Corona-Spezial

Unser Kompass zu COVID-19 und Gedanken über die Krisenzeit

Hier finden Sie aktuelle Berichte, Informationen und Stellungnahmen zur Corona-Pandemie sowie Gedanken über die Krisenzeit. Wir aktualisieren diesen Bereich in unregelmäßigen Abständen – je nach Lage der Dinge.

In diesem Zusammenhang sei auch auf unser Archiv hingewiesen. Wir haben uns dafür entschieden, jeweils nur die vergangenen zwei bis drei Monate zu dokumentieren, vor allem, weil vieles, was wir in der Zeit davor geschrieben und kommentiert haben, inzwischen wieder überholt ist und leicht zu Missverständnissen Anlass geben kann.

Und noch eine Erklärung vorneweg: So manches, worauf wir hinweisen, wirft einen kritischen Blick auf den derzeitigen Kurs der Bundesregierung. Das bedeutet allerdings nicht, dass wir die Pandemie in ihrer Existenz in Frage stellen. Wir sind uns sehr wohl der Gefahren bewusst, die sich mit einer Infektion mit SARS-CoV-2 verbinden können. Wir sind uns vor allem auch der fatalen weltweiten Auswirkungen bewusst, die diese Pandemie schon jetzt nach sich zieht und fürderhin noch ziehen wird. Wir bringen diese Zusammenstellung an Informationen und Quellen, weil sie ergänzend notwendig sind, um einen offenen, fairen und sachgemäßen demokratischen Dialog zu führen, ohne den wir in einer totalen Spaltung der Gesellschaft landen.

Es kommt immer wieder vor, dass sich Rechtsradikale und Neonazis oder die AfD unserer Argumente bemächtigen. Das können wir nicht verhindern. Aber wir distanzieren uns ganz klar und entschieden von solchen Übergriffen und ebenso von diesen Kreisen.

Noch ein Hinweis die im Corona-Spezial benannten Links betreffend: Viele davon liegen hinter einer Bezahlschranke – denn Journalismus, auch Online-Journalismus, kostet Geld. Da manche Redaktionen einen Text anfangs frei zugänglich machen, ihn aber über kurz oder lang hinter die Paywall stellen (z. B. bei hohen Click-Zahlen, die ein gesteigertes Interesse signalisieren), verzichten wir künftig darauf, bei jedem Link anzugeben, ob er nur kostenpflichtig zu lesen ist.

Unser Corona-Spezial im Mai 2021 umfasst folgende Themen:

Umstritten

Das neue Infektionsschutzgesetz

Es war eine turbulente Sitzung und eine kontroverse Debatte im Deutschen Bundestag, aber am Schluss wurde mit dem neuen Infektionsschutzgesetz eine Norm verabschiedet, die in ihrer Wirkung einmalig ist: Ab sofort und bislang befristet auf 30. Juni 2021 gelten verschärfte Bestimmungen inklusive nächtlicher Ausgangssperren von 22 bis 5 Uhr bei Überschreiten einer 7-Tage-Inzidenz von 100 an drei aufeinanderfolgenden Tagen. Schulen müssen auf Homeschooling umschwenken, wenn die Inzidenz über 165 liegt. Ab 150 dürfen Einzelhändler keine Kund*innen mehr im Laden bedienen (Ausnahme: Lebensmittelgeschäfte, Apotheken, Drogerien).

Schon im Vorfeld hatte sich gegen dieses Gesetzesvorhaben massiver Widerstand geregt. Mehr als 200 Verfassungsbeschwerden sind dazu beim Bundesverfassungsgericht eingegangen – eine stammt von der FDP (die Eilanträge gegen die nächtlichen Ausgangsbeschränkungen wurden vom Gericht inzwischen abgelehnt). In einem Interview mit der WELT machte Wolfgang Kubicki aus seiner Ablehnung keinen Hehl: Die im Gesetz festgeschriebene, vom RKI ermittelte Inzidenz als Maß aller Dinge habe „gar keinen Aussagewert, was die reale Abbildung des Pandemiegeschehens“ angehe. „Dennoch steht sie als einziger Maßstab im Gesetz.“

Auch andere Jurist*innen positionierten sich gegen das Gesetz, z. B. das Netzwerk Kritische Richter und Staatsanwälte oder die Anwältin Jessica Hamed in der Berliner Zeitung, die den ehemaligen Vorsitzenden des Deutschen Richterbundes und Direktor des Amtsgerichts Bielefeld, Jens Gnisa, zitiert, der „entsetzt“ sei darüber und dazu aufruft, „dem in Gesetz gegossenen ‚Dauerlockdown‘ nicht zuzustimmen“.

„Das geht zu weit!“ schreibt Ingo Krampen, Rechtsanwalt, Mediator und Notar a. D. in Bochum, in einer Stellungnahme zur „Notbremse“ der Regierung. „Damit ist eine Grenze überschritten, die wir als Jurist*innen nicht mehr widerspruchslos hinnehmen können.“ Er wolle „nicht von Inzidenzzahlen regiert“ werden: „Das ist gespenstisch und ‚Big Brother‘ in Reinkultur. Wenn diese Art von Gesetzgebung Schule macht, wird demnächst von Luftschadstoffwerten bestimmt, wann ich autofahren oder spazierengehen darf, von meinem Intelligenzquotient, welche Fortbildungen ich besuchen darf, von meinen Blutdruckwerten, welche Unternehmungen ich machen darf und welche nicht.“ 

Heribert Prantl, ebenfalls Jurist und Autor der Süddeutschen Zeitung, sagte in einem Interview für Telepolis auf heise.de: „Dieses Infektionsschutzgesetz liegt mir wie ein Stein im Magen. Ich habe große Zweifel daran, dass ein Rechtsstaat das verdauen kann.Es schränkte fast alle Grundrechte ein: „die Bewegungsfreiheit, die Glaubens- und Religionsfreiheit, den Schutz der Familie, die Versammlungsfreiheit, die Vereinigungs- und Koalitionsfreiheit, die Freizügigkeit, die Berufs- und Berufsausübungsfreiheit, die Gewerbefreiheit, den Schutz des Eigentums etc. etc.“ Man müsse sich „heute schon fragen lassen, wenn man die Grundrechte verteidigt, ob man schon ein Querdenker geworden ist. Solches Gerede gibt mir jedes Mal einen Stich. Was ist da passiert, dass das Verfassungs- und Grundrechteverständnis so porös geworden ist?“

Aufsehen erregte ein Offener Brief des ehemaligen Leiters des Instituts für Virologie der Charité, Prof. Dr. Detlev H. Krüger, und des ehemaligen Leiters des Globalen Influenza- und Pandemievorbereitungsprogramms der WHO, Prof. Dr. Klaus Stöhr. Beide Wissenschaftler greifen vor allem die Orientierung an der 7-Tages-Inzidenz an. Diese differenziere nicht, in welchen Altersgruppen, Lebensräumen und Bevölkerungsgruppen Infektionen auftreten: „Eine gleich hohe Inzidenz kann dramatisch unterschiedliche Bedeutung haben, je nachdem, ob sie z. B. bei primär gesunden Studierenden, bei schwer erreichbaren Bevölkerungsgruppen, bei besonders vulnerablen Menschen, oder diffus in der Gesamtbevölkerung verteilt gemessen wird. (...) Eine gleich hohe 7-Tages-Inzidenz kann in einem Szenario (z. B. Verschlechterung der Lage in Nachbarregionen) eine Verschärfung der Maßnahmen erfordern, während sie in einem anderen Szenario (z. B. stark sinkender Trend) gar eine Lockerung erlauben könnte.“ Als alternative Orientierungsgröße schlagen Krüger und Stöhr „die tägliche Anzahl der Covid-bedingten intensivstationären Neuaufnahmen“ (nicht zu verwechseln mit der intensivmedizinischen Belegungsstatistik!, Anm. d. Red.) vor, „differenziert nach Landkreis des Patientenwohnortes, Alter und Geschlecht mit Berücksichtigung diesbezüglicher zeitlicher Trends“.

