Chaos, Chaos und kein Ende

Lockdowns, Verbote, Angstmache

So viel Chaos gab es selten in der Republik. Seit November werden die Menschen mit Durchhalteparolen verschiedenster Art hingehalten. Man müsse nur noch ein paar Wochen die Zähne zusammenbeißen und konsequent sein, dann sei alles überstanden, heißt es immer wieder. Dann seien genügend Menschen geimpft und alles Leben könne wieder seinen gewohnten Gang nehmen.

Dass das so sein wird, glaubt jedoch kaum noch jemand. Zu widersprüchlich ist die Politik, wie zum Beispiel das Hin und Her beim Einsatz des Impfstoffes von AstraZeneca zeigt. Erst hieß es, er eigne sich nur für die Jungen, dann auch für Ältere, und jetzt – nach nicht mehr zu übersehenden Todesfällen junger Frauen durch Hirnvenenthrombosen – nur noch für über 60-Jährige. Erst hieß es, die Wirksamkeit liege bei rund 80 Prozent, dann musste die Firma diesen Wert nach unten korrigieren, gegen die Südafrika-Variante von SARS-CoV-2 beträgt sie sogar nur noch 10 Prozent. Anfangs hieß es noch, der Impfstoff sei trotz des Thrombose-Risikos sicher und solle nicht zurückgehalten werden; der bayrische Ministerpräsident Markus Söder meinte sogar, „wer will und wer es sich traut, soll auch die Möglichkeit haben“, sich mit AstraZeneca impfen zu lassen (SZ Live-Ticker, Meldung vom 30. März 15:02 Uhr). Impfen also als Mutprobe? Auch das Kanzleramt zögerte – und ließ den Impfstoff weiter einsetzen, obwohl schon klar war, dass die Ständige Impfkommission (STIKO) den Einsatz nur noch bei über 60-Jährigen empfehlen würde, wie das ZDF herausfand.

Inzwischen rudert sogar die Europäische Arzneimittelbehörde EMA zurück: Es sei klar, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Impfstoff und Thrombosen gebe, sagte der Chef der EMA-Impfabteilung, Marco Cavaleri, wie die WELT berichtet (das Original-Interview gab Cavaleri der Zeitung Il Messagero). Damit steht er allerdings im Widerspruch zu den bisherigen Verlautbarungen des Amtes, das den Impfstoff uneingeschränkt weiterhin empfiehlt und sich damit auch gegen die Empfehlung der STIKO stellt und die Risiken herunterspielt. Allerdings gehen auch britische Wissenschaftler für Arzneimittelsicherheit von einer solchen Kausalität aus, wie der Guardian meldet. Die Studien zur Anwendung des Impfstoffes bei Kindern und Jugendlichen wurden inzwischen gestoppt, wie The Wall Street Journal berichtet.

Es ist zuallererst die mangelnde Transparenz in der Kommunikation, die immer wieder das Vertrauen der Bevölkerung zum Einsturz bringt – wenn nicht schrankenlos alles auf den Tisch gebracht wird, was man weiß und was man nicht weiß, lässt sich keine Glaubwürdigkeit und Vertrauensbasis entwickeln. Zudem fällt der Politik wenig ein, um der Bevölkerung eine Perspektive zu weisen, einen Lichtblick am Ende des Corona-Tunnels. Zu wenig wird auf lokale Gegebenheiten eingegangen, zu wenige Ideen entwickelt, zu wenig Selbstverantwortung in die Hände der Bürger*innen und Einrichtungen gelegt. Dabei gibt es gute Beispiele, von Cochem-Zell an der Mosel bis Tübingen (ein anschaulicher Bericht unter dem Titel „Mehr Tübingen wagen?“ findet sich auch in der SZ). Es ist ja auch kaum nachzuvollziehen, warum ein Ort mit einer Inzidenz von 10 alles ebenso geschlossen halten soll wie ein Ort mit einer Inzidenz von 200. Oder warum man nach Mallorca fliegen, aber nicht in die Ferienwohnung an der Ostsee oder in den Bergen fahren darf. Warum Buchläden öffnen dürfen, Modegeschäfte aber nicht. Noch weniger leuchtet ein, dass man im Freien Maske tragen soll, wo doch einer der namhaftesten Aerosolexperten – der Physiker Dr. Gerhard Scheuch – klipp und klar sagt: „Ansteckungen im Freien sind bei dieser Pandemie kaum möglich“ und: „Wir müssen raus aus den gefährlichen Innenräumen!“ bzw.: „Alles, was man draußen machen kann, kann man sofort öffnen“.

Stattdessen werden vielerorts auch noch Ausgangssperren propagiert, z. B. von Karl Lauterbach, und sogar der Epidemiologe Klaus Stöhr will sie nicht ganz ausschließen, wie die WELT berichtet. Demgegenüber hält der Stanford-Professor John Ioannidis solche Maßnahmen für schädlich und plädiert dafür, „auf keinen Fall Ausgangsbeschränkungen, Schulschließungen oder Ähnliches“ zu etablieren: „Auf lange Sicht verschlimmern solche gesetzlichen Einschränkungen die Lage. Während einer aktiven Welle müsste man die Pflegeheime noch besser schützen und die sonstigen Risikogruppen zu noch mehr Social Distancing aufrufen. (...) Vorläufig scheint es, als habe der Lockdown sogar einen negativen Effekt gehabt. Fallzahlen sinken auch ohne solche Maßnahmen wieder.“ Die weniger restriktiven Maßnahmen würden ausreichen. Ausgangssperren könnten sogar schaden.

„Ausgangssperren sind ein nutzloses Konzept“ meint auch Gerhard Strate, einer der prominentesten Strafverteidiger des Landes, in der WELT und reichte einen Antrag auf Erlass einer Einstweiligen Anordnung ein, der diese Woche beim Hamburger Verwaltungsgericht verhandelt wird. Seine Begründung: „Die vorliegenden Zahlen der Corona-Infektionen lassen nicht erkennen, dass die angekündigte Ausgangssperre eine verhältnismäßige, grundrechtskonforme Maßnahme wäre.“ Und er kommentiert: „Diese dauerhafte Verbotspolitik hat dazu geführt, dass selbst in einer doch so liberalen und offenen Stadt wie Hamburg eine Atmosphäre der Denunziation entsteht. Das ist kaum noch zu ertragen. 72 Jahre Grundgesetz und 70 Jahre Rechtsprechung des Verfassungsgerichts haben bei manchen wohl doch nicht die freiheitliche Grundeinstellung hinterlassen, die ich erwartet hätte. Gerade bei den führenden Politikern.“

Ebenso schreibt der Rechtsprofessor Volker Boehme-Neßler von der Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg in einem Gastbeitrag für die ZEIT, die Ausgangssperren seien „nicht von der Verfassung gedeckt“, die Maßnahme sei „zu drastisch und zugleich wenig wirksam“. Ausgangssperren seien ein probates Mittel der Politik in Diktaturen und autoritären Regimen: „Sie dienen dazu, das Verhalten der Bevölkerung zu kontrollieren. Letztlich zerstören sie das öffentliche Leben und behindern Kontakte und Kommunikation unter den Bürgerinnen und Bürgern. Deshalb sind sie gut geeignet, um autoritäre Staatsmacht zu sichern. In Demokratien sind sie eher verpönt. Vor diesem Hintergrund ist es mehr als irritierend, dass in Deutschland und in anderen europäischen Staaten Ausgangssperren verhängt werden.“ Die Politik ignoriere andere Maßnahmen, die weniger tief in die Grundrechte eingreifen: „Überzeugen, mitnehmen und motivieren – das ist der demokratische Weg, auch in einer bedrohlichen Pandemie.“ Die Politik habe den Draht zur Bevölkerung verloren: „Was wir erleben, ist keine gleichberechtigte Kommunikation unter Partnerinnen auf Augenhöhe. Wir erleben stattdessen Pressekonferenzen, in denen harte Grundrechtseinschnitte verkündet und notdürftig, nicht selten floskelhaft begründet werden. Wir sehen im Fernsehen eine Kanzlerin, die völlig verständnislos auf Kritik reagiert und kaum ihren Unmut über die uneinsichtige Bevölkerung verbergen kann. Auch die anderen Spitzenpolitiker kommunizieren von oben nach unten, nicht auf Augenhöhe. Das spüren die Menschen, und es demotiviert sie. Hier liegt eine tiefere Ursache der Pandemiemüdigkeit.“

Währenddessen werden jedoch weiterhin Angst und Panik geschürt, auch von den Grünen. So behauptete der Arzt und Bundestagsabgeordnete Janosch Dahmen z. B. am 21. März bei Anne Will: „Wir haben 65.000 Menschenleben in 140 Tagen verloren. (...) Die Gruppe, die jetzt gefährdet ist, die 50- bis 80-Jährigen, die sind alle ungeimpft. Die werden alle sterben. Es werden viele sterben. Es werden viele ihr Leben lang Folgen behalten.“ Auf welcher Grundlage er solche waghalsigen Prophezeiungen wagt, hat er allerdings nicht verraten.

Dahmen wusste sich jedoch durchaus einig mit Christian Drosten: „Für die Jahrgänge ab 50 wird es ‚brenzlig‘“, wie der SPIEGEL berichtet. Die Situation werde sich wegen der englischen Mutante „drastisch erschweren“, weshalb „ein erneuter Lockdown“ nötig sei, um die Dynamik zu stoppen, sagte er am 30. März im Coronavirus-Update von NDR-Info. Die Situation sei „sehr, sehr ernst und sehr kompliziert“. Fazit: „Es bleibt nur noch der Holzhammer.“ In diesem Podcast diffamiert Drosten ein weiteres Mal alle Andersdenkenden pauschal als „Pseudoexperten“. Sie hätten zwar Professoren- und Doktortitel, seien aber nicht vom Fach und häufig schon „lange Zeit im Ruhestand“. Konkret benennt Drosten die Verfasser der KBV-Stellungnahme im Herbst (Andreas Gassen – ein Arzt, Hendrik Streeck und Jonas Schmidt-Chanasit – beide Virologen) oder auch die Wissenschaftler*innen der „Great Barrington Declaration“. Sie alle würden nur „eine Minderheitsmeinung“ repräsentieren, die gegen eine „Mehrheitsmeinung von professionellen Wissenschaftlern“ stehe.

Seit Wochen steuere Deutschland „für alle sichtbar auf Katastrophenkurs“ meint der SPIEGEL und titelt gleich: „Das letzte Gefecht“: „Immer lauter werden die Warnungen aus verschiedenen Richtungen. Intensivärzte, Virologen, Mathematiker, von Biontech-Gründer Ugur Sahin über den Virologen Christian Drosten bis hin zum SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach, sie alle sagen das gleiche: Die Pandemie droht zu entgleisen, die dritte Welle türmt sich auf, überwältigende Infektionszahlen drohen, bis zu 100.000 neue Corona-Fälle am Tag ab Anfang Mai sind möglich. Trotz der aktuellen Einschränkungen.“

Der Weltärztekammer-Präsident Frank-Ulrich Montgomery liebt es noch drastischer und plädiert für weitere harte Eingriffe seitens des Staates (Liveticker, Meldung vom 6. April, 16:11 Uhr): „Wenn wir keinen Lockdown machen würden, dann würde diese Infektion jetzt völlig ungebremst über das ganze Land hinwegrollen. Dabei würde eine ganze Reihe von Menschen zusätzlich sterben, zu allen anderen, bis zu 200.000 sind die Prognosen.“

Fast alle solche Hochrechnungen und die daraufhin von der Politik angeordneten Maßnahmen beruhen auf mathematischen Modellierungen. Solche epidemiologischen Modelle seien jedoch eher „mit Wettervorhersagen vergleichbar“, meint der Physik-Professor Frank Scheffold in einem Interview mit der WELT. Mal stimmen sie, mal nicht: „Die Erfahrungen aus den vergangenen Monaten zeigt, dass Vorhersage und eingetretene Realität sehr oft eklatant auseinanderlagen.“ Die Pandemie sei „ein Wechselspiel zwischen Infektionsgeschehen, Maßnahmen, menschlichem Verhalten und öffentlicher Erwartung.“ Man sollte schon Worst-Case-Szenarien abschätzen und die Infrastruktur darauf einstellen. „Aber man sollte auf keinen Fall die ganze Strategie und Debatte darauf aufbauen.“

„Was sich in Reagenzgläsern und im Labor hundertausendfach ohne Ausnahme belegen lässt, ist deswegen noch lange nicht überall im Alltag zutreffend“, meint auch der frühere Direktor des Hamburgischen Weltwirtschafts-Instituts und Professor für Volkswirtschaftslehre an der Uni Hamburg, Thomas Straubhaar in einem Gastbeitrag für die WELT. Spätestens wenn es „um praktische Bewertungen von Wirkungszusammenhängen und Korrekturmechanismen“ gehe, sei es „mit der Allgemeingültigkeit theoretischer Erkenntnisse endgültig vorbei“. Die Zero-Covid-Bewegung müsse sich „die Kritik gefallen lassen, dass sie mit ihren konkreten Politikempfehlungen zwangsläufig den harten Boden der Wissenschaft verlassen“ habe: „Sie ist nichts mehr als eine Ideologie, an die man glauben mag oder nicht.“ Straubhaar empfiehlt, dass man „Menschen auch (und gerade!) in schwierigen Pandemiezeiten tun lässt, was sich bei der Bewältigung von Komplexität in aufgeklärten Gesellschaften bestens bewährt hat: durch alltägliche Erfahrungen von unten und nicht durch Zwang von oben.“ Weniger Vorschriften und mehr Selbstverantwortung seien die beste Strategie, um Komplexität von unten zu reduzieren.

„Mehr Freiheit wagen“ fordern auch Michael Esfeld, Professor für Wirtschaftsphilosophie an der Universität Lausanne und Mitglied der Leopoldina, und der Ökonom und Philosoph Philip Kovce, Mitglied im Thinktank 30 des Club of Rome, in einem Meinungsbeitrag in der WELT. Die derzeitigen Kontrollmaßnahmen des Staates begrenze die Freiheit des Einzelnen nicht zum Wohle aller, sondern ersticke sie letztlich zulasten aller im Keim: „Ein Grund, warum Freiheitsrechte inzwischen derart verramscht werden, liegt darin, dass akademische Marktschreier dringend deren Ausverkauf anpreisen. Tenor: Der Mensch sei dem Menschen ein Virus, weshalb alle ‚Viren‘ zum Schutz voreinander von Staats wegen isoliert werden sollten. Virusfrei first, Grundrechte second. Wer im Zuge dieser Virokratie nicht mehr Diktatur wagen will, dem wird vorgeworfen, den Ernst der Lage zu verkennen oder gar Böses im Schilde zu führen.“ Der Staat sollte sich „darauf beschränken, den Schutz von Risikogruppen zu ermöglichen und den Schutz von Grundrechten zu gewährleisten. Dafür könnte er nicht nur Masken, Impfstoffe und Schnelltests bereitstellen helfen; er könnte auch jedem Bürger, wenn und solange eine ‚epidemische Lage von nationaler Tragweite‘ festgestellt wird, die rechtlichen und finanziellen Möglichkeiten einräumen, freiwillig einen individuellen Lockdown anzutreten (sei es, um andere zu pflegen oder sich selbst zu schützen).“

Die Regierung bleibt jedoch bei ihrem Verbotskurs, wobei den Lockdowns ständig neue Namen verpasst werden. Mal ist es ein „Wellenbrecher-Lockdown“, ein „Lockdown light“, mal ein „harter Lockdown“ oder gar ein „Hammer-Lockdown“. Jüngst brachte Armin Laschet den „Brücken-Lockdown“ ins Spiel. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Denn ständig droht eine neue Virus-Mutante – zurzeit ist es die englische, dann gibt es ja noch die südafrikanische und brasilianische. Und das werden nicht die letzten sein. Dann also am besten gleich der „Dauer-Lockdown“? „Wir müssen endlich raus aus der Endlosschleife“ kommentiert Andreas Rosenfelder, Ressortleiter Feuilleton bei der WELT, diesen Zustand. Er erinnert daran, dass man am 20. März 2020 im Bundesministerium des Inneren verschiedene Szenarien für den Verlauf der Corona-Epidemie durchspielte und „als einigermaßen tröstlichen Best Case“ mit 126.000 Toten rechnete, was dem Verlauf einer schweren Grippe entspricht. Heute, so Rosenfelder, „würde man dafür als Corona-Leugner verhöhnt“. Bis Mitte März sind 75.000 Menschen an und mit Corona gestorben, das Durchschnittsalter liegt bei 84 Jahren: „Eine ernste Epidemie, fraglos – aber keine Menschheitskatastrophe. (...) Wer mit Lockdowns auf Mutationen reagiert, landet in einem Teufelskreis – gerade in einem Land, dessen Krisenmanagement an die späte Sowjetunion erinnert.“ Und er fragt: „Ist es überhaupt notwendig, darauf zu warten, dass alle Deutschen geimpft sind? Bei einer Krankheit, die für einen großen Teil der Bevölkerung tatsächlich nicht viel gefährlicher ist als eine Grippe? Ist es angemessen, zur Senkung der Inzidenzwerte Schulen zu schließen und so Bildungswege zu ruinieren? Darf man, um ‚Long Covid‘ bei Fünfzigjährigen zu verhindern, eine Generation von Jugendlichen in Essstörungen und Suizide treiben?“ Sein Fazit: „Wenn die Politik den Ausweg aus der Sackgasse nicht findet, wird aus einer Epidemie, die bisher harmloser verläuft als es das ‚Best-Case-Szenario‘ vor einem Jahr vorsah, unter Garantie ein historisches Worst-Case-Szenario.“

Bei der Frage, welcher Weg aus der Pandemie der richtige ist, teilt sich die Bevölkerung und auch die Politik mittlerweile in zwei Lager: Die einen fordern, das Land für kurze Zeit (zwei Wochen? drei? vier?) komplett runterzufahren, das gesamte öffentliche Leben lahmzulegen, um danach wie Phönix aus der Asche wieder neu zu erwachen – weitgehend virusfrei und in alter Frische. Die anderen plädieren für eine Anpassung an die lokalen Gegebenheiten – wo eine niedrige Inzidenz herrscht, kann man auch wieder öffnen, unter Einhaltung diverser Hygiene- und Schutzkonzepte.

Schaut man allerdings mit großem Abstand auf das Geschehen, dürfte klar sein, dass sich SARS-CoV-2 niemals wird komplett ausrotten lassen. Sämtliche „No-Covid“- oder „Zero-Covid“-Strategien sind also im Grunde obsolet, weil sie nie zum Ziel führen können, dieses Virus weltweit auszurotten, selbst wenn man die Inzidenz an irgendeinem Ort auf Null bringen könnte. Irgendeine Mutation wird es immer geben.

Vorerst bleibt allerdings unklar, wie es in Deutschland in den nächsten Wochen und Monaten weitergeht. Sicher ist jedoch eines: Weder mit noch so vielen Lockdowns noch mit Ausgangssperren oder anderen drastischen Maßnahmen wird dieses Virus wieder verschwinden. Es wird in unserem Leben bleiben. Und wir werden lernen müssen, damit zu leben – die vulnerablen Bevölkerungsgruppen bestmöglich zu schützen, Kindergärten und Schule zu öffnen (Näheres dazu unter der Überschrift Kinder und Jugendliche: Die fatalen Folgen der jetzigen Politik), aber auch Strategien und Behandlungsmöglichkeiten für die an Covid-19 Erkrankten zu entwickeln. Davon ist bisher noch viel zu wenig die Rede, dabei hätten die Naturheilkunde und auch die Anthroposophische Medizin viel Positives dazu beizutragen, wie die Erfahrungen in den anthroposophischen Krankenhäusern und Arztpraxen zeigen.

Wir brauchen endlich einen anderen Blick auf das Pandemiegeschehen. Einen Beitrag dazu haben Michaela Glöckler und Andreas Neider geleistet, indem sie zu Ostern ein Memorandum veröffentlicht haben. Es plädiert für „ein Umdenken in der Corona-Politik und mehr Verständnis für die Meinungsvielfalt in der Krise“ und möchte zu einem konstruktiven Dialog beitragen. Darin angesprochen werden so heikle Themen wie „Welche Denkweise liegt den weltweit abgestimmten Maßnahmen zugrunde, um die Pandemie erfolgreich zu bekämpfen?“, „Warum werden nicht alle Infizierten krank und von denen, die krank werden, nicht alle schwer krank?“, „Was macht Angst vor Krankheit und Tod mit uns? Was macht Mut und gibt Hoffnung und Zuversicht?“, „Welche Rolle spielen Autonomie, Teilhabe und Mitverantwortung?“ Es sind Fragen wie diese, zu deren breitem gesellschaftlichen Diskurs die Corona-Pandemie auffordert. Wenn wir darauf die richtigen Antworten finden, werden wir auch einen guten Weg aus der Pandemie herausfinden – im offenen, konstruktiven Dialog.

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Peinlichkeiten, Pech und Pannen

Die Geduld der Bürger*innen ist erschöpft

 

Fürchte dich nie, nie, niemals davor, das zu tun, was richtig ist, speziell dann, wenn das Wohl eines Menschen oder eines Tieres auf dem Spiel steht. Die Strafe der Gesellschaft ist nichts verglichen mit den Wunden, die wir unserer Seele zufügen, wenn wir wegschauen. (Martin Luther King)

Corona-Spezial März 2021 – Seit nunmehr vier Monaten verharrt die Republik im Lockdown mitsamt allen, teilweise hanebüchenen Maßnahmen (z. B. Maske tragen beim Joggen). Die Einhaltung der Einschränkungen wird zeitweise mit höchst fragwürdigen Methoden überwacht: So jagte z. B. ein Polizeiauto einen Jugendlichen, der sich ohne Maske von seinem Freund verabschiedet hat, mit Blaulicht und Karacho durch den Hamburger Jenischpark; mit dem Hubschrauber kontrolliert die Polizei der Hansestadt, ob Jogger- und Spaziergänger*innen rund um die Alster, in der Innenstadt oder an der Elbe Maske tragen; im Englischen Garten in München messen Beamte mit Zollstöcken nach, ob die Abstände beim Genuss der Frühlingssonne eingehalten werden ... und vieles weitere mehr.

Gleichzeitig hat die CDU/CSU als Regierungspartei ein Amigo-Problem. Der CDU-Politiker Nikolas Löbel, der die ihm gewährte Provision von 250.000 Euro für die Vermittlung von Kaufverträgen für Schutzmasken als „branchenüblich“ bezeichnete (tagesschau.de, 5. März 2021), hat inzwischen auf Druck seiner Parteikolleg*innen seine politische Karriere beendet, sein Bundestagsmandat niedergelegt und ist aus der CDU ausgetreten. Der schon zuvor der Bestechung beschuldigte CSU-Politiker Georg Nüsslein, der für ähnliche Geschäfte satte 660.000 Euro Provision eingestrichen haben soll und dem die WirtschaftsWoche ein „profitables Amigo-Netzwerk“ nachsagt, verlässt die Unionsfraktion und ebenso die CSU mit sofortiger Wirkung und kündigte ebenfalls an, sich aus der Politik zurückzuziehen, wie tagesschau.de berichtet. Dass er dennoch seinen Sitz im Bundestag vorläufig noch bis zum Herbst beibehält, hängt vermutlich mit den zu erwartenden Pensionsansprüchen zusammen ...

Als Reaktion darauf will Bundesgesundheitsminister Jens Spahn jetzt die Namen aller Bundestagsabgeordneten veröffentlichen, die an der Beschaffung von Corona-Schutzmasken beteiligt waren, wie das Deutsche Ärzteblatt berichtet. Aber Spahn steht selbst unter Beschuss. Die ZEIT deckte auf, dass der Minister im Frühjahr 2020 bei der Beauftragung von Transport und Lagerung von Schutzmasken und -kleidung – immerhin ein Geschäft in Milliardenhöhe – keine öffentliche Ausschreibung gemacht, sondern ein CDU-nahes Unternehmen aus dem Münsterland direkt damit betraut hat. Das ist nicht nur nicht üblich, sondern hat auch noch ein Gschmäckle: Spahn ist Stellvertretender Vorsitzender des CDU-Bezirksverbands Münsterland. 

Überdies hat sich der Minister bei den Medien unbeliebt gemacht, weil er nachforschen ließ, wer sich erdreistet hatte, beim Grundbuchamt Berlin-Schöneberg seinen Immobiliengeschäften auf den Grund zu gehen, wie die SZ berichtet. Betroffen waren vor allem Spiegel, Bild, Stern und der Tagesspiegel, aber auch freie Journalisten. Spahns Anwälte sollen das Amtsgericht, zu dem das Grundbuchamt gehört, aufgefordert haben, den gesamten Schriftverkehr mit den Redaktionen und „sämtliche etwaige weitere Presseschreiben mitsamt den Antworten des Grundbuchamtes herauszugeben“. Außerdem sollten die Namen derjenigen benannt werden, die sich nach Spahns Immobiliengeschäften erkundigt hatten. Das Amtsgericht kam dieser Forderung inzwischen nach.

Auf solche inquisitorischen Maßnahmen und jegliche Behinderung von Recherchen reagieren Journalist*innen hochsensibel, denn Grundbuchämter dürfen Journalist*innen grundsätzlich Auskunft geben: „Ein Bundesminister sollte die Pressefreiheit achten“, mahnte der Tagesspiegel, und zitiert den Bundesvorsitzenden des Deutschen Journalisten-Verbandes, Frank Überall: „Beides geht nicht – eine eilfertige Behörde und ein Minister, der peinlich bemüht ist, private Immobiliengeschäfte im siebenstelligen Bereich unter der Decke zu halten.“ Als Mitglied der Bundesregierung und speziell als Chef eines Ministeriums, das wegen der Corona-Pandemie im Fokus der Öffentlichkeit stehe, müsse sich Spahn Recherchen von den Medien gefallen lassen.

Damit nicht genug: Die Kritik an Spahn wächst auch im Hinblick auf das Impf-Chaos, Versäumnisse bei den Schnelltests und dem Masken-Management. War es doch das Spahn'sche Bundesgesundheitsministerium, das 8,5 Millionen FFP2-Masken (FFP = Filtering Face Piece) in Umlauf gebracht hat, die in Qualitätstests durchfielen. Offenbar halten die Dinger nicht, was sie versprechen, und lassen mehr Partikel durch als sie dürften, wie die WELT herausgefunden hat und ein „Prüfchaos“ beklagt, bei dem TÜV, Dekra und andere Unternehmen unterschiedliche Maßstäbe anlegen. Man verlasse sich bei den Prüfungen auf eine Norm, die diesen Namen nicht verdiene (siehe auch focus.de). Auch die Stiftung Warentest hat FFP2-Masken verschiedener Hersteller getestet. Nur eine von zehn Masken erfüllte alle Kriterien.

Ursprünglich waren solche Masken nicht für den Schutz vor Viren vorgesehen, sondern für das Abfiltern von Staub und Rauch, z. B. im Rahmen von Bau-, Mal- und Lackierarbeiten oder bei der Feuerwehr. Viren sind sehr viel kleinere Partikel. „Selbst bei zugelassenen FFP2-Masken atmen Träger durchschnittlich immer noch 20 Prozent der Virenkonzentration aus der Umgebungsluft ein“, zitiert der Bericht den Fachmann Maximilian Weiß, der Geräte herstellt, die feinste Partikel in der Luft messen können. Mindestens ein Drittel der FFP2-Masken, die derzeit im Umlauf sind, bieten deshalb gegen Corona „keine ordentliche Filterleistung“. Betroffen von den mangelhaften Masken sind ausgerechnet Schulen, Pflegeheime, Einrichtungen der Eingliederungs- und Wohnungslosenhilfe sowie Landeseinrichtungen. „Jetzt stehen die Paletten da und warten darauf, wieder abgeholt zu werden“, zitiert der Artikel Bernhard Schneider von der Evangelischen Heimstiftung in Baden-Württemberg. Geschieht das nicht, werden die – nicht gerade billigen – Masken entsorgt.

Der jüngste Beschluss der Bundesregierung und der Ministerpräsident*innen, den Lockdown bis zum Monatsende fortzusetzen und sich weiterhin an Inzidenzwerten zu orientieren, sorgte für Verdruss und schlechte Stimmung allerorten. Der Ärztliche Pandemierat forderte noch vor der Merkel-Ministerpräsident*innen-Runde eine „neue Kennzahl zur Steuerung der Pandemie-Maßnahmen“. Und alle zwölf Berliner Amtsärzte hatten in einem Schreiben an den Berliner Senat vor einem „Inzidenzwahn“ und einer „No-Covid-Strategie“ gewarnt und wollten Lockerungen nicht mehr an generelle Inzidenzwerte knüpfen, weil diese nicht das richtige Infektionsgeschehen abbilden, sondern von Testkapazitäten und dem Testwillen der Menschen abhängig seien. Ihr Plädoyer wurde jedoch schlicht ignoriert.

Stattdessen präsentierte die Regierung einen bürokratisch-verkomplizierten „Lockerungsplan“, der zwar kleingedruckt auf eine Seite passt, in dessen „wenn ... dann“ sich aber kaum jemand zurechtfindet, geschweige denn weiß, was nun konkret möglich ist und was nicht und vor allem warum. Kein Wunder, dass sich die aktuellen Umfragewerte für die Union im Sinkflug befinden.

Und jetzt hat die Regierung trotz vollmundiger Versprechungen auch noch den Start mit den Schnelltests verstolpert – Discounter wie Aldi und Lidl hatten die Tests vor allen anderen im Angebot und waren in Nullkommanichts ausverkauft, Influencer*innen bei Instagram bieten Sonderkonditionen für die Bestellung der Tests im Internet. Dabei weiß kaum jemand, wie sie richtig anzuwenden und wie zuverlässig sie sind – und es gibt kaum Kriterien, anhand derer man sich orientieren kann, welcher etwas taugt.   

Ein Ende dieses Chaos ist vorerst nicht in Sicht. „Die dritte Welle lässt sich nicht mehr aufhalten“, verkündete Karl Lauterbach schon Ende Februar und schob Anfang März, als die Bundesregierung ihren verquasten Lockerungsplan präsentierte, in einem Interview mit n-tv noch einen nach: „ Die Öffnungsschritte werden größtenteils nie kommen, weil die Voraussetzungen dafür – entweder stabile oder gar sinkende Fallzahlen – nie erreicht werden.“

Bis Ende März besteht der jetzige Lockdown mit seinem Öffnungs-Szenario. Anfang April ist Ostern. Und danach folgt der Ramadan. Bei beidem lässt sich trefflich argumentieren, es bestehe die Gefahr, die Kontrolle über das Virus und seine Ausbreitung zu verlieren. Die Menschen sind es aber leid, von einem Lockdown in den anderen zu rutschen – mehr und mehr wird deutlich, dass die pure Orientierung an den Inzidenzwerten keine Lösung ist, und auch die Impfkampagne wird auf lange Sicht nicht ausreichen, um zu einem normalen Leben zurückkehren zu können.

„Deutschland trippelt mit viel Rechenschieberei einem unabsehbaren Ende der Pandemie entgegen“ kommentiert Alexander Kissler in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ): „Die neuen Beschlüsse von Bund und Ländern sind trotz punktuellen Lockerungen ein phantasieloses Weiter-so. Wer seine Politik nur an Inzidenzwerte ausrichtet, hat jeden Gestaltungswillen verloren. (...) Die Verwirrung hat Methode, das Schlingern ist Prinzip, der Inzidenzwert regiert. (...) Ohne Mut, mit wenig Ambition, aber jeder Menge Rechenschieberei zementiert der neue Beschluss einen mittlerweile vertrauen Ausnahmezustand.“ Das meiste bleibe verboten, die Normalität eine Chimäre. „Auf Wiedervorlage bleibt, was schon längst vorliegen sollte: die feste Zusage an zermürbte Bürger, dass die Regierung die Nöte im Lockdown ernst nimmt und einen Weg aus der Krise zeigt. (...) Bund und Länder verharren in einem trübsinnigen Lockdown-Fundamentalismus. So nehmen sie in Kauf, dass die Entfremdung zwischen Gesellschaft und Staat zunimmt und die sozialen wie wirtschaftlichen Kollateralschäden ins Unermessliche wachsen.“

Schon Anfang Februar hatte die Medizinethikerin Christiane Woopen, Vorsitzende des Europäischen Ethikrats für die EU-Kommission, gemahnt: „Es wird zu viel in Lockdown und Impfungen gedacht“. Sie halte es für dringend erforderlich, „eine Perspektive zu eröffnen, statt Durchhalteparolen zu verkünden“. Einer Beunruhigung der Bevölkerung begegne man am besten „mit Transparenz und Glaubwürdigkeit“: „Die Menschen beziehen viel Kraft daraus, ernst genommen zu werden.“

Mittlerweile platzt auch dem Einzelhandel der Kragen: „Klagewelle gegen Lockdown rollt“, meldet der Bayrische Rundfunk am 24. Februar. Viele Händler stehen jetzt schon mit dem Rücken zur Wand und können nicht mehr lange durchhalten: „Es drohen zahlreiche Insolvenzen und Pleiten, das Verschwinden hunderter Handelsunternehmen, die Schließung tausender Geschäfte und der Verlust zigtausender Arbeitsplätze“, warnt Alexander Otto, Chef des Shopping-Center Betreibers ECE. Mehrere Handelsketten haben inzwischen Eilanträge auf Aussetzung der Ladenschließungen eingereicht.

Die WELT hat als eine der wenigen überregionalen Zeitungen den Bedenken der Juristen, vor allem im Hinblick auf den anhaltenden Entzug der Grundrechte, eine Bühne geboten: „Die Politik hat in ihrem Corona-Furor jedes Maß verloren“ wettert der Rechtswissenschaftler Dietrich Murswiek in einem Gastbeitrag für die WELT am 26. Februar. Ein weiterer Lockdown – wie er jetzt beschlossen wurde – sei verfassungswidrig. Die größte Gefahr für unsere freiheitliche Demokratie resultiere nicht aus den aktuellen Corona-Restriktionen, sondern daraus, dass sie zur ‚neuen Normalität‘ werden: „Die Politik ist dabei, die freiheitliche Verfassungsordnung in ein unfreiheitliches Pandemieregime zu verwandeln.“ Um „ganz sicherzugehen, dass das Infektionsgeschehen nicht wieder aufflammt“, werde dann wohl „eine Nullinzidenz zur Voraussetzung für die Rückgabe der Grundrechte“ gemacht: „Die Beweislast wird umgedreht: Nicht mehr der Staat muss beweisen, dass die Grundrechtseinschränkungen notwendig sind, sondern die Bürger können erst dann damit rechnen, von der Obrigkeit stückweise ‚neue Freiheiten‘ (Merkel) zugeteilt zu bekommen, wenn aus Sicht der Regierung feststeht, dass keine Corona-Gefahr mehr besteht. Hinnerk Wißmann (ein deutscher Staatsrechtler, d. Red.) hat das treffend kommentiert: ‚Freiheit, die ihre Ungefährlichkeit beweisen muss, ist abgeschafft.‘ (...) Die Politik legt der ganzen Bevölkerung den Lockdown auf, weil irgendwo zwischen den 99,9 Prozent nicht infektiösen Menschen auch noch weniger als 0,1 Prozent Menschen herumlaufen, die für ein paar Tage das SARS-CoV-2-Virus weitergeben können. Eine derartige massenhafte Freiheitsbeschränkung für Menschen, von denen keinerlei Gefahr ausgehe, ist historisch ohne Vorbild. (...) In einer Situation, in der die Überlastung des Gesundheitssystems nicht mehr zu befürchten ist, ist der Lockdown nicht mehr verhältnismäßig. Die von der Bundesregierung jetzt verfolgte Inzidenzpolitik ist irrational und verfassungswidrig. (...) Kein Richter, der sich nicht als Büttel der Regierung versteht, kann die Rechtfertigung des Lockdowns mit der Überschreitung eines Inzidenzwertes akzeptieren. Der Inzidenzwertfetischismus der Regierung muss jetzt abdanken.“

 „Die Gerichte hätten viel früher einschreiten müssen“, schreibt Politik-Redakteurin Ricarda Breyton am 15. Februar: „Je länger der Ausnahmezustand andauert, desto größer werden verfassungsrechtliche Zweifel. (...) Warum greifen Gerichte und Parlamente nicht stärker ein? Staatsrechtler haben inzwischen erhebliche Bedenken an der Pauschalstrategie.“ Und die Journalistin Susanne Gaschke kommentiert am 21. Februar: „In der Krise müssen die Verfassungsexperten endlich das Wort ergreifen: Warum hört man in der unheimlichsten Verfassungskrise, die unsere Bundesrepublik je erlebt hat, eigentlich so wenig von den Verfassungsjuristen? Der eine oder andere äußert sich besorgt, das stimmt, aber wo ist der Aufstand gegen einen Ausnahmezustand, dessen Begründungen immer fadenscheiniger und dessen Gewöhnungseffekte immer gefährlicher werden? Wo sind die Konferenzen, die offenen Briefe, die Anzeigenkampagnen? (...) Sind die berühmten deutschen ‚Staatsrechtslehrer‘ vielleicht einfach zu verblüfft von der schneidigen Unverfrorenheit der neuen Exekutivmacht?“

„Deutschland verschiebt die Freiheit auf unbestimmt“ schreibt Gaschke zwei Wochen später in einem Gastkommentar für die Neue Zürcher Zeitung am 5. März: „Wenn sich Ministerpräsidenten oder Parlamentarier nicht endlich ermannen, kann Angela Merkel die Suspendierung der Grundrechte mit immer schlampigeren Begründungen bis zur Bundestagswahl im September fortsetzen. (...) Die Landesparlamente und der Bundestag haben sich von Anfang an in ihre Entmächtigung ergeben – Debatten werden, wenn überhaupt, nur widerwillig und nach den Beschlüssen der Exekutivebene geführt.“

Die Süddeutsche Zeitung, einst das Flaggschiff einer engagierten, objektiven Berichterstattung, versteigt sich in einem Gastbeitrag des Schriftstellers Thomas Brussig zu der Überschrift „Mehr Diktatur wagen“: „Man sollte die Corona-Leugner endlich beim Wort nehmen: Die Pandemie erfordert den Ausnahmezustand.“ Die „coronabedingte Ohnmachtserfahrung“ wurzele darin, „dass wir die Corona-Krise mit den Mitteln der Demokratie bewältigen müssen. (...) Wie mit dem Coronavirus umzugehen ist, ist Behau der Wissenschaft und nur der Wissenschaft. (...) ‚Mehr Diktatur wagen!‘ wäre das Gebot der Stunde.“

„Corona hat geschafft, was die Weltkriege nicht geschafft haben“, konstatiert Heribert Prantl, Jurist. Publizist und Kolumnist der SZ, in einem Beitrag für die WELT, der seinem gerade erschienenen und höchst lesenswerten Buch Not und Gebot – Grundrechte in Quarantäne“ (C.H. Beck Verlag, 18 Euro) entnommen ist: „Selbst die Kirchen wurden geschlossen, Hochzeiten und Taufen fielen aus, Firmungen wurden abgesagt und Konfirmationen, Beerdigungen durften nur noch im kleinsten Kreis stattfinden. Der Ausnahmezustand lugte nicht mehr nur um die Ecke, er war da. Und es herrschte eine allgemeine Stille, auch darüber. (...) Wir haben erlebt, dass (...) Grundrechte als Ballast und als Gefahr gelten im Kampf gegen Covid-19. Was eigentlich Irrsinn ist, galt und gilt, wenn es um Corona-Prävention geht, als sinnhaft, als geboten, als alternativlos, als absolut notwendig, als noch lang nicht ausreichend.“ Man müsse der Eigenverantwortlichkeit des einzelnen mehr vertrauen, plädiert Prantl in einem Interview mit dem SWR1. Die pauschalen Regelungen der Regierung und der Ministerpräsident*innen seien zu generalisierend gewesen. Prantl bricht in seinem Buch auch eine Lanze für den Optimismus, den der Pfarrer und Widerstandskämpfer gegen die Nazis Dietrich Bonhoeffer dereinst als „die Gesundheit des Lebens“ bezeichnete: „Diese Gesundheit des Lebens für die Zeit in und nach Corona wünsche ich uns: dass die Menschen wieder miteinander reden können, dass die angstbesetzte Polarität der Reaktionen auf Corona einem zuhörenden und diskutierenden Miteinander Platz macht. Hoffnung ist der Wille zur Zukunft. Diese Hoffnung muss wieder Atem bekommen.“

Schon mehrfach meldete sich der frühere Verfassungsrichter Hans-Jürgen Papier zu Wort. Jetzt hat er es wieder getan: „Die Menschen dieses Landes sind keine Untertanen“ sagte er in einem Gespräch mit der WELT. „Grundrechte kann man nicht beliebig entziehen und neu vergeben.“ Schon vor der Pandemie konstatierte er eine „fortschreitende Aushöhlung des Rechtsstaats“: „Die Werteordnung unserer Verfassung war schon vor der Pandemie einer partiellen, schleichenden Erosion ausgesetzt, es waren Diskrepanzen zwischen Verfassung und politischer wie gesellschaftlicher Wirklichkeit zu verzeichnen. (...) Ich habe neulich eine Formulierung gehört, die etwa lautete: Wenn die epidemiologische Lage so bleibt, wie sie jetzt ist, dann kann es keine neuen Freiheiten geben. (...) Darin kommt die irrige Vorstellung zum Ausdruck, dass Freiheiten den Menschen gewissermaßen vom Staat gewährt werden, wenn und solange es mit den Zielen der Politik vereinbar ist. Nein, es ist umgekehrt!“ (...) Es wäre zu begrüßen, wenn jeder Bürger sich seines Wertes der Freiheit, immer verbunden mit der Verantwortung gegenüber dem Gemeinwesen, dem anderen und auch gegenüber sich selbst, bewusst wäre. Seit der Zeit der Aufklärung wurde die Verfassungsstaatlichkeit in Europa mühsam erkämpft. Wir sollten sie nicht zugunsten eines paternalistischen Fürsorgestaates aufgeben.“

Tatsächlich mehren sich die Stimmen, die die ständigen Verlängerungen der Lockdowns nicht mehr hinzunehmen bereit sind: „Es reicht, Herr Spahn! Zu wenig Masken, zu wenig Impfstoff, zu späte Schnelltests: Die Krisenpolitik wird zur Farce. Das muss Konsequenzen haben.“, schreibt Dirk Kurbjuweit, Leiter des Hauptstadtbüros und Stellvertretender Chefredakteur des SPIEGEL in seinem Leitartikel am 5. März 2021 und fordert Spahns und Merkels Rücktritt: „Der Staat versagt und bricht seine Versprechen.“ Die Regierung habe vor allem auf der technisch-organisatorischen Seite der Krisenpolitik versagt, die Hauptverantwortung dafür trage die Kanzlerin; Spahn sei für die Pleiten mitverantwortlich, zeige sich der Lage persönlich nicht gewachsen und habe durch sein Verhalten jedes Vertrauen verspielt: „Eigentlich wären jetzt zwei Rücktritte fällig.“

Auch der Chefredakteur der WELT, Ulf Poschardt, bläst in dieses Horn: „Frau Bundeskanzlerin, Deutschlands Geduld ist am Ende“, schreibt er am 3. März in einem Offenen Brief an Merkel (Bezahlschranke). Merkel halte an der Politik des kaum enden wollenden Lockdowns fest: „Die apokalyptischen Reiter in Gestalt lustvoll pessimistischer Naturwissenschaftler machen Angst, wo Perspektiven wichtig wären.“ Und der STERN bezeichnet Spahn in einem ausführlichen Portrait gar als „Gesicht des Desasters".

Der Amtsrichter Thorsten Schleif aus Dinslaken ermutigt als erster deutscher Richter die Bürger*innen, sich gegen Corona-Bußgelder zu wehren: „Bürger sollten vor Gericht ziehen, wenn der Staat ihre Freiheiten auf ‚rechtswidrige Weise‘ einschränke“, schreibt focus.de. „Jeder Bürger hat das garantierte Recht, die Gerichte anzurufen, wenn seine durch das Grundgesetz geschützten Freiheiten – mitunter in offensichtlich rechtswidriger Weise – durch die öffentliche Gewalt eingeschränkt werden“, sagt Schleif. „Viele scheinen vergessen zu haben, dass der Bürger der alleinige Souverän dieses Landes ist. Regierung, Gesetzgebung und Rechtsprechung sind nur die Diener dieses Souveräns.“ Vielen Menschen sei gar nicht bewusst, dass sie gegen eine Corona-Auflage verstoßen haben, „weil die Vorschriften so unverständlich und dilettantisch formuliert sind“, so Schleif. Wer gegen Auflagen des Infektionsschutzgesetzes verstößt, muss mit einem Bußgeld rechnen, das je nach Vergehen und Bundesland zwischen 150 und 25.000 Euro schwanken kann. In Berlin sind dazu im Januar und Februar bereits 291 Verfahren anhängig, fast genauso viele wie im ganzen Jahr 2020.

Und gerade hat ein anderer Amtsrichter in Ludwigsburg geurteilt, dass ein Bußgeldbescheid gemäß Corona-Verordnung rechts- und faktenwidrig war und daher einen Freispruch verkündet, wie Peter F. Mayer in seinem Blog tp berichtet: „Damit bezeichnet ein weiteres Gericht Corona-Maßnahmen als verfassungswidrig. Das Urteil zerpflückt nicht nur die rechtliche Seite, sondern befasst sich auch ausführlich damit, was der öffentliche Raum ist, wie die Nähe und der Abstand von Personen festzustellen ist und was davon geregelt werden kann und darf. Die Verordnungen kommen dabei gar nicht gut weg."

Wie die Menschen in Deutschland generell auf die Corona-Maßnahmen blicken, hat die Bertelsmann-Stiftung untersuchen lassen: „Die Freiheit und das Gemeinwohl: Wie Corona Deutschland spaltet und auch eint“. Dabei zeigen sich sieben verschiedene Wertemilieus mit deutlichen Unterschieden bei der Abwägung zwischen Gemeinwohl und individueller Freiheit. Das gilt auch für die Impfbereitschaft. Einigkeit herrscht dagegen beim Wunsch nach gesellschaftlicher Veränderung.

Die braucht auch dringend unser Gesundheitswesen, denn zwischen Anfang April und Juli 2020 haben über 9.000 Pflegekräfte in Krankenhäusern und in der Altenpflege während der Pandemie ihren Job hingeschmissen. Das geht aus bislang unveröffentlichten Zahlen der Bundesarbeitsagentur hervor, wie die WELT berichtet.

Nur selten wird auch darauf hingewiesen, dass Corona Arme härter trifft als Reiche. Dabei gibt es in Deutschland „ausgezeichnete soziologische Forschungen zu den Folgen der Pandemie“, sagt der Soziologie-Professor Oliver Nachtwey in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. „Aber auf staatlicher Seite weiß und kommuniziert man viel zu wenig über die Sozialstruktur der Infektionen. Schließlich müsste an dann ja zugeben, dass Deutschland eine Klassengesellschaft ist und Menschen aus der Unterklasse ein höheres Infektionsrisiko haben. (...) Täglich hören wir das Mantra ‚Corona trifft uns alle gleich.‘ Nein, wir sitzen nicht im selben Boot. (...) Die Risiken sind dramatisch ungleich verteilt.“ Migranten arbeiten häufier in Jobs, „in denen die Infektionsgefahr schlicht höher ist: DHL, Amazon ... Und wenn man mit mehreren Personen auf 38 Quadratmetern ohne Balkon lebt, ist ebenfalls klar, dass die Infektionszahlen steigen. Aber dann geht das Geschimpfe los, dass ‚die‘ sich nicht an die Regeln halten. Da mischen sich Rassismus und Klassenverachtung.“

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Impfkampagnen und Big Pharma

Treiben wir den Teufel mit dem Beelzebub aus?

Eines ist klar: Die Impfung, die viele immer wieder als Allheilmittel und einzigen Ausweg aus der Pandemie preisen, wird uns nicht erlösen – ganz im Gegenteil. RKI-Präsident Lothar Wieler sagte schon im Januar: „Je mehr wir impfen, desto mehr Varianten werden auftreten.“

Auch der holländische Virologe und Impf-Experte Geert Vanden Bossche (der aufgrund seiner beruflichen Laufbahn über jeden Zweifel, ein Corona-Leugner zu sein, erhaben ist) warnt in einem offenen Brief an die WHO vor einem solchen Effekt sowie den möglichen Folgen der derzeit laufenden Massenimpfungen und fordert eine öffentliche Debatte unter Expert*innen der WHO und weltweit. Seine Argumentation: Die Annahme, man könne mit Massenimpfkampagnen die Infektionsrate substantiell reduzieren und neue Virus-Mutanten verhindern, sei grundlegend falsch, weil durch das breitflächige und massenhafte Impfen erst recht neue und noch infektiösere Virusmutanten entstehen können. Da die Massenimpfkampagnen in der gefährdeten, älteren Bevölkerungsgruppe begonnen haben, könnten nicht geimpfte jüngere Altersgruppen zu einem Nährboden für neue, infektiöse Varianten werden, die dann die Oberhand gewinnen und zu einem dramatischen Anstieg der Neuerkrankungen trotz erhöhter Durchimpfungsraten führen. Damit einher ginge eine zunehmende Resistenzentwicklung der Viren gegen die Impfstoffe.

Führen die Impfungen dann also womöglich erst recht zu neuen Problemen? Treiben wir den Teufel mit dem Beelzebub aus? Geraten wir mit der derzeitigen Politik womöglich immer tiefer in eine nicht enden wollende Spirale aus Impfkampagnen und Lockdowns? Und steigern wir mit antiviralen Impfstoffen, die in gesunde Prozesse der mikrobiellen und genetischen Regulation eingreifen, womöglich das Risiko für Autoimmunerkrankungen, wie der Arzt und Viren-Spezialist Thomas Hardtmuth in einem Beitrag für die Zeitschrift „Das Goetheanum“ befürchtet?

