro 100.000 Einwohner zu starren – und das in den Wintermonaten –, sei, so berichtet auch DocCheck, absurd, weil der Wert erheblich von der Intensität des Testens abhängt und eben nicht nur von der Infektionslage und zitiert aus dem Thesenpapier: „Als je unrealistischer sich dabei die Erreichung des Inzidenzziels erweist, desto klarer zeigt sich, wie sich die Politik in ihrer eigenen Grenzwertlogik verfangen hat, weil sie nun nur noch unter Aufgabe ihres zentralen Handlungsindikators (...) aus dem Szenario eines bis weit in den Frühling verlängerten Lockdowns herausgelangen kann.“

Wie berechtigt diese Befürchtung ist, zeigt ein Interview von Wirtschaftsminister Peter Altmaier mit ZEIT Online (Bezahlschranke). Altmeier sagt darin ganz unverhohlen, dass der Lockdown noch länger andauern wird, womöglich sogar bis Ostern, das dieses Jahr in der ersten Aprilwoche liegt. Einen Maskenschutz hält er sogar ganzjährig für erforderlich, weil unklar sei, wann von den Geimpften keine Infektionsgefahr mehr ausgehe: „Wir wissen nicht, wer von den Geimpften infektiös ist und wer nicht.“

Und wieder einmal betätigt sich Markus Söder als der größte aller Unkenrufer: Einen „Normalzustand wie vor Corona wird es auf absehbare Zeit nicht geben“, sagte er in einem Interview mit der WELT am Sonntag (Bezahlschranke) und malt die Gefahr eines „Corona-Terrorismus“ an die Wand: „Wir müssen auch in Deutschland nicht nur die Sicherheitsmaßnahmen für die demokratischen Institutionen verbessern (Söder bezieht sich damit auf den Sturm auf das Kapitol in Washington an, d. Red.), sondern grundlegend die sektenähnliche Bewegung der ‚Querdenker‘ und anderer vergleichbarer Gruppierungen in den Blick nehmen. Der Verfassungsschutz hat dabei eine zentrale Aufgabe. Auch wenn die Umfragewerte der AfD sinken, besteht die Gefahr, dass sich aus ihrem Umfeld heraus in Deutschland ein Corona-Mob oder eine Art Corona-RAF bilden könnte, die zunehmend aggressiver und sogar gewalttätig werden könnte. Es besteht immer die Gefahr, dass sich aus größeren Bewegungen kleine Protestgruppen entwickeln, die am Ende einen radikalen Kern bilden, der zu einer Terrorzelle werden kann.“

Nun sind ja aber nicht alle kritischen Stimmen gleich „Querdenker“ oder AfD’ler, wie Söder suggeriert. Und es geht ihm auch nicht um historische Erkenntnis,  sondern, wie Magnus Klaue in der WELT in einem bemerkenswerten Kommentar (Bezahlschranke) zu diesen Äußerungen schreibt, „darum, durch rhetorische Tricks eine Situation herbeizureden, die es dem Staat tatsächlich erlauben könnte, gegen Kritiker der gesundheitspolitischen Maßnahmen so unerbittlich vorzugehen wie einst die Bundesrepublik gegen die RAF. Anders lässt sich nicht erklären, dass Personen, die keineswegs organisiert im Untergrund leben, sondern dafür eintreten, unorganisiert und zivil wieder den Obergrund, nämlich die bürgerliche Öffentlichkeit beleben zu können, als Partisanen im Kampf gegen jenen Staat verhöhnt werden, dessen für alle geltende Rechte und Pflichten sie zurückfordern.“

Boris Palmer, Mitglied der Grünen und Tübinger Oberbürgermeister, stellt sich als einer der wenigen Politiker gegen die Lockdown-Politik von Bund und Ländern: „Frau Bundeskanzlerin, I am not convinced“ schrieb er am 6. Januar in der WELT (Bezahlschranke) zu der Verlängerung des Lockdowns. „Härte gegen die eigene Bevölkerung“ scheine ein „Gütesiegel der Merkel’schen Politik“ zu werden. Es sei „eine unglaubwürdige Politik, die Bildungsbiographien bricht und Familien zerstört“. Und legte in der „BILD“-Sendung „Die richtigen Fragen“ am 10. Januar noch einen drauf: „Es reicht jetzt. Anfang Februar müssen wir kontrolliert wieder aufmachen. Wir müssen auch leben.“

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Eine schwierige Frage

Übersterblichkeit – ja oder nein?

Corona-Spezial Februar 2021 – Alltäglich gibt das RKI die neuesten Zahlen bekannt, auch die „an oder mit Corona“ Verstorbenen. Und immer häufiger geht es in letzter Zeit um die Frage: Haben wir durch die Corona-Pandemie eine Übersterblichkeit oder nicht?

„Keine deutliche Übersterblichkeit in Deutschland“ konstatiert der SPIEGEL am 29. Januar (Bezahlschranke). „Die Corona-Pandemie hat 2020 zu einer Übersterblichkeit geführt, zeigen neue Daten“, schreibt dagegen die Süddeutsche Zeitung (Bezahlschranke). Wer hat recht? Wer es ganz genau wissen will, kann sich in eine englischsprachige Arbeit von Michael Höhle vertiefen. Leichter verständlich ist die Erklärung, mit der der Statistiker Göran Kauermann, Dekan der Ludwig-Maximilians-Universität München, Licht ins Datendunkel bringt. Er rät in einem Interview mit der WELT dem RKI, „die Daten besser zu lesen“. Es seien „nicht unerwartet mehr Menschen gestorben als im Schnitt der vier Jahre davor“. Man dürfe nicht nur die absoluten Zahlen sehen, sondern müsse die Altersstruktur mit berücksichtigen – der Jahrgang 1940 sei ein besonders geburtenstarker gewesen. Deshalb sind in dieser Altersgruppe auch mehr Tote zu erwarten. Wenn man den Alterseffekt bereinige, sei das Jahr 2020 „ein nicht nennenswert auffälliges Jahr“. Kauermann bemängelt die allgemein unbefriedigende Datenerfassung: „Zu Intensivpatienten gibt es keine Altersangaben, das gleiche gilt für die Mutanten. Oder das Testgeschehen. Angesichts der Datenqualität des Robert-Koch-Instituts bin ich eher skeptisch, ob wir irgendwann zu aussagekräftigen Analysen kommen. (...) Für uns Statistiker ist es erschreckend zu sehen, dass die Datenqualität in Deutschland immer noch eine einzige Katastrophe ist.“