Auch Gérard Krause, Leiter der Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig, wollte diesen Offenen Brief ebenfalls zeichnen, durfte aber offenbar nicht – sein Arbeitgeber verbot es ihm, wie Gregor Amlung in einem Gastbeitrag bei Boris Reitschuster berichtet: „Helmholtz-Forscher sollen sich ‚seriös und neutral‘ äußern, ‚ohne sich dabei in irgendeiner Weise politisch oder anderweitig vereinnahmen zu lassen‘, so die Begründung.“

Der ehemalige stellvertretende Vorsitzende des Sachverständigenrats Gesundheit, Prof. Dr. Matthias Schrappe, gab der von ihm zusammen mit neun weiteren Fachleuten verfassten 2. Ad-hoc-Stellungnahme die Überschrift: „Zentralisierte Willkür: Über den Entwurf eines 4. Bevölkerungsschutzgesetzes“. Darin heißt es: „Die Pandemie sollte nicht der Ausgangspunkt für staatsorganisatorische Interventionen/Veränderungen sein. Der Gedanke an eine neue Notstandsverfassung im Gesundheitsbereich drängt sich auf.“

In den Medien gab es – endlich! – eine Vielzahl kritischer Berichte zu diesem neuen Gesetz, die vorwiegend die Verfassungsgemäßheit anzweifelten, z. B. in der WELT gleich mehrfach („Ein Angriff auf die Vernunft“, „Der Gesundheitsminister als Herr über die Grundrechte? Lieber nicht“, „Die Ministerpräsidenten animieren ihre Polizei zur Dienstverweigerung“, „Diese Daten entlarven die Ausgangssperre als politischen Irrtum“), in der Neuen Zürcher Zeitung („Störung im System: Statt Ausgangssperren wäre eine Notbremse für staatliche Vernunft geboten“), in der Süddeutschen Zeitung („Ein sinnloser Eingriff in die persönliche Freiheit“).

Welche absurden Blüten dieses Gesetz treibt, wird am Beispiel Helgoland deutlich. Die Insel in der Nordsee gehört verwaltungstechnisch zum Landkreis Pinneberg und hat eine Corona-Inzidenz von Null. Mehr als ein Drittel der Einheimischen ist bereits geimpft. Gäste dürfen zurzeit ohnehin nicht kommen (berufliche Besucher ausgenommen). Trotzdem gilt für die 1.300 Bewohner*innen die Ausgangssperre, weil das Gesetz eben für alle bindend ist ...  

„Es macht keinen Sinn, Menschen zur normalen Schlafenszeit am Betreten der Straße oder sogar ihres Gartens zu hindern, nur um sie dann morgens in vollen Bahnen und Bussen zu ihren Großraumbüros zu karren, wo sie sich seltsamerweise aber auch nicht in Massen mit Corona anstecken“, schreibt der Journalist Milosz Matuschek in einem Beitrag für die Berliner Zeitung, den er auch in seinem Newsletter abdruckte. „Wie man es dreht und wendet: Es ergibt keinen Sinn. Angela Merkel hat Recht: Wir sind in einer ‚neuen Pandemie‘. Aber nicht wegen irgendeiner Mutante. Wir sind in einer Pandemie der willkürlichen Panik-Politik.“

Vor „symbolischen Coronamaßnahmen“ warnen auch namhafte deutsche Aerosolforscher die Politik und kritisierten die Ausgangssperren: „Die heimlichen Treffen in Innenräumen werden damit nicht verhindert, sondern lediglich die Motivation erhöht, sich den staatlichen Anordnungen noch mehr zu entziehen. In der Fußgängerzone eine Maske zu tragen, um anschließend im eigenen Wohnzimmer eine Kaffeetafel ohne Maske zu veranstalten, ist nicht das, was wir als Experten unter Infektionsvermeidung verstehen. (...) Wenn wir die Pandemie in den Griff bekommen wollen, müssen wir die Menschen sensibilisieren, dass drinnen die Gefahr lauert“, schreiben sie in einem Brief an die Landesregierungen und das Bundeskabinett, wie das Deutsche Ärzteblatt berichtet: „Leider werden bis heute wesentliche Erkenntnisse unserer Forschungsarbeit nicht in praktisches Handeln übersetzt.“ Die Forscher plädieren dafür, Raumluftfilter überall dort zu installieren, wo sich Menschen längere Zeit in geschlossenen Räumen aufhalten müssen – in Pflegeheimen, Büros, Schulen.

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung erklärt Christof Asbach, Präsident der Gesellschaft für Aerosolforschung, warum er Ausgangssperren und Maskenpflicht beim Joggen für falsche Signale hält: „Mit solchen Maßnahmen wird ein falscher Fokus gesetzt.“

Wie es in Frankreich und Spanien aussieht, einem Land mit und einem ohne Ausgangssperre, schildert Alexander Oetker in einem Bericht für n-tv: „Une Ausgangssperre? Mais non ...“ Er schreibt, die Ausgangssperre in Frankreich „bringt gar nichts, vielleicht sogar noch das Gegenteil von dem, was sie erreichen soll.“ Die Zahlen bestätigen das, die Inzidenz ist trotz Ausgangssperre hoch. Dass es trotz hoher Zahlen auch anders geht, zeigt Spanien, wo zu diesem Zeitpunkt (Anfang April) Bars, Cafés, Restaurants bis 20 Uhr innen und außen geöffnet sind, und das schon seit Januar. Trotzdem explodieren die Zahlen nicht. Die Inzidenz liegt im Baskenland bei 150, landesweit bei 90, in Galizien bei 33, obwohl alles offen ist, auch der Einzelhandel. „Vielleicht wäre es ja doch mal eine gute Idee, über den Tellerrand zu blicken“, schreibt Oetker, „und von denen zu lernen, die die Zahlen gesenkt haben. Deutschland aber will es derzeit den Ländern nachmachen, die trotz strenger Lockdowns immer noch viel zu große Probleme haben.“

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„Wir wissen nicht genau, was wir tun“

Die Politik stochert im Nebel

In einem Interview mit dem heute journal des ZDF kritisierte der Medizinstatistiker Prof. Dr. Gerd Antes (Freiburg), dass die Corona-Maßnahmen der Regierung auf einer denkbar schlechten Datenlage beruhen. Man habe versäumt, die wichtigen Informationen zu erfassen, wo und wann und wer am meisten von Corona-Infektionen betroffen ist: „Man glaubt es kaum, aber es ist wirklich so. Es fehlt an Vertrauen in die Wissenschaft. Die Politik hat gegenwärtig mehr Vertrauen in sich selbst, die Dinge auch ohne die entsprechenden Zahlen zu regeln, und deshalb sind diese ganzen Unterlassungssünden über die letzten 10, 11, 12 Monate aus meiner Sicht nur darüber zu erklären.“ Man bräuchte eine grundlegende Bestandsaufnahme:  1. Wo sind die Herde für Infektionen? „Schwierige Wohngebiete“ seien zu Recht inzwischen zum Thema geworden. 2. Wie bewerten wir diese Maßnahmen? Es sei immer noch völlig unklar, ob die Ausgangssperre oder andere Maßnahmen des Lockdown überhaupt die Wirkung zeigen, die man sich von ihnen erhofft. 3. Man müsse endlich eine große Studie mit einer repräsentativen Auswahl von 30-50.000 Bundesbürgern auflegen, die über die Zeit hinweg begleitet werden, so dass man weiß, was geschieht. Antes: „Eines der großen Probleme ist noch die Dunkelziffer. Wir wissen nicht genau, wie viele wirklich infiziert werden.“ Die Schulen sind für Antes nachweislich „nicht der große Treiber – das wird fatal überdramatisiert.“

