Corona-Spezial

Unser Kompass zu COVID-19 und Gedanken über die Krisenzeit

Hier finden Sie aktuelle Berichte, Informationen und Stellungnahmen zur Corona-Pandemie sowie Gedanken über die Krisenzeit. Wir aktualisieren diesen Bereich in unregelmäßigen Abständen – je nach Lage der Dinge.

In diesem Zusammenhang sei auch auf unser Archiv hingewiesen. Wir haben uns dafür entschieden, jeweils nur die vergangenen drei bis vier Monate zu dokumentieren, weil vieles, was wir in der Zeit davor geschrieben und kommentiert haben, inzwischen überholt ist und leicht Anlass zu Missverständnissen geben kann.

Und noch eine Erklärung vorneweg: So manches, worauf wir hinweisen, wirft einen kritischen Blick auf den derzeitigen Kurs der Bundesregierung. Das bedeutet allerdings nicht, dass wir die Pandemie in ihrer Existenz in Frage stellen. Wir sind uns sehr wohl der Gefahren bewusst, die sich mit einer Infektion mit SARS-CoV-2 und einer Covid-19-Erkrankung verbinden können. Wir sind uns vor allem der fatalen weltweiten Auswirkungen bewusst, die diese Pandemie schon jetzt nach sich zieht und fürderhin noch ziehen wird. Wir bringen diese Zusammenstellung an Informationen und Quellen, weil sie ergänzend notwendig sind, um einen offenen, fairen und sachgemäßen demokratischen Dialog zu führen, ohne den wir in einer totalen Spaltung der Gesellschaft landen.

Es kommt immer wieder vor, dass sich Rechtsradikale und Neonazis oder die AfD unserer Argumente bemächtigen. Das können wir nicht verhindern. Aber wir distanzieren uns ganz klar und entschieden von solchen Übergriffen und ebenso von diesen Kreisen.

Noch ein Hinweis zu den im Corona-Spezial benannten Links: Viele davon liegen hinter einer Bezahlschranke – denn Journalismus, auch Online-Journalismus, kostet Geld. Da manche Redaktionen einen Text anfangs frei zugänglich machen, ihn aber über kurz oder lang hinter die Paywall stellen (z. B. bei hohen Click-Zahlen, die ein gesteigertes Interesse signalisieren), verzichten wir künftig darauf, bei jedem Link anzugeben, ob er nur kostenpflichtig zu lesen ist.

Unser Corona-Spezial im Oktober 2021 umfasst folgende Themen:

Der Druck steigt

„Freedom Day“ oder weiterhin Restriktionen?

Es war schon ein ziemlicher Knaller, den der Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, und sein Stellvertreter, Stephan Hofmeister, am 17. September zündeten: Analog dem britischen Vorbild forderten sie in einer Pressemitteilung einen „Freedom Day“ für Deutschland, also nichts weniger als „die Aufhebung aller staatlich veranlassten Restriktionen der Corona-Pandemie“. Wer sich mit einer Impfung schützen wolle, können dies tun. „Jetzt liegt es nicht mehr in der Verantwortung des Staates, sondern in der individuellen Verantwortung jedes und jeder Einzelnen“, sagte Hofmeister auf der Vertreterversammlung der KBV. Es sei „ein Unding, dass dann die, die sich impfen lassen oder genesen sind, in ihren Grundrechten weiterhin eingeschränkt werden. Es muss Schluss sein mit Gruselrhetorik und Panikpolitik.“

Gassen verwies auf das Beispiel Großbritannien, wo schon Mitte Juli die Maßnahmen weitgehend aufgehoben worden seien und entgegen allen Unkenrufen „das Gesundheitssystem nicht kollabiert“ sei. Das müsse Mut machen – schon aufgrund der höheren Leistungsfähigkeit des deutschen Gesundheitswesens. Ohne Ankündigung eines „Freedom Day“ würde sich Deutschland endlos weiter durch die Pandemie schleppen.

Das konnten das Kanzleramt sowie SPD und Grüne natürlich nicht so stehen lassen. „Von einem Freedom Day im Herbst halte ich derzeit nicht viel“, sagte Kanzleramtsminister Helge Braun dem Fernseh-Sender n-tv. 20 Millionen Deutsche hätten immer noch keinen Impfschutz. Dabei hatte Braun im März noch getönt: „Wenn wir jedem in Deutschland ein Impfangebot gemacht haben, dann können wir zur Normalität in allen Bereichen zurückkehren.“

Dass SPD-Politiker Karl Lauterbach Gassens Vorschlag für „ethisch nicht vertretbar“ hält, verwundert nicht. Ihm reichen 80 Prozent Geimpfte unter den Erwachsenen immer noch nicht aus, wie er auf Twitter verkündet: „Trotzdem reicht das nicht für einen Freedom Day. Ein paar Wochen 2G und gute Impfangebote würden helfen.“ Dass es auch Menschen mit natürlicher Immunität aufgrund einer durchgemachten Infektion gibt und schon deshalb kaum noch höhere Impfquote erreichbar sind, scheint der Gesundheitsexperte nicht berücksichtigen zu wollen.

Ins gleiche Horn stößt auch Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen (Bündnis 90/Die Grünen): „Jetzt so zu tun, als sei die Pandemie ein Privatvergnügen und Ungeimpfte letztlich selbst dran Schuld und wir könnten uns jetzt von allen Schutzmaßnahmen verabschieden, das halte ich für zynisch.“

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn verwies auf die Impfquote, die er in Deutschland noch für zu niedrig hält, wie die FAZ berichtet: „Im Nordwesten sind wir fast am Ziel, im Südosten sollten wir noch deutlich höhere Quoten erreichen.“ Spahn zufolge haben knapp zwei Drittel der Deutschen inzwischen vollen Impfschutz, etwas mehr als zwei Drittel erhielten mindestens eine Impfung. Bremen, Schleswig-Holstein, Hamburg und Nordrhein-Westfalen sind mit über 70 Prozent Impfquote Spitzenreiter; Sachsen, Thüringen, Bayern und Baden-Württemberg mit Quoten zwischen 54 und 64 Prozent die „Schlusslichter“.

Die eigentlichen Zahlen dürften jedoch erheblich höher liegen, denn selbst das Robert Koch Institut (RKI), eigentlich zuständig für eine solche Datenerhebung, schätzt die offizielle Impfstatistik als zu niedrig ein“, wie der SPIEGEL berichtet. Laut den Meldedaten seien bislang gut 75 Prozent der Erwachsenen in Deutschland vollständig gegen Corona geimpft. Die tatsächliche Zahl könnte sogar noch höher liegen, meint das RKI.

„Niemand hat den genauen Überblick über die tatsächlichen Impfzahlen“, zitiert DocCheck zwei Ärzt:innen. Das Meldesystem funktioniere „nicht wie gewünscht“, habe sogar das Robert Koch Institut (RKI) zugegeben. „Das Problem: In Deutschland existiert kein zentrales Register, in das alle Impf-Meldungen einfließen.“ So entsteht ein wildes Chaos aus verschiedenen Meldungen, bei dem viele Übertragungsfehler möglich sind. 

Das stößt auf Kritik aus verschiedenen Richtungen. Gerald Gaß, Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft meint, die vom RKI und den Gesundheitsämtern definierten Meldeverfahren seien, wie einem Bericht der WELT zu entnehmen ist, „immer noch unzureichend und einer Pandemie dieses Ausmaßes unangemessen. Auf der Grundlage offenbar falscher und unzureichender Daten werden für Millionen Menschen gravierende Entscheidungen getroffen und Grundrechte eingeschränkt.“

Der Bundesgesundheitsminister meint angesichts der neuen Zahlen, die Impfkampagne sei „noch erfolgreicher als bisher gedacht“, und „aus heutiger Sicht wird es keine weiteren Beschränkungen mehr brauchen“. Aber Vorsicht – Jens Spahn meint damit nicht das, was man daraus herauslesen könnte. Es ist nicht so, dass er jetzt aufgrund der hohen Impfquote alle Einschränkungen aufheben möchte – nein, nein, weit gefehlt! Es sollen lediglich „keine weiteren Beschränkungen“ mehr nötig sein, sprich: Lockdowns oder Ausgangssperren. Alles, was bisher schon angeordnet war – 3G, 2G, Masketragen in Innenräumen und in öffentlichen Verkehrsmitteln usw. – bleibt natürlich bestehen.  

Apropos Ausgangssperre: Die von Markus Söder im März 2020 verhängte hat der Bayerische Verwaltungsgerichtshof gerade für unwirksam und rechtswidrig erklärt, wie die WELT berichtet: „Diese Regelung aus der Bayerischen Infektionsschutzmaßnahmenverordnung habe gegen ‚das Übermaßverbot aus höherrangigem Recht‘ verstoßen und sei deshalb ‚unwirksam‘ gewesen, heißt es in den Entscheidungsgründen. (…) Mit anderen Worten: Söder, der sich in der Corona-Krise als Angehöriger des ‚Teams Vorsicht‘ eingruppiert hat, hat den Leitsatz einer freiheitlichen Demokratie ignoriert, wonach auch der gute Zweck des Gesundheitsschutzes nicht alle Mittel des Freiheitsentzugs heiligt. (…) Die Richter zweifeln nicht nur die ‚Praktikabilität‘ und die ‚Effektivität‘ der Ausgangssperre an, sie bescheinigen der bayerischen Staatsregierung auch ein fragwürdiges Menschenbild, indem sie schreiben: ‚Sollte in dem Verweilen in der Öffentlichkeit eine Gefahr für die Bildung von Ansammlungen gesehen worden sein, weil sich um den Verweilenden sozusagen als Kristallisationspunkt Ansammlungen von Menschen bilden könnten, so unterstellt diese Sichtweise ein rechtswidriges Verhalten der Bürger und setzt dieses sogar voraus.‘“ Eine Revision beim Bundesverwaltungsgericht wurde zugelassen, was „die Möglichkeit zu einer höchstrichterlichen Grundsatzentscheidung eröffnet“.