„Die Zahlen des RKI sind unbrauchbar“, kritisiert auch Prof. Dr. Bertram Häussler, Leiter des Instituts für Gesundheits- und Sozialforschung in Bremen, im Gespräch mit der WELT. Sie beschreiben die Mortalität über einen Zeitraum von mehreren Wochen und nicht die akute Lage. „Das sind keine Zahlen, um zeitnahe Entscheidungen zu treffen.“ Dass die Einordnung der Zahlen die Demografie mit berücksichtige, fordert auch das Nachrichtenportal Nordbayern ein.

Interessant in diesem Zusammenhang ist eine Analyse der WELT über die Todesraten bei früheren Epidemien in der Bundesrepublik.

 

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Das schlägt aufs Gemüt

Die psychischen Auswirkungen der Krise

 

Corona-Spezial Januar 2021 – Es war schon lange zu erwarten, jetzt zeigen Studien, dass sowohl die Corona-Krise selbst als auch die damit verbundenen Maßnahmen vielen Menschen aufs Gemüt schlagen. Eine Sonderbefragung der NAKO Gesundheitsstudie unter knapp 160.000 Menschen während des Lockdowns im Frühjahr 2020 zeigte, dass depressive Symptome, Angst und Stress deutlich zugenommen haben.

Eine Umfrage der provona BKK im Dezember 2020 ergab, dass drei Viertel der Psychiater*innen und Psychotherapeut*innen in Deutschland mit einer „Welle psychischer Erkrankungen in den kommenden zwölf Monaten“ rechnen. Vier von fünf Therapeut*innen erwarten, dass vor allem Depressionen und depressive Verstimmungen zunehmen. Der erneute Lockdown verschärfe zudem die Probleme bei Menschen, die bereits psychisch vorerkrankt sind. Isolation und Einsamkeit kämen erschwerend hinzu.

Studien aus den USA zeigen, dass vor allem jüngere Menschen zwischen 18 und 24 Jahren gefährdet sind. Sie plagen sich vor allem mit der Sorge vor finanziellen Verlusten und Arbeitslosigkeit. Menschen, die sich einem Hobby widmen oder sich im Freien körperlich betätigen konnten, waren weniger gestresst.

Wie sich die Corona-Krise weltweit auf die Psyche auswirkt, zeigt eine Studie aus Basel, über die das Redaktionsnetzwerk Deutschland berichtet. 

Die Süddeutsche Zeitung berichtet über einen Besuch in einer psychiatrischen Klinik in Thüringen. Die stellvertretende Ärztliche Direktorin erschrickt immer wieder darüber, dass die Menschen in der Pandemie oft sehr spät kommen und dann schon schwer krank sind. Was die Pandemie mit psychisch kranken Menschen macht, ist bisher kaum untersucht. Auffällig ist nur, dass kaum noch irgendwo ein Bett frei ist. Die psychiatrischen Stationen sind überall im Land überfüllt. Suchtkranke fallen in alte Gewohnheiten zurück. 

Ein Thema, das in den Medien bisher weitgehend ausgeklammert wurde, ist die Zunahme von Suiziden. Der Regisseur und Drehbuchautor Tom Bohn hat dieses Tabu in einem bewegenden Artikel für die WELT (Bezahlschranke) jetzt gebrochen und berichtet über die Schwierigkeiten, die geschlossene Theater und Spielstätten für die Kulturschaffenden mit sich bringen. Eine befreundete Schauspielerin hatte sich eine Woche zuvor das Leben genommen. Das hatte ihn nicht mehr losgelassen. Sein Resumée: „Nicht wenigen kulturell Arbeitenden fliegt gerade ihr Weltbild um die Ohren. Es ist offensichtlich, dass das Virus eine Gefahr darstellt. Leider aber merkt man auch an den Entscheidungen, die getroffen werden, was den Verantwortlichen und unserer Gesellschaft wichtig ist und was nicht. Die Kultur scheint es nicht zu sein.“

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Wo aber Gefahr ist ...

... wächst das Rettende auch

Corona-Spezial Februar 2021 – Es ist nicht zu übersehen: Psychische Auffälligkeiten, Ängste, psychosomatische Störungen, Gewalt gegen Frauen und Kinder, Verhaltensauffälligkeiten, vermehrte Alkohol-Probleme – all das verstärkt sich mit fortdauerndem Lockdown noch weiter, wie diverse Berichte zeigen. Eines der eindringlichsten Plädoyers, dass die "Kollateralschäden" der Pandemie stärker ins Bewusstsein gerückt werden, hat die Moderatorin des SAT.1-Frühstücksfernsehens, Marlene Lufen, bei Instagram gepostet. Sie hat das gemacht, was die großen Medien eigentlich schon längst hätten machen sollen: sie rief die Verbände und Institutionen an und fragte nach Zahlen. Was sie herausfand, ist erschreckend. Erfreulich allerdings, dass ihr Beitrag inzwischen weit über 11 Millionen mal angeschaut worden ist. 

Dass gerade Alleinerziehende im zweiten Lockdown besonders zu kämpfen haben, sich einen Anspruch auf einen Kita-Platz im Rahmen der Notbetreuung erst erstreiten müssen, Probleme mit dem Ex-Partner, Homeoffice und Online-Unterricht haben, schildert Ann-Kathrin Eckardt höchst anschaulich in ihrer Reportage Alleinerziehende am Limit" für die Süddeutsche Zeitung.