All das sind offene Fragen. Sie sind jedoch umso bedeutsamer, wenn man sich die Politik der Impfstoffhersteller genauer betrachtet, wie das die BUKO Pharma-Kampagne in ihrem „Pharma-Brief“ im März getan hat. „Atemberaubende 86,5 Milliarden Euro steckten Staaten bislang in Abnahmeversprechen für Covid-19-Impfungen – das entspricht fast einem Zehntel des gesamten Weltpharmaumsatzes“, heißt es in dem Pharma-Brief. Aber damit nicht genug, die Hersteller gehen regelrecht erpresserisch vor. So setzte z. B. der Pharma-Gigant Pfizer Staaten in Lateinamerika massiv unter Druck, um keinerlei Haftung für Nebenwirkungen und Folgen des m-RNA-Impfstoffs übernehmen zu müssen, ansonsten würden sie keine Impfstoffe liefern. Die Staaten sollen auch dann haften, wenn es sich um Versäumnisse der Herstellerfirma, um Nachlässigkeit, betrügerische oder boshafte Absicht oder Fehler in Betriebsabläufen handelt. Pfizer verlangte sogar, dass die Länder Staatsvermögen als Sicherheit einsetzen sollten – z. B. Bankreserven, Botschaftsgebäude oder Militärbasen.   

Die Gewinne streicht Pfizer also ein, die Kosten und das Risiko tragen die Staaten, mithin die Steuerzahler*innen. Schon die Entwicklung der Impfstoffe wurde massiv mit Steuergeldern unterstützt: Allein Deutschland hat BioNTech/Pfizer dafür 375 Millionen Euro zur Verfügung gestellt; die USA bezahlten für 100 Millionen Impfdosen zwei Milliarden US-Dollar vorab, als der Impfstoff die Phase III der klinischen Prüfungen noch gar nicht erreicht hatte. Für 2021 erwartet Pfizer allein mit dem Impfstoff einen Umsatz von 15 Milliarden US-Dollar.

Eine interessante Kosten-Nutzen-Analyse der Corona-Impfstoffe hat Harald Walach in seinem Blog veröffentlicht. Dabei kommt er zu dem Schluss: „Wir müssten zwischen 25.000 und 10 Millionen Menschen gegen Covid-19 impfen, um einen Todesfall zu verhindern.“ Die Spanne ist so groß, weil die bisherigen  Studien unterschiedliche Ergebnisse liefern und noch keine eindeutigere Aussage zulassen. Er schreibt weiter: „Das klingt zunächst nicht sonderlich problematisch. Dann impfen wir halt alle. Das ist ja auch die momentane Politik. Allerdings übersieht diese Haltung eine wichtige Größe: Wir kennen die Kosten dieser Politik nicht. (...) Alle Covid-19-Impfstoffe kamen auf den Markt, ohne dass die entsprechenden Sicherheitsdaten vorlagen, die normalerweise gefordert werden.“ Im Moment, so Walach, „haben wir eine 50:50-Chance, dass das Spiel gut ausgeht und wir mit dieser Strategie Leben retten anstatt sie zu gefährden.“ Ein Vergleich mit den herkömmlichen Impfstoffen zeige, dass die Anzahl der gemeldeten Nebenwirkungen bei den Covid-19-Impfstoffen, standardisiert auf 100.000 Impfungen, um den Faktor 10 bis 60 höher ist: „Um einen Todesfall zu verhüten, müssten wir im besten Fall 240 bis 1.200 ernste Nebenwirkungen in Kauf nehmen. Im schlechtesten Fall sind es 60.000 bis 300.000 Nebenwirkungen, die Hälfte davon werden schwere sein.“ Ganz abgesehen von der Dunkelziffer, denn die Nebenwirkungsmeldungen bei Impfungen seien „notorisch unzuverlässig“. Und Walach gibt zu bedenken: „Viele der Menschen, die da geimpft werden und möglicherweise ernste Nebenwirkungen davontragen, wären nicht unbedingt an dem Virus erkrankt. Eine Impfung ist immer noch, juristisch gesehen, eine Körperverletzung, zwar im Idealfall mit Einverständnis des Beteiligten, aber immerhin. Es ist sehr bedenklich, dass diese Seite der Medaille komplett unbeachtet bleibt.“

Währenddessen setzt die Politik weiterhin vor allem auf das Impfen als Ausweg aus der Pandemie. Jens Spahn hat bereits „mehr Freiheiten für Geimpfte beim Reisen und Einkaufen“ angekündigt: „Wer vollständig geimpft wurde, kann in Zukunft wie jemand behandelt werden, der negativ getestet wurde.“ Und das, obwohl weiterhin unklar ist, ob Geimpfte das Virus weitergeben können oder nicht, auch wenn das Robert-Koch-Institut berichtet, Geimpfte seien kaum noch ansteckend.

Denn entgegen aller bisherigen Verlautbarungen ist es mitnichten bereits bewiesen, dass sich das Übertragungsrisiko nach einer Impfung verringert (siehe Tagesschau am 29. März 2021). Die STIKO geht weiterhin davon aus, dass auch nach einer Impfung eine Ansteckungsgefahr bestehe: „Es muss davon ausgegangen werden, dass Menschen nach Kontakt mit dem Virus (Exposition) trotz Impfung symptomatisch oder asymptomatisch infiziert werden können und dabei das Virus SARS-CoV-2 ausscheiden (nachgewiesen durch PCR-Testung).“ Weitere Einzelheiten zu dieser Frage hat der Kinderarzt und Impf-Spezialist Steffen Rabe auf seiner Homepage gut verständlich dargelegt.

Spahns Vorstoß stieß bisher innerhalb der Regierung auf wenig Gegenliebe. Kein Wunder – er bricht damit nämlich mit der Lockdown-Logik: „Zu Ende gedacht bedeutet er [der Plan Spahns], dass der Lockdown beendet werden muss“, schreibt die WELT. „Denn was hätte es für einen Sinn, wenn Geimpfte ihre Rechte wieder ausüben können, aber es keine gesellschaftlichen Räume und Betätigungen gibt, diese auch wahrzunehmen? (...) Wenn es mit Geimpften also Menschen gibt, die ihre Rechte wieder ausüben können, würde dies zwingend erfordern, die Corona-Politik gänzlich neu auszurichten.“

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Inzidenz unter 20

„Epidemische Notlage“ verlängert

 

Corona-Spezial Juni 2021 - Der Bundestag hat mit 375 Ja-Stimmen (= 53 Prozent), 218 Nein-Stimmen (= 31 Prozent) und 6 Enthaltungen (= 0,8 Prozent) die „epidemische Lage von nationaler Tragweite“ bis zum 30. September verlängert. Damit kann Bundesgesundheitsminister Spahn weiterhin Rechtsverordnungen und Anordnungen nach dem Infektionsschutzgesetz erlassen, ohne dass das Parlament oder die Länder gehört oder beteiligt werden müssen. In der Begründung für den Antrag der Regierungskoalition hieß es, es bestehe trotz einer Inzidenz von bundesweit unter 20 (und regional sogar von unter 10 bis Null) weiterhin „eine ernsthafte Gefahr für die öffentliche Gesundheit“, vor allem durch Virusmutationen.

Die Ja-Stimmen stammten von CDU/CSU, SPD und Grünen, dagegen waren lediglich Abgeordnete der FPD und der AfD. Bemerkenswert war, dass bei einer derart wichtigen Abstimmung 110 Abgeordnete und damit 15,2 Prozent des Parlaments nicht anwesend war und somit auch nicht mit abstimmte.

Es war absehbar, dass der Bundestag so beschließen würde, und auch wenn die SPD noch im Februar auf einer Befristung bis maximal zum 30. Juni bestanden hatte, sagte jetzt SPD-Fraktionsvize Dirk Wiese gegenüber der WELT: „Es ist unstrittig, dass wir die epidemische Lage noch einmal verlängern.“ Es seien viele Verordnungen daran geknüpft, vor allem auch im Hinblick auf die Kapazitäten der Kliniken. Auch sei die Infektionsgefahr keinesfalls gebannt, werde man jetzt leichtsinnig, lande man schnell im nächsten Jo-Jo-Effekt. Und wieder einmal gehörte der Grünen-Politiker Janosch Dahmen zu den Hauptbefürwortern der Verlängerung, weil „noch rund 50 Millionen Menschen in Deutschland ungeimpft“ seien, hinzukämen „ungelöste Herausforderungen“ im Sommer wie z. B. Virusmutationen, die Impfung von Kindern und Jugendlichen sowie die Frage, wann Auffrischimpfungen anstehen müssten.

„Angesichts einer bundesweiten Sieben-Tage-Inzidenz von momentan 19 grenzt es ans Groteske, wenn Volksvertreter konstatieren, dass Deutschland sich im Klammergriff der Seuche befinde“, schreibt der Berlin-Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung, Alexander Kissler, im NZZ-Newsletter „Der andere Blick“. „Unter der Hand und ohne Debatte hat sich die große Koalition einer No-Covid-Strategie verschrieben. (…) Die Willkür regiert – und die Freude an einem scheinevidenzbasierten Angstmanagement. Vielleicht ist die unfassbar langsam anlaufende Impfkampagne auch solcher Prioritätensetzung geschuldet.“

Schon im April hatte sich abgezeichnet, dass die von Politiker*innen und Medien vielfach beschworenen Horrorszenarien nicht eingetreten sind, wie die WELT unter der Überschrift „Die Katastrophe, die ausfiel“ berichtet. Denn mitnichten liefen die Intensivstationen voll, geschweige denn waren sie überfordert, mitnichten stellten die unter 50-Jährigen die größte Gruppe der Covid-19-Patient*innen, und die Inzidenz ging nicht mit Zahlen nahe oder über 500 durch die Decke, wie diverse Modellierer vorausgesagt hatten. Im März hatte der SPIEGEL geraunt, dass im Mai 25.000 Covid-19-Patient*innen auf den Intensivstationen lägen, und „die Hälfte der Beatmungspatienten sterben“ werde. Nichts davon ist eingetreten.

Und es ist auch sehr fraglich, ob die daraufhin ausgelöste „Notbremse“ mit ihren legitimierten Ausgangssperren tatsächlich den Ausschlag gab, dass die Zahlen sanken und das Infektionsgeschehen jetzt mit zunehmenden sommerlichen Temperaturen nahezu zum Erliegen gekommen ist. Denn die Trendumkehr begann schon vorher, wie die WELT in einer Analyse belegt und die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie, Eva Grill, zitiert: „Die ‚Notbremse‘ kann diese Zahlen [die sinkende Inzidenz, d. Red.] noch nicht direkt beeinflusst haben, dafür ist sie noch nicht lang genug in Kraft.“ Das Gesetz war am 24. April verabschiedet worden, die Zahlen sanken schon zwei Tage danach. Der Nachweis, dass die Ausgangssperre die dritte Welle gebrochen hat, sei „schwierig bis unmöglich“: „Wir haben keine klare Datenlage, und ich kann nicht behaupten, dass es einen direkten kausalen Zusammenhang gibt“, zitiert die WELT den Infektionsepidemiologen Timo Ulrichs, Berlin. Das deckt sich mit den Äußerungen namhafter Aerosolforscher wie Gerhard Scheuch: „Ich glaube nicht, dass diese paar Stunden nächtliche Ausgangssperre irgendeinen Effekt auf die Inzidenzen haben.“ Es sei eher dem Impffortschritt und der saisonalen Entwicklung zuzuschreiben, dass die Zahlen zurückgehen.

Verfassungsrechtlich ist diese Fortsetzung der „epidemischen Lage“ allerdings problematisch. Dafür müsse eine „systemische Gefahr für die öffentliche Gesundheit“ bestehen, wie der Regensburger Verfassungsrechtler Thorsten Kingreen schon 2020 in einem Gutachten geschrieben hatte. Liegen die Voraussetzungen dafür nicht mehr vor, müsse die epidemische Lage durch das Parlament beendet werden. Bisher gibt es allerdings noch keinen Aufschrei der Juristen und auch nicht der Bevölkerung. Nur die FDP forderte ein sofortiges Ende dieses Zustands: Wenn die Tendenz sinkender Zahlen und steigender Impfquoten weiterhin anhalte, seien „die Kriterien für die epidemische Lage nicht mehr gegeben“, so die gesundheitspolitische Sprecherin der FDP Christine Aschenberg-Dugnus gegenüber der WELT.

Dass Zweifel an Modellierungen und Panikszenarien offenbar nicht erwünscht sind, zeigt ein bemerkenswerter Beitrag des Mathematikers Prof. Dr. Stephan Luckhaus von der Universität Leipzig. Er hatte – selbst seit 2007 Senator der Sektion Mathematik an der Deutschen Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina und Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft – im Auftrag der Leopoldina die Corona-Zahlen genauer unter die Lupe genommen und war zu anderen Ergebnissen als offizielle Stellen und die Berater*innen der Regierung gekommen. Einer der Gutachter für diese Arbeit, ein Virologe, schrieb ihm daraufhin: „Warten Sie mit der Publikation ein paar Monate, denn der Artikel steht im Widerspruch zu dem Artikel der Gesellschaft für Virologie.“ Als Luckhaus daraufhin vorschlug, die Arbeit wenigstens intern als seine persönliche Stellungnahme an die Mitglieder der Gesellschaft zu verteilen, wurde auch dies abgelehnt – angeblich aus Gründen des Datenschutzes. Ähnliches habe er auch in der Max-Planck-Gesellschaft erlebt, berichtet Luckhaus und kommentiert, das gebe „eine ungefähre Vorstellung, was sich hinter der Vokabel ‚Konsens in der Wissenschaft‘ verbirgt“. Als Konsequenz trat er aus beiden Gesellschaften aus: „Ich bin anscheinend doch kein Konsens-Typ …“

Sie möchte wieder zurück zu einer „vernünftigen, demokratischen, offenen Gesellschaft“, sagte Ulrike Guérot, Professorin für Europapolitik an der Donau-Universtität Krems und Mitunterzeichnerin des „Manifest der offenen Gesellschaft“, am 31. Mai in einer Diskussionsrunde des österreichischen Fernsehens ORF unter dem Motto „Zwischen Optimismus und Sorglosigkeit – wie viel Freiheit erlaubt die Pandemie?“ Sie beobachte, dass „wir seit 14 Monaten eine Zielverschiebung haben. Wir sind angetreten, als es losging, da wollten wir die vulnerablen Gruppen schützen und die Älteren, und das ist ja völlig normal. Jetzt sind wir bei Durchimpfungen und dann sind wir bei Herdenimmunität, jetzt impfen wir schon die Kinder, obwohl es eigentlich keine Indikation dafür gibt. Was ich feststelle ist, dass wir über 14 Monate eine permanente Verschiebung von politischen Zielen haben, was es zu erreichen gilt. Und da mache ich mir als Politikwissenschaftlerin erstmal Sorgen, zu sagen: Was wollen wir denn erreichen? Was ist denn das Ziel? Oder haben wir überhaupt noch das Ziel, und das wäre ja mein Ziel, dass das Ziel aller Maßnahmen die Beendigung aller Maßnahmen ist?“

Ulrike Guérot untermauerte ihre Äußerungen auch durch die aktuellen Zahlen aus dem europäischen Ausland: In Frankreich sei alles schon am 19. Mai wieder geöffnet worden und die Maskenpflicht gefallen, ähnlich in Spanien und Portugal, halb USA sei offen und die Maskenpflicht stellenweise sogar verboten, in der Ukraine, auf dem Balkan, in Russland sei alles offen – und weder die Inzidenz noch die Todeszahlen sind gestiegen. Nur in Deutschland und Österreich gebe noch weiterhin „zementierte Diskussionen“. Es gebe inzwischen einen Konformitätsdruck auf die Bevölkerung, sich impfen zu lassen, auch wenn es keine Impfpflicht gebe, weil das rechtlich problematisch werde: „Damit hat der Staat sich rausgehalten, und das wird jetzt auf die Gesellschaft verlagert.“

Das zeigte sich jüngst augenfällig an dem Ausschluss der Schauspielerin Eva Herzig von der Produktion des „Steirerkrimis“. Sie hatte sich geweigert, sich gegen Covid-19 impfen zu lassen, weil ihr die Impfung noch zu unerforscht war. Es sei „aus rechtlicher Sicht zu prüfen, ob es einen indirekten Impfzwang gibt“, sagte dazu die Rechtswissenschaftlerin Katrin Gierhake, Inhaberin des Lehrstuhls für Strafrecht, Strafprozessrecht und Rechtsphilosophie an der Universität Regensburg, in einem Interview mit der Berliner Zeitung. Der jetzt auf den Weg gebrachte europäische Impfausweis könne „als ‚Eintrittskarte‘ für alle gesellschaftlichen, religiösen, sportlichen oder kulturellen Ereignisse gelten. Ein Impfnachweis würde den Besuch von Innenstädten oder Einkaufszentren, von Gottesdiensten, Theatern, Volksfesten, Restaurants, Kinos und Ähnlichem ermöglichen. Auch der Zugang zu Präsenzveranstaltungen an Universitäten oder Fachhochschulen, Bildungs- und Sprachangeboten stünde Geimpften dann vermutlich wieder offen. Dasselbe könnte für Reisen gelten. (…) Anders als im Mittelalter, wo Erkrankte an abgelegenen Orten isoliert wurden, würden ungeimpfte Gesunde mitten in der Gesellschaft faktisch ausgeschlossen.“ Der Staat müsse deshalb einen indirekten Impfzwang unterbinden. Gierhake bemängelt auch das derzeitige Monitoring über Impf-Nebenwirkungen: „Eine ordentliche staatliche Kontrolle würde bedeuten, dass die impfenden Ärzte die Geimpften nach einer bestimmten Zeit fragen, ob und welche Beschwerden sie haben. In den Impfzentren hat es nach der Impfung meines Wissens keine Betreuung gegeben.“ Die vom Paul-Ehrlich-Institut entwickelte App sei für über 80-Jährige nicht zumutbar, schon Jüngere hätten Schwierigkeiten damit. „Der Staat ist seinen Pflichten hier aus meiner Sicht nicht nachgekommen.“ Gierhake fordert „einen sachlichen, offenen Diskurs. (…) Wir müssen nicht nur in der Bildung die Kritikfähigkeit und das eigene Denken stärken. Das Ziel muss es sein, die Mündigkeit der Bürger aktiv zu fördern. Junge wie alte Menschen müssen sich klarmachen, dass es um die Integrität ihres Körpers und um ihre Freiheit geht, und nicht einfach um einen Piks als Ticket in die Normalität.“

In eine ähnliche Richtung argumentieren auch Elisa Hoven, Professorin für Strafrecht an der Universität Leipzig und Richterin des Verfassungsgerichtshofs des Freistaates Sachsen, und Frauke Rostalski, Professorin für Strafrecht an der Universität zu Köln und Mitglied im Deutschen Ethikrat in einem Gastbeitrag für die WELT: „Ist die Funktionsfähigkeit des Gesundheitssystems nicht (länger) bedroht, müssen die eingriffsintensiven Corona-Schutzmaßnahmen enden, wenn die Risikogruppen ein Impfangebot erhalten haben. Für Geimpfte ist die Wahrscheinlichkeit eines schweren Verlaufs so deutlich reduziert, dass sich Covid-19 dann als allgemeines Lebensrisiko erweist – das keine Freiheitsbeschränkung Dritter mehr rechtfertigt. Es kommt dann also gerade nicht darauf an, wie viel Prozent der Bevölkerung bereits tatsächlich geimpft sind – wie zum Beispiel RKI-Chef Lothar Wieler meint, der einen Verzicht auf Maßnahmen erst bei einer Durchimpfung der Bevölkerung von 80 Prozent annehmen möchte. Wer sich trotz erhöhter persönlicher Gefährdung nicht impfen lassen und lieber eine Erkrankung in Kauf nehmen möchte, der darf dieses Risiko eingehen und der Staat ihn nicht gegen seinen Willen schützen. Angesichts des Impffortschritts ist es kaum denkbar, dass sich im Herbst noch Freiheitseingriffe verfassungsrechtlich rechtfertigen lassen – selbst dann nicht, wenn es eine ‚vierte Welle‘ geben sollte.“ Von der Regierung müsse verlangt werden, dass sie „sich an rechtlich legitimierten Zielen“ orientiere und „nicht an Inzidenzwerten“, und dass sie genau erkläre, „weshalb einschränkende Maßnahmen für die Erreichung gerade dieses Ziels geeignet, erforderlich und angemessen sind.“

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Zum Sehen, Hören, Lesen

Kultur für Herz, Geist und Sinne

Der Sommer ist noch nicht vorbei, und in den südlichen Bundesländern haben die Ferien gerade erst begonnen. Hier sind ein paar Tipps zum Sehen, Hören und Lesen – auf der Reise, am Ferienort oder auch einfach zuhause auf dem Sofa! 

 

Zum Sehen

Magische Stimmen
Gerade hat er zusammen mit den Musiker:innen von „musicAeterna“ bei den Salzburger Festspielen mit „Don Giovanni“ Triumphe gefeiert: Teodor Currentzis, der Shootingstar unter den Dirigenten. Der Fernsehsender arte hat ein ganz anderes Kleinod von ihm in der Mediathek, das Labsal ist in diesen unruhigen Zeiten: „Currentzis in der Sainte Chapelle in Paris“ (verfügbar bis 9. November 2021). Dort dirigiert Currentzis zwei von ihm gegründete Chöre: den musicAeterna byzantina und den Kammerchor musicAeterna, die beide vorwiegend a capella singen. Magisch. 

Geheimnisvolles Geflecht unter der Haut
Es ist ein Film, der schon 2017 von arte und ZDF produziert wurde, aber er ist immer noch aktuell und hat nichts von seiner Faszination verloren: „Faszien – geheimnisvolle Welt unter der Haut“ (noch bis 22. August 2021). Er zeigt, dass es sich mitnichten um irgendwelches bindegewebige Hüllmaterial handelt, sondern um ein hochkomplexes Organ, das maßgeblichen Einfluss auf unsere Gesundheit hat.

Monatelange Hängepartie
Die Suche nach einem Therapieplatz kann für psychisch Erkrankte zu einer monatelangen Hängepartie werden. Die Wartelisten für die Aufnahme in eine der einschlägigen Kliniken werden derzeit immer länger. Oft vergeht ein halbes Jahr, bis es endlich soweit ist. Gerade bei psychischen Störungen, bei akuten Erschöpfungszuständen, Depressionen oder Burnout – die alle in Corona-Zeiten massiv zugenommen haben – kommt es aber darauf an, schnell zu handeln. Der MDR hat sich dieses Themas angenommen und mit Betroffenen gesprochen: „Psyche auf der Warteliste – Hängepartie Therapieplatz“ heißt der Film, der noch bis 28. Juli 2022 in der ARD-Mediathek abrufbar ist.

Streiten will gelernt sein
Das österreichische Online Netzwerk oe24 hat ein bemerkenswertes Streitgespräch veranstaltet zwischen dem Polit-Aktivisten Sebastian Bohrn Mena und dem Polit-Blogger Gerald Grosz. Beide vertreten höchst gegensätzliche Positionen zur Corona-Politik in unserem Nachbarland. Das gut einstündige Hickhack wird kaum moderiert, und so gehen die beiden mehr oder weniger gepflegt aufeinander los und werfen sich diverse Unfreundlichkeiten an den Hals. Das ist Realsatire pur.

Etwas gesitteter, aber hart in der Sache geht es bei BILD Live zu, wo der Stellvertretende Chefredakteur Paul Ronzheimer ein gut einstündiges „Corona-Duell“ zwischen Wolfgang Kubicki und Karl Lauterbach moderiert. 

 

Zum Hören

Von den Toten lernen
Klaus Püschel, bis September 2020 Leiter des Instituts für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, war der erste, der zu Beginn der Corona-Krise darauf gedrungen hat, die an oder mit Corona Verstorbenen zu obduzieren und setzte sich damit über eine Anordnung des RKI hinweg. Zum Glück, denn auf seine Untersuchungen ist es zurückzuführen, dass rasch erkannt wurde, dass Covid-19 weniger eine Lungen- als eine Herz-Kreislauferkrankung ist, bei der das Gerinnungssystem aktiviert wird, mit der Folge, dass sich häufig Blutgerinnsel bilden, die die Adern blockieren.
Jetzt hat Püschel ein Buch geschrieben, das auch ungekürzt als Hörbuch vorliegt und anschaulich erklärt, warum die Rechtsmedizin der Schlüssel ist, um Krankheitsprozesse richtig zu verstehen und therapeutische Maßnahmen abzuleiten. Das Buch beschäftigt sich bei weitem nicht nur mit Covid-19, widmet dieser Problematik aber einen großen Abschnitt, bei dem nochmal vieles ans Licht kommt, was schon wieder in Vergessenheit geraten ist.
Wie aktuell gerade heute Püschels Plädoyer für die Obduktion immer noch ist, zeigt die oben im Abschnitt „Durchbruch-Infektionen: Geben auch Geimpfte das Virus weiter?“ berichtete Forderung des Heidelberger Pathologen Peter Schirmacher, zeitnah mit einer Covid-Impfung Verstorbene häufiger zu obduzieren. In seinem Buch hält Püschel auch nicht hinterm Berg mit seiner Ansicht, dass der Staat im Rahmen der Corona-Krise zu viel eingreift und zu wenig Vertrauen in die Bürger:innen hat. Für ihn kommt es darauf an, eine gute Balance zu finden zwischen dem Schutz vor Krankheitskeimen einerseits und der Freiheit und den Grundrechten andererseits. Gerade als Hörbuch ist dieses Buch besonders spannend. Und ebenso informativ ein Interview mit ihm auf NDR-Kultur.

Klaus Püschel: Die Toten können uns retten. Wie die Rechtsmedizin hilft, Krankheiten zu erforschen und das Sterben zu verhindern. Quadriga Verlag, 255 Seiten, 20 Euro (Hardcover), 16,99 Euro (Hörbuch).

 

Zum Lesen

Einmal herzhaft lachen …
… können Sie bei der Lektüre dieser nicht ganz ernst gemeinten Meldung auf dem Internet-Portal Univadis über eine „neue eigenständige psychische Erkrankung“: die „Covid-19-isolierte akademische Logorrhoe“ (CIAL), eine Geschwätzigkeit also im Hinblick auf Covid-19.  Sie zeichne sich aus durch „anhaltende Schwierigkeiten, beim Denken, Sprechen oder Schreiben nicht Covid-19 zu erwähnen“ … Die Störung „verursacht klinisch relevanten Stress und beeinträchtigt das soziale und berufliche Leben der Betroffenen, auch ihre Glaubwürdigkeit als Akademiker leidet“ … Uneinsichtige Patienten hätten Wahnvorstellungen und seien „davon überzeugt, dass die störungsbezogene Aktivität trotz gegenteiliger Beweise nicht problematisch ist; und höchstwahrscheinlich sind sie viel zitierte Autoren zum Thema Covid-19“. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen scheinen nicht ausgeschlossen …

… und eher was zum Weinen
…ist ein Artikel aus der Neuen Zürcher Zeitung, deren Japan-Korrespondent Remo Geisser über die in diesem Land besonders weit verbreitete Plastiksucht berichtet, die geradezu wahnhafte Blüten treibt: „Lesen Sie diesen Text nicht Ihren Kindern vor!“ Aus Gründen: In japanischen Hotels hängt – natürlich in Plastik verpackt – ein „Überlebenssack“ aus Plastik an der Tür, den man sich im Fall des Falles über den Kopf stülpen soll … Ein gruseliger Text über eine gruselige Entwicklung, die umso gravierender erscheint, als jüngst Heribert Prantl, Kolumnist der Süddeutschen Zeitung, in seinem sonntäglichen Newsletter „Prantls Blick“ apokalyptische Zahlen meldete: „Seit Anfang der 1950er Jahre wurden weltweit neun Milliarden Tonnen Kunststoff hergestellt; über 75 Prozent sind heute Müll. (…) 2050 wird der Kunststoffmüll in den Ozeanen mehr wiegen als alle Fische zusammen. Nach Schätzungen der Umweltorganisation WWF kommen auf einen Quadratkilometer Meer bis zu 46.000 Teile Plastikmüll.“ Auf Platz Nummer 2 der weltgrößten Plastik-Exporteure steht gleich nach den USA übrigens … Deutschland. 

Die Corona-Politik und der Missbrauch der Wissenschaft
Auf die klugen Ausführungen des Wissenschaftsphilosophen Michael Esfeld haben wir schon mehrfach hingewiesen. Jetzt hat er zusammen mit dem Wirtschaftsethiker Christoph Lütge ein sehr lesenswertes Buch herausgebracht, in dem er ein weiteres Mal betont, dass es keine gesicherten Erkenntnisse gibt, mit denen die drastischen Corona-Maßnahmen gerechtfertigt werden könnten. Es sei ein Mythos, wenn behauptet werde, das sei alles evidenzbasiert. Zugleich weist dieses Buch aber auch Wege auf, wie diese und künftige Krisen besser bewältigt werden könnten, und es fordert die Rückkehr zur Freiheit.
Christoph Lütge, Michael Esfeld: Und die Freiheit? Wie die Corona-Politik und der Missbrauch der Wissenschaft unsere offene Gesellschaft bedrohen. Riva Verlag, 128 Seiten, 10 Euro  

Lehren aus 100 Jahren Leben
Benjamin Ferencz wurde 1920 in Transsilvanien geboren, studierte Jura in Harvard und beteiligte sich dann 1944 am D-Day, der Landung der Alliierten in der Normandie. Er war einer der Chefankläger bei den Nürnberger Prozessen und nahm an den Reparationsverhandlungen zwischen der BRD und Israel teil. Es ist ein Leben mit vielen Aufs und Abs und vor allem einem riesigen zivilgesellschaftlichen Engagement, ein Leben, von dem man viel lernen kann. Wie gut, dass Benjamin Ferencz jetzt seine Erfahrungen mit Unterstützung von Nadia Khomami in einem Buch zusammengefasst hat, und wie gut, dass sich schon so viele Menschen dafür interessiert haben – es stand einige Zeit auf der SPIEGEL Bestsellerliste. Sein wichtigstes Fazit lautet – und das erscheint gerade in dieser Zeit besonders wichtig: „Sag immer Deine Wahrheit“.
Benjamin Ferencz: Sag immer Deine Wahrheit. Was mich 100 Jahre Leben gelehrt haben. Heyne Verlag, 160 Seiten, 17 Euro

Von den Bäumen lernen
Als Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz vom Hochwasser heimgesucht wurden, stand unter anderem die Waldwirtschaft am Pranger: Zu viele Fichten, generell zu viel Nadelholz, zu wenig Mischwälder, zu wenig Laubbäume. Ein Laubbaum, so hieß es, könne 50mal mehr Wasser binden als Nadelhölzer. Schon seit der Förster Peter Wohlleben 2015 seinen Bestseller „Das geheime Leben der Bäume“ publizierte, wissen wir, dass Bäume sehr viel mehr sind als Holzlieferanten. Jetzt hat Wohlleben ein neues Buch publiziert, das zeigt, wie sich Bäume an das Klima anpassen können, und in welchem Maße wieder einmal der Mensch den Wald bedroht, der so wichtig ist für eine saubere und gesunde Umwelt. Es zeigt aber auch, was notwendig ist, um das Blatt zu wenden und den rücksichtslosen Raubbau zu stoppen. Wetten, dass das erneut ein Bestseller wird? Auf Platz 23 steht es jetzt schon …
Peter Wohlleben: Der lange Atem der Bäume. Wie Bäume lernen, mit dem Klimawandel umzugehen – und warum der Wald uns retten wird, wenn wir es zulassen. Ludwig Verlag, 256 Seiten, 22 Euro

Die Droge aus dem Arzneischrank
Fentanyl ist ein hochpotentes Schmerzmittel (es wirkt 100mal stärker als Morphin), das weithin eingesetzt wird. So wirksam es gegen schwere Schmerzzustände ist, so gefährlich ist es auch, weil es eine schwere Abhängigkeit auslösen kann – es wirkt 50mal stärker als Heroin, schon 2 Milligramm können tödlich sein. Viele Menschen sind ihm bereits zum Opfer gefallen sind – vor allem in den USA, in Europa, und inzwischen auch in Deutschland. „Fentanyl ist die tödlichste Droge in Amerika“, sagte 2018die amerikanische Gesundheitsbehörde. Mit Fentanyl wird heute im großen Maßstab gedealt. Der Investigativjournalist Ben Westhoff hat die Geschichte dieser Substanz recherchiert und aufgeschrieben. Herausgekommen ist ein erschütterndes Dokument, wie skrupellos ein an sich segensreicher Arzneistoff missbraucht wird. Bei Fentanyl handele es sich, so schreibt Westhoff in seinem Vorwort, „um eine Geschichte über den Amoklauf des globalen Kapitalismus.“ Hochspannend. Hochaktuell.
Ben Westhoff: Fentanyl. Neue Drogenkartelle und die tödliche Welle der Opioidkrise. Hirzel Verlag, 264 Seiten, 28 Euro

Der Mann am Klavier
Er ist bekannt als der Tausendsassa der Tasten: Joja Wendt. Jetzt hat er seine Biographie geschrieben, und es ist spannend zu lesen, wie Joja Wendt trotz eines schweren Unfalls in seiner Jugend, der ihn fast die Beweglichkeit der linken Hand gekostet hätte, zu einem Pianisten der Sonderklasse geworden ist, der ebenso in der Klassik wie im Boogie-Woogie, Blues und Jazz zuhause ist (auf YouTube finden sich zahlreiche Beispiele seiner Virtuosität). Er beschreibt seine Kindheit in der Türkei (der Vater war Arzt), seinen Weg zum Klavier und der Musik, die Zeit in den Clubs und Kneipen Hamburgs mit den Blues-Legenden wie Abi Wallenstein, und wie ihm dann überraschend Joe Cocker die Chance seines Lebens bot … Es ist ein ebenso unterhaltsames wie melancholisches und nachdenkliches Buch über ein spannendes Künstlerleben, das immer von der Aufrichtigkeit zur Musik getragen war und ist.
Joja Wendt: Spiel doch mal leiser! Warum es gut war, dass ich darauf nicht gehört habe. Nullviernull Tonproduktion und Verlag, 248 Seiten, 20 Euro

Ängste, Depressionen, Drogen

Das große Leid der Kinder

 

„Sind so kleine Hände, winz’ge Finger dran. Darf man nie drauf schlagen, die zerbrechen dann. Sind so kleine Füße, mit so kleinen Zeh’n. Darf man nie drauf treten, könn‘ sie sonst nicht geh’n. Sind so kleine Ohren, scharf und ihr erlaubt. Darf man nie zerbrüllen, werden davon taub. Sind so schöne Münder, sprechen alles aus. Darf man nie verbieten, kommt sonst nichts mehr raus. Sind so klare Augen, die noch alles seh’n. Darf man nie verbinden, könn‘ sie nichts versteh’n. Sind so kleine Seelen, offen und ganz frei. Darf man niemals quälen, geh’n kaputt dabei. Ist so’n kleines Rückgrat, sieht man fast noch nicht. Darf man niemals beugen, weil es sonst zerbricht. Grade, klare Menschen wär’n ein schönes Ziel. Leute ohne Rückgrat hab’n wir schon zu viel.“

Corona-Spezial März 2021 – Dieses Lied hat Bettina Wegner Mitte der 1970er Jahre geschrieben – und es ist heute aktueller denn je. Denn es sind vor allem die Kinder, die unter den Corona-Maßnahmen leiden und noch lange leiden werden. Neue Studien zeigen dieses Leid augenfällig auf, berichtet rp-online: „verpasste Entwicklungschancen, Ängste, Depressionen,  Bewegungsmangel, familiärer Stress“.

Das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) hat Mitte Februar die Ergebnisse aus der zweiten Copsy-Studie vorgestellt (Copsy = Corona und Psyche). Dabei wurden mehr als 1.000 Kinder und Jugendliche und über 1.600 Eltern von Mitte Dezember 2020 bis Mitte Januar 2021 mittels Online-Fragebogen befragt. Fast die Hälfte der Kinder empfinden ihre Schulsituation mit Online-Unterricht als anstrengender als im ersten Lockdown. Sieben von zehn sprechen von einer „geminderten Lebensqualität“, 85 Prozent sagen, dass sie die Corona-Krise als „äußerst oder ziemlich belastend“ empfinden. Fast jedes dritte Kind leidet unter psychischen Auffälligkeiten. Sorgen und Ängste nahmen zu, depressive Symptome und psychosomatische Beschwerden wurden verstärkt beobachtet. Sie essen zu viel Süßigkeiten, machen kaum noch Sport und verbringen noch mehr Zeit an Handy, Tablet und Spielekonsole.

Fragt man die Kinder und Jugendlichen selbst, wird die Situation noch deutlicher. Eine Schülerin hatte die Idee, ihren Freund*innen nur zwei Fragen zu stellen: „Wie geht es mir?“ Und: „Was können die Schule, die Lehrer*innen oder auch wir verändern, damit es uns besser geht?“ Die Antworten wurden auf einer digitalen Pinnwand gesammelt, die örtliche Presse berichtete (Tagesspiegel und Berliner Zeitung). Es ist ein erschütterndes Dokument. Umso mehr, als es „allesamt gute Schüler*innen waren, die sich zu Wort gemeldet“ hatten. Jetzt seien sie „am Ende“. Wie mag es dann wohl erst den anderen gehen? Die Zahlen der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung sprechen eine deutliche Sprache: Die Anfragen für Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen sind Anfang 2021 im Vergleich zum Vorjahr um durchschnittlich 60 Prozent gestiegen.

Mit dem komplizierten Stufenplan der Bundesregierung wird sich die Situation kaum ändern: „Ihr habt die Kinder vergessen – schon wieder!“ schimpft die WELT: „Auf 13 Seiten bekommen Fahr- und Flugschulen eine klare und bundesweit einheitliche Öffnungsperspektive, genauso wie Kosmetikbetriebe und Opernhäuser, Galerien und botanische Gärten. Nach ähnlichen Aussichten für Millionen von Schul- und Kitakinder, die seit Mitte Dezember zuhause sitzen, sucht man vergeblich.“

Schaut man über den Tellerrand des eigenen Landes, wird die Situation noch drastischer: Mehr als 168 Millionen Kinder sind seit fast einem Jahr wegen der Corona-Maßnahmen vom Schulunterricht ausgeschlossen, berichtet Unicef und fordert, der Wiedereröffnung von Schulen Priorität einzuräumen.

„Nach der Pandemie werden wir feststellen: Wir haben unseren Kindern und Jugendlichen zu viel zugemutet“, meint Alex Rühle in der SZ und fragt: „War je ein Jugendpsychiater oder Kinderarzt mit am Tisch im Kanzleramt, als es um die Corona-Maßnahmen ging? (...) Egal, welche Studie man sich ansieht, den Kindern und Jugendlichen geht es mittlerweile wirklich sehr schlecht. (...) Kürzlich schickte Julia Asbrand, Psychologin und Wissenschaftlerin an der Humboldt-Universität, im Namen von 173 Kolleginnen und Kollegen einen offenen Brief an die Bundesregierung, in dem sie schrieb, dass Kinder- und Jugendpsychiater sowie Psychotherapeuten bei jugendlichen Patienten vermehrt Aggressionen, Schlafstörungen, Schulängste, Essstörungen, Depressionen und Drogenmissbrauch wahrnehmen. (...) Bei den unter Sechsjährigen kam es in den vergangenen Monaten zu einer Verdoppelung von schweren Stoffwechselentgleisungen bei Diabetes mellitus. Man kann daran sterben. (...) Die Milliardenschulden, die gerade auflaufen, werden die heutigen Kinder und Jugendlichen auch noch abzahlen müssen, wenn wir alle uns längst vom Lebensacker gemacht haben.“ 

„Das Vorenthalten von Schule ist ein Verbrechen am Kind“, sagt der Erziehungswissenschaftler Heinz-Elmar Tenorth in einem Interview mit dem SPIEGEL. „Die Pandemie wirft uns ins frühe 19. Jahrhundert zurück. (...) Die Nachteile und Privilegien der sozialen Herkunft werden wieder in Kraft gesetzt, Eltern müssen als Büttel des Staates die Rolle erfüllen, die sich Lehrer in fünf Jahren Studium aneignen.“

Diese Bilanz ist umso erschreckender, als die Schließung der Schulen und Kitas nicht dazu beiträgt, die Infektionszahlen zu senken. Das zeigt Frankreich, wo die Schulen und Kindergärten auch im Lockdown offenblieben und die Zahlen sogar sanken. Und das zeigt sogar Schweden, dessen Übersterblichkeit 2020 deutlich unter der von Deutschland liegt.  

Seit dem 8. März dürfen die Kinder nun wieder in die Schule. Gut vorbereitet ist dieser Neustart allerdings nicht. „Was sich in den Klassenzimmern zeigt, macht fassungslos“, klagt Nando Sommerfeldt, Leitender Redakteur der WELT. In den drei zurückliegenden Monaten des Stillstands wurden weder Filteranlagen installiert noch ausreichend Schnelltests bereitgestellt. Man verfällt in Aktionismus oder wurschtelt einfach weiter wie bisher.

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Kinder und Jugendliche

Die fatalen Folgen der jetzigen Politik

Schon mehrfach wurde darauf hingewiesen, wie fatal die Auswirkungen der Lockdowns und Beschränkungen für Kinder und Jugendliche sind. Aber immer noch hat gerade diese Bevölkerungsgruppe keine Lobby im Kanzleramt. Im Gegenteil: Weiterhin werden Kinder als Virenschleudern diffamiert, erst jüngst wieder im SPIEGEL. Die ursprüngliche Überschrift „Kinder werden zur Gefahr für ihre Eltern“ wurde allerdings flugs in „Passt gut auf euch und eure Kinder auf“ geändert, als auf Twitter ein Shitstorm losbrach und der Hashtag #SpiegelBoykott am 26. März lange Zeit auf Platz 1 der Trends stand. In dem Artikel von Raffaela von Bredow heißt es, erst mit der zweiten Welle habe sich die Einsicht durchgesetzt, „dass Schulen und Kitas bei hohen Inzidenzen keine Null-Covid-Inseln sind, sondern Ansteckungsherde – wie alle Orte, an denen Menschen sich tummeln, singen, schreien, lachen, sprechen, atmen“. Eine Folge des „laxen Umgangs mit dem Virus“ zeige sich „in jenen Ländern, in denen die Mutante schon länger wütet: Die Kinder stecken ihre Eltern an, und die werden krank, manche sogar sehr krank.“ Der einzige Ausweg sei Distanzunterricht, eine Maskenpflicht in allen Klassen, auch in Grundschulen, sowie verpflichtende Schnelltests für alle.

Dass solche massenhaften Corona-Tests von Kindern durchaus zweifelhaft sind, beschreibt der Regensburger Psychologie-Professor Christof Kuhbandner in einem Beitrag für telepolis: Eines der Probleme sei, dass die Tests zu oft falsch-positiv sind, auch wenn sie von Fachkräften vorgenommen werden. Kuhbandner stellt eine Beispielrechnung auf: „Würde man alle der rund 1,65 Millionen Schüler in Bayern einmal pro Woche testen, würden bei einer Falsch-Positiv-Rate von 4,3 Prozent – siehe Studie der österreichischen Gesundheitsbehörde Ages – pro Woche knapp 70.950 Schüler fälschlicherweise ein positives Testergebnis erhalten. Diese Schüler müssten zumindest bis zum Erhalt des Ergebnisses der Nachtestung mit einem PCR-Test grundlos in Quarantäne und womöglich auch jeweils die ganze Klasse, und die Schüler und Familien würden grundlos in Angst versetzt.“ Auch nachfolgende Bestätigungstests lösen das Problem nicht: „Würde man jedes in einem Schnelltest erhaltene positive Ergebnis mit einem zweiten Schnelltest nachtesten und nur die Schüler (und Klassen) in Quarantäne schicken, die zweimal ein positives Testergebnis erhalten, würde man bei einer wöchentlichen Testung der 1,65 Millionen Schüler in Bayern bei einer Falsch-Positiv-Rate von 4,3 Prozent (Ages) noch immer über 3.000 Kinder pro Woche grundlos in Quarantäne schicken.“

Interessant sind in diesem Zusammenhang die Ergebnisse einer großen Studie, die alle in Schottland aufgetretenen Corona-Fälle daraufhin analysierte, welche Faktoren dazu beitrugen, dass jemand eine schwere Covid-19-Erkrankung entwickelte. „Dabei zeigte sich“, schreibt Kuhbandner, „dass Lehrkräfte im Vergleich zu anderen Berufen ein um 64 Prozent reduziertes Risiko aufwiesen, schwer an Covid-19 zu erkranken.“ Bei Erwachsenen mit im Haushalt lebenden Kindern war das Risiko um 28 Prozent verringert. Der Effekt bestand sogar dann, wenn die Erwachsenen zu einer Hochrisikogruppe gehörten. Sein Fazit: „Es ist fraglich, inwiefern aufgrund des bereits sehr geringen Infektionsgeschehens an Schulen überhaupt zusätzliche Maßnahmen ergriffen werden müssen. Vielmehr könnte es sogar sein, dass Schulen und Kindertagesstätten entgegen anfänglicher Befürchtungen nicht nur keine Treiber der Pandemie sind, sondern sogar eine Schutzfunktion vor schweren Erkrankungen darstellen können. (...) Angesichts der Beobachtung von stark steigenden psychischen Belastungen bei Kindern und Jugendlichen wäre es höchste Zeit, die Rechte der Kinder zu achten und das Wohl der Kinder vorrangig zu berücksichtigen.“ 

Auch medizinische Fachgesellschaften wie die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie, der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte in Deutschland, die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin und die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene teilen in einer gemeinsamen Stellungnahme zu den Teststrategien zur Covid-Diagnostik in Schulen mit:

„Ausgehend von allgemein anerkannten wissenschaftlichen Grundsätzen der Screening- und Infektionsdiagnostik erscheint es angesichts fehlender Daten zur Validität von Antigenschnelltests gerade bei asymptomatischen Kindern zum jetzigen Zeitpunkt weder gerechtfertigt noch angemessen, diese Tests flächendeckend in Schulen und KiTas einzusetzen. Es ist zu erwarten, dass die Zahl falsch negativer und falsch positiver Ergebnisse inakzeptabel hoch sein und weit mehr Schaden als Nutzen mit sich bringen wird. Hinzu kommt das Potenzial großer präanalytischer Fehler in der Probenentnahme. Unterschätzt werden die negativen psychologischen Auswirkungen repetitiver Testungen, insbesondere junger Kinder, die entsprechende Konsequenzen wie Quarantäne der eigenen Person oder der Sozialgemeinschaft nach sich ziehen, nicht zuletzt wenn sie möglicherweise aufgrund der invaliden Testmethode wieder aufgehoben werden müssen".

Das unterstützt auch der Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Neubrandenburg, Dr. Sven Armbrust, der sich sehr für einen Präsenzunterricht in Grundschulen aussprach und gegen eine Testpflicht an Schulen. In einem viel beachteten (und bei YouTube mehrfach wieder gelöschten) Vortrag bezog er eindeutig Stellung zu den Folgen der derzeitigen Entwicklung an den Schulen für die Kinder: „Die Digitalisierung ist toll, aber im Silicon Valley ist man inzwischen wieder zurückgegangen, man hat die Tafeln wieder rausgeholt, denn nur, was man geschrieben hat, bleibt im Kopf, und nicht, was man getippt hat – dazu gibt es wunderbare große Studien. Digitalisierung in den Schulen ja – aber nicht die Whiteboards und die Laptops und die Tablets das Schreiben ersetzen lassen. Das wird den Gehirnen der sich entwickelnden Kinder nicht gerecht. (...) Distanzlernen, Wechselmodell, Online, Schutzwoche ... Soll ich Ihnen sagen, was ich dazu als Kinderarzt sage? Alles Mist!“ Es bedeute, dass man etwa die Hälfte der Kinder nicht beschule. Online-Schule bedeute eine Halbierung der Schulzeit, egal, wie toll man das verbräme, es sei am Ende Mist, weil es eine Krücke sei. Kinder jedoch bräuchten Konstanz. Armbrust rückt auch die Verhältnismäßigkeit der Inzidenz ins richtige Licht und warnt davor, sich nicht „von der Macht der kleinen Zahlen täuschen zu lassen“. Auch plädiert er dafür, dass Grundschüler*innen im Unterricht keine Masken tragen müssen, weil die Kinder dann nicht mehr richtig sprechen lernen – seine eigene Tochter beginne bereits zu nuscheln, weil ihr die Mimik der Lehrer*in fehle und die Sprache hinter der Maske immer verwaschen klinge. Für dieses Plädoyer musste Armbrust viele Prügel einstecken, blieb aber im Wesentlichen bei seiner Position, wie der Nordkurier berichtete.

Dass FFP2-Masken nicht nur bei Kindern, sondern auch bei Erwachsenen mehr schaden als nützen können, meint die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene, die den Beschluss des Berliner Senats, ab 31. März eine FFP2-Maskenpflicht im öffentlichen Leben einzuführen massiv kritisierte: „FFP2-Masken sind Hochleistungs-Atemschutzmasken, die für den Arbeitsplatz bestimmt sind. Nur bei korrekter Anwendung übertrifft ihre Wirksamkeit im Allgemeinen jene von chirurgischem Mund-Nasen-Schutz.“ Dafür brauche es eine Anleitung zum richtigen Tragen und eine individuelle Anpassung. Auch erfordere eine korrekt getragene FFP2-Maske „eine erhebliche Atemarbeit, die bereits bei geringer Anstrengung spürbar und bei stärkerer körperlicher Belastung deutlich beeinträchtigend wird und zu Luftnot führt. (...) Viele Mitbürgerinnen und Mitbürger verleitet diese Atemerschwernis zum falschen Tragen und zum Atmen durch die Leckagen. Dies betrifft besonders ältere Personen und Personen mit Lungen- oder Herzerkrankungen. Für diese bedeutet das FFP2-Masken-Tragegebot, dass sie entweder das Haus nicht verlassen können, dass sie im Falle des Nichtragens von Masken in der Öffentlichkeit ein Bußgeld bezahlen müssen, oder dass sie die Maske so tragen, dass sie atmen können – das heißt, dass die Maske nicht dicht sitzt. Damit sind sie ungeschützt. Der Beschluss des Berliner Senats zu einem FFP2-Masken-Tragegebot gefährdet die Bevölkerung.“

Diese Maskenpflicht erscheint bei Kindern umso bedenklicher, als die FFP2- und auch die OP-Masken aus einem thermoplastischen Kunststoff bestehen, der als Sondermüll gilt, wie Michael Braungart, wissenschaftlicher Leiter des Hamburger Umweltinstituts auf telepolis ausführt. Das Material erscheint zwar wie Papier, enthält aber Klebstoffe, Bindemittel, Antioxidantien, UV-Stabilisatoren in großen Mengen sowie flüchtige Kohlenwasserstoffe. Manche sind auch noch mit Formaldehyd oder Anilin sowie künstlichen Duftstoffen versetzt, um den Chemiegeruch zu übertünchen. Blau eingefärbte Masken können Kobalt als Farbstoff enthalten. Besonders problematisch wird es, wenn sich Mikropastikfasern von dem Maskenvlies lösen. Nicht ohne Grund gibt es für diese Masken umfangreiche Anleitungen der Berufsgenossenschaften zum Arbeitsschutz, die jetzt auf einmal Makulatur sind. Braungart empfiehlt, die Masken möglichst nicht lange zu tragen und vor dem Benutzen eine halbe Stunde lang bei 50 Grad in den Backofen zu legen, dann verflüchtigen sich die meisten Schadstoffe.