Einige Medien mahnen trotz der Einwände von Regierungsseite das Aufheben der Restriktionen an: „Die neu ermittelte Impfquote erlaubt endlich mehr Freiheit“, meint Anna Schneider in einem Kommentar für die WELT. „All die beispiellosen Freiheitseinschränkungen, die die Republik im Namen der Pandemiebekämpfung auch dann noch gängelten, als längst jeder sein Impfangebot hatte, entbehren also ihrer zentralen Grundlage: belastbarer Daten. Dass der Staat nicht einmal in der Lage ist, seine Impfkampagne statistisch zu erfassen, ist eine Farce; dass er sich ob seiner Unwissenheit das Recht nimmt, die Freiheit seiner Bürger länger als nötig in längst unerträglichem Maße zu beschneiden, entbehrt jeder Rechtfertigung. Stattdessen spezialisierte man sich darauf, sogenannte ‚Impfverweigerer‘ zu Bürgern zweiter Klasse zu degradieren, moralisch zu ächten und so die Polarisierung der Gesellschaft voranzutreiben.“

Die Berliner Zeitung spiegelte die Kontroverse um den „Freedom Day“ auf ihre Art und gab Milosz Matuschek sowie Elizabeth Rushton die Gelegenheit zu zwei Kommentaren im Sinne von Pro (Matuschek) und Contra (Rushton). Das britische Projekt „Freedom Day“ sei „von Anfang an nicht mehr als ein Marketing-Slogan“ gewesen, meint Elizabeth Rushton: „Es ist kompletter Wahnsinn, auch politisch, solch endgültige Zusagen zu machen, wenn derzeit immer neue Virusvarianten in der Welt auftauchen. Deutschland sollte diesen Weg meiden. (…) Nur mit mehr Impfungen können wir einen Punkt erreichen, an dem jeder wirklich mit diesem Virus als Teil des neuen Alltagslebens leben kann. Bis dahin gibt es keine wirkliche Freiheit vom Coronavirus.“

Das kontert Milosz Matuschek auf seine Art: „Die Politik klammert sich an ein Narrativ. Die Pandemie-Erzählung ist ihre Rettungsinsel. Medizinisch ist die Krise im Griff, wenn sie denn – mit Blick auf die Intensivbetten – je außer Kontrolle war. Das Virus ist inzwischen ein reines Politikum. (…) Das letzte Versprechen lautete: Die Maßnahmen werden aufhören, wenn alle Menschen Impfangebot bekommen haben. Die Realität lautet: Wer das ‚Angebot‘ nicht will, wird mit indirektem Zwang, Ausgrenzung und Diffamierung überzogen, zugleich wird weiter Pandemie-Panik betrieben. Man bedient sich aus dem Inventar totalitärer Staaten. (…) Die neueste Unterscheidung in Geimpfte und Ungeimpfte ist ein weiterer fataler Irrweg. Es gibt dafür keinen sachlichen Grund. Und wenn kein sachlicher Grund gegeben ist, sprechen Juristen von Willkür. (…) Es weht ein Hauch von DDR und Politbüro durch Deutschland. (…) Die Politik braucht die Angst vor der Pandemie, hat aber offenbar weitaus größere Angst vor den vielen offenen Fragen, die jetzt virulent werden. Nicht die vierte Welle ist die Gefahr, sondern die Welle der Ungereimtheiten.“

Die sofortige Aufhebung aller Corona-Maßnahmen forderten auch Ärzt:innen und Therapeut:innen in einem Offenen Brief an die Bundesregierung.

Für das europäische Ausland sind schon niedrige Quoten ausreichend, um die Corona-Maßnahmen deutlich zu lockern. In Schweden z. B. sind ca. 60 Prozent der Bürger:innen geimpft – und dort sind inzwischen laut n-tv nahezu alle Corona-Einschränkungen gefallen. Schweden hat schon im Frühjahr einen Fünf-Stufen-Plan entwickelt, der im Juni mit Stufe 1 begonnen wurde, am 29. September hat Stufe 4 begonnen. Es gibt weder eine Maskenpflicht, noch Massentests noch Hygieneregeln noch Eingangsbeschränkungen, sondern „anfassen, Freude am Lernen, Kind sein dürfen“, wie Henning Rosenbusch auf Twitter schreibt. Dass Schweden den erfolgreichen Weg gegangen ist, bestätigt auch ein Interview des YouTube-Kanals UnHerd mit dem schwedischen Chef-Epidemiologen Anders Tegnell. „Richten Sie über mich in einem Jahr“, hatte er im Sommer 2020 gesagt, als alle über ihn und den „schwedischen Weg“ hergefallen sind. Das Jahr ist vorbei – und das Gespräch mit ihm mehr als sehenswert. Es ist ein Beispiel, wie man eine schwierige Situation angemessen von allen Seiten betrachten kann, um entsprechende Konsequenzen daraus abzuleiten. Und vor allem: Wie man mit diesem Virus gut leben kann, ohne die Bevölkerung ständig zu gängeln.

In Dänemark wurden – wir berichteten – schon Anfang September alle Beschränkungen aufgehoben – und das bei einer Impfquote von 76 Prozent. „Die meisten Corona-Schutzmaßnahmen, die bei uns als selbstverständlich gelten, wurden dort schon vor Monaten abgeschafft“, schreibt Andreas Rosenfelder in einem Kommentar für die WELT. „Auf den Gedanken, die Dänen hätten sich ihre Freiheit lediglich durch das tüchtige Erreichen einer vorgegebenen Impfquote ‚verdient‘, kann man nur in einem Land kommen, dessen Rechtsauffassung sich in anderthalb Jahren depressiver Notstandspolitik bedenklich verfinstert hat – und das die Realität in anderen Ländern nur noch wie durch einen Filter wahrnimmt. (…) Dänemark steht heute in jeder Hinsicht besser da als Deutschland. Insbesondere die Alten, im Gegensatz zu Kindern und Jugendlichen ernsthaft gefährdet, sind fast vollständig geimpft. Ein Staat, der seinen Bürgern vertraut, genießt halt auch im Gegenzug mehr Vertrauen als einer, der die ‚Impfunwilligen‘ durch 2G-Schikanen und Stimmungsmache zu ihrem Glück zu zwingen versucht. Höchste Zeit, von Dänemark zu lernen.“

Andernorts, vor allem „Down under“, in Australien und Neuseeland, werden gerade wieder die Daumenschrauben angezogen und die Lockdowns verschärft bzw. ausgeweitet. Sydney testet sogar ein „Quarantänesystem mit Gesichtserkennung“ für vollständig Geimpfte, die aus dem Ausland einreisen, wie tagesschau.de berichtet: „Die Behörden wollen eine Handy-App mit Gesichtserkennung einsetzen, um die Einhaltung der Vorschriften der rund 175 Test-Personen zu überwachen.“ Wer ins Land kommt, muss derzeit trotz Impfung auf eigene Kosten für zwei Wochen in einem Hotel in Quarantäne. Mit der Gesichtserkennungs-App soll das jetzt auch zuhause möglich sein …

Neuseeland muss inzwischen eingestehen, dass seine „No-Covid“-Strategie gescheitert ist, wie die WELT vermeldet. Trotz wochenlangen Lockdowns habe sich die Delta-Variante dort weiter ausgebreitet, und „ein ehemaliger Regierungschef stellt Vergleiche mit dem nordkoreanischen Regime an“.

In Israel ist dem Gesundheitsminister und der Innenministerin ein peinlicher Lapsus passiert: Vor einer Kabinettssitzung plauderten beide über den in Israel noch obligatorischen Covid-Pass, ohne zu merken, dass die Mikrophone auf dem Tisch vor ihnen bereits offen waren. Und so erfuhr die Öffentlichkeit, wie The Times of Israel berichtet, dass Gesundheitsminister Horowitz meint, es gebe „keine medizinische oder epidemiologische Rechtfertigung für den Covid-Pass, er soll nur Druck auf Ungeimpfte ausüben, sich impfen zu lassen.“

Die deutsche Regierung bleibt – zumindest solange sie noch im Amt ist – stur bei ihrem Kurs. Im Wahlkampf spielte das Thema Corona keine große Rolle. Weshalb der renommierte Medizin-Statistiker Gerd Antes zusammen mit anderen Wissenschaftler:innen schon Anfang September (wir berichteten) einen Offenen Brief an die Parteien im Bundestag richtete. Innerhalb von nicht mal drei Wochen unterzeichneten über 3.500 Menschen diesen Brief, und es werden täglich mehr. Von den angeschriebenen Parteien hat lediglich die FDP geantwortet – Christian Lindner schrieb persönlich und sehr ausführlich. Sein Schlusssatz: „Die epidemische Notlage von nationaler Tragweite sollte sofort beendet werden.“ 

In einem Interview mit der Berliner Zeitung sagte Antes: „Die politischen Parteien vermeiden seit anderthalb Jahren, sich festzulegen. Das können wir uns aber bei einer solch wichtigen Frage nicht leisten. (…) Politik, Wissenschaft und Medien haben Panik und Alarmismus verbreitet. (…) Der Chef des Robert Koch Instituts (RKI), Lothar Wieler, ist ein Angestellter des Bundesgesundheitsministeriums. Er kann nicht gleichzeitig als Wissenschaftler auftreten und so tun, als würde er unabhängig forschen. Dasselbe gilt für den Infektionsmodellierer Dirk Brockmann. Er tritt oft als Wissenschaftler der Humboldt-Universität auf, diese Professur wird jedoch vom RKI finanziert. (…) Die fachliche Auswahl der Experten war immer wieder völlig unangemessen, um für die schwierige Situation geeignete Entscheidungsgrundlagen zu schaffen. In einer Beratersitzung der Bundeskanzlerin saßen zwei Physiker und nur ein Kliniker, der Patienten sieht. (…) Die nun wieder aufkommende Panikmache ist unangebracht. Die Ankündigung von Herrn Wieler, wir müssten uns auf eine „fulminante“ vierte Welle einstellen, halte ich für unhaltbar.“