Wie dramatisch die Belastung für Kinder sein kann, beschreibt Leonhard Landes in der WELT anhand der Berichte von drei Psychiatern unter der Überschrift „Ich will nicht mehr leben“, sagte das Kind zu seiner Mutter. In der Münchner Abendzeitung gesteht der Kinderarzt Stefan Hammann: „Ich mache mir richtig Sorgen!“ Er sehe „viele verzweifelte Eltern und teils extrem verunsicherte Kinder oder Kinder mit Entwicklungsstörungen“. Störungen, die früher schon bestanden, hätten sich durch die Corona-Maßnahmen „extrem verschlechtert“; Kinder, die auf einem guten Weg waren, machen wieder Rückschritte. „Die allerersten Erinnerungen an die Kindheit beginnen mit zweieinhalb bis drei Jahren. Das heißt z. B., dass ein heute vierjähriges Kind sein ganzes erinnerliches Leben unter Pandemiebedingungen verbracht hat. Es darf keine Kontakte haben, nicht neugierig auf andere zugehen usw.“ Für Migrantenkinder sei die Lage noch viel schlimmer. Und: „Wie erleben Sechsjährige ihre Einschulung? Auf Distanz!“ Noch schlimmer seien die Zehntklässler dran, die von der Schule abgehen und dann keinen Ausbildungsplatz finden. Übergewicht werde zunehmend zum Problem, weil die Kinder sich nicht mehr bewegen, sondern stundenlang vor dem Bildschirm hocken oder gar die Lust am natürlichen Bewegungsdrang verlieren. Zudem zeigen sich durchaus verschiedene Entwicklungsrückschritte bei den Kleinsten. Es mache ihn „betroffen, manchmal auch wütend“, weil er die Entscheidungen der Politik nicht nachvollziehen könne, sagt Hammann. In den Gremien, die entscheiden, sollten mehr Lehrer, Erzieher und Sozialarbeiter beteiligt sein, nicht nur Virologen und Epidemiologen: „Wir müssen viel mehr Leute hören, das ist Demokratie.“

Eine Umfrage der pronova BKK unter Psychiatern und Psychotherapeuten ergab einen Anstieg der Suchterkrankungen und auch der Rückfälle in die Sucht. Offenbar versuchen viele Menschen, ihren Frust, Stress oder ihre Verzweiflung mit Alkohol, Zigaretten oder anderen Drogen zu betäuben. Rückfälle sind naheliegend, wenn die bisher gewohnten Strukturen (z. B. die Treffen der Anonymen Alkoholikern) nicht mehr möglich sind. Online lässt sich das kaum ersetzen. Wo bleibt im Hinblick auf diese Pandemie-Auswirkungen der Gesundheitsschutz?

Dass die Kulturbranche besonders hart getroffen ist und seit einem Jahr nahezu vollständig brach liegt, ist bekannt. Dass es sich dabei um einen riesigen Wirtschaftsfaktor handelt, wissen nur wenige. Mit 643 Milliarden Euro macht die Branche mehr Umsatz und beschäftigt in Europa mehr Menschen als die Autoindustrie oder die Luftfahrt. „Der Kultur fehlt die Lobby“ konstatiert ein lesenswerter Bericht in der WELT (Bezahlschranke), der mit beeindruckenden Zahlen aufwartet und all den Kleinstunternehmern – Künstler*innen, Musiker*innen, Schauspieler*innen, Tänzer*innen, Graphiker*innen und anderen Kreativen endlich eine Stimme gibt.

 „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“, lautet ein Vers aus Friedrich Hölderlins Patmos-Hymne – und selten war er so wichtig und bedeutsam wie in dieser Zeit. Es ist sicher eine der wichtigsten Maßnahmen gegen den Corona-Koller, nicht die Zuversicht zu verlieren und in all dem Schlamassel auch eine Aufforderung zum Handeln zu sehen:

  • Beteiligen Sie sich an örtlichen Initiativen im Sinne von Bürgerräten, die Lehren aus der Krise ziehen wollen. GESUNDHEIT AKTIV ist gerade dabei, solche Initiativen ins Leben zu rufen und zu unterstützen. Über unseren Newsletter halten wir Sie auf dem Laufenden.
  • Schreiben Sie uns, wie es Ihnen geht und wie Sie mit der Krise umgehen – es tut gut, sich darüber auszutauschen. Wir werden das im nächsten Newsletter gerne aufgreifen.
  • Helfen Sie Ihren Nachbarn, tun Sie etwas Sinnvolles, das Ihnen Freude macht.
  • Unterschreiben Sie die Pflege-Petition der Zeitschrift STERN. Sie fordert mehr Geld, mehr Zeit und mehr Menschlichkeit für die Pflegenden und ebenso für die zu Pflegenden. Bis zum 11. Februar kann sie noch mit unterschrieben werden. Bereits jetzt haben 195.000 Menschen die Petition gezeichnet, sie ist damit die erfolgreichste Petition, die je beim Deutschen Bundestag eingereicht wurde.
  • Unterschreiben Sie den Appell für eine Agrarwende statt Agrarwüste, denn die Vergabe der Gelder innerhalb der EU entscheiden mit darüber, ob Monokulturen in der Landwirtschaft weiter gefördert werden und damit das Artensterben noch weiter voranschreitet.  
  • Orientieren Sie sich an positiven Nachrichten, nicht immer nur an negativen Hiobsbotschaften. Eine davon ist z. B. das „Netzwerk Wissenschaftsfreiheit: Rund 70 Wissenschaftler*innen gründeten am 3. Februar dieses Netzwerk, das sich gegen Einschränkungen der Wissenschaftsfreiheit und eine zunehmende Verengung von Fragestellungen, Themen und Argumenten in der akademischen Forschung wendet: „Vielerorts ist an den Universitäten ein Klima entstanden, in dem abweichende Positionen und Meinungen an den Rand gedrängt und moralisch sanktioniert werden. Diese Einschränkungen der Wissenschaftsfreiheit, folgen häufig einer ideologischen oder politischen Agenda. Sie behindern eine rationale und ergebnisoffene Suche nach Erkenntnis, die den Kern der Freiheit der Wissenschaft in der Tradition der Aufklärung ausmacht. Cancel Culture und Political Correctness haben die freie und kontroverse Debatte auch von Außenseiterpositionen vielerorts an den Universitäten zum Verschwinden gebracht. Die Wissenschaftsfreiheit in Deutschland sei deshalb in Gefahr, sagte Andreas Rödder, Historiker an der Universität Mainz und einer der Initiatoren des Netzwerks, in einem Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur. „Mit ihrem Appell und der Gründung des Netzwerks wollen die Wissenschaftler*innen „die Voraussetzungen freiheitlicher Forschung und Lehre verteidigen und stärken. Sie setzen sich für eine von Sachargumenten und gegenseitigem Respekt geprägte Debattenkultur ein. Intellektuelle Freiheit, Neugierde und wissenschaftlicher Pluralismus sind dafür unabdingbar“, heißt es in der Presseerklärung anlässlich der Gründung.
  • Bleiben Sie zuversichtlich und pflegen Sie die Dankbarkeit – sie verbindet die Seelen. Es gibt vieles, worüber wir auch jetzt, in diesen dunklen Zeiten der Krise, dankbar sein können. Wenn es Ihnen hilft, führen Sie ein Tagebuch darüber: Schreiben Sie jeden Tag auf, wofür Sie dankbar sind. Sie werden merken: Ihre Stimmung wird sich dabei gleich ein wenig aufhellen.
  • Verlieren Sie nicht den Humor! Jeden Tag mindestens einmal herzhaft zu lachen, ist gut für die Seele!