Dabei könnten schon einfache Verbesserungen für mehr Erkenntnis sorgen. „Wir müssen die Ergebnisse der PCR-Tests genauer auswerten“, fordert z. B. die WELT. Denn der Test allein ist weder gleichbedeutend mit einer Corona-Erkrankung noch mit einer hohen Infektiosität. Um beides zu erkennen, kommt es auf den Ct-Wert an. Er zeigt an, wie viele Zyklen notwendig waren, bis die Virus-Bruchstücke erkannt wurden. Bei einer hohen Viruslast geschieht das schon nach wenigen Durchläufen (unter 20). Je mehr Zyklen erforderlich sind, desto geringer ist die Viruslast und damit auch die Infektiosität. So ist bei einem Ct-Wert von über 30 eine Ansteckungsgefahr ziemlich ausgeschlossen. „Eine Debatte über die Aussagekraft der PCR-Testung wird hierzulande so gut wie nicht geführt“, heißt es in dem Artikel. Ganz anders in Spanien: „Dort nimmt die Regionalregierung die Ct-Werte seit Monaten genau unter die Lupe und lässt sie mit in die Entscheidungen über die Verschärfung oder Lockerung von Maßnahmen einfließen; jüngst lag der Ct-Wert der positiven PCR-Tests in rund 50 Prozent der Fälle bei über 30.“ Das heißt: Geringe oder gar keine Infektiosität trotz positiver Testes. „In Deutschland dagegen spielt der Ct-Wert kaum eine Rolle – und die Politik macht keine Anstalten, daran etwas zu ändern. (...) Längst haben es sich die Entscheider bequem gemacht mit ihren Inzidenzwerten und Positivtests – ein realistischer Überblick über das Erkrankungsgeschehen lässt sich so nicht bekommen.“

Entgegen der Prognosen und Ankündigungen sind die Sterbefälle deutlich zurückgegangen, im März lagen sie sogar um 11 Prozent unter denen der Vorjahre, wie das Statistische Bundesamt mitteilt. Allerdings zweifeln Rechtsmediziner an der Zahl der Corona-Toten, wie der Nordkurier berichtet. Es werde zu wenig obduziert, um besser auseinanderhalten zu können, ob jemand AN oder MIT Corona gestorben ist. Es werde „eine viel höhere Sterberate assoziiert, als sie wirklich ist“, sagte der Direktor der Rechtsmedizin an der Universität Rostock, Andreas Büttner.

Immer wieder in der Diskussion ist die Belegung der Intensivstationen. Was die Zahlen dazu aussagen oder auch nicht, zeigt eine interessante Dokumentation, die leider etwas reißerisch angekündigt wird, aber inhaltlich viele wichtige Informationen liefert.

Mehr ins Blickfeld gerückt sind jetzt endlich sozial schwache Menschen sowie Menschen mit Migrationshintergrund. Denn Armut und beengte Wohn- und Lebensverhältnisse sind Risikofaktoren in der Pandemie. Studien zeigen, dass sozial benachteiligte Menschen ein deutlich höheres Infektions- und auch Sterberisiko durch Covid-19 haben. Ärzt*innen und Pflegende auf Intensivstationen beobachten schon seit langem, dass Migrant*innen dort einen wachsenden Anteil unter der Covid-Patient*innen stellen. Aber auch da fehlen konkrete Zahlen – eine sozioökonomische Statistik wird nicht geführt. Schätzungen belaufen sich auf 30 bis 60 Prozent und mehr, heißt es in einem Bericht der WELT über dieses Problem. „Je länger die Pandemie andauert, desto klarer wird, dass sie sich vor allem dort ausbreitet, wo die Bevölkerung in prekären Verhältnissen lebt, sprich: wo Menschen schlecht ausgebildet sind und arm. Menschen mit Migrationshintergrund sind das im Schnitt öfter als die, die hier geboren wurden.“ Wo man sich die Mühe macht, die Zahlen zu erfassen, wird das Ausmaß der Problematik deutlich. So haben z. B., wie die Landrätin des Kreises Bad Kreuznach festgestellt hat, „zwei Drittel bis drei Viertel der Infizierten einen Migrationshintergrund. Diese Aussagen sind nicht populär. Aber die Häufung von Corona-Fällen bei bestimmten Bevölkerungsgruppen muss angesprochen werden, damit man etwas dagegen tun kann.“ So wird jetzt z.B. überlegt, Menschen aus sozial schwachen Stadtteilen bevorzugt zu impfen und dort auch die Aufklärungsmaßnahmen zu verstärken, wie man sich vor einer Ansteckung schützen kann, wie der STERN berichtet.

Das erscheint umso notwendiger, als RKI-Präsident Lothar Wieler, wie die WELT berichtet, am 30. April 2021 in der Bundespressekonferenz den bemerkenswerten Satz sprach: „Wir werden bis Ende 2022 voll in der Pandemie stecken.“ Vor allem mit Blick auf Indien sei es wichtig, dass die Menschen weltweit Zugang zu den Impfstoffen bekommen können: „Wir sind nur sicher, wenn alle sicher sind.“ Weshalb Bundesgesundheitsminister Spahn auch gleich die Kinder mitimpfen lassen möchte, BionTech/Pfizer hat die Zulassung für den Einsatz ihres Impfstoffs für Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren bereits beantragt. Studien mit Schwangeren und Kindern ab sechs Monaten laufen bereits (siehe dazu „Stop! Keine Massenimpfungen bei Kindern!“).

In einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung sagte der Virologe Hendrik Streeck, die These, man könne SARS-CoV-2 eines Tages durch Impfstoffe aus der Welt schaffen, sei „leider illusorisch“: „Selbst wenn alle Menschen der Welt geimpft wären, was nie der Fall sein wird, würde das Virus immer noch im Tierreich weiter existieren. Viele Katzen sind infiziert, auch Marder, Fledermäuse. Und mit den Mutationen können jederzeit neue Tierwirte hinzukommen.“ Auch Resistenzen gegen Impfstoffe seien möglich und angesichts der Impfkampagnen sogar wahrscheinlicher. Sie helfen allerdings, eine Teilimmunität zu erreichen. Prognosen, wann die Pandemie damit kontrollierbar wird, seien jedoch „nicht seriös“. Um eine vernünftige Politik zu entwickeln, brauche es alle: „Virologen, Epidemiologen, Soziologinnen, Philosophen, Politiker und natürlich: Bürgerinnen und Bürger. (...) Wir werden das Problem nicht lösen, wenn wir jetzt einfach die drastischsten Maßnahmen mit Polizeigewalt durchdrücken – es braucht ein Abwägen, Augenmaß, einen gesamtgesellschaftlichen Konsens. (...) Virologen sollten nicht die Macht übernehmen, und die Politiker sollten sich nicht hinter den Virologen verstecken.“

Aus epidemiologischer Sicht müssten die entzogenen Rechte sehr bald komplett zurückgegeben werden, meint auch der Epidemiologe Klaus Stöhr, und zwar nicht nur an die Geimpften und Genesenen, sondern an alle, wie er in einem ausführlichen Post auf Twitter ausführt. SARS-CoV-2 werde „ständig weiter zirkulieren: saisonal in der nördlichen/südlichen Hemisphäre und dauernd auf niedrigem Niveau in der Äquatorialregion.“ Warum? Weil eine Immunität nach einer Impfung oder einem Infekt nicht zu 100 Prozent vor Reinfektion und Virus-Ausscheidung schütze. Es werde „keine Herdenimmunität im klassischen Sinn geben; auch wenn alle immun sind, können sich einige doch noch infizieren“. Es gebe wie bei den aller-, allermeisten anderen Infektionserkrankungen leider auch keine sterile Immunität nach einer Impfung oder einem Infekt.