Die Wissenschaft, so Antes, habe „von der ersten Minute an nicht gemacht, was sie hätte machen müssen, dasselbe gilt für die Politik. Vor allem das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat eine klägliche Rolle gespielt. Man hat der Charité 150 Millionen Euro gegeben mit dem Auftrag, die Zusammenarbeit in einem Universitätsnetzwerk zu koordinieren. Der relevante Output ist gemessen daran alles andere als beeindruckend.“

Antes steht damit nicht allein. Der deutschen Corona-Forschung wurde ganz offiziell ein „miserables Zeugnis“ ausgestellt, wie die FAZ berichtet: „Verzagt, versagt, verloren: Deutschlands klinische Forschung zu Corona war im ersten Jahr offenbar ein einziges Desaster. Das legt eine Studie zur Forschungsbilanz nahe.“ Wissenschaftler:innen aus der Schweiz und Deutschland hatten die Studienlage analysiert: „Weltweit wurden 2020 rund 3000 Corona-Studien mit evidenzbasiertem Protokoll registriert. Darunter befanden sich 65, die in Deutschland oder mit deutscher Beteiligung vorgenommen werden sollten. Alle 65 Forschungsvorhaben verfolgten das Ziel, eine neue Therapie oder einen Impfstoff gegen die Covid-19-Erkrankung zu finden. Dagegen gab es keine Untersuchungen zu nicht-pharmakologischen Fragestellungen, etwa, wie sich das Virus verbreitet und wie hilfreich so einschneidende Regelungen wie Ausgangsbeschränkungen sind. Auch Einrichtungen wie Schulen, Kindergärten und Pflegeheime wurden in den Studien nicht berücksichtigt.“ Elf der 65 Studien wurden dabei noch gar nicht begonnen und werden auch nicht mehr aufgelegt, nur 14 wurden zu Ende geführt. So fragt man sich, wo die 1,5 Milliarden Euro eigentlich geblieben sind, die der Bund insgesamt für die öffentlich finanzierte Corona-Forschung zur Verfügung gestellt hat.

Einen bemerkenswerten „Kommentar aus Sicht der Evidenzbasierten Medizin“ (EbM) zum Stichwort „Wissenschaftsleugnung“ hat Ingrid Mühlhauser, emeritierte Professorin für Gesundheitswissenschaften, für das Ärzteblatt Sachsen verfasst. Darin liest sie den Medien und ebenso so manch bekanntem Namen – von Lauterbach bis Drosten – die Leviten: „Das Anliegen der EbM bleiben in der medialen Berichterstattung weitgehend unberücksichtigt. Das Konzept des NDR-Podcasts zur Corona-Pandemie ermöglicht akademisch gebildeten Zuhörern einen Einblick in die Welt der Virologie. Wenn es jedoch um Fragen von Wirksamkeit, Nutzen und Schaden (präventiver) medizinischer Maßnahmen geht, dann widerspricht die Befragung eines einzelnen Virologen zu einere Vielzahl von Themen aus den unterschiedlichsten Disziplinen grundlegend den Ansprüchen an eine evidenzbasierte Wissenschaftskommunikation. Auch der von vielen Medien praktizierte Faktencheck ist wenig geeignet, den aktuellen Wissensstand zu Nutzen und Schaden medizinischer Verfahren verlässlich zu eruieren. Beim Faktencheck zu COVID-19 wurde vielfach die suspekte Aussage lediglich mit der Meinung eines (anderen) Experten abgeglichen. Wer Experte ist, entscheidet die Redaktion. (…) Gerade die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie fragmentarisch unser Wissen oft ist. Dann geht es vorrangig um die Interpretation von unsicheren wissenschaftlichen Daten und die Implikationen, die sich daraus ableiten. Ein solcher Aushandlungsprozess müsste Vertreter aller betroffenen Wissenschaftsdisziplinen und Gesellschaftsgruppen beteiligen.“

Wie die Pandemie die Normen der Wissenschaft verändert hat, zeigt auch ein Artikel des US-Epidemiologen John P. A. Ioannidis im Online-Magazin Tablet. Die Corona-Krise habe zwar weltweit das Interesse der Bevölkerung an der Wissenschaft geweckt, aber die Wissenschaft selbst habe gerade durch die Pandemie ihre Glaubwürdigkeit verloren und an Qualität eingebüßt. Zuvor sei die Wissenschaft einer „hierarchisch orientierten Elite“ vorbehalten gewesen. Das kostenfreie Teilen von Wissen war begrenzt und die Wissenschaft schwebte in ihren eigenen Sphären. Eine offenere Berichterstattung in der Pandemie hätte mehr Klarheit vermitteln können. Stattdessen habe Corona dazu geführt, dass neben neuen, guten Studien unzählige qualitativ schlechte Forschungsarbeiten veröffentlicht wurden. Aufgrund polarisierender Ergebnisse oder über den Einfluss von Politik und Wirtschaft wurde die Arbeit von etablierten unabhängigen Wissenschaftlern unterdrückt und als widersprüchlich und unglaubwürdig dargestellt. Die breite mediale Öffentlichkeit konzentriere sich, so Ioannidis, eher auf die Übertreibung von Forschungsergebnissen anstatt darauf, über die Methodik sowie über die Unsicherheit und eine begrenzte Aussagekraft zu berichten.

„In Krisenzeiten gedeihen die Mächtigen, und die Schwachen werden noch mehr benachteiligt“, schreibt Ioannidis in seinem Resümee. „Inmitten der pandemischen Verwirrung wurden die Mächtigen und Widersprüchlichen noch mächtiger und widersprüchlich, während Millionen von benachteiligten Menschen starben und Milliarden litten. Ich befürchte, dass die Wissenschaft und ihre Standards das Schicksal der Benachteiligten teilen. Das ist schade, denn die Wissenschaft kann immer noch allen helfen. Die Wissenschaft bleibt das Beste, was den Menschen passieren kann, vorausgesetzt, sie kann sowohl tolerant sein als auch toleriert werden.“

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2G breitet sich aus

Impfpflicht durch die Vordertür

Währenddessen greift die 2G-Strategie immer weiter Raum. In Hamburg lässt die Staatsoper ab 1. November nur noch Geimpfte und Genesene in die Vorstellungen, die Szene der privaten Theater und viele Clubs haben das schon seit geraumer Zeit zum Prinzip erhoben, allerdings vorwiegend aus wirtschaftlichen Erwägungen, denn wenn sie den Laden nicht vollmachen können, können sie kaum überleben. Auch das berühmte „Berghain“ in Berlin hat mit 2G seit vergangenem Wochenende wieder die Sau rauslassen dürfen, wie t-online genüsslich berichtet. Und in den meisten Bundesländern gibt es inzwischen 2G-Regeln für dies und das im öffentlichen Leben. Was im Mai 2020 noch als krude Verschwörungstheorie abgetan wurde, ist inzwischen Realität, wie ein ZDF-Faktencheck aus dieser Zeit offenbart – wie so manches, was man dereinst als Schwurbelei von Aluhüten diskreditiert hat. 

Der Ausschluss Ungeimpfter sei „billiger als ein Lockdown“, rechnet eine Studie des Leibnitz-Instituts vor – er würde viermal so hohe finanzielle Schäden verursachen, wie n-tv berichtet.

„Mehr Härten für die Ungeimpften“ fordert die Süddeutsche Zeitung (SZ) und lobt die Initiative des grün regierten Nachbarlandes Baden-Württemberg. Denn dort ist die Inzidenz trotz 3G weiterhin gestiegen, vor allem bei den Ungeimpften. Wird ein gewisser Schwellenwert überschritten, genügt für 3G kein Schnelltest mehr, sondern nur noch der sehr viel teurere PCR-Test. Und steigt die Inzidenz dennoch weiter, gilt automatisch 2G für öffentliche Einrichtungen wie Kinos, Restaurants und andere. „Die grobe Richtung stimmt“, meint die SZ dazu. „Sollte ein neuer Lockdown notwendig werden, um eine vierte Infektionswelle zu brechen, dann müsste sich dieser auf Ungeimpfte beschränken.“ Ministerpräsident Winfried Kretschmann sagt, wie der Spiegel berichtet, diese strengeren Maßnahmen für Ungeimpfte seien „keine Strafen“, sondern würden nur „zu deren eigenem Schutz ergriffen und verhinderten neue Extremsituationen auf den Intensivstationen.“

Doch damit nicht genug. Inzwischen schließen auch mehr und mehr Ärzt:innen Ungeimpfte bzw. Ungetestete von einer Diagnostik oder Therapie aus. So diskutierten die Gastroenterologen Mitte September auf ihrem Jahreskongress die Möglichkeit, endoskopische Untersuchungen wie eine Magen- oder Darmspiegelung nur noch unter 2G/3G-Bedingungen zuzulassen, schreibt die WELT. Vielerorts geschieht das bereits und greift weiter um sich. Die Sprecherin der niedergelassenen Magen-Darm-Ärzte, Katja Klugewitz, meint: „Da nur die wenigsten Untersuchungen wirklich dringend erfolgen müssen, sollte man von den Patienten und Patientinnen erwarten dürfen, dass sie ihren Anteil zur Sicherheit in der Praxis beitragen. Eine Impfung im Vorfeld erscheint mir durchaus zumutbar.“

Und offenbar sind solche Zutrittsbeschränkungen bereits weiter verbreitet als gedacht: „Keine Behandlung ohne Test?“ fragt tagesschau.de und berichtet über Arztpraxen, in denen 2G und 3G inzwischen gang und gäbe ist. Ob das mit dem hippokratischen Eid bzw. dem Genfer Gelöbnis vereinbar ist??