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Die Lage in Schweden

Ein Exklusiv-Bericht

 

Corona-Spezial Januar 2021 – Der schwedische Weg durch die Pandemie war von Anfang an umstritten. Die einen fanden ihn gut, andere freuten sich über jede Hiobsbotschaft, die uns aus dem skandinavischen Land erreichte. Immer wieder stand Anders Tegnell, Schwedens „Staatsepidemiologe“ im Feuer der Kritik. 

Wir baten den Psychologen Peter Zimmermann, langjähriger Stiftungsvorstand der Gemeinnützigen Stiftung zur Entwicklung von Gemeinschaftskrankenhäusern in Herdecke und intimer Schweden-Kenner, um eine aktuelle Einschätzung der Lage. Den vollständigen Bericht haben wir Ihnen zum Download eingestellt; hier ist eine Zusammenfassung der Themen, um die es in diesem Bericht geht:

  • Die erste Welle: Der Bericht der Corona-Kommission
  • Die zweite Welle
  • Auswirkungen der zweiten Welle
  • Übersterblichkeit
  • Die Funktionsfähigkeit des Gesundheitssystems
  • Auswirkungen der zweiten Welle auf die Hochaltrigen
  • Kommunikationsstrategie und Stimmung in der Bevölkerung

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Zum Sehen, Hören, Lesen ...

Kultur für Herz, Geist und Sinne 

Es ist eine schöne Tradition geworden, dass wir Sie zusammen mit den Neuigkeiten zur Corona-Krise auf Entspannendes, Erheiterndes, Erbauliches aus der Kultur hinweisen. Das sei hiermit fortgesetzt. 

Zum Anschauen und Anhören 

Plädoyer für das Menschenrecht auf Frieden
Konstantin Wecker
Schon aus dem Oktober 2020, aber aktueller denn je ist ein Wortbeitrag und ein Lied von Konstantin Wecker, sein Plädoyer für das Menschenrecht auf Frieden. Es erscheint umso drängender, als - weitgehend unbeachtet und nicht weiter kommentiert in den Medien - die Verteidigungsausgaben um satte 1,16 Milliarden Euro auf 53,03 Milliarden Euro erhöht wurden und damit einen Rekordstand erreichen. Aber Weckers eindringliche Worte sind auch unabhängig davon nur allzu berechtigt. 

Zum Lesen 

Die neue Religion des Menschen? 
Der österreichische Arzt und Buchautor D.r Günther Loewit hat sich schon seit längerem als Kritiker des etablierten Medizinsystems mit der ausschließlichen Orientierung auf die Naturwissenschaften hervorgetan. Jetzt hat er ein neues Buch publiziert, in dem er das Gesundheitswesen mit dem Klerus gleichsetzt. Er schreibt über "ein ausuferndes Gesundheitssystem, das sich vom Vorgang der Zeugung bis zum Tod des Individuums tief in das gesellschaftliche Selbstverständnis eingegraben" habe und das "in einer Intensität, wie sie in den vergangenen Jahrhunderten in unseren Breitengraden nur von der römisch-katholischen Religion bekannt war". Wer sich nicht an die Gebote der Schulmedizin halte, werde zu Sündern abgestempelt. Die "Hostie des katholischen Sonntags" sei die Tablette. Statt des einmaligen Sakraments der Taufe setze die Medizin bereits zu Beginn des Lebens auf eine Orgie an Untersuchungen und Impfungen. Von nun an sei es nicht mehr möglich, ohne die weiteren Sakramente der Medizin zu überleben: "Guidelines und Evidence-based-Medicine ersetzen den kirchlichen Kanon, Percentilen und Normwerte den Katechismus. Der Hausarzt weist zu, die Fachärzte schieben die Verantwortung untereinander hin und her. Krankenhäuser sichern sich ab. Die Frage nach dem subjektiven und psychischen Wohlergehen des Individuums wird nur selten gestellt. Wärme und Zuwendung werden von der Kasse nicht honoriert." Ein stellenweise bitterböses, aber nur zu berechtigtes Buch. 
Günther Loewit: Sehnsucht Unsterblichkeit. Wie die Medizin zur neuen Religion der Menschen wird. Goldegg Verlag, 260 Seiten, 24 Euro