Nach einer Erstinfektion werden Reinfektionen allerdings sehr viel milder verlaufen – in allen Altersgruppen. Falls neue Varianten auftreten, könne es durch den verminderten Immunschutz aus vorherigen Infektionen zu einem „Coronajahr“ mit vermehrten Fällen kommen – ähnlich wie bei der Influenza. Die Impfempfehlungen werde man aber aus praktischen Gründen solchen Schwankungen nicht anpassen können. Ob ab 2022 überhaupt noch eine Impfung notwendig sein werde, hänge davon ab, wie schwer Reinfektionen bei den Älteren verlaufen. Falls vergleichbar mit den anderen vier endemischen Corona-Viren: keine Impfung mehr. Falls wie bei Influenza: nur die Älteren.

Bei den weltweit jährlich ca. 100 Millionen neugeborenen Kindern verlaufe die Erstinfektion mit SARS-CoV-2 mild oder asymptomatisch. Alle ca. fünf bis zehn Jahre erfolge eine Reinfektion mit Auffrischung des Immunschutzes.

Dennoch hat das Bundeskabinett Lockerungen für Geimpfte bereits beschlossen, Bundestag und -rat müssen noch zustimmen, womit aber zu rechnen ist. Ausgangssperren und Kontaktverbote sind für zweimal Geimpfte damit passé, sie können auch ohne Schnelltest wieder shoppen oder zum Friseur, und sie müssen bei Reisen keine Quarantäneregeln mehr beachten. Maskenpflicht und Abstandsgebot bleiben jedoch auch für sie bindend. In Deutschland sind bislang etwas mehr als 28 Prozent der Menschen mindestens einmal geimpft, zwei Impfungen haben deutlich weniger erhalten. Markus Söder hat für Bayern bereits weitere Öffnungen angekündigt.

Und entgegen aller Beteuerungen bringt Jens Spahn jetzt mit Hochdruck einen digitalen Impfpass auf den Weg, wie der Spiegel berichtet – die EU will es ja so, damit das Reisen innerhalb Europas leichter wird. Mit dem digitalen Impfausweis soll den jetzt schon kursierenden Fälschungen ein Ende gemacht werden – denn das gelbe Papierdokument lässt sich leicht fälschen, bei der digitalen Version dürfte das nicht ganz so einfach sein. Dass Spahn noch vor einigen Monaten Stein und Bein geschworen hat, es werde keinen solchen Impfpass geben, muss man an dieser Stelle wirklich nicht nochmal hervorheben.  

Der deutsch-schweizerische Philosoph Prof. Dr. Michael Esfeld hat zu diesem Thema in der Zeitschrift Das Goetheanum einen Essay unter der Überschrift „Impfpass – ein Weg in die Freiheit oder in die geschlossene Gesellschaft?“ geschrieben. Darin heißt es: „Es geht nicht um einen Weg zurück zu Freiheit und Rechtsstaat, sondern um einen Weg hin zu einer ‚neuen Normalität‘. Das ist ein Weg in eine geschlossene Gesellschaft, der irreführend als Ausweg in die Freiheit dargestellt wird. Tatsächlich handelt es sich um die Zementierung der Freiheitsberaubung – nur nicht mehr durchgesetzt durch die Gewalt von Lockdowns, sondern durch die süße Versuchung sozialer Zertifikate in Form von Impfpässen. (...) Man wusste von Anfang an und hat die Bestätigung durch zahlreiche Studien, dass die gesundheitlichen, sozialen und wirtschaftlichen Schäden der sogenannten Corona-Schutzmaßnahmen deren Nutzen bei Weitem übersteigen werden. (...) Wir stehen heute vor einer Weichenstellung zwischen einer offenen und einer geschlossenen Gesellschaft. Die offene erkennt jeden Menschen in seiner Würde an. (...) Die geschlossene Gesellschaft zeichnet sich hingegen dadurch aus, dass sie ein bestimmtes Gut – wie heute Gesundheitsschutz oder Klimaschutz – in dem Sinne absolut setzt, dass sie es über Grundrechte und Menschenwürde stellt. Die Gewährung von Grundrechten und der Respekt der Menschenwürde zur individuellen Lebensgestaltung werden von Bedingungen abhängig gemacht, die eine Allianz von Experten, Politikerinnen und Wirtschaftsführern zusammen mit den Mainstreammedien festsetzt als angeblich erforderlich, um dieses Gut zu schützen.“

Der Deutsche Ethikrat hat seine bisherige Linie zur Rückgabe von Grundrechten an Geimpfte und Genesene bereits verlassen und ist auf die Regierungspolitik eingeschwenkt. Noch im September hatte er darauf bestanden, dass eine „Immunitätsbescheinigung“, mit der maßgebliche Grundrecht wieder zurückgegeben werden, einen „zuverlässigen Nachweis über den Grad und die Dauer der Immunität, also den Schutz der betreffenden Person vor einer Infektion und ihre Nichtinfektiosität“ voraussetzen müsse. Ansonsten bestehe „die Gefahr einer Zwei-Klassen-Gesellschaft, wenn etwa der Zugang zum Kaufhaus oder zu Kultur- und Sportveranstaltungen, die Reisefreiheit oder auch der Abschluss eines Arbeitsvertrags nur Personen mit Immunitätsbescheinigung gewährt würde.“

Inzwischen lässt die Ethikrat-Vorsitzende Alena Buyx anderes verlauten: Die individuellen Freiheitsbeschränkungen, die die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung allen Bürger*innen auferlegen, seien „für Geimpfte nicht haltbar und rechtlich schwierig durchzusetzen“, erklärte Buyx in einem Interview mit dem Deutschlandfunk am 12. April 2021. Die geplanten Lockerungen für Geimpfte, Genesene und negativ Getestete begrüße sie deshalb ausdrücklich: „Es gibt jetzt eine neue Situation. Denn Geimpfte scheinen nicht mehr ansteckend und können das Virus nicht mehr übertragen.“ Die derzeitige Studienlage gibt das allerdings nicht her – auch Geimpfte und Genesene können das Virus noch in relevantem Maße weiterverbreiten. 

Dennoch wird unermüdlich das Impfen als alleiniger Ausweg aus dem Lockdown und der Pandemie gepredigt. Jetzt sollen auch Schwangere und Stillende „priorisiert mit mRNA-basiertem Impfstoff gegen Covid-19 geimpft werden“, empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe zusammen mit zehn weiteren deutschen Fachgesellschaften. Die Studien dazu laufen bereits, wie das Deutsche Ärzteblatt berichtet. Es seien bisher keine Hinweise für vermehrte Komplikationen gefunden worden (z. B. Fehl-, Früh- oder Totgeburt, Wachstumsstörungen beim Ungeboren, Fehlbildungen) und auch keine Anzeichen für ein vermehrtes Krankheits- oder Sterberisiko. Nach derzeitigem Kenntnisstand gebe es keine Unterschiede im Nebenwirkungsprofil im Vergleich zu Nicht-Schwangeren. Möglicherweise könnten die gebildeten Antikörper sogar das Ungeborene schützen. Schwangere seien jedoch besonders gefährdet für einen schweren Verlauf, wenn sie sich mit SARS-CoV-2 infizieren.