Sogar im Einzelhandel scheint 2G üblich zu werden. Das Verwaltungsgericht Frankfurt am Main hat jetzt einer Kauffrau Recht gegeben, die gegen die Ungleichbehandlung geklagt hatte, schreibt die WELT. Sie wollte, dass der Einzelhandel mit Hotels, Gaststätten, Clubs und Diskotheken gleichgestellt werden und ebenfalls 2G einführen darf. Das Gericht erlaubte der Händlerin, Kund:innen, die nur getestet sind, den Zutritt zu verwehren. Abstands- und Maskenpflicht im Verkaufsraum sowie Kapazitätsgrenzen können dafür entfallen.

Hohe Wellen geschlagen hat eine Forderung des „Verhaltensökonomen“ Marcus Schreiber in einem Interview mit dem SPIEGEL: „Wenn wir über die positiven Anreize (beim Impfen, d. Red.) nicht weiterkommen, bin ich sehr wohl dafür, massiv zwischen Geimpften und Nichtgeimpften zu diskriminieren. Ungleiches gleichzumachen ist keine Form der Gerechtigkeit. Es gibt einen objektiven Grund, warum Leute unterschiedlich behandelt werden – und sie haben es auch noch selbst in der Hand, gleich zu sein. Ich glaube bloß, dass wir noch viel Potenzial mit positiven Signalen haben. Die Keule sollten wir erst später auspacken.“ Und auf die Frage, wie eine solche Keule aussehen könnte, antwortet Schreiber: „Wenn Sie sagen: Ab dem 1. Dezember gilt eine klare Triage-Regelung in unseren Krankenhäusern: Wenn die Krankenhäuser voll sind, gibt es Vorfahrt für Geimpfte. Das wäre eine Keule, mit der viele Zögerer wohl zu einer Entscheidung gezwungen werden könnten.“ Und die Virologin Melanie Brinkmann, die zweite Interviewpartnerin, assistiert: „Ich glaube, es gibt eine Art Beißhemmung, Regeln auszusprechen. Weil man Angst hat vor einem Sturm der Ungeimpften. Das führt zu unverhältnismäßigen Zuständen.“

Als „ekelhafte Forderung“ bezeichnete Frédéric Schwilden in der WELT Schreibers Vorstoß, kranke Ungeimpfte ihrem Schicksal zu überlassen. Schreiber und Brinkmann sollten „Respekt vor mündigen Entscheidungen haben, so unreflektiert sie ihnen auch erscheinen mögen“, schreibt Schwilden. „Auch Menschen, die glauben, dass ein ehemaliger Zimmermann über Wasser gehen konnte und für sie an einem Kreuz gestorben ist, dürfen wählen. Brinkmann und Schreiber müssen – auch wenn ihnen Menschenwürde und Selbstbestimmung aus virologischer oder verhaltensökonomischer Sicht vielleicht nur als Viren erscheinen – akzeptieren, dass eine Pandemie eine Pandemie ist, und die Menschenwürde eben die Menschenwürde. Wer das nicht akzeptiert, spricht Menschen das Menschsein ab und wandert auf düsteren Spuren in eine ekelhafte Zukunft. Und noch einmal zur Erinnerung: Eine Pandemie ist gefährlich. Die Menschenwürde ist unantastbar."

„Die Diskriminierung von Ungeimpften ist ein Irrweg“, schreibt auch Andreas Rosenfelder in einem Kommentar für die WELT. „Immer schamloser wird gefordert, jenem Rest der Gesellschaft, der sich noch nicht zu einer Impfung gegen Corona entschlossen hat, elementare Rechte wie die medizinische Grundversorgung zu entziehen. Das will man dann aber bitte nicht als Diskriminierung oder gar Erpressung verstanden wissen, sondern lediglich als freundliche Überzeugungskunst.“ Der zweitwichtigste Grund, sich nicht impfen zu lassen, gleich nach den Zweifeln an der Sicherheit der Impfstoffe, sei der Trotz. Zwei Drittel der Impfverweigerer fühlen sich von den Erwartungen des Staates oder der Gesellschaft unter Druck gesetzt und verweigern den Gehorsam. Das ändere sich auch nicht durch kostenpflichtige Tests oder 2G-Regeln: „Der deutsche Sonderweg, die Impfbereitschaft durch Kollektivzwang und 2G-Ausgrenzung zu erhöhen, muss nach diesen neuen Erkenntnissen als gescheitert gelten“, meint Rosenfelder. „Ein Staat, der Missgunst und Zwietracht sät, wird Trotz ernten.“

Das bestätigt auch ein Bericht im SPIEGEL: „Trotz gehört mittlerweile zu den Hauptgründen, sich nicht impfen zu lassen“ und referiert dabei Daten aus dem 8. European Covid Survey von September 2021.

Die um sich greifenden 2G-Regeln lassen allerdings jetzt endlich namhafte Staats- und Verfassungsjuristen den Mund aufmachen. Der Verein „Initiative freie Impfentscheidung e. V.“ (IFI) hat bei dem Freiburger Staatsrechtler Dietrich Murswiek ein Rechtsgutachten (auf der Webseite von IFI sind auch eine Kurzzusammenfassung und ein Fazit des 111 Seiten umfassenden Gutachtens eingestellt) in Auftrag gegeben, das die Freiheitseinschränkungen für Ungeimpfte im Hinblick auf ihre Verfassungsgemäßheit oder -widrigkeit untersuchen sollte. Murswiek kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: „Alle Benachteiligungen Ungeimpfter sind verfassungswidrig.“ Das heißt: Sowohl die 2G- als auch die 3G-Regel UND die Vorenthaltung der Verdienstausfallentschädigung im Falle einer coronabedingten Quarantäne sind mit dem Grundgesetz unvereinbar und verstoßen gegen die Grundrechte der Betroffenen.

Auch die „Ärztinnen und Ärzte für individuelle Impfentscheidung“(ÄFI) unterstützen Klagen gegen die 2G-Regeln bis hin zur Verfassungsbeschwerde, wie aus einem Video des Vorstands deutlich wird. Der Verein hatte bereits die Aktion #2Ggehtgarnicht losgetreten, die mittlerweile über 1.000 Statements zusammengetragen hat.

Das „Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Staates und die Rationalität seiner Entscheidungen“ sei im Laufe der Zeit erschüttert worden, konstatiert auch der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Hans-Jürgen Papier, in einem Gespräch mit der WELT: „Es wurde nicht generell, aber doch teilweise ziemlich irrational, widersprüchlich, kopflos und im Übermaß reagiert. Manche Entscheidungen waren fast absurd oder schlicht nicht durchsetzbar, nehmen Sie nur die unkontrollierbaren Aufenthaltsbeschränkungen in Privatwohnungen. Wenn das Recht aber nur auf dem Papier steht und gar nicht durchsetzbar ist, ist das Gift für einen freiheitlichen Rechtsstaat.“ Die „Erosion unserer Freiheitsrechte“ habe nicht erst mit Corona begonnen, sondern „wurde durch die Pandemie lediglich erheblich beschleunigt“. Es müsse „wieder klarer werden, dass der gute Zweck in einem freiheitlichen Rechtsstaat nicht jedes Mittel heiligt. ‚Not kennt kein Gebot‘, dieser Satz darf nicht Raum greifen.“ Auch das allgemein legitime Ziel, die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen, rechtfertige „nicht jeden Grundrechtseingriff. Nutzen und Schaden müssen stets in einem angemessenen Verhältnis stehen, und die Beweislast für das Vorliegen der Verhältnismäßigkeit trägt der Staat. Schwerwiegende Freiheitsbeschränkungen aus bloßer Vorsorge sollte es künftig nicht mehr geben. Wir müssen uns rechtsstaatlich wappnen – das waren wir diesmal lange Zeit nicht.“  

„Freiheit in Gefahr – warum unsere Freiheitsrechte bedroht sind und wie wir sie schützen können" heißt deshalb ein gerade erschienenes Buch von Hans-Jürgen Papier (Heyne Verlag, 288 Seiten, 22 Euro), in dem er ausführlich Stellung nimmt zu den verschiedenen Fragen, die die Regierungs-Maßnahmen während der Corona-Krise aufgeworfen haben. Papier schildert darin auch seine eigenen Erfahrungen mit der Freiheit, die seinen Lebensweg und vor allem seine berufliche Karriere geprägt haben. Sein Fazit: „Um unsere Freiheit auch gegenüber zukünftigen Herausforderungen abzusichern, bedarf es der permanenten gemeinsamen Anstrengung des Staates, der Gesellschaft und jedes Einzelnen. Gesetzgebung und Politik, aber auch die für die Demokratie schlechthin konstitutiven freien Medien sind hier in erster Linie gefragt, allen autoritären und paternalistischen Bestrebungen eine klare Absage zu erteilen. Verantwortung zu übernehmen bedeutet für die an Entscheidungen Beteiligten, die Karten auf den Tisch zu legen, für Transparenz hinsichtlich bestehender und kommender Problemstellungen zu sorgen und bei Lösungsvorschlägen, die sie unterbreiten, auf Nachhaltigkeit zu setzen. Darüber hinaus gilt es, Anreize für die Bürgerinnen und Bürger zu schaffen, sich ebenfalls wieder mehr in die Sache des Gemeinwesens einzubringen. Der Idee vom Staat als Vollversicherer für alle Lebenslagen muss entschieden entgegengetreten werden."  