Verbeugung vor einer mutigen, klugen Frau 
Zwei Biographien über Susan Sontag  
Geboren 1933 in New York, und ebendort 2004 gestorben, war Susan Sontag in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts eine der wichtigsten amerikanischen Intellektuellen. Sie schrieb Essays und Romane, drehte Filme als Produzentin und Regisseurin und hatte keine Scheu vor niemandem. Ein Workaholic, umstritten, geliebt und gehasst. Jetzt gibt es zwei sehr unterschiedliche biographische Annäherungen an diese sehr besondere, unerschrockene, kluge Frau, die - wie es heißt - von einer "glühenden Unbedingtheit" war. Bejamin Moses zeichnet auf 928 Seiten penibel jede ihrer Regungen und Bewegungen nach und lässt dabei oft kein gutes Haar an dem Subjekt seiner Betrachtungen, Sigrid Nunez dagegen komprimiert ihre Erinnerungen zu einer fast schon zärtlich-liebevoll wertschätzenden Essenz auf 142 Seiten. Das eine wie das andere ist eine anregende, spannende Lektüre. 
Sigrid Nunez: Sempre Susan. Erinnerungen an Susan Sontag. Aufbau Verlag, 142 Seiten, 18 Euro 
Benjamin Moser: Sontag. Die Biografie. Penguin Verlag, 928 Seiten, 40 Euro 

Auf der Suche nach dem Örtchen 
Von wegen barrierefrei ... 
Den leicht panischen Blick kennt vermutlich jede*r: Wo, bitte, ist die nächste Toilette??! Für Menschen mit Behinderung ist das oft eine vergebliche Suche, denn barrierefrei sind nur die wenigsten "stillen Örtchen". Die Pädagogin Claudia Hontschik und ihr Mann, der Chirurg Bernd Hontschik, haben sich jetzt dieses wichtigen Themas angenommen. Claudia Hontschik kennt das Problem aus eigener Erfahrung: sie ist an MS erkrankt und auf den Rollstuhl angewiesen und musste nur allzu oft die Erfahrung machen, die auch zum Buchtitel geworden ist: "Kein Örtchen. Nirgends." Es ist ein heiteres Buch, ein nachdenkliches, ein anklagendes, vor allem aber ein nur zu berechtigtes. Das Besondere daran ist, dass es eine Art Milieustudie geworden ist, mit Fotos und positiven wie negativen Beispielen. 
Claudia Hontschik, Bernd Hontschik: Kein Örtchen. Nirgends. Westend Verlag, 112 Seiten, 16 Euro 

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Zwischen Hoffnung und Skepsis

Die Impfung gegen COVID-19

 

Corona-Spezial Januar 2021 – Hin und her geht es mit den Meldungen zum Impfen gegen SARS-CoV-2: Hier gibt es zu wenig Impfstoff, dort ist die Organisation chaotisch, Kinder müssen sich für ihre betagten Eltern um Termine kümmern, weil die Hotlines überlastet sind und die Einladungsbriefe auf sich warten lassen, und nicht zuletzt tragen sich viele Menschen mit großen Fragen: Wogegen schützt die Impfung überhaupt? Wie lange hält sie vor? Wie sicher ist sie und wie wirksam? Kann ich als Geimpfter andere anstecken? Ist der Biontech/Pfizer-Impfstoff besser, schlechter oder anders als der von Moderna, der jetzt auch in Europa zugelassen wurde und demnächst in Deutschland mit verimpft wird? Und last but not least: Wäre es nicht besser, erst einmal abzuwarten, bis man mehr weiß über diese Impfung, die schon wegen ihrer Neuartigkeit bei vielen Menschen auch Abwehr und Skepsis hervorruft?

„Zwei Drittel wollen sich impfen lassen, aber nur jeder Vierte sofort“, zeigt eine Umfrage unter 18.000 Befragten aus 15 Ländern im Oktober. Auch in Deutschland will man nichts überstürzen: Nur 23 Prozent würden sich sofort impfen lassen, etwa die Hälfte möchte nicht mehr als drei Monate damit warten, zwei Drittel rechnen damit, sich innerhalb dieses Jahres die Spritze geben lassen zu können. Die meisten fürchten, der Impfstoff sei nicht ausreichend geprüft worden, ein Drittel hat Bedenken wegen möglicher Nebenwirkungen. 15 Prozent bezweifeln die Wirksamkeit, und jeder Zehnte lehnt das Impfen generell ab. Auch Daten des Gemeinschaftsprojekts „COVID-19 Snapshot Monitoring“ der Uni Erfurt zeigen, dass die Impfbereitschaft sinkt und nur noch jeder Zweite dazu bereit ist.

Fest steht: Die bisher vorliegenden Studienergebnisse bzw. die Aussage, die Impfung sei zu über 90 Prozent wirksam, bedeuten nicht, dass neun von zehn Geimpften vor COVID-19 geschützt sind. Sie sagen nur, wie ein Faktencheck des Bayerischen Rundfunks ergab, „dass von allen Personen, die im Rahmen der Studie positiv auf SARS-CoV-2 getestet wurden, 95,3 Prozent in der Placebogruppe waren - den Impfstoff also gar nicht bekommen hatten. Doch insgesamt ist die Zahl der Infizierten in beiden Gruppen sehr gering.“ Wer es genau wissen will, kann die inzwischen veröffentlichte Arbeit zu Sicherheit und Wirksamkeit des Biontech/Pfizer-Impfstoffs im New England Journal of Medicine nachlesen.

Es nimmt allerdings nicht wunder, dass aufgrund der wenig transparenten Kommunikation gerade das medizinische Personal – Ärzt*innen ebenso wie Pflegende – sich beim Impfen eher in Zurückhaltung übt. Schließlich gab es zahlreiche Meldungen über Nebenwirkungen, schwere allergische Reaktionen auch ohne allergische Disposition, einen Todesfall in der Schweiz und einen unklaren Todesfall bei einem vorher gesunden Arzt in Florida. 

Zwei Pflegeheime in Bayern, deren Bewohner*innen geimpft worden waren, meldeten nach dere Impfaktion mehr als zwei Dutzend positive Corona-Tests bei Bewohner*innen und Personal, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet. Inzwischen wird Ähnliches auch aus einigen Heimen in Nordrhein-Westfalen berichtet. Auch wenn völlig unklar ist, ob diese Ausbrüche überhaupt im Zusammenhang mit den Impfungen stehen, so haben solche Vorkommnisse das Vertrauen in die Impfung nicht unbedingt gefördert.