Ebenso sollen jetzt Jugendliche und Kinder geimpft werden – bis hinab ins Säuglingsalter. Biontech/Pfizer hat bei der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA bereits eine Zulassung für den Einsatz ihres Impfstoffs bei Jugendlichen ab 12 Jahre beantragt (für Jugendliche ab 16 Jahren ist er als bislang einziger bereits zugelassen). „Biontech-Impfstoff ab Juni für ältere Kinder, für alle ab September“, meldet der Spiegel prompt vorauseilend, denn das die EMA die Zulassung erteilt, scheint schon jetzt selbstverständlich. „Auch die zweite klinische Studie mit knapp 4.600 jüngeren Kindern ist bereits weit fortgeschritten. Geimpft wird nach absteigendem Alter: Wenn die Zehnjährigen die Vakzine gut vertragen, sind danach die Neunjährigen an der Reihe. Die Biontech-Forscher sind inzwischen bei der jüngsten Altersklasse angelangt: Kinder ab sechs Monaten.“ Und die Spiegel-Autor*innen Veronika Hackenbroch und Thomas Schulz schlussfolgern: „Würden schon in wenigen Wochen die 12- bis 17-Jährigen und dann ab Herbst auch jüngere Kinder geimpft werden, könnten Schulen und Kindergärten sehr viel schneller wieder regulär laufen. Vorausgesetzt, die Kinder müssen sich beim Impfen nicht ganz hinten anstellen.“

Der 124. Deutsche Ärztetag hat gerade eine Erklärung verabschiedet, mit der er die Bundesregierung auffordert, „unverzüglich eine Corona-Impfstrategie für Kinder und Jugendliche“ zu entwickeln. Darin heißt es, das Recht auf Bildung“ könne „im Winter 2021/22 nur mit einer rechtzeitigen Corona-Impfung gesichert werden.“

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Ärzte-Aktion

STOP! Keine Massenimpfungen bei Kindern!  

Die Ärzte für individuelle Impfentscheidung e. V. haben sich dazu ganz klar positioniert: Sie fordern einen sofortigen Stopp solcher geplanter Massenimpfungen bei Kindern. Denn, so erläutert der Sprecher des Vereins, der Kinder- und Jugendarzt Dr. Steffen Rabe (München) in einem Videobeitrag: 

  • Kinder sind durch Covid-19 deutlich weniger gefährdet als Erwachsene. Sie erkranken nur selten schwer an Covid-19, und noch seltener sterben sie daran. Evidenzbasiert gibt es bei ihnen keine Risikogruppen für schwere Covid-19-Verläufe. Von einer massenhaften Impfung würden nur ganz wenige einzelne Kinder profitieren – die Risiken jedoch tragen Millionen von ihnen.
  • Kinder spielen für die Verbreitung von Covid-19 keine wesentliche Rolle. Das gilt auch für das ohnehin nur minimale Übertragungsrisiko in Schulen und KiTas – was sogar das Robert-Koch-Institut bestätigt. Eine Massenimpfung von Kindern und Jugendlichen kann deshalb die Weiterverbreitung von Covid-19 nicht wesentlich verringern. Schulen und KiTas können und müssen auch ohne Kinderimpfungen wieder geöffnet werden.
  • Kinder zu impfen wird die Herdenimmunität nicht fördern. Es ist zum jetzigen Zeitpunkt völlig unklar, ob Covid-19-Impfstoffe überhaupt zu einer nachhaltigen Herdenimmunität beitragen können. Selbst die optimistischsten Studien geben zu, dass die Impfung das Risiko, andere anzustecken, nicht einmal um die Hälfte verringert – das ist zu wenig, um eine Herdenimmunität durch die Impfung herbeizuführen. Außerdem wissen wir derzeit nicht, wie lange eine Impf-Immunität überhaupt vorhält. Und wir wissen auch nicht, gegen welche Mutationen von SARS-CoV-2 die derzeitigen Impfungen zuverlässig schützen.
  • Kinder sind durch die Nebenwirkungen der Impfstoffe besonders gefährdet. In allen bisherigen Studien zu den Covid-19-Impfstoffen betrafen die schweren und schwersten Nebenwirkungen vor allem jüngere Menschen. Mittel- und langfristige Impffolgen sind zurzeit noch nicht abzuschätzen, ihr Risiko wiegt aber bei Kindern und Jugendlichen besonders schwer. Die bisher begonnenen Impfstoff-Studien an Kindern und Jugendlichen sind viel zu klein und ihre Beobachtungsdauer ist viel zu kurz, um die bei Kindern und Jugendlichen besonders hohen Anforderungen an die Sicherheit der Impfstoffe zu erfüllen.

Diese Statements liegen auch in Plakatform bzw. als Handzettel vor. Eine druckfähige Fassung davon können Sie auf der Homepage des Vereins in Din A 3 oder Din A 4 herunterladen. 

Diese Stellungnahme erscheint umso dringender, als es bereits massive Bestrebungen gibt, Massenimpfungen an Kindern vorzunehmen. So sagte z. B. Jörg Dötsch, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin und Direktor der Kinderklinik an der Uniklinik Köln, in einem Interview mit der WELT: „Mit Impfungen können wir Kindern ihr Recht auf Schule, auf Zusammensein wiedergeben. (...) Wollen wir die Pandemie beenden, so kommen wir an der Impfung von Kindern und Jugendlichen nicht vorbei.“ Nur wenn auch Kinder und Jugendliche geimpft seien, könne man die Pandemie zum Stillstand bringen.

Martin Terhardt, Kinder- und Jugendarzt in Berlin und Mitglied der Arbeitsgruppe Covid-19-Impfung bei der Ständigen Impfkommission (STIKO), erklärte in einem Interview mit dem Spiegel, wie das am besten zu bewerkstelligen sein könnte: „Ein Konzept könnte sein, dass wir auch in den Schulen impfen, in großen, gemeinsamen Aktionen mit niedergelassenen Ärzten, Gesundheitsämtern und anderen helfenden Händen. So könnte man dann nach und nach ganze Schulen durchimpfen.“

Bundeskanzlerin Angela Merkel stieß beim „Impfgipfel“ der Bundesregierung mit den Ministerpräsidenten in das gleiche Horn, wenn sie sagt, wie n-tv berichtet, es werde „noch sehr, sehr lange dauern“, bis es einen Impfstoff für Kinder unter 12 Jahren geben werde: „Und mit sehr lange meine ich, nicht vor Frühjahr 2022. Wir werden also im Herbst eine schwierige Situation an den Grundschulen haben. Dort müssen wir uns auf den Betrieb mit ungeimpften Kindern einstellen.“ Und Markus Söder assistierte in bewährter Art: Die Infektionszahlen bei den Jüngeren würden „dramatisch steigen“, bei den 15- bis 19-Jährigen in Bayern gebe es fast eine 300er-Inzidenz ...