Nach der Lektüre wünscht man sich, Papier wäre nicht emeritiert, sondern immer noch an der Spitze dieses Gerichts, das so wichtig ist für die Wahrung unserer Grundrechte und von dem man seit Monaten gerade dazu nichts hört. Und man fragt sich, ob das vielleicht mit einem inzwischen reichlich umstrittenen Treffen der Bundesregierung mit Vertreter:innen des Bundesverfassungsgerichts am 30. Juni 2021 zusammenhängen könnte. Was in normalen Zeiten dem Meinungsaustausch durchaus dienlich sein kann, hatte unter Corona-Bedingungen einen „haut goût“, ein Gschmäckle, wie man in Karlsruhe sagen würde. Denn bei dem gemeinsamen Abendessen hielt Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) einen Vortrag zum Thema „Entscheidung unter Unsicherheiten“, wie die WELT berichtet (einer der Autoren, Tim Röhn, informiert darüber auch bei Twitter), und warb darin „um Verständnis für politische Entscheidungen in Sachen Corona“. Nun sind beim Bundesverfassungsgericht allerdings zahllose Beschwerden gegen das Vierte Bevölkerungsschutzgesetz, die „Bundesnotbremse“, anhängig – laufende Verfahren mithin. Auch Susanne Baer, Richterin des Ersten Senats und Berichterstatterin in zahlreichen Verfahren gegen dieses Gesetz, trug beim Abendessen vor – was genau, das weiß man nicht. Dass die Corona-Politik jedoch überhaupt besprochen wurde, verleiht diesem Treffen schon ein gewisses Etwas. Honi soit qui mal y pense (ein Schelm, der Böses dabei denkt) … Die Rechtsanwälte, die die Freien Wähler in einem dieser Verfahren gegen die Bundesnotbremse vertreten, haben jetzt erstmal Ablehnungsgesuche wegen Befangenheit gegen Stephan Harbarth und Susanne Baer eingereicht, wie Niko Härting auf Twitter berichtet.

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#allesaufdentisch

Neue Informationsoffensive von Künstler:innen

Es war ein perfektes Timing: Wenige Tage nach der Wahl gingen über 50 Videos mit Gesprächen zwischen Künstler:innen und Wissenschaftler:innen online. #allesaufdentisch heißt diese Informationsoffensive von Künstler:innen, gewissermaßen eine Nachfolgeaktion der aufsehenerregenden, ironisch angelegten Aktion #allesdichtmachen. Jeweils ein:e Künstler:in unterhält sich darin mit einer/einem Wissenschaftler:in über ein bestimmtes Thema: Volker Bruch z. B. mit dem Medienwissenschaftler Michael Meyen über Faktenchecker, Nina Proll mit der Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot über Demokratie und Eigenverantwortung, Miriam Stein mit den Arzt Matthias Schrappe über Evidenzbasierte Medizin oder Alexa Rodrian mit dem Kinder- und Jugendarzt Steffen Rabe über die Corona-Schutzimpfung bei Kindern. Es sind Interviews, die deutlich machen sollen, was alles NICHT auf den Tisch gekommen ist in diesen Corona-Zeiten, und die einen „breitgefächerten, faktenbasierten, offenen und sachlichen Diskurs“ und auch eine ebensolche Auseinandersetzung mit den Videos einfordern.

Mit am interessantesten bei der Aktion sind die schwarz gebliebenen Felder auf der Homepage – dort steht, wer abgesagt oder auf die Anfrage für ein Gespräch gar nicht erst geantwortet hat. Und das sind bekannte Persönlichkeiten: u.a. Mai Thi Nguyen-Kim (Wissenschaftsjournalistin), Harald Lesch (Wissenschaftsjournalist, Astrophysiker), Richard David Precht (Philosoph), Alena Buyx (Vorsitzende des Deutschen Ethikrats), Lothar Wieler (Präsident des Robert Koch Institus), Markus Söder (CSU-Vorsitzender, Bayerischer Ministerpräsident), Jens Spahn (Bundesgesundheitsminister), Christian Drosten (Chef-Virologe der Charité und Berater der Kanzlerin), Ugur Sahin (Chef von BioNTech und Mitentwickler des Covid-19-Impfstoffs „Comirnaty“), Sandra Ciesek (Virologin), Karl Lauterbach (SPD-Gesundheitsexperte), Helge Braun (Kanzleramtsminister).

„Es ist Zeit für den Runden Tisch“, heißt die Petition, die die Künstler:innen gleichzeitig ins Leben gerufen haben. Gefordert wird darin ein „regelmäßig stattfindender Runder Tisch für das Corona-Krisenmanagement, an dem Wissenschafter:innen verschiedener Disziplinen mit unterschiedlichen Standpunkten interdisziplinär und evidenzbasiert diskutieren und anschließend die Politik beraten. Wichtig ist, dass in diesem Gremium auch Wissenschaftler:innen gehört werden, die nicht in institutioneller staatlicher Abhängigkeit stehen. Sämtliche Ergebnisse und daraus resultierende Maßnahmen sollen transparent mit allen Bürger:innen kommuniziert werden.“

In einem ausführlichen Interview mit der Berliner Zeitung äußert sich Schauspieler Volker Bruch (bekannt als Gereon Rath aus „Babylon Berlin“), einer der Initiatoren der Aktion, zu seinen Beweggründen: „Wenn ich Missstände sehe und sie nicht benenne, dann stimme ich zu und akzeptiere sie. Das möchte ich nicht. (…) Aktuell zum Beispiel wird massiver Druck auf Ungeimpfte ausgeübt, obwohl die Datenlage sagt, dass eine Impfung nur einen selbst vor einem schweren Verlauf schützt. Eine Herdenimmunität, welche ja als Argument für die Impfung aus Solidarität genommen wird, wird es nicht geben. Also warum lassen wir nicht einfach jeden frei entscheiden, ob er eine Impfung für sich möchte oder nicht. (…) Wir haben als Künstler, als Menschen, die wir sind, Wissenschaftlern Fragen gestellt, die Journalisten aktuell zu wenig stellen.“

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Impfung für unter 12-Jährige?

Jugendliche haben viel gravierende Probleme als Corona

Dass der Impfstoff von BioNTech/Pfizer bereits an unter 12-jährigen Kindern bis hinab zum Alter von sechs Monate alten Säuglingen erprobt wird, ist bereits bekannt. Jetzt hat die Firma ihre Studienergebnisse für den Einsatz bei Kindern zwischen fünf und elf Jahren veröffentlicht. Natürlich hat sich der Impfstoff als „gut verträglich“ erwiesen, heißt es in einer Pressemitteilung von BioNTech/Pfizer. Überprüfbare Fakten sind darin jedoch nicht enthalten. 

In den USA haben BioNTech/Pfizer gerade die Notfallzulassung für die Impfung bei 5- bis 11-Jährigen eingereicht, wie der SPIEGEL berichtet. „Zu Thanksgiving sollte der Impfstoff verfügbar sein“, meint ein Sprecher des Weißen Hauses, wie die Nachrichtenagentur Reuters schreibt. Die Firma kündigte bereits an, in Kürze auch bei der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA die Zulassungsunterlagen einzureichen.

Steffen Rabe, Kinder- und Jugendarzt in München und Sprecher des Vorstands der „Ärztinnen und Ärzte für individuelle Impfentscheidung“ (ÄFI) kommentiert dazu in seinem Blog coronoia.info: „Die behauptete ‚Wirksamkeit‘ wird hier nicht einmal wie in den schon schlechten Zulassungsstudien bei Erwachsenen mit dem Schutz vor Covid-Erkrankungen oder gar schweren Verläufen nachgewiesen, sondern ausschließlich mit der Bildung von Antikörpern gegen das Originalvirus (!). Ob hier tatsächlich ein – für Kinder dieser Altersgruppe unnötiger – Schutz vor schweren Erkrankungen unter der Delta-Variante entsteht, der Impfstoff also klinisch relevant wirksam ist, bleibt völlig offen. Dies wird angesichts der extrem seltenen schweren Erkrankungen bei Kindern mutmaßlich auch kaum nachzuweisen sein. Und wenn das ‚Sicherheitsprofil‘ des Impfstoffs in dieser Altersgruppe, wie in der Pressemitteilung behauptet, dem in ‚in anderen älteren Bevölkerungsgruppen‘ entspricht, ist es für Kinder angesichts ihres minimalen Komplikationsrisikos bei der Erkrankung und des bei älteren Jugendlichen erheblichen Komplikationsrisikos der Impfstoffe völlig inakzeptabel.“ Rabes Fazit: Kinder brauchen keine Covid-Impfstoffe! 

Dies erscheint umso begründeter, als eine Herzmuskelentzündung bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen nach einer Impfung mit mRNA-Impfstoffen weitaus häufiger vorkommt als bisher angenommen, wie das arznei-telegramm berichtet. Die neuen Daten waren wenige Wochen nach der STIKO-Empfehlung der Impfung für Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren bekanntgeworden. Die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA hatte eigene Analysen von Krankenversicherungsdaten bei Jugendlichen ab 16 Jahre vorgenommen. Dabei wurde das Risiko der am stärksten gefährdeten Gruppe, den 16 und 17 Jahre alten Jungen, auf 200 zusätzliche Erkrankungen pro 1 Millionen Geimpfter geschätzt. Das entspricht einem Risiko von 1:5.000. Es liegt damit deutlich höher als die bisher kommunizierten Zahlen von 1:15.000 nach der zweiten Dosis, wie auch ein Bericht im Ärzteblatt darlegt.  

Dänemark und Schweden haben deshalb seit Anfang Oktober die Impfungen mit dem Moderna-Impfstoff bei den nach 1991 Geborenen ausgesetzt, wie Reuters berichtet. Inzwischen hat auch Finnland nachgezogen.