Das gilt auch für die medizinischen Berufe. Eine Umfrage in Krankenhäusern zeigte, dass zwar 91 Prozent der Ärzt*innen und 76 Prozent der Pflegenden die Impfung für wichtig erachten, trotzdem möchte die Hälfte der Pflegenden sich erst einmal nicht impfen lassen, wie ZEIT Online berichtet (Bezahlschranke). Bei den Ärzt*innen liegt die Quote bei 73 Prozent, Frauen sind besorgter als Männer.

„Querdenker in Weiß“ macht Alexander Neubacher in einer Kolumne im SPIEGEL deshalb aus, die „nicht nur ihr eigenes Leben auf Spiel setzen, sondern auch das Leben anderer“. Und wünscht sich, die Krankenhäuser und Heime könnten die Heilberufe zum Impfen zwingen. Der Gesetzgeber müsse sich darum kümmern. Die bereits eingeführte Masern-Impfpflicht zeige, wie das gehe: „Nur wer einen Impfnachweis hat, wird auf Kranke und Alte losgelassen.“

Dass so viele Menschen verunsichert sind und erst einmal abwarten wollen, hängt auch mit der schleppenden und mangelhaften Kommunikation zusammen. „Verschweigen ist die falsche Strategie“ meint der Vorstandsvorsitzende der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft, Wolf-Dieter Ludwig, in einem Interview mit der WELT am 5. Januar 2021 (Bezahlschranke). Der Start der Impfkampagne sei „verstolpert worden“. Die Impfungen, so Ludwig, „erfolgen auf einer vergleichsweise schlechten Datengrundlage. Ich sage nicht, dass die bereits zugelassenen Impfstoffe schlecht sind. Aber wegen der sehr schnellen Entwicklung und Zulassung gibt es viele offene Fragen.“ Über die Langzeitfolgen könne man naturgemäß noch gar nichts sagen, ebensowenig, ob und wie die Impfung bei Kindern und Jugendlichen wirke, und wie es mit dem Nutzen-Risiko-Profil bei Schwangeren und Stillenden oder Menschen mit schweren Vorerkrankungen (Autoimmunkrankheiten, Krebs) aussehe. Er stehe zwar voll und ganz hinter der Impfung, aber er halte nichts davon, Risiken und offene Fragen nicht offen zu benennen: „Die Menschen wollen eine informierte Entscheidung darüber treffen, ob sie sich impfen lassen oder nicht. Und sie sind durchaus in der Lage, Gegenargumente oder auch ungeklärte Fragen in ihre Entscheidung mit einzubeziehen. (...) Über die Ergebnisse der Zulassungsstudien wurde viel zu wenig gesprochen. (...) Wir müssen uns darüber bewusst sein, was wir nicht wissen. Und wir wissen einfach noch nicht, ob die Impfungen tatsächlich auch Ansteckungen und damit die Weitergabe des Virus verhindern.“

Die Medizinische Sektion am Goetheanum hat zusammen mit der Internationalen Vereinigung anthroposophischer Ärztegesellschaften (IVAA) eine Stellungnahme zur Impfung gegen SARS-CoV-2 herausgebracht. Darin heißt es zum Schluss: „Der weltweite Einsatz für die Bereitstellung von Impfstoffen muss von Maßnahmen begleitet werden, die die Gesundheit stärken und die individuelle Widerstandsfähigkeit fördern. Ernährung, psychologische und soziale Faktoren (wie z. B. der Verlust der Lebensgrundlage) müssen berücksichtigt werden, da die Pandemie nicht nur eine virologische, sondern auch eine soziale Herausforderung darstellt.“

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Zum Sehen, Hören, Lesen

Kultur für Herz, Geist und Sinne

 

Corona-Spezial Januar 2021 – Die Wintersonnenwende haben wir hinter uns, aber die Nächte sind immer noch lang, die Tage kalt – Zeit für gemütliche kulturelle Abende mit guter Musik, Lektüre oder Filmen, die den Blick auch mal abwenden von Corona. Wir haben Ihnen hier einige Anregungen dafür zusammengestellt.

ZUM ANSCHAUEN

Jerusalema-Challenge
Das Krankenhaus tanzt
Es war eine schöne Idee, aus dem Ohrwurm „Jerusalema“ der südafrikanischen Rap-Gruppe Master KG eine internationale Challenge zu machen, die von europäischen Krankenhäusern aufgegriffen wurde (auch das anthroposophische Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke hat sich beteiligt). Sie bringt ein bisschen Leichtigkeit und gute Laune in den Corona-Alltag. Die Sammlung dazu ist bei YouTube eingestellt (schauen Sie sich vor allem auch mal die Beispiele aus Afrika an!). Wetten, dass Sie diese tolle Musik nicht mehr aus den Ohren kriegen?! Sie ist ein prima Anlass, mit der ganzen Familie danach zu tanzen – egal, wie!

Von der „Gruberin“
Ein satirischer Jahresrückblick
Die Kabarettistin Monika Gruber ist berühmt-berüchtigt für ihre scharfe Zunge. Eine kleine Meisterleistung hat sie in ihrem Jahresrückblick für 2020 hingelegt. Endlich mal wieder aus vollem Herzen lachen!


In den „Best of 2020“
Die Filme „Der marktgerechte Patient" und "Der marktgerechte Mensch“
Es kommt nicht oft vor, dass „Filme von unten“ im öffentlich-rechtlichen Fernsehen in eine Shortlist kommen. Diese beiden Projekte haben es allerdings mehr als verdient: Die Sendung „Titel, Thesen, Temperamente“, die immer im Anschluss an „Anne Will“ am Sonntagabend ausgestrahlt wird, hat die Filme „Der marktgerechte Patient“ und „Der marktgerechte Mensch“ in die Liste der „Best of 2020“ gesetzt.

„Der marktgerechte Patient“ befasst sich mit den Auswirkungen der Einführung der Fallpauschalen (DRGs) in den deutschen Krankenhäusern. Seit 2003 werden die Kliniken mehr und mehr zu profitorientierten Durchschleusungs-Einrichtungen, in denen nicht mehr der Mensch im Mittelpunkt von Empathie und Fürsorge steht, sondern als Mittel, um Erlöse zu erzielen.