„Der Politik verrutschen sämtliche Maßstäbe“, kommentierte daraufhin Andreas Rosenfelder in der WELT: „Kaum haben sich die Familien resigniert darauf eingestellt, dass erst im kommenden Schuljahr wieder ein Unterricht stattfindet, der diesen Namen verdient – da denkt die Kanzlerin offenbar darüber nach, mit welcher Begründung man diesen für Kinder katastrophalen Zustand ins Unendliche verlängern könnte. (...) Jetzt stellt Merkel plötzlich den Gedanken in den Raum, selbst kleine Kinder müssten durchgeimpft werden, bevor an den Schulen wieder Normalität einkehrt?“ Damit habe die Kanzlerin „eine rote Linie überschritten“: „Selbstverständlich müssen alle Schulen spätestens dann wieder im Regelbetrieb öffnen, wenn jeder Erwachsene die Chance hatte, sich impfen zu lassen – so macht es ja auch jedes andere Land nach erfolgreicher Impfkampagne, Israel zum Beispiel. Eine Impfung von kleinen Kindern ist nicht nur medizinisch bis auf Weiteres unmöglich, sie ist auch unnötig.“ Eltern und Kindern bleibe „nach diesem neuen Schlag in die Magengrube nur die Zuversicht, dass kurz nach dem Beginn des neuen Schuljahres jemand ins Kanzleramt einzieht, der Kinder als das betrachtet, was sie sind: unsere Hoffnung und unsere Zukunft.“

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Eine mutige Aktion

#allesdichtmachen und die Folgen

Es hat mittlerweile die Runde gemacht, dass Ende April über 50 Schauspieler*innen die Aktion #allesdichtmachen gestartet haben (die ungekürzte Version ist immer noch auf YouTube zu sehen und wurde fast 300.000mal aufgerufen). Mit beißender Ironie nehmen sie dort die Lockdown-Politik der Bundesregierung aufs Korn. Das Echo war gewaltig – im Positiven wie im Negativen.

„98 Prozent sagen ‚Danke‘“, berichtete die WELT. „Den deutschen Schauspielern platzt in der Pandemie die Hutschnur“, schrieb die Neue Zürcher Zeitung. Die BILD-Zeitung organisierte sofort einen über zweieinhalbstündigen Live-Beitrag mit Interviews und Stellungnahmen unter dem Motto „Promi-Aufstand gegen Merkels Corona-Politik“. Ärztinnen organisierten kurze Video-Clips unter dem Motto „DANKE #allesdichtmachen“. 

Aber die Woge der Kritik und der Ablehnung war noch deutlich größer, und unter dem Druck des Shitstorms, der über ihnen niederging, zog gut ein Drittel der beteiligten Schauspieler*innen ihre Beiträge wieder zurück. Außer den im vorigen Absatz Zitierten gab es so gut wie kein Medium, das die Aktion nicht verdammte.  „Die einen wüten, die anderen schaudern“, schreibt Janis El-Bira in seiner Analyse für die Nachtkritik. Die Aktion sei „eine Verhöhnung der Corona-Toten“, meinte das Redaktionsnetzwerk Deutschland: „Die AfD und andere Schwurbler jubeln. Dabei zeigt die ironisch gemeinte Aktion nur eines: Ruhm und Erfolg schützen nicht vor Pech beim Denken.“ Der Tagesspiegel konstatierte, #allesdichtmachen sei „so schäbig, dass es weh tut“: „Prominente deutsche Schauspieler verhöhnen Corona-Maßnahmen. Gegenvorschläge haben sie keine.“ In der „aktuellen Stunde“ des WDR machte Moderator Martin von Mauschwitz seiner Empörung schon zu Beginn Luft: „Ich will ehrlich sein, Herr Liefers, wir haben uns heute über Sie geärgert. Seit 14 Monaten arbeitet hier ein Riesenteam mit vielen guten Leuten bis zur Erschöpfung, um die Menschen im Land über die Pandemie möglichst gut zu informieren. Heute kommen Sie, ein WDR-Kollege, und sagen: Alles gleichgeschaltet und alarmistisch. Wie kommen Sie dazu?“ Und auch er hielt Liefers vor, er bediene „exakt das Narrativ der Corona-Leugner, der Rechtsextremen und ‚Lügenpresse‘-Schreihälse“. Die Aktion verhöhne die vielen Menschen, die hart arbeiten und Opfer bringen in der Pandemie. Liefers kam kaum dazu, auf diese Unterstellungen einzugehen, weil der Moderator ihn immer wieder unterbrach.

Der SPD-Rundfunkrat Garrelt Duin verstieg sich in einem Tweet gar zu der Forderung, die öffentlich-rechtlichen Sender müssten die Zusammenarbeit mit Jan-Josef Liefers und Ulrich Tukur „schnellstens beenden“. Den Tweet hat Duin dann schnell wieder gelöscht, aber er war nicht allein mit seiner Forderung nach einem Berufsverbot für die Beteiligten. Der Physiker und Befürworter eines konsequenten Lockdowns, Cornelius Roemer, rief z. B. dazu auf, „detaillierte Listen über die Schauspieler und deren Follower anzulegen“, wie die Berliner Zeitung berichtet. Damit wolle er herausfinden, „ob jemand mit viel Geld“ hinter der Aktion stecke.

Folgerichtig setzte der Tagesspiegel seine Rechercheure auf die Aktion an und suchte nachangeblichen Verbindungen zu „Querdenkern“ und Rechtsradikalen. Und da wird dann jedes Interview, jede Äußerung daraufhin geprüft, ob sie regierungskonform ist. Und wenn nicht – ist die Zuordnung klar: „Die Spur führt ins Querdenker-Milieu.“ Selbst die NZZ sieht allein in der Tatsache, dass Volker Bruch (Hauptdarsteller in „Babylon Berlin“) einen Aufnahmeantrag bei der Corona-Protest-Partei „Die Basis“ gestellt hat, eine Nähe zu Querdenkern.

Dass es so einfach nicht geht, zeigt eine hochinteressante, ausführliche Analyse in der WELT. Darin heißt es: „Dass es dem „Tagesspiegel“ trotz Unterstützung einer nah am Rufmord agierenden, netzaktivistischen Recherche-Einheit nicht gelingt, ein adäquates Bild des politischen Umfelds desjenigen zu zeichnen, den sie als düsteren Spiritus Rector hinter #allesdichtmachen ausmachen, enttäuscht. Man muss sich ansehen, auf welche Evidenzen sich der „Tagesspiegel“-Artikel im Weiteren stützt, nachdem der Topos „Elitenverschwörung“ an Glaubwürdigkeit eingebüßt hat. Hat man es mit mehr zu tun als mit der Aneinanderreihung von Zufällen, die durch das wacklige Konstrukt der Kontaktschuld zusammengehalten werden? (...) Wenn es um #allesdichtmachen und seine wirklichen oder auch nur angenommenen Protagonisten geht, scheint beim „Tagesspiegel“ eine gewisse Fluidität darin zu herrschen, was geschrieben wird. (...) Der Nachweis soll geführt werden, dass man es bei Positionen und Meinungen, wie sie in der Aktion #allesdichtmachen an die Öffentlichkeit getreten sind, eben nicht mit Positionen und Meinungen zu tun hat, die sich im demokratischen Normalbereich verorten lassen. Dass es nicht Positionen und Meinungen sind, die sich Leute bilden, mal besser oder schlechter informiert durch die Medien, aber basierend auf eigenem Denken, eigenen Überzeugungen und eigener Urteilskraft. Nicht manipuliert, übers Ohr gehauen oder verführt. Und trotzdem möglicherweise auch falsch. Wer aber ständig auf die Möglichkeit verweist, es gäbe dunkle Interessen und Drahtzieher hinter diesen Positionen und Meinungen, wird dabei fast zwangsläufig eines ausklammern: Das ist die inhaltliche Auseinandersetzung." 