Bei der Stiftung Warentest sind die meisten FFP2-Masken ohnehin durchgefallen. Von 10 geprüften Masken war nur eine empfehlenswert ...

Auch die psychischen Folgen der Maßnahmen halten weiterhin an und gestalten sich immer bedrohlicher. „Niemand sieht die Krisenkinder“, klagt die ZEIT in einer Reportage am 17. März: „Jedes dritte Kind leidet psychisch unter der Pandemie. Die Gewaltambulanz der Charité meldet 23 Prozent mehr häusliche Gewalt gegen Kinder als vor der Corona-Krise.“ Das Sorgentelefon für Kinder verzeichnet einen Anstieg der Anrufe von 20 Prozent.

„Das Schlimmste kommt erst noch“, warnt der Psychologe und Bewusstseinsforscher Manuel Schabus von der Universität Salzburg in einem Interview mit Focus online vor den seelischen und körperlichen Kollateralschäden des Lockdowns bei Kindern und Jugendlichen. „Wir müssen davon ausgehen, dass die Jugend in ihrer psychischen Entwicklung ein großes Problem mit dem Thema Angst bekommen wird.“ Dann komme es auch „zu mehr psychosomatischen Auswüchsen und körperlichen Erkrankungen“. Kinder könnten später Probleme bekommen, Empathie für andere zu entwickeln, wenn sie ständig mitbekommen, dass Erwachsene Abstand halten und sich nicht berühren oder ständig hinter der Maske verdeckt sind: „Das Erkennen und Verarbeiten von Emotionen hängt stark von der Mimik der Menschen ab, Zuneigung zeigt man durch Körperkontakt. Die Kontaktbeschränkungen und Hygiene-Regeln werden weitreichende Auswirkungen auf unser Gesellschaftsleben haben, weil man davon ausgehen muss, dass diese abnormalen Verhaltensweisen bleiben werden. Schon jetzt kommt es einem ja plötzlich komisch vor, wenn jemand auf uns zugeht und uns die Hand schütteln will.“

Vielleicht ist es gerade angesichts dieser Tatsachen ratsam, dass Eltern – gerade jetzt mit dem einsetzenden Frühling – mit ihren Kinder verstärkt und ohne Maske in die Natur gehen und möglichst unbeschwert miteinander rumalbern, damit die Kinder wieder etwas Positives erleben.

Und vielleicht trägt auch ein Film der Filmemacherinnen Patricia Marchart und Judith Raunig dazu bei, das Bewusstsein für die Not der Kinder zu schärfen. „Lockdown Kinderrechte“ heißt er und ist frei im Internet zugänglich. Was darin für Österreich geschildert wird, gilt genauso für Deutschland und viele andere Länder Europas. Der Film entstand ohne jede öffentliche Förderung und wurde über Spenden finanziert.

Intensivbetten

Wurden die Zahlen manipuliert?   

 

Corona-Spezial Juni 2021 - Es war die 3. Ad hoc-Stellungnahme „Zur intensivmedizinischen Versorgung in der SARS-CoV-2/Covid-19-Epidemie“ der Arbeitsgruppe um den Gesundheitsökonomen und Mediziner Matthias Schrappe, und sie hatte es in sich, legte es doch nahe, dass offizielle Statistiken manipuliert, Subventionen betrügerisch erschlichen und Fördermittel zweifelhaft verwendet worden waren. Die Politik habe vor allem die Angst transportiert worden, dass die Krankenhäuser mit den vielen Covid-19-Kranken nicht mehr fertig würden und es auf eine Triage hinauslaufe, bei der Intensivmediziner*innen auswählen müssten, wer noch an die rettende Beatmung komme und wer nicht. Diese Angst sei aber nie begründet gewesen, sagte Schrappe in einem Interview mit der WELT: „Es geschehen bei den Intensivstationen seltsame, unverständliche Dinge.“ Auch auf den Höhepunkten aller drei Corona-Wellen seien „nie mehr als 25 Prozent der Intensivbetten mit Covid-Patienten belegt“ gewesen. Die Notfallreserve von 11.000 Intensivbetten sei nie in Betrieb genommen worden, die Mittel dafür flossen trotzdem. Die Kliniken erhielten für jedes neu aufgestellte Intensivbett 50.000 Euro, ganz egal, ob sie es nutzen oder nicht. Zu Engpässen sei es vor allem gekommen, weil die Covid-Patient*innen nicht gleichmäßig über die Kliniken verteilt worden waren. Auch habe es in einigen Häusern „offensichtlich die Tendenz gegeben, Patienten ohne Not auf die Intensivstation zu verlegen“. Deutschland sei mit 61 Prozent weltweit die Nummer 1, wenn es darum gehe, wie viele Covid-Patienten intensivmedizinisch behandelt wurden. In der Schweiz waren es 25 Prozent, in Italien 11 Prozent. Es sei aber nicht bekannt, dass Deutsche schwerer erkranken als andere. Im Rückblick, so Schrappe, „tun sich viele Fragezeichen auf, ob da redlich gespielt wurde“.  

Schrappes Äußerungen sind umso mehr ein Sprengsatz, als die meisten Corona-Maßnahmen bis hin zu den Lockdowns gerade mit dieser Gefahr überforderter Intensivstationen begründet wurden, die es um jeden Preis zu vermeiden gelte. Jedoch: „Auch in höchster Corona-Bedrängnis war die Lage unkritisch“, schreibt Elke Bodderas in einem Kommentar für die WELT. Und auch Virologe Alexander Kekulé sagt: „Deutschland hatte zu keinem Zeitpunkt auf den Intensivstationen ein Problem.“ 

Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) wies das Schrappe-Papier „die irreführenden Vorwürfe“ unverzüglich „aufs Schärfste“ zurück, ebenso die Deutsche Krankenhausgesellschaft und der Ärzteverband Marburger Bund, wie die WELT am 20. Mai berichtet. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hielt Schrappes Vorwürfe gar „für absolut abwegig, substanzlos, zynisch und nicht zutreffend“. Er glaube, dass sich die „Gruppe in etwas verrannt“ habe.

Allerdings kam mit der Zeit mehr und mehr ans Licht, dass die Schrappe-Gruppe in ein Wespennest gestochen hatte. Denn die Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Abrechnungen wurden auch von anderer Seite bestätigt. Noch Ende März hatte die DIVI in einer Pressemitteilung vor zu erwartenden knapp 7.000 Intensivpatienten im April mit den drastischen Worten gewarnt: „Deutschland braucht kein Bergamo“, und natürlich hatte jede*r sofort das Horrorszenario aus dem März 2020 vor Augen, mit Bildern von Militärlastern, die Särge mit Corona-Toten abtransportieren, Bilder, deren Wahrheitsgehalt heute allerdings in Frage steht. Ebenso die Zahlen der DIVI, die der Informatiker Tom Lausen aus Niedersachsen genauer unter die Lupe nahm und diverse Ungereimtheiten entdeckte, wie die WELT berichtet. Aber weder die DIVI selbst noch die Medien interessierten sich zu dieser Zeit dafür (erst später gab es dazu eine Korrespondenz mit Lausen) – denn so etwas passte nicht ins Narrativ der Schreckensmeldungen, mit denen die Verlängerung des Lockdowns ein weiteres Mal gerechtfertigt wurde. „Bei dem Programmierer hat niemand angefragt, als er seine Ergebnisse über sogenannte ‚alternative‘ Medien vorstellte“, schreibt die WELT. Stattdessen wurden nicht Lausens Daten kritisiert, sondern der Weg, über den er sie verbreitete, und er selbst als „Corona-Leugner“. Die WELT bat deshalb vier Fachleute, sich mit diesen Daten näher zu befassen, darunter der renommierte Medizinstatistiker Gerd Antes, die Pneumologen Thomas Vohaar und Dieter Köhler, und der Gesundheitswissenschaftler Thomas Mansky. Alle vier „beurteilten die Datengrundlage von Lausen einhellig als solide“ und wunderten sich, „dass vergleichbare Daten nicht vom DIVI oder dem RKI ausgewertet worden waren“.

Inzwischen hat Karl Lauterbach offenbar seine Meinung geändert, denn in einem Interview mit dem SPIEGEL sagte er: „Die Art der Abrechnung war eine Einladung zum Betrug“, meint aber nach wie vor, dass die Krankenhäuser dennoch „am Limit“ waren. Lockdowns und Ausgangssperren sowie Schulschließungen seien deshalb nicht falsch gewesen. Er habe selbst mit Intensivmedizinern telefoniert: „Diejenigen, mit denen ich gesprochen habe, ist der ganze Vorgang unfassbar peinlich. Sie wissen ganz genau, dass es Probleme mit Betrug gegeben hat. Dennoch geraten jetzt ausgerechnet diejenigen in Verruf, die ein ganzes Jahr lang ununterbrochen gearbeitet haben.“ Die Krankenhäuser hätten „die Situation wirtschaftlich ausgenutzt“. Und da inzwischen auch der Bundesrechnungshof das Gesundheitsministerium für seine Zahlungen scharf kritisierte, meinte Lauterbach: „Es hat mich auch überrascht, dass die [mit jeweils 50.000 Euro honorierten] Betten zwar aufgebaut, aber nie tatsächlich aufgestellt worden sind. Da sind ja quasi 14.000 Betten bezahlt worden, die man zu einem großen Anteil nie gesehen hat. Das ist gravierend.“ Das „gesamte System der Abrechnung nach Fallpauschalen kommt in der Intensivmedizin an seine Grenzen. In dem Moment, wo pro Fall und pro Bett abgerechnet wird, bestehen die Anreize, dass man Fallschwere, Fallzahlen und Bettenzahlen manipuliert.“

„Ungereimtheiten bei den Corona-Zahlen“ konstatiert auch das ZDF-Morgenmagazin am 3. Juni in einem Beitrag, vor allem bei den Todeszahlen. Das Institut für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES) fand heraus, dass zu Corona-Toten auch Menschen gezählt werden, die nach ihrer Corona-Erkrankung wieder gesundet waren und später an etwas anderes starben. Nur weil sie einmal positiv auf Corona getestet worden waren, seien sie als Corona-Tote erfasst worden. In Wahrheit sind sie aber nicht an, sondern mit Corona gestorben. Nie verwirklicht wurde, was schon von Anfang an viele Wissenschaftler*innen vom RKI forderten: ein Panel zu etablieren, regelmäßige Stichproben an einer großen, repräsentativen Bevölkerungsgruppe, um mehr Informationen zu bekommen über die Verbreitung des Virus, Infektionsherde und -wege sowie die Wirksamkeit konkreter Maßnahmen. Damit hätte man auch risikoreiche Berufsgruppen identifizieren können oder die Bedeutung der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel. Das RKI begründete dieses Versäumnis damit, man habe dafür bisher nicht die entsprechende Zeit und Infrastruktur gehabt. Der politische Wille dafür müsste jedoch erstmal beim Bundesgesundheitsministerium angelegt sein, dem das RKI untersteht. Minister Spahn wollte sich dazu bisher nicht äußern.

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Eine Kette von Fehlern

Die Impfkampagne erstickt an der Bürokratie

 

Corona-Spezial März 2021 – Am 25. Februar 2021 veranstaltete GESUNDHEIT AKTIV online einen Live-Talk unter dem Motto „Corona-Impfung: Hilfen zur Entscheidung“. Der Kinder- und Jugendarzt und Impfexperte Dr. Steffen Rabe, Sprecher des Vorstands der „Ärzte für individuelle Impfentscheidung“, und der Virologe und Epidemiologe Prof. Dr. Klaus Stöhr gaben einen aktuellen Überblick über die aktuellen Impfstoffe – den Vortrag von Steffen Rabe können Sie hier ansehen  – und beantworteten die vielen Fragen der über 2.500 Teilnehmer*innen.

Stöhr entdeckte das SARS-CoV-1-Virus und war ehemaliger Leiter des Global Influenza Programms der Weltgesundheitsorganisation WHO und verfügt somit über eine langjährige Expertise in der Bekämpfung von Pandemien. Zusammen mit anderen Fachleuten gründete er die interdisziplinäre Arbeitsgruppe Covid-Strategie und forderte einen umfassenden Stufenplan und neue Erfolgskriterien mit Priorität bei Kitas, Schulen und Einzelhandel. Stöhr kritisiert vor allem, dass „die politischen Entscheidungen auf der Grundlage der Risikobewertung von einzelnen Vertretern weniger Fachgebiete getroffen worden seien“. Das sei unzureichend und habe zur Polarisierung in der Pandemiebekämpfung beigetragen.

Leider tragen die großen Medien wenig dazu bei, diese Linie zu unterstützen. Allen voran scheint es dem SPIEGEL mehr darum zu gehen, die Wissenschaftler in verschiedene Schubladen zu packen – die einen sagen angeblich die Wahrheit über die Pandemie, die anderen gelten als „Propheten auf dem Irrweg“, wie Recherchen der WELT zeigen. Da hat die Wissenschaftsredaktion des SPIEGEL dem Virologen Prof. Dr. Hendrik Streeck offenbar einen 15 Fragen umfassenden Katalog vorgelegt, zu beantworten innerhalb von 24 Stunden. Die WELT nennt einige Beispiele: „Haben Sie Ihre Position als Wissenschaftler missbraucht, um Politik zu machen?“ – „Wie stehen Sie zu dem Vorwurf, Sie hätten die Gefahren der Pandemie verharmlost?“ – „Sehen Sie sich in der Mitverantwortung für die getroffenen oder auch unterlassenen Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung? Und in diesem Zusammenhang auch für viele Menschen, die gestorben sind?“ – „Bereuen Sie diese mehrfach öffentlich geäußerte Fehleinschätzung?“ Neben Streeck hat sich der SPIEGEL auch auf Jonas Schmidt-Chanasit, Matthias Schrappe und Klaus Stöhr eingeschossen, allesamt Wissenschaftler, die sich kritisch zu den Maßnahmen der Regierung positioniert haben.

Klaus Stöhr betont jedoch zu Recht immer wieder – auch im Live-Talk von GESUNDHEIT AKTIV –, es bedürfe eines breiten wissenschaftlichen Diskurses: „Wir müssen das gute Wissen zusammenführen. Deutschland hat so viel tiefes Wissen. Das muss in der Pandemiebekämpfung dringend abgerufen werden, um die Auswirkungen der Pandemie zu mildern.“ Der Erfolg orientiere sich vor allem daran, die gesundheitlichen Auswirkungen zu minimieren: „Bei der Bekämpfungsstrategie muss man das Ende im Auge haben, wenn die Pandemie beginnt“, sagte er. „Und das Ende wird sein, wenn alle Menschen Antikörper gegen SARS-CoV-2 gebildet haben – entweder über eine Impfung oder durch die Erkrankung selbst. Und das wird noch eine ganze Weile dauern.“

Man müsse sich klar machen, dass kein Impfstoff die Re-Infektion verhindern kann: „Wie stark die Re-Infektionen ausfallen, lässt sich heute noch nicht sagen. Es gibt generell nur ganz wenige Impfstoffe, die eine ‚sterile Immunität‘ hervorrufen: Gelbfieber, Pocken, Polio. Das bedeutet, dass man sich mit dem Erreger nicht mehr infizieren kann und auch kein Virus mehr ausscheidet und damit andere ansteckt. Deshalb kann man Krankheiten auch nur selten wirklich ausrotten. Bei dem Corona-Virus wird das nicht gelingen. Irgendwann wird sich jeder damit infizieren, daran geht kein Weg vorbei.“ Schon jetzt zeichne sich ab, dass es eine saisonale Häufung im Winter geben werde – wie auch bei der Grippe und anderen Infekten der Atemwege. Stöhr ist kein Anhänger der Orientierung an einer Inzidenz von 50 oder darunter oder gar einer „No-Covid-Strategie“: „Ich halte es für realitätsfern, bei der Inzidenz auf Zahlen unter 50 zu kommen, und für illusorisch, diese dann auf diesem Level zu halten. Man müsste die Maßnahmen dann ständig aufrechterhalten. In anderen Ländern hat man sich entschieden, mit mehr Fällen umzugehen – in Österreich, in Frankreich, in der Schweiz. Man kann auch dann ein exponentielles Wachstum verhindern. Man hat sich dort für einen anderen Kompromisspunkt entschieden zwischen Freiheit, Gesundheit und Wirtschaft. Das ist eine politische Entscheidung. Das geht offensichtlich auch.“

Mit den Impfungen sei erstmal ein wichtiger Schritt getan, so Stöhr. Den gelte es auszubauen. Allerdings glänzen Bund und Länder auch hier mit Inkompetenz und einem fatalen Festhalten an Bürokratie – schließlich muss alles seine Ordnung haben ... Anstatt die Impfdosen frei zu verteilen und die Impfwilligen bestmöglich zu kanalisieren, wird an einem starren Schema festgehalten, das zu kuriosen Situationen führt (z. B. werden Ehepaare oder ältere Menschen in einem Haushalt nicht gleichzeitig geimpft, was dazu führt, dass ein Geimpfter die anderen unter Umständen anstecken kann ...). Dafür ist dann im Sommer mit einem Überschuss an Impfstoffen zu rechnen, denn: „Jetzt rollt eine Impfstoff-Welle auf Deutschland zu“, prophezeit die WELT. Dabei liegen jetzt schon mehr als 2,5 Millionen Impf-Dosen auf Halde, weil es mit der Impferei einfach nicht schnell genug klappt.

Dass die derzeit in Deutschland verfügbaren Impfstoffe von Biontech/Pfizer, Moderna und AstraZeneca bei weitem nicht die einzige Möglichkeit darstellen, die Menschen gegen das Corona-Virus zu immunisieren, ist bekannt. Wie merkwürdig sich Behörden wie das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) jedoch anstellen, wenn es um andere Ansätze geht als die großer Pharma-Multis, hat die Journalistin Gudrun Altrogge von SPIEGEL TV recherchiert. Sie berichtet über den Mediziner Winfried Stöcker, der in seiner Firma Euroimmun in Groß Grönau (Schleswig-Holstein), einem Unternehmen für medizinische Labordiagnostika, ein Antigen gegen SARS-CoV-2 hergestellt hat: Es bewirke im menschlichen Organismus, dass dieser neutralisierende Antikörper gegen das Corona-Virus herstellt – und das ganz ohne Virus-Vektoren, m-RNA und Nanotechnologie. Preisgünstig. Leicht in großen Mengen herzustellen. Ohne Kühlkette zu lagern. Ohne Spezialkenntnisse beim Hausarzt zur verimpfen. Es seien lediglich drei Injektionen innerhalb eines Vierteljahres notwendig. Auffrischimpfungen seien problemlos möglich, falls der Schutz nachlässt. Tauchten neue Mutanten auf, lasse sich der Antigen-Impfstoff leicht anpassen.

Stöcker hat im Selbstversuch sich und seine Familie sowie 100 Freiwillige damit geimpft. Er sagt, 97 Prozent von ihnen hätten Antikörper entwickelt und seien damit vor SARS-CoV-2 geschützt. Daraufhin wandte er sich an das PEI und bat darum, seinen Impfstoff im größeren Maßstab im Rahmen wissenschaftlicher Studien an Freiwilligen genauer zu überprüfen. Das PEI jedoch informierte als erstes den Staatsanwalt und erstattete Anzeigen gegen Stöcker. Er habe ohne die erforderliche Erlaubnis und Genehmigungen ein SARS-CoV-2-Antigen hergestellt und anderen verabreicht. Das Landesamt für Soziale Dienste, dem Stöckers Versuche ebenfalls gemeldet wurden, unterstützte die Klage, es sei Gefahr im Verzug, denn es könne „nicht ausgeschlossen werden, dass weitere Herstellungen und Impfungen evtl. die Gesundheit der Probanden schwer gefährden können“. Streng formal gesehen ist das PEI im Recht – aber unabhängig davon, ob es strafrechtlich relevant war, was Stöcker gemacht hat, wäre es sinnvoll, seinen Erkenntnissen nachzugehen. Die Strukturformel des Antigens hat er ebenso wie alle weiteren Informationen auf seiner Webseite frei zugänglich eingestellt.

In Sachen Impfnachweis gibt Jens Spahn jetzt allerdings Gas: Gerade hat er den 3-Millionen-Auftrag, einen solchen digitalen Impfpass zu entwickeln, an ein Konsortium unter Führung des US-Konzerns IBM vergeben, wie das Redaktionsnetzwerk Deutschland berichtet: „Die App soll schnell und sicher über eine Impfung Auskunft geben, um Reisen oder Restaurantbesuche zu ermöglichen.“ Für die technische Umsetzung, die App an 410 Impfzentren und 55.000 ärztliche Praxen anzuschließen, werden drei Monate veranschlagt.

Bislang hatten Politiker*innen einen solchen Impfpass immer abgelehnt, weil damit eine Zwei-Klassen-Gesellschaft entstünde, was mit dem Grundgesetz nicht vereinbar sei. Erst jüngst hatte sich der CDU-Vorsitzende und Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet, in einem Interview mit der WELT deutlich gegen einen Impfnachweis als Freibrief für die Rückgabe von Grundrechten positioniert: „Grundrechte sind keine Privilegien. (...) Ein Mensch, der sich nicht impfen lassen will, muss in Deutschland trotzdem seine Grundrechte wahrnehmen können. Grundrechte dürfen nicht von Impfungen abhängen.“

Auch Hans Henri Kluge, Europadirektor der WHO, lehnt in einem Interview mit der WELT einen Europäischen Impfpass ab: „Das ist keine Empfehlung der WHO. (...) Wir verstehen, dass Regierungen mit der politischen Realität konfrontiert sind. Trotzdem gibt es ernste Bedenken. Wir wissen nicht, wie lange die Immunität nach der Covid-19-Impfung anhält. Sie verhindert den schweren Krankheitserlauf, aber nicht unbedingt die Ansteckung anderer Menschen. Zudem verschärft der Impfpass die Ungleichheit.“ Focus-online befürchtet gar, dass 23 Millionen Deutsche – so viele wollen sich nicht impfen lassen – zu „Bürgern zweiter Klasse“ werden.

Aber offenbar ist das alles schon wieder Makulatur. Denn das Szenario wird bereits geprüft, wie Business-Insider berichtet. „EU-Impfpass soll bis Sommer kommen“ prophezeit die Süddeutsche Zeitung; der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther hält einen solchen Nachweis sogar für Inlandsreisen für vorstellbar; der Bürgermeister von Sylt möchte Gäste nur noch mit PCR-Test oder einem Schnelltest auf die Insel lassen. Der bayrische Ministerpräsident Markus Söder meint in der Landshuter Zeitung: „Ein europäischer Impfpass ist sehr zu begrüßen. Es ist doch einfach: Ein kleiner Piks und die Freiheit ist da. Impfen ist die einzige Langzeitstrategie.“

Söder plädiert auch dafür, schnellstmöglich Kinder und Jugendliche zu impfen: „Diese Impfungen sind eine große Chance. Deshalb bin ich auch dafür, die Hersteller in die Pflicht zu nehmen, dass sie rasch Impfstoffe für Kinder und Jugendliche entwickeln. Schulimpfungen wären eine schnelle Variante, um in den wichtigen Bereichen Familie und Schule eine Entlastung zu bewirken. So wie früher, als der Schularzt alle geimpft hat.“

Zu der Frage der Impfungen an Kindern und Jugendlichen sowie an Schwangeren und Stillenden und ebenso zur Frage einer Impfpflicht und eines Impfnachweises als Freibrief für die Rückgewinnung von Grundrechten haben die „Ärzte für individuelle Impfentscheidung“ ihr Positionspapier aktualisiert.

Eine Standortbestimmung zur Anthroposophischen Medizin in der COVID-19-Pandemie findet sich auf der Homepage der Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte in Deutschland (GAÄD) veröffentlicht.

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Ermutigendes

Es gibt auch Lichtblicke!

Mehr denn je brauchen wir in solchen Zeiten auch Lichtblicke – und es gibt sie! Einige, die uns aufgefallen sind, haben wir hier für Sie zusammengestellt.

  • Joko und Klaas kapern Pro Sieben und senden sieben Stunden lang über den Pflegenotstand. Es ist ein Spiel, das Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf mit Pro Sieben schon seit längerem spielen – wenn sie gewinnen, bekommen sie einen Gutschein für 15 Minuten Live-Sendezeit zu einem Thema ihrer Wahl. Am 31. März wurden daraus satte sieben Stunden. Der Sender gab ihnen Gelegenheit, ohne jede Unterbrechung durch Werbeblocks über den Pflegealltag in Deutschland zu berichten. Titel: „Pflege ist #nichtselbstverständlich“ (nebenbei: dieser Hashtag war bei Twitter stundenlang auf Platz 1 der Trends). Joko und Klaas hatten einer Krankenschwester eine Bodycam umgeschnallt und ihre gesamte Schicht damit filmen lassen, jeden Handgriff, jede Aktion, alles von Anfang bis Ende. Hinzu kamen als Einspieler Statements von anderen Pflegenden, darunter Alexander Jordan, der schon mal der Kanzlerin die Leviten gelesen hat, und Franziska Böhler, die ein viel beachtetes Buch über ihren Alltag geschrieben hat und auch auf dem Titel des STERN war, als dieser seine Pflege-Petition startete.
    Sendungen wie diese tragen vielleicht endlich dazu bei, dass die Pflege die gesellschaftliche Anerkennung und vor allem auch die Lohnsteigerung erfährt, die schon längst fällig ist. Ansonsten steht zu befürchten, dass unser Gesundheitswesen über kurz oder lang am Pflegenotstand kollabiert. Denn allein während der Corona-Krise sind über 10.000 Pflegekräfte aus dem Beruf ausgeschieden.
  • „Herr Spahn, handeln Sie endlich“, fordert Ralf Berning, Gesundheits- und Krankenpfleger auf einer Intensivstation in Bielefeld, in einem eindringlichen Video-Appell auf DocCheck. Sein Vorschlag als Sofortmaßnahmen:
    • 4.000 Euro brutto Grundgehalt plus Zuschläge für spezielle Aus- und Fortbildungen, Nacht- und Wochenendarbeit (zurzeit gibt es dafür lächerliche 1,34 Euro pro Stunde).
    • Verbindliche Pflege-Untergrenzen in allen Bereichen der Krankenhäuser und Pflegeheime.
    • Abschaffung des DRG-Systems (Fallpauschalen), das dazu beiträgt, dass Krankenhäuser zu Massenabfertigungseinrichtungen werden, um möglichst viel Erlös zu generieren.

Drei Forderungen, die auch wir von GESUNDHEIT AKTIV aus vollem Herzen unterstützen!

  • Neue Grundrechte für Europa fordert der Jurist und Autor Ferdinand von Schirach, die er in einem Buch zusammengefasst und begründet hat. Diese neuen, zusätzlichen Grundrechte sind:
    • Artikel 1: Umwelt. Jeder Mensch hat das Recht, in einer gesunden und geschützten Umwelt zu leben.
    • Artikel 2: Digitale Selbstbestimmung. Jeder Mensch hat das Recht auf digitale Selbstbestimmung. Die Ausforschung oder Manipulation von Menschen ist verboten.
    • Artikel 3: Künstliche Intelligenz. Jeder Mensch hat das Recht, dass ihn belastende Algorithmen transparent, überprüfbar und fair sind. Wesentliche Entscheidungen muss ein Mensch treffen.
    • Artikel 4: Wahrheit. Jeder Mensch hat das Recht, dass Äußerungen von Amtsträgern der Wahrheit entsprechen.
    • Artikel 5: Globalisierung. Jeder Mensch hat das Recht, dass ihm nur solche Waren und Dienstleistungen angeboten werden, die unter Wahrung der universellen Menschenrechte hergestellt und erbracht werden.
    • Artikel 6: Grundrechtsklage. Jeder Mensch kann wegen systematischer Verletzungen dieser Charta Grundrechtsklage vor den Europäischen Gerichten erheben.

Von Schirach hat dazu dem Podcast „Der 8. Tag“ von Gabor Steingart ein Interview gegeben, die Kurzfassung (10 Minuten) davon ist kostenlos, die Langfassung ist nur für „Pioneers“ (10 Euro Mindestmonatsbeitrag). Auch Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer SE, hat von Schirach dazu interviewt.

  • Der Staatsrechtler Ferdinand Kirchhof hat einen Appell an den Bundestag gerichtet, das Infektionsschutzgesetz als Ausnahme zu sehen, nicht als Regel und beliebig anwendbar auf jegliche andere Epidemie: „Wir erleben jetzt eine exzeptionelle Situation“, sagt Kirchhof in einem Interview mit der WELT. „Ich wünsche mir sehr, dass die ergriffenen Maßnahmen auch exzeptionell bleiben – und nicht als Muster für die nächste Hongkong-Grippe herhalten. Mit der Begründung ‚Auch da gibt es Tote und Kranke‘ ließe sich das Infektionsschutzgesetz auch in diesem Fall durchdeklinieren. (...) Der Schutz des Gesundheitssystems kann nur ein Hilfsziel für den Schutz von Leben und Gesundheit in extremer Not sein. Allein um staatliche Therapieeinrichtungen nicht zu überlasten, dürfen die Grundrechte des Bürgers nicht beschränkt werden. Da muss der Staat dann schlicht mehr Einrichtungen schaffen. (...) Der Staat hat eine Schutzpflicht, gegen ein Virus vorzugehen, das bedrohlich ist und das tödlich sein kann. Die Lage ist zweifellos ernst, wie die Bundeskanzlerin sagt. Aber man kann eine Gesellschaft, man kann eine Wirtschaft, man kann persönliche Beziehungen auch zu Tode schützen.“
    „Was wir erleben, ist verfassungswidrig“, sagt der Strafrichter am Berliner Landgericht Peter Schleiter und hat Verfassungsbeschwerde in Karlsruhe eingereicht. In einem Interview mit der WELT erklärt er, dass die Änderungen des Infektionsschutzgesetzes, die die Grundlage für die weitreichenden Eingriffe waren, verfassungswidrig sind. Mit seiner Beschwerde wolle er die rechtliche Situation zur Kontrolle stellen und das Handeln der Akteure wieder auf ein verfassungsgemäßes Maß zurückführen.
  • „Leben und Glück brauchen Zerstörung“ – Wie beeinflusst Leid die Kunst und das Leben? Lässt es sich in etwas Positives wenden? In Zuversicht? Fragen, die der Autor und Musikproduzent Johann Scheerer und der „Mars Volta“-Gitarrist Omar Rodríguez-López in einem Gespräch mit Jakob Biazza für die Süddeutsche Zeitung beantworteten. Beide verfügen in Sachen Schmerz über einen Sack voll Erfahrung: Scheerer hat die Entführung seines Vaters, Jan Philipp Reemtsma, in zwei Büchern verarbeitet. Rodríguez-López lebte als Jugendlicher ein Jahr lang auf der Straße, um den Misshandlungen in seiner Familie zu entfliehen. Er sagt: „Zerstörung ist Teil des Lebens. Das ist keine unbequeme Meinung von mir, es ist die nackte Wahrheit. Das einzige Klischee daran wäre, den Schmerz zu bedauern – zu denken, man hätte irgendetwas anders machen können, um ihn zu verhindern. (...) Ich weiß, wer meine Mutter wirklich war, seit ich ihre Zerstörung erlebt habe. Sie hatte am Ende immer weniger Kontrolle über ihren Körper, konnte fast nichts mehr essen und sich kaum noch mitteilen. Trotzdem fand sie immer noch Wege, um mich zu fragen, ob ich schon etwas gegessen habe, und wie es allen anderen geht. Wegen solcher Erfahrungen entsteht Kunst.“

Und Johann Scheerer meint: „Wenn du dich dem Schmerz vollends auslieferst, wenn du diesen Weg erst mal eingeschlagen hast, dann gibst du den Menschen, die dir Leid zugefügt haben, Macht über dich. Erst dann machst du dich zum Opfer. Wenn du etwas wirklich hasst, kettest du dich für immer daran. (...) Unterm Strich gilt: Wir werden alle sterben. Nichts wird daran etwas ändern. Nichts hat also wirklich Sinn. Wenn aber nichts wirklich Sinn hat, kann man genauso gut alles tun.“
Es ist ein tiefgründiges, nachdenkliches Gespräch mit zwei jungen Männern, die schon viel auszuhalten hatten. Gerade jetzt in der Corona-Krise können wir viel daraus lernen und eigene Rückschlüsse daraus ziehen.

„Schrottmasken“

Noch ein Problem für Jens Spahn

 

Corona-Spezial Juni 2021 - Nicht genug, dass sich diverse Abgeordnete von CDU/CSU an Maskendeals bereicherten – Mitte Mai brachte das Rechercheteam von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR neue Skandale ans Licht. Dabei ging es um Provisionen und Honorare von bis zu rund 50 Millionen Euro, die mit dem Verkauf von Schutzkleidung und Masken zusammenhingen – mit Verflechtungen bis in höchste bayerische Politik-Kreise: „Masken und Millionen“ überschrieb die SZ ihren Artikel dazu. Aber damit nicht genug: Das Rechercheteam warf Spahn vor, die Schutzmaterialien zu einem horrend überhöhten Preis eingekauft zu haben, noch dazu, ohne auf die Qualität geachtet zu haben; „Fragwürdiges Vorgehen bei der Maskenbeschaffung“.

Auch bei den Schnelltests hatte sich Spahn reichlich verkalkuliert, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, und viel zu hohe Summen an die privaten Teststationen gezahlt, die damit viel Geld verdienten und immer noch verdienen. Dafür wurde Spahn jetzt auch vom Bundesrechnungshof gerügt.

Anfang Juni legte der SPIEGEL mit einer weiteren Enthüllungsstory nach: „Erst Notreserve, dann Müllverbrennung: So will Jens Spahn unbrauchbare Masken im Wert von einer Milliarde Euro verschwinden lassen“. Spahn hatte schon im Frühjahr 2020 eine große Anzahl Masken aus China eingekauft, sie aber nicht der sonst üblichen Qualitätsprüfung unterzogen. Jetzt stellt sich heraus: Die Filterleistung der Masken ist überwiegend mangelhaft. Trotzdem wollte das Ministerium sie jetzt rasch unters Volk bringen – und an Obdachlose, Hartz-IV-Empfänger oder Behinderte verteilen ... Doch da machte das SPD-geführte Arbeitsministerium nicht mit, und eine Welle der Empörung schwappte durch das Land, so dass das Ministerium bis heute auf Hunderten Millionen dieser „Schrottmasken“ sitzt. Zurzeit werden sie in der „Nationalen Reserve Gesundheitsschutz“ gelagert und nach Ablauf des Haltbarkeitsdatums wohl vernichtet. Ihr Wert: Rund eine Milliarde Euro. Eine Milliarde Euro Steuergelder für den Müll.

Prompt forderte die SPD Spahns Rücktritt – schließlich ist Wahlkampfzeit. Aber natürlich ließ Spahn das nicht auf sich sitzen und wies alle Vorwürfe zurück. Nichtsdestotrotz könne ihn diese Maskenaffäre das Amt kosten, meint Jürgen Dahlkamp im SPIEGEL, zumal sich die Bundeskanzlerin voll hinter ihren Minister gestellt und erklärt hatte, „die Kritik an Spahn entbehre jeder sachlichen Grundlage. Jeder.“ Wenn sich jetzt aber herausstellt, dass die Masken doch nicht die Anforderungen erfüllen, die an sie gestellt werden müssen, was dann? Tests der ZEIT zeigten bereits, dass „unter den Masken, die Spahns Ministerium unters Volk gebracht hatte, „hochgefährliche waren, mit Filterleistungen um 50 Prozent. Es werden nicht die einzigen gewesen sein, die Spahns angeblich sicheren Kurztest nie hätten bestehen dürfen.“

Vielleicht erübrigt sich das alles aber ohnehin in Kürze, denn Justizministerin Christina Lambrecht stellt die Maskenpflicht bereits infrage, wie die Tagesschau berichtet. Sie forderte von den Ländern, „die Verhältnismäßigkeit der Maskenpflicht zu prüfen.“ Das gelte insbesondere für Schülerinnen und Schüler. Ein Vorbild dafür könnte Dänemark sein, wo die Maskenpflicht bereits komplett abgeschafft wurde – mit einer Ausnahme: Im Öffentlichen Nahverkehr sollen sie noch getragen werden, aber nur, wenn man keinen Sitzplatz ergattert hat. Auch Wolfgang Kubicki von der FDP forderte „ein komplettes Ende der Maskenpflicht“: „Bei einer klaren Inzidenz unter 35 darf der Staat gar keine Grundrechte pauschal für alle Bürger einschränken. Die allgemeine Maskenpflicht müsste daher bei strenger Auslegung des Infektionsschutzgesetzes aufgehoben werden, erst recht draußen.“

Und auch die frühere Familienministerin Kristina Schröder forderte in einem Gastbeitrag für die WELT: „Schafft endlich die Maskenpflicht an Grundschulen ab!“ Ihre sechsjährige Tochter lerne gerade Lesen und Schreiben, die Unterscheidung der einzelnen Laute falle schwer, wenn das Gesicht der Lehrerin ständig von einer Maske bedeckt sei. Und auch für das Kind selbst sei das Masketragen eine Zumutung. Sie komme am Tag auf ca. neun Stunden, in denen sie ständig die Maske aufhaben müsse, weil sie nach der Schule noch die Betreuung besuche und mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Schule fahre. Und das mit nur wenigen Unterbrechungen Tag für Tag. Man nehme den Kindern damit permanent ihre Unbeschwertheit, weil sie „mit Maske nicht unbekümmert rennen und toben“ könnten, erst recht nicht bei warmem Wetter. In manchen Bundesländern müssten die Kinder die Maske sogar beim Sport tragen. Bei den „niedrigen Inzidenzen, die wir derzeit und hoffentlich dauerhaft in Deutschland haben, ist der Nutzen der Maskenpflicht geradezu grotesk niedrig.“

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Zur Ermutigung

Vergessen Sie das Leben nicht

 

Corona-Spezial März 2021 – Nach über einem Jahr mit Corona und den nicht mehr enden wollenden Hiobsbotschaften ist es schwer, sich positiv zu motivieren. Und doch gibt es gerade jetzt kaum etwas Sinnvolleres, als sich an dem zu orientieren, was gut ist in unserem Leben, was uns Freude macht, die Gesundheit stärkt und damit auch das Immunsystem. Auch dazu lässt sich einiges in den Medien finden.

Es gelte, „in sich selbst das Lebendige zu suchen“, sagt die Psychologin Verena Kast in einem Interview mit der ZEIT: Schritt für Schritt durch die Krise kommen und gleichzeitig auf etwas Gutes hoffen, das sei ein Trick, den ältere Menschen oft besser beherrschen als junge. Sie beschreibt, wie wir uns trotz aller Schwierigkeiten immer weiter zum Positiven verändern können.

Eine Ermutigung, auch negative Gefühle zuzulassen und sie nicht in sich hineinzufressen, veröffentlichte das ZEIT-Magazin: „Beschwert Euch!“ Denn viele trauen sich nicht, ihren Frust zuzulassen – anderen gehe es ja noch viel schlechter. „Dabei würde es allen helfen, ihre Gefühle rauszulassen“, meint die Autorin Carla Baum.

Der Neurobiologe Gerald Hüther spricht bei Gunnar Kaiser über Machbarkeitswahn und Kontrolldenken, das Unterdrücken von vitalen Bedürfnissen und fixen Ideen sowie den Einfluss der Angst auf unser Denken und Fühlen und darüber, dass Lieblosigkeit krank macht. Darüber hat er auch ein Buch mit dem Untertitel "Was unsere Selbstheilungskräfte stärkt und wie wir endlich gesünder und glücklicher werden" geschrieben (Verlag Herder, 176 Seiten, 18 Euro) Es ist eine Einladung zu einem liebevollen Umgang mit sich selbst, der nie angebrachter war als heute, weshalb Hüther die Initiative „liebevoll.jetzt“ gegründet hat.

Das SZ-Magazin über den Trauerredner Carl Achleitner, der mehr als 2.500 Beerdigungen begleitet und nun ein Buch darüber geschrieben hat, warum die Liebe für ein erfülltes Leben so wichtig und Geld so unwichtig ist: „Letztendlich geht es beim Abschiednehmen immer um die Frage: Wie war es mit der Liebe? Hat die verstorbene Person Liebe bekommen, und konnte sie Liebe weitergeben? Bleibt etwas von diesem Menschen übrig, was man als Spuren seiner Liebe bezeichnen könnte?“ Denn eines ist sicher: Wir alle müssen irgendwann gehen. Die Liebe bleibt. Und deshalb lohnt es sich, sich jeden Tag von Neuem zu fragen: Habe ich heute schon genug geliebt? Und es den Geliebten auch gesagt?

Wie wichtig dabei auch die Berührung ist, zeigt eine Themenwoche bei arte, wobei vor allem die Dokumentation „Die Macht der sanften Berührung“ über neue, erstaunliche Forschungsergebnisse berichtet (in der Mediathek bis 31. Mai 2021).

Die Liebe spielt gerade in der Kultur eine große Rolle – ist sie doch in all ihren Facetten und Schattierungen eines der zentralen Themen in Theater, Konzert, Tanz und Schauspiel. Und kaum ein Bereich unserer Gesellschaft hat unter den Corona-Maßnahmen so zu leiden wie die Kulturschaffenden. „Fällt die Kultur ins Haushaltsloch?“ fragt der Deutschlandfunk in einem Gespräch mit Klaus Hebborn, der beim Deutschen Städtetag für das Dezernat Bildung, Kultur, Sport und Gleichstellung zuständig ist. Die Frage ist nur zu berechtigt, denn der Umsatzverlust der Kreativwirtschaft beläuft sich allein für das Jahr 2020 auf 22,4 Milliarden Euro.

Holen wir uns also die Kultur ins Haus, wo wir nur können: zum Beispiel mit dem Tänzer und Choreographen Eric Gauthier, der aus der Not eine Tugend gemacht hat. Als er seiner Kompagnie „Gauthier Dance“ im Stuttgarter Theaterhaus wieder einmal sagen musste, dass es bis auf weiteres keine Auftritte geben wird, rutschte ihm die Bemerkung heraus: „Mein Gott, Ihr seht alle aus wie sterbende Schwäne!“ Und Gauthier wäre nicht Gauthier, wenn er daraus nicht umgehend ein Projekt machen würde: „The Dying Swans Project“: 16 Choreograph*innen kreieren je ein Tanzsolo für die 16 Mitglieder von „Gauthier Dance“ zu bei 16 Arrangeuren eigens beauftragter Musik, gefilmt von 16 Filmemachenden. Damit sind 64 Kulturschaffende aus allen Sparten mit einem kreativen Projekt beschäftigt, das auch unter Corona-Bedingungen erarbeitet werden kann. Einen Vorgeschmack hat der Süddeutsche Rundfunk in einem kurzen Filmbeitrag eingefangen. Die Video-Clips werden ab Anfang April auf dem YouTube-Kanal des Theaterhauses Stuttgart und auf dem Instagram-Kanal von Gauthier Dance eingestellt.

Ermutigend auch, wie die Grande Dame des Schweizer Kunsthandels und Stifterin eines der hochkarätigsten Museen der Schweiz, die 89jährige Luzerner Mäzenin Angela Rosengart, ihr Museum im Lockdown über die Runden bringt. Die Neue Zürcher Zeitung hat mit ihr über den Lockdown und ihre Freundschaft mit Pablo Picasso gesprochen.

Ein Orchester wie die Berliner Philharmoniker ist natürlich auch in Lockdown-Zeiten nicht tatenlos, und es ist ein Segen, dass es schon seit Jahren die „Digital Concert Hall“ gibt, wo eine Vielzahl von aktuellen und historischen Konzerten archiviert ist. Im Podcast Steingarts Morning Briefing spricht die Intendantin des Orchesters Andrea Zietzschmann über Öffnungskonzepte und die Sehnsucht nach dem Publikum (Minute 05:53 bis 19:07).

„Beendet den kulturellen Notstand“ appelliert der Historiker René Schlott im Deutschlandfunk an die Politik: „Kunst ist mehr als Unterhaltung.“ Und die Bühne immer noch die Bretter, die die Welt bedeuten und weniger die Bildschirme der digitalen Endgeräte.

Aber nicht nur die Kultur, auch die Klimakrise dürfen wir nicht aus den Augen verlieren. Die Ökonomin Maja Göpel erklärt in einem Podcast der ZEIT, was man vom Kampf gegen das Virus für den Kampf gegen die Klimakrise lernen kann.

Wie wir gerade angesichts von Covid-19 die Zukunft ins Auge fassen können, entwickelt Georg Soldner, Stellvertretender Leiter der Medizinischen Sektion am Goetheanum, im Gespräch mit Wolfgang Held: „Es kommt auf unsere Haltung an, unsere praktische Solidarität, unser sorgfältiges Hinhören, was der andere wahrnimmt, und unser Achten darauf, ob wir selbst als hilfreich wahrgenommen werden. Jede Gesellschaft, die mit dem Virus umgehen will, braucht Gesprächskreise, Bürgerforen, in denen sich die Stimmen der verschiedenen Generationen, der Zivilgesellschaft versammeln und ausführlich beraten, was zu tun ist. Daraus resultiert Vielfalt statt Einfalt.“

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Zum Sehen, Hören, Lesen

Kultur für Herz, Geist und Sinne

Der Frühling lässt noch auf sich warten, und so lange können Sie unsere Kulturtipps gemütlich auf dem Sofa genießen. Aber wenn er dann doch mal kommt, eigenen sie sich auch bestens als Lektüre bzw. Hörerlebnis im Liegestuhl, auf dem Balkon, im Park oder auf der Terrasse!

ZUM ANSCHAUEN und ANHÖREN


Ein Zug macht Musik
Das 2001 gegründete Hamburger Miniatur Wunderland (die größte Modelleisenbahn-Anlage der Welt und eine der touristischen Attraktionen der Hansestadt) war schon immer für verrückte Ideen gut. Beim Weihnachtsgruß 2019 zum Beispiel saß der Weihnachtsmann auf der Tragfläche eines A380 und spielte beim Abheben „Jingle Bells“ ... Jetzt schafften sie den Eintrag ins Guiness Buch der Rekorde: Sie konstruierten (was soll man auch sonst tun im Lockdown?!) die längste Melodie, die ein Modellzug gespielt hat und stellten damit einen Weltrekord auf! Wer genau hinhört, erkennt von den an der Lok befestigten Klöppeln an tausenden angespielten Gläsern Melodien von Wolfgang Amadeus Mozart, Guiseppe Verdi, George Bizet, Johann Sebastian Bach, Ludwig van Beethoven, Johann Strauß, Pjotr Iljitsch Tschaikowsky, Antonio Vivaldi, Johannes Brahms, Richard Wagner, Edvard Grieg, Luigi Boccherini, Georg Friedrich Händel, Felix Mendelssohn-Bartholdy, Giacomo Rossini, Jacques Offenbach, Friedrich Smetana, Maurice Ravel und Johann Pachelbel. Was für eine Leistung! Man mag sich gar nicht ausmalen, wie lange es gedauert hat, bis alle Gläser richtig standen und passend gefüllt waren ... „Wir waren uns als Team trotz Abstandsregeln und räumlicher Distanz so nah wie selten und haben zusammen etwas eigentlich Unmögliches geschafft“, sagt Wunderland-Gründer Frederik Braun im Gespräch mit dem Hamburger Abendblatt. Wie schön, wenn der Lockdown auch mal solche Ergebnisse zeitigt!

Corona – der Film
Der bekannte Dokumentarfilmer Bert Ehgartner, der schon so manchen impfkritischen Film erschuf (z. B. über die Auswirkungen von Aluminium als Wirkstoffverstärker in Impfseren) hat jetzt einen Film zur Corona-Pandemie herausgebracht. Und auch wenn man das eine oder andere daran kritisieren mag, so trägt dieser Film doch viele Gesichtspunkte zusammen, die bisher kaum beachtet wurden, und er legt auch zielgerichtet den Finger in so manche Wunde.  Die Geschehnisse in Bergamo zum Beispiel erscheinen nochmal in einem ganz anderen Licht. Prädikat: sehr sehenswert!

Lasst uns tanzen!
Musiker*innen und Tänzer*innen fanden sich am 4. März 2021 am Pariser Gare du Nord zu einem Flashmob zusammen: „Wir wollen wieder tanzen!“ Es sind Protestaktionen wie diese, die Mut machen und gute Laune, auch wenn sie zwangsläufig nur eine begrenzte Wirkung haben. Aber über YouTube gehen sie doch um die Welt – dieses Video wurde bis heute (7.4.) fast 1 Million Mal angeschaut! Wir brauchen mehr solche Flashmobs!