„Der marktgerechte Mensch“ schildert die Arbeitssituation in Deutschland, wo die Verschärfung des Wettbewerbs immer häufiger in Entsolidarisierung, Depression und Burnout mündet. Aber diese Situation ist nicht alternativlos. Der Film stellt Betriebe vor, die nach dem Prinzip des Gemeinwohls wirtschaften, Beschäftigte von Lieferdiensten, die einen Betriebsrat gründen und die Kraft der Solidarität von jungen Menschen, die für einen Systemwandel eintreten. Es ist ein Film, der Mut machen will, sich einzumischen und zusammenzuschließen.

Die Filmemacher Leslie Franke und Herdolor Lorenz bieten die Möglichkeit, beide Filme gegen eine Spende von 20 Euro (ein Film) oder 35 Euro (beide Filme) im Rahmen von nichtkommerziellen Vorführungen zu zeigen. Sie können sie als DVD kaufen oder als mov-Datei herunterladen.

 

ZUM ANHÖREN

Mutig
Eine Hymne für weniger Angst
Es sind die ersten Musiker von Weltruhm, die sich Mitte Dezember, noch vor Weihnachten, mit einem neuen gemeinsamen Song gegen die Angst im Zusammenhang mit der Corona-Epidemie gewandt haben: „Stand and Deliver“. Van Morrison schrieb den Text und die Musik, „Mister Slowhand“ Eric Claption (der 2020 75 Jahre alt wurde!!) spielt sie. Und wie könnte es anders sein – es ist ein Hit in der schönsten und besten Rhythm-and-Blues-Tradition. Unbedingt reinhören!

 

ZUM LESEN

Zivilcourage: Ein Lehrbeispiel
Immer wieder wurde und wird den Freien Waldorfschulen vorgeworfen, sie seien in der Zeit des Nationalsozialismus einen Weg in die Kollaboration gegangen. Dass dem nicht so war, sondern dass sie vielmehr Orte der Resilienz und des kreativen pädagogischen Widerstands waren, zeigt dieser schmale und doch so ungemein gehaltvolle Band von Peter Selg.

Gerade heute erscheint dieses Wissen umso wertvoller, als sowohl den Waldorfschulen als auch der Anthroposophie allgemein die Nähe zu „Corona-Leugnern“ und Rechtsradikalen unterstellt wird. Inzwischen wird nachgerade jede kritische Problematisierung der Maskenpflicht und ihrer pädagogischen und psychosozialen Folgen in die Ecke der „Querdenker“ gestellt und damit mit Rechtsradikalismus gleichgesetzt. Das Buch ist die gedruckte Version eines Vortrags, den Peter Selg am 25. Juli 2020 in Stuttgart gehalten hat.

Peter Selg: Zivilcourage. Die Herausforderung Freier Waldorfschulen (zu bestellen über das Bestellformular), Verlag des Ita Wegman Instituts, Arlesheim (Schweiz), 78 Seiten, 10 Euro

 

„Sag immer Deine Wahrheit“
Wenn ein Hundertjähriger auf sein Leben zurückblickt, hat das immer einen besonderen Reiz. Wenn das jemand tut, der Zeit seines Lebens ein widerständiger Mensch war, umso mehr. Der Jurist Benjamin Ferencz ist mit den Alliierten am 6. Juni 1944 in der Normandie gelandet, um Europa vom Joch der Nationalsozialisten zu befreien. Er war einer der Chefankläger in den Nürnberger Prozessen 1946, leitete Bemühungen um die Rückgabe von Raubkunst an Holocaust-Überlebende und war an den Reparationsverhandlungen zwischen der BRD und Israel ebenso beteiligt wie an der Gründung des International Strafgerichtshofs in Den Haag. Im März 2020 wurde Ferencz 100 Jahre alt. Aus diesem Anlass erschienen seine biographischen Erinnerungen. Sie sind der Spiegel eines erfüllten Lebens – scharfsinnig, dankbar, demütig, und immer auch optimistisch. Den Glauben an das Gute im Menschen hat Ferencz trotz aller schrecklichen Erlebnisse nie verloren. Unter den Lebensweisheiten, die er in diesem Band weitergibt, gehören Sätze wie „Hab immer Feuer in Dir“; „Die besten Eigenschaften, die ein Mensch haben kann, sind Redlichkeit, Warmherzigkeit und Toleranz“; „Tu niemals etwas, für das Du Dich schämst“. Sich selbst treu zu bleiben, war ihm eine Richtschnur, die ihn durchs Leben getragen hat.

Benjamin Ferencz: Sag immer Deine Wahrheit. Was mich 100 Jahre Leben gelehrt haben. Heyne Verlag, 160 Seiten, 17,50 Euro

 

Meisterhaft erzählt
Pierre Lemaitre ist ein mehrfach preisgekrönter französischer Schriftsteller. Nun hat er eine bemerkenswerte Roman-Trilogie vorgelegt, deren erster Band „Wir sehen uns dort oben“ (erschien 2014) gleich mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde, dem ältesten und bedeutendsten Literaturpreis Frankreichs. Aber auch die beiden nachfolgenden Bände sind nicht weniger packend. Es geht jeweils um die schicksalhafte Verbindung von Menschen, die schicksalhaft miteinander verbunden sind, in der Zeit zwischen den letzten Tagen des Ersten Weltkriegs und dem Höhepunkt des Zweiten Weltkriegs Anfang der 1940er Jahre. Es geht um Intrigen, Ruhm und Ehre, um Profitgier und krumme Geschäfte, um Liebe und Verrat und Treue – kurzum, all die Würze, mit der gute Romane ausgestattet sind. Das Besondere an Pierre Lemaitre ist, dass er seine Geschichten mit einem immensen Sprachwitz versieht und auch noch die schwierigsten Situationen mit einer speziellen Leichtigkeit auszustatten vermag – c’est l’esprit français! Ein Lesegenuss der Sonderklasse.

Pierre Lemaitre: Wir sehen uns dort oben (Band 1, 521 Seiten, 23 Euro). Die Farben des Feuers (Band 2, 479 Seiten, 25 Euro, zurzeit nur als E-Book lieferbar für 19,99 Euro). Spiegel unseres Schmerzes (Band 3, 480 Seiten, 24 Euro). Klett Cotta Verlag.