Aber es gab auch einige Versuche der konstruktiven Auseinandersetzung. So lud Maybrit Illner Jan Josef Liefers in ihre Talkshow ein, Steffen Hallaschka von stern tv brachte den Regisseur und Mit-Initiator von #allesdichtmachen Dietrich Brüggemann mit der Notärztin Carola Holzner („Doc Caro“) zusammen, die die Aktion auf Instagram mit dem Hashtag #allemalneschichtmachen kommentiert hatte, und die ZEIT organisierte kurzerhand ein Streitgespräch zwischen Jan Josef Liefers und Jens Spahn.

„Wie #allesdichtmachen uns den Spiegel vorhält“, kommentierte Andreas Rosenfelder, Ressortleiter Feuilleton in der WELT: „Deutschlands Meinungseliten drehen durch, weil fünfzig Schauspieler die Corona-Politik persiflieren. Die hysterische Reaktion zeigt, dass #allesdichtmachen den Nerv unserer Zeit getroffen hat. Denn die Satire entlarvt auch die Rolle der Medien in der Pandemie.“

Auch Ulf Poschardt, Chefredakteur der WELT, stellt in einem Kommentar unter der Überschrift „Der verlorene Kulturkampf“ fest: „In Schulen, Universitäten, Medien und Kulturinstituten schwindet die Freiheit, der Anpassungsdruck wächst – und damit der Opportunismus. (...) Wer die Corona-Maßnahmen, die hoffentlich vom Bundesverfassungsgericht kassiert werden, kritisiert, verhöhne die Toten, die Kranken, die Ärzte und Pfleger – so kommentieren nicht nur Betroffene, ein Außenminister und Moraldarsteller in unterschiedlich exponierten Funktionen des Kulturbetriebs, sondern auch WDR-Journalisten, die Initiator Jan Josef Liefers vor laufenden Kameras zur Beichte nötigen: ausschließlich mit Moral wütend, ohne einen Gedanken. (...) Die bürgerliche Welt von Freiheit und Eigenverantwortung hat den Kulturkampf verloren. Auch, weil sie ihn nie angenommen hat. Die öffentlich-rechtlichen Medien, der vorpolitische Raum, die steuerfinanzierten Institute und NGOs, die Universitäten und die subventionierten Kulturbetriebe haben sich in den vergangenen Jahren zu einer perfekt geölten Maschinerie entwickelt.“ 

Dass einige Schauspieler*innen ihre Beiträge aufgrund des Shitstorms wieder zurückgezogen haben, erinnere an die Debatte um die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann aus der DDR im November 1976, schreibt WELT-Herausgeber Stefan Aust: „Verblüffend sind einige Parallelen im öffentlichen Umgang mit dem Künstlerprotest. Damals wie heute wird er von den Medien nahezu geschlossen verurteilt. Abermals werden Verbandsfunktionäre aufgeboten, die sich von dem unverantwortlichen Verhalten ihrer Mitglieder distanzieren. (...) Damals wie heute wird nicht argumentiert, sondern moralisiert. Biermann wurde vorgeworfen, er habe sich nicht um das Schicksal von Arbeitslosen gesorgt. Den Künstlern heute wird gar Schuld an den Corona-Toten unterstellt – dabei liegt die doch bei der von ihnen kritisierten Bundesregierung, die versagt hat: bei der Impfkampagne, der Nachverfolgung von Infektionen, der Beschaffung von Luftfilteranlagen für die Schulen … (...) Künstler, zumal weniger bekannte und betuchte, werden sich in Zukunft zweimal überlegen, ob sie die Regierung öffentlich kritisieren. Denn Berufsverbote und Existenzvernichtung sind für sie nicht nur eine Drohung, sondern schon mehr als ein Jahr Realität: Seit März 2020 sind in Deutschland fast alle Theater und Konzertsäle geschlossen.

Ulrich Tukur, sicher einer der profiliertesten Schauspieler, die an der Aktion beteiligt waren, wollte auf das Angebot eines Interviews mit der Neuen Züricher Zeitung nicht eingehen, erlaubte aber, seine Begründung dafür abzudrucken. Und die ist bemerkenswert:

„Wenn ich dieser Tage überhaupt mit einem Medium kommunizierte, dann mit einer ausländischen Zeitung wie der Ihren. Aber haben Sie bitte Verständnis, dass ich auch das unterlasse. Es befeuert nur die weitere Überhitzung einer Diskussion, die nach einer satirischen Einlassung wie der unseren (das verstand man noch zu Tucholskys Zeiten) nach Berufsverbot und in den Netzwerken sogar nach physischer Bestrafung ruft.

Kunst kann kein Arzneimittel sein, sie muss schmerzen. Es ist seit alters her das Privileg des Gauklers, dem Herrscher einen Spiegel vorzuhalten und in seiner (überspitzten) Art auf Missstände aufmerksam zu machen. Man muss das nicht kommentieren. Meine Kollegen und ich wollten lediglich ein Fenster in diesem trägen Haus aufreißen und frische Luft hereinlassen. Und jetzt gehen sich alle gegenseitig an die Gurgel. Schade. Ich hätte mir eine offene Diskussion um diese erratische und kontraproduktive Corona-Politik gewünscht, die ohne Not so viele Existenzen ruiniert. Dass eine Pandemie existiert und Menschen Not leiden und Angst haben und keiner der politisch Verantwortlichen Böses will, steht für mich außer Frage. Es steht für mich allerdings auch ausser Frage, dass es besser ist, sich zurückzuziehen, wenn eine vernünftige Auseinandersetzung, von mir aus auch ein zünftiger Streit, nicht mehr möglich sind.

So haben wir immerhin gezeigt, dass sich unsere Gesellschaft in einer erschreckenden Schieflage befindet und politische Inkompetenz wie ein Spaltkeil wirken kann. Darf die Satire nicht mehr alles, und schlimmer noch, wird sie überhaupt nicht mehr verstanden, muss der Hofnarr schweigen.“

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Zum Sehen, Hören, Lesen

Kultur für Herz, Geist und Sinne

Da es immer noch nicht so richtig Frühling geworden ist, und auch weil die vielerorts weiterhin bestehenden Ausgangssperren uns weiterhin zuhause halten, gibt es hier wieder einige Tipps für Lesens-, Hörens- und Sehenswertes.

Zum Anschauen und Anhören


Über den Missbrauch der Wissenschaft durch die Politik
Der Autor Gunnar Kaiser hat mit dem deutsch-schweizerischen Philosophen Prof. Dr. Michael Esfeld, der u.a. Mitglied der Leopoldina ist, ein ausführliches Gespräch geführt, das sich anzuschauen und anzuhören wirklich lohnt. Esfeld beklagt darin den Missbrauch der Wissenschaft durch die Politik und begründet das anschaulich, auch anhand seiner eigenen Erfahrungen.

Kinder und Corona
In München-Gräfelfing fang am 24. April 2021 eine Diskussionsveranstaltung zum Thema „Kinder und Corona“ statt. Mit dabei waren die Regisseurin des Dokumentarfilms „Lockdown Kinderrechte“, Dr. Patricia Marchart, der Kinder- und Jugendarzt Dr. Steffen Rabe, der Leiter des Labors für Psychoneuroimmunologie an der Universitätsklinik für Medizinische Psychologie Innsbruck, Prof. Dr. Dr. Christian Schubert sowie der Leiter der Abteilung für Allgemein- und Familienmedizin, Zentrum für Public Health an der Medizinischen Universität in Wien, Prof. Dr. Andreas Sönnichsen. Die Veranstaltung fand im Freien statt. 