Damit nicht genug: Wer sich mit dem Vektor-Impfstoff von Johnson & Johnson hat impfen lassen, bei dem eine einmalige Injektion genügte, wiegt sich womöglich in falscher Sicherheit. Der Impfschutz sei „ungenügend“ befand die STIKO und verweist auf zahllose Impfdurchbrüche nach diesem Impfstoff, wie tagesschau.de meldet. Man solle sich ab vier Wochen nach der Impfung mit einem mRNA-Impfstoff nachimpfen lassen …

Kein Wunder, dass STIKO-Chef Thomas Mertens angesichts solcher Meldungen die Impfempfehlung für unter 12-Jährige skeptisch sieht. Kein Kind unter 17 sei bisher an Covid-19 gestorben, sagt er im Deutschen Ärzteblatt. Die Krankheitslast sei schon bei den 12- bis 17-Jährigen so gering gewesen, dass die Entscheidung zur Impfung bei der Nutzen-Schaden-Abwägung schwierig gewesen sei: „Bei den Jüngeren wird das noch schwieriger sein.“ Mertens erwartet zugleich erneut eine „Welle politischen Drucks. Druck ist in dem Zusammenhang aber schlecht. Ganz besonders auch, weil die Kinder herhalten sollen, um die Impfmüdigkeit der 18- bis 59-Jährigen auszugleichen. Das ist absurd.“

Bei Säuglingen und Kleinkindern gibt es derzeit ein ganz anderes Problem: Da gibt es in den Krankenhäusern eine regelrechte Notlage – allerdings nicht aufgrund von Corona-Erkrankungen, sondern aufgrund des Pflegemangels und rapide gestiegener Atemwegsinfektionen anderer Ursachen, wie der Tagesspiegel meldet: „Wir steuern auf eine Katastrophe zu!“ Wegen Überlastung der Berliner Kliniken werden Kinder bereits nach Brandenburg verlegt: „Derzeit müssen für den Herbstbeginn ungewöhnlich viele Kinder in Krankenhäusern behandelt werden. Ursache der Überlastung ist der akute Pflegemangel.“ Covid-19 spielt bei den Kindern so gut wie keine Rolle.

„Ungewöhnlich viele Kinder haben Atemwegsinfekte“, meldet auch der SPIEGEL. Erkältungen, die eigentlich erst im Winter dran sind, brechen schon jetzt aus und verlaufen teilweise schwerer als sonst, vor allem bei den Sechsjährigen. Aufgrund der Kita-Schließungen und anderer Coronamaßnahmen im vergangenen Winter und Frühjahr seien die Kinder nicht in Kontakt mit bestimmten Erregern gekommen. Diese Infekte würden jetzt nachgeholt. Vor alem das Respiratorische Synzytial-Virus, abgekürzt RSV, macht den Kindern zu schaffen. „Da wir das RS-Virus im vergangenen Winter nur bei ganz wenigen Kindern gesehen haben, gibt es wahrscheinlich eine ganze Geburtskohorte, die keinerlei Erstimmunität entwickelt hat“, zitiert der SPIEGEL die Epidemiologin Berit Lange vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Die Kinder überstehen den Infekt meist gut, Säuglinge und Kleinkinder, vor allem Jungen, müssen jedoch auch manchmal in der Klinik behandelt werden.

Da ist es nur folgerichtig, dass der Berufsverband der Kinderärzte (BVKJ) jetzt eine Aufhebung der Maskenpflicht an Schulen fordert. Das Saarland sowie Bayern und Berlin haben das bereits getan (in Berlin gilt das nur für die Klassen 1-6). Der Sprecher des BVKJ, Jakob Maske, begrüßte diese Entscheidung in einem Interview mit dem Deutschlandfunk ausdrücklich. Kinder würden „großen Schaden erleiden“, weil sie nicht mehr völlig angstfrei und ohne Maske sein dürfen. „Diese Zeit muss nun vorbei sein.“ Zwar würden durch den Wegfall der Maske Viren nun schneller verbreitet. Wenn jedoch die Lehrer und Eltern geimpft seien, seien die Kinder gut geschützt und die Erwachsenen ebenso: „Wir sind wenig besorgt, weil Kinder sehr selten schwer erkranken oder gar extrem schwer. Corona ist für diese Altersgruppe relativ harmlos. (…) Wir quälen Kinder mit Maske, wir quälen sie mit Testen. Das ist die einzige Gruppe, die sich das gefallen lassen muss, weil sie sich nicht selber wehren kann.“ Corona sei für Kinder ein harmloser Infekt, man müsse jetzt zur Normalität zurückkommen. Dies umso mehr, als viele Erwachsene ohne Maske Partys feiern dürfen und sich nicht mehrfach in der Woche testen müssen wie die Kinder.

Das rief sofort die Virologin Melanie Brinkmann auf den Plan, die in einem Interview mit der Rheinischen Post sagte: „Bei der hohen Anzahl an Nicht-Geimpften, und hierzu zählen die Kinder, halte ich diese Entscheidung für verfrüht – und ehrlich gesagt auch für ziemlich dumm.“ Was den Chef des BVKJ, Thomas Fischbach, zu einer Entgegnung veranlasste: „Ich wundere mich über den Stil von Frau Brinkmann. Uns Kinder- und Jugendärzte und den Präsidenten der Bundesärztekammer für ‚dumm‘ zu erklären, ist empörend.“ Brinkmann sehe nur ihre Viren und nicht die Menschen dahinter.

Ein anderes, sehr viel gravierenderes Thema steht bei den Jugendlichen deutlich mehr im Vordergrund als Corona: „Suizidale Krisen, wie aus dem Nichts“, wie in einem Interview mit dem Kinder- und Jugendpsychiater Olive Dierssen im SPIEGEL deutlich wird. Den Jugendlichen fehle „der hoffnungsvolle Blick in die Zukunft“. Depressionen und Suizidgedanken hätten massiv zugenommen: „Eine depressive oder auch suizidale Entwicklung vollzieht sich vor allem in einem Mangel – einem Mangel an Hoffnung, Freude, Lebendigkeit, Antrieb. Es fehlt oft eine Zukunftsperspektive. (…) Wir leben in einer Zeit, in der für eine ganze Weile gar keine greifbare Zukunft angeboten wurde. Niemand wusste, wie lang die Pandemie dauert und ob unser Leben hinterher wirklich noch mal so sein wird wie vorher. All das spielt sich außerdem noch vor dem Hintergrund der Klimakrise ab, die viele Jugendliche verstört und ihnen den Nährboden nimmt, sich in eine Zukunft hineinzudenken, auf die es sich zu freuen lohnt.“ Begonnen habe das schon im Herbst 2020 und halte seither an: „Eine solche fundamentale Erfahrung von Hilflosigkeit, Ausgeliefertsein und Isolation lässt sich nicht ungeschehen machen. (…) Das sind lebensprägende Erfahrungen.“ Er sehe weiterhin eine ungewöhnlich hohe Zahl an jungen Patienten, die mit schweren depressiven und suizidalen Symptomen zu kämpfen haben. Zurzeit wachse eine Generation heran, „die früh die prägende Erfahrung macht, dass die eigenen Interessen von den Älteren überhaupt nicht berücksichtigt werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das noch lange gut geht. Das ist ein undemokratischer Prozess, dem wir gerade beiwohnen: dass eine Generation der Älteren und Ältesten Entscheidungen trifft, von denen sie später gar nicht mehr betroffen sein wird. Und die Jüngeren müssen tatenlos und zum Teil ohne Stimmrecht zusehen und diese Entscheidungen einfach annehmen. Solche Erfahrungen können das Demokratieverständnis einer ganzen Generation erschüttern.“

Auch der Virologe Klaus Stöhr forderte in einem Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung „das Ende aller Corona-Maßnahmen und einen sofortigen Freedom Day für Kinder“. Masken und Tests sollten verschwinden, Geimpfte Erwachsene nicht mehr in Quarantäne müssen. Bei den Tests werde „einfach nur sinnlos Geld verbrannt, das für wirklich wichtige Dinge viel dringender benötigt wird“.

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Auffrischen oder nicht?

Das Chaos ist perfekt

In den USA wurde den über 65-Jährigen bereits eine Corona-Auffrischimpfung mit dem BioNTech/Pfizer-Impfstoff empfohlen, ob das auch für den Moderna-Impfstoff gilt, ist noch unklar. Jetzt hat die Europäische Arzneimittelbehörde EMA nachgezogen und eine Auffrischimpfung „für Menschen mit stark beeinträchtigtem Immunsystem“ mit beiden Impfstoffen (BioNTech und Moderna) empfohlen. Die Studien hätten gezeigt, so meint die Behörde, dass eine zusätzliche Impfstoff-Dosis bei Menschen nach einer Organtransplantation dazu geführt habe, dass mehr Antikörper gegen SARS-CoV-2 gebildet wurden. Auch bei normalem Immunsystem könne bei über 18-Jährigen eine Auffrischimpfung ab sechs Monate nach der zweiten Dosis erwogen werden. Die Sicherheitsdaten zu den Booster-Impfungen seien jedoch „noch begrenzt“ und das „Risiko von entzündlichen Herzerkrankungen oder anderen sehr seltenen Nebenwirkungen nach einer Auffrischimpfung nicht bekannt“, wie die WELT berichtet. Mit dieser Empfehlung hat die EMA ihre Befugnisse deutlich überschritten. Eigentlich darf sie Arzneimittel lediglich zulassen und überwachen, nicht aber Empfehlungen aussprechen, wie es aus der Tätigkeitsbeschreibung der Europäischen Union hervorgeht. 

In Deutschland hatte die Gesundheitsministerkonferenz bereits Anfang September beschlossen, eine dritte Impfung sechs Monate nach der zweiten Dosis zu empfehlen. Die STIKO zog kurz darauf nach, schränkte die Empfehlung aber auf Personen mit geschwächtem Immunsystem bzw. seit 7. Oktober 2021 auch auf Menschen über 70 Jahre ein, wie aus ihrer Pressemitteilung hervorgeht.

Die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA hatte die dritte Impfung nur älteren Menschen und Risikogruppen empfohlen, nicht jedoch allgemein, wie die Ärzte-Zeitung berichtet. US-Präsident Biden hatte den Booster für alle gefordert, bei denen die Impfung länger als acht Monate zurückliegt. „Die bisherige Studienlage zeigt keine Notwendigkeit, in Bevölkerungsgruppen mit wirksamer, vollständiger Impfung Booster auf breiter Front zu verabreichen“, konterten Forscher im Fachblatt „The Lancet“.