 

Ermutigend
Immer noch ist die Diagnose „Krebs“ eng mit dem Tod verbunden – dabei sind Krebserkrankungen heute eher eine chronische Krankheit geworden, mit der man meistens noch lange leben kann. Und öfter als man denkt, kommt es vor, dass jemand auch ein schweres Krebsleiden noch viele Jahre überlebt. Woher kommt die Kraft dafür? Welche Rolle spielt die Spiritualität dabei? Fragen, die sich am besten anhand von authentischen Berichten beantworten lassen. Zwölf solcher „Überlebensgeschichten“ mit Überlebenszeiten zwischen vier und 25 Jahren haben der Psychoonkologe Elmar Reuter, die Journalistin und Fotografin Gudrun Haarhoff zusammengetragen und in Form von Interviews aufgeschrieben. Der Lyriker und Unternehmenssprecher Yosh Malzon-Jessen hat die Essenz davon am Schluss jeder Geschichte in Gedichtform gegossen. Ergänzt wird diese Sammlung durch mehrere Expert*innen-Interviews: mit der Onkologin Elke Jäger, dem Neurowissenschaftler Joachim Bauer und dem Psychoneuroimmunologen Christian Schubert. Zur Rolle des Selbst beim gesunden Überleben einer Krebserkrankung hat Elmar Reuter ein eigenes Kapitel beigesteuert. Ein wertvolles, Mut machendes Buch, beileibe nicht nur für Krebskranke und ihre Angehörigen.

Elmar Reuter, Gudrun Haarhoff, Yosh Malzon-Jessen: Mehr Jahresringe als erwartet. Überlebensgeschichten nach schwerer Krebserkrankung. Schattauer Verlag, 291 Seiten, 25 Euro

 

Ein schweres Erbe
Es ist die Enkel*innen-Generation, die immer noch unter den traumatischen Erlebnissen der Kriegs- und Nachkriegszeit zu leiden hat, vor allem mit unerklärlichen Alpträumen. Der Autor, Regisseur und Filmemacher Sebastian Heinzel ist selbst davon betroffen und hat sich auf den Weg gemacht, dieses Rätsel zu ergründen. Herausgekommen ist ein Buch und ein gleichnamiger Dokumentarfilm: „Der Krieg in mir“. Heinzel hat herausgefunden, dass neue Forschungsergebnisse zeigen, dass extreme Stresserfahrungen genetisch weitergegeben werden können. Er untersucht die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs auf seine Familie und folgt den Spuren seines Großvaters, der als Wehrmachtssoldat in Weißrussland war. Dabei entdeckt er erstaunliche Verbindungen zu seiner eigenen Geschichte und den Kriegsträumen, die ihn seit Jahren verfolgen. Ebenso sehens- wie lesenswert!

Sebastian Heinzel: Der Krieg in mir. Welche Spuren haben die Erfahrungen der Kriegsgeneration in uns hinterlassen? Buch (192 Seiten, 15 Euro) und DVD oder Video on Demand (7,90 Euro für VoD; 19,90 für die DVD mit 90 Minuten Bonusmaterial).

Dazu passt noch ein anderes Buch: Die Geschichte einer Frau aus Südtirol, 1934 in Kaltern geboren, die nach Baden bei Wien auswandert und 1945 aufgrund der Besetzung Badens durch sowjetische Truppen mit der Familie ohne den Vater nach Südtirol zurück flüchtet. Ein langer und lebensbedrohlicher Weg, auf dem sich die Elfjährige als älteste allein mit zweien ihrer Brüder durchschlägt und dann erleben muss, dass sie am Ziel, in ihrer alten Heimat, erst recht nicht willkommen ist. Die Autorin Verena Nolte hat diese wechselvolle Lebensgeschichte der Paula Morandell aufgeschrieben, Mila Pavan fotografierte, beides zusammen ergibt ein bewegendes Dokument der jüngsten Zeitgeschichte.

Verena Nolte: Der Milchkrug. Ein Südtiroler Mädchen erlebt Krieg und Neuanfang. Folio Verlag Wien/Bozen, 240 Seiten, 25 Euro

 

Aus dem Nähkästchen geplaudert
Wie ist es, wenn ein amerikanischer Autor mit Sack und Pack und zweijährigen Zwillingen nach Frankreich zieht und sich dort in der Hochburg der Nouvelle Cuisine, in Lyon, in der Küche eines Spitzenkochs verdingt? Bill Buford, vielgelobter Autor des Magazins The New Yorker hat genau das getan und darüber ein Buch geschrieben. Es hat den bezeichnenden Titel „Dreck“, was sich weniger auf die Zustände in den Küchen bezieht, sondern auf das Bedürfnis nach einem elementaren Erlebnis. Bufords Anliegen war, wie er schreibt, die Grundlagen der französischen Küche zu erlernen: „Zu den vielen Dingen, die wir in Frankreich gelernt haben, zählt etwas ganz Schlichtes, nämlich die Wertschätzung des Geschmacks naturbelassener Lebensmittel, die noch nicht raffiniert und anderweitig verändert wurden: durch industrielle Verfahren, Chemikalien, künstliche Aromen, Pestizide, Zucker ... – das endlose Fließband von manipuliertem Protein, Stärke oder süßem klebrigem Zeug, das gehärtet, geröstet oder überzogen wird und dann in den Einzelhandel gelangt, das ganze Wirkungsspektrum, das die Massenproduktion von Nahrungsmitteln charakterisiert, nahezu weltweit, aber nirgends so flächendeckend und bedrohlich wie in den Vereinigten Staaten.“ Bei aller Ernsthaftigkeit dieses Ziels ist es dennoch ein Heidenspaß, dieses Buch zu lesen, und man kommt aus dem Kichern kaum noch wieder heraus. Eine Wohltat in diesen Zeiten, wo einem so selten nach Lachen zumute ist.

Bill Buford: Dreck. Wie ich meine Familie einpackte, Koch in Lyon wurde und die Geheimnisse der französischen Küche aufdeckte. Hanser Verlag, 512 Seiten, 26 Euro

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