Neue Dokumentation
Der Österreichische Sender SERVUS TV hat eine anderthalbstündige Dokumentation erstellt unter dem Titel „Corona – auf der Suche nach der Wahrheit“. Der Linzer Virologe hat sich weltweit umgesehen und nach Antworten auf drängende Fragen gesucht. Ein spannender Film, der viele Denkanstöße gibt.

Eyes wide open
Unter diesem Motto startet in diesen Tagen das 36. Dokumentarfilmfestival München – wie schon im vergangenen Jahr online auf einer digitalen Leinwand. 131 Filme aus 43 Ländern werden zu sehen sein, darunter 90 Premieren, 28 davon sind Weltpremieren. Insgesamt 16 Preise werden verliehen, 
Unter den besonders sehenswerten Filmen ist sicher Hinter den Schlagzeilen. Der Film begleitet die beiden Investigativreporter der Süddeutschen Zeitung, Frederik Obermaier und Bastian Obermayer, bei ihrer Recherche zur "Ibiza-Affäre" um den österreichischen Politiker Heinz-Christian Strache, die 2019 zum Bruch der Regierungskoalition und Neuwahlen geführt hat. Weitere Highlights sind Der wilde Wald, der uns in den wirklich noch wilden Bayrischen Wald entführt, oder auch ein Portrait des großen, inzwischen 99-jährigen Journalisten Georg Stefan Troller. Oder auch Ein Clown, ein Leben – ein Film über Bernhard Paul und den Circus Roncalli, sowie Die Rossellinis – ein Portrait der Familie des legendären Regisseurs Roberto Rossellini, dem Mann der nicht minder legendären Ingrid Bergman und Vater der Schauspielerin Isabella Rossellini. 
Alle Filme sind vom 6. bis 23. Mai unter dokfest-muenchen.de zu sehen. Tickets kosten 6 Euro, der Film kann damit 48 Stunden lang abgerufen werden. Es gibt auch einen Festivalpass für 70 Euro, über den alle auf dem Festival gezeigten Filme verfügbar sind. 

 

Zum Lesen


Spannende Informationen zu Corona-Impfstoffen
Schon mit seinem ersten Buch „Wir können es besser: Wie Umweltzerstörung die Corona-Pandemie auslöste und warum ökologische Medizin unserer Rettung ist“ hat der österreichische Biologe Clemens Arvay einen Bestseller gelandet, mit seinem neuen Buch über die Corona-Impfstoffe ist das nicht anders. Sachlich, nüchtern, in gut verständlicher Sprache und mit zahlreichen Quellen belegt beantwortet Arvay die wichtigsten Fragen, immer mit dem Ziel, den Leser*innen eine eigene, freie und individuelle Entscheidung zu ermöglichen. Ein Buch, das in diesen Zeiten in keinem Haushalt fehlen sollte.
Clemens G. Arvay: Corona-Impfstoffe: Rettung oder Risiko? Wirkungsweisen, Schutz und Nebenwirkungen der Hoffnungsträger. Quadriga Verlag, 144 Seiten, 10 Euro

Ein Arzt als Patient
Wenn ein Intensivmediziner selbst schwer erkrankt und zum Patient wird, ändert sich oft die Perspektive. Prof. Dr. Thomas Bein, der am Universitäts-Klinikum Regensburg eine Intensivstation leitet, ist das widerfahren: Er erkrankte an Knochenmark-Krebs. Er durchlebt alles, was Patient*innen auf dem Weg durch so eine Krankheit erleben: die Krebsdiagnose als Schock, die Leiden im Rahmen der Chemotherapie, die Hilfsbedürftigkeit, das Angewiesensein auf andere. Danach hat er auf vieles einen anderen Blick. Ein lehrreiches Buch – nicht nur, aber vor allem für Ärzt*innen.
Prof. Dr. Thomas Bein: Ins Mark getroffen. Was meine Krebserkrankung für mich als Intensivmediziner bedeutet. Droemer Knaur Verlag, 224 Seiten, 18 Euro

Wenn Kinder zu viel zocken
Es dürfte für viele Eltern gerade in Corona-Zeiten ein großes Problem darstellen, ihre Sprösslinge vom Computer auch mal wieder loszueisen. Wie rasant schnell ein Kind spielsüchtig werden kann und wie sich die Sucht überwinden lässt, schildert Ulrike Wolpers in ihrem Buch. Als Mutter von drei Kindern und Multimedia-Redakteurin bei der ARD und Beraterin im Bereich „Wissenschaftskommunikation und Forschungsmarketing“ weiß sie, wovon sie spricht. Es berührt, wie sie erzählt, wie ihr jüngster Sohn in den Bann eines Computerspiels gerät und wie sich die ganze Familie gezwungermaßen mit den Mechanismen der Spiele-Industrie auseinandersetzen muss. Eindrucksvoll der Weg, über den das Kind aus der Sucht herausfindet und ebenso, wie die Familie einen anderen Umgang mit den Medien lernt. Ein wichtiges Buch, nicht nur für Eltern.
Ulrike Wolpers: Mein fremdes Kind. Wie wir die Computerspielsucht unseres Sohnes überwanden. Über Vertrauen und Wege aus der Abhängigkeit. Benevento Verlag, 304 Seiten, 18 Euro

Wenn die Uhr tickt ...
Alex ist 30 Jahre alt, als er von seinem Arzt eine tödliche Diagnose erhält. Zwei Monate hat er – statistisch gesehen – noch zu leben. Die will er so gut wie möglich verbringen – in einem Hospiz. Doch es kommt ziemlich anders als gedacht, und was da kommt und welche Wandlung Alex erlebt, das ist eine wunderbar geschriebene Geschichte, ein Roman, der aber genauso gut Abbild der Wirklichkeit sein könnte und sich vielleicht sogar irgendwo tatsächlich so zugetragen hat. Ein Buch über das Leben und die Kunst, es zu genießen.
Fabian Neidhardt: Immer noch wach. Haymon Verlag, 268 Seiten, 22,90 Euro

Auf Spurensuche
Dieses Buch erzählt die Geschichte einer Familie über mehrere Generationen hinweg. Menschen, die am Fuße eines Leuchtturms in der DDR aufwachsen, fliehen, um schließlich zurückzukehren in dieses Haus, wo unter einem Dielenbrett ein altes Tagebuch versteckt war, das ein ganz neues Licht auf die Familiengeschichte wirft. Eine wunderbare Lektüre für verregnete Tage oder gemütliche Urlaubstage.
Kathleen Freitag: Das Haus des Leuchtturmwärters. Verlagsgruppe HarperCollings, 320 Seiten, 15 Euro

Zum 100. Geburtstag von Joseph Beuys
Am 12. Mai wäre Joseph Beuys hundert Jahre alt geworden – Anlass genug, um ihm auf besondere Weise die Referenz zu erweisen. Zum Beispiel mit diesem Buch von Rüdiger Sünner, der im Leben von Beuys auf Spurensuche gegangen ist zu dessen Kunst und Spiritualität. Er setzt sich gerade mit dem auseinander, was im umfangreichen Werk von Beuys oft so verrätselt und unzugänglich erscheint und eröffnet damit einen neuen Blick auf eine der bedeutendsten Künstlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts.
Rüdiger Sünner: Zeige deine Wunde. Kunst und Spiritualität bei Joseph Beuys. Europa Verlag, 224 Seiten, 18 Euro