Ein sehr besonderes Osterkonzert
Der Ungar Laszlo (Leslie) Mandoki, Weltklasse-Musiker und Musikproduzent in Starnberg, hat unter dem Motto „Music is the greatest unifier – bridging the gap around the world“ ein großartiges Jazz-, Rock- und Blueskonzert produziert und bei YouTube eingestellt. Mit dabei sind Musik-Legenden aus aller Welt wie Ian Anderson von Jethro Tull, Al Di Meola, Till Brönner, Peter Maffay, John Helliwell und Jesse Siebenberg von Supertramp und viele andere. Die Stücke basieren auf Themen von Béla Bartók und seiner Sammlung von traditioneller ungarischer Volksmusik. In seiner Einleitung sagt Mandoki: „Wir leben in einer gespaltenen Gesellschaft. Wir leben in einer geteilten Welt. Wir leben in einem Zwischenraum. Wir leben in Echokammern und Newsblasen, diesen Komfortzonen. Aber wir verlieren den Kontakt zur Menschlichkeit. Gier siegt über Bewusstsein. Narrative siegen über Diskussionen. In dieser globalisierten Welt fühlen sich zu viele von uns zurückgelassen. Wir sind verwirrt, wir werden missverstanden. Wozu gehören wir? Wozu gehören wir in diesen herausfordernden Zeiten? Kann Musik die Antwort geben? Ja, Musik ist die Antwort. Musik ist die größte vereinigende Kraft. Wir müssen diese Spaltung überwinden. Deshalb brauchen wir die Musik. Mit diesem Online-Konzert überbrücken wir die Gräben rund um die Welt. Eine globale Krise braucht eine globale Antwort. Die Soulmates bestehen aus Gründungsmitgliedern von ikonischen Rockbands in Großbritannien und den USA wie Jethro Tull und Supertramp und Jazzlegenden aus Los Angeles, New York und London. Aber um auf eine globale Krise eine wirklich globale musikalische Antwort zu geben, haben wir für dieses Konzert auch Künstler*innen von der anderen Seite der Welt eingeladen – aus Shanghai und Beijing in China, aus Tokyo, New Delhi und Moskau, um miteinander Béla Bartóks Vision von einer vereinigten freien Welt zu teilen. Diese musikalische Reise startet in Budapest, wo Béla Bartók geboren wurde.“ Ein großartiges, wunderbares Konzert.

Konzerte in der Anwaltskanzlei
Der Hamburger Strafverteidiger Gerd Strate hat die großzügigen Räume seiner Kanzlei am Holstenwall 7 für Konzerte geöffnet. „Solange wegen Corona ‚Veranstaltungen zu Unterhaltungszwecken‘ (so nennt die Eindämmungsverordnung den Kulturbetrieb) nicht zulässig sind, werden die Konzerte stattfinden, aber ohne Publikum auf Video festgehalten und anschließend im Netz veröffentlicht (Facebook, YouTube, Instagram)“, schreibt Strate auf seiner Homepage, wo die Konzerte eingestellt sind. Bereits zu Gast waren die koreanische Konzertpianistin Seungyeaon Lee und ihr Landsmann, der Konzertpianist Jongdo An. Über den abenteuerlichen Transport und Aufbau des wertvollen Steinway-Konzertflügels hat Strate einen eigenen Film drehen lassen.

Das Rätsel unseres Bewusstseins
Noch bis zum 8. Juni 2021 ist auf arte eine spannende Dokumentation zu sehen, die schon vor sechs Jahren entstanden ist: Was weiß die Wissenschaft heute über unser Bewusstsein? Der Film behandelt neurowissenschaftliche Studien über die Entwicklung des menschlichen Bewusstseins, den Schlaf, den Traum sowie über die Psyche. Dabei geht es auch um die Frage, ab wann sich im Gehirn erste Anzeichen eines Bewusstseins nachweisen lassen, wie sich die Gehirnaktivität im Schlaf verhält, beim Meditieren und im Koma.

 

ZUM LESEN


Innenansichten einer Pandemie
Katja Gloger und ihr Mann Georg Mascolo sind große Namen im deutschen Journalismus. Katja Gloger war Anfang der 1990er Jahre Korrespondentin für den STERN in Moskau, später auch in den USA. Mascolo begann beim SPIEGEL, wo er zum Ressortleiter aufstieg, von 2008 bis 2013 leitete er das Magazin als Chefredakteur. Seit 2014 leitet er das Rechercheteam von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung. Beide hatten schon früh erkannt, dass sich im Februar/März 2020 etwas Besonderes ereignet, als dieses obskure Virus aus Wuhan sich in Europa ausbreitete. Sie führten hunderte von Gesprächen mit Politiker*innen, Krisenstäben, Beamt*innen und Ärzt*innen, erhielten Einsicht in interne Dokumente und Notizen – und machten aus allen Erkenntnissen ein Buch, das nochmal einen ganz anderen Blick eröffnet auf das Corona-Geschehen. Spannend wie ein Krimi, präzise wie eine Dokumentation. Ein wichtiges Buch in dieser Zeit
Katja Gloger, Georg Mascolo: Ausbruch. Innenansichten einer Pandemie. Piper Verlag, 336 Seiten, 22 Euro

Hinter den Kulissen der Pflege
Es gibt schon einige Bücher über den Pflegenotstand, dieses ist sicher eines der wichtigsten. Maximiliane Schaffrath, ausgebildete Krankenschwester, nimmt kein Blatt vor den Mund: „Ich möchte für meine Entscheidung, einen Beruf zu erlernen, der mich tagtäglich mit Kotze, Scheiße, Blut, ansteckenden Krankheiten, Schmerz, Leid und Tod konfrontiert, besser behandelt werden“, schreibt sie im Klappentext. „Hier bin ich in der puren Realität angekommen, in der Realität des Pflegenotstands und der zahlreichen Studiengänge, die jungen Menschen häufiger als die bessere Alternative erscheinen. Es ist schlimm, dass sie mir in den drei Jahren auch immer wieder unterstellen, ich würde nur Wartesemester für ein Medizinstudium sammeln wollen. Das tut weh. Als ob ich kein Recht dazu hätte, hier zu sein. Als ob ich verrückt sei, wenn ich dies freiwillig tue.“ In 15 Kapiteln beschreibt Schaffrath ihre Erlebnisse in verschiedenen Abteilungen eines Krankenhauses und erlaubt damit einen tiefen Blick in die Abgründe des Gesundheitswesens. Es ist ein Buch, das man am liebsten Jens Spahn und Angela Merkel auf den Nachtisch legen möchte.
Maximiliane Schaffrath: Systemrelevant. Hinter den Kulissen der Pflege. Hirzel Verlag, 240 Seiten, 18 Euro

Neue Ziele im eigenen Land
Reisen in andere Länder werden auf absehbare Zeit nicht so einfach sein. Was also liegt näher, als sich mal genauer im eigenen Land umzuschauen? Pia Volk hat das getan und daraus einen sehr speziellen Reiseführer erstellt. Da geht es um Ausflüge zur Bräutigamseiche oder zum Nonnenchor im Kloster Wienhausen, zum Emilianusstollen oder zum Gottesacker, zur Stinksteinwand am Hohen Meißner oder zum Bohrloch 1004 und sogar zu einem Kronleuchtersaal in der Kölner Kanalisation – Hauptsache ungewöhnlich! Die Reiseziele sind in verschiedene Kategorien eingeteilt: in obskure Objekte, bizarre Landschaften, Vorstellungswelten, verplante Flächen, Enklaven und Exklaven, verschwundene Gebiete und Orte, die bewegen. Deutschland zeigt sich hier noch einmal von einer ganz anderen Seite als man es bisher kennt.
Pia Volk: Deutschlands schrägste Orte. Ein Fremdenführer für Einheimische. C. H. Beck Verlag, 256 Seiten, 20 Euro

Neue Ziele im fremden Land
Marco Maurer, freier Autor und Reporter, hat etwas gemacht, wovon wir eigentlich doch alle schon einmal geträumt haben: Er kaufte sich in Sizilien einen alten Fiat 500 („vier kleine Reifen, ein Lenker und nicht mal 20 PS“) und fuhr zusammen mit dem Fotografen und Pulitzer-Preisträger Daniel Etter damit quer durch Bella Italia nach Hause in Hamburg. Über all das, was er dabei erlebt hat, schrieb er – wie könnt‘ es anders sein?! – ein Buch. Und das so gekonnt und so lebendig und anschaulich und einfach begeisternd, dass man sich subito auf eine ebensolche Reise begeben möchte. Er besuchte Oliven- und Safranbauern, Ordensschwestern und Pastahersteller, Cafébesitzerinnen und Pizzabäcker, Köchinnen und Mechaniker, Großväter und Mütter. Er beschreibt Tiefgründiges und Vordergründiges, Lustiges und Trauriges, er lässt uns teilhaben an seiner Reise nicht nur durch ein wunderbares Land, zu wunderbaren Menschen, sondern auch zu sich selbst. Und ganz nebenbei hat er zwischen den vielen Seiten des Buches köstliche Rezepte versteckt. Es ist eine Liebeserklärung nicht nur an Italien und die Leichtigkeit des Seins, sondern auch an das Leben selbst.
Marco Maurer: Meine italienische Reise – oder wie ich mir in Sizilien einen uralten Cinquecento kaufte und einfach nach Hause fuhr. Mit Fotos von Daniel Etter. Prestel Verlag, 240 Seiten, 26 Euro

Beim Essen die Welt verbessern
Lea Elci ist Waldorfschülerin aus Hamburg, Friday-for-Future-Aktivistin und Tochter eines türkischen Kochs. Und wenn der Papa auch noch Gründer der „Kitchen Guerilla“ ist und die Mutter Zuckerbäckerin – was liegt da näher als selbst ein Kochbuch zu schreiben, bei dem man zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt: lecker essen und die Welt retten? „Ich habe Angst“, schreibt Lea im Vorwort. „Ich habe Angst, wenn ich sehe, wie wir mit der Welt umgehen. Ich habe Angst vor dem, was passiert, wenn wir nichts ändern. Aber ich will keine Angst haben – sondern etwas bewegen!“ So wurde aus einem Schulprojekt ein Buch, das bei einem der renommiertesten Verlage erschienen ist – in kreativer Aufmachung, mit leicht nachzukochenden klimafreundlichen Rezepten. Denn, um es mit Lea zu sagen: „die Taten Einzelner können eben doch – selbst wenn es sich nicht immer so anfühlt – in der Summe Großes bewegen.“
Lea Elci: Umessen. Das Kochbuch für eine bessere Welt. Brandstätter Verlag, 168 Seiten, 20 Euro

Kinderimpfungen

Fachverbände und STIKO einig in der Ablehnung

 

Corona-Spezial Juni 2021 - Das hat es wohl selten gegeben, dass sage und schreibe 27 Fachverbände zusammen mit der Ständigen Impfkommission (STIKO) und zahlreichen Ärztinnen und Ärzten unisono eine allgemeingültige Impfempfehlung für gesunde Kindern und Jugendliche ablehnen. So geschehen jetzt angesichts der europäischen Zulassung des Biontech/Pfizer-Impfstoffs für Jugendliche ab 12 Jahren (eine entsprechende Zulassung für den Impfstoff von Moderna, ebenfalls ein mRNA-Impfstoff, steht kurz bevor).

Dies vor allem vor dem Hintergrund, dass der 124. Deutsche Ärztetag mit großer Mehrheit beschlossen hatte, die Bundesregierung aufzufordern, „unverzüglich eine Covid-19-Impfstrategie für Kinder und Jugendliche zu entwickeln“, wie es in einer Pressemitteilung vom 5. Mai heißt: „Das Recht auf Bildung“ könne „im Winter 2021/22 nur mit einer rechtzeitigen Corona-Impfung gesichert werden. Ohne rechtzeitige Impfung, insbesondere auch für jüngere Kinder“, führe „ein erneuter Lockdown für diese Altersgruppe zu weiteren gravierenden negativen Folgen für die psychische Entwicklung.“

Daraufhin rief der Verein „Ärzte für individuelle Impfentscheidung“ die Social Media-Aktion #nichtmeinaerztetag ins Leben und wandte sich mit eindrücklichen Statements in vielen Video-Clips gegen diesen Beschluss. Das Grundrecht auf Bildung mit einer Impfung zu verknüpfen, sei ein Unding, noch dazu, wenn der Impfstoff für Kinder unter 12 Jahren noch gar nicht zugelassen geschweige denn ausreichend geprüft ist.

In der Folge hagelte es weitere kritische Stellungnahmen gegen vorschnelle Corona-Impfungen an Kindern, sowohl von Seiten der Ärztekammer Hamburg, als auch von der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM), der Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie und dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte sowie von einzelnen Ärzten wie z. B. dem Kinderkardiologen und -pneumologen doc_scoop auf Twitter oder dem Kinder- und Jugendarzt Alexander Konietzky aus Wedel bei Hamburg, Mitglied des Vorstands der „Ärzte für individuelle Impfentscheidung“, der in einem Interview mit dem NDR sehr sorgfältig begründet, warum er nichts davon hält, alle Kinder und Jugendliche gegen Covid-19 zu impfen. Und sogar Bundesärztekammer-Präsident Klaus Reinhardt meinte im Interview mit der WELT, er „würde Eltern jetzt nicht raten, ihre Kinder regelhaft impfen zu lassen.“

Das Netzwerk Evidenzbasierte Medizin verlangte einen „sorgfältigen öffentlichen Diskurs“, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtet. „Ob man Kinder impfen müsse, um Herdenimmunität zu erreichen, sei keineswegs sicher. (…) Eine Gruppe von Ärzten der Universität Witten/Herdecke, die für eine noch nicht begutachtete Vorabveröffentlichung die aktuelle wissenschaftliche Literatur durchgeforstet haben, kommt zu dem Schluss: Es gibt keine Nachweise, dass eine Impfung bei Kindern erforderlich oder überhaupt wirksam wäre, um die nach Impfungen und Selbstschutzmaßnahmen noch gefährdete, erwachsene Bevölkerung zu schützen oder eine Herdenimmunität zu erreichen.“ David Martin und Silke Schwarz von der Uni Witten/Herdecke und Arne Simon von der Universität des Saarlandes zählen 14 Argumente für einen rationalen Weg bei der Covid-19-Impfung für Kinder und Jugendliche auf, und die Frankfurter Rundschau zitiert David Martin in einem Interview mit den Worten: „Für die allermeisten lohnt sich die Impfung nicht.“

Gleich mehrfach erklärte STIKO-Vorsitzender und Virologe Thomas Mertens, warum er von einer Massenimpfung gesunder Kinder nichts hält, z. B. beim Deutschlandfunk, bei Phoenix, in der Tagesschau oder als Gast im Corona-Virus-Update des NDR am 1. Juni (ab Minute 21). Auch STIKO-Mitglied Christian Bogdan sprach sich in einem Interview mit den Nürnberger Nachrichten gegen eine „generelle Kinderimpfkampagne“ aus und sieht für Kinder sogar Vorteile, wenn sie die Infektion durchmachen können: „Wer eine Corona-Infektion durchgemacht und gut überstanden hat, steht sicherlich mit einer breiteren und stabileren Immunantwort da als ein Geimpfter. Beim Kontakt mit dem ganzen Virus erstreckt sich die Immunantwort nicht nur auf das Spike-Protein, sondern auf weitere Virusbestandteile. Ein größeres Spektrum von Lymphozyten wird aktiviert. Deswegen könnte man sich sogar fragen, ob das Durchmachen einer Infektion in Altersgruppen, die nur ein extrem geringes Risiko für einen schweren Verlauf haben, nicht sogar ein Vorteil wäre.“ In der offiziellen Empfehlung der STIKO heißt es deshalb: „Derzeit gibt es keine allgemeine Impfempfehlung der STIKO für Kinder und Jugendliche von 12-17 Jahre, sondern nur für Kinder und Jugendliche mit einem besonderen Risiko.“

Nichtsdestotrotz verkündete Gesundheitsminister Spahn, auch ohne STIKO-Empfehlung gesunde Kinder und Jugendliche impfen zu wollen, wie die Deutsche Apotheker-Zeitung berichtet. Und Mecklenburg-Vorpommern möchte „alle Schüler im Land bis zum Start des neuen Schuljahrs impfen. Dafür wurden fast 65.000 Dosen BioNTech bestellt“, schreibt der Nordkurier. Daraufhin hagelte es wiederum Protest, und die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) veröffentlichte eine Stellungnahme unter der Überschrift „Zur zentralen Bedeutung der STIKO für wissenschaftlich fundierte und Evidenz-verpflichtete Impfempfehlungen“, die eben von den schon oben erwähnten 27 Fachgesellschaften unterschrieben wurde.

Interessant, dass verschiedene Länder bei gleicher Evidenz zu unterschiedlichen Empfehlungen kommen, wie das Deutsche Ärzteblatt schreibt. In Österreich zum Beispiel lässt man sich deutlich mehr Zeit: „Die Perspektive der evidenzbasierten Medizin erfordere ‚ein sehr sorgfältiges Abwägen zwischen Nutzen und potenziellen Risiken‘, um herauszufinden, ob es für ‚den durchschnittlichen Jugendlichen einen Nettonutzen gibt‘.“ Aus Sicht der evidenzbasierten Medizin sei die Entscheidung der STIKO „absolut nachvollziehbar und die einzig richtige.“ Es ergebe „nicht wirklich Sinn“, wie in Österreich geplant, über den Sommer rasch beginnend möglichst viele 12- bis 15-Jährige durchzuimpfen. Demgegenüber könne die Risikoabwägung in einem Land wie den USA, wo es sehr viele Kinder und Jugendliche mit metabolischem Syndrom (Bluthochdruck, Diabetes, Übergewicht) gibt, anders ausfallen.

Die WELT ging der Sache in einem Interview mit dem Verfassungs- und Staatsrechtler Prof. Dr. Volker Boehme-Neßler noch etwas genauer auf den Grund: „Beim Impfgipfel der Bundesregierung jedoch hatten die Kanzlerin und die Ministerpräsident*innen gebetsmühlenartig wiederholt, der Schulbesuche hänge nicht vom Impfen ab“, sagte der Moderator und fragte: „Ist damit tatsächlich die Hintertür der verpflichtenden Impfung dicht?“ Im Moment sei die Voraussetzung für eine Impfpflicht in keinem Fall gegeben, antwortete der Jurist: „Eine Impfpflicht für Schüler sehe ich verfassungsrechtlich gar nicht.“ Mit der Impfung dürften sich keine Sonderrechte verbinden, weil es sonst zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft komme. Unter Gleichbehandlungsgesichtspunkten sei das ein großes Problem. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch eine Äußerung von Boehme-Neßler zur schon vorhandenen Masern-Impfpflicht: „Ob die Masernimpfpflicht sich wirklich durchsetzt, ist noch offen. Die liegt im Augenblick vor dem Bundesverfassungsgericht. Das Verfassungsgericht hat noch nicht entschieden. Ich bin mir nicht sicher, ob die Masernimpfpflicht, die wir jetzt gerade haben, vor dem Bundesverfassungsgericht tatsächlich Bestand haben wird. Da habe ich ganz große Zweifel. Wir greifen durch diese Impfpflicht auf das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit der Kinder ein und auch mancher Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher. Dieser Eingriff ist nur dann erlaubt, wenn es unbedingt erforderlich ist, dass in dieses Grundrecht eingegriffen wird. Und ob diese Impfpflicht so wichtig ist für die Bekämpfung der Masern, wage ich sehr stark zu bezweifeln.“

Vielfach machen die Jugendlichen aber selbst Druck, denn sie wollen endlich ihr normales Leben wieder zurück. „Wenn mir ein 14-Jähriger klar erklären kann, warum er geimpft werden will und das Thema auch versteht, dann ist eine Impfung ohne Einwilligung der Eltern möglich“, erklärte Jakob Maske, Pressesprecher des Bundesverbandes der Kinder- und Jugendärzte, in einem Interview mit der WELT, betonte aber gleichzeitig, man werde Kinder und Jugendliche nur impfen, wenn es eine STIKO-Empfehlung gebe. Und die gibt es zurzeit eben nur für Kinder mit Vorerkrankungen bzw. für ausgewählte Risikogruppen.

„Gebt den Kindern die Freiheit zurück“, fordert Julian Nida-Rümelin einem Gastbeitrag für den SPIEGEL: „Die Gesundheitsrisiken von Kindern und Jugendlichen sind im Vergleich zu den Gesundheitsrisiken älterer Jahrgänge derart minimal, dass sie es nicht rechtfertigen, diese weiterhin mit den gleichen Maßnahmen einzuschränken, obwohl die Gründe für die eingeforderte ‚Solidarität ihren Großeltern‘ durch den Fortschritt der Impfkampagne zunehmend entfallen. Wenn die Großeltern geschützt sind, muss von ihren Enkeln keine Solidarität in der Pandemie mehr eingefordert werden, dann müssen sich Kinder und Jugendliche nicht einschränken, um ihre Großeltern vor Covid-19 zu schützen. (…) Wir können und sollten die Kinder und Jugendlichen mit dem Fortschritt der Impfkampagne baldmöglichst in die volle Freiheit entlassen.“

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Zum Sehen, Hören, Lesen

Kultur für Herz, Geist und Sinne

Auch wenn die ersten wärmenden Sonnenstrahlen vermehrt nach draußen locken, so ist der Winter doch noch nicht vorbei und bietet noch Anlass genug, sich abends mit einem guten Buch oder Film vom Corona-Stress abzulenken. Hier sind einige Tipps dafür.

ZUM ANSCHAUEN

WOMAN – FRAUEN DER WELT
Am 8. März war Internationaler Frauentag – einen berührenden Einblick, wie sich die Lage der Frauen heute weltweit darstellt, biete dieser Film. Er verleiht 2000 Frauen aus fünfzig Ländern eine Stimme und macht Mut, nicht nur Rechte einzufordern und Ungleichheit anzuprangern, sondern vor allem Frauen endlich nicht mehr als das „schwächere Geschlecht“ zu betrachten. „WOMAN“ zeigt, was es in unserer Welt heute bedeutet, eine Frau zu sein. Corona-bedingt konnte der Film bisher nicht im Kino gezeigt werden, aber sobald es möglich ist, wird das geschehen. Bis dahin kann er online ausgeliehen oder gekauft werden.


ZUM ANHÖREN

„AUS GEISTESTIEFEN LEUCHTEND“ – RUDOLF STEINER IN MÜNCHEN
Anlässlich des 160. Geburtstags von Rudolf Steiner am 27. Februar hat der Bayrische Rundfunk einen knapp einstündigen Radiobeitrag online gestellt, der das Wirken vom Rudolf Steiner in München Anfang des 20. Jahrhunderts spiegelt. Ein spannender Einblick in das Leben des Begründers der Anthroposophie und ein wunderbares Beispiel dafür, wie guter Radio-Journalismus geht.


ZUM LESEN

ALLES, WAS MAN ÜBER DAS IMPFEN WISSEN SOLLTE
Einer der kritischsten Wissenschaftler unserer Zeit, Begründer und langjährige Leiter des skandinavischen Cochrane-Zentrums, der Däne Peter Gøtzsche, hat ein Buch über Für und Wider des Impfens geschrieben. Mit dem bezeichnenden Untertitel: „Die Wahrheit über unsere Impfstoffe und ihre Zulassung.“ Er greift sich vor allem die Impfungen gegen Masern, Influenza, HPV (humanes Papillomavirus), japanische Enzephalitis sowie die Impfprogramme für Kinder heraus. Speziell bei HPV kennt Gøtzsche sich gut aus – er wurde wegen seiner kritischen Stellungnahme aus dem Amt gemobbt. Schonungslos zeigt er auf, wie groß die Interessenkonflikte sind, gerade bei Organisationen, die Impfungen empfehlen. Natürlich alles peinlich genau mit Quellen belegt.

Ein ganzes Kapitel hat Gøtzsche Corona gewidmet. Auf 60 Seiten stellt er die Dimension der Pandemie und auch die Tests und Impfstoffe so dar, wie man es selten liest: sachlich, nüchtern und mit dem Finger voll in den Wunden. So widmet sich ein ganzer Abschnitt in diesem Kapitel dem Thema „Habgier – Korruption – und unethische und rechtswidrige Vorgehensweisen“.

An keiner Stelle spricht Gøtzsche sich pauschal gegen Impfungen aus. Im Gegenteil. Wohl aber verlangt er, „dass Fragen zu Impfstoffen offen und ohne Einschüchterungsversuche diskutiert werden können. (...) Jeder, der eine Führungsposition im Gesundheitswesen bekleidet, weiß, was von ihm erwartet wird, wenn er bei den Politikern beliebt sein will. Man macht sich nicht beliebt, wenn man kritische Fragen zu Impfstoffen aufwirft.“
Peter C. Gøtzsche: Impfen. Für und Wider. Die Wahrheit über unsere Impfstoffe und ihre Zulassung. Riva Verlag, München, 336 Seiten, 19,99 Euro


EIN FAKTENREICHER ÜBERBLICK
Die Darstellung der Pandemie in den Medien wird sicher noch Gegenstand von Master- und Doktorarbeiten sein. Einen kleinen Beitrag dazu hat jetzt Walter von Rossum mit diesem Buch geleistet. Es fächert detailgenau auf, wie sich die Berichterstattung vor allem im Netz und im Podcast von Christian Drosten entwickelt hat. Auch wenn manches darin ein bisschen überzogen erscheint, so regt dieser Überblick doch noch einmal an, über so manches genauer nachzudenken.
Walter van Rossum: Meine Pandemie mit Professor Drosten. Vom Tod der Aufklärung unter Laborbedingungen, rubikon Verlag, 264 Seiten, 20 Euro 


IN NEUEM LICHT
Sophie Scholl ist kein Name, den man lange erklären muss. Und doch gibt es jetzt zwei Bücher, die nach der schon 2010 erschienenen Biographie von Barbara Beuys ein neues Licht auf das Leben dieser mutigen jungen Frau werfen. Der evangelische Theologe und Historiker der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“, Robert M. Zoske, hat jetzt auf der Basis von bislang noch unveröffentlichtem Quellenmaterial das „Portrait einer Widerständigen“ geschrieben und ein Bild der jungen Frau gezeichnet, das weniger heldinnenhaft als menschlich ist und sie uns dadurch umso näherbringt.

Auch der Theologe und Philosoph Werner Milstein hat sich jetzt anlässlich des 100. Geburtstags der Widerstandskämpferin am 9. Mai 2021 in das Leben von Sophie Scholl vertieft. Ähnlich wie Zoske beschäftigte auch ihn die Frage, wer die junge Frau hinter dem Mythos ist, wie sie ihr kurzes Leben verbrachte und wie sie zur „Weißen Rose“ kam.

Heute mehr denn je ist die Biographie Sophie Scholls dazu angetan, jungen Menschen ein Vorbild zu sein, wie man sich selbst treu bleiben kann.
Robert M. Zoske: Sophie Scholl: Es reut mich nichts. Portrait einer Widerständigen. Propyläen-Verlag, 448 Seiten, 24 Euro
Werner Milstein: Einer muss doch anfangen. Das Leben der Sophie Scholl. Gütersloher Verlagshaus, 208 Seiten, 15 Euro (erhältlich ab 22. März)


NEUE STÄRKEN ERKENNEN
Zu scheitern gilt nicht unbedingt als anstrebenswert, und doch sind es gerade die Fehler, aus denen wir am meisten lernen. In Japan hat man schon seit Urzeiten eine Kunst daraus gemacht, Krisen als Chance zu begreifen, mehr noch: als Geschenk des Lebens. Sinnbild dafür ist, dass Macken an einem Geschirr zum Beispiel nicht kaschiert, sondern betont werden – allerdings häufig dann eben künstlerisch gestaltet: mit einem Goldrand, einer Farbe, womit der Gegenstand zu neuer Schönheit erblüht. „Kintsugi“ heißt diese Kunst, zu reparieren, was zerbrochen ist und damit neue Kunstwerke zu schaffen, die noch kostbarer sind als die ursprünglichen Gegenstände.

In Zeiten wie diesen erscheint ein Buch über diese Kunst umso wichtiger. Es vermittelt uns, dass auch schwierige Zeiten neue Stärken vermitteln können und dass aus Niederlagen Erfolge erwachsen können.
Andrea Löhndorf: Kintsugi. Die Kunst, schwierige Zeiten in Gold zu verwandeln. Scorpio Verlag, 152 Seiten, 16 Euro


BERÜHRENDE GESPRÄCHE
Dass unser aller Leben endlich ist und der Tod zum Leben gehört, ist eine der Lehren, auf die uns die Corona-Krise mit Macht hinweist. Alte Leute setzen sich naturgemäß mehr mit den damit verbundenen Fragen auseinander und schauen auf ihr Leben zurück. Die erst 31-jährige Mena Kost und die Fotografin Annette Boutellier haben dazu 15 alte Menschen aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten befragt, von der Hebamme und der Bergbäuerin bis zum Architekten und Nobelpreisträger, und daraus ein wunderbares Buch gemacht.
Mena Kost, Annette Boutellier: Ausleben. Gedanken an den Tod verschiebt man gern auf später. Christoph Merian Verlag, 196 Seiten, 28 Euro


SELBST GEBACKEN SCHMECKT BESSER
In Lockdown-Zeiten sind viele Familien dazu übergegangen, ihr Brot selbst zu backen. Auch ist das Bewusstsein darüber gestiegen, dass Backtriebmittel aus der Retorte den Geschmack eines Brotes nicht unbedingt verbessern. Ganz davon abgesehen, dass die hochgezüchteten Getreidesorten oft für Unverträglichkeitsreaktionen bis hin zur Zöliakie verantwortlich sind. Höchste Zeit für gute Brotbackbücher also, die auch Ungeübten beibringen, wie leicht sich ein lecker-luftiges Brot aus Mehl, Wasser und Hefe oder – noch besser – Sauerteig backen lässt. Zwei davon haben sich als besonders geeignet herausgestellt:

Mit Brot im Topf – einfach backen mit Sauerteig (Dorling Kindersley Verlag, 160 Seiten, 16,95 Euro) zeigt Ilona Chocancova, dass ein knuspriges Sauerteigbrot aus dem eigenen Herd kein Hexenwerk ist, noch weniger, weil es sich in einem normalen Kochtopf backen lässt. Die gut fotografierten Schritt-für-Schritt-Anleitungen sorgen dafür, dass nichts schiefgeht.

Genauso anschaulich das schön aufgemachte Buch der jungen Food-Bloggerin Judith Erdin: Dein bestes Brot. Backen wie ein Profi (at Verlag, 192 Seiten, 29,90 Euro). Vom Dinkel-Frühstücksbrötchen bis zum Sonntagszopf, Baguette und Grissini ist darin alles narrensicher rezeptiert. Wetten, dass Sie danach nie wieder ein Brot beim Discounter kaufen?!


DIE NATUR NEU ENTDECKEN
Johanna Romberg war über 30 Jahre lang Redakteurin und Autorin bei GEO und stach schon in dieser Zeit mit ihren geschliffen formulierten, sorgfältig recherchierten Reportagen heraus. Ihr Liebe galt schon immer den Vögeln und der unberührten Natur. Nach „Federnlesen“ hat sie jetzt ihr zweites Buch vorgelegt, und es ist ihr fast noch besser gelungen. In neun Kapiteln und acht Kurzausflügen führt sie ihre Leser*innen an einen neuen Blick auf die Natur und ihre noch heilen Refugien heran – in die Eifel zu den Uhus, in die südliche Heide zu den Flussperlmuscheln, in Moore und zu Schmetterlingen, in Wattenmeer und zu den Bibern und natürlich zu dem Braunen Bär, dem Nachtfalter, der dem Buch zu seinem großartigen Titel verholfen hat. Es ist eine wunderbare Ermutigung, sich gerade in diesen Zeiten von der Natur zum Staunen verleiten zu lassen und alles dafür zu tun, sie in ihrer Ursprünglichkeit und Vielfalt zu bewahren.
Johanna Romberg: Der Braune Bär fliegt erst nach Mitternacht. Unsere Naturschätze. Wie wir sie wiederentdecken und retten können. Quadriga Verlag, 288 Seiten, 28 Euro

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Umstritten

Das neue Infektionsschutzgesetz

Es war eine turbulente Sitzung und eine kontroverse Debatte im Deutschen Bundestag, aber am Schluss wurde mit dem neuen Infektionsschutzgesetz eine Norm verabschiedet, die in ihrer Wirkung einmalig ist: Ab sofort und bislang befristet auf 30. Juni 2021 gelten verschärfte Bestimmungen inklusive nächtlicher Ausgangssperren von 22 bis 5 Uhr bei Überschreiten einer 7-Tage-Inzidenz von 100 an drei aufeinanderfolgenden Tagen. Schulen müssen auf Homeschooling umschwenken, wenn die Inzidenz über 165 liegt. Ab 150 dürfen Einzelhändler keine Kund*innen mehr im Laden bedienen (Ausnahme: Lebensmittelgeschäfte, Apotheken, Drogerien).

Schon im Vorfeld hatte sich gegen dieses Gesetzesvorhaben massiver Widerstand geregt. Mehr als 200 Verfassungsbeschwerden sind dazu beim Bundesverfassungsgericht eingegangen – eine stammt von der FDP (die Eilanträge gegen die nächtlichen Ausgangsbeschränkungen wurden vom Gericht inzwischen abgelehnt). In einem Interview mit der WELT machte Wolfgang Kubicki aus seiner Ablehnung keinen Hehl: Die im Gesetz festgeschriebene, vom RKI ermittelte Inzidenz als Maß aller Dinge habe „gar keinen Aussagewert, was die reale Abbildung des Pandemiegeschehens“ angehe. „Dennoch steht sie als einziger Maßstab im Gesetz.“

Auch andere Jurist*innen positionierten sich gegen das Gesetz, z. B. das Netzwerk Kritische Richter und Staatsanwälte oder die Anwältin Jessica Hamed in der Berliner Zeitung, die den ehemaligen Vorsitzenden des Deutschen Richterbundes und Direktor des Amtsgerichts Bielefeld, Jens Gnisa, zitiert, der „entsetzt“ sei darüber und dazu aufruft, „dem in Gesetz gegossenen ‚Dauerlockdown‘ nicht zuzustimmen“.

„Das geht zu weit!“ schreibt Ingo Krampen, Rechtsanwalt, Mediator und Notar a. D. in Bochum, in einer Stellungnahme zur „Notbremse“ der Regierung. „Damit ist eine Grenze überschritten, die wir als Jurist*innen nicht mehr widerspruchslos hinnehmen können.“ Er wolle „nicht von Inzidenzzahlen regiert“ werden: „Das ist gespenstisch und ‚Big Brother‘ in Reinkultur. Wenn diese Art von Gesetzgebung Schule macht, wird demnächst von Luftschadstoffwerten bestimmt, wann ich autofahren oder spazierengehen darf, von meinem Intelligenzquotient, welche Fortbildungen ich besuchen darf, von meinen Blutdruckwerten, welche Unternehmungen ich machen darf und welche nicht.“ 

Heribert Prantl, ebenfalls Jurist und Autor der Süddeutschen Zeitung, sagte in einem Interview für Telepolis auf heise.de: „Dieses Infektionsschutzgesetz liegt mir wie ein Stein im Magen. Ich habe große Zweifel daran, dass ein Rechtsstaat das verdauen kann.Es schränkte fast alle Grundrechte ein: „die Bewegungsfreiheit, die Glaubens- und Religionsfreiheit, den Schutz der Familie, die Versammlungsfreiheit, die Vereinigungs- und Koalitionsfreiheit, die Freizügigkeit, die Berufs- und Berufsausübungsfreiheit, die Gewerbefreiheit, den Schutz des Eigentums etc. etc.“ Man müsse sich „heute schon fragen lassen, wenn man die Grundrechte verteidigt, ob man schon ein Querdenker geworden ist. Solches Gerede gibt mir jedes Mal einen Stich. Was ist da passiert, dass das Verfassungs- und Grundrechteverständnis so porös geworden ist?“

Aufsehen erregte ein Offener Brief des ehemaligen Leiters des Instituts für Virologie der Charité, Prof. Dr. Detlev H. Krüger, und des ehemaligen Leiters des Globalen Influenza- und Pandemievorbereitungsprogramms der WHO, Prof. Dr. Klaus Stöhr. Beide Wissenschaftler greifen vor allem die Orientierung an der 7-Tages-Inzidenz an. Diese differenziere nicht, in welchen Altersgruppen, Lebensräumen und Bevölkerungsgruppen Infektionen auftreten: „Eine gleich hohe Inzidenz kann dramatisch unterschiedliche Bedeutung haben, je nachdem, ob sie z. B. bei primär gesunden Studierenden, bei schwer erreichbaren Bevölkerungsgruppen, bei besonders vulnerablen Menschen, oder diffus in der Gesamtbevölkerung verteilt gemessen wird. (...) Eine gleich hohe 7-Tages-Inzidenz kann in einem Szenario (z. B. Verschlechterung der Lage in Nachbarregionen) eine Verschärfung der Maßnahmen erfordern, während sie in einem anderen Szenario (z. B. stark sinkender Trend) gar eine Lockerung erlauben könnte.“ Als alternative Orientierungsgröße schlagen Krüger und Stöhr „die tägliche Anzahl der Covid-bedingten intensivstationären Neuaufnahmen“ (nicht zu verwechseln mit der intensivmedizinischen Belegungsstatistik!, Anm. d. Red.) vor, „differenziert nach Landkreis des Patientenwohnortes, Alter und Geschlecht mit Berücksichtigung diesbezüglicher zeitlicher Trends“.

Auch Gérard Krause, Leiter der Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig, wollte diesen Offenen Brief ebenfalls zeichnen, durfte aber offenbar nicht – sein Arbeitgeber verbot es ihm, wie Gregor Amlung in einem Gastbeitrag bei Boris Reitschuster berichtet: „Helmholtz-Forscher sollen sich ‚seriös und neutral‘ äußern, ‚ohne sich dabei in irgendeiner Weise politisch oder anderweitig vereinnahmen zu lassen‘, so die Begründung.“

Der ehemalige stellvertretende Vorsitzende des Sachverständigenrats Gesundheit, Prof. Dr. Matthias Schrappe, gab der von ihm zusammen mit neun weiteren Fachleuten verfassten 2. Ad-hoc-Stellungnahme die Überschrift: „Zentralisierte Willkür: Über den Entwurf eines 4. Bevölkerungsschutzgesetzes“. Darin heißt es: „Die Pandemie sollte nicht der Ausgangspunkt für staatsorganisatorische Interventionen/Veränderungen sein. Der Gedanke an eine neue Notstandsverfassung im Gesundheitsbereich drängt sich auf.“

In den Medien gab es – endlich! – eine Vielzahl kritischer Berichte zu diesem neuen Gesetz, die vorwiegend die Verfassungsgemäßheit anzweifelten, z. B. in der WELT gleich mehrfach („Ein Angriff auf die Vernunft“, „Der Gesundheitsminister als Herr über die Grundrechte? Lieber nicht“, „Die Ministerpräsidenten animieren ihre Polizei zur Dienstverweigerung“, „Diese Daten entlarven die Ausgangssperre als politischen Irrtum“), in der Neuen Zürcher Zeitung („Störung im System: Statt Ausgangssperren wäre eine Notbremse für staatliche Vernunft geboten“), in der Süddeutschen Zeitung („Ein sinnloser Eingriff in die persönliche Freiheit“).

Welche absurden Blüten dieses Gesetz treibt, wird am Beispiel Helgoland deutlich. Die Insel in der Nordsee gehört verwaltungstechnisch zum Landkreis Pinneberg und hat eine Corona-Inzidenz von Null. Mehr als ein Drittel der Einheimischen ist bereits geimpft. Gäste dürfen zurzeit ohnehin nicht kommen (berufliche Besucher ausgenommen). Trotzdem gilt für die 1.300 Bewohner*innen die Ausgangssperre, weil das Gesetz eben für alle bindend ist ...  

„Es macht keinen Sinn, Menschen zur normalen Schlafenszeit am Betreten der Straße oder sogar ihres Gartens zu hindern, nur um sie dann morgens in vollen Bahnen und Bussen zu ihren Großraumbüros zu karren, wo sie sich seltsamerweise aber auch nicht in Massen mit Corona anstecken“, schreibt der Journalist Milosz Matuschek in einem Beitrag für die Berliner Zeitung, den er auch in seinem Newsletter abdruckte. „Wie man es dreht und wendet: Es ergibt keinen Sinn. Angela Merkel hat Recht: Wir sind in einer ‚neuen Pandemie‘. Aber nicht wegen irgendeiner Mutante. Wir sind in einer Pandemie der willkürlichen Panik-Politik.“

Vor „symbolischen Coronamaßnahmen“ warnen auch namhafte deutsche Aerosolforscher die Politik und kritisierten die Ausgangssperren: „Die heimlichen Treffen in Innenräumen werden damit nicht verhindert, sondern lediglich die Motivation erhöht, sich den staatlichen Anordnungen noch mehr zu entziehen. In der Fußgängerzone eine Maske zu tragen, um anschließend im eigenen Wohnzimmer eine Kaffeetafel ohne Maske zu veranstalten, ist nicht das, was wir als Experten unter Infektionsvermeidung verstehen. (...) Wenn wir die Pandemie in den Griff bekommen wollen, müssen wir die Menschen sensibilisieren, dass drinnen die Gefahr lauert“, schreiben sie in einem Brief an die Landesregierungen und das Bundeskabinett, wie das Deutsche Ärzteblatt berichtet: „Leider werden bis heute wesentliche Erkenntnisse unserer Forschungsarbeit nicht in praktisches Handeln übersetzt.“ Die Forscher plädieren dafür, Raumluftfilter überall dort zu installieren, wo sich Menschen längere Zeit in geschlossenen Räumen aufhalten müssen – in Pflegeheimen, Büros, Schulen.

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung erklärt Christof Asbach, Präsident der Gesellschaft für Aerosolforschung, warum er Ausgangssperren und Maskenpflicht beim Joggen für falsche Signale hält: „Mit solchen Maßnahmen wird ein falscher Fokus gesetzt.“

Wie es in Frankreich und Spanien aussieht, einem Land mit und einem ohne Ausgangssperre, schildert Alexander Oetker in einem Bericht für n-tv: „Une Ausgangssperre? Mais non ...“ Er schreibt, die Ausgangssperre in Frankreich „bringt gar nichts, vielleicht sogar noch das Gegenteil von dem, was sie erreichen soll.“ Die Zahlen bestätigen das, die Inzidenz ist trotz Ausgangssperre hoch. Dass es trotz hoher Zahlen auch anders geht, zeigt Spanien, wo zu diesem Zeitpunkt (Anfang April) Bars, Cafés, Restaurants bis 20 Uhr innen und außen geöffnet sind, und das schon seit Januar. Trotzdem explodieren die Zahlen nicht. Die Inzidenz liegt im Baskenland bei 150, landesweit bei 90, in Galizien bei 33, obwohl alles offen ist, auch der Einzelhandel. „Vielleicht wäre es ja doch mal eine gute Idee, über den Tellerrand zu blicken“, schreibt Oetker, „und von denen zu lernen, die die Zahlen gesenkt haben. Deutschland aber will es derzeit den Ländern nachmachen, die trotz strenger Lockdowns immer noch viel zu große Probleme haben.“

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Immer noch unklar

Woher kommt SARS-CoV-2?

 

Corona-Spezial Juni 2021 - Als der Hamburger Nanowissenschaftler Prof. Dr. Roland Wiesendanger im Februar 2021 eine Studie zum Ursprung der Coronavirus-Pandemie veröffentlichte, wurde er scharf angegriffen, sogar von der eigenen Universität. Unwissenschaftlich sei seine Zusammenstellung, unhaltbar die These, möglicherweise sei das Virus doch aus einem Labor in Wuhan entwischt und nicht etwa über Wildtiere übertragen worden. Ein Beitrag von Stephan Russ-Mohl in der Neuen Zürcher Zeitung rückt das jetzt wieder gerade. Unter der Überschrift „Der mögliche Laborunfall in Wuhan und die Medien: Wenn Reflexe wichtiger sind als Recherchen" heißt es dort: „Wer die Theorie infrage stellte, dass das Corona-Virus von Tieren übertragen worden sei, wurde in vielen Medien als Aluhut und Verschwörungstheoretiker niedergemacht. Zu Unrecht, wie sich jetzt zeigt." Wiesendanger habe „nur etwas getan, was Wissenschaftler viel öfter tun sollten: Er hat interdisziplinär gearbeitet. Und er hat mit langem Atem sowie akribisch, wenn auch vielleicht bei der Quellennutzung etgwas zu wenig wählerisch, zusammengetragen, was er an widersprüchlichen Erkenntnissen zur Herkunft des Covid-19-Virus finden konnte."  Und nur zu berechtigt ist der Einwand, dass das eigentliche Problem die Kommunikation über diese Arbeit war, die Rainer Korbmann, früherer Chefredakteur von „Bild der Wissenschaft", als „Super-Gau hoch drei" bezeichnet hatte. Die Kritik an Wiesendangers Studie, schreibt Russ-Mohl, „zielte an der Sache selbst vorbei und zeigte nur noch einmal, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Wenn es nämlich in der Wissenschaftskommunikation einen GAU gegeben haben sollte, dann bestünde er darin, dass in vielen Redaktionen seit Jahr und Tag Wissenschaftsjournalisten fehlen, die eine Meldung wie jene über Wiesendangers Nachforschungen angemessen einordnen können. Aber Hand aufs Herz: Dieser GAU ist längst Alltag." 

Möglicherweise habe man doch „die Büchse der Pandora geöffnet“, heißt es jetzt im Bulletin of the Atomic Scientists Anfang Mai. Und knapp drei Wochen später schreibt das Wall Street Journal unter Berufung auf US-Geheimdienste: „Informationen über kranke Mitarbeiter im Wuhan-Labor heizen die Debatte über die Herkunft von Covid-19 an“. Schon im November 2019 könnten diese Mitarbeiter an Covid-19 erkrankt sein – sie hatten Symptome, die dazu passten. Bislang hieß es immer, Covid-19 sei erst im Dezember 2019 aufgetreten. Rasch wurde der Bericht zum Politikum: Top-Experten der USA für Infektionskrankheiten wie Anthony Fauci oder Gesundheitsminister Xavier Becerra „meldeten offen Zweifel an, ob das Virus wirklich auf natürlichem Weg, ‚in freier Wildbahn‘ sozusagen, auf den Menschen übergesprungen sei“, meldete die NZZPräsident Joe Biden ging noch einen Schritt weiter und instruierte seine Geheimdienste, der Sache mal auf den Grund zu gehen und innerhalb eines Vierteljahres einen Bericht zu erstellen, „von dem er ‚klare Schlussfolgerungen‘ erwarte“ – was auch immer das heißen mag.

Damit nicht genug: Im Fachblatt Science forderten 18 Wissenschaftler*innen aus aller Welt: „Untersucht den Ursprung von Covid-19“.  Erik van Nimwegen vom Biozentrum der Universität Basel, einer der Unterzeichner, erklärt in der NZZ, warum er sich den Kolleg*innen angeschlossen hat: „Mein Hauptgrund war, dass ein paar Artikel und Briefe von einer kleinen Gruppe von Wissenschaftlern zusammen mit dem WHO-Bericht bei Laien den Eindruck erweckten, dass es innerhalb der wissenschaftlichen Community einen Konsens darüber gebe, dass man die Möglichkeit eines Labor-Ursprungs von Sars-CoV-2 ausschließen könne. Das stimmt aber nicht. Es gibt derzeit keine konkreten Hinweise, weder auf das Labor-Szenario noch auf einen natürlichen Ursprung. Deshalb sollte keine der beiden Thesen ausgeschlossen werden. Ich fand es wichtig, klarzumachen, dass diese Sichtweise von einer großen Gruppe von Forschern mit breitem Fachwissen unterstützt wird.“ Und auch sein Kollege Richard Neher, der den Brief ebenfalls unterschrieben hat, sagt: „In meinen Augen gibt es derzeit weder überzeugende Hinweise auf einen Laborunfall noch schlagende Argumente für eine direkte Tier-Mensch-Übertragung. A priori ist Letzteres viel wahrscheinlicher, aber das WIV [Wuhan Institute for Virology, d. Red.] forscht seit Jahren an Coronaviren und hat die nächsten bekannten Verwandten von Sars-CoV-2 beschrieben. Daher sollten beide Hypothesen zum Ursprung von Sars-CoV-2 ernsthaft untersucht werden.“

In einem Interview mit dem SPIEGEL erklärte der Biologe und Direktor des Centrums für Naturkunde an der Universität Hamburg, Prof. Dr. Matthias Glaubrecht: „Um ehrlich zu sein, sind Beweise schwierig – zumindest im streng juristischen Sinne. (…) Wir können derzeit nicht widerlegen, dass SARS-CoV-2 aus einem Labor stammt. Genauso wenig können wir aber ausschließen, dass es von einem Tier auf den Menschen übergesprungen ist. Und bleibt nur abzuschätzen, was plausibler ist.“

Noch im Februar 2020 hatten Forscher*innen im Fachblatt „The Lancet“ erklärt, bei den Annahmen, das Virus könnte aus einem Labor in Wuhan entwichen sein, handele es sich um „Verschwörungstheorien“. Auch Christian Drosten hatte dieses Statement unterschrieben. Und die WHO hatte in einer Untersuchungskommission ebenfalls festgestellt, dass diese These „extrem unwahrscheinlich“ sei. Nun ist die WHO allerdings, wie die WELT schreibt, „eine von China dominierte Organisation, keinesfalls neutral.“ Und die US-Zeitschrift Vanity Fair veröffentlichte Anfang Juni eine ausführliche Recherche („Die Labor-Leck-Theorie: Der Kampf um die Herkunft von Covid-19“), aus der hervorgeht, „dass die von Drosten mit unterzeichnete Solidaritätserklärung maßgeblich auf den britisch-amerikanischen Zoologen Peter Daszak zurückgeht. Seine Unabhängigkeit stellt das Magazin infrage: Daszak war demnach früher dafür verantwortlich, dass das chinesische Labor in Wuhan Geld aus amerikanischen Forschungsaufträgen erhielt, und zwar für den nun besonders umstrittenen Teil der Viren-Forschung. In diesem Jahr war Daszak wieder in China. Er ist jetzt Teil einer Forschergruppe, die teilweise von der WHO organisiert ist. Sie soll Fakten sammeln über die Pandemie. Funktioniert so die be- und gerühmte Neutralität der Wissenschaft?“

Für Christian Drosten ist „die plausibelste Quelle“ inzwischen „Chinas Pelzindustrie“, auch wenn er dafür „keinerlei Belege“ habe, wie er in einem Interview mit dem Schweizer Magazin Republik erzählt. Aber „Viren der gleichen Spezies machen die gleichen Sachen und haben häufig die gleiche Herkunft.“ Wenn das Virus versehentlich oder absichtlich in einem Labor erzeugt worden sei, liege das zwar technisch betrachtet im Rahmen des Möglichen. Nur: „Wenn jemand auf diese Weise SARS-2 entwickelt hätte, dann würde ich sagen, der hat das ziemlich umständlich gemacht.“ Ein Forschungsunfall sei „ausgesprochen unwahrscheinlich“.