Und damit das Impfchaos perfekt wird, musste das RKI jetzt auch noch die Angaben zur Wirksamkeit der Impfstoffe korrigieren. Bei den über 60-Jährigen senke die Impfung das Risiko von schweren Verläufen nicht mehr – wie früher angegeben – um 95 Prozent, sondern nur noch um 89 Prozent, bei den tödlichen Verläufen ging es von 93 auf 88 Prozent zurück, wie der SPIEGEL berichtet.

Es ist auch noch längst nicht erwiesen, dass eine dritte Dosis völlig unbedenklich ist, kann doch schon die erste oder zweite Dosis erhebliche Probleme nach sich ziehen. Aufsehen erregte der Fall der Berliner Opernsängerin Bettina Ranch, die nach der Impfung Lähmungserscheinungen erlitt und seither nicht mehr auftreten kann, wie die Berliner Zeitung berichtet. Ob sie vollständig genesen wird und ihren Beruf weiterhin ausüben kann, ist unklar. Ranch plädiert für einen offenen Umgang mit den Nebenwirkungen der Impfungen, vor allem, weil der Neurologe, bei dem sie zuerst in Behandlung war, sich geweigert habe, den Verdacht auf eine Impfnebenwirkung zu melden, wie die Berliner Zeitung in einem zweiten Bericht schreibt: „Er habe ihr gesagt: ‚Wenn ich das alles melden sollte, könnte ich die Praxis zumachen. Dafür habe ich keine Zeit.‘ Sie solle sich selber beim Gesundheitsamt darum kümmern.“

„Als ärztliche Mitarbeiterin eines Gesundheitsamtes wundert mich die Schilderung von Frau Ranch nicht“, schreibt Antje Greve, ärztliche Mitarbeiterin des Gesundheitsamtes Karlsruhe zum Fall der Sängerin in einer Zuschrift an die Berliner Zeitung. Es bestehe keine Kontrolle darüber, ob eine Impfkomplikation gemeldet werde oder nicht. „Ich gehe von einer erheblichen Untererfassung von Impfkomplikationen, inklusive Todesfolge, nach Impfung aus. Bei deutlich sinkenden Todeszahlen durch Covid nähern sich die Todesraten von Covid-Toten und Impftoten weiter an, und es wäre fatal, wenn eines Tages Gleichstand oder ein Überhang von Impftoten herrschte, ohne dass diese Tatsache anhand der Untererfassung überhaupt bemerkt würde.“ 

In den überregionalen Medien schlugen sich diese Erkenntnisse bisher nicht nieder, schon gar nicht im öffentlich-rechtlichen deutschen Fernsehen. „Ich kann nicht mehr“, gestand der ARD-Mitarbeiter Ole Skambraks, Redakteur bei SWR2, jetzt in einem ausführlichen Offenen Brief, der beim Internet-Magazin Multipolar veröffentlicht wurde: Ich kann nicht mehr schweigen. Ich kann nicht mehr wortlos hinnehmen, was seit nunmehr anderthalb Jahren bei meinem Arbeitgeber, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk passiert. In den Statuten und Medienstaatsverträgen sind Dinge wie ‚Ausgewogenheit‘, ‚gesellschaftlicher Zusammenhalt‘ und ‚Diversität‘ in der Berichterstattung verankert. Praktiziert wird das genaue Gegenteil. Einen wahrhaftigen Diskurs und Austausch, in dem sich alle Teile der Gesellschaft wiederfinden, gibt es nicht. (…) Anstelle eines offenen Meinungsaustausches wurde ein ‚wissenschaftlicher Konsens‘ proklamiert, den es zu verteidigen gilt. Wer diesen anzweifelt und eine multidimensionale Perspektive auf die Pandemie einfordert, erntet Empörung und Häme. (…) Lange Zeit konnte ich mit Stolz und Freude sagen, dass ich beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk arbeite. Viele herausragende Recherchen, Formate und Inhalte kommen von ARD, ZDF und dem Deutschlandradio. Die Qualitätsstandards sind extrem hoch und tausende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter leisten auch unter erhöhtem Kostendruck und Sparvorgaben hervorragende Arbeit. Doch bei Corona ist etwas schiefgelaufen. Plötzlich nehme ich einen Tunnelblick und Scheuklappen wahr und einen vermeintlichen Konsens, der nicht mehr hinterfragt wird. (…)

So gut wie alle Bereiche unseres Lebens befinden sich in einer Transformation. Wie diese verläuft, liegt maßgeblich an unserer Fähigkeit der Kooperation, des Mitgefühls und des Bewusstseins von uns selbst und unseren Worten und Taten. Für unsere geistige Gesundheit täten wir gut daran, den Debattenraum zu öffnen – in Achtsamkeit, Respekt und Verständnis für unterschiedliche Perspektiven. (…) Diese Zeilen schreibend komme ich mir vor wie ein Ketzer; jemand, der Hochverrat begeht und mit Strafe rechnen muss. Vielleicht ist es gar nicht so. Vielleicht riskiere ich hiermit gar nicht meinen Job, und Meinungsfreiheit und Pluralismus sind nicht gefährdet. Ich wünsche es mir sehr und freue mich über einen konstruktiven Austausch mit Kolleginnen und Kollegen.“

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Zum Sehen, Hören, Lesen

Kultur für Herz, Geist und Sinne

Die Tage werden kürzer, die Nächte länger – Zeit für gemütliche Abend am Ofen oder Kamin! Hier sind wieder unsere Tipps für interessante Filmbeiträge, spannende Gespräche und anregende Lektüre.

 

Zum Sehen

ÜBER DAS GLÜCKLICHWERDEN
Irvin Yalom, der große Psychoanalytiker, Psychiater, Psychotherapeut und Schriftsteller hat schon 2014 dem Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) ein ausführliches Interview gegeben über die Angst vor dem Tod und das Glücklichsein. Es ist ein Gespräch, das auch sieben Jahre später noch ebenso bewegend wie gültig ist. "Yaloms Anleitung zum Glücklichsein" gibt es auch als DVD

GRUNDELEMENT DES LEBENS
Einen grandiosen Film über eine unserer wichtigsten Vitalfunktionen hat Sandra Klösges für das ZDF und arte gedreht: das Atmen. Es begleitet uns von der Geburt zum Tod, es ist der erste Atemzug, der uns zum Leben auf der Erde befähigt, und mit dem letzten hauchen wir eben dieses physische Leben aus. Gerade in Zeiten von Corona hat das Atmen noch einmal einen ganz neuen Stellenwert erfahren. Und beim Betrachten dieses Films wird es so manchen Aha-Moment geben – wetten, dass Sie das, was so selbstverständlich ist, das Ein- und Ausatmen, noch nie so gesehen haben? Der Film ist noch bis zum 16. Dezember 2021 in der arte-Mediathek abrufbar.

ORGANISCHE ARCHITEKTUR LIVE
Wer schon mal in Dornach auf dem Hügel war, wo das Goetheanum steht, wird sich über die vielen seltsamen Gebäude gewundert haben, von Lästermäulern gerne als „Schlumpfhäuser“ verspottet. Und doch üben gerade diese Bauwerke mit ihren eigenartigen Formen eine unwiderstehliche Anziehungskraft und Neugierde aus. Wer in Dornach vor Ort ist, kann den „Architekturpfad“ selbst erlaufen oder im Rahmen einer Führung erkunden. Einen Vorgeschmack darauf gibt ein kleiner Film, der auf YouTube eingestellt ist.

TEACHERS FOR LIFE – LERNEN AUS VERBUNDENHEIT
So lautet der Titel eines Films von Kathrin Höckel und Julian Wildgruber, der außergewöhnliche Lehrkräfte bei der Arbeit zeigt: Richard Dunne aus England, der mit seinen Schüler:innen in die Berge geht, um sie lebensprägende Erfahrungen machen zu lassen; Helle Jensen aus Dänemark, Co-Autorin von Jesper Juhl; Lisa Viehoff aus Berlin; und Philippe Bretaud, der in Frankreich die Nachwuchselite des Fußballs trainiert (für die Spezis: Kylian Mbappé und Marcus Thuram sind bei ihm in die Lehre gegangen). Es ist ein Film, der ermutigt, eigene Wege zu gehen im Unterricht von jungen Menschen und sich nicht zu scheuen, sich selbst und die eigene Persönlichkeit dabei ganz mit einzubringen. Es ist ein Film über das Lehren und Lernen aus Leidenschaft, den beileibe nicht nur für Lehrer:innen, sondern für Eltern, für Großeltern – für uns alle.

Teachers for Life. Zu beziehen als Stream für 4,50 Euro oder zum Kaufen für 10,50 Euro bei Vimeo, als Stream bei Amazon, iTunes oder Microsoft sowie als Lizenz zur Vorführung in Schulen, Seminaren oder im öffentlichen Raum.

EIN NEUES WALDERLEBNIS
Seit Anfang Oktober in den Kinos bringt uns ein Film über den „Wilden Wald“ den Nationalpark Bayerischer Wald auf ganz eigene Art nahe. Was war dieser Nationalpark zu Beginn umkämpft, was mussten die Initiatoren aushalten an Schmähungen aus der Bevölkerung, vor allem, als ein Orkan die Bäume knickte wie Streichhölzer … Entgegen allen Anfeindungen ist es gelungen, der Natur ihren Lauf zu lassen und eben nicht einzugreifen, wo es so nahe lag, all das Knickholz abzufahren und den Wald von Menschenhand einzuhegen. Dass es richtig war, genau das nicht zu tun, sondern die Natur Natur sein zu lassen, das bringt dieser Film auf wunderbare Art nahe und zeigt: Wir brauchen mehr wilde Wälder. Wir brauchen noch viel, viel mehr davon.

