Über Vertrauen, Absicherung – und eine Medizin, die sich selbst verheddert hat
Januar 2026: Zu viele Patientinnen und Patienten, zu viele Arztbesuche, zu wenig Steuerung – so lautet derzeit der Befund. Doch vielleicht ist nicht die Nachfrage außer Kontrolle geraten, sondern das Vertrauen. Wer jahrelang auf Absicherung, Kontrolle und Intervention setzt, sollte sich nicht wundern, wenn Menschen genau das erwarten. Müssen Patientinnen und Patienten wirklich gesteuert werden – oder braucht das Gesundheitssystem vor allem den Mut, sich selbst zu hinterfragen?
Immer wieder taucht sie auf, die Forderung nach „Patientensteuerung“. Fast ritualhaft wird sie vorgetragen, meist von ärztlichen Verbänden, oft mit dem gleichen Befund: zu viele Arztkontakte, zu viele Konsultationen wegen geringfügiger Beschwerden, zu wenig Zielgenauigkeit. Das Gesundheitssystem sei überlastet, die Nachfrage aus dem Ruder gelaufen. Patientinnen und Patienten, so der Subtext, müssten besser gelenkt werden – zu ihrem eigenen Schutz und zum Schutz des Systems.
Doch aus Sicht eines Patienten- und Bürgerverbands lohnt es sich genauer hinzusehen - denn diese Erzählung ist erstaunlich einseitig. Sie stellt die Nachfrage als naturgegebenes Problem dar und blendet aus, wie sie überhaupt entstanden ist.
Über Jahrzehnte hinweg hat sich die medizinische Versorgung in eine Richtung entwickelt, die Sicherheit vor allem durch Intervention verspricht. Symptome werden früh abgeklärt, Verläufe engmaschig kontrolliert, Unsicherheiten diagnostisch aufgelöst. Niedrige Zugangsschwellen gelten als Qualitätsmerkmal, häufige Kontakte als Ausdruck guter Versorgung. Patientinnen und Patienten haben gelernt: Bei Unklarheit lieber wiederkommen, bei kleinen Beschwerden lieber abklären, bei Abweichungen vom Normalen lieber handeln.
Diese Erwartung ist nicht vom Himmel gefallen. Sie ist Ergebnis eines Systems, das selbst unter zunehmendem Druck steht: Ärztliches Handeln bewegt sich heute in einem dichten Geflecht aus Haftungsfragen, Regressängsten, Dokumentationspflichten und Leitlinien, die nicht nur medizinisch, sondern auch juristisch gelesen werden. Was zum Schutz der Patientinnen und Patienten gedacht war, hat die Medizin zunehmend in einen Modus der Selbstabsicherung gedrängt.
In diesem Modus wird nicht mehr primär gefragt, was im konkreten Fall angemessen ist, sondern was rechtlich unangreifbar erscheint. Abwarten wird riskant, Nicht-Intervenieren erklärungsbedürftig. Lieber eine Untersuchung zu viel als eine zu wenig, lieber eine Kontrolle mehr als ein offenes Ende. Defensive Medizin ist keine Ausnahme mehr, sondern vielerorts Alltag.
Für Patientinnen und Patienten hat das spürbare Folgen. Zusätzliche Diagnostik schafft nicht immer Klarheit, sondern oft neue Verunsicherung. Kontrolltermine verstärken das Gefühl, krank zu sein oder es jederzeit werden zu können. Ein System, das sich aus Angst vor Fehlern absichert, produziert immer neue Behandlungsanlässe und wundert sich anschließend über die eigene Überlastung.
In der Folge richtet sich dann der Blick auf diejenigen, die das System nutzen: auf die Patientinnen und Patienten. Sie kommen zu oft, heißt es. Zu früh. Zu unsortiert. Also müssen sie gesteuert werden.
Was in dieser Logik verloren geht, ist eine Ressource, die für jede funktionierende Medizin zentral ist: Vertrauen. Vertrauen darauf, dass nicht jede Unsicherheit sofort technisch aufgelöst werden muss. Vertrauen darauf, dass Abwarten eine legitime ärztliche Option sein kann. Vertrauen darauf, dass Patientinnen und Patienten mit Risiken und Ungewissheit umgehen können – wenn man sie ernst nimmt und einbezieht.
Doch Vertrauen ist in einem verrechtlichten System schwer zu halten. Wo Dokumentation wichtiger wird als Gespräch, verliert Beziehung an Gewicht. Wo Leitlinien vor allem als juristische Schutzschilde dienen, wird gemeinsames Abwägen riskant. Patientinnen und Patienten spüren das. Und reagieren, wie Menschen in unsicheren Systemen reagieren: mit Rückfragen, erneuten Vorstellungen, dem Wunsch nach zusätzlicher Absicherung.
So entsteht ein Kreislauf, der sich selbst verstärkt. Weniger Vertrauen führt zu mehr Kontrolle. Mehr Kontrolle erzeugt mehr Nachfrage. Und am Ende steht der Ruf nach Steuerung – als technokratischer Ersatz für das, was verloren gegangen ist.
Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob Patientinnen und Patienten besser gesteuert werden müssen. Die eigentliche Frage ist, ob ein Gesundheitssystem, das Misstrauen institutionalisiert hat, überhaupt noch Maßhalten ermöglichen kann. Denn wer Menschen über Jahre daran gewöhnt hat, jede Unsicherheit medizinisch abzusichern, sollte sich nicht wundern, wenn sie genau das weiterhin einfordern.
Eine nachhaltige Entlastung des Systems wird nicht durch neue Hürden entstehen, sondern durch eine kulturelle Kurskorrektur: durch rechtliche Rahmenbedingungen, die ärztliches Abwarten wieder legitimieren; durch Vergütungssysteme, die Zeit, Gespräch und Zurückhaltung nicht bestrafen; durch eine Stärkung von Gesundheitskompetenz statt Misstrauen. Und durch den Mut, offen auszusprechen, dass Medizin nicht jedes Risiko eliminieren kann – und auch nicht muss.
Vielleicht geht es also weniger um Patientensteuerung.
Vielleicht geht es darum, ein Gesundheitssystem wieder vertrauensfähig zu machen.
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