Umso bemerkenswerter erscheint es, dass jetzt die G7-Staaten bei ihrem Gipfeltreffen in Cornwall eine „vertiefte Untersuchung der WHO zum Ursprung der Corona-Pandemie“ einforderten, wie die WELT berichtet. Da werden die Geheimdienste noch einiges zu tun haben …

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„Wir wissen nicht genau, was wir tun“

Die Politik stochert im Nebel

In einem Interview mit dem heute journal des ZDF kritisierte der Medizinstatistiker Prof. Dr. Gerd Antes (Freiburg), dass die Corona-Maßnahmen der Regierung auf einer denkbar schlechten Datenlage beruhen. Man habe versäumt, die wichtigen Informationen zu erfassen, wo und wann und wer am meisten von Corona-Infektionen betroffen ist: „Man glaubt es kaum, aber es ist wirklich so. Es fehlt an Vertrauen in die Wissenschaft. Die Politik hat gegenwärtig mehr Vertrauen in sich selbst, die Dinge auch ohne die entsprechenden Zahlen zu regeln, und deshalb sind diese ganzen Unterlassungssünden über die letzten 10, 11, 12 Monate aus meiner Sicht nur darüber zu erklären.“ Man bräuchte eine grundlegende Bestandsaufnahme:  1. Wo sind die Herde für Infektionen? „Schwierige Wohngebiete“ seien zu Recht inzwischen zum Thema geworden. 2. Wie bewerten wir diese Maßnahmen? Es sei immer noch völlig unklar, ob die Ausgangssperre oder andere Maßnahmen des Lockdown überhaupt die Wirkung zeigen, die man sich von ihnen erhofft. 3. Man müsse endlich eine große Studie mit einer repräsentativen Auswahl von 30-50.000 Bundesbürgern auflegen, die über die Zeit hinweg begleitet werden, so dass man weiß, was geschieht. Antes: „Eines der großen Probleme ist noch die Dunkelziffer. Wir wissen nicht genau, wie viele wirklich infiziert werden.“ Die Schulen sind für Antes nachweislich „nicht der große Treiber – das wird fatal überdramatisiert.“

Dabei könnten schon einfache Verbesserungen für mehr Erkenntnis sorgen. „Wir müssen die Ergebnisse der PCR-Tests genauer auswerten“, fordert z. B. die WELT. Denn der Test allein ist weder gleichbedeutend mit einer Corona-Erkrankung noch mit einer hohen Infektiosität. Um beides zu erkennen, kommt es auf den Ct-Wert an. Er zeigt an, wie viele Zyklen notwendig waren, bis die Virus-Bruchstücke erkannt wurden. Bei einer hohen Viruslast geschieht das schon nach wenigen Durchläufen (unter 20). Je mehr Zyklen erforderlich sind, desto geringer ist die Viruslast und damit auch die Infektiosität. So ist bei einem Ct-Wert von über 30 eine Ansteckungsgefahr ziemlich ausgeschlossen. „Eine Debatte über die Aussagekraft der PCR-Testung wird hierzulande so gut wie nicht geführt“, heißt es in dem Artikel. Ganz anders in Spanien: „Dort nimmt die Regionalregierung die Ct-Werte seit Monaten genau unter die Lupe und lässt sie mit in die Entscheidungen über die Verschärfung oder Lockerung von Maßnahmen einfließen; jüngst lag der Ct-Wert der positiven PCR-Tests in rund 50 Prozent der Fälle bei über 30.“ Das heißt: Geringe oder gar keine Infektiosität trotz positiver Testes. „In Deutschland dagegen spielt der Ct-Wert kaum eine Rolle – und die Politik macht keine Anstalten, daran etwas zu ändern. (...) Längst haben es sich die Entscheider bequem gemacht mit ihren Inzidenzwerten und Positivtests – ein realistischer Überblick über das Erkrankungsgeschehen lässt sich so nicht bekommen.“

Entgegen der Prognosen und Ankündigungen sind die Sterbefälle deutlich zurückgegangen, im März lagen sie sogar um 11 Prozent unter denen der Vorjahre, wie das Statistische Bundesamt mitteilt. Allerdings zweifeln Rechtsmediziner an der Zahl der Corona-Toten, wie der Nordkurier berichtet. Es werde zu wenig obduziert, um besser auseinanderhalten zu können, ob jemand AN oder MIT Corona gestorben ist. Es werde „eine viel höhere Sterberate assoziiert, als sie wirklich ist“, sagte der Direktor der Rechtsmedizin an der Universität Rostock, Andreas Büttner.

Immer wieder in der Diskussion ist die Belegung der Intensivstationen. Was die Zahlen dazu aussagen oder auch nicht, zeigt eine interessante Dokumentation, die leider etwas reißerisch angekündigt wird, aber inhaltlich viele wichtige Informationen liefert.

Mehr ins Blickfeld gerückt sind jetzt endlich sozial schwache Menschen sowie Menschen mit Migrationshintergrund. Denn Armut und beengte Wohn- und Lebensverhältnisse sind Risikofaktoren in der Pandemie. Studien zeigen, dass sozial benachteiligte Menschen ein deutlich höheres Infektions- und auch Sterberisiko durch Covid-19 haben. Ärzt*innen und Pflegende auf Intensivstationen beobachten schon seit langem, dass Migrant*innen dort einen wachsenden Anteil unter der Covid-Patient*innen stellen. Aber auch da fehlen konkrete Zahlen – eine sozioökonomische Statistik wird nicht geführt. Schätzungen belaufen sich auf 30 bis 60 Prozent und mehr, heißt es in einem Bericht der WELT über dieses Problem. „Je länger die Pandemie andauert, desto klarer wird, dass sie sich vor allem dort ausbreitet, wo die Bevölkerung in prekären Verhältnissen lebt, sprich: wo Menschen schlecht ausgebildet sind und arm. Menschen mit Migrationshintergrund sind das im Schnitt öfter als die, die hier geboren wurden.“ Wo man sich die Mühe macht, die Zahlen zu erfassen, wird das Ausmaß der Problematik deutlich. So haben z. B., wie die Landrätin des Kreises Bad Kreuznach festgestellt hat, „zwei Drittel bis drei Viertel der Infizierten einen Migrationshintergrund. Diese Aussagen sind nicht populär. Aber die Häufung von Corona-Fällen bei bestimmten Bevölkerungsgruppen muss angesprochen werden, damit man etwas dagegen tun kann.“ So wird jetzt z.B. überlegt, Menschen aus sozial schwachen Stadtteilen bevorzugt zu impfen und dort auch die Aufklärungsmaßnahmen zu verstärken, wie man sich vor einer Ansteckung schützen kann, wie der STERN berichtet.

Das erscheint umso notwendiger, als RKI-Präsident Lothar Wieler, wie die WELT berichtet, am 30. April 2021 in der Bundespressekonferenz den bemerkenswerten Satz sprach: „Wir werden bis Ende 2022 voll in der Pandemie stecken.“ Vor allem mit Blick auf Indien sei es wichtig, dass die Menschen weltweit Zugang zu den Impfstoffen bekommen können: „Wir sind nur sicher, wenn alle sicher sind.“ Weshalb Bundesgesundheitsminister Spahn auch gleich die Kinder mitimpfen lassen möchte, BionTech/Pfizer hat die Zulassung für den Einsatz ihres Impfstoffs für Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren bereits beantragt. Studien mit Schwangeren und Kindern ab sechs Monaten laufen bereits (siehe dazu „Stop! Keine Massenimpfungen bei Kindern!“).

In einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung sagte der Virologe Hendrik Streeck, die These, man könne SARS-CoV-2 eines Tages durch Impfstoffe aus der Welt schaffen, sei „leider illusorisch“: „Selbst wenn alle Menschen der Welt geimpft wären, was nie der Fall sein wird, würde das Virus immer noch im Tierreich weiter existieren. Viele Katzen sind infiziert, auch Marder, Fledermäuse. Und mit den Mutationen können jederzeit neue Tierwirte hinzukommen.“ Auch Resistenzen gegen Impfstoffe seien möglich und angesichts der Impfkampagnen sogar wahrscheinlicher. Sie helfen allerdings, eine Teilimmunität zu erreichen. Prognosen, wann die Pandemie damit kontrollierbar wird, seien jedoch „nicht seriös“. Um eine vernünftige Politik zu entwickeln, brauche es alle: „Virologen, Epidemiologen, Soziologinnen, Philosophen, Politiker und natürlich: Bürgerinnen und Bürger. (...) Wir werden das Problem nicht lösen, wenn wir jetzt einfach die drastischsten Maßnahmen mit Polizeigewalt durchdrücken – es braucht ein Abwägen, Augenmaß, einen gesamtgesellschaftlichen Konsens. (...) Virologen sollten nicht die Macht übernehmen, und die Politiker sollten sich nicht hinter den Virologen verstecken.“

Aus epidemiologischer Sicht müssten die entzogenen Rechte sehr bald komplett zurückgegeben werden, meint auch der Epidemiologe Klaus Stöhr, und zwar nicht nur an die Geimpften und Genesenen, sondern an alle, wie er in einem ausführlichen Post auf Twitter ausführt. SARS-CoV-2 werde „ständig weiter zirkulieren: saisonal in der nördlichen/südlichen Hemisphäre und dauernd auf niedrigem Niveau in der Äquatorialregion.“ Warum? Weil eine Immunität nach einer Impfung oder einem Infekt nicht zu 100 Prozent vor Reinfektion und Virus-Ausscheidung schütze. Es werde „keine Herdenimmunität im klassischen Sinn geben; auch wenn alle immun sind, können sich einige doch noch infizieren“. Es gebe wie bei den aller-, allermeisten anderen Infektionserkrankungen leider auch keine sterile Immunität nach einer Impfung oder einem Infekt.

Nach einer Erstinfektion werden Reinfektionen allerdings sehr viel milder verlaufen – in allen Altersgruppen. Falls neue Varianten auftreten, könne es durch den verminderten Immunschutz aus vorherigen Infektionen zu einem „Coronajahr“ mit vermehrten Fällen kommen – ähnlich wie bei der Influenza. Die Impfempfehlungen werde man aber aus praktischen Gründen solchen Schwankungen nicht anpassen können. Ob ab 2022 überhaupt noch eine Impfung notwendig sein werde, hänge davon ab, wie schwer Reinfektionen bei den Älteren verlaufen. Falls vergleichbar mit den anderen vier endemischen Corona-Viren: keine Impfung mehr. Falls wie bei Influenza: nur die Älteren.

Bei den weltweit jährlich ca. 100 Millionen neugeborenen Kindern verlaufe die Erstinfektion mit SARS-CoV-2 mild oder asymptomatisch. Alle ca. fünf bis zehn Jahre erfolge eine Reinfektion mit Auffrischung des Immunschutzes.

Dennoch hat das Bundeskabinett Lockerungen für Geimpfte bereits beschlossen, Bundestag und -rat müssen noch zustimmen, womit aber zu rechnen ist. Ausgangssperren und Kontaktverbote sind für zweimal Geimpfte damit passé, sie können auch ohne Schnelltest wieder shoppen oder zum Friseur, und sie müssen bei Reisen keine Quarantäneregeln mehr beachten. Maskenpflicht und Abstandsgebot bleiben jedoch auch für sie bindend. In Deutschland sind bislang etwas mehr als 28 Prozent der Menschen mindestens einmal geimpft, zwei Impfungen haben deutlich weniger erhalten. Markus Söder hat für Bayern bereits weitere Öffnungen angekündigt.

Und entgegen aller Beteuerungen bringt Jens Spahn jetzt mit Hochdruck einen digitalen Impfpass auf den Weg, wie der Spiegel berichtet – die EU will es ja so, damit das Reisen innerhalb Europas leichter wird. Mit dem digitalen Impfausweis soll den jetzt schon kursierenden Fälschungen ein Ende gemacht werden – denn das gelbe Papierdokument lässt sich leicht fälschen, bei der digitalen Version dürfte das nicht ganz so einfach sein. Dass Spahn noch vor einigen Monaten Stein und Bein geschworen hat, es werde keinen solchen Impfpass geben, muss man an dieser Stelle wirklich nicht nochmal hervorheben.  

Der deutsch-schweizerische Philosoph Prof. Dr. Michael Esfeld hat zu diesem Thema in der Zeitschrift Das Goetheanum einen Essay unter der Überschrift „Impfpass – ein Weg in die Freiheit oder in die geschlossene Gesellschaft?“ geschrieben. Darin heißt es: „Es geht nicht um einen Weg zurück zu Freiheit und Rechtsstaat, sondern um einen Weg hin zu einer ‚neuen Normalität‘. Das ist ein Weg in eine geschlossene Gesellschaft, der irreführend als Ausweg in die Freiheit dargestellt wird. Tatsächlich handelt es sich um die Zementierung der Freiheitsberaubung – nur nicht mehr durchgesetzt durch die Gewalt von Lockdowns, sondern durch die süße Versuchung sozialer Zertifikate in Form von Impfpässen. (...) Man wusste von Anfang an und hat die Bestätigung durch zahlreiche Studien, dass die gesundheitlichen, sozialen und wirtschaftlichen Schäden der sogenannten Corona-Schutzmaßnahmen deren Nutzen bei Weitem übersteigen werden. (...) Wir stehen heute vor einer Weichenstellung zwischen einer offenen und einer geschlossenen Gesellschaft. Die offene erkennt jeden Menschen in seiner Würde an. (...) Die geschlossene Gesellschaft zeichnet sich hingegen dadurch aus, dass sie ein bestimmtes Gut – wie heute Gesundheitsschutz oder Klimaschutz – in dem Sinne absolut setzt, dass sie es über Grundrechte und Menschenwürde stellt. Die Gewährung von Grundrechten und der Respekt der Menschenwürde zur individuellen Lebensgestaltung werden von Bedingungen abhängig gemacht, die eine Allianz von Experten, Politikerinnen und Wirtschaftsführern zusammen mit den Mainstreammedien festsetzt als angeblich erforderlich, um dieses Gut zu schützen.“

Der Deutsche Ethikrat hat seine bisherige Linie zur Rückgabe von Grundrechten an Geimpfte und Genesene bereits verlassen und ist auf die Regierungspolitik eingeschwenkt. Noch im September hatte er darauf bestanden, dass eine „Immunitätsbescheinigung“, mit der maßgebliche Grundrecht wieder zurückgegeben werden, einen „zuverlässigen Nachweis über den Grad und die Dauer der Immunität, also den Schutz der betreffenden Person vor einer Infektion und ihre Nichtinfektiosität“ voraussetzen müsse. Ansonsten bestehe „die Gefahr einer Zwei-Klassen-Gesellschaft, wenn etwa der Zugang zum Kaufhaus oder zu Kultur- und Sportveranstaltungen, die Reisefreiheit oder auch der Abschluss eines Arbeitsvertrags nur Personen mit Immunitätsbescheinigung gewährt würde.“

Inzwischen lässt die Ethikrat-Vorsitzende Alena Buyx anderes verlauten: Die individuellen Freiheitsbeschränkungen, die die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung allen Bürger*innen auferlegen, seien „für Geimpfte nicht haltbar und rechtlich schwierig durchzusetzen“, erklärte Buyx in einem Interview mit dem Deutschlandfunk am 12. April 2021. Die geplanten Lockerungen für Geimpfte, Genesene und negativ Getestete begrüße sie deshalb ausdrücklich: „Es gibt jetzt eine neue Situation. Denn Geimpfte scheinen nicht mehr ansteckend und können das Virus nicht mehr übertragen.“ Die derzeitige Studienlage gibt das allerdings nicht her – auch Geimpfte und Genesene können das Virus noch in relevantem Maße weiterverbreiten. 

Dennoch wird unermüdlich das Impfen als alleiniger Ausweg aus dem Lockdown und der Pandemie gepredigt. Jetzt sollen auch Schwangere und Stillende „priorisiert mit mRNA-basiertem Impfstoff gegen Covid-19 geimpft werden“, empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe zusammen mit zehn weiteren deutschen Fachgesellschaften. Die Studien dazu laufen bereits, wie das Deutsche Ärzteblatt berichtet. Es seien bisher keine Hinweise für vermehrte Komplikationen gefunden worden (z. B. Fehl-, Früh- oder Totgeburt, Wachstumsstörungen beim Ungeboren, Fehlbildungen) und auch keine Anzeichen für ein vermehrtes Krankheits- oder Sterberisiko. Nach derzeitigem Kenntnisstand gebe es keine Unterschiede im Nebenwirkungsprofil im Vergleich zu Nicht-Schwangeren. Möglicherweise könnten die gebildeten Antikörper sogar das Ungeborene schützen. Schwangere seien jedoch besonders gefährdet für einen schweren Verlauf, wenn sie sich mit SARS-CoV-2 infizieren.

Ebenso sollen jetzt Jugendliche und Kinder geimpft werden – bis hinab ins Säuglingsalter. Biontech/Pfizer hat bei der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA bereits eine Zulassung für den Einsatz ihres Impfstoffs bei Jugendlichen ab 12 Jahre beantragt (für Jugendliche ab 16 Jahren ist er als bislang einziger bereits zugelassen). „Biontech-Impfstoff ab Juni für ältere Kinder, für alle ab September“, meldet der Spiegel prompt vorauseilend, denn das die EMA die Zulassung erteilt, scheint schon jetzt selbstverständlich. „Auch die zweite klinische Studie mit knapp 4.600 jüngeren Kindern ist bereits weit fortgeschritten. Geimpft wird nach absteigendem Alter: Wenn die Zehnjährigen die Vakzine gut vertragen, sind danach die Neunjährigen an der Reihe. Die Biontech-Forscher sind inzwischen bei der jüngsten Altersklasse angelangt: Kinder ab sechs Monaten.“ Und die Spiegel-Autor*innen Veronika Hackenbroch und Thomas Schulz schlussfolgern: „Würden schon in wenigen Wochen die 12- bis 17-Jährigen und dann ab Herbst auch jüngere Kinder geimpft werden, könnten Schulen und Kindergärten sehr viel schneller wieder regulär laufen. Vorausgesetzt, die Kinder müssen sich beim Impfen nicht ganz hinten anstellen.“

Der 124. Deutsche Ärztetag hat gerade eine Erklärung verabschiedet, mit der er die Bundesregierung auffordert, „unverzüglich eine Corona-Impfstrategie für Kinder und Jugendliche“ zu entwickeln. Darin heißt es, das Recht auf Bildung“ könne „im Winter 2021/22 nur mit einer rechtzeitigen Corona-Impfung gesichert werden.“

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Zum Sehen, Hören, Lesen

Kultur für Herz, Geist und Sinne

Der Sommer steht bevor – und damit die Ferien mit viel Zeit für gute Lektüre. Deshalb gibt es dieses Mal in dieser Rubrik nur einige schöne Lesetipps, denn gerade in den Ferien ist "digital detox" doch ein guter Vorsatz ... Und der Griff zu einem guten Buch schon die halbe Erholung! 

Rechtzeitig vor der Bundestagswahl ... 
... hat Robin Alexander, stellvertretender Chefredakteur Politik bei der Tageszeitung DIE WELT, eine sorgfältig recherchierte Analyse über die Ära Angela Merkel und die deutsche Politik verfasst. Kenntnisreich und mit vielen Insider-Informationen zeichnet er die Lage, in der sich unser Land heute befindet. Er beschreibt die Machtkämpfe, die es regierungs- und parteiintern innerhalb der CDU/CSU gab, und ebenso die Lücke, in die jetzt die Grünen stoßen – "als wahre Nachfolger Angela Merkels", wie Robin Alexander meint. Es ist ein ungemein spannend geschriebenes Buch, das ebenso unterhaltsam ist wie es substantiell argumentiert und analysiert und gerade dadurch vielleicht mancher und manchem eine Hilfe ist bei der Entscheidung, wen man am 26. September denn wählen soll. Dabei ergreift der Autor für keine Seite Stellung – und genau so soll es ja auch sein.  
Robin Alexander: Machtverfall. Merkels Ende und das Drama der deutschen Politik: Ein Report. Siedler Verlag, 384 Seiten, 22 Euro

Ein Journalistenleben und Panorama von 75 Jahren deutscher Geschichte  
Er ist einer der bekanntesten Journalisten Deutschlands und ein besonders engagierter und kritischer dazu: Stefan Aust. Am 1. Juli wird er 75 Jahre alt und hat zu diesem Anlass seine Autobiographie vorgelegt. Und da Stefan Aust ein kundiger Begleiter des Zeitgeschehens war (und immer noch ist), verbindet sich damit nicht nur die Schilderung eines spannenden Lebensweges, sondern zugleich auch ein Panorama deutscher Geschichte. Aust hat die beiden Kinder von Ulrike Meinhof vor einem palästinensischen Guerilla-Camp gerettet und sich selbst damit in höchste Lebensgefahr gebracht. Jahrelang hat er die Zeitschrift "konkret" geprägt, für das ARD-Magazin "Panorama" gearbeitet, SPIEGEL-TV erfunden, von 1994 bis 2008 den SPIEGEL selbst (also das Magazin) so erfolgreich geführt, dass es danach nur noch bergab gehen konnte, und heute prägt er der WELT seinen Stempel auf und sorgt dafür, dass ausgerechnet die vielfach geschmähte "Springer-Presse" in ihrer Berichterstattung eines der kritischsten und ausgewogensten Medien ist, die wir im deutschspachigen Bereich vorzuweisen haben. 
Stefan Aust: Zeitreise. Die Autobiographie. Piper Verlag, 656 Seiten, 26 Euro

Nachdenkliches zur Corona-Krise
Man hat ihn von Beginn als "Corona-Leugner" diffamiert und diskreditiert, jetzt hat Wolfgang Wodarg ein Buch geschrieben, in dem er sein ganzes Wissen als Epidemiologe und Gesundheitspolitiker bündelt. Es sei gerade denjenigen ans Herz gelegt, die ihn so schnell in eine bestimmte Ecke stellen, denn Wodarg zeigt anhand der Erfahrungen mit der "Schweinegrippe" ebenso wie jetzt mit der Corona-Epidemie Zusammenhänge auf, die nachdenklich stimmen müssen. Dabei wird nichts einfach behauptet, sondern jeweils mit Quellen belegt, die jede*r nachvollziehen kann. Man muss nicht jede seiner Meinungen teilen, aber es lohnt doch, genau hinzuschauen und sich mit den von ihm benannten Fragen und Argumenten bzw. Analysen auseinanderzusetzen. Ein wichtiges Buch in einer krisenhaften Zeit, in der viele Weichen für die Zukunft gestellt werden. Dass es auf Anhieb in der SPIEGEL-Bestsellerliste erschien, spricht für sich. 
Wolfgang Wodarg: Falsche Pandemien. Argumente gegen die Herrschaft der Angst. Rubikon Verlag, 424 Seiten, 20 Euro

Patient*innen als Weichensteller*innen
Es gibt Begegnungen, die dem Leben schlagartig eine völlig neue Richtung geben und die biographische Weichen neu stellen. Für die Ärzt*innen und Pflegende hat Ellen de Visser jetzt lauter solche Geschichten von berührenden Begegnungen zusammengetragen, die deren Leben auf entscheidende Weise geprägt und verändert haben. Es sind oft kurze, aber umso einprägsamere Blitzlichter auf Geschehnisse, deren Bedeutung sich meist erst später erschließt. 
Ellen de Visser: Der eine Patient, der mein LEBEN verändert hat. mvg Verlag, 256 Seiten, 14,99 Euro 

Eine wichtige Diskussion 
In dieser Legislaturperiode wurde es nichts mehr mit der Diskussion über die Neufassung des Gesetzes zum assistierten Suizid im Bundestag, aber in der nächsten kommt dieses Thema mit Sicherheit wieder auf die Tagesordnung. Da ist es gut, sich jetzt schon mit den damit verbundenen Fragen zu befassen. Zwei Bücher tun das auf unterschiedliche Art und Weise: Jean-Pierre Wils, holländischer Philosoph und Theologe und Autor des schon 2007 erschienenen Buches "Ars moriendi. Über das Sterben" argumentiert differenziert und spürt einfühlsam allen wichtigen Fragen nach. Dabei leugnet er nie die Notwendigkeit des Rechts auf Selbstbestimmung, aber er berücksichtigt eben auch die sozialen Folgen. Und er setzt sich damit auseinander, ob es sich bei dem assistierten Suizid wirklich um "einen letzten Akt der Selbstverwirklichung und Emanzipation" handelt. Dabei bezieht er auch die Erfahrungen aus den Niederlanden mit ein. 
Der Psychologe Norbert Groeben dagegen bezieht klar Stellung und verteidigt den "rationalen Suizid" anhand von acht prominenten Beispielen von Menschen, die sich aus verschiedenen Gründen das Leben genommen haben. Er unterscheidet dabei den "Leidens-Suizid" von Hannelore Kohl von dem "Präventiv-Suizid" Gunter Sachs' oder dem "Bilanz-Suizid" George Eastmans und entwickelt daraus ein "Verfahrensmodell" für die Zukunft. 
Jean-Pierre Wils: Sich den Tod geben. Suizid als letzte Emanzipation? Hirzel Verlag, 200 Seiten, 24 Euro
Norbert Groeben: Sterbenswille. Verteidigung des rationalen Suizids und Sterbebeistands. wbg Academic, 212 Seiten, 24 Euro

Nicht nur für Südtirol-Fans
Frauen hatten es in einer patriarchalischen Gesellschaft noch nie leicht, anerkannt zu werden – um ein Vielfaches mehr jedoch in abgelegenen Regionen, noch dazu auf einem Bergbauernhof. Die Geschichte einer solchen Frau, die ihr Refugium mit Zähnen und Klauen verteidigt, schildert Jarka Kubsova in ihrem Roman "Bergland". Sie erzählt, wie hart Rosa um ihren Hof kämpfen muss, der einsam auf 1670 Metern Höhe in Südtirol liegt, und wie sie der Versuchung widersteht, anderswo ein leichteres, bequemeres Leben zu führen. Sie schildert darin aber auch, wie es zwei Generationen später aussieht, als Rosas Enkel und seine Frau wiederum kämpfen müssen, um den Hof zu erhalten. Jarka Kubsova ist damit ein Roman gelungen, in den man nicht nur auf der Almwiese liegend gerne eintaucht, sondern der klarmacht, wie viel Idealismus und Stärke und Entschlusskraft nötig sind, um solche Oasen in unserer technisierten Welt weiterhin zu bewahren. 
Jarka Kubsova: Bergland. Wunderraum bei Goldmann, 288 Seiten, 20 Euro

Vom Mut, sich den Herausforderungen des Lebens zu stellen 
Wie ist es, wenn man mit 18 Jahren durch einen Verkehrsunfall erblindet und alles, was man sich bis dahin erträumt hatte, schlagartig Makulatur ist? Wie findet man sich als junge Frau mit so einem Schicksal ab, wie kann man es wenden und daraus neuen Lebensmut und vor allem Lebensfreude beziehen? Das erzählt der Autor Felix Leibrock, der u.a. als Seelsorger bei der Bayerischen Bereitschaftspolizei arbeitet, in diesem Buch. Die Geschichte der jungen Selma liegt ihm umso näher, als er selbst als junger Mann fast sein Augenlicht verloren hätte und es nur über zwei schwierige Operationen bewahrt werden konnte. Die Quintessenz sowohl von ihm selbst als auch der jungen Selma ist: Nie die Hoffnung verlieren! Immer zuversichtlich bleiben! In Corona-Zeiten sind diese Botschaften besonders wichtig. 
Felix Leibrock: Wenn der Sommer kommt, tanzen die Träume. Eine Erzählung für Hoffende. Europa Verlag, 240 Seiten, 16 Euro

Die Geschichte einer Zürcher Institution 
Wer schon mal in Zürich war, kennt sie vielleicht, die Kronenhalle, das legendäre Restaurant direkt am Zürichsee und der Bellevue, mit den vielen Fotos an den Wänden, die Zeugnis davon ablegen, wer hier schon alles "Mistkratzerli" oder "Zürcher Geschnetzeltes" verspeist hat. Alles, was Rang und Namen hat(te) in der Kultur sowie die gesamte intellektuelle Elite oder was sich dafür hielt, gab sich dort ein Stelldichein. Was für eine Familiengeschichte sich hinter dieser Institution verbirgt, enthüllt jetzt der Roman von Agnes Morgenthaler, in dem wiederum eine Frau die Geschicke prägt. Er ist fiktional, orientiert sich jedoch an wahren Begebenheiten. 
Agnes Morgenthaler: Die Patronin. Eine Frau greift nach den Sternen. List Verlag, 320 Seiten, 22,99 Euro

Süffige Sommerlektüre 
Was gibt es Schöneres, als sich auf dem Liegestuhl vom Sommerwind umfächelt in eine spannende Lektüre zu vertiefen und sich mitreißen zu lassen von einer Geschichte, die man nur ungern unterbrechen mag? Die Roman-Trilogie von Anne Stern um "Fräulein Gold" ist dafür wie geschaffen (ein vierter Band erscheint im November 2021). Sie erzählt den Werdegang der jungen Hebamme Hulda Gold Anfang der 1920er Jahre und zeichnet damit gleichzeitig ein Bild von der Gynäkologie und Geburtshilfe in dieser Zeit in Berlin. Wer "Babylon Berlin" mag oder die "Charité"-Serie in der ARD, wird von den Abenteuern der Hulda Gold kaum wieder loskommen. Fragt sich nur noch, wann der Stoff verfilmt wird ... 
Anne Stern: Fräulein Gold. Band 1: Schatten und Licht. Band 2: Scheunenkinder. Band 3: Der Himmel über der Stadt. Rowohl Polaris, 400-480 Seiten, jeweils 16 Euro

Schillernde Persönlichkeit
Und noch eine Geschichte aus dem Anfang des vergangenen Jahrhunderts: die der jüdischen Schauspielerin Rahel Blindermann, die als Maria Orska in den 1920er Jahren berühmt wurde und als Lulu und Salome Triumphe feierte. Ihre Lebensgeschichte zeigt, wie schnell aus einem Höhenflug ein tiefer Sturz werden kann und wie eine Frau, die sich in ihrer Kunst völlig verausgabt hat und das freie Leben liebt, den Drogen verfällt und an einer gnadenlosen Umwelt zerbricht. Ein spannend geschriebenes Buch mit vielen Fotos, das dieser bedeutenden Schauspielerin endlich ein Denkmal setzt. 
Ursula Overhage: Sie spielte wie im Rausch. Die Schauspielerin Maria Orska. Verlag Seemann Henschel, 272 Seiten, 24 Euro 

1G, 2G, 3G

Die Spaltung der Gesellschaft schreitet voran

 

Die Freie (!) und Hansestadt Hamburg hat es vorgemacht: Kulturelle Einrichtungen, Hotels, Restaurants, Sportveranstalter, Museen, Kirchen und Clubs können sich dafür entscheiden, nur noch Geimpfte und Genesene zuzulassen, wie der NDR berichtet. Sie können dann auf die sonst in Innenräumen geltenden Corona-Schutzmaßnahmen wie z. B. die Maskenpflicht verzichten, brauchen die Besucher:innen nicht mehr „auf Lücke“ bzw. Abstand zu setzen, sondern können das Haus wieder vollmachen wie eh und je. Ungeimpfte müssen draußen bleiben und können auch nicht über einen Test Zugang erhalten. Für Jugendliche ab 12 Jahren gilt noch eine Zeitlang eine sechswöchige Übergangsregelung, weil sich noch nicht alle haben impfen lassen können. Später bleiben nur noch Kinder unter 12 Jahren von der Nachweispflicht (geimpft oder genesen) ausgenommen. Die Entscheidung ob 2G (nur Genesene und Geimpfte) oder 3G (Genesene, Geimpfte und Getestete) treffen die Wirt:innen bzw. Veranstalter:innen oder Inhaber:innen.

Unter der Überschrift „Wenn Kneipenbesitzer Ungeimpften den Zugang verwehren dürfen“ meldet die Neue Zürcher Zeitung Skepsis an, ob das Modell tatsächlich erfolgreich sein wird. Der Hamburger FDP-Bundestagsabgeordnete Michael Kruse habe auf Twitter bereits vor einer Zwei-Klassen-Gesellschaft gewarnt und die Regelung als verfassungswidrig erklärt. Dieser Vorwurf sei falsch, meint Alexander Neubacher, Reporter im Hauptstadtbüro des SPIEGEL in einem Kommentar unter der Überschrift „Große Freiheit Hamburg“ (mit Anspielung auf die gleichnamige Amüsiermeile auf St. Pauli neben der Reeperbahn): Das 2G-Modell „differenziert anhand objektiver medizinischer Kriterien. Geimpfte und Ungeimpfte sind ungleich anfällig für das Virus. Sie haben ein unterschiedlich großes Risiko, sich zu infizieren, zu erkranken, an Corona zu sterben. Sie sind unterschiedlich gefährlich für Dritte, weil Ungeimpfte das Virus leichter übertragen. Für die einen sind wilde Partys lustig, für die anderen womöglich tödlich. (…) Wer sich hier über eine angebliche Zweiklassengesellschaft beschwert, redet in Wahrheit einer Gleichheit im Elend das Wort. Gerade aus liberaler Sicht ist es richtig, Geimpfte und Genesene von Vorschriften zu befreien, für die es in ihrem Fall keine medizinische Begründung mehr gibt. (…) Es gibt ein Recht auf Unvernunft. Doch es gibt keinen Anspruch darauf, den anderen die Party zu verderben.“

„Abrakadabra – volle Theater?“ schreibt die Süddeutsche Zeitung (SZ) schon am 19. August, denn Markus Söder hat die 2G-Regel auch für Bayern ins Kalkül gezogen, um noch mehr Menschen zum Impfen zu bewegen.

In der Hamburger Szene sind die Meinungen geteilt. Allerdings schwenken derzeit mehr und mehr Einrichtungen aus wirtschaftlichen Erwägungen auf die 2G-Regelung ein – 540 Betriebe haben sich ihr bis zum 6. September angeschlossen. Für viele Clubs, Restaurants, private Theater und Kultureinrichtungen ist sie ebenso verlockend wie eine Rettung in der Not, denn bei einem stark eingeschränkten Platzangebot kommen die meisten finanziell nicht über die Runden. Und so erscheint gerade die 2G-Regel für viele als besonders attraktiv und ein gangbarer Weg zurück zu Normalzuständen und „full house“. Voraussetzung ist allerdings, dass sowohl auf als auch hinter der Bühne ebenfalls alle geimpft oder genesen sind.

Bundesweit sieht es zumindest für Restaurants und Hotellerie anders aus: „Nicht einmal ein Drittel der Gastronomen und Hoteliers will die 2G-Regel einführen“, schreibt Business-Insider und bezieht sich dabei auf eine Umfrage des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga, an der 5.600 Betriebe aus ganz Deutschland teilnahmen. Schon die 3G-Regel für die Innengastronomie sehen viele Betriebe als Zumutung wegen des bürokratischen und zeitlichen Aufwands und zunehmender Auseinandersetzungen mit den Gästen.

Inzwischen fordert auch der Deutsche Städtetag von Armin Laschet in seiner Eigenschaft als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen die 2G-Regel für den Freizeitbereich. Das Infektionsgeschehen könne sonst in den Städten „teilweise außer Kontrolle geraten“. Nur für den Einkauf, den Einzelhandel und alle weiteren Bereiche der Daseinsvorsorge solle weiterhin ein negativer Test ausreichend bleiben.

Mittlerweile ordnen sogar schon Kindertagesstätten 2G an, wie aus einem Beitrag auf Twitter hervorgeht. Demnach dürfen einem Schreiben eines Landrats aus Unterfranken gemäß „alle externen Personen (Eltern, mobile Fachkräfte, Lieferanten usw.) die Einrichtung nur betreten, wenn sie geimpft oder genesen sind (2G-Regelung). Die 2G-Regelung gilt auch für Eingewöhnungseltern.“

Hamburg war die erste Großstadt, die das 2G-Modell eingeführt hat. Bereits mehrere hundert Einrichtungen beteiligen sich daran. Bewährt sich das, wird es bundesweit Schule machen. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) hat es für bestimmte Bereiche in Aussicht gestellt, wie das Deutsche Ärzteblatt schreibt. Damit wäre Artikel 3 Grundgesetz hinfällig: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“ Geimpfte und Genesene (und auch sie nur für ein halbes Jahr nach dem PCR-Nachweis ihrer Infektion) sind dann noch etwas gleicher.

Demgegenüber meint der Virologe und Epidemiologe Alexander Kekulé auf Focus Online, die 2G-Regel sei „Unsinn, weil sie auf einer vollkommen falschen RKI-Behauptung“ beruhe: Geimpfte seien vor einer Ansteckung nicht zu 100 Prozent gefeit, sondern sogar eher nur zu durchschnittlich 50 Prozent. Auch ließen sich bei Geimpften ähnlich hohe Virusmengen nachweisen wie bei Ungeimpften. Zudem sei „die relative Benachteiligung der Genesenen nicht wissenschaftlich begründet“. Nach aktueller Datenlage halte die Immunität nach einer durchgemachten Corona-Infektion wesentlich länger an als sechs Monate und schütze womöglich besser gegen die aggressive Delta-Variante als ein Impfstoff: „Während die häufig proklamierte ‚Welle der Ungeimpften‘ anhand der Tests und Krankenhauseinweisungen sichtbar und berechenbar ist, rauscht die Welle der Geimpften wie ein Tarnkappenbomber durch die Bevölkerung.“ Das 2G-Modell schütze deshalb Ungeimpfte nicht, sondern setze sie im Gegenteil durch steigende Inzidenzen einem höheren Infektionsrisiko aus. „Wenn sich das Virus dann massiv unter Kindern und Jugendlichen ausbreitet, sind Schulschließungen vorprogrammiert. Für die große Freiheit der Großen zahlen am Ende die Kleinen.“

Kollege Karl Lauterbach von der SPD indes meint gegenüber dem Portal „Business Insider“, wie der Newsticker der WELT am 4. September berichtet (nicht mehr online einsehbar): „Wenn die Zahlen weiter so steigen, müssen wir vermehrt 2G einführen – je früher, desto besser. Die einzige Frage ist, wann und wo kommt 2G. Anders kriegt man die Zahlen nicht nach unten.“

Ebenso fordert Janosch Dahmen von den Grünen, es seien „flächendeckend 2G-Maßnahmen nötig“, um die Fallzahlen und Hospitalisierungen zu drücken. 3G sei viel zu lasch gehandhabt worden: „Bis heute ist 3G eine politische Fiktion, die kaum effektiv kontrolliert wird. So lässt sich die vierte Welle nicht bremsen.“ Bei einer Inzidenz über 50 müsse automatisch 2G gelten und auch kontrolliert werden. Am Arbeitsplatz sowie in Bussen, Zügen, Flugzeugen müsse verbindlich 3G gelten. „Zudem müssen Grenzwerte definiert werden, wann zu 2G übergegangen wird. In NRW wäre das längst angezeigt“, schrieb Dahmen in mehreren Tweets. Mittlerweile gibt es auch Ärzte, die nur noch Geimpfte behandeln, wie die BILD berichtet.

Dass damit eine Impfpflicht durch die Hintertür etabliert wird, kann die Ethikrats-Vorsitzende Alena Buyx nicht erkennen, wie sie in einem Interview mit dem NDR betont: „Eine Pflicht ist etwas, dem man sich nicht entziehen kann.“ Das sei bei 2G nicht der Fall. Stattdessen werde „Druck aufgebaut, um es attraktiver zu machen, sich und andere zu schützen.“ Aus ethischer Sicht sei zwar das 3G-Modell besser, weil es „mehr Teilhabe“ biete. Wenn sich die Situation aber weiter verschlechtere, sei 2G „vertretbar“, sofern damit „maßvoll umgegangen“ werde: „Man sollte vorher alles ausgeschöpft haben.“ Zu bedenken sei auch, dass „eine Disco nicht der Sportverein und auch nicht eine Behörde“ sei.

Die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot widerspricht dem in einem Gastbeitrag für WELT entschieden. Es würden „Kontrollinstrumente geschaffen, um Ungeimpfte vom öffentlichen Leben auszuschließen“: „Ein politisches System hat sich verselbständigt und findet nicht mehr aus den Argumenten heraus, in denen es sich verheddert hat. (…) Seit rund 16 Monaten ist eine permanente Zielverschiebung dessen, was im Rahmen der Pandemie-Bekämpfung erreicht werden soll, zu beobachten. Das muss – zumal in einer Demokratie – ein Ende haben.“ Das politische System „schlittert von einer unplausiblen Maßnahme in eine andere – und rast wie eine Seifenkiste auf abschüssigem, immer undemokratischerem Boden. Das Schweigen des Bundesverfassungsgerichts, auf dessen Tischen sich die Klagen türmen, ist hierbei zunehmend unerträglich.“ Blicke man nüchtern auf die empirische Lage, sei Corona „inzwischen auf ein natürliches Lebensrisiko reduziert, das in einer freien Gesellschaft jeder mündige Bürger für sich allein tragen kann und muss. Ein Blick nach Dänemark, Schweden oder Finnland zeigt, dass Öffnung und Eigenverantwortung der Bürger ohne untragbares Risiko (und drastisch erhöhte Sterblichkeit) möglich sind.“ Es stelle sich die Frage, „ob es wirklich nur noch um Gesundheit geht oder ob sich – zumal unter dem Druck von Wahlen – ein politisches System in einem undemokratischen Krisenmodus mit Blick auf Ausgrenzung und Kontrolle von Bürgern verselbständigt und die Exit-Tür nicht mehr findet?“ Sie wünsche sich eine Diskussion „um das einzige G, das wirklich zählt: Gesundheit – und die Frage, was das eigentlich ist.“

3G – also der Nachweis, entweder geimpft, genesen oder getestet zu sein – breitet sich jedoch immer mehr im Alltagsleben aus. Inzwischen wird erwogen, 3G für Arbeitnehmer:innen verpflichtend zu machen, wie die WELT berichtet, oder für Bahn-Reisende, wie das Deutsche Ärzteblatt und der SPIEGEL melden. Auch wenn das Verkehrs-, Innen- und Gesundheitsministerium unisono meinen, das sei „praktisch nicht durchführbar“, hält Regierungssprecher Steffen Seibert es weiterhin im Namen der Kanzlerin für eine „mögliche und sinnvolle Maßnahme“. Wenn die Schaffner:innen dann also künftig die Fahrkarten kontrollieren (was ja in den ICEs inzwischen gar nicht mehr nötig ist dank „Komfort-Check-in“), wird man künftig womöglich den Impfpass, ein Testergebnis oder ein ärztliches Attest vorweisen müssen … Was passiert, wenn Leute sich dem verweigern, ist noch unklar. „Hält man dann auf freier Strecke und wirft sie raus? Werden sie im Zug kaserniert?“, fragt Thomas Vitzthum in einem Kommentar für die WELT. Denn Verstöße können nur mit Unterstützung der Bundespolizei und/oder des Sicherheitspersonals der Bahn geahndet werden. Weshalb Jens Spahn eine solche Verordnung „nicht kommen“ sieht. Im Gegensatz dazu meinte Kanzlerkandidat Olaf Scholz (SPD) beim „Triell“ auf RLT und ntv jedoch: „Der Wunsch von mir und der Kanzlerin ist, dass es klappen soll.“

Bayern schreitet auch hier voran: Seit Anfang September gilt dort in Seilbahnen die 3G-Regel, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, was den Verband Deutscher Seilbahnen allerdings wenig freut: „Abgesehen von den Kosten für einen erhöhten Personalaufwand wird sich durch die Kontrollen die Wartezeit an den Kassen erhöhen, und es werden sich größere Menschengruppen bilden.“

Von einer „Pandemie der Ungeimpften“ spricht die SZ, denn inzwischen weisen einige Bundesländer die Inzidenz getrennt für Geimpfte und Ungeimpfte aus. Und natürlich liegen die Zahlen für Letztere deutlich höher (Geimpfte werden bislang auch kaum getestet). Das grün regierte Baden-Württemberg erwägt bereits Kontaktbeschränkungen und Verbote für Ungeimpfte. Und in Österreich kann sich Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne) sogar vorstellen, ab Oktober „bei Veranstaltungen nur noch Geimpfte einzulassen und damit auf eine 1G-Regel umzusteigen“, wie das ORF meldet.

Im Arbeitsleben streiten Wirtschaft und Politik darüber, ob Unternehmen von ihren Beschäftigten verlangen dürfen, ihren Impfstatus offenzulegen, schreibt das Deutsche Ärzteblatt. Der WELT sagte der Bonner Arbeitsrechtsprofessor Gregor Thüsing: „Der Arbeitgeber und die Kollegen haben ein legitimes Interesse zu erfahren, wie hoch das Ansteckungsrisiko eines Mitarbeiters ist.“ Auch CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet meint: „Der Arbeitgeber muss wissen, wer im Betrieb geimpft ist, um Schutzmaßnahmen ergreifen zu können“, schreibt die WELT. Allerdings dürften Nichtgeimpfte nicht diskriminiert werden: „Man muss das behutsam machen.“

Auch Gesundheitsminister Spahn findet diese Auskunftspflicht richtig, wie er in der ARD-Sendung hart aber fair am 30. August darlegte. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) dagegen sagt: „Ein generelles Auskunftsrecht des Arbeitgebers wird es nicht geben können, das Arbeitsrecht gibt das nicht her“, schreibt das RND. Sogar die Bayerische Staatsregierung erklärte die Impfabfrage bei pädagogischem Personal für grundrechtswidrig, wie aus einer Antwort auf die Anfrage eines grünen Landtagsabgeordneten hervorgeht: „Durch den Freistaat Bayern als Dienstherrn und Arbeitgeber von Lehrkräften erfolgt auch keine Abfrage des Impfstatus der beim Freistaat beschäftigten Lehrkräfte. Eine solche Abfrage würde einen Eingriff in das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung darstellen, das Ausprägung des allgemeinen Persönlichkeitsrechts aus Art. 2 Abs.1 i.V.m. Art.1 Grundgesetz ist. Bei Informationen über den Impfstatus handelt es sich um sensible Gesundheitsdaten. Bei einer anonymen Abfrage bestünde für die Lehrkräfte weder eine Pflicht zur Teilnahme noch zur wahrheitsgemäßen Beantwortung, sodass von einer solchen Abfrage keine belastbaren Zahlen zu erwarten wären.«

Von Seiten des Datenschutzbeauftragten Ulrich Kelber gibt es keine Bedenken, dass Firmen den Impfstatus ihrer Mitarbeiter:innen erfragen dürfen. Er fordert dafür einen „Corona-Sonderweg“ und spricht sich dafür aus, die SARS-CoV-2-Arbeitsschutzverordnung entsprechend anzupassen, wie das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) berichtet. Auch die Stiftung Patientenschutz schließt sich an und fordert, dass das Personal „in bestimmten Einrichtungen Auskunft über seine Corona-Schutzimpfung gibt“, wie das RND berichtet: „Zum Schutz der Pflegebedürftigen und Kranken braucht es Transparenz darüber, wie viele Mitarbeiter geimpft oder genesen sind.“ Inzwischen hat es einen Kompromiss gegeben: Beschäftigte in Kitas, Schulen und Pflegeheimen sollen voraussichtlich Auskunft geben, ob sie geimpft oder genesen sind. Eine generelle Auskunftspflicht soll es – vorläufig – nicht geben, wie die NZZ berichtet.

Inzwischen erwägen Experten allerdings bereits Strafen für Ungeimpfte, wie aus einem Interview mit dem Immunologen und Kinderarzt Dr. Stephan Borte vom Leipziger St.Georg-Klinikum bei t-online.de hervorgeht: „Man kann durchaus auch mal über Strafen für Ungeimpfte nachdenken“, heißt es da. „Ich sage nicht, dass die kommen müssen, aber restriktivere Maßnahmen könnten auch erwogen werden. Wenn Autofahrer 15 Euro fürs Falschparken in einer Halteverbotszone zahlen, deren Wirksamkeit oft nicht nachvollziehbar ist, wird das auch akzeptiert. Hier geht es aber um etwas viel Wichtigeres: das Einstehen in der Gesellschaft füreinander. Wer sich dem verweigert, der kann auch mit restriktiven Maßnahmen angegangen werden. Denn: Dass eine Mehrheit – nämlich die der Geimpften – Rücksicht auf eine Minderheit nehmen soll, kann auch irgendwann zum gesellschaftlichen Problem werden.“

Um dem Protest, der sich gegen die 2G/3G-Maßnahmen regt, eine Stimme und ein Gesicht zu geben, hat der Verein „Ärztinnen und Ärzte für individuelle Impfentscheidung“ die Aktion #2Ggehtgarnicht gestartet.

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Ärzte-Aktion

STOP! Keine Massenimpfungen bei Kindern!  