SPANNEND WIE EIN KRIMI
Gerade haben die Enthüllungen von Frances Haugen vor dem US-Senat über die Machenschaften von Facebook Furore gemacht, jetzt lässt sich das alles live und in Farbe bei YouTube nachverfolgen – dreieinhalb Stunden lang. Es sind Vorwürfe, die es in sich haben, wie eine Zusammenfassung der Neuen Zürcher Zeitung zeigt. Wer jetzt noch bei Facebook ist, ist selber schuld …

In diesem Zusammenhang sei noch auf eine Dokumentation von Netflix hingewiesen: Das Dilemma mit den sozialen Medien. Darin schlagen sogar die Erfinder selbst Alarm …

 

Zum Hören

HINTER DEN KULISSEN DER WHO
Das Feature ist zwar schon drei Jahre alt, aber sicher immer noch von hohem Informationswert: Das Dilemma der WHO beim Deutschlandfunk Kultur. Es wirft die Frage auf: Wie unabhängig ist die Weltgesundheitsorganisation? Höchst aufschlussreich!

PLÄDOYER FÜR EINE FREIE IMPFENTSCHEIDUNG
Ein Podcast der Wochenschrift „Das Goetheanum“ hat ein Gespräch mit dem Kinder- und Jugendarzt Georg Soldner geführt, in dem dieser ein bewegendes Plädoyer hält für die freie Impfentscheidung – ganz besonders bei Kindern, aber ebenso bei Erwachsenen. „Wir gehen auf eine Impfpflicht zu, die sich nicht mal ehrlich zu erkennen gibt und damit auch gerichtlich überprüfbar wäre. Eine freie Impfentscheidung ist heute nicht mehr gegeben.“ Hörenswert!

MENSCHENRECHTE UND AUFKLÄRUNG
Im Jahr 2017 sollte der Göttinger Staatsrechtler Werner Heun einen Vortrag halten über „Menschenrechte und Aufklärung“. Das war ihm krankheitsbedingt – er starb im September 2017 – schon nicht mehr möglich, weshalb sein Kollege Hans Erich Bödecker für ihn sein Manuskript vortrug. Es ist, auch vier Jahre später, aktueller denn je. Gut, dass es bei YouTube eingestellt ist.

 

Zum Lesen

BEDEUTSAME VIELFALT
Sie bevölkern millionenfach unseren Verdauungstrakt, und ihre Vielfalt ist ausschlaggebend für unsere Gesundheit und auch ein schlagkräftiges Abwehrsystem: Mikroorganismen wie Bakterien und Viren. Jetzt hat Chirurg und Thomas Hardtmuth, der sich schon seit vielen Jahren intensiv mit der Welt der Mikroorganismen auseinandersetzt sein Wissen in ein Buch gepackt. Leider wenig lesefreundlich gesetzt (breit über die ganze Seite, in sehr engem Zeilenabstand und vergleichsweise kleiner Schrift, ohne optische Elemente) bringt es uns die vielfältigen Einflüsse nahe, die diese noch weitgehend unerforschte Innenwelt für uns mit sich bringt. Und es zeigt einmal mehr, dass die ganz überwiegende Mehrheit der Viren und Bakterien nicht unserer Feinde sind, sondern unsere Freunde. Und dass sie uns nur dann zur Bedrohung werden, wenn wir sie selbst oder äußere Einflüsse sie aus dem Gleichgewicht bringen.
Thomas Hardtmuth: Mikrobiom und Mensch. Die Bedeutung der Mikroorganismen und Viren in Medizin, Evolution und Ökologie. Wege zu einer systemischen Perspektive. Salumed Verlag, 236 Seiten, 38 Euro

ÜBER DIE VERGÄNGLICHKEIT
Der Herbst ist ja immer auch die Zeit, in der uns die fallenden Blätter an die eigene Vergänglichkeit erinnern. Zeit für ein Buch, in dem eine Tochter über die letzten vier Wochen mit ihrer Mutter erzählt, die sich entschieden hat, selbstbestimmt aus dem Leben zu gehen. Es ist ein Buch über das Abschiednehmen und den Neubeginn und ein Buch über die Suche nach den eigenen Gründen und Abgründen. „Ich schreibe, weil ich nicht aufhören kann, mich an dich zu erinnern“, sagt die Autorin über ihr Werk. Gibt es eine schönere Liebeserklärung an eine Mutter?
Ariela Sarbacher: Der Sommer im Garten meiner Mutter. Bilger Verlag, 160 Seiten, 22 Euro

ERINNERUNGEN AN DIE FÜNFZIGER JAHRE
Sie sind die Wiege des Wohlstands unserer Zeit, und sie haben nicht nur eine Generation geprägt: die 1950er Jahre. Carmen Korn hat daraus eine Familiensaga gewoben, wie sie charakteristischer nicht sein könnte. Sie verwebt damit Schicksale an drei Orten: Köln, Hamburg und San Remo. Sie bringt die Verlogenheit und Spießigkeit dieser Zeit ebenso nahe wie die Aufbruchstimmung, die Lebensfreude und Unbändigkeit. Band 1 ist bereits erschienen, Band 2 noch in Vorbereitung.
Carmen Corn: Und die Welt war jung. Kindler Verlag, 636 Seiten, 22 Euro

IN 80 TAGEN UM DIE WELT
Die „Vendée Globe“ ist sicher die größte Herausforderung, der sich ein:e Segler:in stellen kann. Sie wird alle vier Jahre ausgetragen und führt über den Atlantik um das Kap der guten Hoffnung herum an Südafrika vorbei durch den Pazifik und über das gefürchtete Kap Hoorn an der Südspitze Südamerikas an der Ostküste Brasiliens entlang wieder zum Ausgangspunkt zurück – einmal rund um die Welt, nonstop. Am 8. November 2020 startete die Vendée Globe mit 33 Yachten in Les Sables-d’Olonne an der französischen Westküste, nicht alle kamen dort wieder an. Hierzulande fieberten viele Menschen mit Boris Herrmann, der mit der „Seaexplorer“ als erster Deutscher an dieser waghalsigen Regatta teilnahm. Jetzt hat er zusammen mit dem Journalisten Andreas Wolfers, selbst ein begeisterter Segler, seine Erlebnisse in einem Buch zusammengefasst. Wenn man es einmal angefangen hat, legt man es kaum noch aus der Hand – so spannend ist es. Und klar – Boris Herrmann bereitet schon die nächste Vendée Globe vor. Vorher aber noch einiges andere …
Boris Herrmann mit Andreas Wolfers: Allein zwischen Himmel und Meer. Meine 80 Tage beim härtesten Segelrennen der Welt. 320 Seiten, 24 Euro

NACHDENKLICHES
Es gibt viele Ansätze, um sich den Rätseln und Fragen zu nähern, die die Corona-Krise mit sich gebracht hat. Jetzt hat der Verlag am Goetheanum elf Vorträge verschriftlicht, die im Herbst 2020 in Dornach gehalten wurden. Sie beschäftigen sich mit den wesentlichen Charakteristika dieser Zeit, die von einem Virus ebenso geprägt wurde wie von den mehr oder weniger nachvollziehbaren Reaktionen, die es in unserer Gesellschaft hervorgerufen hat. Elf nachdenkliche Essays über wichtige Fragen unserer Zeit.
Ueli Hurter, Justus Wittich (Hrsg.): Coronazeit. Zur geistigen Signatur der Gegenwart. Verlag am Goetheanum, 288 Seiten, 15 Euro

DER KLEINE UNTERSCHIED …
… und seine großen Folgen – so hieß ein Buch von Alice Schwarzer, das 1975 für Furore gesorgt hat und bis heute kaum etwas von seiner Gültigkeit verloren hat. Während Alice Schwarzer vor allem die gesellschaftlichen Aspekte im Blick hat, widmet sich das Buch, um das es hier gehen soll, den medizinischen Unterschieden zwischen Mann und Frau. Und sie sind eben oft sehr viel größer und bedeutsamer, als man das landläufig vermuten würde. „Gender-Medizin“ ist ein noch vernachlässigtes, kleines Fach an unseren Universitäten und hat doch so große Folgen, vor allem in der alltäglichen medizinischen Praxis. Gut, dass dieses Buch Licht bringt ins Dunkel der immer noch männerdominierten Lehre. Denn dieses Buch kann Leben verlängern. Frauenleben. Und deshalb sollte es Pflichtlektüre sein für alle Medizinstudierenden und die schon approbierten Ärzt:innen sowieso.
Annegret und Rolf Hofmann: Frauenmedizin. Männermedizin. Der kleine Unterschied ist größer als gedacht. Revolutionäres Wissen, warum Frauen und Männer gesundheitlich unterschiedlich ticken. Goldegg Verlag, 206 Seiten, 17 Euro

KOCHEN, ESSEN, LEBEN
Für viele Menschen war das das Motto in den dunklen Monaten des Lockdowns und der Ausgangsbeschränkungen. Viele haben in dieser Zeit das Kochen neu für sich entdeckt. Ihnen wird ein Buch aus dem Herzen sprechen, das die britische Autorin und Fernsehköchin Nigella Lawson gerade herausgebracht hat. Es beinhaltet nicht nur Rezepte, sondern auch Geschichten rund ums Essen und die eigenen Erfahrungen. Sie gibt Einblick in ihre ganz persönlichen Kocherlebnisse, vor allem aber in die unbändige Lebensfreude, die gutes Essen mit sich bringt. Und man muss überhaupt kein:e Meisterköch:in sein, um all die leckeren Dinge nachkochen zu können, die Nigella Lawson da vor uns ausbreitet. Guten Appetit!
Nigella Lawson: Kochen, essen, leben. Küchengeschichten und Kochgeheimnisse. Mit über 100 Rezepten. Dorling Kindersley Verlag, 352 Seiten, 26,95 Euro

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