Die Ärzte für individuelle Impfentscheidung e. V. haben sich dazu ganz klar positioniert: Sie fordern einen sofortigen Stopp solcher geplanter Massenimpfungen bei Kindern. Denn, so erläutert der Sprecher des Vereins, der Kinder- und Jugendarzt Dr. Steffen Rabe (München) in einem Videobeitrag: 

  • Kinder sind durch Covid-19 deutlich weniger gefährdet als Erwachsene. Sie erkranken nur selten schwer an Covid-19, und noch seltener sterben sie daran. Evidenzbasiert gibt es bei ihnen keine Risikogruppen für schwere Covid-19-Verläufe. Von einer massenhaften Impfung würden nur ganz wenige einzelne Kinder profitieren – die Risiken jedoch tragen Millionen von ihnen.
  • Kinder spielen für die Verbreitung von Covid-19 keine wesentliche Rolle. Das gilt auch für das ohnehin nur minimale Übertragungsrisiko in Schulen und KiTas – was sogar das Robert-Koch-Institut bestätigt. Eine Massenimpfung von Kindern und Jugendlichen kann deshalb die Weiterverbreitung von Covid-19 nicht wesentlich verringern. Schulen und KiTas können und müssen auch ohne Kinderimpfungen wieder geöffnet werden.
  • Kinder zu impfen wird die Herdenimmunität nicht fördern. Es ist zum jetzigen Zeitpunkt völlig unklar, ob Covid-19-Impfstoffe überhaupt zu einer nachhaltigen Herdenimmunität beitragen können. Selbst die optimistischsten Studien geben zu, dass die Impfung das Risiko, andere anzustecken, nicht einmal um die Hälfte verringert – das ist zu wenig, um eine Herdenimmunität durch die Impfung herbeizuführen. Außerdem wissen wir derzeit nicht, wie lange eine Impf-Immunität überhaupt vorhält. Und wir wissen auch nicht, gegen welche Mutationen von SARS-CoV-2 die derzeitigen Impfungen zuverlässig schützen.
  • Kinder sind durch die Nebenwirkungen der Impfstoffe besonders gefährdet. In allen bisherigen Studien zu den Covid-19-Impfstoffen betrafen die schweren und schwersten Nebenwirkungen vor allem jüngere Menschen. Mittel- und langfristige Impffolgen sind zurzeit noch nicht abzuschätzen, ihr Risiko wiegt aber bei Kindern und Jugendlichen besonders schwer. Die bisher begonnenen Impfstoff-Studien an Kindern und Jugendlichen sind viel zu klein und ihre Beobachtungsdauer ist viel zu kurz, um die bei Kindern und Jugendlichen besonders hohen Anforderungen an die Sicherheit der Impfstoffe zu erfüllen.

Diese Statements liegen auch in Plakatform bzw. als Handzettel vor. Eine druckfähige Fassung davon können Sie auf der Homepage des Vereins in Din A 3 oder Din A 4 herunterladen. 

Diese Stellungnahme erscheint umso dringender, als es bereits massive Bestrebungen gibt, Massenimpfungen an Kindern vorzunehmen. So sagte z. B. Jörg Dötsch, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin und Direktor der Kinderklinik an der Uniklinik Köln, in einem Interview mit der WELT: „Mit Impfungen können wir Kindern ihr Recht auf Schule, auf Zusammensein wiedergeben. (...) Wollen wir die Pandemie beenden, so kommen wir an der Impfung von Kindern und Jugendlichen nicht vorbei.“ Nur wenn auch Kinder und Jugendliche geimpft seien, könne man die Pandemie zum Stillstand bringen.

Martin Terhardt, Kinder- und Jugendarzt in Berlin und Mitglied der Arbeitsgruppe Covid-19-Impfung bei der Ständigen Impfkommission (STIKO), erklärte in einem Interview mit dem Spiegel, wie das am besten zu bewerkstelligen sein könnte: „Ein Konzept könnte sein, dass wir auch in den Schulen impfen, in großen, gemeinsamen Aktionen mit niedergelassenen Ärzten, Gesundheitsämtern und anderen helfenden Händen. So könnte man dann nach und nach ganze Schulen durchimpfen.“

Bundeskanzlerin Angela Merkel stieß beim „Impfgipfel“ der Bundesregierung mit den Ministerpräsidenten in das gleiche Horn, wenn sie sagt, wie n-tv berichtet, es werde „noch sehr, sehr lange dauern“, bis es einen Impfstoff für Kinder unter 12 Jahren geben werde: „Und mit sehr lange meine ich, nicht vor Frühjahr 2022. Wir werden also im Herbst eine schwierige Situation an den Grundschulen haben. Dort müssen wir uns auf den Betrieb mit ungeimpften Kindern einstellen.“ Und Markus Söder assistierte in bewährter Art: Die Infektionszahlen bei den Jüngeren würden „dramatisch steigen“, bei den 15- bis 19-Jährigen in Bayern gebe es fast eine 300er-Inzidenz ...

„Der Politik verrutschen sämtliche Maßstäbe“, kommentierte daraufhin Andreas Rosenfelder in der WELT: „Kaum haben sich die Familien resigniert darauf eingestellt, dass erst im kommenden Schuljahr wieder ein Unterricht stattfindet, der diesen Namen verdient – da denkt die Kanzlerin offenbar darüber nach, mit welcher Begründung man diesen für Kinder katastrophalen Zustand ins Unendliche verlängern könnte. (...) Jetzt stellt Merkel plötzlich den Gedanken in den Raum, selbst kleine Kinder müssten durchgeimpft werden, bevor an den Schulen wieder Normalität einkehrt?“ Damit habe die Kanzlerin „eine rote Linie überschritten“: „Selbstverständlich müssen alle Schulen spätestens dann wieder im Regelbetrieb öffnen, wenn jeder Erwachsene die Chance hatte, sich impfen zu lassen – so macht es ja auch jedes andere Land nach erfolgreicher Impfkampagne, Israel zum Beispiel. Eine Impfung von kleinen Kindern ist nicht nur medizinisch bis auf Weiteres unmöglich, sie ist auch unnötig.“ Eltern und Kindern bleibe „nach diesem neuen Schlag in die Magengrube nur die Zuversicht, dass kurz nach dem Beginn des neuen Schuljahres jemand ins Kanzleramt einzieht, der Kinder als das betrachtet, was sie sind: unsere Hoffnung und unsere Zukunft.“

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Vierte Welle

Epidemische Lage nochmal verlängert

 

Zum fünften Mal hat die große Koalition mit Zustimmung des Bundestags die „epidemische Lage von nationaler Tragweite“ über den 11. September hinaus bis zum 24. November verlängert. Damit kann die Bundesregierung weiterhin Verordnungen zum Infektionsschutz erlassen – direkt und ohne Zustimmung von Bundestag und Bundesrat. Gerade erst sind einige Änderungen im Infektionsschutzgesetz dazu verabschiedet worden, z. B. zum Auskunftsrecht eines Arbeitsgebers bezüglich des Impfstatus‘ seiner Mitarbeiter:innen, der Aufnahme der Hospitalisierungsrate zusätzlich zur Inzidenz als Kriterium für Corona-Maßnahmen sowie Bestimmungen für Reisen (siehe dazu den Bericht im SPIEGEL).

Die Verlängerung der „epidemischen Lage“ war in der CDU durchaus nicht unumstritten, wie die WELT berichtet. So sagte z. B. der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses, Erwin Rüddel (CDU): „Aus meiner Sicht gibt es dann (wenn bis Ende September alle diejenigen, die dies wollen, geimpft wurden, Anm. d. Red.) keinen Grund mehr, die epidemische Lage, die für viele Menschen eine große Belastung darstellt, noch weiter zu verlängern.“

Die CDU-Abgeordnete Saskia Ludwig schrieb sogar eine „Persönliche Erklärung nach §31 der Geschäftsordnung des Deutschen Bundestages“ und begründete darin, warum sie der Verlängerung des Gesetzes nicht zustimmt: „Wie oft haben wir versprochen, dass die Beschränkungen ein Ende haben? Wie oft haben wir das Einführen harter Maßnahmen, von 'Wellenbrechern', 'Lockdown lights' und 'Notbremsen' damit gerechtfertigt, dass danach zur Normalität zurückgekehrt werden kann? Wir haben versprochen, dass es keine Impfpflicht geben wird. Wir haben versprochen, dass Kinder wieder ohne Maske in die Schule gehen können. Wir haben nichts davon gehalten. (…) Vor diesen Hintergrund und als Ergebnis meiner eigenen Bewertungen kann ich diese erneute Änderung nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren und werde deshalb der Änderung des Infektionsschutzgesetzes nicht zustimmen.“

Andere Unionspolitiker meinen, angesichts der vierten Welle und der hochansteckenden Delta-Variante müsse man weiterhin rasch und flexibel reagieren können. Auch die SPD war geschlossen für eine Verlängerung. Nur die Opposition verweigerte die Zustimmung dazu, wie die WELT berichtet: „Die Voraussetzung für die Feststellung einer epidemischen Lage ist nicht mehr gegeben“, sagte z. B. die FDP-Abgeordnete Christine Aschenberg-Dugnus. „Eine Überlastung des Gesundheitssystems liegt nicht vor.“ Auch Linke, Grüne und AfD stimmten gegen die Verlängerung.

„Längst wurde das Versprechen kassiert, wenn jeder ein Impfangebot erhalten habe, gebe es keine Grundlage mehr für massive Freiheitsbeschränkungen“, schreibt Alexander Kissler in der NZZ und fordert, die epidemische Notlage müsse jetzt ein Ende haben. „Für die öffentliche Gesundheit zentral ist die Gesundheit des öffentlichen Lebens. Und Leben heißt, frei nach Erich Fromm, Unsicherheit zu tolerieren und Freiheit auszuhalten. Wer die epidemische Lage stetig weiter verlängert, zeigt nur, wie wenig er von der Freiheit hält und wie sehr er den Bürgern misstraut.“

„Die Politik ist immer noch im Panikmodus“, kommentiert Susanne Gaschke in der WELT. Unter Bezug auf Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der anlässlich des 60. Jahrestag des Mauerbaus am 13. August 2021 gesagt hatte, Freiheit und Demokratie seien nicht naturgegeben, sondern müssten erkämpft, dann aber auch geschützt, verteidigt und erhalten werden, schreibt Susanne Gaschke: „Es wäre großartig, wenn Steinmeier solche Wahrheiten nicht nur zu historischen Jahrestagen verkünden, sondern auch gelegentlich auf unsere aktuelle Verfassungswirklichkeit anwenden würde. Die ist nämlich surreal.“ Schon seit Monaten existiere keine der Voraussetzungen mehr die Einschränkungen aufgrund der epidemischen Lage nationaler Tragweite. „Freiwillig Ungeimpfte müssen ihr Risiko selbst einschätzen – wie alle mündigen Bürgerinnen und Bürger in vielen anderen Situationen auch. Der Staat kann und darf nicht jedes Lebensrisiko ausmerzen, wenn er nicht total Kontrolle ausüben will. Doch die Bundesregierung hält fest an einer Politik der Panikmache (4. Welle!), der Verbote und Beschränkungen, der verfassungswidrigen Suspendierung von Grundrechten auf Vorrat.“

Dass es längst nicht nur „Querdenker“ sind, die einer Impfung skeptisch gegenüberstehen, sondern dass für viele ganz normale Bürger:innen aus unterschiedlichen Gründen viele Fragen weiterhin offen sind, zeigt ein Artikel in der Berliner Zeitung: „Zu viele Fragen: Outing einer Nicht-Geimpften“. Aufgrund einer ganzen Tirade von Tweets, die die Aussagen im Artikel anzweifelten, hat die BZ den Artikel wieder vom Netz genommen (er ist nur über Umwege noch einzusehen). „Die Grenzen des Fragbaren haben sich rasant verschoben: Eine Frage, die früher nicht gestellt wurde, weil sie in den Bereich des Privaten, Höchstpersönlichen gehörte, fällt seit einigen Monaten einer gesellschaftlichen Maschinerie anheim, die schonungslos den Offenbarungseid verlangt“, schreibt die Autorin und bezieht sich auf die allgegenwärtige Frage: „Sind Sie geimpft?“ Das „hohe Lied der Impfung“ werde als „einzig denkbares Heilsversprechen (urbi et orbi)“ gesungen: „Menschen wie mich, die nicht verschworen sind und Corona nicht leugnen und sich dennoch nicht sofort und mit Begeisterung impfen lassen, gibt es offiziell in unserem Land nicht. Bestenfalls gelte ich als jemand, der bisher zu faul war, der nur mal seine Trägheit bzw. seinen ‚inneren Schweinehund‘, wie Robert Habeck sich ausdrückte, überwinden muss, um zur einzig richtigen und einzig akzeptablen Tat zu schreiten. Dass ich – nach gründlichem und immer neuem Nachdenken – sehr viele gut begründete Vorbehalte in mir habe, kommt in der medialen und politischen Berichterstattung über ‚Impfverweigerer‘ wie mich nicht vor. (…) Ich glaube, mit gutem Gewissen behaupten zu können, dass ich recht gut Bescheid weiß. Je mehr ich höre und je mehr ich lese, desto rätselhafter wird in meinen Augen das derzeitige Geschehen. Wie kann es etwa sein, dass die Veröffentlichung eines Wissenschaftlers oder einer Wissenschaftlerin in einer weltweit angesehenen medizinischen Fachzeitschrift in der öffentlichen Diskussion so gar nicht auftaucht? (…) Da haben sich anerkannte Fachleute sehr mutig und engagiert mit der unbestreitbaren Tatsache auseinandergesetzt, dass niemand weiß, auf welche Weise unser Körper aufgrund seiner ungeheuren Komplexität auf im Labor hergestellte, künstliche RNA reagieren könnte. (…) Wenn ich mich einfach impfen lassen würde, hier und jetzt, würde ich mir eine Menge Stress ersparen. Wenn ich mich weniger fundiert informiert hätte, wäre es vielleicht dazu gekommen. Ich habe mich informiert, weil ich mich von Corona weniger bedroht gefühlt habe als von einem neuen, rasend schnell entwickelten gentechnologischen Impfstoff.“

„Die Balance von Freiheit und Gesundheitsschutz gerät ins Wanken“, meint Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) in einem Gastbeitrag für die WELT. An die Stelle einer gründlichen Prüfung, ob überhaupt noch eine epidemische Lage nationaler Tragweite bestehe, rücke „eine Erwägung praktisch-administrativer Art“: „Welche Maßnahmen, die auf hunderten Seiten von Corona-Verordnungen der Länder fein säuberlich aufgegliedert sind, können wir aufrechterhalten, wenn der Bundestag dafür die Grundlage entzieht? Die Antwort lautet: nahezu keine. Ohne Rechtsgrundlage sind die zahlreichen Pflichten, Verbote und Verhaltensregeln, also die „erprobten Instrumente“, weitgehend Makulatur.“ Als Voraussetzung für die Verlängerung gelte, dass ein „dynamische Ausbreitung einer bedrohlichen übertragbaren Krankheit über mehrere Länder in der Bundesrepublik Deutschland“ drohe oder stattfinde: „Ob angesichts des Impffortschritts und des vorhandenen Impfangebotes eine solche Situation gegeben ist, darf man als strittig bezeichnen.“ Es spreche mehr gegen eine Verlängerung als dafür. Selbst Christian Drosten, der nun wahrlich nicht als Corona-Verharmloser durchgehe, habe in seinem Podcast vorgerechnet, „dass eine Corona-Infektion für Menschen unter 45 ungefähr so gefährlich ist wie eine Infektion mit der Influenza.“ Da die Älteren fast alle durch die Impfung geschützt seien, stelle sich die Frage: „Wenn das Risiko der Influenza nie in der Geschichte der Republik Anlass war, über eine epidemische Lage nationaler Tragweite auch nur zu diskutieren, warum sollte es jetzt angesichts eines durch die Impfungen auf ein vergleichbares Maß reduzierten Risikos ganz anders sein?“ Wenn die Risikogruppen weitgehend geimpft sind, sei eine Überlastung des Gesundheitssystems mit heutiger Erkenntnis nicht zu erwarten. Er halte den Weg, den Deutschland geht, „für bedenklich“, schreibt Palmer: „Es fehlt an der Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen. Schon beim heutigen Impfstand ist Corona nicht mehr wesentlich gefährlicher für das Gesundheitssystem als eine heftige Influenzawelle im Winter. Wenn der Staat zu völlig neuartigen Maßnahmen greift und sich im Vergleich mit anderen Risiken keine guten Gründe mehr dafür finden lassen, ist das gefährlich für die freiheitliche Grundordnung, in der wir leben. Ein Staat, der so weitgehende Freiheitseingriffe vornimmt, ohne dafür eine überzeugende Begründung vorzulegen, könnte auf eine schiefe Ebene geraten.“

Diese Forderungen scheinen umso berechtigter, als das europäische Ausland teilweise ganz andere Wege geht. Dänemark zum Beispiel hob am 3. September sämtliche Coronabeschränkungen auf, wie der SPIEGEL berichtet: „Schon jetzt dürfen die Dänen ohne Maske wieder Bahn fahren und ungetestet in Cafés sitzen. Corona gilt nicht länger als ‚für die Gesellschaft kritische Krankheit.‘ Große Menschenansammlungen und Veranstaltungen ohne Auflagen sind ab diesem Zeitpunkt kein Problem mehr. Klubs und Fußballstadien dürfen wie früher öffnen, der ‚Coronapass‘ genannte Impfausweis muss nirgendwo mehr vorgezeigt werden. Selbst bei steigenden Zahlen soll es nicht mehr automatisch zu neuen Einschränkungen kommen. Die Pandemie gilt in Dänemark damit faktisch als beendet.“ Hintergrund für diese Maßnahmen ist, dass in unserem nördlichen Nachbarland mehr als 80 Prozent der Bevölkerung über 12 Jahren inzwischen doppelt geimpft sind. Trotz der bereits seit Monaten bestehenden Lockerungen (schon im Juni fiel die Maskenpflicht) sind die Infektionszahlen nicht höher als anderswo. In dänischen Schulen sind Tests und Schließungen nur noch bei größeren Ausbrüchen geplant. Wenn einzelne Kinder positiv getestet werden, kann der Großteil der Mitschüler:innen dennoch weiterhin normal unterrichtet werden.

Auch auf den Kanarischen Inseln hat der Oberste Gerichtshof die Einschränkungen für Ungeimpfte und die 3G-Regeln aufgehoben, wie tkp.at berichtet. Trotz des guten Willens, der dem Erlass zugrunde liegen mag, berge die Anordnung das Risiko, „dass eine unbestimmte Anzahl von Bürgern von allen Möglichkeiten, die ihnen ihre verfassungsmäßig verankerte Freiheit bietet, ausgeschlossen wird, und zwar aufgrund der bloßen Entscheidung, sich nicht impfen zu lassen, was rechtmäßig ist, da die Impfung gegen Covid-19 freiwillig ist.“

Und in Spanien verbot der Oberste Gerichtshof in Madrid die Einführung eines „Covid-Passports“ und bestätigte damit ein entsprechendes Urteil des höchsten Gerichts in Andalusien, wie die WELT berichtet. Eine Impfung oder einen Test für den Besuch einer Bar verpflichtend zu machen, sei „diskriminierend und verletze die Privatsphäre der Spanier“. Im Hinblick auf die epidemiologische Lage sei es „nicht verhältnismäßig, für eine gesamte Region eine solche Regel zu verhängen. Dabei hat Spanien sogar weniger als Drittel so viele Intensivbetten pro Kopf als Deutschland. Schon im Juni wurde auch in Spanien die Maskenpflicht im Freien abgeschafft. Eine direkte oder indirekte Impfpflicht gibt es nicht, die Quoten sind trotzdem hoch.

Dagegen malt Christian Drosten hierzulande bereits den nächsten Lockdown an die Wand: „Mit dieser Impfquote können wir nicht in den Herbst gehen“, sagte er in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. „Wir werden gegen Anfang Oktober eine 10-prozentige Kontaktreduzierung und gegen Anfang November eine 30-prozentige nochmalige Kontaktreduktion brauchen, angesichts der erwartbaren Lage in den Krankenhäusern. Damit rechne ich fest. Damit rechnet auch das RKI fest. Auch im Coronavirus-Update auf NDR info vom 3. September bekräftigte Drosten seine Forderung nach einer höheren Durchimpfungsrate: Wir müssen unbedingt gesamtgesellschaftlich an der Impfquote arbeiten.“ Man könne sich „aus der Pandemie herausimpfen“. Die aktuelle Impfquote von über 60 Prozent reiche dafür aber nicht aus. Deshalb gehe er davon aus, dass die Politik die Kontaktmaßnahmen im Herbst wieder verschärfen wird. Sein eigenes, persönliches Ziel sei: „Ich will eine Impfimmunität haben und darauf aufsattelnd will ich dann aber durchaus meine erste Allgemeininfektion und die zweite und auch die dritte haben. Dann weiß ich, bin ich langhaltig belastbar immun und werde nur noch alle paar Jahre überhaupt mal dieses Virus sehen.“

Andere Wissenschaftler, z. B. der Direktor des Hygienezentrums Bioscientia, Dr. Georg-Christian Zinn, sehen das eher kritisch: „Wir haben dazu noch keine Studien. Man weiß aus der Vergangenheit, dass eine Infektion auf eine Impfung drauf meistens unbewusst zu einer Boosterung der Antikörperbildung führt“, sagte er RTL. Dass man das bewusst mache, sei „eher unüblich“. Man habe dazu keine Daten. Stattdessen solle man lieber eine Auffrischimpfung machen.

Im Frühjahr sollte die Pandemie ohnehin vorbei sein, sagt Virologe Klaus Stöhr in einem Interview mit dem Merkur: „Ab dem Frühjahr werden wir eine dramatische Entspannung der Situation erleben. Die Pandemie ist dann vorbei. Im Sommer wird trotz einiger Infektionen wieder absoluter Normalzustand herrschen. Vor dem Winter 2022 wird sich dann die Frage stellen, ob man die über 60-Jährigen noch einmal impfen muss. Alle anderen werden sehr wahrscheinlich keine weitere Impfung mehr brauchen.“

Inzwischen hat auch die Arbeitsgruppe um Matthias Schrappe ihr 8. Thesenpapier vorgelegt. Es beschäftigt sich mit der Pandemie als komplexes System, mit der Steuerung der Epidemie durch Indikatoren-Sets, mit Kindern und Jugendlichen in der Corona-Pandemie und mit der Politik und Demokratie unter Pandemie-Bedingungen. Bund und Länder kommen darin nicht gut weg: „Es fehlt jegliche Perspektive für die Bevölkerung, es fehlt jegliche Perspektive für die Mitarbeiter im Gesundheitswesen, und die Schäden für das demokratische System sind unabsehbar.“ Vor allem mit den Maßnahmen bei Kindern und Jugendlichen gehen die Wissenschaftler schwer ins Gericht: „Die besonderen Hygienemaßnahmen in Kindergärten und Schulen (Reihentestungen, Quarantäne, Maskenpflicht) entbehren der wissenschaftlichen Evidenz und sind hinsichtlich der Risiko-, Aufwand- und Nutzenbewertung weder geeignet noch verhältnismäßig. Gleiches gilt für mobile Luftreinigungsgeräte. Dass der auf den Jugendlichen lastende psychosoziale Druck durch die neue Impfempfehlung geringer wird, muss bezweifelt werden. Der Druck wird nämlich nicht durch eine Infektion hervorgerufen, die in aller Regel mild verläuft, sondern durch eine Politik, die den Lebensalltag der Heranwachsenden in einem unverhältnismäßigen Ausmaß einschränkt.“ In der Rolle der Patienten im Behandlungssystem habe sich in der Corona-Epidemie wieder „auf der ganzen Linie ein autoritär-paternalistisches Verständnis durchgesetzt“. Die „für die Organisationen des Gesundheitswesens typische Form der Expertenorganisation wurde zu klassischen hierarchischen Strukturen rückentwickelt.“ Fazit: In der Summe dränge sich „der Eindruck eines ‚Großen Zurück‘ auf: Lineare, hierarchische, gut messbar-biologistische, ins Paternalistische reichende, letztlich einfache Erklärungs- und Steuerungsansätze haben komplexe Sichtweisen und Handlungsansätze überrollt, obwohl gerade diese die Kompetenz einer entwickelten Gesellschaft repräsentieren.“

So wundert der Kommentar des Autors Tim Röhn nicht sonderlich: „Ich erkenne Deutschland nicht wieder“ schreibt er in einem Gastbeitrag für die WELT: Jede „noch so abstruse Maßnahme“ werde „schulterzuckend hingenommen“. „Wo sind die Reportagen vom Lungenkrebstod in deutschen Kliniken, die vom Sterben an Krankenhauskeimen? Rauchen und Alkohol – müsste man beides nicht konsequenterweise verbieten, damit jene, die deswegen krank werden, nicht irgendein freies Bett blockieren, das andernfalls ein Asket belegen könnte? (…) Wie lange will das Bundesverfassungsgericht eigentlich noch darüber beraten, ob diese Maßnahme (die Ausgangssperre, d. Red.) als Teil der „Bundesnotbremse“ nun angemessen war oder nicht? (…) Wann wurde es politisch korrekt, wegen Covid-19 in Panik zu verfallen und alle Restriktionen der Politik gutzuheißen? Warum ist es plötzlich so in Mode, den Mächtigen jedes Wort zu glauben? Was ist falsch daran, Lockdowns zu kritisieren? (…) Warum ist es verpönt, in der Debatte auf Schweden zu verweisen? Es gab keinen Lockdown in Schweden – und die Zahlen sind trotzdem besser als im EU-Durchschnitt. Und die Regierung – jetzt wird es ganz bitter für die Lagerdenker – ist nicht einmal rechts, sondern sozialdemokratisch. Der schwedische Weg, mittlerweile auch der Schweizer, der niederländische, der belgische und der britische – sie alle zeichnen sich dadurch aus, dass intensiv für die Rückkehr zur Normalität gekämpft wird. Währenddessen werden bei uns immer weitere drastische Ideen diskutiert. (…) Ich sehe vor allem die ‚German Angst‘ und den tiefen Wunsch, von Vater Staat immer neue Anweisungen zur Bewältigung der als hochdramatisch bewerteten Lage zu bekommen.“

Derselbe Autor hat noch ein weiteres heißes Eisen angepackt: „Der leise Zweifel impfender Ärzte“ hat er seine Recherche für die WELT über Ärzt:innen überschrieben, die Zweifel an der Sicherheit der Impfungen äußern. Die meisten ziehen ihre Statements rasch wieder zurück, löschen Beiträge auf Twitter oder anderen Medien. So berichtet Röhn über einen Arzt, der sich entschieden hat, in seiner Praxis nicht mehr zu impfen, weil er zu viele Nebenwirkungen gesehen hat: „Fieber, Schmerzen, Übelkeit, Hautausschläge, Lymphknotenschwellungen, Gefühlsstörungen, Autoimmunerkrankungen“. Röhn zitiert in diesem Zusammenhang Olaf Scholz, der für die Impfung mit den Worten warb: „50 Millionen sind jetzt zweimal geimpft. Wir waren ja alle die Versuchskaninchen für diejenigen, die bisher abgewartet haben. Deshalb sage ich als einer dieser 50 Millionen: Es ist gut gegangen! Bitte macht mit!“ (siehe dazu auch den Bericht in der BZ). Versuchskaninchen also. Das heißt ja aber doch: Nichts Genaues weiß man nicht über diese Impfstoffe, sonst wäre man ja kein „Versuchskaninchen“. Dieses Statement und auch die Impf-Verweigerung des Arztes (und er ist nicht der einzige im Land) offenbaren, so Röhn, „die angeschlagene Psyche eines hochnervösen Landes, das sich gespalten hat – in bewusst Geimpfte und bewusst Ungeimpfte.“ Röhn hat mit mehreren Ärzt:innen gesprochen, die sich ihrer ärztlichen Ethik verpflichtet fühlen („Primum non nocere“ – zuerst einmal nicht schaden) und deshalb aus dem Impfen ausgestiegen sind. Es sind Äußerungen, die man nicht einfach abtun kann. Gustavo Baretton, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pathologie, sagte, wie die Tim Röhn berichtet, er habe „schon im Frühjahr Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) schriftlich gebeten, mehr finanzielle Mittel für die Obduktion Impfgeschädigter zur Verfügung zu stellen. Er habe keine Antwort erhalten. ‚Wir haben keine gute Datenlage‘, sagt Baretton. Das Ministerium müsste einen anderen Drive haben.“

Ob das Gesundheitsministerium unter einer neuen Regierung einen anderen „Drive“ hat, sei dahingestellt. Mit den heißesten Anwärtern auf diesen Posten – Karl Lauterbach (SPD) oder Janosch Dahmen (Grüne) – wird das sicher nicht der Fall sein. Sie gelten in Sachen Corona als absolute Hardliner.

Die Corona-Politik spielt im Wahlkampf bisher allerdings kaum eine Rolle. Was rund 100 namhafte Ärzt:innen, Jurist:innen, Wissenschaftler:innen und Unternehmer:innen (darunter der Medizinstatistiker Gerd Antes, Epidemiologe und Virologe Klaus Stöhr, WDR-Moderator Jörg Thadeusz, Rechtsanwalt Niko Härting, ehemaliger Richter am Bundesgerichtshof Stefan Leupertz, Musikproduzent Paul van Dyk, Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot, Gesundheitsökonom Gerd Glaeske) dazu veranlasst hat, einen Offenen Brief an die Parteivorsitzenden von CDU/CSU, SPD, FDP, Linke und Bündnis 90/Die Grünen zu publizieren. Darin heißt es: „Kurz vor der Bundestagswahl gewinnen wir den Eindruck, dass Corona im Wahlkampf kein Thema ist. In den Parteiprogrammen vermissen wir Konkretes. Als Wählerinnen und Wähler dürfen wir von den Parteien Konzepte für die zukünftige Corona-Politik einer Bundesregierung erwarten. (…) Wir erwarten von den Parteien Antworten auf die drängendsten Fragen der Corona-Politik (Wahlprüfsteine).“ Und dann folgt eine Aufzählung von wichtigen Stichworten: Expertenrat, Institutionen (STIKO, RKI), Enquetekommission (zur Untersuchung der Versäumnisse), Politik nach Inzidenzen, Stufenplan, Entschädigung, Kultur, Bürgerrechte …

Natürlich haben die großen Medien darüber nicht berichtet. Neben dem Focus kam lediglich die Berliner Zeitung ihrer Chronistenpflicht nach und veröffentlichte den Offenen Brief im Wortlaut. 

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Eine mutige Aktion

#allesdichtmachen und die Folgen

Es hat mittlerweile die Runde gemacht, dass Ende April über 50 Schauspieler*innen die Aktion #allesdichtmachen gestartet haben (die ungekürzte Version ist immer noch auf YouTube zu sehen und wurde fast 300.000mal aufgerufen). Mit beißender Ironie nehmen sie dort die Lockdown-Politik der Bundesregierung aufs Korn. Das Echo war gewaltig – im Positiven wie im Negativen.

„98 Prozent sagen ‚Danke‘“, berichtete die WELT. „Den deutschen Schauspielern platzt in der Pandemie die Hutschnur“, schrieb die Neue Zürcher Zeitung. Die BILD-Zeitung organisierte sofort einen über zweieinhalbstündigen Live-Beitrag mit Interviews und Stellungnahmen unter dem Motto „Promi-Aufstand gegen Merkels Corona-Politik“. Ärztinnen organisierten kurze Video-Clips unter dem Motto „DANKE #allesdichtmachen“. 

Aber die Woge der Kritik und der Ablehnung war noch deutlich größer, und unter dem Druck des Shitstorms, der über ihnen niederging, zog gut ein Drittel der beteiligten Schauspieler*innen ihre Beiträge wieder zurück. Außer den im vorigen Absatz Zitierten gab es so gut wie kein Medium, das die Aktion nicht verdammte.  „Die einen wüten, die anderen schaudern“, schreibt Janis El-Bira in seiner Analyse für die Nachtkritik. Die Aktion sei „eine Verhöhnung der Corona-Toten“, meinte das Redaktionsnetzwerk Deutschland: „Die AfD und andere Schwurbler jubeln. Dabei zeigt die ironisch gemeinte Aktion nur eines: Ruhm und Erfolg schützen nicht vor Pech beim Denken.“ Der Tagesspiegel konstatierte, #allesdichtmachen sei „so schäbig, dass es weh tut“: „Prominente deutsche Schauspieler verhöhnen Corona-Maßnahmen. Gegenvorschläge haben sie keine.“ In der „aktuellen Stunde“ des WDR machte Moderator Martin von Mauschwitz seiner Empörung schon zu Beginn Luft: „Ich will ehrlich sein, Herr Liefers, wir haben uns heute über Sie geärgert. Seit 14 Monaten arbeitet hier ein Riesenteam mit vielen guten Leuten bis zur Erschöpfung, um die Menschen im Land über die Pandemie möglichst gut zu informieren. Heute kommen Sie, ein WDR-Kollege, und sagen: Alles gleichgeschaltet und alarmistisch. Wie kommen Sie dazu?“ Und auch er hielt Liefers vor, er bediene „exakt das Narrativ der Corona-Leugner, der Rechtsextremen und ‚Lügenpresse‘-Schreihälse“. Die Aktion verhöhne die vielen Menschen, die hart arbeiten und Opfer bringen in der Pandemie. Liefers kam kaum dazu, auf diese Unterstellungen einzugehen, weil der Moderator ihn immer wieder unterbrach.

Der SPD-Rundfunkrat Garrelt Duin verstieg sich in einem Tweet gar zu der Forderung, die öffentlich-rechtlichen Sender müssten die Zusammenarbeit mit Jan-Josef Liefers und Ulrich Tukur „schnellstens beenden“. Den Tweet hat Duin dann schnell wieder gelöscht, aber er war nicht allein mit seiner Forderung nach einem Berufsverbot für die Beteiligten. Der Physiker und Befürworter eines konsequenten Lockdowns, Cornelius Roemer, rief z. B. dazu auf, „detaillierte Listen über die Schauspieler und deren Follower anzulegen“, wie die Berliner Zeitung berichtet. Damit wolle er herausfinden, „ob jemand mit viel Geld“ hinter der Aktion stecke.

Folgerichtig setzte der Tagesspiegel seine Rechercheure auf die Aktion an und suchte nachangeblichen Verbindungen zu „Querdenkern“ und Rechtsradikalen. Und da wird dann jedes Interview, jede Äußerung daraufhin geprüft, ob sie regierungskonform ist. Und wenn nicht – ist die Zuordnung klar: „Die Spur führt ins Querdenker-Milieu.“ Selbst die NZZ sieht allein in der Tatsache, dass Volker Bruch (Hauptdarsteller in „Babylon Berlin“) einen Aufnahmeantrag bei der Corona-Protest-Partei „Die Basis“ gestellt hat, eine Nähe zu Querdenkern.

Dass es so einfach nicht geht, zeigt eine hochinteressante, ausführliche Analyse in der WELT. Darin heißt es: „Dass es dem „Tagesspiegel“ trotz Unterstützung einer nah am Rufmord agierenden, netzaktivistischen Recherche-Einheit nicht gelingt, ein adäquates Bild des politischen Umfelds desjenigen zu zeichnen, den sie als düsteren Spiritus Rector hinter #allesdichtmachen ausmachen, enttäuscht. Man muss sich ansehen, auf welche Evidenzen sich der „Tagesspiegel“-Artikel im Weiteren stützt, nachdem der Topos „Elitenverschwörung“ an Glaubwürdigkeit eingebüßt hat. Hat man es mit mehr zu tun als mit der Aneinanderreihung von Zufällen, die durch das wacklige Konstrukt der Kontaktschuld zusammengehalten werden? (...) Wenn es um #allesdichtmachen und seine wirklichen oder auch nur angenommenen Protagonisten geht, scheint beim „Tagesspiegel“ eine gewisse Fluidität darin zu herrschen, was geschrieben wird. (...) Der Nachweis soll geführt werden, dass man es bei Positionen und Meinungen, wie sie in der Aktion #allesdichtmachen an die Öffentlichkeit getreten sind, eben nicht mit Positionen und Meinungen zu tun hat, die sich im demokratischen Normalbereich verorten lassen. Dass es nicht Positionen und Meinungen sind, die sich Leute bilden, mal besser oder schlechter informiert durch die Medien, aber basierend auf eigenem Denken, eigenen Überzeugungen und eigener Urteilskraft. Nicht manipuliert, übers Ohr gehauen oder verführt. Und trotzdem möglicherweise auch falsch. Wer aber ständig auf die Möglichkeit verweist, es gäbe dunkle Interessen und Drahtzieher hinter diesen Positionen und Meinungen, wird dabei fast zwangsläufig eines ausklammern: Das ist die inhaltliche Auseinandersetzung." 

Aber es gab auch einige Versuche der konstruktiven Auseinandersetzung. So lud Maybrit Illner Jan Josef Liefers in ihre Talkshow ein, Steffen Hallaschka von stern tv brachte den Regisseur und Mit-Initiator von #allesdichtmachen Dietrich Brüggemann mit der Notärztin Carola Holzner („Doc Caro“) zusammen, die die Aktion auf Instagram mit dem Hashtag #allemalneschichtmachen kommentiert hatte, und die ZEIT organisierte kurzerhand ein Streitgespräch zwischen Jan Josef Liefers und Jens Spahn.

„Wie #allesdichtmachen uns den Spiegel vorhält“, kommentierte Andreas Rosenfelder, Ressortleiter Feuilleton in der WELT: „Deutschlands Meinungseliten drehen durch, weil fünfzig Schauspieler die Corona-Politik persiflieren. Die hysterische Reaktion zeigt, dass #allesdichtmachen den Nerv unserer Zeit getroffen hat. Denn die Satire entlarvt auch die Rolle der Medien in der Pandemie.“

Auch Ulf Poschardt, Chefredakteur der WELT, stellt in einem Kommentar unter der Überschrift „Der verlorene Kulturkampf“ fest: „In Schulen, Universitäten, Medien und Kulturinstituten schwindet die Freiheit, der Anpassungsdruck wächst – und damit der Opportunismus. (...) Wer die Corona-Maßnahmen, die hoffentlich vom Bundesverfassungsgericht kassiert werden, kritisiert, verhöhne die Toten, die Kranken, die Ärzte und Pfleger – so kommentieren nicht nur Betroffene, ein Außenminister und Moraldarsteller in unterschiedlich exponierten Funktionen des Kulturbetriebs, sondern auch WDR-Journalisten, die Initiator Jan Josef Liefers vor laufenden Kameras zur Beichte nötigen: ausschließlich mit Moral wütend, ohne einen Gedanken. (...) Die bürgerliche Welt von Freiheit und Eigenverantwortung hat den Kulturkampf verloren. Auch, weil sie ihn nie angenommen hat. Die öffentlich-rechtlichen Medien, der vorpolitische Raum, die steuerfinanzierten Institute und NGOs, die Universitäten und die subventionierten Kulturbetriebe haben sich in den vergangenen Jahren zu einer perfekt geölten Maschinerie entwickelt.“ 

Dass einige Schauspieler*innen ihre Beiträge aufgrund des Shitstorms wieder zurückgezogen haben, erinnere an die Debatte um die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann aus der DDR im November 1976, schreibt WELT-Herausgeber Stefan Aust: „Verblüffend sind einige Parallelen im öffentlichen Umgang mit dem Künstlerprotest. Damals wie heute wird er von den Medien nahezu geschlossen verurteilt. Abermals werden Verbandsfunktionäre aufgeboten, die sich von dem unverantwortlichen Verhalten ihrer Mitglieder distanzieren. (...) Damals wie heute wird nicht argumentiert, sondern moralisiert. Biermann wurde vorgeworfen, er habe sich nicht um das Schicksal von Arbeitslosen gesorgt. Den Künstlern heute wird gar Schuld an den Corona-Toten unterstellt – dabei liegt die doch bei der von ihnen kritisierten Bundesregierung, die versagt hat: bei der Impfkampagne, der Nachverfolgung von Infektionen, der Beschaffung von Luftfilteranlagen für die Schulen … (...) Künstler, zumal weniger bekannte und betuchte, werden sich in Zukunft zweimal überlegen, ob sie die Regierung öffentlich kritisieren. Denn Berufsverbote und Existenzvernichtung sind für sie nicht nur eine Drohung, sondern schon mehr als ein Jahr Realität: Seit März 2020 sind in Deutschland fast alle Theater und Konzertsäle geschlossen.

Ulrich Tukur, sicher einer der profiliertesten Schauspieler, die an der Aktion beteiligt waren, wollte auf das Angebot eines Interviews mit der Neuen Züricher Zeitung nicht eingehen, erlaubte aber, seine Begründung dafür abzudrucken. Und die ist bemerkenswert:

„Wenn ich dieser Tage überhaupt mit einem Medium kommunizierte, dann mit einer ausländischen Zeitung wie der Ihren. Aber haben Sie bitte Verständnis, dass ich auch das unterlasse. Es befeuert nur die weitere Überhitzung einer Diskussion, die nach einer satirischen Einlassung wie der unseren (das verstand man noch zu Tucholskys Zeiten) nach Berufsverbot und in den Netzwerken sogar nach physischer Bestrafung ruft.

Kunst kann kein Arzneimittel sein, sie muss schmerzen. Es ist seit alters her das Privileg des Gauklers, dem Herrscher einen Spiegel vorzuhalten und in seiner (überspitzten) Art auf Missstände aufmerksam zu machen. Man muss das nicht kommentieren. Meine Kollegen und ich wollten lediglich ein Fenster in diesem trägen Haus aufreißen und frische Luft hereinlassen. Und jetzt gehen sich alle gegenseitig an die Gurgel. Schade. Ich hätte mir eine offene Diskussion um diese erratische und kontraproduktive Corona-Politik gewünscht, die ohne Not so viele Existenzen ruiniert. Dass eine Pandemie existiert und Menschen Not leiden und Angst haben und keiner der politisch Verantwortlichen Böses will, steht für mich außer Frage. Es steht für mich allerdings auch ausser Frage, dass es besser ist, sich zurückzuziehen, wenn eine vernünftige Auseinandersetzung, von mir aus auch ein zünftiger Streit, nicht mehr möglich sind.

So haben wir immerhin gezeigt, dass sich unsere Gesellschaft in einer erschreckenden Schieflage befindet und politische Inkompetenz wie ein Spaltkeil wirken kann. Darf die Satire nicht mehr alles, und schlimmer noch, wird sie überhaupt nicht mehr verstanden, muss der Hofnarr schweigen.“

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„Vierte Welle“

Vom Sinn und Unsinn der Inzidenzwerte

Was für ein Hin und Her in Sachen Corona-Maßnahmen haben wir in den vergangenen Wochen hinter uns … Nur kurz wurde die Diskussion darüber verdrängt von den Schrecken der Hochwasser-Katastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Mitten in der Urlaubszeit beschwor RKI-Chef Lothar Wieler das nächste Unheil herauf: „Die vierte Welle hat begonnen“ und präsentierte bei einer Schaltkonferenz zwischen dem Kanzleramt und den Chefs der Staatskanzleien der Länder ein – wie die BILD es bezeichnete – „Panik-Papier“. Darin betonte er ein weiteres Mal die Bedeutung des Inzidenzwerts:

„Inzidenz ist Leitindikator für Infektionsdynamik (hohe Inzidenzen haben zahlreiche Auswirkungen). Generell gilt: Je mehr Fälle auftreten, desto mehr schwere Verläufe (Krankenhauseinweisungen/ITS) und Todesfälle werden – mit etwas Zeitverzug – registriert, desto höhere Belastung des Gesundheitssystems. Bei sehr hohen Inzidenzen steigt auch die Zahl dieser Beeinträchtigungen sowie die Zahl der schweren Verläufe, die im Krankenhaus oder auf der Intensivstation behandelt werden müssen. Dazu kommen immer mehr Kontaktpersonen, die unter Quarantäne gestellt werden und damit am Arbeitsplatz fehlen. Eine steigende 7-Tage-Inzidenz geht dieser Entwicklung voraus, sie ist und bleibt der früheste aller Indikatoren. Die 7-Tage-Inzidenz bleibt daher wichtig, um die Situation in Deutschland zu bewerten und frühzeitig Maßnahmen zur Kontrolle zu initiieren. Hohe Impfquoten allein sind nicht ausreichend, die vierte Welle flach zu halten. Daher sind zusätzliche Basisschutz-Maßnahmen (AHA+A+L) notwendig, um die vierte Welle so zu senken, dass die Patientenzahlen in Krankenhäusern nicht zu hoch werden (Reduktion Kontakte, Reduktion Mobilität).“

In einem Interview mit BILD kommentiert der Virologe und Epidemiologe Klaus Stöhr dazu: „Wenn man das so machen wollte, würde man nie in die Normalität kommen. (…) Wir sehen nicht mehr Einweisungen auf die Intensivstationen. Alle Fälle vermeiden zu wollen, geht an der Realität vorbei. Wenn man die gesamte Gesellschaft wieder lahmlegen will wegen Atemwegserkrankungen bei Jugendlichen, die viel milder verlaufen, dann muss man einen Plan auf den Tisch legen, welche Parameter man dann dafür verwenden will.“

Wieler brach mit seinem Festhalten am Inzidenzwert auch einen Streit mit Jens Spahn vom Zaun, der gerne weitere Faktoren mit heranziehen möchte, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet. „Mit steigender Impfrate verliere die Inzidenz an Aussagekraft“, meint der Gesundheitsminister und möchte künftig auch die Zahl der Corona-Patienten in den Krankenhäusern mit heranziehen, um die Lage zu beurteilen.

Auch namhafte Wissenschaftler zeigten Unverständnis für Wielers Haltung, denn angesichts der Durchimpfungsrate von inzwischen weit über 50 Prozent der deutschen Bevölkerung, niedriger Covid-bedingter Krankenhauseinweisungen und ebenso leerer Intensivstationen vermag man nicht mehr nachzuvollziehen, warum eine hohe Inzidenz für die Bevölkerung gefährlich sein soll. So begrüßte der Medizinstatistiker Gerd Antes in einem Interview mit dem Deutschlandfunk die Forderungen der Deutschen Krankenhaus-Gesellschaft (DKG), zur Bewertung der Corona-Lage neben der Inzidenz auch andere Kennzahlen heranzuziehen. Bei allen Datenerhebungen sei vor allem das Alter zu berücksichtigen, weil das Alter zu den größten Risikofaktoren gehöre. 

Die DKG hatte vorgeschlagen, von der Sieben-Tage-Inzidenz der Corona-Neuansteckungen abzurücken und forderte für die Beurteilung der Lage weitere konkrete Kennzahlen: „Dazu gehören die Hospitalisierungsrate, eine altersstratifizierte Impfquote, die Belegung von Intensivkapazitäten, die Positivrate an Tests und die Steigerungsquoten, sowohl der Inzidenz als auch der Hospitalisierungsraten.“ Es sei „zwingend erforderlich, diese Kennzahlen transparent und öffentlich dazustellen, um die notwendige Akzeptanz für bevorstehende politische Entscheidungen zu erreichen.“ Alle dafür nötigen Daten lägen bereits vor, würden aber bisher „nicht transparent zugänglich gemacht und öffentlich dargestellt“ – was eine deutliche Kritik am RKI bedeutet.

Antes meinte in dem Interview mit dem DLF am 31. Juli (hier die Audio-Version), das Gleichsetzen von Geimpften und Getesteten sei „nicht einmal ansatzweise“ berechtigt: „Das Testen selbst ist dermaßen unkontrolliert und nicht begriffen. (…) Wir haben gegenwärtig 545 zugelassene Tests, wobei der Begriff ‚zugelassen‘ eher sarkastisch zu benutzen ist, so dass diese Gleichsetzung ein völliger Fehlgriff ist.“ Man brauche dringend eine Studie, die untersucht, wie diese Tests unter Realbedingungen funktionieren, denn man übersehe damit mittlerweile jeden zweiten Infizierten. „Der gegenwärtige Zustand, zu glauben, dass uns die Testerei den Rücken freihält, die wird uns ganz schwer auf die Füße fallen im Herbst.“ Das RKI sitze auf Zahlen, die nicht weitergegeben werden, ebenso die Gesundheitsämter, und weitere Daten werden derzeit nicht erhoben, obwohl man sie dringend brauche. Es sei „extrem peinlich für das RKI“, dass es gerade in dieser Woche das Gegenteil behauptet hat. Die Ministerpräsidenten befänden sich „permanent, geradezu chronisch, im Bereich ihrer eigenen Inkompetenz“. Er habe „nicht das Gefühl, dass die Landesministerpräsidenten und das Bundeskanzleramt ernsthaft daran interessiert“ seien, die Daten so zu erheben und auszuwerten, wie es nötig sei. Interessenkonflikte und Fremdinteressen seien eine Erklärung, warum es keine Stufenpläne und keine offene Diskussion über die Lage gäbe, einer der größten Störfaktoren sei die Bundestagswahl. Die „völlige Konfusion und Irritation in der Bevölkerung“ sei „mehr als bedenklich“.

Das Festhalten an den Inzidenzen werde „jetzt schon zum Problem“, berichtet die WELT: „In den ersten Landkreisen liegen die Werte bereits über 50 – und es drohen Schließungen, etwa von Fitness-Studios und Innengastronomie. Doch diese Grenzmarke stammt aus Zeiten vor den Massenimpfungen. Über das weitere Vorgehen herrscht in der Politik große Unklarheit.“ In NRW wurde daraufhin erstmal die Schutzverordnung geändert – Restriktionen gibt es jetzt erst, wenn die Sieben-Tage-Inzidenz nicht mehr drei, sondern volle acht Tage über 50 liegt. Angesichts der hohen Infektiosität der Delta-Variante kann das aber schnell erreicht sein. Weshalb Gesundheitsminister Spahn flugs verkündete: „200 ist das neue 50“

„Labordaten allein sollten nicht unser Handeln bestimmen“ fordert in einem Gespräch mit der WELT auch der Infektionsepidemiologe Gérard Krause, der 14 Jahre am RKI tätig war und heute die Abteilung Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung leitet: Wenn man die Fallzahlen „zum alleinigen Richtwert aller Maßnahmen macht, führt das zu falschen Schwerpunkten und vermeidbaren Nebenwirkungen. (…) Wirklich bedeutsam ist die Krankheitslast. (…) Als Arzt habe ich gelernt, dass eine Diagnose nicht allein auf Laborbefunden beruhen darf und erst recht nicht die Therapie. In der Epidemiologie, in der quasi die Bevölkerung den Patienten darstellt, gilt das gleiche.“

Die ausschließliche Orientierung auf Corona hat, so Krause, auch noch weitere Nachteile: „Würde man mit jedem Nasenabstrich auch auf die gängigen fünf oder zehn anderen Atemwegsinfektionen testen, könnte rasch der Eindruck entstehen, wir hätten zusätzliche enorme Epidemien.“ Wenn man die Fallzahlen so lange klein halten wolle, bis auch Kinder und Jugendliche geimpft seien, müsste man die Kindergärten über Jahre oder Jahrzehnte schließen, bis es eine Impfung gegen RSV gäbe, das „respiratorische Synzytial-Virus“, weil dieses Virus für Kinder viel gefährlicher sei als SARS-CoV-2. Auch bei den Krankenhauseinweisungen plädiert Krause für ein differenziertes Hinsehen, zumal es pro Tag in Deutschland zu über 50.000 Einweisungen kommt. Dagegen ist die Zahl von 213 neuen Klinikeinweisungen, die das RKI am 22. Juli gemeldet hat, ein Klacks. Die Hauptfrage sei, so Krause: „Ab welcher Krankheitslage rechtfertigen sich gesamtgesellschaftliche Einschränkungen in Mobilität, Kontaktverhalten, Erziehung, Bildung, Kultur und Wirtschaft?“ Diese Frage müssten Politik und Gesellschaft „dringend angehen“. Die bisherigen Beratungen der Politik seien „etwas eindimensional geführt“ worden, „sie wurden stark von Vertretern weniger Disziplinen dominiert.“ Fachleute aus den Sozialwissenschaften, der Epidemiologie und Public Health und selbst der klassischen Infektionsmedizin seien bei den Beratungen „nur am Rande eingebunden“ gewesen.

„Wir müssen endlich aufhören, nur über die Inzidenzen zu diskutieren“, forderte auch Francesco De Meo, Chef des Krankenhaus-Konzerns Helios-Health mit 89 Kliniken und Vater von zehn Kindern, in einem Interview mit der WELT. Er selbst hatte nach der Erstimpfung gegen Covid eine Embolie entwickelt und musste intensivmedizinisch behandelt werden. Beim Blick auf die Zukunft mache ihm Sorgen, „was 2020 auf der Strecke geblieben ist: die Kinder, denen wir zu viel zugemutet haben. Die Wirtschaftlichkeit im Gesundheitssektor, denn es wurden enorme Schulden angehäuft. Und die Bereitschaft, offen zu sagen, was man denkt. Wir müssen endlich aufhören nur über Inzidenzen zu diskutieren, sondern das gesamte Bild betrachten. Dafür brauchen wir andere Bewertungsmaßstäbe und, ehrlich gesagt, auch andere wissenschaftliche Ansätze. Dann wird Corona ähnlich wie eine Grippewelle sein: gut in den Griff zu bekommen.“ Schon im Oktober 2020 hatte De Meo sich in einem Blogbeitrag Gedanken über „Covid-20“ gemacht. So nennt er „eine Krankheit der Gesellschaft, die durch den Umgang mit Covid-19 verursacht“ wird: „Covid-20 ist allgegenwärtig. Die Menschen achten auf Infektionszahlen wie früher auf das Wetter. Und sie haben Angst.“

Und noch ein Epidemiologe, der Schweizer Christian Althaus, empfiehlt laut einem Bericht der WELT, künftig nicht mehr auf die Inzidenz zu schauen, sondern auf die Hospitalisierungen pro Tag. Der Schwellenwert dafür liege bei 1.200.

Wie weit wir davon derzeit entfernt sind, zeigt der neueste CODAG-Bericht der Ludwig-Maximilians-Universität München (CODAG = Covid-19 Data Analysis Group). Darin heißt es: „Auf den ersten Blick ist bereits ersichtlich, dass sich die Lage in den Intensivstationen komplett entspannt hat und die Prognosen im niedrigen einstelligen Bereich sind, teilweise bei Null liegen. (…) Anders als bei den Meldeinzidenzen ist bei den Hospitalisierungen keine Dynamik in den letzten Wochen zu erkennen – in keiner der ausgewiesenen Altersgruppen. (…) Die Todeszahlen bleiben stabil auf sehr niedrigem Niveau.“

Dass man mit höheren Inzidenzen gut leben kann und auch keine weitreichenden Freiheitsbeschränkungen braucht, zeigen einige unserer europäischen Nachbarländer. Großbritannien feierte schon am 19. Juli den „Freedom Day“ mit einer wilden Party auf den Straßen Londons. An diesem Tag wurden sämtliche Coronamaßnahmen aufgehoben – trotz drastisch steigender Inzidenz. Keine Masken mehr, keine Abstandsregeln mehr, keine zahlenmäßigen Beschränkungen mehr bei Veranstaltungen, wie u.a. das Deutsche Ärzteblatt berichtet. Die Impfrate liegt im Land bei 88 Prozent für die Erstimpfung bei Erwachsenen und bei 68 Prozent für die Zweitimpfung. Und entgegen allen Unkenrufen sinkt seit diesem Tag die Zahl der Neuinfektionen, wie die WELT und die NZZ berichten.

Ein solcher „Freiheitstag“ scheine in Deutschland „undenkbar“, kommentiert Anna Schneider in der WELT: „Die Angst vor der Wiederherstellung des Normalzustandes, der Autonomie und Freiheit aller, ist besorgniserregend. Virusvarianten müssen beobachtet und studiert, Impfungen an sie angepasst werden – das ist selbstverständlich. Doch es obliegt nicht dem Staat, jegliches Risiko auszumerzen: Das Leben ist kein ‚safe space‘, kann es nie sein.“ Es gehe um die grundlegende Idee der Freiheit, die darin bestehe, dass jeder über sein Leben selbst bestimmen kann. Daran dürfe auch Corona nichts ändern.

Ein ähnlicher Trend wie in Großbritannien ist auch in den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schweden festzustellen, auch dort gehen die Zahlen zurück (in Holland z. B. um 44 Prozent, die Sieben-Tage-Inzidenz liegt dort bei 121, in Deutschland bei knapp 18, Stand 3.8.21) – und das sind alles Länder, die weitaus großzügiger waren bei den Corona-Maßnahmen. In allen diesen Ländern gibt es schon lange keine Maskenpflicht mehr (außer in öffentlichen Verkehrsmitteln oder wenn kein Abstand gehalten werden kann, was de facto aber auch nicht sehr streng beachtet wird). „Deutschland hat keinen Plan, andere schon“, meint Gregor Schwung in der WELT am 29. Juli, zum Beispiel Dänemark: Derzeit liege die Inzidenz bei 95, aber die Dänen denken gar nicht daran, von ihrer Öffnungsstrategie abzuweichen. „Zu keinem Zeitpunkt gab es in Dänemark einen signifikanten Anstieg der Todeszahlen. Relativ zur Bevölkerung starben dort sogar weniger Menschen als in Deutschland, das viel verhaltener gelockert hatte. (…) Angesichts einer Impfquote von 51 Prozent vollständig immunisierter Bürger plant man weiter die vollständige Rückkehr zur Normalität.“ Seit Mitte Juni muss dort niemand mehr eine Maske tragen, selbst in öffentlichen Verkehrsmitteln ist das nur eine Empfehlung, denn „wer Unbehagen verspürt, kann sie abnehmen“, heißt es auf der Webseite des Gesundheitsamtes. Für den Restaurantbesuch in Innenräumen braucht man zurzeit noch die „3 G“ (geimpft, genesen oder getestet), aber das soll ab Oktober dann auch womöglich entfallen. Grundlage dafür ist die relativ hohe Impfbereitschaft, weil „die Regierung bei diesem Thema immer nachvollziehbar gehandelt hat“. Kaum noch jemand stirbt bei unseren nördlichen Nachbarn an Corona – trotz der höheren Inzidenzen: „Es ist die grundsätzliche politische Entscheidung, wie man ab einem bestimmten Punkt der Impfkampagne priorisiert: Ab wann ist der Punkt erreicht, an dem die Öffnung im Vordergrund steht – und nicht mehr die Beschränkungen.“

„Dänemark macht einen spektakulären Fehler“, hatte Karl Lauterbach dagegen noch im März auf Twitter gewarnt und prophezeit, dass viele ungeimpfte Ältere erkranken würden. Folge Deutschland dieser Politik, „würden über 60.000 Menschen sterben“ und „Jüngere mit Long Covid Schäden erleiden, die sie vielleicht den Rest ihres Lebens begleiten. Für das MECFS, eine die Lebensqualität stark einschränkende Störung des Denkens, Merkens und der Konzentrationsfähigkeit, haben wir bisher keine Therapie. Es gibt als unheilbar.“ Nichts davon ist eingetreten.  

Schweden hat eine Maskenpflicht nie angeordnet, Schulen und Kindergärten blieben offen, Restaurants und Einzelhandel ebenso. Was wurde diese Politik des schwedischen Chef-Epidemiologen Anders Tegnell an den Pranger gestellt … Heute zeigt sich: Sie hat sich bewährt. Die Todesfälle sanken in Schweden sogar auf Null, wie die Foundation for Economic Education meldet.

Apropos Todesfälle: In den großen Medien kaum beachtet, zeigt eine Analyse des Bayerischen Rundfunks, wie manipulativ zu Beginn der Corona-Krise mit Fotos gearbeitet wurde. Das Stichwort „Bergamo“ löst heute noch bei allen Gänsehaut-Gruseln aus – und jede:r hat sofort den Militär-Konvoi vor Augen, den angeblichen Massen-Abtransport von Särgen mit an Covid-19 Verstorbenen am 18. April 2020. Was aber zeigt dieses Foto wirklich? Die Recherche des BR hat ergeben: „In Wahrheit war das Militär nicht etwa eingesetzt worden, weil Berge von Leichen nicht anders hätten transportiert werden können. Die Anzahl der Verstorbenen war nicht höher als bei manchen Grippewellen in Italien. Es war die Angst vor dem im Frühjahr letzten Jahres noch ‚Killervirus‘ genannten Erreger. Um Fakten zu schaffen, beschloss man die sofortige Einäscherung der an COVID Verstorbenen. Normalerweise werden in Italien aber nur die Hälfte aller Verstorbenen eingeäschert. Deshalb reichten die Kapazitäten des Krematoriums in Bergamo nicht aus und die Leichen mussten in umliegende Orte transportiert werden.“

Impfdurchbrüche

Auffrischimpfungen – ja oder nein?

 

Vermehrt gibt es in letzter Zeit Berichte über Impfdurchbrüche, das heißt: Auch Geimpfte können an Corona erkranken. Seit Beginn der Impfungen seien es laut Robert Koch Institut (RKI) bereits über 10.000 solche Impfdurchbrüche, wie RND berichtet. Allerdings mussten deshalb nur zwei Prozent der unter 60-Jährigen und jeder vierte der Älteren deshalb ins Krankenhaus. Das RKI fordert deshalb, auch bei Geimpften im Verdachtsfall einen PCR-Test zu machen.

Nichtsdestotrotz hat die amerikanische Arzneimittelbehörde Food and Drug Administration (FDA) inzwischen dem BioNTech/Pfizer-Impfstoff als erstem die volle Zulassung erteilt. Peter Doshi, Mitherausgeber des angesehenen Fachblatts British Medical Journal, sieht das mit großer Skepsis. In einem Editorial am 23. August schreibt er: „Meint die FDA, dass diese Daten die erste vollständige Zulassung eines Covid-19-Impfstoffs rechtfertigen?“ Die FDA sollte besser erstmal angemessene, kontrollierte Studien mit langfristiger Nachbeobachtung fordern und die Daten öffentlich zugänglich machen. Solche Studien fehlen nämlich bislang. Zu viele Fragen zu den Impfstoffen seien weiterhin offen, als dass man ihnen schon jetzt eine offizielle Zulassung derart überstürzt erteilen könne: „Slow down and get the science right“ (frei übersetzt: macht mal halblang und erledigt erstmal eure wissenschaftlichen Hausaufgaben).

Inzwischen wird aber schon die nächste Sau durchs Land getrieben: Noch ohne dass die STIKO sich dazu geäußert hat, haben die Gesundheitsminister von Bund und Ländern am 6. September bereits eine Auffrisch-Impfung für die über 60-Jährigen beschlossen, wie Business Insider berichtet. „Für diese Altersgruppe ist das Risiko einer Covid-19-Erkrankung signifikant erhöht, entsprechend gibt es für den Nutzen einer vorsorglichen Auffrischimpfung eine hinreichend belegte Evidenz“, heißt es in dem Beschlussentwurf. Auch die Bewohner und das Personal in Pflege- und Gesundheitseinrichtungen sollen ein Angebot für eine dritte Impfung erhalten. In der STIKO gebe es derzeit „eine hitzige Debatte“ über die Frage, wann und für wen eine dritte Impfung überhaupt nötig sein könnte.

Denn so klar ist das mit der Evidenz keineswegs. „Hier handelt es sich um eine politische Vorsorgemaßnahme ohne ausreichende medizinische Evidenz“ sagte der STIKO-Vorsitzende Thomas Mertens, wie das Deutsche Ärzteblatt berichtet, und weiß sich damit auch mit den Laborärzten einig. „Der Aktionismus der Politik verunsichert die Menschen.“ Es gebe bisher kaum wissenschaftliche Daten zu möglichen Nebenwirkungen von Drittimpfungen: „Es fehlt eine große Studie, aus der tatsächlich hervorgeht, dass die Drittimpfung bei den betroffenen Personen keine Nebenwirkungen hat.“

In Berlin, Hessen, Thüringen und ebenso in Nordrhein-Westfalen haben die Booster-Impfungen dennoch bereits begonnen, schreibt das Deutsche Ärzteblatt. Dass das so problemlos nicht zu sein scheint, zeigen die Erfahrungen aus einem Seniorenheim in Oberhausen, über die der WDR berichtet. Drei Bewohner des Altenheims mussten wenige Tage nach der Auffrischimpfung wiederbelebt werden, weshalb der Vorstand der Kreisstelle der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein die niedergelassenen Ärzt:innen über die Vorfälle unterrichtet hat. In dem Schreiben heißt es: „Ich würde Sie bitten, selber ärztlich zu entscheiden, ob Sie auf eine Empfehlung durch die STIKO bzw. EMA warten, oder ob die dritten Impfungen nun zeitlich bei Ihren eigenen Patienten so dringlich sind, dass Sie diese ohne Empfehlung durchführen müssen.“ Das Problem wird damit vorerst auf die Schultern der Ärzt:innen verlagert.

Der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, kritisierte Bund und Länder für ihr Vorpreschen scharf, wie das RND meldet: „Nach bisherigem Kenntnisstand und Auffassung namhafter Experten ist sie (die Auffrischimpfung, d. Red.) für die meisten Geimpften nicht sofort nötig.“ Insgesamt fehlen noch aussagekräftige Studien, wann eine Boosterimpfung angezeigt sei. „Ich halte es deshalb für einen Fehler, dass Bund und Ländern in der Breite Auffrischimpfungen angekündigt haben, ohne eine entsprechende Empfehlung der STIKO abzuwarten.“ Von der Politik werde damit bei den Menschen „eine Erwartungshaltung geschürt“, die viele Ärzt:innen „ohne eine wissenschaftlich fundierte Impfempfehlung nicht bedienen wollen“.

Auch Christian Drosten hält die Drittimpfungen derzeit nicht für vordringlich: „Die Schutzwirkung der Corona-Vakzine ist viel besser als beispielsweise bei den Influenza-Wirkstoffen“, sagte er der Deutschen Presseagentur, wie die SZ berichtet. Nur in Sonderfällen sei eine Auffrischung denkbar. Im Herbst komme es darauf an, „überhaupt erst einmal die Impflücken bei den über 60-Jährigen zu schließen“. Drosten rechnet auch nicht damit, dass sich bald schon eine neue Virusvariante zeige, die eine Anpassung des Impfstoffs erforderlich mache.

Derweil haben Pfizer/BioNTech in den USA bereits die Zulassung für die dritte Impfdosis beantragt, wie das Deutsche Ärzteblatt meldet. Pfizer hat die dritte Dosis an 23 (!) Probanden testen lassen, deren zweite Dosis länger als sechs Monate zurücklag. Zwar geht man davon aus, dass der über die Impfung vermittelte Immunschutz nach sechs Monaten deutlich abnimmt, in welchem Maße das passiert, ist jedoch unklar, schreibt die NZZ. Unklar sei auch, wie viele Antikörper überhaupt für einen ausreichenden Impfschutz benötigt werden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) halte ebenso wie „Ärzte ohne Grenzen“ und weitere Organisationen dritte Impfungen in den Industrieländern zum jetzigen Zeitpunkt für unethisch: „Viele bekämen damit einen Überschutz, während weltweit Millionen Menschen, unter ihnen Vulnerable oder auch Mitarbeiter im Gesundheitswesen, immer noch auf eine erste Impfung warteten.“ Die WHO hat deshalb gefordert, Drittimpfungen bis Ende September auszusetzen, damit bis dahin wenigstens 10 Prozent der Weltbevölkerung geimpft werden können.

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Zum Sehen, Hören, Lesen

Kultur für Herz, Geist und Sinne

Da es immer noch nicht so richtig Frühling geworden ist, und auch weil die vielerorts weiterhin bestehenden Ausgangssperren uns weiterhin zuhause halten, gibt es hier wieder einige Tipps für Lesens-, Hörens- und Sehenswertes.

Zum Anschauen und Anhören


Über den Missbrauch der Wissenschaft durch die Politik
Der Autor Gunnar Kaiser hat mit dem deutsch-schweizerischen Philosophen Prof. Dr. Michael Esfeld, der u.a. Mitglied der Leopoldina ist, ein ausführliches Gespräch geführt, das sich anzuschauen und anzuhören wirklich lohnt. Esfeld beklagt darin den Missbrauch der Wissenschaft durch die Politik und begründet das anschaulich, auch anhand seiner eigenen Erfahrungen.

Kinder und Corona
In München-Gräfelfing fang am 24. April 2021 eine Diskussionsveranstaltung zum Thema „Kinder und Corona“ statt. Mit dabei waren die Regisseurin des Dokumentarfilms „Lockdown Kinderrechte“, Dr. Patricia Marchart, der Kinder- und Jugendarzt Dr. Steffen Rabe, der Leiter des Labors für Psychoneuroimmunologie an der Universitätsklinik für Medizinische Psychologie Innsbruck, Prof. Dr. Dr. Christian Schubert sowie der Leiter der Abteilung für Allgemein- und Familienmedizin, Zentrum für Public Health an der Medizinischen Universität in Wien, Prof. Dr. Andreas Sönnichsen. Die Veranstaltung fand im Freien statt. 

Neue Dokumentation
Der Österreichische Sender SERVUS TV hat eine anderthalbstündige Dokumentation erstellt unter dem Titel „Corona – auf der Suche nach der Wahrheit“. Der Linzer Virologe hat sich weltweit umgesehen und nach Antworten auf drängende Fragen gesucht. Ein spannender Film, der viele Denkanstöße gibt.

Eyes wide open
Unter diesem Motto startet in diesen Tagen das 36. Dokumentarfilmfestival München – wie schon im vergangenen Jahr online auf einer digitalen Leinwand. 131 Filme aus 43 Ländern werden zu sehen sein, darunter 90 Premieren, 28 davon sind Weltpremieren. Insgesamt 16 Preise werden verliehen, 
Unter den besonders sehenswerten Filmen ist sicher Hinter den Schlagzeilen. Der Film begleitet die beiden Investigativreporter der Süddeutschen Zeitung, Frederik Obermaier und Bastian Obermayer, bei ihrer Recherche zur "Ibiza-Affäre" um den österreichischen Politiker Heinz-Christian Strache, die 2019 zum Bruch der Regierungskoalition und Neuwahlen geführt hat. Weitere Highlights sind Der wilde Wald, der uns in den wirklich noch wilden Bayrischen Wald entführt, oder auch ein Portrait des großen, inzwischen 99-jährigen Journalisten Georg Stefan Troller. Oder auch Ein Clown, ein Leben – ein Film über Bernhard Paul und den Circus Roncalli, sowie Die Rossellinis – ein Portrait der Familie des legendären Regisseurs Roberto Rossellini, dem Mann der nicht minder legendären Ingrid Bergman und Vater der Schauspielerin Isabella Rossellini. 
Alle Filme sind vom 6. bis 23. Mai unter dokfest-muenchen.de zu sehen. Tickets kosten 6 Euro, der Film kann damit 48 Stunden lang abgerufen werden. Es gibt auch einen Festivalpass für 70 Euro, über den alle auf dem Festival gezeigten Filme verfügbar sind. 

 

Zum Lesen


Spannende Informationen zu Corona-Impfstoffen
Schon mit seinem ersten Buch „Wir können es besser: Wie Umweltzerstörung die Corona-Pandemie auslöste und warum ökologische Medizin unserer Rettung ist“ hat der österreichische Biologe Clemens Arvay einen Bestseller gelandet, mit seinem neuen Buch über die Corona-Impfstoffe ist das nicht anders. Sachlich, nüchtern, in gut verständlicher Sprache und mit zahlreichen Quellen belegt beantwortet Arvay die wichtigsten Fragen, immer mit dem Ziel, den Leser*innen eine eigene, freie und individuelle Entscheidung zu ermöglichen. Ein Buch, das in diesen Zeiten in keinem Haushalt fehlen sollte.
Clemens G. Arvay: Corona-Impfstoffe: Rettung oder Risiko? Wirkungsweisen, Schutz und Nebenwirkungen der Hoffnungsträger. Quadriga Verlag, 144 Seiten, 10 Euro

Ein Arzt als Patient
Wenn ein Intensivmediziner selbst schwer erkrankt und zum Patient wird, ändert sich oft die Perspektive. Prof. Dr. Thomas Bein, der am Universitäts-Klinikum Regensburg eine Intensivstation leitet, ist das widerfahren: Er erkrankte an Knochenmark-Krebs. Er durchlebt alles, was Patient*innen auf dem Weg durch so eine Krankheit erleben: die Krebsdiagnose als Schock, die Leiden im Rahmen der Chemotherapie, die Hilfsbedürftigkeit, das Angewiesensein auf andere. Danach hat er auf vieles einen anderen Blick. Ein lehrreiches Buch – nicht nur, aber vor allem für Ärzt*innen.
Prof. Dr. Thomas Bein: Ins Mark getroffen. Was meine Krebserkrankung für mich als Intensivmediziner bedeutet. Droemer Knaur Verlag, 224 Seiten, 18 Euro

Wenn Kinder zu viel zocken
Es dürfte für viele Eltern gerade in Corona-Zeiten ein großes Problem darstellen, ihre Sprösslinge vom Computer auch mal wieder loszueisen. Wie rasant schnell ein Kind spielsüchtig werden kann und wie sich die Sucht überwinden lässt, schildert Ulrike Wolpers in ihrem Buch. Als Mutter von drei Kindern und Multimedia-Redakteurin bei der ARD und Beraterin im Bereich „Wissenschaftskommunikation und Forschungsmarketing“ weiß sie, wovon sie spricht. Es berührt, wie sie erzählt, wie ihr jüngster Sohn in den Bann eines Computerspiels gerät und wie sich die ganze Familie gezwungermaßen mit den Mechanismen der Spiele-Industrie auseinandersetzen muss. Eindrucksvoll der Weg, über den das Kind aus der Sucht herausfindet und ebenso, wie die Familie einen anderen Umgang mit den Medien lernt. Ein wichtiges Buch, nicht nur für Eltern.
Ulrike Wolpers: Mein fremdes Kind. Wie wir die Computerspielsucht unseres Sohnes überwanden. Über Vertrauen und Wege aus der Abhängigkeit. Benevento Verlag, 304 Seiten, 18 Euro

Wenn die Uhr tickt ...
Alex ist 30 Jahre alt, als er von seinem Arzt eine tödliche Diagnose erhält. Zwei Monate hat er – statistisch gesehen – noch zu leben. Die will er so gut wie möglich verbringen – in einem Hospiz. Doch es kommt ziemlich anders als gedacht, und was da kommt und welche Wandlung Alex erlebt, das ist eine wunderbar geschriebene Geschichte, ein Roman, der aber genauso gut Abbild der Wirklichkeit sein könnte und sich vielleicht sogar irgendwo tatsächlich so zugetragen hat. Ein Buch über das Leben und die Kunst, es zu genießen.
Fabian Neidhardt: Immer noch wach. Haymon Verlag, 268 Seiten, 22,90 Euro

Auf Spurensuche
Dieses Buch erzählt die Geschichte einer Familie über mehrere Generationen hinweg. Menschen, die am Fuße eines Leuchtturms in der DDR aufwachsen, fliehen, um schließlich zurückzukehren in dieses Haus, wo unter einem Dielenbrett ein altes Tagebuch versteckt war, das ein ganz neues Licht auf die Familiengeschichte wirft. Eine wunderbare Lektüre für verregnete Tage oder gemütliche Urlaubstage.
Kathleen Freitag: Das Haus des Leuchtturmwärters. Verlagsgruppe HarperCollings, 320 Seiten, 15 Euro

Zum 100. Geburtstag von Joseph Beuys
Am 12. Mai wäre Joseph Beuys hundert Jahre alt geworden – Anlass genug, um ihm auf besondere Weise die Referenz zu erweisen. Zum Beispiel mit diesem Buch von Rüdiger Sünner, der im Leben von Beuys auf Spurensuche gegangen ist zu dessen Kunst und Spiritualität. Er setzt sich gerade mit dem auseinander, was im umfangreichen Werk von Beuys oft so verrätselt und unzugänglich erscheint und eröffnet damit einen neuen Blick auf eine der bedeutendsten Künstlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts.
Rüdiger Sünner: Zeige deine Wunde. Kunst und Spiritualität bei Joseph Beuys. Europa Verlag, 224 Seiten, 18 Euro

Durchbruch-Infektionen

Auch Geimpfte können das Virus weitergeben

Es war eine Nachricht, die geraume Zeit unter dem Deckel gehalten wurde: Auch Geimpfte können weiterhin an Covid-19 erkranken und das Virus weiterverbreiten, sind aber dennoch vor schweren Verläufen geschützt. Die Daten dazu waren dem Center for Disease Control (CDC) in den USA zwar bekannt und waren auch im Rahmen einer Präsentation vorgestellt worden, sie wurden jedoch erst veröffentlicht, als sie an die Presse durchgestochen wurden – und CNN sowie die Washington Post berichteten. Die Delta-Variante des Corona-Virus sei, „so ansteckend wie die Windpocken“, heißt es darin. Und sie könne eben in nennenswertem Umfang auch von Geimpften weitergegeben werden. Tödlicher als die bisherigen SARS-CoV-2-Varianten ist die Delta-Mutante jedoch keineswegs, sie ist lediglich infektiöser, wie Reuters berichtet. Rochelle Walensky, die Chefin der CDC, begründet damit einer Meldung der Tagesschau zufolge die Empfehlung, dass in den USA selbst zweimal Geimpfte wieder Masken tragen sollen, nachdem sie Maskenpflicht vielerorts komplett aufgehoben worden war.

Auch aus Israel wurden solche Durchbruch-Infektionen gemeldet, wie das Deutsche Ärzteblatt schreibt, und gemäß Eurosurveillance ebenso in Bayern. Geimpfte könnten somit sogar zu „Superspreadern“ werden, wie der Spiegel meint, vor allem wegen der hochinfektiösen Delta-Variante, die für 90 Prozent der Durchbruch-Infektionen verantwortlich ist.

Damit bestätigt sich, was viele Ärzt:innen und Wissenschaftler:innen schon lange vertreten: Die Corona-Impfungen können zwar vor einem schweren Krankheitsverlauf schützen, sie führen aber nicht zu der vielbeschworenen Herdenimmunität, wie ein Video des Kinder- und Jugendarztes Steffen Rabe anschaulich erklärt. Damit ist ein Gutteil der einseitigen auf Impfung setzenden Strategie zur Bekämpfung von Covid-19 Makulatur – wie inzwischen sogar Artikel in wissenschaftlichen Fachzeitschriften wie dem British Medical Journal zugeben. Wer geimpft ist, kann das Virus trotzdem weiterverbreiten – es ist nur unklar, in welchem Maße. Die qualitativ hochwertigsten Studien dazu lassen den Schluss zu, dass das Risiko sich um maximal 50 Prozent verringern lässt. Die Daten aus den USA legen jetzt nahe, dass Geimpfte sogar eine genauso hohe Viruslast in Nase und Rachen tragen können wie Ungeimpfte. Und es ist schon bemerkenswert, dass die deutschen Medien diese Tatsachen doch weitgehend ignorieren, z. B. Christina Berndt von der Süddeutschen Zeitung bei Markus Lanz am 29. Juli, wo immer noch die Impfung propagiert wird, weil man damit ja eine Herdenimmunität erreichen könne.

Eben diese sei „in Deutschland nicht erreichbar“, gibt das Deutsche Ärzteblatt zu und zitiert dabei den Saarbrücker Pharmazie-Professor Thorsten Lehr. Dieser begründet seine Meinung allerdings mit „zu wenig Impfungen und einer zu geringen Impfbereitschaft“. Die bereits angelaufene „vierte Welle“ könne nur mit mehr Impfungen gebrochen werden, weil sich die Inzidenz sonst vervielfache. Schon jetzt rechnet Lehr mit einem erneuten Anstieg der Krankenhausbelegungen mit Covid-Patienten und versteigt sich sogar zu der Prognose, dass es „unter den jüngeren Patienten mehr Todesopfer geben“ werde.

Ganz anders dagegen die Begründung von Virologe Hendrik Streeck: „Mit diesen Impfstoffen werden wir keine Herdenimmunität erreichen“, erklärte er im Gespräch mit der WELT (kostenpflichtiges Video, ein Bericht darüber findet sich beim Redaktionsnetzwerk Deutschland). „Der Schutz durch den Impfstoff wird überschätzt. Bei immer mehr Menschen, die geimpft sind, können wir im Rachen das Virus nachweisen.“ Das heißt, sie können es dann auch übertragen. Eine Impfung sei dennoch sinnvoll und notwendig, um sich vor einem schweren Krankheitsverlauf zu schützen.

Auch Klaus Stöhr, Virologe und Epidemiologe und langjähriger Forschungskoordinator für SARS-Viren, betont in einem Interview mit dem Schweizer Internet-Medium infosperber: „Es wird keine Herdenimmunität geben.“ Eine solche sei nur bedeutsam, wenn ein Erreger eliminiert werden könne. Das könne bei SARS-CoV-2 jedoch nicht gelingen. Die Impfung sei trotzdem sinnvoll, weil „99,9 Prozent der Todesfälle in unserer Region bei Über-50-Jährigen auftreten. Darauf sollte sich eine Impfkampagne konzentrieren, die die Krankheitslast im Visier hat. Die darunter liegenden Altersgruppen können auch noch profitieren. Aber: Je jünger, desto näher bewegt man sich an die Grenze, wo das Risiko der Impfung den Nutzen überwiegt.“

Stöhr kritisierte in diesem Zusammenhang ein weiteres Mal das RKI: „Idealerweise hätte man Studien aufgleisen sollen, um ab Impfbeginn den Verlauf der Antikörperspiegel bei verschiedenen Personengruppen zu verfolgen. Dann wüssten wir vor diesem Herbst, bei welchen Personen er so tief abgesunken ist, dass sie eine Auffrischimpfung benötigen. Stattdessen schießt man jetzt vermutlich ‚aus der Hüfte‘ und impft alle über 50- oder über 60-Jährigen ein drittes Mal.“

Genau das haben die Gesundheitsminister von Bund und Ländern am 2. August einstimmig beschlossen: „Zweimal geimpfte ältere Menschen können dritte Impfung bekommen“, schreibt BILD. Damit sollen, wie Spahn meint, „besonders gefährdete Gruppen im Herbst und Winter bestmöglich geschützt“ werden: „Für sie ist das Risiko eines nachlassenden Impfschutzes am größten.“

Für solche Auffrischimpfungen ist die Datenlage jedoch noch nicht ausreichend, weshalb die STIKO eine dritte Impfung noch nicht empfiehlt, wie die Tagesschau berichtet. Das Kriterium dafür ist zum einen die Frage, ob die Immunantwort nachlässt (soweit das durch Laboruntersuchungen messbar ist), und ob bei Geimpften vermehrt Infektionen auftreten. Die STIKO ist sich in dieser Einschätzung einig mit den Gesundheitsexperten der USA, die eine dritte Impfung aufgrund möglicher schwerer Nebenwirkungen nicht für nötig erachten, wie die Nachrichtenagentur Reuters meldet (ein weiterer Reuters-Bericht dazu findet sich hier). Nichtsdestotrotz bereitet das RKI bereits solche „Booster-Impfungen“ vor, wie aus einem Papier zur „Vorbereitung auf den Herbst/Winter 2021/22“ hervorgeht.

Das scheint umso riskanter, als es längst noch nicht bewiesen ist, dass die Impfung gerade bei den Älteren völlig ungefährlich ist. Immer wieder werden Todesfälle in zeitlicher Nähe zur Impfung gemeldet. Dem wird aber meist nicht genauer nachgegangen. Der österreichische Neurowissenschaftler, Psychiater und Psychotherapeut Raphael Bonelli hat deshalb auf YouTube einen Aufruf gestartet. Er wollte wissen: Wie viele Menschen, die an oder mit Corona gestorben sind, kennen die Leute? Und wie viele Menschen, die an oder mit einer Corona-Impfung gestorben sind, sind ihnen aus ihrem unmittelbaren Umfeld bekannt? Daraufhin kamen innerhalb von zwei Tagen über 5.000 Kommentare, und das Video wurde von YouTube umgehend gelöscht – vermutlich weniger wegen der „medizinischen Falschaussagen“, wie behauptet wurde, sondern wegen dieser Kommentare. Der größte Teil der Kommentare konnte jedoch noch rechtzeitig gespeichert werden. AKTUALISIERUNG 5.8.2021, 20 Uhr: Das Video wurde inzwischen wieder freigeschaltet, mitsamlt der inzwischen fast 6.500 Kommentare. 

Dass die Nachfrage Bonellis nicht aus der Luft gegriffen oder komplett unbegründet ist, zeigt jetzt die Forderung von Peter Schirmacher, Chef-Pathologe der Universität Heidelberg und seit 2012 Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, der darauf drängt, verstorbene Geimpfte häufiger zu obduzieren, wenn der Tod in zeitlicher Nähe zur Impfung steht, wie das Deutsche Ärzteblatt berichtet: „Der Direktor des Pathologischen Instituts in Heidelberg warnt vor einer hohen Dunkelziffer an Impftoten und beklagt: Von den meisten Patienten, die nach und möglicherweise an einer Impfung sterben, bekämen die Pathologen gar nichts mit.“ In Baden-Württemberg gibt es zwar eine von der Landesregierung geförderte Covid-19-Obduktionsforschung der Universitäts-Pathologien. Das Problem besteht für Schirmacher jedoch darin, dass Geimpfte meist nicht unter klinischer Beobachtung sterben: „Der leichenschauende Arzt stellt keinen Kontext mit der Impfung her, bescheinigt einen natürlichen Tod, und der Patient wird beerdigt. Oder er bescheinigt eine unklare Todesart und die Staatsanwaltschaft sieht kein Fremdverschulden und gibt die Leiche zur Bestattung frei.“ Mehr als 40 Menschen habe man bereits obduziert, die binnen zwei Wochen nach der Impfung verstarben. Schirmacher geht davon aus, dass bei 30 bis 40 Prozent die Impfung dafür ausschlaggebend war (siehe zu diesem Thema auch unseren Hörtipp zum Buch von Klaus Püschel). Die Häufigkeit tödlicher Impffolgen wird seiner Meinung nach unterschätzt – „eine politisch brisante Aussage“, wie das Ärzteblatt schreibt. Weshalb Schirmacher auch Widerspruch vom RKI und dem Paul-Ehrlich-Institut erntet – seine Aussage sei nicht nachvollziehbar.

Auch der Bundesverband Deutscher Pathologen dringt auf mehr Obduktionen von Geimpften. Es werde noch zu wenig obduziert, meint Johannes Friemann, der Leiter der Arbeitsgruppe Obduktion des Verbandes: „Man weiß noch gar nichts.“ Schon im März hatte der Verband in einem Schreiben an Jens Spahn gefordert, die Hausärzte für das Thema zu sensibilieren und die Gesundheitsämter anzuweisen, vor Ort Obduktionen anzuordnen. Der Brief, so Friemann, sei unbeantwortet geblieben.

Kinder und Corona

Der Druck auf die Jugendlichen wächst

 

Nicht erst seit die STIKO eingeknickt ist und die Impfung jetzt auch für Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren empfohlen hat, stehen Teenager unter massivem Druck, sich impfen zu lassen. Entgegen allen Ankündigungen, für Nichtgeimpfte dürfe es keine Nachteile geben, verlangen einzelne Schulen inzwischen für die Teilnahme z. B. an Schülerfreizeiten einen Impfnachweis.

Als ginge es darum, viele, viele bunte Smarties zu verteilen, werden die Jugendlichen mit Bussen zum „kleinen Pieks“ geschafft, kommt der Impfbus auf den Schulhof oder steht beim Festival, vor dem Fußballstadion, in Parks und auf Amüsiermeilen. Nicht überall stößt das auf Zustimmung. Als die Berliner Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci die über 12-Jährigen direkt und persönlich angeschrieben hatte, um sie von einer Impfung zu überzeugen, protestierten Eltern mit einem Offenen Brief dagegen: „Wir Eltern fordern Sie auf, darzulegen, auf welcher Wissensgrundlage Sie unsere Kinder zum Impfen gegen das Coronavirus drängen. Denn Ihrem Schreiben fehlen sämtliche Ansätze für eine verantwortungsvolle und fürsorgliche gesundheitliche Aufklärung.“ Es sei „ein fragwürdiger Stil, die Erziehungs- und Sorgeberechtigten einfach zu umgehen“. Die Senatorin versuche, „Druck aufzubauen, nach dem Motto, Ihr dürft erst wieder Spaß haben, Sport machen und lernen, wenn Ihr alle durchgeimpft seid!“

Und das, obwohl feststeht, dass eine Corona-Infektion bei Kindern und Jugendlichen nur extrem selten einen schweren Verlauf hat, wie das Deutsche Ärzteblatt schreibt, und dass vor allem eine natürliche Infektion einen viel länger anhaltenden, zuverlässigeren Immunschutz bewirkt als jede Impfung, wie das RND berichtet: „Eine Studie aus Israel legt nahe, dass jemand, der sich mit dem Virus angesteckt hat, sogar besser vor der Delta-Mutante geschützt ist als jemand, der zwei Dosen des Corona-Impfstoffs von BioNTech/Pfizer erhalten hat – also vollständig geimpft ist“, heißt es dort. Das bedeute nicht, dass die Impfung nicht wirksam sei, betonen die Wissenschaftler, und man wolle damit auch nicht „Corona-Partys“ Vorschub leisten. Denn die Studie beziehe sich nur auf die Immunität, sie berücksichtige nicht die Probleme, die mit einer Corona-Infektion auch einhergehen können (Herzrhythmusstörungen, tiefe Venenthrombosen, Long Covid).

Ihr Immunsystem schütze Kinder auf doppelte Weise, berichtet „Spektrum der Wissenschaft“: Ihr angeborenes Immunsystem in den Schleimhäuten ihrer Atemwege sei viel aktiver als bei Erwachsenen und reagiere schneller auf Viren, denen es noch nie begegnet ist. Die Kinder seien dadurch auch sehr viel besser vor einem schweren Verlauf geschützt. Nur wenn dieses System gestört ist, z. B. durch einen erblichen Defekt, verschwinde dieser Schutzeffekt.

Dessen ungeachtet malt Karl Lauterbach (SPD) wieder einmal den Teufel an die Wand: „Wir laufen auf eine Durchseuchung der Kinder zu“, warnt er in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. Dabei ist schon die Wortwahl alarmierend: Wer möchte schon gerne „durchseucht“ werden …? Lauterbach besorgt „die Zahl der Kinder, die erkranken, denn das ist ja keine Kleinigkeit, wenn Kinder an Covid erkranken.“ Es stimme zwar, dass „in der Regel die Krankheit harmlos“ verlaufe. Aber: „Niemand von uns weiß genau, was die langfristigen Schäden von Covid bei Kindern sind. (…) Wir sollten da jede denkbare Erkrankung vermeiden.“

Anders als die STIKO hat die britische Impfkommission sich gegen eine Impfung bei 12- bis 15-Jährigen ausgesprochen, berichtet der SPIEGEL. Den Nutzen für gesunde Kinder stuft die Kommission als „wahrscheinlich gering“ ein. Man wolle erstmal die langfristigen Auswirkungen der bei jungen Menschen häufiger vorkommenden Herzmuskelentzündung als Nebenwirkung der Impfung mit BioNTech/Pfizer untersuchen, sagen die Briten. Stand 20. August 2021 verzeichnete das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) bei 24 Jugendlichen (22 Männer, zwei Frauen) eine solche Myokarditis. Das waren mehr Fälle als statistisch zu erwarten gewesen seien, schreibt die WELT. Insgesamt seien bis dahin 1,3 Millionen Impfdosen an Jugendliche abgegeben worden.

„Die Kinderimpfung wird die Pandemie nicht aufhalten“, meint der Chef der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie, Tobias Tenenbaum, in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). Auch Tenenbaum warnt davor, die Herzmuskelentzündungen auf die leichte Schulter zu nehmen: „Die gibt es bei Minderjährigen sonst so gut wie nie. Das muss man sehr ernst nehmen und kann es nicht einfach so abtun.“ Es sei jedoch eine extrem seltene Nebenwirkung und gut zu beherrschen. Die Impfung könne „die Virusausbreitung allerdings nicht signifikant aufhalten oder die Hospitalisierungszahlen drücken“, sagt Tenenbaum. „Kinder erkranken auch ohne Impfung kaum an Covid-19 und verbreiten die Infektion auch weniger als Erwachsene. Das ist durch wissenschaftliche Daten belegt. Man darf ihnen nicht die Verantwortung für den Pandemieverlauf aufbürden. Das haben vor allem wir Erwachsenen in der Hand.“

Dass Kinder meist gut mit einer Corona-Infektion zurechtkommen, zeigt auch die Tatsache, dass neun von zehn Corona-infizierten Kindern, die im Krankenhaus behandelt werden, wegen anderer Diagnosen dort sind (z. B. Knochenbrüche, Blinddarmentzündung), wie Jörg Dötsch anlässlich eines Pressebriefing des Science Media Centers erklärte (Bericht in der WELT). Gefährdet für einen schweren Verlauf seien nur Kinder mit bestimmten chronischen Vorerkrankungen oder starkem Übergewicht. In den Monaten August und September hätten lediglich drei Kinder in ganz Deutschland wegen Covid-19 intensivmedizinisch behandelt werden müssen. Fast alle der bisher 23 Verstorbenen unter 20 Jahren hatten schwere Vorerkrankungen gehabt.

Um die Lücke der Corona-Impfung bei Kindern unter 12 Jahren zu stopfen, streben sowohl BioNTech/Pfizer als auch Moderna inzwischen die Zulassung für die Corona-Impfung von Säuglingen ab sechs Monaten noch für dieses Jahr an, berichtet das Handelsblatt. Die Studien dazu sollen im September und Oktober abgeschlossen sein. Danach könnte es eine „zügige Zulassung durch die europäische Arzneibehörde EMA geben, wie es auch schon bei den anderen Altersklassen der Fall war.“ Cuba hat mit den Covid-19-Impfungen bei Kleinkindern bereits begonnen, wie der SPIEGEL berichtet.

Kinderärzte sehen Coronaimpfungen bei unter 12-Jährigen jedoch kritisch – auch bei Kindern mit Vorerkrankungen, schreibt der SPIEGEL. „Auf gar keinen Fall sind wir für eine ‚Off-Label-Impfung‘“, sagte Jörg Dötsch, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin an der Uniklinik Köln. ‚Off label‘ bedeutet, ein Medikament zu geben, das für diesen Einsatz keine Zulassung hat. Allerdings passiert es schon jetzt, dass einzelne Ärztinnen und Ärzte Kinder unter 12 Jahren impfen.

In einem Offenen Brief an die Kanzlerkandidat:innen und die Kultus- und Familienminister:innen fordert die Initiative Familien „Bildungsgarantie und Normalität für Kinder und Jugendliche – Jetzt!" Schulschließungen und Einschränkungen für Kinder und Jugendliche seien weder gerechtfertigt noch eine Vorsorge, sondern „eine Hochrisikostrategie mit schwerwiegenden Folgen für Kinder, Jugendliche und ihre Familien, die wir uns nicht länger leisten können.“ Die jetzigen Hygiene- und Quarantäneregeln müssten „auf den Prüfstand“. Man solle sich ein Beispiel nehmen an den europäischen Nachbarländern wie Dänemark, Schweden, Norwegen, England und die Schweiz. Die extrem kostenintensiven und belastenden Tests bei asymptomatischen Kindern ohne konkreten Anlass müssten ein Ende haben. Auch dürfe der Zugang von Kindern und Jugendlichen zur Teilhabe an Bildung, Kultur und anderen Aktivitäten des sozialen Lebens nicht vom Vorliegen einer Impfung abhängig gemacht werden. Unterzeichnet haben diesen Offenen Brief auch einige Landeselternbeiräte sowie namhafte Kinderärzt:innen, Wissenschaftler:innen und andere Fachleute (insgesamt sind es – Stand 7. September – 5.665 Unterschriften).    

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Impfpflicht durch die Hintertür?

Massiver Druck auf Ungeimpfte

Nichtsdestotrotz wird weiterhin massiv Druck ausgeübt, um auch noch die letzten Zögerlichen von der Impfung zu überzeugen, insbesondere die jüngere Generation. „Für Ungeimpfte könnte es unbequem werden“, titelt die Süddeutsche Zeitung. „Wer nicht geimpft ist, für den wird der Alltag ziemlich mühsam.“ In ihrem Kommentar hält SZ-Wissenschaftsredakteurin Christina Berndt eine Ungleichbehandlung von Geimpften und Ungeimpften für durchaus „legitim“: „Mehr und mehr werde es sich für Geimpfte „so anfühlen, als gäbe es gar keine Pandemie mehr. Das Leben der Ungeimpften hingegen bleibt kompliziert und wird angesichts der wachsenden Inzidenzen noch komplizierter werden. (…) Die Ungleichbehandlung von Geimpften und Nichtgeimpften kommt tatsächlich faktisch einer Impfpflicht gleich, sie lässt jedenfalls immer weniger Raum für ein Nein.“ Das sei trotzdem legitim, „denn nur so lässt sich die Pandemie beenden. (…) Weil Geimpfte das Virus nur sehr selten weitertragen“, werde die vierte Welle „zum allergrößten Teil von den Ungeimpften getrieben. Und nur mithilfe einer stattlichen Impfquote lässt sich verhindern, dass sie zerstörerische Ausmaße annimmt.“ Und offenbar sitzt Berndt immer noch der Mär von der Herdenimmunität auf, wenn sie schreibt: „Eines Tages wird es keine Rolle mehr spielen, ob sich noch Menschen impfen lassen. Dann wird es genug sein. Dann ist der Tag gekommen, an dem alle Maßnahmen fallen können. Auch die Ungeimpften können dann unter dem Schutzschirm, den die Geimpften zusammen aufgebaut haben, wieder ein normales Leben führen. Jeder Ungeimpfte kann sich entscheiden, bis dahin zu warten. Aber er muss es dann eben auch.“

 „Ohne Impfen keine Freiheit“, verkündete Bayerns Ministerpräsident Markus Söder am 14. Juli im Bayerischen Rundfunk. Schon jetzt lassen z. B. Kreuzfahrtschiffe nur Geimpfte zu, Reiseveranstalter und Hotels kündigen an, ab dem späten Herbst keine Ungeimpften mehr aufzunehmen, Malta droht damit, die Grenzen nur noch für vollständig Geimpfte zu öffnen, und gerade erst hat die Bundesregierung alle im Ausland Urlaubenden dazu verdonnert, bei der Einreise entweder eine doppelte Impfung (wobei die zweite zwei Wochen her sein muss) vorzuweisen oder einen negativen Test. Kanzleramtsminister Helge Braun kündigte schon jetzt in der BILD an: „Geimpfte werden mehr Freiheiten haben als Ungeimpfte“ und will generell nur noch voll Geimpften den Zutritt zu Restaurants, Kinos oder Stadien erlauben.  

Inzwischen hat Jens Spahn seine Pläne für den Herbst bekanntgemacht (das Originalpapier zum Download): Die kostenlosen Tests sollen zum 11. oder 18. Oktober beendet werden, der Besuch von Innengastronomie, Hotels, Kosmetik und Fitness, Veranstaltungen in Innenräumen oder Großveranstaltungen (innen und außen) nur für die 3G (Geimpfte, Genesene, Getestete) möglich sein, bei bestimmten Grenzwerten sollen Ungeimpfte auch bei negativem Test keinen Zutritt mehr haben.. Die Maskenpflicht in Einzelhandel und im öffentlichen Nah- und Fernverkehr wird weiterhin aufrechterhalten.

„Die Ankündigung, in Zukunft Ungeimpfte vom Gastronomiebesuch ausschließen zu wollen, ist der dreisteste und verheerendste Wortbruch dieser Bundesregierung, die wiederholt Stein und Bein geschworen hat, es werde keine Impfpflicht in Deutschland geben“, schimpft Wolfgang Kubicki (FDP) in der BILD: „Man muss Jens Spahn wegwählen.“ Spahn tue alles, „um die Auseinandersetzung über die Corona-Maßnahmen zur Glaubensfrage zu machen.“ Das Ganze sei „nicht infektionsrechtlich begründet, sondern erziehungstechnisch auf den Weg gebracht“ worden. Eine recht hitzige Diskussion dazu findet sich bei Markus Lanz vom 4. August. 

„Jens Spahn geht mit seinen Plänen für Ungeimpfte zu weit“, meint auch Christian Grimm in der Augsburger Allgemeinen. „Dass zukünftig negativ Getesteten der Besuch im Wirtshaus verwehrt werden soll, geht zu weit. Schließlich verlässt sich der Staat auch in den Schulen auf die Aussagekraft der Tests. Jens Spahn hat mit seinem Konzept den schmalen Grat zwischen Freiheit und Sicherheit verlassen.“

Um die Impfquote zu erhöhen, gibt es inzwischen diverse Lockangebote. Edeka Nord z. B. spendiert seinen Mitarbeiter:innen einen 50-Gutschein, Fans des Chemnitzer FC erhielten Freikarten für das Spiel ihres Vereins, wenn sie sich zuvor im Bus vor dem Stadion impfen ließen, wie die WELT berichtet. Außerdem gibt es einen 10-Euro-Gutschein für das Shopping-Center, wenn man zuvor im Impfbus einkehrt. Das Thüringer Städtchen Sonneberg gibt Impfwilligen immer freitags eine Bratwurst aus, was die Impfbereitschaft sofort drastisch ansteigen ließ. Zusätzlich hat Thüringen unter dem Motto „Sommer, Sonne, Impftermin“ eine 400.000 Euro teure Kampagne aufgelegt, um die Leute für das Impfen zu gewinnen. Die Stadt Attendorn in NRW lud Impfwillige zum Cocktail samt Musik mit einem Top-DJ ein, was natürlich vor allem die Jugend ansprechen sollte. Auch Wuppertal will vor Clubs impfen, Berlin plant zusammen mit der Club-Szene eine „lange Nacht des Impfens“, die damit verbundenen kostenlosen Getränke sind dann allerdings alkoholfrei. Bei IKEA in Berlin-Lichtenberg kann man sich via Drive-In oder Walk-in vor den Köttbullar noch fix die Spritze geben lassen, Kulmbach wartet mit einem 20-Euro-Essensgutschein auf.

Wer sich (noch) nicht impfen lassen will, steht allerdings schnell am Pranger. Kaum jemand weiß das besser als der bayerische Wirtschaftsminister und Spitzenkandidat der Freien Wähler für die Bundestagswahl, Hubert Aiwanger. Er hatte in der FAZ vor einer „Apartheidsdiskussion beim Impfen“ gewarnt, das Impfen „muss eine private Entscheidung des Einzelnen bleiben. (…) Die Frage ist, können wir Corona so managen, dass nicht die einzige Antwort darauf ist, jeden jedes halbe Jahr zu impfen.“ Druck auf den Einzelnen sei „nur dann gerechtfertigt, wenn Ungeimpfte in nachweisbarer und nicht zumutbarer Weise Geimpfte gefährden“. In einem Interview mit der Augsburger Allgemeinen begründete Aiwanger seine Haltung: „Wir hatten schon Impfstoffe, die für bestimmte Altersgruppen wieder zurückgezogen worden sind, nachdem sie vorher beworben wurden. Wenn wir kein Nachdenken mehr zulassen, verlieren wir Vertrauen. (…) Ich bin einer von ungefähr 30 Prozent. (…) Das letzte Wort über seinen Körper muss der einzelne Bürger haben. Wenn wir diese rote Linie bei den Impfungen überschreiten, dann fallen mir, ohne groß nachzudenken, zehn weitere Fälle ein, wo es im Gefährlichen endet, wenn der Staat das letzte Wort über den Körper des Einzelnen hat. (…) Wenn der soziale Druck auf den Einzelnen zu groß wird, dann führt das zur Spaltung der Gesellschaft. Das will ich verhindern. Sozialer Druck kann grausam sein. (…) Wir müssen schon aufpassen, dass wir Corona nicht zu einer Psycho-Nummer entwickeln. (…) Wenn wir weitere Lockdowns verhängen müssen, dann bitte wissenschaftlich fundierter als zuletzt. Der Staat muss genau begründen können, warum er eine Branche dichtmacht. Die Branche muss nicht umgekehrt beweisen, dass sie ‚clean‘ ist.“ In einem weiteren Interview mit dem Deutschlandfunk (der das gleich entsprechend polte: „Impfen lassen nach Gutdünken?“) sagte Aiwanger auch noch: „Ich gehe davon aus, dass neue Impfstoffe, vielleicht sogar bessere, kommen und die jetzigen in einiger Zeit noch anders bewertet werden.“ Er habe in seinem persönlichen Umfeld immer wieder erlebt, dass die Impfungen doch erhebliche Nebenwirkungen hatten, „da bleibt einem schon das eine oder andere Mal die Spucke weg, und darüber sollte man reden, um ein Gesamtbild zu kriegen.“ Die Verantwortung für ihn als Politiker liege vielleicht darin, „nicht alles zu tun, was die Mehrheit fordert und das politische Establishment von mir erwartet, sondern die Verantwortung liegt vielleicht auch darin, in einer solch sensiblen Debatte auch mal die Stimme derer zu sein, die den Weg noch nicht mitgehen, und nicht zu sagen, die Mehrheit ist der Meinung, jetzt wird die Minderheit in eine Richtung frisiert, in die sie nicht gehen will. (…) An der Stelle bin ich vielleicht Vorbild für die Verteidigung selbstverständlicher Bürgerrechte.“

Das trug Aiwanger natürlich prompt eine scharfe Rüge seines Ministerpräsidenten ein, der seine Aussagen „verstörend“ fand, die eines stellverstretenden Ministerpräsidenten unangemessen seien, wie die WELT berichtet. Und ebenso prompt spießten die großen Medien Aiwangers Aussagen auf und kommentierten sie mehr oder weniger süffisant: „Die Haltung des bayerischen Ministerpräsidenten ist kontraproduktiv“ schreibt die WELT, „Aiwanger will sich immer noch nicht impfen lassen“, moniert der Spiegel, „Impf und Schande: Szenen einer Ehe“, lästert die SZ und setzt mit einer Befragung der Freien Wähler-Parteifreunde und -Basis noch einen drauf: „Kontraproduktiv, ärgerlich, fatal, unglücklich“. Damit nicht genug: „Aiwanger will sich immer noch nicht impfen lassen“, empört sich der SPIEGEL, und bedient sich genüsslich eines Anrufs bei Söder, der prompt liefert: „Unabhängig davon, dass es in der Sache falsch ist, verstört der Sound der Argumente. (…) Wir stehen auf der höchsten Stufe menschlicher Zivilisation und sind beim Impfen zum Teil mit Argumenten aus dem Mittelalter konfrontiert. Wer meint, in einem solchen Becken fischen zu könen, der riskiert, darin zu ertrinken.“  die WELT zitiert den CSU-Generalsekretär Markus Blume: „Er (Aiwanger, d. Red.) nähert sich in gefährlicher Weise den Kreisen von AfD und Querdenkern an – und muss aufpassen, dass er nicht selbst zum Querdenker wird.“ Söder wiederum meinte beim ZDF-Sommerinterview auf großväterlich-überhebliche Art, er mache sich „a bissl“ Sorge um Aiwanger, wie t-online berichtet: „Meine Sorge ist, dass er sich in eine Ecke manövriert, aus der er selber nicht mehr herauskommt.“ Jo mei, der Bub … Das will Aiwanger allerdings nicht auf sich sitzen lassen und kontert: „Es ist eine Unverschämtheit, mich als ‚Querdenker‘ abstempeln zu wollen, weil ich gegen die Impfpflicht bin und mehr Sensibilität einfordere beim Thema Impfen von unter 12-Jährigen, was auch die Stiko bisher nicht empfiehlt.“

„Klappe halten, impfen lassen“, empfahl Armin Falk von der Universität Bonn, einer der „weltweit führenden Verhaltensökonomen“ und Mitglied der Leopoldina, Hubert Aiwanger daraufhin in einem Interview mit der FAZ: „Im Fall des Impfens bin ich für eine Impfverpflichtung. (…) Sich nicht impfen zu lassen, hat nichts mit Rationalität zu tun, sondern einfach nur mit Eigennutz. Die Allgemeinheit muss hier zahlen für die Trägheit und Dummheit der Impfgegner. (…) Es gibt ja schon Impfzwänge, zum Beispiel bei Säuglingen. Weil die Gesellschaft aus jahrhundertelanger Erfahrung verstanden hat, dass es für sie selbst am besten ist, wenn der Staat hier Zwang ausübt. (…) Sogenannte Opt-out-Modelle, bei denen jeder geimpft wird, falls er nicht widerspricht, finde ich absolut sinnvoll.“ Er verstehe nicht, dass der Bundesgesundheitsminister das nicht – wie bei der Organspende – auch für das Impfen erwogen habe. Auch solle der Impfstatus bei einer Triage berücksichtigt werden, wenn Beatmungsgeräte knapp werden.

„Falk hat mit diesen verbalen Entgleisungen nicht nur eine Fülle an Unwissen, sondern auch ein zutiefst bedenkliches Menschenbild offenbart“, meint die Rechtsanwältin Jessica Hamed auf ihrem Linked-in-Profil. Das Interview sei für sie „definitiv einer der traurigsten und erschütterndsten Tiefpunkte in der Krise.“

Aber Falk steht nicht allein: Auch Wolfram Henn, Humangenetiker und Mitglied des Deutschen Ethikrates, plädiert in einem Gastbeitrag für die Augsburger Allgemeine für eine Impfpflicht: „Für Personen in besonderer beruflicher Verantwortung endet das Recht auf individuelle Unvernunft am Anspruch der ihnen anvertrauten Menschen auf Schutz.“ Das gelte für Lehrer:innen ebenso wie für das Personal in Medizin und Pflege oder Taxifahrer:innen. Zwar sind die meisten dort schon geimpft, „aber eine kleine Minderheit kann eine tödliche Gefahr für alte und vorerkrankte Menschen sogar trotz deren Impfung darstellen.“ Jede:r müsse auf Nachfrage seinen Impfstatus offenlegen: „Es darf nicht sein, dass eine hochgefährdete Patientin nicht erfährt, ob die zu ihr ins Haus kommende Pflegeperson ihre Impf-Verantwortung wahrgenommen hat oder als ambulanter Superspreader unterwegs ist. Patientenschutz muss hier vor Datenschutz gehen, mit Stigmatisierung hat das nichts zu tun.“ 

Dass die Politik dennoch weiterhin standhaft behauptet, es werde keine Impfpflicht geben, hängt auch damit zusammen, dass sie einfach Bedingungen schafft, die kaum noch einen anderen Ausweg zulassen. Dazu gehört z. B., ab Herbst die Schnell- und PCR-Tests kostenpflichtig zu machen, wie es die baden-württembergische Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) im Südwestrundfunk forderte und Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther schon zum 20. September eingeführt sehen möchte, wie die WELT berichtet. Was natürlich schon von den Kosten her ein höchst effektives Druckmittel darstellt: Ein Schnelltest schlägt mit mindestens 12-15 Euro zu Buche, ein PCR-Test mit mindestens 35 Euro, meist wird das Doppelte angesetzt. Da dürfte der Etat eines jungen Menschen mit geringem Einkommen, von Schüler:innen, Auszubildenden oder Studierenden rasch erschöpft sein. Die SZ findet das gut, denn „Druck tut not, um Impfmuffel zu überzeugen“.

Zum Sehen, Hören, Lesen

Kultur für Herz, Geist und Sinne

 

Die letzten lauen Sommerabende locken in Parks, in die Gärten, auf Terrassen und Balkone – aber der Herbst ist absehbar, demnächst ist Tag- und Nachtgleiche, und dann werden die Tage wieder kürzer und die Nächte länger. Zeit für gute Filme, gute Musik und gute Bücher.   

Zum Sehen

Das Filmprojekt „Eine andere Freiheit“
Die von „Lockdown Kinderrechte“ bekannte Dokumentarfilmerin Patricia Marchart hat sich erneut eines spannenden Themas angenommen: „Eine andere Freiheit“ befragt engagierte Menschen aus Kunst und Kultur: Nina Proll, Miriam Stein, Til Schweiger, Nina Adlon, Felix Adlon, Eva Herzig, Christine Sommer, Dietrich Brüggemann, Leo Himmelbauer, Jess Oberbeil, Helmuth Thoma, sowie Medizin und Wissenschaft: David Martin, Katrin Skala, Ulrike Guérot, Martin Hirte, Christine Saahs, Reinhold Kerbl, Corinna Wilken, Martin Sprenger, Christian Schubert, Steffen Rabe, Christian Fiala, Veronika Himmelbauer, Andreas Sönnichsen, Eva Horvatic und Peter Kampits.

„Wieder reisen, chillen, sich mit Freunden treffen, keine Angst mehr haben, die Oma zu umarmen, ohne Maske in die Schule gehen, damit das Distance Learning vorbei ist, endlich wieder ganz normal auf der Uni studieren, Reisen- in die ganze Welt, Partys feiern und Nächte durchtanzen, das verspricht die Politik seit Wochen Kindern und Jugendlichen, wenn sie sich gegen Sars-CoV-2 impfen lassen. Der Umgang mit der Corona Krise hat viele Spuren hinterlassen, besonders bei Kindern und Jugendlichen, die von der Covid19-Erkrankung selbst kaum betroffen sind. 

Ist das fair? Wie geht es den Jugendlichen, die sich ab 14 Jahren ohne Einwilligung der Eltern für eine Impfung entscheiden können? Was ist, wenn ich mich nicht impfen will?

Ist Impfen eine Lösung für das Ende der Pandemie? Was sind die Nebenwirkungen der Impfung bei Kindern und Jugendlichen? Was sagen die Studien und Experten? Muss ich mich impfen, wenn ich schon Corona hatte?

In diesem Film geht es um alles: Um unsere Kinder und deren Leben im Hier und Jetzt und in der Zukunft; Diesen Film haben Menschen gemacht, die dafür Verantwortung übernehmen.

Noch ist der Film nicht gestartet. Aber schon jetzt hat eine Äußerung von Til Schweiger (57) darin Furore gemacht. Der Vater von vier Kindern sagte unmissverständlich: Kinder gegen Corona zu impfen, finde er „entsetzlich“. Was für entsprechende Aufregung sorgte und natürlich sofort einen „Faktencheck“ aufs Tapet rief mit entsprechenden Gegenpositionen.

Übrigens: Der Film wurde ausschließlich über Spenden finanziert.

Auf der Suche nach der Wahrheit
Der österreichische Sender Servus-TV zeichnet sich dadurch aus, dass er keine Konfrontation scheut und auch kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn es um Corona geht. Jetzt hat er eine zweiteilige Dokumentation aufgelegt, in der sich der Linzer Virologe Professor Martin Haditsch auf eine Reise um die Welt begibt, um mit führenden Wissenschaftler:innen zu sprechen. Er will die Wahrheit herausfinden über Corona und alles, was mit dieser weltweiten Krise zusammenhängt. Es sind zwei jeweils 90-minütige höchst spannende Filme geworden, die man gesehen haben muss, wenn man sich ein eigenes Bild machen möchte.

Corona – auf der Suche nach der Wahrheit, Teil 1
Corona – auf der Suche nach der Wahrheit, Teil 2

Zum Hören  

Akustische Tagebücher einer Pubertät im Lockdown
Ein spannendes, knapp einstündiges Feature für Deutschlandfunk Kultur haben Eva-Maria Baumeister und Nina Rühmeier unter dem Titel „I feel stupid and contagious“ auf den Weg gebracht. Gesendet wird es am 10. September um 20:05, ist aber schon jetzt online abrufbar.

In der Beschreibung heißt es: „Kinder und Jugendliche sollten an erster Stelle stehen. So hatten es Ministerinnen und Minister sowie Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten im Sommer 2020 versprochen. Doch kaum rollte die zweite Infektionswelle durch das Land, waren alle Bekenntnisse vergessen. Im Schuljahr 2020/2021 haben viele Kinder und Jugendliche ihre Schule kaum von innen gesehen. Sie haben Monate mit ihren Eltern und Geschwistern auf engstem Raum verbracht oder waren zu Hause die meiste Zeit auf sich gestellt.

Wie erlebten Jugendliche die Einschränkungen? Was bedeutet es, in einer Pandemie erwachsen zu werden? Das Feature „I FEEL STUPID AND CONTAGIOUS” begleitet neun junge Menschen durch das Frühjahr 2021. Sie leben in München oder Meißen, auf dem Land, in der Stadt oder auf einer Insel, sind Einzelkinder oder wachsen mit Geschwistern auf, mit beiden Eltern oder bei der Großmutter. Sie müssen ihre Tage strukturieren und verlieren dabei manchmal jedes Zeitgefühl.

Der Sound einer Pubertät hinter verschlossenen Türen.“

Unbedingt anhören!

In memoriam Mikis Theodorakis
Im hohen Alter von 96 Jahren ist Mikis Theodorakis am 2. September in Athen gestorben. Viele von uns sind mit seiner Musik groß geworden, haben den „Canto General“ gehört (oder sogar selbst aufgeführt) und Sirtaki getanzt nach den unwiderstehlichen Rhythmen von „Zorba the Greek“, der Musik, die ihn weltberühmt gemacht hat (und den Film mit Anthony Quinn, Alan Bates und Irene Papas ebenso). Theodorakis hat ein ungeheures Werk von über 1.000 Kompositionen hinterlassen, zahllose Lieder, aber auch Oratorien, Messen, Opern, Ballette, Filmmusik (z. B. für „Z“ von Costa Gavras mit Yves Montand). Zeitlebens war Theodorakis ein „Homo politicus“, er mischte sich ein, er machte den Mund auf, und mehrfach bezahlte er seinen Mut mit Folter, Gefangenschaft und Exil (in Paris). Griechenland hat für diese im ganzen Land beliebten Volkshelden eine dreitägige Staatstrauer angeordnet, auf der Akropolis wehte die Flagge auf Halbmast. In seiner Musik lebt Mikis, wie ihn die Griechen immer nur nannten, weiter.

Auf YouTube finden sich zahllose Beiträge, in denen er lebendig bleibt:

Die NZZ hat einen sehr schönen, würdigen Nachruf publiziert.

Zum Lesen  

Hoffnungsmacher
Der Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx hat sich schon früh mit den Auswirkungen der Corona-Krise auseinandergesetzt. Jetzt hat er eine neues Buch vorgelegt, das sich mit der „Hoffung nach der Krise“ beschäftigt, mit der Frage, wohin sich die Gesellschaft jetzt entwickelt – national und international. Es ist ein kleiner Hoffnungsmacher, dieses Buch, weil es nicht nachlässt, in all dem Schlamassel auch das Positive zu sehen und auszugraben.
Matthias Horx: Die Hoffnung nach der Krise. Wohin die Welt jetzt geht oder wie Zukunft sich immer neu erfindet. Econ Verlag, 160 Seiten, 15 Euro

Lang nachwirkendes Erbe
Im Jahr 2016 kommt Laura M. Fabrycky als Ehefrau des amerikanischen Botschafters nach Berlin. Gleichzeitig verändert sich ihre Heimat – mit einem unsäglichen Präsidenten an der Spitze. In Berlin stößt Fabrycky zufällig auf das Elternhaus von Dietrich Bonhoeffer, in dem dieser bis zu seiner Verhaftung gelebt hat. Sie wird sofort in Bann geschlagen von der Geschichte, die sich damit verbindet und beschäftigt sich intensiv mit Bonhoeffers Leben. Schließlich wird sie sogar Fremdenführerin für englischsprachige Gruppen, die das Haus besuchen. In diesem Buch beschreibt sie, wie die Auseinandersetzung mit Dietrich Bonhoeffer und seinem Schicksal ihr Leben verändert hat, wie er ihr noch einmal einen ganz neuen Blick auf ihr eigenes Leben ermöglichte, das sie inzwischen nach Brüssel geführt hat. Ein wichtiges Buch in einer turbulenten Zeit.
Laura M. Fabrycky: Schlüssel zu Bonhoeffers Haus. Wie ich Welt und Weg Dietrich Bonhoeffers entdeckte. Gütersloher Verlagshaus, 320 Seiten, 22 Euro

Back to the roots
Es ist einer der schönsten Romane über Frauenschicksale, die in den vergangenen Jahren erschienen sind. Jarka Kubsova erzählt die Geschichte von drei Generationen, die in Südtirol einen Bergbauernhof auf 1670 m Höhe betreiben, zwischen 1944 und heute. Es stellt die Frage nach dem großen Ob und Wie – kann ein kleiner Hof mit wenig Gästen heute noch mit ihrer Ursprünglichkeit überleben, ohne Internet und WLAN? Es ist ein Buch, das uns an die Ursprünglichkeit zurückführt, die wir heute so nötig haben.
Jarka Kubsova: Bergland. Wunderraum Verlag, 288 Seiten, 20 Euro

Ein Blick ins Innere der Macht
Jürgen Neffe, langjähriger und vielfach ausgezeichneter Autor bei GEO und Autor wichtiger Biographien wie der über Albert Einstein oder Karl Marx, war in den 1990er Jahren – zu Zeiten der Präsidentschaft von Bill Clinton – mehrere Jahre lang Korrespondent für den SPIEGEL in New York. Dort traf er mehrfach Donald Trump, der damals mit seinen Immobilien noch der „König von New York“ war. Aus dem, was Neffe mit Trump so erlebt hat, baute er einen Roman. Es ist eine Geschichte über Paranoia und Angst, über Wahrheit und Lüge, Fakten und Fakes. Und hinterlässt einen mit der bangen Frage: Wem, um alles in der Welt, soll man noch glauben?
Jürgen Neffe: Das Ding. Der Tag, an dem ich Donald Trump bestahl. Europa Verlag, 240 Seiten, 20 Euro

Ein Mannsbild
Oliver Sacks (1933–2015), britischer Neurologe und Schriftsteller, wurde bekannt durch seine Bücher über Migräne oder den „Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ (mit Fallgeschichten über Hirnverletzungen) oder „Bewusstseinsdämmerungen“, die „Zeit des Erwachsens“, wie der gleichnamige Film heißt. Jetzt gibt es ein Buch, das sich mit ihm selbst beschäftigt, mit seiner Arbeit als Arzt, aber auch als Reisender und neugieriger, rastloser Geist, der ein empathischer Menschenfreund und Seelenforscher war. Es ist ein persönliches Portrait eines gestandenen Mannsbilds, das zum Glück nie aufgehört hat, Kind zu sein.
Lawrence Weschler: Oliver Sacks. Ein persönliches Portrait. Rowohlt Verlag, 480 Seiten, 25 Euro

Die Brot-Bibel
Wer immer sich daran versuchen möchte, Brot zu backen – und inzwischen tun das viele, weil sie die aufgeblasene Fließband-Ware satt haben (nicht jede:r hat die Brotpuristen um die Ecke …) – wird an diesem Buch nicht vorbeikommen. Es wurde verfasst von dem Brotback-Papst schlechthin: Lutz Geißler, der mit seinem Plötzblog zahllose Menschen in die Geheimnisse von Hefe und Sauerteig eingeweiht hat und bis heute nicht müde wird, für ein ehrliches, sauberes Brot zu werben. Natürlich hat er sein Wissen auch in Buchform gepresst. Das wichtigste davon sei hier vorgestellt, denn Geißler hat die Corona-Krise massiv getroffen. Keiner seiner vielgefragten Kurse konnte stattfinden – und online lässt sich nur schwer vermitteln, wie sich der Teig anfühlen muss, damit ein ordentliches Baguette (oder was es sonst noch an Brotsorten gibt) aus dem Ofen kommt. Geißler hat dieses Buch deshalb allen Menschen gewidmet, die ihm während der Corona-Krise geholfen haben. In Kürze wird er übrigens seine eigene Backstube in Hamburg-Sasel eröffnen. Und die wenigen Kurse für 2022 sind schon jetzt allesamt restlos ausgebucht …
Lutz Geißler: Krume und Kruste. Brot backen in Perfektion. Becker Joest Volk Verlag, 336 Seiten, 29,95 Euro

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Impfpflicht-Szenarien

Widerspruch und konstruktive Ideen

„Mein Körper, meine Entscheidung!“ meint Pflege-Bloggerin Sabrina und stellt sich damit entschieden gegen jede Impfpflicht: „Wir aus der Pflege können es gut beurteilen, wie Covid-Infektionen verlaufen, denn wir sehen sowohl leichte, wie auch deutlich seltenere schwere Verläufe. (…) Ich halte es für menschenunwürdig und menschenverachtend, als völlig gesunder Mensch so behandelt zu werden, als wäre ich ‚Störer‘ und ‚Gefährder‘ und als hätte ich eine gefährliche, ansteckende Krankheit. (…) Ich lehne jede Fremdbestimmung entschieden ab.“

„Wer eine Impfpflicht zulässt, missachtet die Freiheit“, meint Ulf Poschardt, Chefredakteur der WELT in einer Replik auf die Gegenposition von Olaf Gersemann, Ressortleiter Wirtschaft bei derselben Zeitung, der eine Impfpflicht befürwortet: „Den freien Willen zu verteidigen, heißt, für die Demokratie kämpfen“, schreibt Poschardt. „Die Corona-Maßnahmen haben ein Feuerwerk antifreiheitlicher Reflexe entfacht und die Liebe zum Verbot, zu Regulierung und Kontrolle in einem Ausmaß verschärft, das auch liberale Skeptiker und Pessimisten erschüttert. Einer Mehrheit der Deutschen ist Freiheit vollkommen egal, einige verachten sie ganz offen.“ Ein „derart gravierender Eingriff in die Freiheitsrechte des Einzelnen“ könne „durch nichts gerechtfertigt werden. (…) Der mündige Bürger ist ein Ideal der Aufklärung, und dieses Ideal verpflichtet die liberalen Demokratien, die Übergriffigkeiten des Staates auf ein Mindestmaß zurückzuführen. Davon kann in der Bundesrepublik schon lange nicht mehr die Rede sein. Aber Menschen zur Impfung zu zwingen, würde die sowieso gereizte Stimmung in der Gesellschaft ins Vorbürgerkriegliche kippen lassen. Alleine darüber nachzudenken ist gespenstisch. (…) Auch der latent erpresserische Sound, die Kinder zu Geiseln unserer Impfmüdigkeit zu machen, hat wenig mit den Standards aufgeklärter Debatten zu tun. Schulschließungen, Wechselunterricht und Homeschooling müssen ausgeschlossen werden. (…) Die einzige Pflicht, über die nicht diskutiert werden sollte, ist die Schulpflicht – und im Zweifel auch die Verpflichtung des Staates, diese mit sozialer und nicht digitaler Interaktion auszuleben.“

„Mehr Mut zur Normalität“ fordert Benjamin Knaack in einem Kommentar im SPIEGEL: „Irgendwann kommt der Punkt, an dem man abwägen muss, ob die Gefahr all das rechtfertigt: die Grundrechtseinschränkungen, die Bildungsmisere, das stille Leid der Kinder, die Verwüstung ganzer Wirtschaftszweige, die Radikalisierung eines Teils der Bevölkerung angesichts der mehr oder weniger offenen Androhung einer zumindest indirekten Impfpflicht. Man sollte sich fragen, ob nicht zu viel kaputtgeht in dem feingesponnenen Netz unserer Gesellschaft. Ob der Wille der meisten Bürger zur Befolgung der Regeln nicht überstrapaziert wird, wenn zu lange zu viel verlangt wird. Statt in Richtung Normalität zu steuern, intensiviert sich der Trend, immer neue Sündenböcke durchs Land zu treiben. (…) Nun also hat man die nächsten Sündenböcke identifiziert: Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen. (…) Will man den Zusammenhalt in der Gesellschaft nicht weiter verwüsten, sollte die Regierung Anreize schaffen und überzeugen, um die Impfquote nach oben zu treiben, anstatt einem Teil der Bevölkerung zu drohen. Vor allem aber sollte sie sich fragen, ob das Risiko, mehr Schritte in Richtung der alten Normalität zu gehen, wirklich größer ist, als sich von ihr zu entfernen.“

„Impfpflicht ist übergriffig“, konstatiert die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot, die ab Herbst an der Universität Bonn lehren wird und vorher an der Donau-Universität Krems bei Wien tätig war, in einem Interview mit dem Deutschlandfunk: „Bisher war Impfen Privatsache – und das sollte es auch bleiben.“ Die Diskriminierung durch eine Impfpflicht oder auch Zwang und Aufforderung zum Impfen seien einer Rechtsakte des Europarats zufolge verwerflich, weil sie mit dem Recht auf körperliche Integrität brechen. Jede:r, der will, soll sich impfen lassen; jede:r, der nicht will, dürfe davon keine Nachteile haben. Es gebe in Frankreich bereits die Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen, und in Deutschland herrsche ein „impliziter Konformitätsdruck“. Die Bevölkerung werde geteilt in diejenigen, die Rechte bekommen, und die anderen, die sie nicht bekommen: „Da kann ich als Politikwissenschaftlerin nur sagen: Das ist die Erosion der Demokratie. In einer Demokratie haben alle Rechte, und Rechte sind unkonditionierbar (mit keinen Bedingungen verbunden, d. Red.).“ Man müsse nicht etwas beweisen, z. B. dass man gesund sei, um Rechte zu haben, sondern „alle haben in einer Demokratie Rechte“. Allein die Tatsache, dass das jetzt so geframed werde, zeige, dass uns etwas entglitten ist. Ihr fehle „die Unschuldsvermutung, dass ein gesunder Mensch erstmal nicht ein potentieller Gefährder“ sei. Gesunde Menschen seien einfach gesund und hätten Rechte, wir würden aber nur noch diskutieren, wer „GGG“ ist – geimpft, genesen, getestet: „Das allein ist schon eine Verschiebung der Diskussion.“ Die ‚Guten‘ seien die Geimpften, und die ‚nicht Guten‘ die nicht Geimpften, die dann verantwortlich gemacht werden für die vierte Welle. Das sei eine eindeutige Ausgrenzung von nicht geimpften Personen. „In einer Demokratie muss aber jeder die persönliche Risikoabschätzung haben, ob er sich impfen lassen will oder nicht. (…) Ich bin nicht gegen die Impfung, ich bin gegen Impfzwang und gegen Impfpässe, weil ich eine Spaltung der Bevölkerung vermeiden möchte. Jeder, der will, soll sich impfen lassen, und jeder der nicht will, soll sich nicht impfen lassen können, ohne Diskriminierungen befürchten zu müssen.“

Ihre differenzierte Position kann Ulrike Guérot noch sehr viel besser in einem höchst hörenswerten Gespräch mit Radio multicult.fm entwickeln, das auch den früheren Berliner Ärztekammer-Präsidenten und heutigen Vorstand des Berufsverbands der Präventologen, Ellis Huber, mit einbezieht. Guérot und Huber haben zusammen mit 14 weiteren Staatsbürger:innen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen und wissenschaftlichen Disziplinen das Positionspapier „Covid-19 ins Verhältnis setzen. Alternativen zu Lockdown und Laufenlassen“ (Hashtag #coronaaussoehnung) geschrieben, über das die Berliner Zeitung berichtet. Darin gehe es, so Ulrike Guérot, um „eine Bestandsaufnahme der bisherigen Corona-Politik mit dem Ziel, den Blick in die Zukunft zu richten“: „Wir müssen verhindern, dass wir im Herbst wieder in eine Situation schlittern, in der hektisch und ohne Differenzierung Maßnahmen beschlossen werden, die zu einem gesellschaftlichen Ausnahmezustand führen. (…) Wenn wir Andersdenkenden grundsätzlich unterstellen, dass sie von niederen Motiven geleitet seien, dann bewegen wir uns auf eine para-autoritäre Gesellschaft zu.“

Das Papier will einen Beitrag dazu leisten, die Spaltung der Gesellschaft zu überwinden und eine Kurskorrektur anstoßen. „Freundschaften, Familien, Organisationen wurden in der Corona-Diskussion entzweit, Erfahrungen und Einschätzungen stehen einander unversöhnlich gegenüber“, heißt es im Vorwort des Papiers. „Die gesamte Gesellschaft scheint gespalten. Das Virus ist daran unserer Meinung aber nicht schuld. Wir glauben vielmehr, dass es der historisch nie dagewesene und einzigartige Umgang mit SARS CoV-2 ist. Wäre die öffentliche Diskussion plural, sachlich und wertschätzend und die Maßnahmen evidenzbasiert und verhältnismäßig, dann würde Covid-19 die Gesellschaft genauso wenig spalten wie bisherige Pandemien. Mit diesem Text wollen wir einen Beitrag dazu leisten, die Verhältnisse herzustellen, um die aktuelle gesellschaftliche Spaltung zu überwinden und einen Modus Vivendi mit dem Coronavirus zu finden.“

Das Fazit aus den über 60 Seiten Analysen und Überlegungen lautet:

  • Es wird zu viel Aufmerksamkeit auf Covid-19 gelenkt und zu viel Angst davor geschürt.
  • Dadurch werden andere, ähnlich große Gesundheitsgefahren nicht annähernd im Verhältnis wahrgenommen.
  • Dasselbe gilt für die Gefahren, die von den Maßnahmen ausgehen.
  • Die Krise und die Maßnahmen haben überproportional negative Auswirkungen auf Menschen, die bereits vor der Krise benachteiligt und marginalisiert waren: Frauen, Migrant*innen, Menschen mit geringem Einkommen, Arbeitende im informellen Sektor im globalen Süden; gesellschaftliche Ungleichheit wird dadurch auf vielen Ebenen verstärkt.
  • Über Vermeidung von Pandemien und die Abschwächung ihrer Wirkung wird im Verhältnis zu Symptombehandlungen kaum gesprochen.
  • Die Rolle des menschlichen Immunsystems kommt ebenso zu kurz wie soziale, ökologische, technologische und ökonomische Faktoren.
  • Menschen, die Zwangsmaßnahmen kritisch gegenüberstehen und auf deren Folgen hinweisen; aber auch Menschen, die eigenverantwortlich solidarisch handeln wollen; Menschen, die Begegnung, Beziehung, Berührung und Nähe wünschen, werden häufig als „unverantwortlich“ oder „unsolidarisch“ bezeichnet, pauschal etikettiert und diffamiert und müssen um ihre soziale Zugehörigkeit und berufliche Existenz fürchten.

Die 16 Autor:innen empfehlen folgende Maßnahmen als Alternativen zu „Lockdown“ und „Laufenlassen“ vor:

  • Ganzheitliche Aufklärung und echte Komplexität.
  • Vertrauen in und Unterstützung der Bürger:innen.
  • Maßnahmen auf Eigenverantwortung und Gesundheitskompetenz gründen.
  • Vielfalt in der Krisenbewältigung fördern.
  • Gezielter Schutz von Risikopersonen und ihren Helfer:innen.
  • Größtmögliche Freiheit für die Kinder.
  • Immunsystem stärken.
  • Leben mit dem Virus.
  • Leben mit dem Tod.
  • Vorbeugen und Verringern anderer Gefahren.

Nach dem Einarbeiten der durch die Veröffentlichung ausgelösten öffentlichen Diskussion soll sich dieses Papier „zu einem Manifest konkretisieren“. Weiteren Aufschluss über die Initiative „Corona-Aussöhnung“ gibt auch ein Interview des MDR mit Christian Felber, Publizist und Sozialwissenschaftler, der ebenfalls zum Autor:innenkreis gehört.

Impfungen bei Kindern und Jugendlichen

Die Politik setzt sich über die STIKO hinweg

Am 2. August haben die Gesundheitsminister:innen von Bund und Ländern einstimmig ein Impf-Angebot für alle Kinder und Jugendlichen ab zwölf Jahren – das sind insgesamt etwa 4,5 Millionen – beschlossen. Zugelassen dafür sind die mRNA-Impfstoffe von BioNTech/Pfizer und Moderna. Stand 1. August 2021 sind bundesweit bereits ein Fünftel der 12- bis 17-Jährigen geimpft worden, jede:r Zehnte bereits zweimal. In dem Beschluss, den die BILD-Zeitung zum Download eingestellt hat, heißt es: „Es werden nunmehr alle Länder Impfungen für 12- bis 17-Jährige auch in Impfzentren oder mit anderen niedrigschwelligen Angeboten anbieten. Dabei ist eine entsprechende ärztliche Aufklärung erforderlich sowie eine ggf. notwendige Zustimmung der Sorgeberechtigten einzuholen.“

Zu beachten ist hier das Kürzel „ggf.“ – gegebenenfalls. Zwingend wird die Einwilligung der Eltern also nicht vorgeschrieben. Diese Möglichkeit wird bereits in Anschreiben an Eltern in Schleswig-Holstein, wo Kinder ab 12 Jahren an den Schulen geimpft werden sollen, direkt kommuniziert: „Das mobile Impfteam kann ein Kind unter 14 Jahren impfen, wenn die Erziehungsberechtigten in die Impfung eingewilligt haben. Es reicht dabei aus, wenn ein Elternteil den Einwilligungsbogen unterschrieben hat. Bei Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren ist es ausreichend, wenn diese die Dokumente selber ausgefüllt und unterschrieben haben; Eltern können in Absprache mit ihrem Kind die Dokumente auch weiterhin unterschreiben“ (das Schreiben liegt der Newsletter-Redaktion vor). Ob dieses Vorgehen rechtlich wirklich haltbar ist, werden vermutlich die Gerichte entscheiden.

Die Politik setzt sich damit über den Rat der STIKO hinweg, die für diese Altersgruppe keine generelle Impfempfehlung aussprechen wollte, weil die Datenlage dafür zu schwach ist. „Ein schwarzer Tag für die Politik und ebenso für die Wissenschaft“, kommentiert Kinder- und Jugendarzt Steffen Rabe, Sprecher des Vorstands der „Ärzte für individuelle Impfentscheidung e. V.": „Eine Gruppe von Bankkaufleuten, Volkswirten, Politologen, Juristen und anderen, der Medizin Wesens- und Sachfremden entscheidet über ein unter Experten international hoch umstrittenes Thema: die Covid-Impfung für Kinder und Jugendliche.“ Sie setzen sich damit über den Rat der eigenen Fachleute hinweg, weil diese sich weigern, das gewünschte politische Narrativ zu bedienen. „Wo bleibt das Lamento Christian Drostens, dass die Politik der Wissenschaft in so schwierigen Zeiten die Gefolgschaft aufgekündigt hat? (…) Zukünftig entscheiden nicht mehr Wissenschaft, Evidenz und Ethik über de facto jetzt schon erzwungene Schutzimpfungen, sondern politisches Kalkül, Machtstreben und Wahlkampftaktik. Das Vertrauen in Impfungen und Impfempfehlungen hat irreversiblen Schaden genommen.“

Schon seit Wochen steht diese Haltung unter Beschuss: „Corona-Impfung ab 12 Jahren: Söder erhöht Druck auf STIKO“, meldet der Bayerische Rundfunk am 14. Juli. Darin spricht Söder der STIKO indirekt die wissenschaftliche Qualifikation ab: „Wir schätzen die STIKO, aber das ist eine ehrenamtliche Organisation. Die EMA – die Europäische Zulassungsbehörde – das sind die Profis. Die haben entscheiden: Ja, der Impfstoff ist zugelassen. (…) Wir wären, wenn wir das Impftempo von Juni fortsetzen würden, in 90 Tagen durch, alle über 12 zu impfen in Bayern. Dann hätten wir die Herdenimmunität erreicht, und dann könnten wir in den Herbst bzw. Winter doch relativ unbeschwert gehen. Fakt ist, dass das nicht stattfindet.“ Er wolle der STIKO keine Vorwürfe machen, sondern nur Feststellungen treffen.

 „Wir müssen alles dafür tun, um die Schulen offen zu lassen“, betonte die Brandenburgische Bildungsministerin Britta Ernst (SPD, Frau von Olaf Scholz) in einem Interview mit dem rbb-Inforadio, und appellierte darin an die STIKO, endlich eine allgemeine Impfempfehlung für 12- bis 17-Jährige auszusprechen. Auch Bettina Martin (SPD), die Bildungsministerin von Mecklenburg-Vorpommern, hofft auf eine Impfempfehlung für Jugendliche ab 12 Jahren, wie sie in einer Presseerklärung mitteilen lässt. 

 „Amtsärzte plädieren für Coronaimpfung von Kindern ab zwölf Jahren“, berichtet das Deutsche Ärzteblatt am 28. Juli und „Amtsärzte plädieren für Reform der STIKO“, meldet die Süddeutsche Zeitung am 31. Juli: „Angesichts des politischen Drucks auf die STIKO regt der Verband der Amtsärzte an, die Unabhängigkeit der wissenschaftlichen Einrichtung neu zu organisieren.“ Am 30. Juli hatte die Sächsische Impfkommission SIKO generelle Coronaimpfungen für Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren empfohlen und setzte sich damit gegen die STIKO ab, wie das Deutsche Ärzteblatt schreibt (interessant dazu der Kommentar von Kinder- und Jugendarzt Steffen Rabe). Am gleichen Tag drängt Bundesratspräsident Wolfgang Schäuble die STIKO zu einer entsprechenden generellen Empfehlung für alle Kinder, wie dpa und Ärzteblatt melden. Er wünsche sich als Großvater, dass seine Enkel möglichst bald geimpft werden können, weil „die Coronarisiken auch für Kinder um ein Vielfaches höher“ seien als die einer Impfung. „Jeder, der geschützt werden kann, muss geschützt werden“, zitiert ZEIT-Online eine Hamburger Ärztin: „Viele Hausärzte sträuben sich, Kinder gegen Corona zu impfen. Völlig unverständlich, findet eine Hamburger Ärztin. Vor Anfragen kann sie sich kaum retten.“ Der Verband Bildung und Erziehung warnt in der WELT vor einer „Durchseuchung“ der Kinder und Jugendlichen: „Die Politik darf nicht außer Acht lassen, dass auch Kinder schwere Verläufe und ‚Long Covid‘ bekommen können. Den Unterricht nach den Ferien fortzusetzen, als wäre nichts, ist unterlassene Hilfeleistung.“ Priorität eins müsse das Erreichen von Herdenimmunität haben: „Es ist eine gesellschaftliche Aufgabe, dass diejenigen, die können, sich impfen lassen, um die zu schützen, die sich noch nicht impfen lassen dürfen.“ Und Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, warnt: „Wer jetzt verspricht, dass es im nächsten Jahr auf jeden Fall vollständigen Präsenzunterricht geben wird, begibt sich auf dünnes Eis. Niemand kann ausschließen, dass wir wegen der Delta-Variante und mangelnden Impfquoten eine enorme vierte Welle bekommen, in der dann auch wieder Wechselunterricht nötig wird.“

In Frankreich müssen ungeimpfte Schüler:innen in der Mittel- und Oberstufe zu Hause bleiben, wenn es einen Corona-Fall in der Klasse geben sollte. Die geimpften dürfen weiterhin zum Unterricht kommen, wie die FAZ berichtet. Diese neuen Regeln sollen „ein starker Anreiz zu Impfungen“ sein, wie Bildungsminister Jean-Michel Blanquer sagt. In Frankreich ist etwa ein Drittel der 12- bis 17-Jährigen erstgeimpft, jede:r Zehnte vollständig. Nur geimpfte Schüler:innen dürfen an Klassenausflügen in Museen, ins Kino oder Theater teilnehmen. „Die Organisation für ungeimpfte Schüler sei zu kompliziert, deshalb blieben diese von den extraschulischen Akvitäten vorerst ausgeschlossen“, schreibt die FAZ. 16- und 17-Jährige dürfen sich auch ohne das Einverständnis der Eltern impfen lassen.

Ein deutsches Ärztenetzwerk impft sogar schon heimlich Kinder unter zwölf Jahren, wie Tagesspiegel und Focus berichten. Für diese Altersgruppe sind die Impfstoffe jedoch gar nicht zugelassen. Trotzdem reisen Eltern aus ganz Deutschland in die Praxis eines Arztes in Brandenburg. „Kinder aus Sorge um ihre Sicherheit diesem Virus einfach auszusetzen, das sind für mich die falschen Prioritäten“, begründet der Arzt sein Handeln. Die STIKO könne „nur normales Leben, Pandemie kann sie nicht.“

Und pünktlich zur Konferenz der Gesundheitsminister von Bund und Ländern legte auch SPD-Politiker Karl Lauterbach in einem Interview mit dem Deutschlandfunk noch einmal nach (und wurde damit in mehreren großen Medien zitiert): Die ablehnende Haltung der STIKO sei „nicht länger nachvollziehbar“. Sie befinde sich mit ihrer Haltung in einer „Außenseiterposition“. Wichtige Studien hätten ergeben, dass „eine Durchseuchung mit der Delta-Variante viel gefährlicher“ sei als das Impfen von Kindern. Die STIKO habe sich „ein bisschen zu früh festgelegt und verrannt“.

Natürlich verwahrt sich die STIKO gegen derlei Darstellungen, und ihr Vorsitzender, der Virologe Thomas Mertens, blieb standhaft bei seiner Haltung, dass einfach noch nicht genügend Daten vorliegen. „Wenn man ehrlich ist, gibt es noch sehr wenig Studien, es handelt sich ja jetzt um Anwendungsbeobachtungen“, sagte Mertens in einem Interview mit NDRinfo. „Man weiß zwar inzwischen relativ genau, wie häufig eine Myokarditis (Herzmuskelentzündung, d. Red.) bei Jugendlichen auftritt, was wir aber bislang immer noch nur sehr unscharf wissen, ist, welche klinischen Konsequenzen das haben kann.“ Es werde zwar angegeben, dass die Verläufe meistens gutartig sind, aber man wisse nichts über die wirklichen gesundheitlichen Folgen. Daran hätte auch die erste Veröffentlichung dazu aus den USA, die am 9. Juli erschienen ist, nichts geändert. Dass in den USA schon so viele Jugendliche geimpft seien, sei Folge höherer Anteile an Mangelernährung, Übergewicht und Diabetes in dieser Altersgruppe, sagte Mertens in einem weiteren Interview mit dem Südwestrundfunk. Die Entscheidung der Politik, das Impfangebot jetzt für Kinder über 12 Jahre auszuweiten, basiere nicht auf wissenschaftlicher Evidenz.

Das sieht auch der Hamburger Kinderkardiologe Stefan Renz so: „Offenbar gibt es 1 von 15.600 Fällen Entzündungen am Herzen, vor allem bei Jungen, dieses Risiko müssen wir erst noch genauer analysieren“ sagt er in einem Interview mit der ZEIT. „Es heißt überall, die Herzentzündungen bei den Jungen nach der Impfung seien nur ‚leicht‘. Als Kardiologe muss ich da trotzdem warnen. So wie es keine leichte Narkose gibt, gibt es auch keine leichte Myokarditis. Es besteht immer die Möglichkeit, dass Vernarbungen zurückbleiben – die dann später einen plötzlichen Herztod verursachen. Das Risiko finde ich einfach zu hoch.“

Mertens und die STIKO wissen sich in ihrer Einschätzung einig mit namhaften Wissenschaftler:innen und Ärzt:innen, darunter auch dem Vorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen: „Impfungen von gesunden Kindern und Jugendlichen sind nach heutiger Studienlage offensichtlich in der Risiko- und Nutzenabwägung noch mit zu vielen Unwägbarkeiten behaftet, um eine generelle Impfempfehlung für alle gesunden Kinder auszusprechen“, sagte Gassen der WELT. „Leider wälzt die Politik ihr Versäumnis, andere Schutzmaßnahmen zu ergreifen, um etwa Präsenzunterricht nach den Sommerferien wieder zu ermöglichen, jetzt auf Kinder und Jugendliche und deren Eltern ab, indem ein erheblicher Impfdruck aufgebaut wird. Ich sehe es zudem sehr kritisch, dass von politischer Seite großer Druck auf die STIKO ausgeübt wird. Letztlich handelt es sich doch um eine medizinische Frage, wann jemand geimpft werden sollte. Sie solle medizinisch, nicht politisch beantwortet werden.“

Auch Ärzteverbände beklagen die ‚Demontage‘ der STIKO, z. B. der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte sowie der Virchowbund (ein Verband für niedergelassene Ärzt:innen): „Bei aller berechtigten Kritik an der Transparenz der Entscheidungen, der Kommunikation und Geschwindigkeit der STIKO lehnen wir den gestrigen faktischen Eingriff in die wissenschaftliche Unabhängigkeit ab und weisen ihn zurück“, heißt es in einer Meldung auf der Webseite des SPIEGEL (am 3.8.21 um 19:38 Uhr). Die STIKO sei eine „bewährte Institution“ und werde durch dieses Vorgehen geschwächt.

„Wer glaubt, dass es eine gute Idee ist, in dieser Frage (des Impfens von Kindern und Jugendlichen, d. Red.) auf Politiker zu hören, kann sich auch von seinem Gesundheitsminister den Blinddarm operieren lassen“, sagt Jakob Maske, Bundessprecher des Verbands der Kinder- und Jugendärzte in der BILD. Und der Berliner Kinderarzt Martin Karsten ergänzt: „Durch die aktuelle Situation besteht die Gefahr, dass die Kinder anfangen, aufeinander Druck zu machen.“ Dadurch könne ein „regelrechter Impfwettbewerb“ entstehen: „Mit dem Ergebnis, dass die oder der nicht dabei sein oder irgendetwas nicht mitmachen kann, weil er nicht geimpft ist. Wir müssen aufpassen, dass Klassen dadurch nicht geteilt werden.“

Wie dünn die Basis ist, auf der die Politik jetzt jede wissenschaftlich basierte Empfehlung negiert, zeigt ein Artikel in der SZ, aus dem klar hervorgeht: „Covid-19 richtet bei Kindern sehr wenig Schaden an. Bei knapp 190 000 Kindern und Jugendlichen unter 17 Jahren ist eine gesicherte Infektion mit Sars-CoV-2 in Deutschland dokumentiert, allerdings sind viele davon zufällig entdeckt worden, weil die Kinder aus anderen Gründen in einer Klinik waren und dort getestet wurden. Knapp ein Prozent davon, etwa 1800, wurden in einer Klinik behandelt. Davon wiederum wurden 18 Kinder, also ein Prozent, intensivmedizinisch betreut. Zwei Kinder starben, das entspricht 0,001 Prozent. Beide Todesfälle betrafen Kinder, die durch Vorerkrankungen zuvor bereits schwer beeinträchtigt waren.“ Es gibt, wie Thomas Mertens nicht müde wird zu betonen, keine relevante Krankheitslast, die es rechtfertigen würde, die Kinder einem derart unbekannten Impfstoff auszusetzen, dessen langfristige Auswirkungen auf das Immunsystem in keiner Weise erforscht sind. Die unklaren Risiken einer Impfung überwiegen den Nutzen also bei weitem.